GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 193Z Montag, -en tS.Zebruar Nummer 13 Der GtechNn Vornan von Theodor Fontane 7. Fortsetzung. . 9roße Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemün- oet, ftteg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung errt*^ .Wtte, lag das Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen in verhältnismäßiger Nähe vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses Be- troffenfem über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden Land- Ichafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders w«r ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein. „Die große Feldsteingiebelwand", sagte er, „so gewagt im allgemeinen bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich in das Jahr 1375, also Landbuch Kaiser Karls IV., setzen dürfen." . ..Wohl möglich", lachte Woldemar. „Es gibt nämlich Zahlen, die nicht gut widerlegt werden können, und .Landbuch Kaiser Karls IV.' paßt beinah immer." Rex hörte darüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge zustrebte. ,,Ja, meine Herren", hob er an, „das geschmähte Mittelalter. Da verstand man's. Ich wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereift ist: Platzfrage geht über die Stilfrage.' Jetzt wählt man immer die häßlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man sah besser." „Gewiß", sagte Czako. „Aber dieser Angriff auf die Brillen, Rex, ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle so viel operiert ..." Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick mächtige Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. Man hielt an und jeder zählte „Vier". Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann eine zweite und tat auch ihre vier Schläge. „Das ist die Kkosteruhr", sagte Czako. „Warum?" „Weil sie nachschlägt: alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. Aber wie dem auch fei, Freund Woldemar hat uns, glaub ich, für vier Uhr angemeldet, und so werden wir uns eilen müssen." Kloster wuh. 7. Kapitel. Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen Fritz, der dabei näher an die voraufreitenden Herren herankam. Das Gespräch schwieg ganz, weil jeder in Erwartung der kommenden Dinge war. Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin; als man aber bis in unmittelbare Nähe von Kloster Wutz gekommen war, hörten diese Pappeln auf, und der sich mehr und mehr verschmälernde Weg wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen- und Blumenbeeten und mit vielen Dbftbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt fallen. „Der Garten hier links", sagte Woldemar, „ist der Garten der Domina, meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es find aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben sind — aber sie sterben selten —, so sind es noch weniger." Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch eine Maueröfst ung in einen großen Wirtschaftshof eingeritten, der baulich so ziemlich jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte, mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich alles bequem überblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinandergeworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen. „Es erinnert mich an den Palatin", sagte Rex, „nur ins christlich Gotische transponiert." „Gewiß", bestätigte Czako lachend. „Soweit ich urteilen kann, sehr ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband." Damit brach das Gespräch wieder ab. In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsam genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langfeite hin. Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite, parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude die Remisen und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben' nur noch die zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von Ho- lunderbuschen übergrünte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende mächtige Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim An- ritt aus einiger Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit alles unter ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben und nur das eine konnte wieder beruhigen, daß sich auf höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar eingeniftet hatte. Störche, deren seines Vorgefühl immer weiß, ob etwas hält oder fällt. Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die Feldstemtrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte, und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall, so auch hier Bescheid wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der andern Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzufuhren, wahrend Rex und Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten Flur eintraten. „Ich habe dein Telegramm"» sagte die Domina, „erst um ein Uhr erhalten. Es geht über Gransee, und der Bote muß weit laufen Aber sie wollen ihm ein Rad anschaffen, solches, wie jetzt überall Mode ist. Ich sage Rad, weil ich das fremde Wort, das so verschieden ausgesprochen wird, nicht leiden kann. Manche sagen ,ci‘, und manche sagen ,schi'. Bildungsprätensionen sind mir fremd, aber man will sie doch auch nicht bloßstellen." Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren bis an die unterste Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. „Du wirst so gut fein, Woldemar, alles in deine Hand zu nehmen. Fuhre die Herren hinauf. Ich habe unser bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr angeordnet; also noch eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren." Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat war ausgestellt worden, was in Erwägung der beinah liliputanischen Raumoerhältnisse durchaus passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an ebenso vielen Türhaken hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder gestört hätten. Rex, der sich — ihn drückten die Stiefel — auf kurze zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente sich eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein Gesicht in einer der kleinen Waschschüsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe der Handtücher lobte. „Sicherlich Eigengespinst. Ueberhaupt, Stechlin, das muß wahr fein, Ihre Tante hat fo was; man merkt doch, daß sie das Regiment führt. Und wohl schon seit lange. Wenn ich recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa." „Oh, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig." „Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert." „Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug solcher, die man .schlank' nennt. Beiläufig ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit natürlich auch; sie kann nichts nehmen, wo sie nichts mehr findet. Aber ich denke Rex tut mir übrigens leib, weil er wieder in feine Stiefel muß — wir begeben uns jetzt nach unten und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante. Sie wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren ßieblinq vor- züstellen." „Wer ist das?" „Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so kommt jeder bald wieder an die Reihe. Während ich das letztemal hier war, war es ein Fräulein von Schmargendorf. Und es ist leicht möglich, daß sie jetzt wieder gerade dran ist." „Eine nette Barne?" „O ja. Ein Pummel." Und wie vorgefchlagen, nach kurzem „Sitfjabjuftieren" in der improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in Tante Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt und etwas altmodisch war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke, wirkten in dem niedrigen Raum beinahe grotesk, und die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen, ziemlich modernen Astrallampe daraus, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer am Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier hängenden Schlachtenbilde: „König Wilhelm auf der Höhe von Lipa". Trotzdem hatte dieses stillose Durcheinander etwas Anheimelndes. In dem primitiven Kamin — nur eine Steinplatte mit Rauchfang — war ein Holzfeuer angezündet; beide Fenster standen auf, waren aber durch schwere Gardinen so gut wie geschlossen, und aus dem etwas schief über dem Sofa hängenden Quabratfpiegel wuchsen drei Pfauenfedern heraus. miteinander sprechen zu können. den der Domina herüberreichte. Rex führte die Tante. Dann folgte Waldemar mit Hauptmann Czako, weit genug ab von T *? . Erlauben Sie mir", sagte Adelheid, „Sie mit meiner lieben Freundin Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako^ Ministerialasfessor von Rex... Meinen Neffen, liebe Schmargen- ^o^Adelheid als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem Gürtel hervor und sagte: „Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe mein liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, — Frau- lein von Schmargendorf wird ohnehin ihre Tischdame sein. Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rurcklich einige vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von densieben Schönheiten über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte sie, soweit sich ihr „Kredit" feststellen lieh, nur die Büste. Sie war sich dessen denn auch bewußt und trug immer dunkle Tuchkleider, mit einem Sammetbesatz oberhalb der Taille. Dieser Besatz bestand aus brei Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer s'del, zunächst °us gluck lidier Natüranlaae, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte. Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl kernen rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es Nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter nach unten ging Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader I Granatbrojche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben mittelgroßen Steine, die einen größeren und buckelartig vorspringenden umstanden, die „Sieben-Kursürsten-Brosche" nannte. Der W lagere ftols ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: ,Mickelkinder, Wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, sangen sie an zu schreien." Man sah ihr an, daß sie nur immer vorübergehend >n einer höheren GesellfchaftsspIäre gelebt hatte, sich trotzdem aber zeitlebens der angehörigen Zugehörigkeit zu eben die en Kreisen bewußt gewesen war. Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billi- aen Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem natürlichen Verstand, sondern unter Umstanden auch voller Interesse für ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte. Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und Esato aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. „Ich muß Ihnen noch einmal aussprechen, meine Herren, wie sehnlich bebaure, Sie nur so kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.' „Du vergißt mich, liebe Tante", sagte Woldemar. „Ich bleche dir noch eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin erzähl ich dir eine Welt und — beichte." , Nein nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir recht Diel' recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen Beigeschmack. Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ,Deichte ei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin — aber bas fei nun freilich schon sehr, sehr lange her — einen Geistlichen gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt. Das finde ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu Fix geäußert Aber andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig, einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir jebesmal eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?" n . Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Ezako: „Ja, Ezako, da sehen Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina — verzeih Tante — bildet eben ein seines Unterscheidungsvermögen aus. Die' Tante lächelte gnädig und sagte: „Herr von Ezako ist Offizier. Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wachst auch. Und bas Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als Unglaube." „Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?" ____ „’Rein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den Neben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt ihn. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar der Papst in Rom, der ein Obergott fein will und unfehlbar." , Czako während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam aus die verwegene Idee, für Papst und Papsttum eine Lanze brechen zu wollen, entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm, daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur eine rasch vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Dante Adelheid, das Thema wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune fort: „Ich habe die Fenster offnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie vielleicht auffordern, noch eine Promenade durch unfern Garten zu machen? Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier haben. Nur der unseres Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See. Rentmeister Fix, der hier alles zusammenhält, ist uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen (Bartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig uni> doch immer durchaus diskret. Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren müssen sich also mit mir begnügen und mit einer unsrer Kon- oentualinnen, einem mir lieben Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, die man bloß bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln getrieben hat. Ein gut Gewissen ist da beste Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen." Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, druckte wiederholt seine Zustimmung aus, während Ezako beklagte, daß Fix verhindert sei. „Solche Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke Fühlung haben und genau wissen, wie's einerseits in den Schlössern, andrerseits in den Hütten der Armut aussieht, das ist immer in hohem Maße fördernd und lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern verzichte." Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie. Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine ganze Länge hin zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links und rechts, in wohlgepflegten Beeten, Ritterfporn und Studentenblumen blühten. Gerade in feiner Mitte weitete sich der fönst schmale Gang zu einem runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das eingelegte blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten natürlich aus der Globsower „grünen Hütte". Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man eines etwas schiefen Bretterzaunes anfichttg, mit einem Pflaumenbaum dahinter, besten einer Hauptzweig aus dem Nachbar garten her in Nun Czako", Tagte Woldemar, „bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein "bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen gar nicht sagen rote gern ich in diesem Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich als Junge hundertmal gespielt und in den Birnbäumen gesessen; damals standen hier noch etliche, hier links, wo jetzt di« Mohrrübenbeete stehen Ich mache mir nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir heute welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?" Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit Diel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stifts- „Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche Gärten leiden können." . e , „Ich kann solche ©arten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegelbahn haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und tomat. Alle unsere modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten zu kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch (dum da, und der Bengel unten schreit einen an mit seinem ,acht um den König. Für mich fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben aus der rechten Bahrn Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches oder meinetwegen auch Polittsches." , Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hm, bis an die Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über den Zaun wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Lm,e mit ihm, stand eine grüngestrichene Bank, auf der non dem ©earoeig über- dacht, eine Dame sah, mit einem kleinen runden Hut und einer Adler- feder. Als sich die Herrschaften näherten, erhob sie sich und tontt auf Die i Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich gegen Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich immer erst an Der Glaskugel traf, wenn das voranschrettende Paar ^ch°n wieder aus dem Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal mthtanfd) zur MbfTroar in einem Gespräch mit Rex feft engagiert und wr- bandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens. Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand, JrviNWanor zu werden; er war aber Lebemann genug, um sich schnell öurechtzufinden und vor allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid geäußerten Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in das Geb,et des allgemeinen Unglaubens ein, habet sofort einer vollen Zustimmung be- qegnenb. Ja, die Domina ging weiter, und sich abwechselnd auf die Apo- kaLpsi und dann wieder auf Fix berufend, betonte fie, daß w.r am An- fang oom Ende stünden. Fix gehe fteilich wohl etwas zu wett, wenn er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose Beun rubigunqen, weshalb sie denn auch in ,hn gedrungen sei, von solchen Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu prüfen „Kein Zweifel", so schloß sie, „Fix ist für Rechnunassachen ent- schieden talentiert, aber ich habe ihm ttotzdem sagen muste", daß zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei. Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm Woldemar, west der Mittelgang zu schmal war folgte wemc^ Schritte hinter den beiden und trat nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, VOnSie88glü?lkb idTbim fiert Hauptmann" sagte die Schmargendorf, „Ihre Partnerin zu sein, jetzt fchon hier und dann später bei Tisch. ^U°nb merkwittdig'^ fuhr sie fort, „daß gerade das Regiment Alexan- der' immer fo vergnügte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder vielleicht war es auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab. ich noch von einer Einguartierunq in der Priegnitz her ganz deutlich ,n Erinnerung ttotzdem es schon an die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich w-w. damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen Radowa dir um sine Zeit noch in Mode war, aber schon nicht mehr io recht Und ich hab auch noch den Namenszug unb einen fleinen Vers ion 8m in meinem Album. Aegor von Baczko, Secondelieutenant tm Regiment Alexander'. Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen Oder wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens. Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt nicht siebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehörst und in bezug auf solche Dinge Neinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachtg wollte durchaus Remedur schaffen und bat, bas Fraulem darauf aufmerksam hiirfen bah der fterr der den Vorzug habe, sie zu fuhren. Dann folgte moioemar mit yauprmann machen zu dürfen, oay oer » «■'«., ■ ■' dem voraufgehenden Paar, um ungeniert nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr von Czako fei. 1 (Fortsetzung folgt.) Oer atte Zieten. Don Theodor Fontane. Joachim Hans von Zielen, Husarengeneral, Dem Feind die Stirne bieten Tat' er die hundert Mal. Sie haben's all erfahren, Wie er die Pelze wusch Mit seinen Leibhusaren, Der Zielen aus dem Busch. Hei, wie den Feind sie bläuten Bei Hennersdorf und Prag, Bei Liegnitz und bei Leuthen, Und weiter Schlag auf Schlag! Bei Torgau, Tag der Ehre, Ritt selbst der Fritz nach Haus, Doch Zieten sprach: „Ich kehre Erst noch mein Schlachtfeld aus." Sie kamen nie alleine, Der Zieten und der Fritz, Der Donner war der eine. Der andre war der Blitz. Es wies sich keiner träge, Drum schlug's auch immer ein, Ob warm', ob kalte Schläge, Sie pflegten gut zu sein. — Der Friede war geschlossen, Doch Krieges Lust und Qual, Die alten Schlachtgenossen Durchlebten's noch einmal, Wie Marschall Daun gezaudert, Und Fritz und Zieten nie, Es ward jetzt durchgeplaudert Bei Tisch, in Sanssouci. Einst macht' es ihm nicht schmecken, Und sieh, der Zieten schlief; Ein Höfling will ihn wecken, — Der König aber rief: „Laßt schlafen mir den Alten! Er hat in mancher Nacht Für uns sich wachgehalten — Der hat genug gewacht." Und als die Zeit erfüllet Des alten Helden war, Lag einst, schlicht eingehüllet Hans Zieten, der Husar; Wie selber er genommen Die Feinde stets im Husch, So war der Tod gekommen Wie Zieten aus dem Busch. Oer Tabaksbeutel. Wiedersehen mit einem Lieblingsdichter. Von Heinrich Zillich. Die ersten Bücher, die ich glühend liebte bis zur Selbstverwandlung waren Karl Mays Reisebeschreibungen. Noch heute blüht wohl der Straucherbusch in meines Vaters Garten, wo längst andere Leute wohnen, jener Busch, darin mein Wigwam stand, blätterüberflutet, umwuchert von zähen Bodenkräutern, in denen die Mokassins schlüpfrig wurden. Der Garten war groß und hatte mancherlei verwilderte Baumhecken und Dickichte — eines hieß seltsamerweise „Rohrgeschäft" —, und von Busch zu Busch zog sich d,e Kriegsfährte. Der Marterpfahl einer Linde wartete seiner Opfer und bot sich, wenn es nötig war, aus als Auslug in die einsame Bergwelt der „Anden" dar. Das Gras der Savannen wandelte sich leicht zur Salzwuste, durch die Hadschi Halef Omar den schwankenden Todespfad wußte. Jahrelang ritt ich ein und denselben prachtvoll gebogenen Ahornstecken, den Hengst Ri, der den deutschen Helden Kara ben Nemst von Bagdad nach Stambul und durch das Land der Skipetaren getragen hatte. Dann verrauschte plötzlich diese weite Welt. Wolken, Wind und ®erge nahmen ihr eigenes Gesicht an, aber sie blieben wandelbar wie ein Menschenantlitz. Unsägliche Trauer, endlose Freude kam aus ihrem geheimnisvollen Wechsel. Noch wartete irgendwo das Abenteuer und war doch gegenständlicher gewoiden. Ich las Körner und liebte Lenau, und die vielen ungarischen Unechte, die ich um mein siebenbürgisches Vaterhaus tätig sah, schienen mir nicht Söhne von Bergbauern, sondern „toßhirten. Sah ich sie Tschardasch tanzen, war die Täuschung vollkommen. Dann kamen Jahre, wo keine starke Liebe mich an ein Buch band, wenngleich die deutsche Romantik dauernd um mich summte, das ganze ungeheure Gut großer Gedichte und auch die bloß klingenden Reime aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Aber man schritt, siebzehnjährig, durch die Welt, las maßlos viel in sich hinein, hob, brausend berührt von Nietzsche, die Augen in eine Zukunft, die groß und mühsam und klar sein sollte, wahrend sie immer mehr das Gesicht des Krieges annahm, in den wir jungen Burschen hinauslaufen wollten, und der um unsere Schulbänke tonte. Nur im Blut der stillen Träume, nur in der Sehnsucht, in der oerspmmenen Knabenhaftigkeit, die ihre Augen schon geöffnet hatte, in der wachsenden Lebensgier klang wie der Ruf nach Freiheit und der herrlichsten Mannheit — abenteuerfroh und fast noch wie ein Echo aus den Savannen, 06* schon dunkler und sündhafter — RichardDehmel. Ich kannte alle seine Gedichte. Ich wußte viele auswendig. Ich erlebte manche mit schmerzhafter Stärke. Da ging ich zum Beispiel einmal aus der Stadt hinaus, unserem Vaterhause zu, das mitten in der Hochebene lag, vorbei an den Gehöften deut- fcher und rumänischer Bauern. Der Abend kam über die Berge und füllte die Niedrung. Die Telegraphendrähte trugen ihre Kriegsberichte von den blutigen Fronten auch in dies Land der Bewahrung. Ich hörte Dehmels dunkles Du aus den Telegraphendrähten brausen und schritt wie er der Heimat zu und wußte noch nicht, daß wir Ausländsdeutschen unser ganzes Leben lang einem dunklen Du nachschreiten, von der Heimat ins Mutterland und von dort wieder in die Heimat, Wanderer des Deutschen und Künder des Deutschen. Ich wußte es noch nicht, und Dehmel wußte es auch nicht, aber ich hörte das dunkle Du. So kam es denn, daß ich nur einen Wunsch hatte, Dehmels Gesammelte Werke zu besitzen. Man schickte sie mir in einer schönen, in Leder gebundenen Ausgabe. Das war zu Weihnachten 1915. Im Mai des nächsten Jahres rückte ich endlich zu den Kaiserjägern ein, kostete fern der Heimat in Oberösterreich und Tirol den Kasernendrill, stteg etliche Monate später die Südfront hinan. In einer Nacht beim Marsch durch ein Dorf flatterte ein Zettel an einem Hause. Darüber zitterte ein Lichtlein. Ich trat an das Papier und las, daß Rumänien Oesterreich den Krieg erklärt, daß es meine Vaterstadt besetzt habe. Es war noch ein Schulkamerad in meinem Zug. Wir sprachen wenig in dieser Nacht. Wir marschierten. Wir hatten Flüchtlinge schon oft gesehen, Menschen auf Wagen voll Hausrat, Menschen, die man mit der Wurzel aus der Erde gerissen hatte. Bei uns daheim waren sie geflüchtet. Halbe Dörfer standen leer. Die Herden weideten unbewacht im Freien. Mein Vaterhaus war unversperrt, und wenn man den Schlüssel auch im Tore umgedreht hätte — es hätte nichts genützt. Nicht die Soldaten drangen über die Schwelle, die Häusler und Kleinbauern der Umgebung taten es. Sie kamen mit Leiterwagen gefahren und luden auf, was sich von der Stelle rücken ließ. Als mein Vater mit den vormarschierenden Truppen in das Haus trat, waren die Fenster geöffnet, die Scheiben zerbrochen, draußen im Garten lag Gerümpel und wertvolles Gut. Aus einem Winkel kroch heulend unser Dackel. Aber nun ging die Angst durch die Gegend um und berührte die Bauern im Schlaf, daß sie heimlich des Nachts aufstanden und die Pferde schirrten. Sie luden die Diebesfracht auf die Wagen und brachten sie vor unseren Garten, wo sie mein Vater am Morgen fand. Da öffnete er das Gartentor weit, damit sie in der Finsternis unerkannt bis vor das Haus fahren konnten. Und sie verstanden und luden ab, emsig und furchtsam bei Nacht und Nebel, aber wenn sich die Stuben davon auch zu füllen begannen, zerstört und verwüstet war unser Eigentum. Nach vielen Monaten kam ich aus dem Felde auf Urlaub. Ich ging durch das Vaterhaus. Manches grüßte mich verttaut, manches war neu und ungewohnt. Aber die Linde im Garten blühte, das „Rohrgefchäft" wucherte grün, auf den etwas verwahrlosten Wegen ging immer noch der Kindertraum. In einer stillen Stunde sichtete ich mein Knabengut. Es fehlte viel davon, und was da war, zeigte Schmutzfpuren. Wenige meiner Bücher standen noch in einem unbekannten Regal, verfärbt wie die Bände, die wir in den Tornistern getragen hatten. Ich nahm sie in die Hand. Drei Bände legte ich auf den Tisch. Drei Bände Richard Dehmel. Ich erkannte sie erst, als ich sie öffnete, denn einen Einband hatten sie nicht mehr. Das schone braune Leder hatte jemand abgezogen wie die Haut eines Tieres. Leder war teuer und selten zu jener Zeit. Ich begann zu lesen. Kein Echo in mir. Ich las die glühenden wilden Liebesgedichte — kein Widerhall. Und wie so oft in früheren Tagen versuchte ich den Band zu streicheln. Das weiche Leder war weg. Das Buch lag spröde und rauh in meinen Fingern. Der Traum war aus. Ich schnallte das Bajonett um und ging auf die Landstraße. Ich hatte wahrlich nicht an Dehmel gedacht, als ich durch den Krieg schritt. Aber vielleicht wartete sein Erlebnis hinter den größeren Erlebnissen der Gegenwart. Unbewußt, doch ersehnt. Und nun war alles dahin, als ich ihn wieder zu fassen glaubte, den wilden Dichter in seinen schon gebundenen Büchern. Zerstört wie diese, zerfetzt, der kostbaren Fassung bar, schien auf einmal, was rufend in mir noch vor wenig Jahren geklungen hatte. Ich ging traurig und leer in die Ebene hinaus. Da tarn mir ein Mann entgegen, der sich, seltsam verkrümmt, von der blauen Bergferne abhob. Sein Schatten glitt lang über die Straße heran und zuckte, als er in die Wegkehre schritt, haarscharf auf mich zu, und im gleichen Augenblick bewegte sich die Gestalt vor dem roten Himmelsund Bergausschnitt, durch den die Abendsonne sank. Aus dem Feuer schien er plötzlich auf mich zuzufchreiten, und ich nahm es für ein freudiges Kommen, denn ich kannte den Kerl, diesen halbverkrüppelten Taglohner, der mir Weidenpfeifen geschnitzt hatte, der Gärtnerbursch und weiß Gott noch alles bei uns gewesen war. Als er mich sah, zog er die Pelzmütze vom Kopf und lachte. Er schwatzte los, und ich kam gar nicht dazu, ein Wort zu entgegnen. Dabei war das Männlein nicht etwa zudringlich. Seine Augen liefen mit einer halbvertrauten Achtung über meine Offizierskleidung, und als ich ihm die Hand reichte, zuckte sogar Stolz über das verdorrte Gesicht. Während er weiterfprach, zog er einen Lederbeutel, der an einem derben Band hing, von der Hüfte nach vorn, griff hinein und meinte: „Herr Leutnant, zur Begrüßung sollen Sie meinen Tabak kosten. Der ist aus Rumänien geschmuggelt." „Her damit!" sagte ich, aber da wurden meine Augen starr. Der Lederbeutel war recht groß und aus mehreren Teilen zusammengenäht, an der Außenseite rauh und unscheinbar. Die Innenseite aber, die sich, während er darin wühlte, an der Deffmmg nach außen stülpte, zeigte ein wundervoll weiches braunes Leder — das Leder meiner Dehmel-Bände. Ich griff zu und riß ihm den Beutel weg. Ich stülpe ihn vollends um. Ja, das braune Leder! Und darin verwischt, aber noch zu entziffern die goldenen Settern, der alte wohlbekannte Titel, mitten durchgefchnitten. Chemische Werkstätten der Natur. Von Ingenieur Ed. A. Pfeiffer. In Erzählungen für die Jugend spielt gar oft das Ausfinden reicher Schätze von Gold, Diamanten u. ä. eine große Rolle, und verfehlt me, auf die Gemüter der jungen Leser gebührenden Eindruck zu machen. Wenn es sich bei solchen Geschichten auch meist nur um Fabeln handelt die nicht viel Schaden anrichten, so sollte doch dieses Ideal der Jugend, der zwecklos durch die Welt streunende Abenteurer und Glücksritter, allmählich aus dieser Art Literatur für die reifere Jugend verschwinden. Daß sich der Geschmack des jugendlichen Leserkreises selbst mit der Zeit umstellt, merkt man daran, daß sich immer häufiger die Verfasser solcher Schriften auf die industriell auswertbaren Schätze und deren Entdeckung durch die stets glückhaften Helden ihrer Erzählung verlegen. Da bieten sich allerdings ungeahnte Möglichkeiten. Zwar, so schöne Dinge wie Quecksilberseen, die man nur auszuschöpfen braucht, gibt es nicht, und auch die Orte, an denen man die Goldklumpen wie Kartoffeln aus dem Sande gräbt, werden kaum noch zu finden fein, doch wie Eisen nützlicher ist als Gold und Kochsalz unentbehrlicher als Radiumsalze, so späht auch der Techniker und Ingenieur eifriger nach Lagerstätten und Vorkommen allgemein nutzbarer Stoffe, die sich durch billigen Abbau, durch einfache Gewinnung und gute Abfuhrgelegenheit als besonders wirtschaftliche Rohstoffquellen erweisen. Einige recht eigenartige Schatzgruben dieser Art wollen wir da betrachten. Da ist einmal das Tote Meer, eine schon recht alte chemische Werkstatt der Natur, die der Bibel nach erst in nahezu historischer Zeit entstanden sein soll, wie uns die Geschichte vom Untergang von Sodom und Gomorrha erzählt. Da die tiefste Senke der Welt im Zug des größten geologischen Einbruchs, in der Verlängerung des großen ost- afrikanischen Grabens liegt, der sicher nicht aus einmal entstand, mag wohl immerhin eine ganze Anzahl Menschen einer gradweisen Naturkatastrophe beigewohnt haben, die uns dieses Wunder eines Sees bescherte, in dem man nicht untergehen kann, weil dessen Wasser durch den hohen Salzgehalt schwerer ist als ein darin schwimmender menschlicher Körper. Salsteen solcher Art gibt es auch an anderen Orten der Erde, nur bilden sie nirgends ein so reiches Minerallager wie das Tote Meer, das jetzt endlich nach vielen Tausend Jahren auch in seinem Werte als ungeheures Lager chemisch verwertbarer Stoffe erkannt und in Angriff genommen worden ist. Da sind am See große chemische Fabriken erffanben, die je nach den Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse immer weiter ausgebaut werden, und die Tatsache, daß es britische Kapitalien sind, die dort im Lande des Salzes und Erdöls eine Rolle spielen, wirft ein interessantes Licht auf mancherlei Maßnahmen und Vorkehrungen, die an sich mit industriellen Belangen gar nichts zu tun haben. Doch weil wir eben vom Salz reden, sei gleich ein anderes Salz, das Natriumsalz der Kohlensäure, Natriumkarbonat oder Soda herge- nommen, das ein so wichtiger Stoff für viele Industrien ist. Dieses Salz findet sich in vielen Seen in Ländern mit warmem Klima, wo es in der trockenen Jahreszeit an einzelnen Stellen an der Sonne auskristallisiert, so in Mexiko und Aegypten. Die großartigste Lagerstätte dieser Art bildet der Sodasee im Kenia-Gebiet in Afrika, der Magadi-See, dessen aus- getrocknete Fläche 30 Kilometer lang und 8 Kilometer breit ist. Sem Becken ist mit ziemlich reiner Soda reichlich gefüllt, so daß man den Weltbedarf eine zimlich lange Zeit aus seinem Vorrat von 200 Millionen Tonnen decken könnte. Es ist nur eine Frage, wie teuer oder wie billig die Abbeförderung sich stellt, bann entsteht eines Tages auch dort eine8 chemische Industrie, die nicht mehr Rohstoff, sondern Fertigware verschickt. Den Bau der Ugandabahn unternahm man ernst mcht zuletzt im Hinblick auf die Sodalager dieses Sees, die unerschöpflich scheinen, weil sie sich durch unterirdische Zuflüsse immer wieder ergänzen. Der merkwürdigste See jedoch findet sich bei Neuseeland auf einem kleinen Eiland in der Plenty-Bay. Da 'i°gt -me Gruppe von Felsenklippen, die nicht mehr als 5 Kilometer Umfang hat, ein kleines Stuck Erde, aber was für eines! Es ist gerade, als ob der Höllenfürst.per- fönlich sich dort eine Art Wochenendhaus erbaut hatte^ White Island, weißes Eiland, heißt die Klippe wegen der weißen Dampfwolke dw stets über ihr schwebt. Aus dem Dampf besteht sie, den die Klüfte der Erde unter ihr ausfpeien, denn es handelt sich um vulkanischen Boden Man braucht den Boden der Insel nur etwas anjufratjen und schon stößt man auf reinen gelben kristallischen Schwefel. Das ganze Eiland ist ein großes Schwefellager, ein in Jahrzehntausenden oder m noch längerer Zeit aufgetragener Klotz dieses Stoffes, der die Grundlage un- „r„r gonren chemischen Industrie bildet. Das Erstaunliche aber ist em Kiner8 See inmiSen biefer Insel, ein Becken, dessen Flüssigkeitsspie^ 5 Meter über dem Meersspiegel liegt und eine Flache von über 20 Hek tar bedeckt. Statt mit Wasser ist es 4 Meter tief mit einem Gemisch ms Salzsäure und Schwefelsäure gefüllt! Ringsum schließen d e- es Höllenbad feste Hügel aus Schwefel und Gips ein und drunten im Hexenkessel liegen nun als chemische Unternehmen der Natur die „Ber einigten Schweselgruben- und Säurebetriebe". Auf der einen Seite ist das Seeufer von einer Reihe ungeheurer Blaser — Sofhoni nennt sie ber Italiener — eingefaßt, die stark mit Schwefeldämpfen Oeschwangercke Wolken 300 Meter hoch in die Luft hinausjagen, so daß es Wirklichkeit dort Schwefel regnet. Es ist daher keineswegs leicht ungefährlich, bis an den See heranzukommen und sich dieses immer 43 Grad Celsius warme Bad zu besehen, das fast eine Million Kubikmeter Saure enthält Die Schwefelberge dort bestehen aus sehr reinem Schwefel urch wachsen immer weiter zu, zumal sie auch nicht abgebaut werdeii Diese Fabrik der Natur aber wird solange weiter yrbeiten, als dort die unter irdischen Feuer arbeiten. Erst wenn sie versagen und die Blaser ihre Arbeit einstellen, läßt sich die Gesamtausbrrngung der Teufelsfabrik ab- schätzen Doch bis dahin wird noch viele Zeit vergehen und selbst nachher werden Generationen nicht imstande sein, jene Lager zu erschöpfen, denn die Schwefelklippen starren 2000 Meter hoch aus dem Meere empor. Daß man aber bisher noch nicht an die Ausbeutung dieses Schatzes heranging, liegt daran, daß er sich sozusagen auf ber verkehrten Seite der Welt befindet. Wenn indessen die Industrialisierung Australiens eines Tages in Gang kommt, wird man auch Luzifers Wochenend- Häuschen auf Abbruch verkaufen. In der industriellen Auswertung derartiger durch Laune der Natur aufgespeicherter Schätze kommt aber an erster Stelle der A s p H a l t - See von Trinidad, den schon Sir Walter Rale, gh entdeckte und vromvt Pechsee" taufte. Dieser „See" bildet auch eines ber Naturwunder und zugleich ein Rätsel, dessen Lösung der Wissenschaft bisher noch nicht gelang Er hat etwa 50.0 000 Quadratmeter Flache und enthalt das wertvollste und reichste Asphaltlager der Erde, allerdings auch an deren zeitweise heißestem Fleck! Nun hat man dieser Lagerstätte bisher wohl fast 3 Millionen Tonnen Asphalt entnommen, ohne daß eine Ab- nähme der Vorräte zu bemerken ist. Die im Lause eines Tages abgestochenen Mengen haben sich bis zum nächsten Margen aus dem Erd- innern von selbst wieder ersetzt. Wie tief aber dieser Schlund — zweifellos ein alter Vulkankrater — hinabgeht, hat sich bisher noch nicht fest- steilen lassen. Vielleicht, daß man eines Tages mit einem auf Erschütterung und Schallwellen beruhenden Meßverfahren die Tiefe bestimmen kann, denn loten läßt sich in diesem zähen Teige natürlich so wenig wie bohren. Jeden Morgen ist die Oberfläche des Sees so fest, daß man getrost darüber gehen und sie auch mit Roß und Wagen befahren kann Nach Herstellen einer Art Unterbau aus Palmblättern und -zweigen konnte man auch eine leichte Feldbahn für Abfuhr des Rohasphalts über den See verlegen. Die Roh-Masse ist stets weich genug, um sich mit dem Spaten stechen zu lassen, doch kann man nur morgens und nachmittags auf dem See arbeiten, während über Mittag die Hitze unerträglich ist. Einen ähnlichen See gibt es auch in Venezuela, der zwar neunmal so groß ist, aber keine Verbindung mit dem Erdinnern hat und ziemlich flach ist. Seit Jahrtausenden befindet sich die Menschheit auf der Jagd nach dem Goldenen Vließ, doch das hat allmählich ein recht unscheinbares Aeußeres bekommen. Es glänzt nicht mehr wie lauteres Gold, sieht eher grau und unscheinbar aus. Eine unerwartet reiche Eisenerzgrube, ein Delfpringer, ein Asphaltlager, sie sehen nicht sehr prächtig aus, aber sie besitzen höheren Wert als jene dach nur scheinbaren, erkünstelten Schätze der Mode und der Politik. Reiche Lagerstätten allgemein notwendiger Rohstoffe an gut zugänglicher Stelle, sie sind heute die Ziele des Schatzsuchers, des Ingenieurs, der wie Ala ed Din mit seiner Wunderlampe mit Bohrloch und Geoprospektor, mit Sonde und Radiowellen, mit Hammer und Reagenzglas die Eingeweide der Erde durchsucht, Stoffen nachschürfend, die hernach die Arbeit des Chemikers erst nach veredelt. Manchmal erleichtert aber die Erde die Arbeit und bietet ihre Schätze schon halbfertig dar, wie wir an einigen Beispielen sahen. Das sind dann Fälle, in denen sich die Natur gewissermaßen ins Mittel legt, um dem Chemiker die Wirtschaftlichkeit feines Verfahrens zu garantieren, und solche Vorkommen sind die Glücksfunde für die Schatzsucher unserer Zeit. Diei wrfbammw Männchen hatte alle dret Einbände zufammengenäht, hatte zwei Abteile in den Beutel gefügt und hielt darin Zwiebel, Tabak und etliche Münzen. „Du Schweinekerl, dies hast du mir gestohlen!" rief ich und hatte nicht übel Lust, dreinzufchlagen. . Er leugnete nicht. Er stand da und sah mich taum an. Nein, er schüttelte bas Haupt und meinte schließlich aus voller Ueberjeugung. „Ich bin doch ein Esel." Und nun brach in mir doppelt der Aerger durch. Warmn, moM wissen, hatte der Kerl die Bücher zerstört? Warum wenn schon gestohlen sein muhte, hatte er nicht die drei Bücher, so, wie sie waren, behalten? Was hätte ich damit anfangen sollen!" sagte er, und seine Augen blickten »er iweifelt auf den Beutel. Das war nun freilich wahr, was hätte dieser Kerl mit Richard Dehmel anfangen fallen! .Unb fiet), nun schwatzte er wieder los: „Ich kann ja nicht lesen. Und die Bucher habe ich Ihnen ja wieder zurückgetragen. Herr, und Sie können sie noch immer lesen, denn Sie lesen nicht das Leder." Da schien es mir beinahe, als wenn er in feiner Angst schon wieder etwas verschmitzt wäre. Und so zog ich weiter und ließ den Wicht mit seinem Beutel stehen, in dem er seine Angst davvntrug, denn er mochte wohl glauben, daß ich ihm die Gendarmen auf den Hals hetzte. Ich ging weiter. Der Abend fant Und ich dachte etwas verquält daran, ob denn nur der chone Einband mir fehlte, um wieder zu Dehmel zu finden, zu jener rauschenden wilden Sinnlichkeit. Dann wurde mir klar, daß mit dem Einband wohl endgültig der Weg zu jenem drängenden Dehmel dahin war. Doch die Felder verdunkelten sich, mein Auge wurde Heller, schon versuchte ein Stern zu funkeln, und die Grillen wisperten schneller. Jeder Laut ward bilderreicher, das Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher, jeder Wipfel hob sich klarer. Und du merkst es nicht im Schreiten, Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt. Ich kam nach Hause, als die Sterne dicht und an manchen Stellen wie ein voller Strauß zitterten. Ich ging sehr schnell zum Tische, wo noch die drei verunstalteten Bände lagen und begann zu lesen, von einem tieferen und kühleren, einem reineren und helleren Drängen bewegt. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniverlitätS-Buch» und Eteindruckerei, 2L Lange, Gießen.