Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <957 Hreitag, den J5. Oktober Nummer 80 K-r? 'W opanfttd lebunj J r°jafütiJ ' bchch Wtj r «WJIW 'ufelsmw ' 84 t inten ib beicht den Ufe ^ch (e > an biii stroh,, ROMAN von Honore de Balzac 9. Fortsetzung. Gegen vier Uhr, gerade als Eugenie und ihre Mutter den Tisch für fchs Personen gedeckt hatten und der Hausherr einige Flaschen von erlesenen Beinen heraufgeholt hatte, die Kleinstädter mit Liebe ausheben, erschien sharles im Saal. Der junge Mann war bleich. Seine Bewegungen, seine Haltung, seine Blicke und der Ton seiner Stimme besaßen eine Traurigpit voll Anmut. Er spielte nicht den Schmerz, er litt wirklich, und der Tchleier, den das Leid über sein Gesicht breitete, gab ihm diesen interessanten $ ug, der den Frauen so gut gefällt. Eugenie liebte ihn um so mehr. Vielleicht Machte ihn auch das Unglück ihr näher. Charles war nicht mehr der reiche, fljöne junge Mann in einer unerreichbaren Sphäre, sondern ein Verwandter, let in schreckliche Rot geraten war. Die Not gebiert Gleichheit. Die Frau hat i la? mit dem Engel gemein, daß ihr die Wesen gehören, die leiden. Charles iitb Eugenie verstanden sich und sprachen miteinander nur durch Blicke; lenn der arme gestürzte Dandy, die Waise, setzte sich in eine Ecke und verhielt Ich dort stumm, ruhig und stolz; doch von Zeit zu Zeit leuchtete der sanfte inb liebreiche Blick seiner Cousine zu ihm hinüber und zwang ihn, seine Strjjit Wilm oft 8* oom W ten W K nb tmfi dem Sut m, IG m siichie Aber ins iiirlid) m iahlen|iiif i hoch, |i den Stil ten fte ebenie nbu len als ir ich auf! auf fte ichck, * ilperti, |iä jman.i K incourl Ei r jdjon t |tn uni i in, m t tollt e M Sd ud das # >r * mbreif'fe iMt P'i Bk- ■t otiU ib < < *. ;-5' MetzenerZamiljenbMer ten «t - es R« ,72, de ff nig ■ zmG erflir* trampt«-' „grill? jitribi®' nb eiiM n, * .B rjon M:; 3 miebtt f ■ t.eurigen Gedanken aufzugeben und mit ihr in die Gefilde der Hoffnung tnb der Zukunft zu enteilen, wo sie sich gerne mit ihm zusammen erging. ;ii dieser Stunde regte sich die Stadt Saumur mehr über das Essen auf, z» dem Grandet die Cruchots eingelaben hatte, als am Abend vorher iöer den Verkauf seiner Ernte, der doch ein Hochverratsverbrechen gegen im Weinbau war. Wenn der weltkluge Winzer sein Essen in der Absicht rgeben hätte, die dem Hund des Alkibiades den Schwanz kostete, hätte e vielleicht ein großer Mann werden können; aber bei seiner Ueberlegenheit Her die Stadt, die er fortwährend zum besten hatte, legte er kein Gewicht «us Saumur. Die Grassins erfuhren bald den gewaltsamen Tod und den t ahrscheinlichen Bankrott des Vaters von Charles: sie beschlossen, noch ttn selben Abend zu ihrem Klienten zu gehen, ihm in seinem Unglück ihre sciinahme und Freundschaft zu zeigen und dabei in Erfahrung zu bringen, :etter beklagte, wurde in diesem Gespräch so ermüdend für die pben Cruchots, daß sie, während fie dem Winzer zuhörten, unbewußt Gesichter schnitten und Anstrengungen machten, wie wenn sie die Worte vollenden wollten, in bie er sich zu seinem Vergnügen verhedderte. Hier ist es vielleicht am Platze, die Geschichte des Stotterns und der Taubheit von Grandet zu geben. Niemand in Anjou verstand besser und konnte deutlicher das Französisch dieser Provinz aussprechen als der durchtriebene Winzer. Nun war er früher einmal, trotz seiner Schlauheit, von einem Israeliten betrogen worden, der beim Verhandeln die Hand ans Ohr legte an Stelle eines Hörrohrs, unter dem Vorwand, so besser zu verstehen, und der so gut kauderwelfchte beim Suchen nach Worten, daß Grandet, als Opfer seiner Menschlichkeit, sich verpflichtet fühlte, diesem boshaften Juden die Worte und Gedanken zu suggerieren, die der Jude zu suchen schien, selbst die Schlußfolgerungen des befagten Juden zu ziehen, zu sprechen, wie der verdammte Jude sprechen sollte, kurz der Jude und nicht Grandet zu sein. Für den Böttcher endete dieser wunderliche Zweikampf damit, daß er den einzigen Handel abschloß, den er im Laus seines geschäftlichen Lebens bedauerte. Aber wenn er dabei in pekuniärer Hinsicht verloren hatte, so hatte er als moralischen Gewinn eine gute Lektion davongetragen, deren Früchte er später erntete. Und so kam der Alte dahin, den Juden zu segnen, der ihn die Kunst gelehrt hatte, den geschäftlichen Gegner ungeduldig zu machen, ihn damit zu beschäftigen, den Gedanken des andern auszudrücken und dabei beständig seinen eignen aus den Augen zu verlieren. Nun wohl, kein Geschäft verlangte mehr als das gegenwärtige, das Sichtaubstellen, das Stottern und die unbegreiflichen Umschweife, in die Grandet feine Gedanken einwickelte. Zunächst wollte er nicht die Verantwortlichkeit für feine Ideen übernehmen, ferner wollte er Herr feiner Worte bleiben und feine wahren Abfichten im Zweifel lassen. „Herr von B ... B ... B ... onsons ..." Zum zweitenmal in drei Jahren nannte Grandet den Neffen Cruchot: „Herr von Bonfons." Der Präsident durste glauben, der arglistige Alte hätte ihn zum Schwiegersohn gewählt. „S ... S... Sie s... f... sa ... sagten doch, daß B... Ba... Bank___trotte in g .. . g... geto ... wissen F ... F ... Fällen v... v ... verhindert werben k... k... können, d .,. d .'.. urch___" „Durch die Handelsgerichte selbst. Das kommt alle Tage vor", sagte Herr von Bonfons, indem er den Gedanken des Baker Grandet ausdrückte oder ihn zu erraten glaubte und ihn freundlich erklären wollte. „Hören Sie zu!" „Ich h ... hö ... höre", antwortete der Alte bescheiden, indem er die boshafte Haltung eines Kindes annahm, das innerlich über seinen Lehrer lacht, während es ihm scheinbar die größte Aufmerksamkeit schenkt. „Wenn ein achtbarer und angesehener Mann, wie es z. B. Ihr verstorbener Herr Bruder in Paris war ..." „M... m. . . mein Bruder, ja ..." „von einer Zahlungsunfähigkeit bedroht wird ..." „D ... d ... das n... n... nennt man Z... Za ... Za ... ahlungs- unfähigkeit?.. ." „Jawohl. Wenn fein Bankrott bevorsteht, so ist das Handelsgericht, dem er unterworfen ist (folgen Sie genau), berechtigt, durch einen Gerichtsspruch in seinem Geschäftshaus Liquidatoren zu ernennen. Liquidieren ist nicht Bankrott machen, verstehen Sie? Wenn jemand Bankrott macht, ist er entehrt, aber wenn er liquidiert, bleibt er ein ehrlicher Mann." „D ... as ist ein g ... gt... großer Untersch ... fch ... schied, wenn d ... d___das nicht mehr k... k... kostet", sagte Grandet. „Aber eine Liquidation kann man auch herbeiführen, selbst ohne die Hilfe des Handelsgerichts. Denn", sagte der Präsident, indem er eine Prise Tabak schnupfte, „wie wird ein Bankrott erklärt?" „Ja, ich habe niemals darüber nach ... ge ... ge ... dacht", antwortet« Grandet. „Erstens", versetzte der Richter, „durch die Deponierung der Bilanz in der Gerichtskanzlei durch den Kaufmann selbst oder durch seinen regelrecht eingetragenen Bevollmächtigten. Zweitens auf das Nachfuchen des Gläubigers hin. Nun wohl, wenn der Kaufmann die Bilanz nicht deponiert und wenn kein Gläubiger vom Gerichtshof ein Urteil erwirkt, das den besagten Kaufmann als bankrott erklärt, was geschieht dann?" „Ja, w ... w ... was dann?" „Dann liquidiert die Familie des Verstorbenen, seine Vertreter, seine Erben, oder der Kaufmann selbst, wenn et nicht tot ist, oder seine Freunde, wenn er sich verbirgt. Vielleicht wollen Sie die Geschäfte Ihres Bruders liquidieren?" fragte der Präsident. ‘ „Ach, Grandet", tief der Notar aus, „das wäre schön. Es gibt noch Ehrgefühl bei uns tief in der Provinz. Wenn Sie Ihren Namen retten, denn es ist ja Ihr Name, wären Sie ..." „Erhaben!" fiel der Präsident seinem Onkel ins Wort. „S ... S ... Sicherlich", versetzte der alte Winzer; „m .... mein B ... Bruder h ... h ... hieß Grandet, s... sso w ... wie i... i... ich. D... das ist s... s... sichet und g ... g ... gewiß. I ... i... ich sage nicht n ... n ... nnein. U ... u ... und diese L... L ... Liquidation würde auf alle F... F... Fälle und in j... j... jeder 53... Be... Beziehung ihn in eine Ecke. (Sortierung folgt.) | ..... sehr y ... vorteilhaft im I ... Interesse meines N ... N... I Neiien lein, den ich g... g ... gern habe. Aber man muß überlegen. Ich 1... t... Henne nicht die Schelme von Paris. I ... ich bin in Sau... Saumur, s... sehen Sie. Meine Ableger, meine G... G.. .Graben und k .. kurzum, ich habe hier z ... zu t... tun. Ich habe noch me W ... W .. Wechsel ausgestellt. Was ist das, ein Wechsel? Ich habe viele be ... be ... bekommen, aber nie welche gez ... z -.. zeichnet. Die werden eint... kassiert, die w ... w ... werden d ... d -.-.-.diskontier . Das ist a ... a ... alles, was ich w ... weiß. Ich habesagen Horen, d... d... daß man W ... W ... Wechsel z ... zurück!... kaufen k... Jawohl", sagte der Präsident. „Man kann Wechsel auf der Börse erwerben, vermittels soundso viel Prozent. Verstehen Sie? Grandet machte ein Hörrohr aus seiner Hand, legte sie ans Ohr, und der Präsident wiederholte ihm den Satz. Aber", antwortete der Winzer, k... kommt man d ... denn aus seine K ... K ... Kosten, bei dem allen? I ... i... ich w ... ich wech nichts in meinem Alter von allen d... diesen S... S... Sachen. Ich in... muß hier b... b . . . bleiben, um über m... mein K... S... Korn zu wa ... wachen. Das K ... Korn häuft sich und mit K ... K ... Korn be ... be ... bezahlt man. V ... vor allem m ... muß man über der Ernte w ... wachen. Ich habe w ... wichtige und in ... m ... teressante Ge ,.. Ge Geschäfte in Froidfond. Ich k... könnte nicht m... mein Haus verlassen, wegen allen T ... Teu ... Teufeln von B ... Verz... zzzwwick.. . k.. . ktheiten, von denen ich n... nichts »...».. - verstehe. Sie s... sagten, daß ich, um zu I.. .1.... liquidieren, um die Bankrotterklärung zu verhindern, in Paris sein müßte. Man kann nicht z ... z.. - zugleich an z ... z ... zwei Orten \... sein, wenn m... man k... kein B... Vö... Vöglein ist..." . Y, . Ich verstehe Sie!" rief der Notar aus. „Nun wohl, mein alter Freund, Sie"haben Freunde, alte Freunde, die fähig sind, ein Opfer für Sie zu bringen..." , __ , Los, also, dachte der Winzer bei sich, entschließen Sie sich schon „Und wenn jemand nach Paris reifte, dort den stärksten Gläubiger Ihres Bruders Guillaume aussuchte und zu ihm sagte ..." ,,M ... M... Moment, halt", versetzte der Alte, „ihm — was? Sagte- Jrgendw . . . was, s... so wie d ... dies: ,Herr Grand ... bet von Saumur hier, Herr ©raubet von Saumür ba. Er liebt seinen »ruber, er liebt seinen N ... Neffen. Granbet ist ein guter O ... oonkel, er hat sehr gute Absichten. Er hat seine E ... E ... Ernte gut verkauft. Erklären Sie nicht bett B ... Bankrott, versammeln Sie sich, ernennen Sie L ... L ... Liquidatoren. D ... dann wird Gründet z ... z... zus... sehen. Für Ste w ... w... wird es viel v ... vorteilhafter fein, zu liquidieren, als bte Leute vom Gericht die Na ... ase reinstecken zu l... lassen.' So? nicht wahr?" „Ganz richtig", sagte der Präsident. „Denn, nicht wahr, Herr von Bon... Bon... Bonfons, man muß Überlegen, ehe man sich ent... ent... scheidet. Wer nicht t ...$... kann, k... kann nicht. Bei jedem sch ... schwierigen Ge ... Geschäft, muß man, um sich nicht zu ruinieren, die Hilssmittel und die Verpflichtungen kennen. .Wie, nicht wahr?" , „Ganz gewiß", sagte der Präsident. „Ich für meine Person btn der Ansicht, daß im Laus von ein paar Monaten man die Schuldsorderungen zurückkaufen könnte, für eine gewisse Summe und alle auf einmal nach Uebereintunft bezahlen. Ja, ja, man lockt die Hunde weit, wenn man ihnen eine Wurst zeigt. Wenn keine Bankrotterklärung stattgesunden hat und Sie die Schuldscheine in Händen halten, sind Sie weiß, wie Schnee ..." „Sch... Sch... Schnee?" wiederholte der Alte und machte wieder ein Hörrohr mit der Hand. „Ich verstehe nicht den Sch ... Sch ... Schnee.." „Aber", schrie der Präsident, „so hören Sie doch nur!" „Ich hö ... hö . .. höre ..." „Ein Wechsel ist eine Ware, die ihre Hausse und ihre Baisse haben kann. Das ist eine Deduktion von der Lehre Jeremias Bentheims über den Wucher. Dieser Publizist hat bewiesen, daß das Vorurteil, das die Wucherer ächtete, eine Dummheit ist." „Donner!" sagte der Alte. „In Erwägung dessen, daß im Prinzip nach Bentham das Geld eine Ware ist und das, was das Geld repräsentiert, gleicherweise Ware wird", fuhr der Präsident fort, „in Erwägung dessen, daß es bekannt ist, daß, gemäß den gewöhnlichen Veränderlichkeiten, von denen die Geschäftslage beherrscht wird, die Wechsel-Ware, die diese ober jene Signatur trägt, wie biejer ober jener Artikel, an bet Börse reichlich vorhanben ist ober fehlt, baß sie teuer ist ober auf Nichts fällt, befiehlt bas Gesetz — (ad), ich bin bumm, Verzeihung) bin ich der Meinung, daß Sie Ihren Bruder mit fünsundzwanzig Prozent zurückkaufen können." „Sie n ... n ... nennen Je ... Je ... Je ... Jeremias Ben ...?" „Bentham, ein Engländer." „Dieser Jeremias erspart uns viele Klagen im Geschäftsleben", sagte der Notar lachend. „Diese Engländer haben m ... m ... manchmal ge ... ge ... gesunden Menschenverstand", sagte Granbet. „Also wenn n ... n ... nach Ben... Ben . . . Ben ... Bentham bie Wechsel meines Brubers etwas w ... w ... wert sinb ..., nichts wert sinb! Wenn, s... s... sage ich nur, nicht wahr? Das scheint mir klar. Die Gläubiger würben ... nein ... würben nicht... Ich v ... v ... ver ... stehe ..." „Lassen Sie mich Ihnen bas alles erklären", sagte ber Präsibent. „BMgerweiie schulden, wenn Sie alle Schuldverschreibungen des Hauses Granbet besitzen, Ihr Bruder ober seine Erben niemanbem etwas. Gut." „Gut", wiederholte der Alte. „Desgleick;en, wenn die Wed;sel Ihres Bruders an ber Börse gehanbeit werben (gehandelt werden; verstehen Sie den Ausdruck wohl?) mit soundso viel Prozent Verlust, wenn einer Ihrer Freunde hingereist wäre, wenn er sie zurückgekanst hätte, wobei die Gläubiger ja durch keinen Gewaltakt gezwungen waren, sie herauszugeben, so ist die Hinterlassenschaft des verstorbenen Pariser Granbet rechtmäßigerweise schuldenfrei." „Das stimmt, G ... G .,. Geschäft ist Geschäft", sagte der Böttcher. „Das zuge ... ge ... geben ... Aber, trotzdem, Sie v ... v ... verstehen, baß d ... d... das schw .sch ... schwierig ist. Ich ... i. -. ich starkem G ... Geld noch Zeit, noch Zeit... noch ... „Jawohl, Sie können sich nicht stören lassen. Nun gut, ich brete mich an, nach Paris zu gehen. Sie ersetzen mir die Reise, das 'st eine Kleinigkeit. Ich sehe dort die Gläubiger, spreche mit ihnen, erwirke Prolongation und alles kommt in Ordnung mit Hilfe eines Zahlungszuschlags, den S.e dem Wert der Liquidationsrnasse hinzukügen, um tn den Besitz der Schuldscheine zu kommen." . , .. . , Nun, d... d... das wird sich s... s... finden. Jchk... k... kann nicht, ich ... ich ... ich will nicht mich v ... v ... verpflichten ohne ohne zu... Wer... wer... wer nicht kann, kann nicht. S... S... Sie verstehen?" „Das ist in ber Orbnung." . _. . Mir p...p...p... Platzt der Kopf davon, w ... w ... tote Sie da l... losge ... ge ... legt ha... haben. Das ist das er ... erste M... Mal in meinem Leben, daß ich ge... ge ... genötigt btn, darüber n.., n ... nachzudenken, wie ..." „Natürlich, Sie find kein Jurist." s h h - - „Ich ... ich ... bin em ar... mer Winzer und .verstehe ; nichts von dem, was Sie so... so... soeben gesagt haben, ich m.., I m... muß d... d... das studieren." . „Run gut“, fuhr der Präsident fort und fetzte sich auf, tote um bte Unter« rebung zu arnrnenzusafsen. . Neffe!" — unterbrach ihn bet Notar tn vorwurfsvollem Ton. ''Na, was benn? Onkel!" antwortete bet Präsident. , Laß dock) Herrn Granbet dir seine Absichten erklären. Es handelt sich in diesem Augenblick um einen wichtigen Auftrag. Unser lieber Freund muß ihn aufs genaueste auseinander..." I Ein Hammerfchlag, der die Familie des Grassins ankündigte, ihr Ein« treten und ihre Begrüßung verhinderten Cruchot, fernen Satz zu vollenden. Der Notar war zufrieden mit biejer Unterbrechung; Granbet jag tljn bereit}- schief an unb fein Geschwür verriet einen inneren Sturm. Aber erstens sand es ber kluge Notar nicht passend für einen Gerichtspraflbenten bei: erften Instanz, nach Paris zu fahren, um ba Gläubiger zur Kapitickation. zu zwingen und Handreichungen bei Börsenränlen zu leisten, bte bte @efe(je: der strengen Rechtlichkeit verletzten; da et ferner noch nicht bemerkt hatte,, daß es den Vater Grandet im geringsten anwandelte, etwas zu bezah en,, was immer es sei, zitterte er instinktiv davor, seinen Neffen an btefem. Geschäft beteiligt zu sehen. Et benutzte daher den Moment, wo die des Grassins hereinkamen, um den Präsidenten beim Arm zu nehmen und ihn in die Fensternische zu ziehen. „Du hast dich vollkommen genügend herausgestellt, Neffe, aber nun. genug von Aufopferungen dieser Art. Der Wunsch, das Mädchen zu liegen, macht dich blind. Zum Teufel, man muß nicht vorgehen tote eine Krähe,, die Nüsse herunter wirft. Laß mich jetzt das Schiff steuern, unterstütze dn lediglich das Manöver. Ist das etwa deine Sache, betne Richterwürde bloßzustellen in einer folchen..." , Er sprach nicht weiter; er hörte Herrn des Grassins, ber dem alten. Böttcher bie Hanb brückte, sagen: „Granbet, wir haben bas schreMiche Unglück erfahren, bas Ihrer Familie zugestoßen ist, ben Unstern bes Handelshauses Guillaume Grandet und den Tod Ihres Bruders; Wit kommen, um. Ihnen unsre ganze Teilnahme an diesem traurigen Ereignis auszusprechen. „Ein beispielloses Unglück", unterbrach der Notar den Bankier, „iß bet: Tod des Herrn Grandet junior. Und er würde sich nicht getötet haben,, wenn ihm die Idee gekommen wäre, seinen Bruder zu Hilfe zu.runn Unset alter Freund, der Ehrgefühl bis in die Fingerfpitzen hat, beabsichtigt,, die Schulden des Hauses Grandet in Paris zu liquidieren. Mem Reffe, oct. Präsident, hat sich erboten, um ihm die Verdrießlichkeiten einer so ganj, juristischen Angelegenheit zu ersparen, auf der Stelle nach Paris zu reisen,, um sich mit den Gläubigern zu vergleichen und sie in angemessener Weis«: zu befriedigen." , _. .. Diese Worte, die durch die Haltung des Winzers, der sich das Kmn rieb,, bestätigt wurden, waren eine ungeheure Ueberrajchung für die drei des Gras-- sins, die unterwegs nach Kräften über Grandets Geiz hetgezogen waren, unb ihn fast eines Brubermorbs befchulbigt hatten. „Ach, ick) wußte es wohl!" rief ber Bankier aus unb sah seine Frau an.. „Was sagte ich unterwegs zu bir, Frau bes Grassins? Granbet hat EhrgefW. bis in bie Haarspitzen, er bulbct nicht, baß fein guter Name ben lemf*611 ■ Stoß empfängt. Gelb ohne Ehrgefühl ist eine Krankheit. Es gibt noch Nw- gesühl bei mns in bet Provinz! Das ist schön, sehr schön, Grandet. Ich bi“• ein alter Soldat, ich kann meine Gedanken nicht einkleiden, ich läge derb heraus, das ist, Kreuzdonnerwetter, das ist erhaben!" „A ... a ... aber ddas Er ... er ... erhob ... habne ist sehr t.. teuer“, antwortete der Alte, während der Bankier ihm warm bte Han«' schüttelte. m .... „Doch bas ist, mein guter Granbet, mit S8erlaub des Herrn Präsidenten fuhr des Grassins fort, „eine rein geschäftliche Angelegenheit und brauch einen gewiegten Kaufmann. Da muß man sich doch auskennen nut oen. Rückwechseln, Vorschüssen, Zinsberechnungen. Ick) muß in eignen Geschalten- nach Paris und könnte es daher übernehmen, die..." „Wir würden dann v ... v ... versuchen, uns b ... b ... beide uw ■ die relativen M ... M... Möglid;keiten zu verständigen, und zwar o*)“, mich zu v ... v ... ver .. .verpflichten zu irgend etwas, was i... > - - - nicht tun m ... m ... möchte", sagte Grandet stotternd; „denn wissen ® i- der Herr Präsident verlangt natürlicherweise die Kosten seiner Reise vo mir." Der Alte stotterte diese letzten Worte nicht. • „Ra aber", sagte Frau des Grassins, „das ist doch ein Vergnügen, Paris zu sein. Ich für meinen Teil würde gern etwas zahlen, um bmre 1 zu können." Unb sie gab ihrem Mann ein Zeichen, wie um ihn zu ermutigen, ihrem Gegnern bieten Auftrag wegzufischen, koste es, was es wolle; baram I sie sehr ironisch zu den beiden Cruchots hin, die kläglich bremja)a - Granbet aber ergriff ben Bankier an einem Knops feines Rockes uno z n Weinlese. Von Anton Schnack. Der blaue Herbst schenkt neuen Wein. Im Morgenanbruch hat es sanft geregnet, Die Landschaft lächelt einen frommen Schein, Ein Traubenheiliger aus sandigem Gestein Hat alles Weinbergsland gesegnet. Der Gartenhüter stampft durchs Traubenreich Als fröhlicher Erkunder. Schon find die Beeren angebräunt und weich Ihm sind sie alle gleich, Ihn machen alle munter. Den Kropf voll Beeren hat die schwarze Vogelzahl, Der Winzer schüttet Trauben in die Kufe: Zukünft'ger Rausch fällt jedesmal von der verwachsnen Stufe, Von einem unsichtbaren Trinkerbacchanal Erschallen schon die wilden Rufe. Huldigung darzubringen, fo soll darin durchaus keine Ueberschätzung;> dieses Ortes liegen noch gar eine Herabsetzung anderer Moselstädtchen. Denn was die Lage anbetrifft, fo kann es darin mit manchen anmutiger gelegenen Plätzen an der Mosel nicht wetteifern und auch an Bauwerken wird es von größeren Orten dort übertroffen, wiewohl Kröv außer einem stattlichen Erkerhaus im Fachwerkstil erbaut noch zwei alte Adelshöfe aus dem 18. Jahrhundert besitzt. Aber eines hat es vor anderen noch schöneren Moselorten voraus. Es regt zu mancherlei historischen Betrachtungen an wie selten ein anderer Ort an der Mosel, denn es hat eine lange merkwürdige Geschichte hinter sich. War es doch einmal Haupt- und Mittelpunkt eines ganzen Reiches, des sogenannten Kröver Reiches, das Kaiser Rotbart lobesam nach feinem Rückzug aus dem erfolglosen Kriege gegen die oberitalieni- schen Städte und den Papst dem Erzbischof von Trier verpfänden mußte. Als Sicherheit für die uns lächerlich vorkommende Summe von 350 Mark Silber, die Barbarossa denn auch bald wieder einlösen konnte. Doch widerfuhr dem kleinen Reich unter Kaiser Rudolf, dem ersten Habsburger, noch einmal ein ähnliches Schicksal. Dieser sah sich nämlich genötigt, anno 1274 das Reichsgut Kröv an den Grafen von Sponheim wegen geleisteter nützlicher Dienste zu verpfänden. Allerdings muhte er die Ausübung der Reichsvogtei dabei dem Kurfürsten vor Trier überlassen. Und das gab nun eine Kette von ewigen Reibereien zwischen dem Hause Sponheim und Kurtrier. Das arme Kröv zerfiel in zwei Parteien, die einander gegenseitig so heftig befehdeten wie die Montecchi und Capuletti im mittelalterlichen Verona. Eine kleine Ruhepause zwischen den beständigen Zwistigkeiten entstand, als zu Beginn des 13. Jahrhunderts der Erzbischof Wemen von Trier den Ritter Dietrich von Kesselstatt zum Reichsvogt im Kröver Reich ernannte. Seitdem ist dieses Geschlecht, allen Weinzungen wohlvertraut, mit wenigen Ausnahmen ftettg im Obervogteiamt Kröv verblieben. .. . Was den Ort damals wie heute auszeichnete und was chn den früheren hohen Herren so begehrenswert machte, war der köstliche Wein, der hier wie in der näheren Umgebung von Krov, bis zu einer Ausdehnung von 1 800 000 Quadratmeter, gedeiht. Der Dreißigiahnge Krieg mit seinen Verwüstungen setzte zwar auch den Obstgarten und Wem- onlagen in und um Kröv hart zu. Aber in der Zeit nach diesem verheerenden Schickfalsschlag baute der Fleiß der Winzer und Bauern ^ ölte reiche Gelände von neuem auf. .Mitten m einer der besten We - bergslaqen, wo „der theologische Wein" wächst, von dem es h ß, b er von Adel und Kirche hochgeschätzt werde, errichtete em Reichsgras o Kesselstadt für sich und sein Haus eine Grabkapelle, damit er und die «Seinen auch nach ihrem Leben noch Zwischen Wemreten ruhen konnten. Aber es kam noch ein harter Schlag für Krov und die Kröver. als der Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich auf dem..Bedruckender dem Ort eine Festung errichten lieh. Vauban, der große Kunst er 'M Bau solcher Anlagen leitete selber diesen Bau der Feste Moniroyah an dem täglich bis zu achttausend Arbeiter beschäftigt waren. Die Kro»er wurden ebenso wie die übrigen Moselbewohner zum Frondienit sur dies Werk herangezogen. Sie muhten hauptsächlich Sterne Sand Balken und Schiefer, kurz allen Baustoff, der unten an der Mosel ausgeladen wu de, auf die Höhe hinaufschleppen. Zehn Jahre dauerte dle Knechtiämft für bas Reich Kröv, dem kein Vogt noch Kaiser be.stehen konnte. Aber «n Federstrich machte das ganze Teufelswerk Zunichte. 2m F „ . Rijswijk mußte der Sonnenkönig nebst anderen g°wattsamen Anmg nunqen, die er sich erlaubt hatte, auch die gestohlenen ^^ereien “n Mosel wieder herausrücken. Und unter dem Jubel ... itmriffe wurde die fast vollendete Zwingburg gegleist deren gewÄt ge U 0 man heute noch an den Trümmern der Gewölbe und Verliese l Königsberg bestaunen kann. Das Kröver Reich. Von Herbert Eulenberg. Es gibt verschiedene Gründe, aus denen man eine Moselfahrt unternehmen kann. Die einen mögen es aus Liebeskummer tun, zu dessen Heilung oder mindestens doch Linderung sich dieser schöne Fluß besonders eignet. Andere wieder gerade aus dem Gegenteil von Gram, aus lauter Lebenslust, um sich an den herrlichen Ansichten und Ausblicken an der vielfach gewundenen Mosel zu erfreuen. Und ein dritter Teil — er bildet nicht die Minderheit — wird die Gegend von Koblenz bis Trier des Weingenuffes wegen besuchen, der einem dort fast an jeder Krümmung der Mosel winkt. Besonders in der schönsten Wanderzeit im Spätherbst zwischen Most und Federweihe, sieht man hier oft leicht schwankende Gestalten, die von einem Weindorf zum andern pilgern und sich nicht recht entscheiden können, wem sie den ersten Preis ihres Wohlgefallens zuerkennen sollen. Wenn diese Zeilen versuchen wollen, dem kleinen Winzernest Kröv eine Cs sind mehr oder weniger erfreuliche Geschichtserinnepungen für uns, denen man in Kröv nachgehen und nachsinnen kann. Ergötzlich ist noch zu erzählen, dah im Jahre des Heils 1784 vor dem Reichskammergericht in Wetzlar, dem zehn Jahre zuvor der junge Goethe entronnen war, der zweihundertjährige Prozeß zwischen Sponheim und Kurtrier beendet wurde. Das Kröver Reich und feine Bürger hatten in diesem Rechtsstreit als Dritte um die Schmälerung ihrer uralten Freiheiten und Rechte geklagt. Aber die französische Umwälzung stand bereits vor der Türe, und sie schlug ihre Wellen auch bis zur Mosel Neuerdings hat sich Kröv, zu dessen Reich weiland die noch jetzt dem Moselweinkenner nicht unbekannten Dörfer Reil, Kinheim. Kövenig, Kindel und der Hof Mulay gehörten, durch den Wein mit dem berüchtigten Namen einen Rus erworben. Dieser Name für gewisse Kröver Weinlagen ist indessen keine neue Erfindung. Er wird schon seit Jahrhunderten im Volksmund gebraucht. Und man hat Um sich in Kröv sogar durch einen Beschluß der Hessischen Staatsanwaltschaft vom 22. November 1933 rechtlich zuerkennen lassen. Immerhin ruft der muntere Name dieses Kröver Getränks, der uns an den wohlgemuten Ritter von Berlichingen und seine volkstümlich gewordene ^Aufsorderung erinnert, stets eine gewisse Heiterkeit bei den Besuchern des rebenumwachsenen Städtchens hervor. Er ist wohl auch init ein Anlaß dafür, daß in den Weinschenken von Kröv, im Römer oder in der im Jahre 1685 erbauten Reichsschenke, oder wo man sonst dort einkehren mag, ein etwas rauher, aber herzlicher Ton herrscht, und daß einem die Geschichte von der Namengebung des beliebtesten Kröver Weins auf alle mögliche derbe Weise erzählt wird. Jedenfalls ist feftzuftellen, daß sich hier an der großen Moseldoppelschleife zwischen Traben-Trabach und Bernkastel-Cues schon manch eine durstige Kehle und Seele feftgetrunten hat. Was auch die zahllosen Gedichte und Verse bezeugen, in die man sich in den Gaststätten von Kröv verttefen kann. Denn ohne Zweifel scheint der Wein, der hier gereicht wird, auch die Lust am Dichten zu erwecken Und der sonst so nüchterne Philister findet hier, wenn nicht nach der ersten, so doch nach der zweiten Flasche ein paar Reime aus das Wohlgefühl des Lebens und den Hochgenuß des Weines. Obgleich die ehemalige Reichshauptstadt Kröv den einzigen Fehler hat, daß sich kein einziges Wort unserer Sprache so recht auf den Namen des Dörfchens reimen will. Man müßte dann schon das Platt dafür zur Hilfe nehmen. Aber vielleicht erlassen die Kröver einmal ein Preisausschreiben, in dem sie fünfundzwanzig Flaschen ihres unaussprechlichen allerwertesten Weines demjenigen versprechen, der die meisten Reime auf ihr geliebtes Weinnest zu finden weiß. Milder Herbst. Von Heinrich Zillidj*. O milder Herbst, der lang das grüne Laub mit vielen blauen Tagen schützt, durch Morgentau und Mittagsstaub noch sommerlich die Zeiten lenkt und nur im Walde hier und da, wo sich sein Arm an eine Buche stützt, verträumten Spiels die ersten Blätter sengt. Nur hie und da, nur da und dort streift er die reife Fülle fort, wird rot der Efeu, rund die Frucht, und Nebel wiegt sich in der Bucht an manchen Morgen winterweiß. Auf unsrer Stirn versiegt der Schweiß. An schattenlangen Nachmittagen ruht auch der Wind. Die Berge ragen. Darüber schweigt ein kühler Flor. So bringt der Zetten Wandel vor. Doch unser Herz wird weiter schlagen. Das Mädchen Johanna. Erzählung von Edith Zübert. Kurz vor Torschluß, als Peter im Begriff war, die Tische abzuräumen, öffnete sich noch einmal die Tür zu der kleinen Wirtschaft am Bahnhof. Ein junges Mädchen kam herein, sah sich unschlüssig um und nahm bann im entlegensten Winkel Platz. „Bitte, kann ich noch etwas zu essen haben?" Die Stimme war hell und schüchtern. Man konnte nicht gut unwirsch sein mit einem so netten, bescheidenen Ding, zumal man selber jung war und im Printtp nichts gegen ein hübsches Mädchen einzuwenden hatte. „Die Küche ist schon geschlossen!" bemerkte Peter bedauernd. „Der Koch ist fort. Haben Sie großen Hunger?" Das Mädchen nickte und seufzte dabei. „Sehr grohenl Seit heute morgen habe ich nichts gegessen." „SchlimmI" Peter schwenkte die Serviette nachdenklich durch die Luft. „Mögen Sie Rührei?" fragte er dann. „Rührei mit Speck?" Die blauen Augen strahlten auf. „Gern!" beteuerte das Mädchen. „Recht viel, bitte! .Auch ein großes Glas Apfelsaft. Und hinterher etwas Süßes, ja? Haben Sie Preiselbeeren?" Eigentlich war das eine entwürdigende Beschäftigung für einen perfekten Kellner mit Sprachkenntniffen: am Herd zu stehen und Eier in einer Schüssel anzurühren. Herr Krause, der Wirt, machte runde Augen, als er seine erste und einzige Kraft dabei überraschte. „Sie ist so klein und verhungert", erklärte Peter verlegen und meinte bas fremde Mädchen. „Schauen Sie nur mal durch die Tür." Herr Krause tat es und schüttelte mißbilligend den Kops. „Was will dieses junge Ding mitten in der Nacht allein in einem Lokal", meinte er ungerührt. „Bring' ihr das Essen und sorg', daß sie zahlt!" * Wir entnehmen dieses Gedicht mit Erlaubnis der Schriftleitung dem Oktoberheft der Zeitschrift „Das Innere Reich". >. -PvlVl UCUUUIIVIV JVH«V « ---- -r ---- . , . Zoo besieht. Einen so himmelschreienden Leichtsinn noch ba»u Frau, hätte er nicht für möglich gehalten. Aber dieses Geschöpf Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckeret R.Lange, Dietzen. „Jawohl!" Er beobachtete mißbilligend, wie sie ein zweites Mal gähnte. „Das schickt sich wirklich nicht. Und was die Laube anlangt — Sie sollten doch wirklich froh sein, Ihr müdes Haupt irgendwo hinbetten zu können. Daß ich Sie nicht mit meiner direkten Anwesenheit belästigen werde, ist ja wohl klar!" - Johanna lachte. „Manchmal erinnern Sie mich an einen alten Onkel von mir", stellte sie fest. „Das ist der mit dem Seifengeschäft, wo ich vom Ersten ab arbeiten soll. Und deswegen bin ich auch durchgegangen. Onkel Jupp ist nämlich ein Scheusal. Außerdem will ich Schauspielerin werden." „Ihr Vergleich ist schmeichelhaft für mich!" sagte Peter gekränkt. „Gut übrigens, daß Sie da sind. Das Stadttheater hat gerade auf Sie gewartet." Morgens erwachte Peter, lange vor dem Wecker. „Sonntag!" überlegte er und streckte sich Zufrieden. „Bis zum Abend frei!" Im nächsten Augenblick kiel ihm sein Besuch ein. Leise tappte er aus seinem winzigen Verschlag hinaus ins ftreie, wusch sich prustend im kalten Brunnenwasser und verfügte sich dann, zart pfeifend, in den Hühnerstall, um nach Eiern für das Frühstück zu forschen. Als er wieder an dem blaukarierten Vorhang vorbeikam, hinter dem das fremde Mädchen seinen vermutlich unbeschwerten Schlummer tat, konnte er der Versuchung nicht widerstehen: er warf einen schnellen Blick in den enaen Raum. Da lag der Eindringling auf dem schmalen Sofa, wie eine Mumie in die flauschige Decke gewicke>t. und lackte ihn aus blanken Augen an. „Ick möchte Frühstück ans Bett!" meldete sich die Helle Stimme schmeichelnd. „Hiebe können Sie haben!" sagte Peter unqalant, riß den Vorhang zur Seite und zielte seinen Bademantel in Richtung Johanna. „Marsch, aufstehen! Ick koche inzwischen Kaffee." Rackher saßen beide einträchtig am hübsch gedeckten Tisch. Johanna strick flink viele Weißbrotscknitten mit roter Marmelade. Wenn Sie Kaffee einschenkte, klirrten die billigen Armreifen an ihren schmalen Händen. Beter hatte indessen noch nicht begonnen, die notierte schuldige Summe zujammenzuzählen, da bemerkte das Mädchen hastig: „Lassen Sie das nur. Ich besitze nämlich keinen Pfennig. Wie bitte?" Der junge Kellner tat, als habe er nicht "fanden. '^Ueberhaupt keinen Pfennig, jawohl!" wiederholte das Mädchen und ^".Mgenttich Mtk^mir das ja denken können!" Peter rparf einen langenBlick über das schäbige Kosferchen, das verlassen am Boden wartete. Richt einmal einen Hut trug dieses armselige ©e^djopf.^Statt beffen halte es ein blaßblaues Band um die langen Locken geknotet. Also Sie können nicht bezahlen?" vergewisserte er sich noch einmal. " „Nein!" Das Mädchen äugte unsicher empor. „Aber mir war schon nanx sckleckt vor Hunger. Und da dachte ich eben —" 6 Joa p«Uten Sie eben die Zeche!" Hochausgerichte stand Peter am Tisch entrüstet und fassungslos über diese laxe Auffassung von Moral. „So jung!" fügte er kopffchüttelnd hinzu, „und schon so hemmungslos. '^D^Mädchen "schrie/eise aus. „Bitte nicht!" jammerte es. „Man darf m'^Das tvir^ ja immer schöner!" sagte Peter streng. „Was haben Sie bennSd)menlUSie nicht so! Das finde ich unfein", bemerkte die Zechprellerin und schien keinerlei Reue zu verspüren. „Gar nichts habe ich ""^Peter' vergaß "seine ^Berusserzi^ung und sank auf den zweiten Stuhl am Tisch. „Und wie denken Sie sich nun das Weitere. fragte er. „Wovon wollen Sie beispielsweise leben — ohne Geld? Das Mädchen hob unschlüssig die Schultern. „Wird schon gehen!" meinte es. Peter betrachtete seine Nachbarin, wie^ mannet nm ein^^eltenes Tier tm f "" ”n n”‘ bei einer Frau, hätte er nicht für möglich geyailen. Aver vnies wemjupi da war wohl noch gar keine Frau. Das war ganz einfach eine Gore. Man müßte Sie überlegen!" bemerkte er aus seinen Gedankengangen heraus. „Sie wissen vermutlich gar nicht, was Sie angerlchtet haben. Zu Hause wird sich doch jemand um Sie ängstigen. Wie alt sind Sie eigentlich?" „Siebzehn!" „Und woher kommen Sie?" Sage ich nicht!" Sie lächelte schelmisch. Ein reizendes Grübchen rechts in der Wange verwirrte Peter vorübergehend. Nun griff das Mädchen nach dem schäbigen Köfferchen. „Ich gehe jetzt. Guten Abend! „Wo wollen Sie eigentlich Übernachten, mein Fraulein? erkundigte sich Peter eisig. „Etwa im Park?" Das Mädchen überlegte einen Augenblick. „Ich gehe einfach spazieren!" sagte es bann. „Kommen Sie doch mit!" Peter band die weihe Schürze ab, bemächtigte sich des Geschirrs und tat noch schnell einen Sprung zur Tür, um sie abzuschließen und den Schlüssel einzustecken. „Sie werden warten, bis ich wiederkomme! befahl er energisch. „Dann werden wir sehen." Als er zurückkam, kauerte die kleine Fremde auf dem Stuhl und schlief. Hilflos und verlassen sah sie aus, wie sie da ^aß, den Kopf matt auf die Schulter geneigt. Peters weiches Herz strömte plötzlich über von Mitleid. Behutsam zupfte er an einer der weichen Korkzreherlocken. „Kommen Sie", sagte er zart. „Ich werde heute für Sie sorgen. Aus der Straße wurde das Mädchen, das Johanna hieß, wieder munter. „In einer Laube wohnen Sie?" erkundigte es sich. „Ganz allein? Wo werden Sie bann heute schlafen?" „Natürlich auch in ber Laube!" bemerkte Peter erstaunt. Das Mäbchen gähnte unbekümmert. „Das schickt sich nicht! stellte „Wie eine Negerin!* fand Peter. Aber eigentlich bewunderte er seinen hübschen Gast restlos. Ueberhaupt, es ließ sich nicht leugnen: dieses ^^Später"tieVsich "Johanna unter heftigem Protest eine alte Schürze aus blauer Sackleinwand umbinden. Murrend machte ste sich auf Unkrautjagd. „Können Sie kochen?" erkundigte sich Peter und tarn hoffnungsvoll mit einer Schüssel voll Karotten herbei. „Weder kochen noch Rüben putzen!" log sie prompt. ,Zch schneide jedesma^n^d e_8' 9^ richtige Drohne!" schalt er unzufrieden. „Ich werde Strudel backen", schlug Johanna beschämt vor. „Sind Zutäten da? Oder wo kann man hier borgen?" „Wehe dem Unglücklichen, der Sie mal heiratet! sagte Peter köpf- schüttelnd. „Merken Sie sich: ein ordentlicher Mensch borgt nichts! Auf ihren schönen braunen Beinen kam Johanna vorsichtig zwischen den Beeten hindurch. Dicht vor Peter blieb sie stehen, legte den Kopf schief und musterte ihn verwirrend lange aus den Hellen Augen. „Schade!" meinte sie. „Zu schade! Einmal wenden Sie genau (em wie 0"Ms^"s^ dämmerte und die Reste eines stattlichen Abendbrotes ab» geräumt waren, schlug Peter einen kleinen Bummel zum Ententumpel vor. Das war ein algenbedeckter Pfuhl, der Stolz der ganzen Lauben» kolonie Schmale, verschwiegene Wege führten dorthin. Es war fr ed» lich und romantisch, unter einem noch matten Sternenhimmel zu laufen. Bon fernher trug der weiche Abendwind den gedämpften Schall einer süßen, schluchzenden Musik. Johanna ging nahe bei Peter. Immer wenn er sich zu ihr wandte, stieg sekundenlang der feine Duft ihres Hellen Haares zu ihm empor. Es roch gut nach Heu und Sommer und glänzte felbft m diesem fahlen Licht noch wie blasses Silber. Einmal streifte sein Handrücken Johannes dünnes, jeidenes Kleidchen. Benommen spürte er die zarte Wärme ihre, weichen Körpers. So gern hätte er nun den Arm um ihre Taille gelegt. Aber sie lief sehr unbekümmert neben ihm her, fchwätzte törichtes Zeug von großen Zukunftsrosinen und war wirklich nichts als ein dummes Ding, das niemand ernst nehmen konnte. . Der Tümpel lag ziemlich verlassen. Johanna erspähte eine ^idyllische Anhöhe, hart an einem efeuverwucherten Zaun. Graziös ließ sie sich im Gras nieder. Wie eine große Dame wies sie einladend neben sich. Unfaßbar, woher dieses Mädchen die Sicherheit nahm! Peter fetzte sich gehorsam und starrte in den tiefblauen Himmel. „Ich muß bald zum Dienst!" meinte er. Es klang lustlos. Gehen Sie doch einfach nicht!" Seine Nachbarin wandte ihm das braune, lockende Gesicht zu. „Wir bleiben lieber hier. Und nachher gehen wir ckanzen!" m .... . Was hatte es für Zweck, diesem leichtfertigen Geschöpf nun einen Vortrag über Pflichtauffassung zu hallen! Peter ertappte sich dabei, daß er Johanna unausgesetzt anstarrte. So reizend sah sie aus, wie sie da saß — schmal und licht, ein graziles Wesen, scheinbar ohne jegliche Erdenschwere. Eine tiefe Hoffnungslosigkeit machte ihn plötzlich traurig. „So ein zartes Ding", dachte er. „Das kann einer wie ich sicher nicht halten. Das ist wie ein silbernes Flügelwesen. Packt man richtig zu, dann behält man höchstens ein bißchen schimmernden Staub zwischen den Fingern." r . _ , , Erschreckt suhlte er, daß Johanna den Kopf leicht gegen feine Schultern gleiten lieft. Von unten her beobachtete sie ihn aufmerksam. „Nett sehen Sie aus!'^Jhre Stimme klang kindlich. Sie rieb die Nase an seiner Jacke und nieste wie ein Kätzchen. Peter sah ganz steif. Er atmete kaum. „Onkel Jupp!" sagte das Mädchen und seufzte leise. Mit der Verzauberung war es vorbei. Dieser neuerliche Vergleich wirkte wie ein Kanonenschlag. „Wir müssen gehen!" Peter sprang auf. Er zündele sich eine Zigarette an und lief voraus. Leise trällernd folgte Johanna. * Spät in der Nacht kehrte er heim und trug verliebt eine Schachtel Konfekt in beiden Händen. Für Johanna! Er hatte es gar nicht erwarten können, endlich nach Haus zu kommen. Behutsam tappte er durch den Garten. Die Tür zur Laube war unverschlossen. Natürlich! Sträflicher Leichtsinn! Doch das Geschirr stand sauber abgewaschen im Fach. Auf seinem wohlgeordneten Bett lag ein eng beschriebener Zettel. Peter mußte tief Atem holen, bevor er sich daranmachte, die steilen Schriftzüge zu enträtseln. „Lieber Peter!" stand da zu lesen. „Gern hätte ich Ihnen noch richtig Adieu gesagt — heute abend am Ententümpel. Aber das haben Sie gar nicht bemerkt. Und als ich es Ihnen zu verstehen geben wollte — Onkel Jupp, wissen Sie! — da wurden Sie wütend. Trotzdem kann ich Sie gut leiden. Sie waren sehr lieb zu mir. Aber bleiben kann ich nicht. Sie wissen ja, daß ich ehrgeizig bin. Ich werde es schon schaffen. Bitte, suchen Sie mich nicht." Peter kehrte bas Blatt um und setzte sich in seiner grenzenlosen Enttäuschung auf die Bettkante. Nahe bei der Petroleumlampe las er weiter: „Noch etwas: damit mir so was nicht gleich w-eder passiert, habe ich von den vierzig Mark im Schrank zehn ausgeliehen. Das ist doch nicht unverschämt? Ich bin überzeugt, Sie hätten mir bas Geld igegeben. Aber Sie sagten heule, daß ein ordentlicher Mensch nichts borgt. Und da traute ich mich nicht. Heben Sie nur den Brief gut auf. Wenn ich berühmt werden sollte, zahle ich daraufhin alles zurück. Auch die Zeche von gestern. Ihre Johanna." „Donnerwetter!" sagte Peter nur. Aber richtig böse werden konnte -er nicht. Er war zu traurig. Dann entdeckte er noch den Nachsatz am Rand: „Uebrigens hätten Sie mich heute am Ententümpel ruhig küssen dürfen. Ich wäre nicht böse gewesen!" Und nun sprang er auf, lief hinaus in den dunklen Garten, versetzte dem friedlich rauschenden Birn- bäum an der Tür einen gewaltigen Tritt und sagte ein zweites Mal, jetzt sehr zornig: „Donnerroetterl"