n5Cßtir d Jahrgang 1957 Montag, -en 15. November Nummer 89 Gesellschaft erhob, um den Salon zu verlassen, g< coup, der in Saumur widerhallte, von da im Ki ,®as iab es einen Theater- ireis und in den vier ihr im ist. be- ,^)err Pfarrer", sagte Eugenie mit einer edlen Kaltblütigkeit, die der Gedanke gab, den sie aussprechen wollte, „wäre das eine Sünde, Stand der Jungfräulichkeit während der Ehe zu bleiben?" „Das ist eine Gewissensfrage, deren Lösung mir unbekannt Wenn Sie wissen wollen, was in seinem Abriß De Matrimonio der rühmte Sanchez darüber denkt, kann ich es Ihnen morgen sagen." „Das war ein schöner .Schlemm'", sagte der Notar. Jeder gab seine Bemerkung zum besten, machte seinen Witz, alle sahen sie die Erbin hoch auf ihren Millionen thronen wie auf einem Piedestal. Das Drama, das vor neun Jahren begonnen hatte, ging der Lösung entgegen. Im Angesicht von ganz Saumur den Präsidenten zum Bleiben auffordern, hieß das nicht verkünden, daß sie ihn zu ihrem Gatten machen wollte? In den kleinen Städten werden die herrschenden Gebräuche so streng befolgt, daß dort ein Bruch dieser Art das feier« lichste Versprechen ausmacht. „Herr Präsident", sagte Eugenie mit bewegter Stimme, als sie allein waren, „ich weiß, was Ihnen an mir gefällt. Schwären Sie mir, mir mein Leben lang meine Freiheit zu lassen, feine der Rechte von mir zu fordern, das die Ehe Ihnen über mich gibt, und meine Hand gehört Ihnen. Ich", fuhr sie fort, als fie sah, daß er auf die Knie fiel, „ich habe noch nicht alles gesagt. Ich will Sie nicht täuschen. Ich trage in meinem Herzen ein unauslöschliches Gefühl. Freundschaft wird das einzige Gefühl sein, daß ich für meinen Mann hegen könnte: ich will ihn nicht kränken, aber auch den Gesetzen meines Herzens nicht zu- umliegenden Distrikten. „Bleiben Sie noch, Herr Präsident", sagte Eugenie zu Herrn de Bonsons, als sie sah, daß er seinen Stock nahm. Bei diesem Wort gab es niemanden im ganzen Saal, der sich nicht bewegt fühlte. Der Präsident erbleichte und mußte sich setzen. „Dem Präsidenten die Millionen", sagte unterwegs Fräulein de Gribeaucourt. ROMAN von Honore de Balzac Schluß. „Wohlan, gnädiges Fräulein, wenn wir uns mit diesem Mädchen beschäftigen, beschäftigen wir uns mit Ihnen. Hören Sie zu. Wenn Sie Ihr Seelenheil erlangen wollen, können Sie nur zwei Wege beschreiten, entweder die Welt verlassen oder ihre Gesetze befolgen; entweder müssen Sie Ihrer irdischen Bestimmung oder Ihrer himmlischen Bestimmung gehorchen." „Ach, Ihre Stimme spricht zu mir im Moment, da ich eine Stimme hören wollte. Ja, Gott schickt Sie her, Herr Pfarrer. Ich will ' der Welt Valet sagen und für Gott allein im Schweifen und in der Zurückgezogenheit leben." _ „Es ist notwendig, meine Tochter, reiflich einen so gewaltsamen Schritt zu überlegen. Die Ehe ist ein Leben, der Schleier ist ein Tod." „Ja, den Tod! den schnellen Tod! Herr Pfarrer", sagte sie mit erschreckender Lebhaftigkeit. „Den Tod? Aber Sie haben große Verpflichtungen gegen die Gesellschaft zu erfüllen, Fräulein. Sind Sie denn nicht die Mutter der Armen, denen Sie Kleidung, Holz im Winter und Arbeit im Sommer geben? Ihr großes Vermögen ist ein Darlehen, das Sie zurückgeben müssen, und Sie haben es in heiliger Weise auch so angenommen. Sich in ein Kloster vergraben, das würde Egoismus (ein; und als Mädchen ult. werden, das dürfen Sie nicht. Erstens, könnten Sie Ihr ungeheures Vermögen allein verwalten? Sie würden es vielleicht verlieren. Sie würden sich tausend Prozesse zuziehen und in unentwirrbare Schwierigkeiten verstrickt werden. Glauben Sie Ihrem Seelsorger: ein Gatte ist ' Ihnen nützlich. Sie sollen das bewahren, was Ihnen Gott gegeben hat. , 3ch spreche zu Ihnen als zu einem geliebten Pfarrkind. Sie lieben Gott »u aufrichtig, um nicht Ihr Seelenheil auch inmitten der Welt zu er« I engen, deren schönster Schmuck Sie sind und der Sie heilige Beispiele leben." In diesem Augenblick ließ sich Frau des Grassins melden. Sie wurde hergeführt von der Rache und einer großen Verzweiflung. „Fräulein ...", sagte sie. — „Ach, da ist der Herr Pfarrer. Ich bin •HI, ich wollte von Geschäften mit Ihnen reden, und ich sehe, daß Sie in wichtigen Unterhandlungen sind." „Gnädige Frau", sagte der Pfarrer, „ich räume Ihnen das Feld." „Ach, Herr Pfarrer", sagte Eugenie, „kommen Sie doch in ein paar Dlinuten wieder. Ihr Beistand ist mir in diesem Moment sehr nötig." „Ach ja, mein armes Kind", sagte Frau des Grassins. „Was meinen Sie?" fragten Fräulein Gründet und der Pfarrer. „Weiß ich denn nicht von der Rückkehr Ihres Vetters und seiner ideirat mit Fräulein d'Aubrion? ... Eine Frau trägt doch nicht ihren verstand in der Tasche." Eugenie wurde rot und verstummte; aber bann beschloß sie, in 3U’ '»inft die kaltblütige Haltung zur Schau zu tragen, die ihr Vater an- unehmen gewußt hatte. ,, „Run, gnädige Frau", antwortete sie ironisch, „ich trage zweifellos ; neinen Verstand in der Tasche, denn ich verstehe nichts. Sprechen Sie, brechen Sie vor dem Herrn Pfarrer, Sie wissen ja, daß es mein Beicht- iMter ist." „Run gut, Fräulein, hier des Grassins' Schreiben. Lesen Sie." Eugenie las den folgenden Brief: „Meine liebe Frau, Charles Grandet ist aus Indien zuruck, er ist Ht einem Monat in Paris ..." t „ „ „ , . e — Einen Monat! dachte Eugenie und ließ die Hand sinken. Rach einer *au[e las sie weiter: . .. , ... ,,. „Ich mußte zweimal antichambrieren, ehe ich mit diesem zukünftigen "fafen d'Aubrion sprechen konnte. Obgleich ganz Pans von seiner leirai spricht und das Aufgebot veröffentlicht ist ..." , Er schreibt mir also im Augenblick, wo ...? sagte Eugenre zu sich Ibst. Sie vollendete den Satz nicht, sie rief nicht wie eine Pariserin, isr Elende! Aber auch unausgesprochen war ihre Verachtung Nicht j eniger gründlich ' . • ist diese Heirat noch weit im Felde; der Marquis d'Aubnon »irb seine Tochter nicht dem Sohn eines Bankrotteurs S/ben. Ich kam iu ihm, um ihm von der Mühe zu berichten, die sein Onkel und ichi uns M den Geschäften seines Vaters gegeben haben, und von den geschickten Maßnahmen, durch die wir die Gläubiger bis jetzt beruhigen tonnten. Hai doch dieser kleine Frechdachs die Stirn, mir zu antworten, mir, der ich mich fünf Jahre lang in seinem Interesse und für seine Ehre Tag und Nacht aufgeopfert habe, daß die Geschäfte seines Vaters nicht seine Geschäfte wären. Ein Anwalt hätte das Recht, ihm dreißig- bis vierzigtausend Franken Honorar abzufordern, entsprechend einem Prozent von der Summe der Schulden. Aber Geduld, er schuldet nach Recht und Gesetz den Gläubigern zwölfhunderttausend Franken, und ich werde seinen Vater bankrott erklären lassen. Ich habe mich auf dieses Geschäft eingelassen und auf das Wort dieses alten Krokodils von Grandet hin, und ich habe Versprechungen im Namen der Familie gemacht. Wenn der Graf d'Aubrivn sich wenig um seine Ehre kümmert, so interessiert mich die meine sehr stark. Daher werde ich meine Lage den Gläubigern aus« einandersetzen. Jedoch habe ich zuviel Hochachtung vor Fräulein Eugenie, mit der wir uns in glücklicheren Zeiten zu verbinden hofften, als daß ich vorgehen möchte, ohne daß Du mit ihr Über diese Angelegenheit gesprochen hast ..." Hier gab Eugenie den Brief kalt zurück, ohne ihn zu Ende zu lesen. „Ich danke Ihnen", sagte sie zu Frau des Grassins; „das wird sich finden." „In diesem Augenblick haben Sie ganz die Stimme Ihres verstorbenen Vaters", sagte Frau des Grassins. „Madame, Sie haben uns achttausend Franken Gold auszuzahlen", sagte Nanon zu ihr. „Richtig, tun Sie mir den Gefallen, mit mir zu kommen, Frau Cornoiller." „Das ist klar, der Präsident von Bonsons heiratet Fräulein Grandet", schrie Frau d'Orsonval. war der höchste Stich des Spiels", sagte der Abbe. 'ich! beJ Whe'tJ * *tin oottlos n . c,u helft I \ Simmet ,te Nge ünb (agte: M in m SBraii SH' Assere fa Hin." 1« unter imi t hebe be en fei, all >m des,ji t Wer wil b trug (|| Dteijch >en zu fc nügen. (fi nichts, lerefta lq fie habe n ür morgen Urteils, m nächst« ach einuil -ohn eines tne. Dlirii dienst! hi! hi lein ibern üb« ade aiitiej, Wie gen! Um lein chon saO res wollet gleich. A setzte ihren re an R bt mir 1» daß er i' [jen haben isen Es!»' und 6® furcht!® u mit i» eftalt IW Fr weil ['mir I* in. Äh,! rt genug msf* ;(!: ,Ä den W , Sd)u(nt‘ erefia Der Pfarrer ging. Fräulein Grandet stieg in das Kabinett ihres Vaters hinauf und verbrachte da den Tag allein, wollte auch nicht zur Effensstunde herabkommen, trotz den inständigen Bitten von Nanon. Sie erschien am Abend zur Zeit, da die Stammgäste ihres Kreises ankamen. Niemals war der Salon der Grandets so voll gewesen wie an diesem Abend. Die Neuigkeit von der Rückkehr und dem törichten Verrat von Charles war in der ganzen Stadt ausgesprengt worden. Aber wie scharf auch die Neugierde der Besucher auf der Lauer lag, sie wurde nicht befriedigt. Eugenie, die sich darauf gefaßt gemacht hatte, ließ in ihrem ruhigen' Gesicht keine der inneren Qualen durchblicken, die sie erregten. Sie konnte ein lachendes Gesicht zur Schau tragen, wenn sie denen antwortete, die ihr durch betrübte Blicke oder Worte Teilnahme bezeugen wollten. Mit einem Wort, sie verstand es, ihr Unglück mit den Schleiern eines höflichen Tons zu bedecken. Gegen neun Uhr waren die Spiele zu Ende, und die Spieler verließen ihre Tische, zahlten sich aus und besprachen die letzten Stiche im Whist, während sie sich dem Kreis der Plaudernden anschlossen. Im Augenblick, als sich die ganze gen W S"£; 5» Ht ft* r E E hi, jtrriS Siebener Samilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zeit. Nachdem die Quittung ausgestellt war Bemühungen mit einer Gabe von fünfzig» Ton, „fast zusammen, siebzehn." Charles sah den Präsidenten mit verblüffter Miene an. „Wir verkündigen uns gegenseitig unsre Heiraten", sagte er zu ihm. „Ach, Sie heiraten Eugenie? Schön, ich freue mich darüber. Sie ist ein gutes Mädchen. Aber", versetzte er, plötzlich von einem erleuchteten Gedanken durchzuckt, „ist sie denn reich?" „Sie halte", antwortete der Präsident in schalkhaftem neunzehn Millionen vor vier Tagen; aber heute hat sie nur noch „Siebzehn .. Mil ..." „Siebzehn Millionen, jawohl, Herr Grandet. Wir können Fräulein Grandet und ich, wenn wir uns heiraten, siebenhundertfünfzig- widerhandeln. Wer Sie können meine Hand und mein Vermögen nur um den Preis eines ungeheuren Dienstes erwerben." „Sie werden mich zu allem bereit finden", sagte der Präsident. „Hier find sünszehnhunderttausend Franken Herr Präsident , Me sie und zog aus ihrem Busen einen Depositenschein über hundert Aktien der Bank von Frankreich heraus. „Reifen Sie nach Paris, nicht morgen, nicht beut' nacht, sondern in diesem Augenblick. Begeben Sie sich zu Herrn des Grassins; erfahren Sie von ihm die Namen aller Gläubiger meines Onkels, versammeln Sie sie, bezahlen Sie alles, was seine Crv- folqe schuldig (ein mag, Kapital und fünf Prozent Zinsen vom Tag der Schuld bis zu dem der Zurückzahlung; endlich wollen Sie so gut sein, darüber eine gemeinsame notariell beglaubigte Quittung in aller Form ausstellen zu lassen. Sie sind Richter, ich verlasse mich gur aus Sie in dieser Angelegenheit. Sie sind ein Mann ohne Falsch, em Ehrenmann, ich schiffe mich ein, im Vertrauen auf Ihr Wort, um die Klippen des Lebens unter dem Schutz Ihres Namens zu umfahren. Wir wollen jeder gegen den andern wechselweise Nachsicht üben. Wir kennen uns seit so langer Zeit, wir sind beinah wie Verwandte, Sie werden mich nicht unglücklich machen wollen." Der Präsident siel der reichen Erbin zu Fußen und zitterte vor Der Präsident übergab ihm zunächst folgenden Brief: „Lieber Vetter, Herr Präsident von Bonfons hat es übernommen, Ihnen die Quittung über alle von meinem Qnkel geschuldeten Beträge zu übergeben mit der, durch die ich anerkenne, sie von Ihnen empfangen zu haben. Man hat mir von Bankrott gesprochen! Ich habe gedacht, daß der Sohn eines Bankrotteurs vielleicht nicht Fräulein d'Aubrion heiraten könnte. Jawohl, Netter, Sie haben meinen Verstand und meine Art und Weise richtig beurteilt: ich weih zweifellos nichts von der Welt, kenne ihre Berechnungen und Gebräuche nicht und könnte Ihnen da nicht zu Vergnügungen verhelfen, die Sie in ihr finden wollen. Seien Sie glücklich, gemäß den gesellschaftlichen Voraussetzungen, denen Sie unsre junge Liebe aufopfern. Um Ihr Glück zu vervollständigen, kann ich Ihnen wohl nicht mehr zum Gefchenk bieten, als die Ehre Ihres Vaters. Leben Sie wohl, Sie werden immer eine treue Freundin haben in Ihrer Kusine. Eugenie." Der Präsident lächelte über den Ausruf, den dieser ehrgeizige Mensch im Moment, als er die authentische Urkunde empfing, nicht unterdrücken konnte. taufend Franken Rente verzehren." „Mein lieber Vetter", sagte Charles und sand ein wenig Sicherheit wieder, „dann können wir ja einander förderlich sein." „Einverstanden", sagte der Präsident. „Hier ist noch ein kleiner Kasten, den ich auch nur Ihnen übergeben soll", fügte er hinzu und stellte das Kästchen, in dem sich das Necessaire besand, auf einen Tifch. „Hören Sie, lieber Freund", sagte die Frau Marquise d'Aubrion und kam herein, ohne Cruchot zu beachten, „machen Sie sich keine Sorge über das, was Ihnen soeben dieser gute d'Aubrion sagte, dem die Herzogin von Chaulieu den Kopf verdreht hat. Ich wiederhole es Ihnen, nichts wird Ihre Ehe verhindern ..." „Nichts, gnädige Frau", antwortete Charles, „die drei Millionen, die mein Vater vormals schuldig gewesen ist, sind gestern bezahlt worden." „Bar bezahlt?" sagte sie. „Samt und sonders, Zinsen und Kapital; ich will das Andenken meines Vaters rehabilitieren." „Was für eine Dummheit!" rief die Schwiegermutter aus. — „Wer ist dieser Herr", flüsterte sie ihrem Schwiegersohn ins Ohr, als sie den Cruchot bemerkte Freude und Angst. ,,3d) werde Ihr Sklave sein", sagte er. „Wenn Sie die Quittung haben", fuhr sie fort und warf einen falten Blick auf ihn, „bringen Sie sie mit allen Schuldscheinen meinem Vetter Grandet und übergeben Sie ihm diesen Bries. Bei Ihrer Rückkehr werde ich mein Wort halten." ~ ... . m v . Der Präsident verstand sehr wohl, daß er Fräulein Grandet einem Liebeskummer verdankte; um so mehr beeilte er sich, seine Aufträge mit der größten Schnelligkeit auszuführen, damit es nicht etwa zu einer Versöhnung zwischen den beiden Liebenden käme. .... Als Herr von Bonfons gegangen war, ließ Eugenie sich m ihren Sessel fallen und brach in Tränen aus. Alles war vollendet. Der Präsident nahm di« Post und war am nächsten Abend in Paris. Am Morgen des folgenden Tages ging er zu des Grassins. Der Richter rief die Gläubiger im Büro des Notars zusammen, bei dem die Wechsel hinterlegt waren, und nicht einer versäumte, dem Ruf dorthin zu folgen. Obwohl es Gläubiger waren, muß man ihnen Gerechtigkeit widerfahren lasten: sie waren pünktlich. Dort bezahlte der Präsident von Bonfons im Namen von Fräulein Gründet ihnen Kapital und Zinsen der Schuld. Die Bezahlung der Zinsen war für die Pariser Handelswelt eines der erstaunlichsten Ereignisse der Zeit. Nachdem die Quittung ausgestellt war und des Grassins für seine Bemühungen mit einer Gabe von sünszig- tausend Franken, die Eugenie für ihn ausgesetzt hatte, bezahlt worden war, begab sich der Präsident zum Palais d'Aubrion, wo er Charles antrat als er gerade in feine Gemächer zurückkam, von [einem Schmie- geroater aus allen Himmeln gestürzt. Der alte Marquis hatte ihm soeben erklärt, daß seine Tochter ihm nicht eher gehören würde, als bis er mit allen Gläubigem von Guillaume Grandet abgeschlossen hätte. „Mein Sachverwalter", antwortete er ihr leise . . Die Marquise grüßte den Präsidenten von Bonfons herablassend und ging hinaus. , „Wir fördern uns schon", sagte der Präsident und nahm [einen Hut. 2ü)ißU Jjctter.* Er macht sich über mich lustig, dieser Kakadu von Saumur. Ich hätte Lust, ihm [echs Zoll Esten in den Leib zu rennen." Der Präsident war ab gereift. Drei Tage (pater veröffentlichte Herr von Bonfons feine Heirat mit Eugenie. Nach sechs Monatm wurde er zum Landesgerichtspräsidenten in Angers ernannt. Ehe sie Saumur verließ, hatte Eugenie das Gold der Schmuckfachen, die solange ihrem Herzen teuer gewesen waren, eirstchmelzen lassen und stiftete es, ebenso wie die achttausend Franken von ihrem Vetter für eine gotbene TOon. stranz, die sie der Pfarrkirche schenkte, in der sie (o oft zu Gott für ihn gebetet hatte. Sie teilte übrigens ihre Zeit zwischen Angers und Saumur. Ihr Mann, der bei einer politischen Gelegenheit (einen Diensteiftr bewiesen hatte, wurde Senatspräsident am Qbergericht und schließlich nach Ablauf einiger Jahre Chespräsident des Qbergerichts. Er wartete ungeduldig auf die allgemeine Neuwahl, um einen Sitz in der Deputierten» tammer zu erhalten. Ihn gelüftete schon nach der Pairschast und dann... Und dann wird der König [ein Vetter?" tagte Nanon, die lange Nanvn, Frau Cornoiller, Bürgerin von Saumur, der ihr« Herrin die hohen Würden, zu denen sie berufen waren, verkündete. Jedoch es gelang dem Herrn Präsidenten von Bonsons (er hatte endlich (einen Vatersnamen Cruchot abgestohen) nicht, (eine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen. Er starb acht Tage, nachdem er zum Abgeordneten von (saurnur gewählt worden war. Gott, der alles sieht und nie zu Unrecht [traft, bestrafte ihn zweifellos für feine Berechnungen und für die juristische Geschicklichkeit, mit der er, afturante Cruchot, (einen Heiratskontrakt ausgesetzt hatte, nach welchem sich die beiden Ehegatten, im Falle sie keine Kinder hätten, gegenseitig die Gefamcheit ihrer mobilen und immobilen Güter schenken, ohne irgend etwas davon auszunehmen oder (ich vorzubehallen, als volles Eigentum, wobei sie sogar von der Formalität einer Bestandaufnahme Abstand nehmen, ohne daß gegen die besagte Unterlassung der Bestandaufnahme von ihren Erben und Rechtsnachfolgern Einspruch erhoben werden könne, unter der Voraussetzung, daß die besagte Schenkung ... usw. Diese Klausel kann die ungemeine Rücksichtnahme erklären, die der Präsident beständig für den Willen und die Einsamkeit von Frau von Bonsons an den Tag legte. Die Frauen führten den Präsidenten als Muster eines zartsuhlenden Mannes an, bedauerten ihn und gingen oft so weit, den Kummer und die Leidenschaft Eugeniens anzuklagen, aber so, wie sie es verstehen, eine Frau anzuklagen, in der Form der — allergrausamsten — Schonung. „Die Frau Präsidentin von Bonfons muß wohl sehr leidend fein, um" ihren Mann allein zu lassen. Arme, kleine Frau. Wird sie denn nicht bald wieder gesund? Was hat sie nur, ein Magenleiden? einen Krebs? Warum sucht sie keine Aerzte auf? Sie wird feit einiger Zeit fo gelb; sie müßte berühmte Pariser Aerzte konsultieren. Wie kann sie nur sich kein Kind wünschen? Sie liebt ihren Mann sehr, sagt man: warum ihm dann keinen Erden schenken, bei seiner Stellung. Das ist doch aber schrecklich! und wenn das von einer Laune herkäme, so wäre es sehr verdammungswürdig ... der arme Präsident!" Mit dem seinen Takt begabt, den der Einsame durch das beständige Nachgrübeln in sich ausbildet und vermöge des scharfen Micks, mit dem er die Dinge aufsaßt, die in seinen Gesichtskreis fallen, wußte Eugenie, die durch das Unglück und ihre ganze Erziehung gewöhnt war, alles zu erraten, daß der Präsident ihren Tod wünschte, um im alleinigen Besitz dieses ungeheuren Vermögens zu fein, das noch durch die Erb- fchast seines Qnkels, des Notars, und feines Qnkels, des Abbes vergrößert worden war, die es Gott gefallen hatte, abzuberufen. Die arme Einsiedlerin bemitleidete den Präsidenten. Die Vorsehung rächte sie für die Berechnungen und die gemeine Gleichgültigkeit eines Gatten, der als die stärkste aller Garantien die hoffnungslose Leidenschaft respektierte, von der sich Eugenie nährte. Einern Kind das Leben schenken, hieß ja die Hoffnungen der Selbsstucht, die Freuden des Ehrgeizes töten, von denen der Präsident träumte. Gott aber warf Masten von Gold seiner Gefangenen hin, der das Gold gleichgültig war und die nur nach dem Himmel verlangte, die fromm und gut in heiligen Gedanken lebte und den Unglücklichen unaufhörlich im geheimen half. Frau von Bonsons wurde Witwe mit dreiunddreißig Jahren, reich an achthunderttausend Franken Rente, noch schön, aber wie eine Frau nahe den vierzig schon ist. Ihr Gesicht ist bleich, gefaßt und ruhig. Ihre Rede ist freundlich und gesammelt, ihr Benehmen einfach. Sie besitzt den ganzen Adel des Schmerzes, die Heiligkeit eines Menschen, der feine Seele nicht in der Berührung mit der Welt befleckt hat, aber auch die Schroffheit des alten Mädchens, und die kleinlichen Gewohnheiten, die die enge Lebensweise in der Provinz mit sich bringt. Trotz ihren achthunderttausend Franken Rente lebt sie, wie die arme Eugenie Gründet gelebt hat, macht in ihrem Zimmer nur an den Tagen Feuer, an denen früher ihr Vater erlaubt hatte, bas Feuer im Saal anzuzünden, und löschte es gemäß dem Programm, das in ihren jungen Jahren in Kraft war. Sie m immer gekleidet wie ihre Mutter es war. Das Haus in Saurnur, das Haus ohne Sonne, ohne Wärme, das ohne Unterlaß beschattete uns schwermütige Haus, ist das Abbild ihres Lebens. Sie häuft sorgfältig ihre Einkünfte an und würde vielleicht knauserig erscheinen, wenn sie nicht die Verleumdung durch einen edlen Gebrauch ihres Vermögens widerlegte. Fromme und barmherzige Gründungen, ein Altersheim uno christliche Kinderschulen, eine reich ausgestattete öffentliche Bibliotyei legen alljährlich Zeugnis ab gegen den Geiz, den ihr manche Leute vor- roerfen. Die Kirchen von Saumur verdanken ihr einige Verschonerunge Frau von Bonfons, die man zum Scherz „Fräulein" nennt, floßt *> ' gemein eine fromme Scheu ein. Dieses edle Herz, das nur für o zartesten Empfindungen schlug, sollte nach den Berechnungen des memm lichen Eigennutzes beurteilt werden. Das Geld sollte seine falten uarD. auf dies heiligmäßige Leben werfen und Mißtrauen statt Liebe e I Frau ernten, die ganz Liebe war. „niemand als du hat inich sieb", sagte sie zu Nanon. Die Hand dieser Frau heilt die geheimen Wunden aller Familien. Eugenie geht in den Himmel ein, von einem Geleitzug von Wohltaten begleitet. Die Gröhe chrer Seele besiegte die Kleinlichkeit ihrer Er- ziehung und die Gebrauch« chrer Jugend. Das ist die Geschichte einer Frau, die mitten in dieser Welt nicht von dieser Welt ist; die dazu geschossen, eine herrliche Gattin und Mutter zu sein, weder Gatten, noch Kinder, noch Familie besitzt. Seit einigen Tagen ist von einer neuen Heirat für sie die Rede. Die Leute von Saumur beschäftigen sich mit ihr und dem Herrn Marquis von Frvidsond, dessen Familie anfängt, die reiche Witwe zu umstellen, wie es ehemals die Cruchots gemacht hatten. Nanon und Cornoiller, sagt man, sind von der Partei des Marquis; aber nichts ist unrichtiger. Weder die lange Nanon noch Cornoiller haben Geist genug, um die Verderbcheit der Welt zu verstehen. Oie Tänzerin. Von Hans Thyriot. Nur in unsern Träumen ist es uns gegeben, Willenlos, in fliehenden Sekunden, So wie sie, von Schwere ganz entbunden, Selig über uns hinauszuschweben. Wie dem Sohn der Maja scheinen ihr verliehen An den zarten Fersen schmale Schwingen; Wie ein Gott dem Vogel gab, zu singen. So unendlich blühen Melodien Unter ihren Füßen auf im leichten Schreiten, Unter ihren Händen, im Vorübergleiten, Unter ihrem Herzen wunderbar ... Da wir noch verzaubert jedem ihrer Schritte Lauschen, kehrt sie lächelnd heim zur goldnen Mitte, Die im Ansang war. Oie Tochter des Regiments. Von Rudyard Kipling. Jane Harding heiratete einen Sergeanten, Eines Sergeanten Frau war sie. Sie heiratete ihn in Engelland Und fuhr dann über die See. Chor: ,Habt chr nie gehört von Jan« Harding, Jane Harding, Jane Harding? Habt ihr nie gehört von Jane Harding, Dem Stolz der Kompanie?" Wies Kasernenlied. „Einer, der den .Cirkasian Circle' »ich kennt, sollte da nich für eintreten und jedermann böse machen." So sprach Fräulein McKenna, und •her Sergeant, der mir gegenüber saß, sah auch so aus. Ich hatte Angst t>or Fräulein McKenna. Sie maß sechs Fuß, war sommersprossig und hatte weißseidene Schuhe an, ein rosa Musselinkleid mit apfelgrüner .Zeugschärpe, schwarzseidene Handschuhe und gelbe Rosen im Haar. Darum floh ich vor Fräulein McKenna und suchte meinen Freund, den Gemeinen Mulvaney aus, der an den Schenktisch gelehnt stand. „Na, Sie haben mit die kleine Jhansi McKenna getanzt? Die nu bald Korporal Slane heiratet? Wenn Sie sich mal wieder mit Ihre seinen Damens und Herrns unterhalten, dann erzählen Sie man, daß Sie mit die kleine Jhansi getanzt haben. Da können Sie stolz auf sein." Aber ich war gar nicht stolz, ganz im Gegenteil. Mulvaneys Augen sahen so aus, als wüßte er eine Geschichte, und dann wußte ich^auch, daß er bei längerem Verweilen am Schanktisch wieder reif zum »vtraf- exerzieren würde. Nun ist es nicht gerade angenehm, wenn man seinen geschätzten Freund vor dem Nachtlokal strafexerzieren sieht, besonders wenn man gerade mit einem seiner Offiziere vorbeigeht. „Kommen Sie mit auf den Exerzierplatz, Mulvaney, da rst es kühler, und dann erzählen Sie mir von Fräulein McKenna; was sie ist, wer sie ist, und warum sie Jhansi heißt." „Sie wolln doch nich sagen, daß Sie noch memalen was von die Tochter von die alte Pummeloe gehört haben? Und denn glauben &e mach. Sie wissen was? Ich komm gleich mit, bloß erst mir ne Pfeife mnstecken!" , m , , ., _. Wir gingen hinaus unter den Sternenhimmel. Mulvaney setzte sich >°uf einen Protzkasten und fing auf die gewohnte Werse an zu. erzählen: di« Pfeife zwischen den Zähnen, die großen Hande gefaltet Mischen den Knien, die Mütze weit in den Nacken geschoben:, „Als meine Frau noch Fräulein Shad hieß, da warn Sie n ganzen Teil jünger als nu, un die Armee war in wesentliche Punkte anders. Heutzutage haben die Kerls keine Lust zus Heiraten, und da kommt es won, daß in die Armee so wenig richtige, gute, anständige, forsche, »rüstige Weiber sind, die ein gutes Herz und em festen schrill haben, -wie da früher waren, als ich noch Korporal war. Spater wurde ich Sann degradiert, aber das macht nix, ich bm doch mal Korpo.al gewesen -In damalige Zeiten, da lebte un starb .der Mann b-'- Regrmenft mn wenn er denn ’n Mann war, denn heiratete er auch. Als rch noch Korporal war — du liebe Zeit, wie oft rs seitdem das Reg ment ge Istorben und wieder geboren! — da war der alt«-McKenna nnetfter uni) oerheiratet nxir er auch. Un feine . rfirmtnn -w°r, er ha. drei gehabt - war Bridget JÄ -wo ich auch her bin. Ich hab vergessen, nne sie fwch«r geheihen Y^, -aber in der Z-Kompanie nannten wir chr die.alte PummÄ , von Wegen ihre Figur, die sehr gut,bei Schick war. Wie 9 J immerlos Tie Frau nun — Gott geb sie die ewige Ruhe. . <^,ur Kinder; und als das fünfte oder sechst« sich zur Stelle meldete, da schwur McKenna, sie sollten setzt bloß Nummern kriegen. Aber die alte Pummeloe bat ihm, er sollte sie nach die Garnisons, wo sie aus die Welt kamen, taufen. Un da gab es denn Colaba McKenna, un Mutbra McKenna, un ne ganze Präsendentschaft von noch ander« McKennas, und die klein« Jhansi, di« da drüben tanzt. Wenn da nich grab ein Kind geborn wurde, denn starb da eins; wenn heutzutage unsre Kinder sterben wie Schafe, denn starben sie damals wie die Fliegen. Ich hab auch meine kleine Shad verloren — na ja. Das is all lange her, un ’n anders kriegte meine Frau nich. Aber ich komm ganz von die Geschichte ab. Einmal in ein verteufelt heißen Sommer kam Befehl von irgendso'n verrückten Dummkops, seinen Namen hab ich vergeßen, das Regiment sollte weiter landeinwärts rücken. Vielleicht wollten sie mal probieren, wie die neue Eisenbahn Truppen befördert. Sie habens erfahren, warraftig, sie haben erfahren vor ihren Tode. Die alte Pummeloe hatte grade Muttra McKenna begraben, bloß die kleine Jhansi, vier Jahre war sie alt, war noch übrig geblieben. Fünf Kinder in vierzehn Monaten verloren, das war nich leicht, was? Na, wir fuhren aljo in die Bruthitze nach unsre neue Garnison — verdammt (ein soll der Kerl, der den Befehl gegeben hat! Die Fahrt vergeß ich mein Lebtag nich! Zwei kurze Züge hatten wir gekriegt, un wir warn mindestens achthundertundsiebzig Mann. Im zweiten Zug war die A-, B=, C= und v-Kompanie, mit zwölf grauens, natürlicy keine Offiziersdamens, und dreizehn Kinders. Wir muhten sechshundert Meilen fahren, und die Eisenbahn war damals noch neu. Die Leute waren ganz toll, hatten nix als n’ Hemd an, tränten allens was sie bloß kriegen konnten, und aßen faules Obst, wenn sie was hatten, wir — ich war damals ja Korporal — konnten da nix gegen machen, und als wir so eine Nacht in ’n Zug eingesperrt gewesen warn, da, als es hell wurde, da brach die Cholera aus. Bitten Sie alle Heiligen, daß Sie nie Cholera bei ’n Truppentransport erleben brauchen! Das is, als ob Gottes Gericht aus ’n hellen Himmel herunterkommt! Wir machten, daß wir in ein Ruhelager kamen, das konnte beinahe Ludianny sein, bloß daß es nich so gut eingerichtet war. Der Kommandierend« telegraphiert nach die nächst« Station, dreihundert Meilen landeinwärts um Hilfe. Die brauchten wir, warraftig, denn allens, was nich b ab leib en muhte, machte, dah es wegkam, als der Zug hielt; un als das Telegramm aufgesetzt war, war in der ganzen Station kein einziger Neger mehr, bloh der Telegraphist, un der auch bloß, weil wir chn an fein schwarzes Genick auf'm Stuhl festhielten. Der Tag fing an mit den Lärm in die Wagen und das Getöse von all die Leute auf’n Bahnsteig, die mit Waffen un alles um fielen, als sie beim Appell standen, eh sie ins Lazarett gehen durften. Ich kann nich sagen, was das für ’ne Art Cholera war. Vielleicht hätte der Doktor das sagen können, wenn er nicht tot aus ein Wagen aus ’n Bahnsteig gefallen wär, als er die Toten rausholen wollte. Er starb grab fo gut wie die andern. Welche waren schon in der Nacht gestorben. Wir holten sieben raus, dabei wurden zwanzig andre krank. Die Weibsleute drängten sich zusammen und schrien vor Angst. Da sagt der Kommandierende, weiß nich mehr, wie er hieß: .Bringt die Frauens nach da drüben hin, nach die Baumgruppe. Schafft sie aus n’ Lager. Das ist kein Platz für ihnen! Die alte Pummeloe saß auf ihren Bettsack und versucht, die kleine Jhansi ruhig zu kriegen. .Geh nach die Baumgruppe’, sagt der Offizier. .Geht di« Männers aus ’n Wege! .Verdammt will ich sein, wenn ich bas tun!' sagt die alte Pummeloe, und die kleine Jhansi, bei ihre Mutter hingehockt, kreischt auch: ,33er- dämmt will ich fein, wenn ich das tu!' Da dreht sich die alte Pummeloe nach die andern Frauens um un sagt: .Wollt ihr die Jungs sterben lassen, während ihr euch das gemütlich macht, ihr Weibsleute?' sagt sie. .Die brauchen Wasser, nu kommt man zu 'n Helsen.’ Un damit krempelt sie ihre Aermel auf un geht nach den Brunnen hinter den Lager un die kleine Jhansi trabt hmternach mit n' Lotah un ’n Strick, un die andern Frauens folgen wie die Lämmer, mit Eimern un Kochtöpfe. Ms all die Gefäße voll waren, marschiert die alte Pummeloe zurück ins Lager, das ausfah roien Schlachtfeld, bloß daß der Ruhm fehlen tat, an die Spitze von bas Regiment Weiber. McKenna, Mann!’ sagt sie mit ne Stimme wie ’n Wachtposten. ,Sag die Jungs, sie solln ganz ruhig sein, die alte Pummeloe kommt, nach sie zu sehn und bringt sie ’n Freitrunk.' Da schrien wir Hurra, und bas Hurraschrem war lauter als bas Stöhnen der armen Teufel, die krank warn. Aber nich viel lauter. Sehn Sie, wir warn damals ein ganz neu zusammengestelltes Regiment un wußten ganz un gar nich, was wir bei die Krankheit machen sollten; darum warn wir zu nix nutz. Die Leute gingen umher wie die Sjammel un warteten, wer nu Umfallen würde, un sagten bloß, immer fo vor sich hin: .Was is das bloß! Um Gotteswillen, was is bas?' Das war grauenhaft. Aber mitten durch, immer hin und her ging die alte Pummeloe mit die kleine Jhansi — von die war aber nich viel zu sehn unter den Helm von ein toten Soldat, die Kinnkette baumelte auf ihren kleinen Bauch — immer hin und her mit Wasser un was an Branntwein da war. .. ... Manchmal liefen die alte Pummeloe die Tranen über ihr dickes rotes Gesickt un sie sagt: ,Ach, Jungs, meine armen, lieben, kleinen Junqs!' Aber meistens sprach sie die Leute gut zu un macht« sie ruhig, un die kleine Jhansi sagte aUen, morgen wären sie wieder besser. Sie hatte gehört, daß die alte Pummeloe das zu Muttta gesagt hatte, als di« in hohes Fieber lag. Ja, morgen! Siebenzwanzig Leute warn morgen schon bei Petrus, und zwanzig andre lagen todkrank in die brennend« heiße Sonne. Aber die Frauens warn wie Engel, wie ich schon gesagt hab, un die Männer wie die Teufels, bis zwei Doktors kamen, un wir er!&MberUgrab kurz vorher lag die alte Pummeloe auf ihre Knie bei ein Jungen von meine Korpralfchaft — in die Kaserne lag er m die Soje neben mir __un sagt ihn was vor aus die Bibel, das einen immer noch hilft un da fügt sie auf einmal: Halft mir fest, Jungs! Mir is ganz furchtbar schlecht!' Bei ihr war es die Sonne un nich die Cholera ge- Wien. Sie hatte vergessen, daß sie bloß ihren alten schwarzen Hut aufharte Tie starb mit die Worten ,McKenna, mein Mann! der hrelt ihr in die Arme. Un all die Jungs heulten, als sie ihr begruben. In der Nacht fängt ein doller Wind an zu wehen, un weht, un weht, un weht die Zelte um. Aber er weht auch die Cholera weg; kein neuer Fall kam die ganze Zeit, die wir warteten, zehn Tage lagen wir in Quarantäne. Ob Sie mir glauben oder nich, der Weg, den die Krankheit ins Lager nahm, war so, das kann ich Ihnen versichern, als wenn ein Mann viermal eine Acht durch die Zelte gegangen is. Biele sagen, der ewige Jude nimmt die Krankheit mit weg. Un ich glaub das. Und da kommt es von", sagte Mulvaney etwas unlogisch, „daß die kleine Jhansi so geworden is. Als McKenna starb, is sie von die Frau von den Quartiermeister aufgezogen, aber si» gehört zu die U-Kom- panie; un die Geschichte, die ich Sie erzählt hab, wo Jhansi gebührend gewürdigt in wird, die hab ich jeden Rekruten nach seine Einstellung eingebläut. Un ich hab auch, ja das hab ich, Korpral Slane eingebläut, um das Mädel anzuhalten." „Tatsächlich?" „Ja, Mensch, das hab ich getan. Sie is keine Schönheit, aber ste Is die Tochter von die alte Pummeloe, un es is meine Pflicht, für ihr zu sorgen. Den Tag, eh Slane seine 1,80 Mark Löhnung kriegt, sag ich zu ihn: ,Slane', sag ich, ,morgen is es Jnsubordinatschon, wenn ich dir hauen tu; aber bei die Seligkeit von die alte Pummeloe, die in Himmel is, wenn du mir nicht dein Wort drauf gibs, gleich um Jhansi McKenna anzuhalten, denn will ich dir heut abend mit MesNnghaken das Fleisch von die Knochen abpulen Das is ne Schande für die Kompanie, daß sie so lange ledig bleibt!' sag ich. Sollt ich 'n Dreijährigen noch lange mit mir verhandeln lassen, wenn ich was will? Nee! Slane ging hin und fragte ihr. Slane is 'n guten Jung. Nächstens kommt er ins Kommifariat un kann fein Cspartes in 'n Wägen wegfahren. So hob ich für die Tochter von die alte Pummeloe gesorgt; un nu gehn Sie man hin un tanzen noch mal mit sie!" Und das tat ich. Ich hatte Achtung vor Fräulein Jhansi McKenna; und ich ging später auch aus ihre Hochzeit. Vielleicht werde ich davon auch noch mal erzählen. Eine „malebarische" Geschichte. Von Marie Hamsun. „Ola Lang er ud in der Stadt", der dritte Band der jung und alt liebgewordenen Langerud-Erzählungen, in denen Marie Hamsun eine fröhliche Welt der Kindheit und Jugend beschreibt, ist in einer reich illustrierten Reuaus- aabe erschienen. Wir bringen daraus mit Erlaubnis des Albert Langen / Georg Müller Verlages in München die folgende Probe. Es ging auf die Prüfung zu. Für sich selber hatte Ola weiter keine Angst, obgleich in den letzten Wochen die Zeit zum Aufgabenlernen für ihn knapp geworden war. Ola hatte nämlich nach und nach immer mehr Vertrauensämter in Oslo übertragen bekommen. Er hatte ein zuver- läffiges, ruhiges Wesen, und die Freundschaft mit Frau Foß hals ihm. Frau Foß hatte eine Freundin, eine sehr dicke alte Freundin. Diese unterschied sich von Frau Foß dadurch, daß sie keine Katze, dafür aber einen Hund hatte, außerdem dadurch, daß ihr Mann im Erlöserfriedhof begraben war, während der verstorbene Foß auf dem Nordfriedhos lag. Nun war die Sache die, daß der Hund der Freundin Bewegung haben mußte. Es war ein winzig kleiner Seidenhund, der einem lockeren gelben Seidenknäuel glich, und nur wenn man genauer hinsah, erkannte man einen kleinen Fleck als Nase und zwei tränenblanke kohlenschwarze Augen. Dieser Hund wurde jetzt zu fett, die Augen drohten ihm ganz aus der Seide herauszuquellen, und außerdem litt er durch sein geruhsames Leben an einer lästigen Verstopfung. Die Freundin selber aber wollte sich nur ungern bewegen, darum war ihr der Gedanke an Ola gekommen — sie fand, er habe das rechte Aussehen, um mit dem kostbarsten kleinen Hund der Welt, Tripp genannt, spazieren zu gehen. Wenn es nicht regnete, stellte er sich jeden Nachmittag um fünf Uhr oben am Ullevaalsweg bei der Freundin ein und holte Tripp ab, der schon wußte, was Ola für ihn bedeutete, und vor lauter Freude mit feinem ganzen kleinen Körper wedelte und wie eine Maus pfiff. Dann gingen sie nach Bestre Aker hinüber oder machten einen Spaziergang durch den Stenspark. Tripp genoß den Frühling, und Ola verdiente eine Krone in der Woche. So war Ola kein armer Junge mehr. Wenn er ein paar Wochen lang ordentlich gespart hatte, konnte er leicht bei irgendeinem Schulausslug mittun. Ola hatte noch einen Beruf bekommen. Frau Foß war die Tante eines jungen Mädchens, das heimlich verlobt war. Manchmal aber konnte das Mädchen nicht abkommen, um sich mit ihrem Liebsten zu treffen, dann ging sie nur fort, ihrer Tanke einen unschuldigen Besuch zu machen, und gab dabei Ola einen Wink, er solle doch schnell an ihrer Stelle hinlaufen und ihrem Verlobten Bescheid geben — dafür bekam er von dem meistens fünfzig Dere. Auf dem nördlichen Friedhof standen die Aurikeln rings um Fassens Grab. Aber der Rand eines Grahes wird sehr schnell trocken: Ola hatte nun auch noch das Vertrauensamt, ein paarmal in der Woche mit einer Gießkanne den nördlichen Friedhof zu befuchen. Da drängten sich feine Pflichten oft fo zusammen, daß er alles auf einmal hätte tun sollen. Ola war vollauf beschäftigt. Er konnte auch noch Finn vollauf beschäftigen, denn es kam öfters vor, daß er den Freund zu Hilfe nehmen mußte. Das war an diesem Nachmittag grade der Fall. Frau Fassens Nichte kam und gab Ola einen Wink, als dieser eben fortgehen und Tripp holen wollte. Die Aurikeln waren aber auch schon wieder am Verdursten — er hatte sich übrigens vorgenommen, Tripp zum Blumengießen mitzunehmen. Da blieb nun nichts anderes übrig, als Finn zu beauftragen, mit Tripp spazieren zu gehen. Dies aber muhte natürlich hinter dem Rücken von ßrau Foß und ihrer Freundin geschehen, denn Finn war es noch nicht geglückt, sich das Vertrauen dieser beiden zu erwerben. So versprach Finn denn, mit Tripp in den Stenspark zu gehen, bis Ola vom Athenäum zurückkam, wo der Deklobte wartete. Er versprach auch, ganz besonders gut auf Tripp aufzupassen: „Du kannst dich auf mich verlassen, das weißt du wohl!" Ola überlegte einen Augenblick, ob er nicht mit der Trambahn zum Athenäum fahren und auch vielleicht wieder zurückfahren sollte, da aber hätte sich der Gang zu schlecht für ihn gelohnt; so ließ er den Gedanken fallen. Der kleine Tripp wollte nicht mit einem fremden Jungen gehen; solange Ola zu sehen war, zog und zerrte er, ein verzweifeltes kleine» Knäuel, an seiner Leine. Später wurde er freundlich und trippelte bereitwillig hinter Finn drein, wie ein kleines Spielzeug auf vier Rädern. Es war wunderschön im Stenspark oben, neues Gras und trockene Wege überall, Bänke standen da, und auf einer der Bänke faß eine alte Dame in der Sonne. Sie war ganz entzückt von Tripp, sie hätte noch nie etwas fo Wunderschönes gesehen, erklärte sie, wie diesen Seidenpelz und die kohlschwarzen Augen und die Nase, die Tripp im Grund ja gar nicht hatte. „Wem gehört der süße kleine Hund?" fragte sie. „Mir", antwortete Finn. Und dann gab er sich höchst zufrieden einer Schilderung von Tripps Lebenslauf hin. Es ist nicht jedermanns Sache, fo aus dem Stegreif ein ganzes Hundeleben zu erdichten, Finn geriet immer mehr in Begeisterung über sich selber, je mehr die Ereignisse sich für ihn überstürzten. Er wurde menschenfreundlich gegen die Dame, die ihm so aufmerksam zuhörte: „Sie dürfen ihn gern ein wenig auf den Schoß nehmen", sagte er. Und di« Dame hob Tripp auf und küßte ihn. Finn ließ das hingehen. Dann fällt fein Blick auf einige Buben, die auf der Pilestraße draußen mit Murmeln spielen. Sie streiten sich fürchterlich, und bald liegen fit einander in den Haaren. Leider aber ist es unmöglich, aus dieser Entfernung zu sehen, wie das alles zusammenhängt. Darum sagt Finn zu der alten Dame: ,Hch gehe nur schnell einen Sprung zu meinem Bruder drüben auf der Straße. Tripp kann ruhig bei Ihnen bleiben ..." Einige Zeit später, nachdem der Junge, der beim Spiel mogeln wollte, seine Prügel bekommen hatte, und in der Pilestraße wieder alles in Ordnung war, kam Finn in den Stenspark zurück. Da aber war die Dame verschwunden. Das 'wäre noch nicht schlimm gewesen, Tripp war aber auch verschwunden. Finn fehlte es ja nicht an Einbildungskraft. Es bereitete ihm keine Schwierigkeit, sich vorzuftellen, wie die alte Dame mit Tripp unter dem Mantel davonhumpelte. Jetzt erinnerte er sich auch, daß sie wie eine richtige Bilderbuchhexe ausgesehen hatte, mit spitzer Nase und einer haarigen Warze am Kinn. „O je", murmelte Finn betrübt, „das ist malebarisch ..." Dann machte er sich daran, eine Zeitlang die nächste Umgebung zu durchstreifen und fetzte sich schließlich ziemlich niedergedrückt auf eine Bank im Park, um auf Ola zu warten. Es schwebte ihm der Gedanke vor, alles zu gestehen, so wie es sich wirklich verhielt, aber das wäre doch zu langweilig gewesen, er mußte sich auf etwas anderes besinnen. Es dauerte auch nicht lange, fo hatte er sich mühelos einen ausgezeichneten Schluß für Tripps Lebenslauf ausgedacht. Er pfiff vor sich hin und kratzte vergnügt mit dem Absatz im Sand herum und wartete sichtlich angeregt auf Ola. Ola kam aber nicht, er war wohl aufgehalten worden, und schließlich ging Finn heim. Ola kam nicht, nein, denn als er die Pilestraße heraufstürmte, sah er eine Trambahn. Sie blieb stehen, und eine alte Dame mit einem kleinen Hund auf dem Arm war gerade im Begriff, auszusteigen. Da aber geschah etwas. Als der Hund Ola sieht, reißt er sich plötzlich von der Dame los, mit einem lebensgefährlichen Sprung befreit er sich aus ihrem Arm und rennt auf den Knaben zu Er pfeift und kläfft und sauft herum und möchte vor Freude am liebsten aus feinem gelb- seidenen Pelz fahren. Ola hebt den kleinen Hund auf, die Dame, die hier die Trambahn verlassen wollte, besinnt sich plötzlich anders, steigt wieder ein und fährt weiter. Nun tarnen Dia ja allerhand Gedanken, aber keiner, über den sich sprechen ließ. Er entschloß sich, Tripp wie gewöhnlich bei der Freundin abzuliefern, und nachher goß er nachdenklich und sorgfältig die Aurikeln auf Fassens Grab. Dann ging er heim zu Finn, der es längst aufgegeben hatte, im Stenspark auf ihn zu warten. „Mein Lieber!" sagte Finn, „das war malebarisch." Ein Unglück sei geschehen, sein einziger Trost sei der, daß er sich unschuldig wisse. Eine Katze sei gekommen, ein riesiger gesteckter Tiger, der sich zwischen den Kehrichttonnen in der Theresenstraße Herumgetrieben habe. Mit einem Raubtiersatz sei er auf den kleinen Tripp losgestürzt, und ehe Finn sich auch nur einmal umdrehen konnte, habe die Bestie dem Hund die Kehle durchgebissen. „Ganz durch?" fragte Dia betrübt. „Mitten durch! Kaum ein Seufzer mehr, dann war Tripp schon tot!“ Dos einzige, was Finn habe tun können, war, die Leiche zu retten. Er hatte das Tier so merkwürdig liebgewonnen, daß er es im Stenspark schön begrub und einen Strauß auf das Grab legte: wenn es Dia recht wäre, könnten sie ja am nächsten Morgen zu dem Platz hingehen. Als sie sich am nächsten Morgen trafen, um zu Tripps letzter Ruhestätte zu gehen, wirkte es im ersten Augenblick ja etwas verwirrend auf Finn, daß Dia die „Leiche" bei sich hatte. „D je!" sagte er, „das war malebarisch ..." Er erholte sich aber rasch und tagte leicht gekränkt zu Ola: „Warum hast du mir das nicht schon gestern erzählt!" Derant wörtlich: vr. Han» Thyrivt. — Druck und Beklag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lang«, Gießen.