GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 ___________Montag, -en 15. März Nummer 2\ öet? GieGßin Roman von Theodor Fontane 14. Fortsetzung. „Das ist fatal. Aber es steigert anderseits doch auch wieder den Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem Meere, Luftballons. Ist denke mir, das Nächste, was wir erleben, sind Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel die andre entert. Ich kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben." „Ja, liebe Melusine, das seh ich", unterbrach hier die Baronin „Sie verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die Wirklichkeit und sogar unser Programm. Ich muß angesichts dieser doch erst kommenden Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern, daß für heute noch wer anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor Lorenzen. Von d e m sollte die Rede sein. Freilich, der ist kein Pyrotechniker." „Nein", lachte Waldemar, „das ist er nicht. Aber als einen Aeronauten kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Exzelsior-, ein Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von daher, wo alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe." „Ja", lachte die Baronin, „die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. Wir haben noch das Dritte; das heißt also, wir wissen auch, was wir glauben sollen." „Ja, solle n." „Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was inan soll, so find't fidj's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fohlt auch das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen Vater." „Ach", sagte Melusine, „wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir so heikle Fragen und hören wir lieber von dem, den ich — ich bin beschämt darüber — in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte, von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen, der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen Nährvater unsers Freundes Stechlin. Eh bien, was ist es mit ihm? ,An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen', — das könnt uns beinahe genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn attention au jeu. Unser Freund Stechlin hat das Wort." „Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort", wiederholte Waldemar, „so sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich, was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe. Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen." „Keine Ausflüchte!" „Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in Händen hielt." „Und ich will raten, was es war", unterbrach Melusine. „Nun?" „Ein Buch von Tolstoi. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung von Askese." „Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um 'nen Pormni ' - - „Um einen Portugiesen", lachte die Baronin. „O, ich kenne welche. Sie sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich schon lange her. Ist es nicht so?" „Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt, das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß ein Dichter." „Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen Namen auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber Calderon ist es nicht." „Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon rein landkartlich, nicht mit dem, um den sich's hier handelt Und ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein neuer. Und heißt Joao de Deus." ,Loao de Deus", wiederholte die Gräfin. „Schon der Name. Sonderbar. Und was war es mit dem?" „Ja, was war es mit dem? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: .Dieser Joao de Deus', so etwa waren seine Worte, .war genau das, was ich wohl sein möchte, wonach ich suche, seit ich zu leben, wirklich zu leben angefangen, und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben oder doch wieder geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen. Die zehn Gebote, das war der Alte Bund, der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges Gebot, und das klingt aus in: Und du hättest der Liebe nicht ...'" „Ja, so sprach Lorenzen", fuhr Woldemar nach einer Pause fort, „und sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief: .Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem? Wer war er? Lebt er? Oder ist er tot?'" „.Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das kleine Heft hier. Höre.' Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er las, das lautete etwa so: .... Und als er nun tot war, der Joao de Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen der Hauptstadt waren geschloffen, und die Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt, und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh und zeigten auf den Toten und sagten: Un Santo, un Santo. Und sie taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und nicht f Ü r s i ch.'" „Das ist schön", sagte Melusine. „Ja, das ist schön", wiederholte Woldemar, „und ich darf hinzusetzen, in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit." „Und so schlag ich denn vor", sagte die Baronin, „ daß wir den mit dem C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen wird, vorläufig absetzen und statt seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich • unfern Lorenzen dazu." „Ja, leben lassen", lachte Woldemar. „Aber womit? worin? Les jours de fete ..." und er wies auf das Eierhäuschen zurück. „In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, selbstverständlich über Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich." Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände. Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran, und der Baron sagte: „Das ist ja wie Rütli." „Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!" „So, hat's denn eine Verlobung gegeben? , „Nein ... noch nicht", lachte Melusine. Wahl in Rheinsberg-Wuh. Sechzehnt es Kapitel. Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung, ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und Handschrift sehr wohl wissend, woher und von wem der Brief kam, schob ihn, während Fritz den Tee brachte, beiseite, und erst als er eine Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte, griff er wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ich hätte mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres gewünscht als gerade diesen Brief." Und während er das so vor sich hinsprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, kurz bevor er das Kloster verließ, noch einmal vertraulich feine Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte. „Das Junggefellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine Geheimnisse einüringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst du dazu?" „Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin." „Berlinerin?" „Ja und nein. Die junge Dame lebt feit einer Reihe von Jahren in Berlin und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber eigentlich ist sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und ihre Mutter war eine Schweizerin." „Um Gottes willen!" „Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkubel. ,Lch denke sie mir gar nicht, Waldemar. Ich weiß nur, daß es em wildes Land ist." „Ein freies Land, liebe Tante." „3a, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der'-and hast, so beschwöre ich dich ..." . An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine Störung tarn) das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet worden und nun hielt er ihren Brief in -änden und zögerte, das Siegel zu brechen. „3ch weih, was drin steht, und ängstige mich doch beinahe^ Wenn es nicht Kämpfe gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die find mir womöglich noch fataler ... Aber was hilft es!" Und nun brach er den Brief auf und las: „Ich nehme an, mein lieber Waldemar, daß Du meine letzten Worte noch in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: alb auch in dieser Frage die -eimat nicht auf, halte Dich, wenn es fern kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so sehr verschieden. Ich sehe Dich über solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei. Was ich Ade! nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer alten Nachbar- und Schwesterprooinz, ja, da vielleicht noch reiner als bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem Zusehen auf dem adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen will ich machen. Ich Hobe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von Köln und Aachen; nun ja, die mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn sie nicht katholisch Eid dann sind sie was anders, wo der Vater erst geadelt wurde. Neben n rheinischen haben wir dann die westfälischen. Ueber die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen -errschasten, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so gut wie polnisch und leben vom Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen; immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen, wo schon alles aufhört. Nun, die kenn ich, die find ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto schlimmer. Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so streng und so sehr für unsre Mark bin, so speziell für unsre Mittelmark. Deshalb, mein lieber Waldemar, weil wir in unserer Mittelmark nicht so bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört, unser märkisches Land sei das Land, drin es nie -eilige gegeben, drin man aber aber auch keine Ketzer verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt, Mittelzustand, — darauf baut sich das Glück auf. Und bann haben wir hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine Lehre und in unferm Abel bas reine Blut. Die, wo das nicht zutrifft, die kennt man. Einige meinen freilich, das, was sie das .Geistige' nennen, bas litte barunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es leidet aber nicht), so schadet bas gar nichts. Wenn bas -erz gesund ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Aus diesen Satz kannst Du Dich verlassen. Und so bleibe denn, wenn du. suchst, in unsrer Mark und vergiß nie, daß wir bas (inb, was man so chranbenburgifche Geschichte' nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger Gegend empfohlen fein, von der mir selbst Koseleger — trotzdem seine Feinde behaupten, er be= . trachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne sich fort nach einer Berliner Domstelle — von der mir selbst Koseleger sagte: ,Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht, so findet man immer, baß sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln unsrer Kraft.' Und so schließe ich denn mit der Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der Liebe Deiner Dich herzilich liebenden Tante und Patin Adelheied von St." Woldemar lachte, ,,-eirate heimisch und heirate lutherisch — bas hör ich nun schon seit Jahren. Unb auch bas britte höre ich immer wieder: .Geld erniedrigt.' Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist, bann kann es schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles @elbfrage. .Gelb erniedrigt'. Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist, kann noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante." Während er lachend so vor sich hinsprach, überflog er noch einmal den Brief unb sah jetzt, baß eine Nachschrift an den Rand ber vierten Seite gekritzelt war. „Eben war Katzler hier, der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise stattsinbenden Nachwahl erzählte. Dein Vater ist aufgestellt worben unb hat auch angenommen. Er bleibt boch immer der alte. Gewiß wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, — er litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer bebüntte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. Deine A. von St." 17. Kapitel. Es war so, wie bie Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für Wolbemar noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten einige am.Tage darauf von Lorenzen eintrcffenbe Zeilen diese Zweifel beseitigt. Cs hieß in Lorenzens Brief: „Seit Deinem letzten Besuch Hot sich hier allerlei Großes zugetragen. Noch am selben Abend erschienen Gundermann unb Koseleger und drangen in Deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zuerst natürlich ab; er sei weltfremd und verstehe nichts davon. Ader damit kam er nicht weit. Kofeleger, ber — was ihm auch später noch von Nutzen [ein wirb — immer ein paar Anekboten auf ber Pfanne hat, erzählte ihm sofort, baß vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem .Ich verstehe nichts bavon' aus ber Affäre ziehen wollte, ber bismarckisch-prompten Anwort begegnet fei: .Darum wähle ich Sie ja gerabe, mein Lieber', — eine Geschichte, ber Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat eingero'dligt. Von -er- 'imreifcn ist selbstverständlich Abstanb genommen worben, ebenso vom Rebenhalten. Schon nächsten Sonnabenb haben wir Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen bie Würfel. Ich glaube, baß er siegt. Nur bie Fortschrittler können in Bettacht kommen unb allenfalls bie Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist), einiges abbrotfelt Unter allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du Dich seines Entschlusses reutest. Du kannst es mit gutem Gewissen. Bringen wir ihn durch, o weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag sitzt und daß nur uns alle zu feiner Wahl gratulieren können. Er sich persönlich allerdings auch. Denn ein Leben hier ist zu einsam, so sehr, daß er, was doch fonst nicht seine Sache ist, mitunter darüber klagt. Das war das, was ich Dich wiffen lassen muhte. .Sonst nichts Neues vor Paris.' Krippenstapel geht 'N großer Aufregung einher; ich glaube, wegen unsrer aus Donnerstag in Stech- [in selbst angesetzten Versammlung, wo er mutmaßlich feine herkömmliche Rede über den Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich deinen zwei liebenswürdigen Freunden, besonders Czako. Wie immer. Dein alter Freund Lorenzen." Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich dazu stellen sollte. Was Lorenzen da schrieb, fein Besserer im -ause sitzen würde", war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der Alte war durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden. Und dieser Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß er in dem Wahlkampf unterlag. Diese Bedenken Waldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den Gegnern war, als Sieger aus ber Wahlschlacht heroorgehen müsse. Die Konservativen hatten sich daran gewöhnt. Rheinsberg-Wutz als eine ,,-ochburg" anzusehen, bie ber ftaatserljalfenben Partei nicht verlorengehen könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum, und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen Rücksichtnahme muhte doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit diesem mußt es vorbeisein, eben weil sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel, die gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so, wie Lorenzen an Woldemar geschrieben, „daß ein Fortschrittler, aber auch ein Sozialdemokrat gewählt werden könne." Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der am besten erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür des alten Baruch -irfchfeld gehorcht hätte. „Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten Herrn von Stechlin." „Nein, Vater. Ich werde nicht wählen den guten alten -errn von Stechlin." „Warum nicht? Ist er doch ein lieber -err und hat das richtige -erz." „Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip." „Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan unb hast ihr aufgebunben bas Schürzenband, unb sie hat bir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt um bas christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt, um die öffentliche Meinung. Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir verziehen. Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht." „Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich wähle, wähle ich für die Menschheit." „Geh mir, Isidor, d i e kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen." „Laß sie teilen, Vater." „Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten Teil." Und ähnlich ging cs in andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix für das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch In der Wutzer Gegend die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn fei, von Adel unb Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten bloß immer auf den -immel. Achtstünbiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach Finkenkrug, — das fei das Wahre. So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin herum hoffte man der Sache noch -err werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu können. Im Dorftruge wollte man zu diesem Zwecke beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt. Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von Wutz her heransührenden Kastanienallee mit ber eigentlichen Dors- sttatze gebildet wurde, unb war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste. Vor seiner Front ftanben ein paar uralte Linden, und drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die -auswand herangeschoben, aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden, während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte. Dieser große Saal war ein fünffenftriger Längs- raum, ber schon manchen Schottischen erlebt, was er in feiner Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige Baßgeige, bie jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen märe, guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen -aste von der Musikempore her über die Brüstung fort. (Fortsetzung folgt.) Beim Schlage der Stutzuhr. Von 6. G. Kolbenheyer. Von deinen Rusen in meine Zeit, Deinen dunklen und Hellen, Glitten die meisten auf schwingenden Wellen Ungehört in di« Ewigkeit. Ich war in Buch und Schriftwerk versunken, (Was sollte dein Schlagen!) War von den ringenden Menschheitstagen Weiter Gesichte trunken. Du hast den treuen Schritt deiner Zeit, Den sonnebemeßnen, Stetig erfüllt, den im Traum« vergehnen Stets zu künden bereit. Ewiger Sterne voll ist dein Gang, Und er huschte vorüber. Fand zu den endlosen Masten hinüber. Was mir gelang? Am amerikanischen Nil. Von Joses Ponten. Der Nil ist die große Oase Nordafrikas, eine Fluhoase. Er wird genährt von den abessinischen Gebirgen. Ihm entspricht in Amerika der Rio Grande del Norte, gespeist aus dem südlichen Felsengebirge. Beide Ströme sind in ihrem Unterlauf ohne Nebenflüsse. Sie unterscheiden sich dadurch, daß di« Fruchtbarkeit der Nil-Oase nicht nur aus dem schwellenden Wasser der Schneeschmelze, sondern auch auf dem mitgeführten und im überschwemmten Lande niedergeschlagenen Schlamm beruht, während die der Rio-Grande-Landschaft nur dem ziemlich stetigen, durch Abzapfung und Ableitung genutzten Wasser gedankt wird. Im Wesentlichen aber sind Nil und Rio ähnlich: beide sind auch in der Trockenheit ausdauernde Flüsse in Durstländern. Da die zwei Hauptfaktoren der Fruchtbarkeit Feuchtigkeit und Wärme sind, so ist im allgemeinen die Wüste, die Wasser hat (fließendes Wasser, denn stetiges verdampft zu Salz), wider alles Laienerwarten sehr fruchtbar. Eine Schwärmerei hat der Wüstenreisende für den vasensluß; sie braucht nicht begründet zu werden. Nach tage- und wochenlangem Anblick von braunen, gelben und roten Sanden oder grauen Krautsteppen erfrischt der bloße Anblick von fließendem Wasser das Gemüt, man wird es nachfühlen. Wir kamen an den Rio Grande del Norte noch langer Kroftwagen- fahrt durch die Steppen von Texas bei dem ordentlichen Städtchen Del Rio und gingen über ihn ins Mexikanische hinüber in ein malerisches Nest, wo wir scharfgewürzte mexikanische Fischgerichte in Teig- oder Blätterumhüllung aßen und wieder einmal Wein tranken. Dunkle Männer unter riesigen Filzhüten gingen an der offenen Schenk« vorüber. Es war Frühnacht, und wir hörten vom Fluß mehr denn wir sahen, als wir über die Holzbrücke ins Amerikanische zurückgingen. Dann mußten wir von neuem in Steppen, Prärien und Wüsten hinein, wir kreuzten trockne bunte Canontäler und auch das nasse des Nebenflusses des Rio Grande, das des Rio Pecos. Ihn überschritt nach Westen, heißt es, einstens einmal der Bison auf seinen Jahreszügen durch die Prärien — als das heilige Tier der Indianer noch nicht der furchtbaren Dämonie des Schießgewehres der Weißen erlegen war. Wir kamen in phantastische Landschaften des Trockenklimas, bunt von Farbe und aberteuerlich von Form. Die meist schwarzen und fast immer harten Stoffe eines späten Vulkanismus lagen über den Hellen Sanden und Mergeln eines Binnenmeervermächtnisses. Sonnenauf- und Untergänge überfärbten das farbenreiche Land. Aber an den grellen Mittagen und ersten Nachmittagsstunden mit einförmigem und ertötendem Licht war das Steuern für den Fahrer eine nur halbe Lust, die zur Augenqual wurde, wenn die Westfahrt genau in die gleißende Sonne hineinging. Man schützt sich mit grünem Stirnschirm aus Zelluloid und gelben Augengläsern; aber es kam wohl vor, daß gehalten werden mußte und der Fahrer um zehn Minuten Ruhe bat. Das Gesicht in den dunklen Wagen gekehrt, fiel er sofort in einen kurzen erregten Schlaf. Doch das Licht war nicht allein die Mittagsqual. Um Mittag erhebt stch, wie meist in heißen trockenen Ländern, der Wind. Die durch Bodenbestrahlung erhitzte Luft steigt auf und rührte sich durcheinander. Sandhosen stehen in der Wüste auf, im sonnenklaren, weiten grenzenlosen Lande ziehen sie wirbelnd ihre Straße, und es ist oftmals nicht durch langsamer oder schneller Fahren zu vermeiden, daß der Wagen in den in seinem Gang nicht berechenbaren Wirbel hineingerät. Dann wird es einen Augenblick kühl, der Sand reibt aus Haubenblech und Scheibe, knirscht auch bald zwischen den Zähnen und wird aus ben Augenwinkeln gerieben. Früher, als di« Lackfarbe des Wagens noch nicht gebrannt wurde ereignete es sich, daß Kraftwagen aus einem solchen Sturm, durch das Sandgebläse nackt gemacht, in der reinen Aluminium- oder Blechfarbe des Aufbaus herauskamen. Immer sieht man in der Stunde der hohen Sonne die gelben Sandhofen durch die Landschaft tanzen, und öfter erblickt man auch Sandstürme, breite, dunkle, gewitterbahnähnliche Gebilde, wie sie über oie blauen, fernen Randgebirge herauf- und fernabziehen. Ziehen sie nicht fernab und fürchtet man ihr Herllberkommen, so sucht man wohl einen Unterstand. Aber wo finden? Meilen und Meilen entfernt liegen die Siedlungen, man fährt wohl zehn, auch zwanzig Meilen nach der Karte, auf der ein „Ort" eingetragen ist, und findet vielleicht ein« einsam« Benzinstatton. . , . ..... Einmal stieg die dunkle Sandwand gerade vor uns auf, der nächste Ort vor uns, ob auch weit entfernt, war näher als der nächste hinter uns. In jedem Fall würden wir in den Sandsturm hineingeraten — asio hindurch! Die Temperatur siel. Die Sonne verschwand. Die Luft wurde undurchsichtig. Die Nähe verhüllte sich tief. Und dann kam der Sturm. Er überschüttete uns mit Sand. Es war so unsichtig vor den Augen, daß ich nur wenige Meter über den Kühler hinausschauen konnte und aufs Gratewohl und auf gut Glück fuhr. Es war mir bekannt, daß in diesem Amerika, in dem der Wind im Durchschnitt und allgemeinen die doppelt« Stärke des Windes in Europa hat, Kraftwagen vom Sturm wohl aus der Bahn gehoben, fortgeschleudert und auch zertrümmert werden. Aber dieser Sturm war nur schwach .. Die Wand war bald durchfahren, die Sonne erschien wieder, eine rote Scheibe in der Sandluft, die Atmosphäre beruhigte sich, Sand und Sturm waren hinter uns. r au|! Denn diele waren alle geschlossen worden, um mit hohlem Wageninnern dem Wind keinen Hebepunkt zu bieten. Der Schweiß zog Bäche über die sandbedeckten Stirnen Das Innere des Wagens war mit Sand bedeckt, daß, als über einem unbeobachteten Loch der Wagen einen Hopser machte, eine Wolke von Sand aus den Polstern aufrauchte. Mund, Augen, Ohren voll Sand. Die Uhren in der Tasche hatte eingedrungener Sand zum Stehen gebracht. Die photographischen Apparate in ihren Kasten, die Kleider in den Koffern, wie sich nachher herausstellte — in allem war Sand. Und die Fußbremse versagte. Der mehlfeine Sand war auch in die Bremsgestänge eingedrungen und hatte die Schmierbüchsen verstopft. Da hieß es mit dem Oel freigebig sein. Man wird mir die Genugtuung glauben, die wir' empfanden, als wir an die Flußoase kamen. Kamen? Wer der Verkehr wurde, eines Streckenbaus wegen, für eine Meile durch die Wüste umgeleitet. Bald saßen wir in den Sandschanzen fest. Erster Gang und Vollgas — doch die Maschine gab einige erbärmliche Töne von sich, die Hinterräder drehten sich im Leeren — im Sand. Noch einmal der Versuch, und wieder, das Gettiebe sang sich hoch — der Wagen stand. Hinaus und mit den Händen den Rädern Bahn geschaffen. Der Sand war heiß von der Reibung der Räder in ihm — umsonst. Vor uns steckte ein Omnibus in der Wehe, und hinter uns war bald eine Kolonne von anderen Wagen aufgefahren. Und alle Maschinen sangen. Und alle Hände gruben. Wir sind losgekommen, als wir dornige Trockengewächse der Halb- steppe herausrissen und sie in die tiefen Spuren vor den Rädern stopften. Vor uns wackelte der Omnibus durch die Hügel der Hartgewächse. Schließlich brachte die brave Maschine uns hinaus auf das Harte der Straße. Die Oase! Oase ist eines der kostbarsten Worte des Menschen. Da war der Rio abgeleitet,' in breiten Kanälen floh das starke Wasser entlang den Leisten des Tales und netzte durch wohlregulierte Auslässe den Talgrund. Das Land war rot. Und Grün stand darauf. Grün von einer Farbkraft, wie man sie sich nicht denken kann. Und Pfirsichbäume und Pappeln. Und wir kamen nach El Paso. „Der Paß" von Mexiko. Ein« eintönige, ordentliche, amerikanische Stadt, ihre Ordentlichkeit hat sogar auf das über dem Rio liegende mexikanische Juarez abgefärbt. Eisenbahnzüge einer uns nur zu gut bekannten Art rollen herein: der erste Teil der Züge bestand aus Personenwagen mit Männern in Khaki an den Fenstern, der zweite aus offenen Loren mit Kanonen darauf, der dritte aus geschlossenen Loren, aus den Schiebefenstern steckten durstige Pferde die Köpfe. Am anderen Tag fahren wir im Riotal nach Norden. Ja, das ist der Nil! Eine langgestreckte rote Oase mit dem intensivsten Grün der Pflanzungen und so breit oder schmal, wie das Wasser zugeführt werden kann. Darüber hinaus Wüste, beschlossen von schönen, kahlen Bergen mit spanischen Heiligennamen. Die Dörfer gesund und stattlich, die kubischen Häuser wie in Aegypten aus Lehm, der an der Sonne stein- hart wird, erbaut, die Männer in riesigen Sombreros, die Frauen in bunten Seidenschals, denn es ist Sonntag. Auch die Kirchen aus Lehm, die Mauern geböscht wie die ägyptischen Steintempel, denn dies« für den Steinbau unnötige Böschungsform ist in Aegypten (Überlieferung aus dem Lehmbau. Die Pfirsichbäume hlühen zartrosa, di« Pappeln, cottonwood, Baumwollbaum, geheißen wegen der flockigen Blüten, führen mit zartem Grün den Blick weit hinauf, wo man den Rio nicht mehr sieht, als Begleiter des Flusses. Der graue Baum mit der rissigen Rinde ist der Charakterbaum dieser Wüsten; er steht immer dort, wo offenes Wasser ist. Es ist ohne Frage derselbe Saum, den Hedin aus den Wüsten in Turkestan und den Tarim entlang abgebildet hat. Die Straße, dem Wohlstand und dem Verkehr der dicht besiedelten Gegend entsprechend, ist in gutem, ja in bestem Stand. Auf der Zementdecke dahingleitend, die Morgensonne im blauen Gezelt über uns — und Sonntagsstimmung und die Genugtuung über die Oase nach der Wllsten- fahrt in uns — es war eine herrliche Fahrt! Die Maschine hatte ihre Anstrengung von gestern und vorgestern vergessen, wie wir. Aber es kam wieder der Mittag und. sein ödes Licht, die Landschaft wurde von Bewohnern leer, die Menschen gingen in die Kühle ihrer fast fensterlosen Häuser, Sandhosen standen wieder am Rande der Wüste auf und wagten sich auch in die Fruchtgelände, wo sie, ungenährt, bald zusammenbrachen, die schönen, farbenfrohen Vögel Amerikas, „redwinged blackbirds" — schwarz mit roten Streifen auf den Flügeln gleich Ehrenlegionsbändern auf Fräcken — „bluebirds", taubengraue Vögel, vom herrlichsten schimmernden Blau, suchten den Baumschatten; aber wir Reisenden mußten fahren. Der Abend ist das Herrlichste in der Wüste. Es ist, als ob die Natur durch Kühle der Luft und Entfaltung von Farben um Vergebung bitten wollten für das, was sie am Tage dem Auge und Gemüt des Reisenden auszustehen gegeben hat. Den Fluß mit den zarten Farben seiner Vegetation mußten wir verlassen, denn Terrassen, die er in diesen stofflichen Niederschlägen eines tertiären, einst zwischen den Randbergen stehenden Binnenmeeres ausmodelliert hat, schoben sich heran und es ging hinauf und hinab durch die trodenen Täler der Zuflüsse der Regenzeit auf nicht ungefährlichen Wegen. Die Hupe tönte unaufhörlich vor den kiesigen Nasen und Krümmungen. Aber die am gänzlich wolkenlosen Himmel in Gelb und Gold untergehende Sonne zauberte ein Blau und bann ein Violett über die Serge, wie wir es wahrlich niemals gesehen haben. Heranttoortlid) Dr. Kan« Thyriott — Druck und Verlag: Vrühl'sche LlniverlttätS-Duch» und Stetndruckerei. A. Lange, Sieben. panje. Bon Peter Bauer. „Aus dem Land gehört in jedes Haus eine Rahe", sagte die Frau und seszte einen kaum mehr als handgrossen schwarzen Kater aus die Wirts- Hausbank neben ihren Mann. „Auch in ein Gasthaus?" knurrte er. Die Frau nickte nur. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehörte dem kleinen Schwarzen. „Sieh nur, er will etwas von dir!" lächelte sie. Das Katerchen schwenkte seinen Schweif nach dem Wirt, hob seine bernsteingelben Augen zu ihm aus und miezte einen Seufzer, wobei das rosige Zünglein sichtbar wurde. „Er wird Durst haben", sagte der Wirt und nahm das Kätzchen auf seinen Arm. Ein einsamer Gast, der am Nebentische saß, kam herüber und streichelte das samtne Fell: „Das gibt ein schönes Tier!" behauptete er mit der Miene eines Kenners. „Ich glaub' es auch", schmunzelte der Wirt, schon ein wenig stolz auf den neuen Besitz, und alle drei zogen vergnügt zur Küche, um dabei zu [ein, wie das Kätzchen feinen Durst stillte. Es schlappte ein wenig Milch, schüttelte das Schnäuzchen, lief um den Teller, schnupperte in die Lust und sträubte plötzlich, am ganzen Körper zitternd, sein Fell. „Der Hnnb!" schrie die Frau. „Pfui, Tyrasl" Aber es wäre schon um den kleinen Kater geschehen gewesen, hätte der Wirt nicht die hereinstürniende Dogge am Halsband gepackt. Tyras war ein berüchtigter Katzenseind. Wenn er eine erwischte, war sie erledigt. Er biß ihr mit einem Zugriff das Genick durch und schleuderte sie beiseite. Die wirst dich an den kleinen schwarzen Herrn gewöhnen müssen", sagte der Wirt zu der wütenden Dogge, die vergeblich an ihrer Fessel zerrte und sich fast den Hals zuzog. „Das wird er schon", meinte der Gast und verließ mit dem Wirt, der den Hund hinaussührte, die Küche. „Aber wie soll er heißen, der kleine Kater?" rief die Frau ihnen nach. „Ja, wie soll er heißen?" echote der Wirt stehenbleibend, und alle drei senkten sinnend die Stirne. „Mohrcheni" meinte die Frau. „Peter, der schwarze Peterl" schlug der Gast vor. Aber der Wirt schüttelte den Kopf. „Ich hab'sl" rief er nach einer weiteren Denkpause triumphierend. „Panse heißt er, der kleine schwarze Herr! Das erinnert mich an meine Kriegsjahre in Polen!" Beete von Veilchen waren die Berge. Bald aber stieg im Osten über dem tiefen «ergblau das kalte, leere, leichte Blau des Schattens herauf den der Ball der Erde wirft, der kosmische, slachrunde Schatten stieg in dem Maß, in dem im Westen die Sonne unter den Horizont tief und tiefer versank, im Osten hoch und höher, und die Sterne der er- lösenden Nacht blinkten herein und immer stärker herein. Mit einem Kleide. Bon Eduard M ö r i k e. Drunten in des Kausherrn Warenhalle Sehnte sich ein Kleidchen schon (eit lange [Ohne daß es drum, versteh' mich! eben, Was man sag«, ein Ladenhüter wäre), Sehnte sich aus des Gewölbes Schatten An das Tageslicht, in Lust und Sonne, Einem guten Mädchen oder Fräulein, Das so um die vierunddreißig stünde, Angeschmiegt vom. Hals bis aus die Knöchel, Sich mit ihr im Zimmer, durch den Garten Und aus Markt und Straßen zu bewegen. Et, da kamen wir zur guten Stunde, Sahn der schönen Ware eine Menge, Mit noch schönem Worten angepriesen, Ausgebreitet vor uns auf den Tischen. Doch dies Kleidchen sprach zuletzt bescheiden: „Wählet mich! dem heißen Sommer bin ich Und dem kühlen Herbst gerecht, an Farben Mild, und linde fallen meine Falten. Nehmt mich mit! Ihr kaufet nicht zu teuer.' — Nun, in kurzem war der Handel richtig, Und hier ist es, dir zum Dienst gewidmet. Sieh! es frembet noch, beschämt, ein bißchen, Ungewiß, ob es gefallen werde. Doch es darf durch manche stille Tugend Hassen, mit der Zeit sich wert zu machen: Fühlt es doch in dem und jenem Stücke Sich voraus der lieben Herrin ähnlich. Wenig wird es dich ins Schauspiel locken, Zu Konzert und Prunkvisiten wenig; Eher können Dors und Wald es reizen. (Wundershalb nur möchf es dieser Tage Gleich einmal die Eisenbahn versuchen.) Aber ach, was will ein armes Kleidchen Heul' bedeuten in des Mannes Händen, .Der dich gar zu gern, o Allerbeste, Um und um in seine Liebe hüllte, Daß du, nur in diesem Aeiher wandelnd, Dich wie heute fühltest alle Tagei „An Ihr Lieblingsthema!" ergänzte der Gast, der Bescheid wußte, was der Wirt schmunzelnd bestätigte. ........ ,, „Panje?" wiederholte die Frau und zog die Mundwinkel schies, wett sie nichts mit dem Namen anzusangen wußte. Herr heißt das auf Deutsch!" Harte sie der Mann auf und schritt, sich stolz in die Brust werfend, mit dem Gast in die Wirtsstube zurück. Und es blieb dabei. Das heißt: der Wirt nannte den rasch und prächtig sich entwickelnden Kater „Panje", während die Frau ihn „Zitz, Ziß lockte. Und der Kater hörte aus beide Anruse und hatte seine Borteile ba°4(u(f) mit Tyras, der Dogge, kgm der Samtpfotige bald in ein gutes, ja brüderliches Verhältnis. Sie fraßen zusammen aus einem Teller, und schließlich schienen dem Hund die Tollheiten des Katers zu gefallen denn er duldete sogar, daß der Schwarze ihm gelegentlich auf den Nucken sprang und sich ein Stück tragen ließ. danjes Fell verdichtete sich bald zu einem üppigen, weichen und leibigen Pelz, ber jebe Hanb zur Liebkosung verlockte. Aber Panje zeigte sich für Schmeicheleien von Fremben wenig empfänglich unb entzog sich ihnen meist mit einem überrafdjenben Fluchtsprung. (Einer feiner stillen Bewunberer war ber junge Lehrer aus bem Nach- barborf, bas eine Wegstunbe entfernt im Tal lag. Er tarn Purstes wegen fast täglich zum Dämmerfchoppen, wozu er sein Fuhrrub einen langen Anstieg herausschieben mußte. Eines Abenbs rückte er nach vorsichtigem Umschweifen enblich mit feiner Bitte heraus, ihm ben Kater zu über, (affen unb legte bem Wirt brei Markstücke auf ben Tisch. Dieser lächelte unb ging in bie Küche, um mit seiner Frau zu sprechen: Der Lehrer sei sozusagen ein Stammgast geworben, unb er biete brei Mark bazu, ba dürfe man seinen Wunsch nicht abschlagen. Sie bekomme immer wieber einen neuen Panje im Dorf. ., Aber keinen so schonen wie diesen", widersprach die Frau, und ihre Augen schwammen in Tränen. Doch schließlich gab sie nach und verließ das Haus, weil sie die Berschieppung Panjes nicht mit ansehen könne. Als sie wieberkam, zeigte ihr der Mann seine zerkratzten Handrücken. Es sei keine leichte Arbeit gewesen, den Krallsüchtigen in eine Kiste zu bringen. „Unb wenn Panje zurllckkehrt?" fragte bie Frau. „Der Lehrer muß ihn bie ersten Tage einsperren, so schlau wirb er schon sein!" antwortete ber Wirt. Aber entweber war ber Lehrer nicht so schlau ober Pan;e war schlauer, benn am nächsten Morgen saß ber Schwarze wieber in ber Küche unb schlappte mit Tyras aus einem Teller. Nachmittags hotte ihn ber Lehrer wieber. Die Gefangennahme verlief noch schwieriger als bas erste Mal. Die Frau vernahm im Keller bie wilbe Iagb unb sah später neue blutige Schrammen unb Nisse an ben Hänben ihres Mannes. Dem Lehrer habe ber schwarze Teufel in ben Daumen gebissen, erzählte er. „Unb wenn er roieberfommt?" fragte bie Frau. „Diesmal kommt er nicht wieber!" prophezeite ber Mann finster. Unb wirklich! Ein Tag nach bem onbern verging, eine Woche verstrich unb bie zweite: Panje blieb fort. Vergebens suchte bie Frau morgens unb abenbs alle Winkel bes Hauses unb seiner Umgebung 4b: ihre Hoffnung auf Panjes Rückkehr war am Erlöschen. Da, am Sonntag ber britten Woche, sie wollte ihren Augen nicht trauen — saß Panse morgens in ber Küche unb leckte ben Hunbeleller sauber. Er sah völlig verelenbet unb verkommen aus. Das glanzlose, struppige Fell hing grau voll Staub unb Schmutz. Schmeichelnb brückte er sich gegen bie Röcke ber Frau unb schnurrte vor Freube, ba sie ihn streichelte. Auch mit ber Dogge, bie vor Begeisterung bellte, tauschte er zärtliche Begrüßungsgesten. Nur vor bem Wirt begann er zu fauchen unb bie Zähne zu fletschen. Unb bas würbe auch in ben folgenben Wochen nicht anbers, was ben Wirt allmählich wurmte. Außerbem ärgerte er sich über ben Lehrer, ber nichts mehr von sich hören ließ. Es mußte boch alles seine Richtigkeit haben, unb bas war nicht in Ordnung, daß er die Katze und das Geld befaß. Flüchtig dachte er daran, dem Lehrer das Geld zu schicken, ober die brei Mark waren ihm zu lieb. Panje, ber Unversöhnliche, mußte verschwinben. War in bem Gesicht bes Schwarzen, der sich wieber glänzenb erholt hatte, nicht ein Ausbruck wie Verachtung, wenn er mit einem lautlosen Sprung voll Geschmeibigkett unb Kraft an ihm vorbeifetzte? Er schlich eines Morgens in aller Frühe mit einer alten Militärpistole in ben Saal, ber an seinem Hof entlanglief, unb öffnete geräuschlos ein Fenster. Da saß, wie er vermutet hatte, Panje auf bem Mäuerchen bas fein (Eigentum gegen bes Nachbars Miste abgrenzte, unb blinzelte zu ben Hühnern hinüber bie ohne (einer zu achten, in Dem aufgehäuften Dung scharrten unb pickten. Der Wirt überlegte nicht lange und knallte tos. Nachher würde er ben Leichnam im Garten vergraben. Aber er (and feine Spur von Panje, sondern ein Huhn, bas mit zuckenben Ffüaeln verendete. Und drüben beim Nachbar wurden die Fensterläden aufaeftohen, da galt es zu handeln. Er nackte das Huhn, überreichte es bem Nachbar, ber geruhe an ber Tür erschien, samt brei Markstücke» unb erzählte ihm Panjes Geschichte. Das verbutzte Gesicht bes Mannes klärte sich msehenbs auf, unb zuletzt lachte er unb schüttelte bem Wirt herzlich die Hand, als er mit einem zagen „Nichts für ungut, Nachbar!" feine Schilderung schloß. Und mittags lachte er noch einmal, ba ihn bie ftühnerfupnc fräftio anduftete. Unb auch bie Frau bes Wirtes lachte still in sich hinein, als sie Panse mit Tyras zusammen aus einem Teller schlappen sah. Und die Dörfler schmunzelten vergnügt, gls sie bie Neuigkeit vernahmen. Aber schließlich kam auch ber Wirt auf seine Kosten: so viele Abenbfck'ovven waren lange nicht bei ihm getrunken worben wie in ben folgenden Togen, wo er immer wieder erzählen mußte. Denn jeder wollte die Geschützt,- »on ihm selbst hören, unb keiner ließ bie Frage aus: Wie in aller Welt bie Katze zu bem seltsamen Namen komme. Unb 6a mar er ja bei feinem Lieblingsthema.