Gießener Zamilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (957 Freitag, ben (5. Januar Nummer 4 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Don Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 10. Fortsetzung. Ein paar Schupomänner nahmen Anstand an den vielfach beobachteten Lehrlingszusammenrottungen, waren doch Versammlungen unter freiem Himmel verboten, in der so schwierigen Gegenwart; eines Nachmittags griff die Polizei denn auch schnipp, schnapp! zu und verhaftete, hast du nicht gesehn! aus einer kleinen Mützenbalgerei heraus den Lehrling Bims, den kleinen Bims von den Chlorodontwerken. Der hatte zwar porzellan- weiße Reklamezähne, aber in den Augen des Wachtmeisters war fein Gewissen kohlschwarz, und deshalb wurde er abgeführt. „Lehrling Bims verhaftet wegen Teilnahme an einer Zusammenrottung unter freiem Himmel", meldete der Wachtmeister, das aufgeschlagene Notizbuch in der Hand, seinem Vorgesetzten, dem Polizeihauptmann Viereck. „Verübte ruhestörende Katzbalgerei und Widerstand gegen Amtsgewalt. Wollte nicht mit zur Wache." Der Hauptmann Viereck entsandte auf den Häftling einen durchbohrenden Blick, der Bims fast zu Bimsstein durchlöcherte. Aber dann sagte der Hauptmann in aller Ruhe: „Aber lieber Wachtmeister, das ist ja Bims von Chlorodont, ein braver Junge, der seine alte Mutter unterstützt. Mitglied des Vereins .Herznierenblick', dem auch mein Junge angehört. Kenn ich gut. Handelt sich um die Mützengeschichte. Lassen Sie mal! Passen Sie lieber auf, daß in der Prager Straße keine Juwelen aus dem Schaufenster gemopst werden, und beobachten Sie lästige Ausländer, die von Prag herüberkommen. Und nun — rechts um, marsch!" Der Wachtmeister mit langem Gesicht vor Verlegenheit und Bims mit rundem vor Vergnügen führten mit einem Ruck die befohlene Wendung aus und setzten sich alsbald in Trab. Bims von Chlorodont, dachte der Wachtmeister auf der Treppe, seine Eintragung im Meldebuch streichend, Bims von Chlorodont: von dieser sächsischen Adelsfamilie habe ich noch gar nichts gehört. Und was ist das für eine Mützengeschichte? Aber Bims war längst in seine Chlorodontwerke unterwegs. Seitdem blieben die Lehrlinge unbehelligt, die Behörde ließ sie in Ruhe. Aber wenn sie auch die ganze Stadt auf den Kopf stellten, alle Häuser umkehrten wie die Mülleimer, alle Mützen von den Köpfen rissen und umkrempelten, umsonst waren Witz, Eifer und Schlagfertigkeit, vergeblich jede Anstrengung und Versammlung: Klicks kostbare Mütze blieb unauffindbar, die Stadt hatte sie verschluckt, und selbst der Straßenkehrer Schwirr, Klicks Freund, der in die Schächte hinabstieg und in den mächtigen Kanälen unter den Häusern und dem Altmarkt nachsah, gleich einem Bergmann, der mit seiner Lampe in der Tiefe sucht, sogar der alles zusammenfegende und mit jedem Abfall vertraute Schwirr hatte sie nicht zum Vorschein gebracht. Sie war verloren und begraben. „Ali", sagte Klick zu seiner Freundin, „die Mütze ist nicht gefunden worden: Was ,Herznierenblick' nicht herbeischafft, ist für immer futsch und weg." Doch Ali war anderer Meinung. Ein gescheites Mädchen. „Klick", meinte Ali, „du bist doch nun schon so lange mit uns Zeitungsleuten befreundet, solltest du da nicht einmal auf den Gedanken kommen, eine Anzeige im Blatt aufzugeben? Wie oft hat man schon verloren gegangene Sachen durch eine Zeitungsanzeige wiederbekommen. Nimm mein Geld dazu, wenn du es noch hast." „Das ist ein vernünftiger Vorschlag", antwortete ihr Freund. „Warum hast du ihn nicht schon früher vorgebracht?" „Ich wollte nicht so wichtig tun, wie dein ,Herznierenblick'!" „Eine Anzeige!" rief Klick. „Wenn sie Erfolg hat, heirate ich dich später." Es war ein gerades Wort. Aber sie nahm es krumm, packte ihren Kinderwagen und kutschierte das Zeitungspaket zum Postplatz. Klick flog nach Hause. Auf einen großen Briefbogen schrieb er mit seiner besten Handschrift klar und kräftig: Hohe Belohnung! Junge verlor auf dem Altmarkt vor längerer Zeit braune Wollmütze. Erkennungszeichen: blauer Punkt von Kopierstift. Da Andenken, wird ehrlicher Finder um Rückgabe gegen Belohnung weit über Sachwert gebeten. Nikolaus Bodenweber, Webergasse 11. Sachwert war ein treffliches Wort, Klick hatte es oft vom Vater gehört. Die Mütze war zwar kaum noch ein paar Pfennige wert — aber ein paar Mark für Belohnung wollte er gern an sie wenden. Von den darin versteckten Losen schwieg er lieber. Er fegte zum „Anzeiger". Vier Mark fünfzig kostete die Anzeige, das ganze Geld ging drauf. Alles setzte er auf die eine, seine letzte Karte. Schon am nächsten Mittag stand die Änzeige in der Zeitung. Klick las sie mit Stolz und Aufregung. Hier stand seine Name zum erstenmal gedruckt, schwarz auf weiß, und diese Sätze hatte er selbst verfaßt. Glücklicherweise hielt der Vater die Zeitung nicht mehr, sie war der Sparsamkeit zum Opfer gefallen. Erwartungsvolle, spannende Tage vergingen. Der nächste Tag war ein Sonntag. Vormittags rannte Klick zu einem kurzen Besuch zum Hustenonkel, von dem er sich manchmal Bücher über ferne Länder entlieh; nachmittags begab er sich zum Kapitän, dessen Garten in voller Blüte stand. Sonderbar, daß Sassafraß immer noch, wiewohl es so schön bei ihm war, im Geist in die Weiten fuhr. Aber heute lag die „Anastasia", das Spielschiff, still im Hafen, mit der durcheinander gefallenen Besatzung, da wahrscheinlich die Seefahrt wegen der vielen Wasserrosenblätter schwierig geworden war. Der Steuermann sah seinen Kapitän im Strandanzug unter den schattigen Bäumen des Weihers sitzen und angeln. „Käpten!" rief er im Flüsterlaut schon von weitem, leise auftretend. „Käpten, ich bins. Ich will den Fisch nicht stören, damit Sie es wissen." Da, als hätte der Angler nur auf Klick gewartet, ihm ein Schauspiel zu bieten, da riß der geduldige Fischer mit einem Zuck seinen Angelstock hoch, und aus dem Wasserspiegel schnellte der Fisch heraus, ein feuchter Silberblitz, und klatschte auf den Ostseekies. Wunderbare Uebcrraschung und herrlicher Sonntagsspaß! Sassafraß meckerte vor Befriedigung, als er den endlich erjagten Fisch von der Angel nahm und in den bereitstehenden, mit Wasser gefüllten Kllchentopf tat. „Hurra, Käpten! Fein gemacht!" rief Klick, flink zur Stelle. „Hab ich dich, hab ich dich endlich, mein Fischlein! Hast dich lang in acht genommen. Hat aber nichts genützt. Ich sagte doch, schon manchen schweren Burschen holte ich mir — weshalb hätte es mir mit dir nicht glücken sollen ...?" Derart war die kleine, dem schwänzelnden Fisch zugedachte Ansprache. Er hat seinen Fang, dachte Klick, hätte ich nur meine Mütze auch schon. „Das war wohl heute besonders gutes Hühnerfleisch", meinte er, „weil er endlich anbiß." „Magst recht haben", antwortete Sassafraß. „Einmal kommt für jeden Fisch sein Stündlein, und er muß raus aus dem lustigen Wasser. Den Fisch hab ich ..." Er stockte. „Aber", fuhr er fort, „wohin ist mein Vergnügen? Was tu ich künftig? Soll ich meine Angel ins leere Wasser werfen?" Was meint er nur, dachte Klick. Er kann doch zufrieden sein, daß er den Vielfraß geangelt hat. Oder ist ihm das Angeln lieber als der Fang? „Ach was, Fischlein!" rief der Kapitän. „Komm her und fort mit dir!" Und mit einem raschen Schwung leerte er zu Klicks Ueberraschung den Taps samt Fisch und Wasser in den Weiher. Der mit dem Wasser niederstürzende Fisch glitt unter die Seerosenblätter. „Es ist zuweilen besser, Klick", sagte der Kapitän, „auf den Fang zu verzichten. Ich will lieber weiterangeln." Klick sah zu dem Seemann auf. Soll ichs ihm sagen? Nein, schweigen! „Für heute ist es genug mit der Angelei", meinte Sassafraß. „Zweimal am Tag beißt kein Fisch an. Und ich mag nicht dümmer sein als mein Fisch." Er streckte sich in den Ostfeekies, wobei er sein Anaelgarn auf- und das Schiffergarn feiner Reden abrollte. Klick lauschte den Worten — doch dann und wann durchzuckte ihn die Frage: Ob sich auf meine Anzeige hin jemand melden wird? Am folgenden Montag ereignete sich nichts Neues in der Webergafse. Die beiden Freunde vermieden es, auf den Zeitungstext anzufvielen. Klick hielt sich, wenn es seine Zeit erlaubte, an der Haustüre beim Schnürfenkel- mann auf, mit der Absicht, etwaige Besucher oder Zuschriften abzufangen. Der Vater durfte ja nichts erfahren. Nichts Neues auch am Dienstag. Wahrscheinlich wäre es die ganze Woche hindurch so zuqegangen. wenn Klick nicht am Mittwochnachmittag, als er vom Hustenonkel kam, dem er eine Schachtel Karamellen besorgt hatte, im halbdunkeln Stiegenhaus oti' der Treppe einem Mann begegnet wäre, einem langen, magern Mc-n>- den er zu kennen meinte. Wo nur hatte er ihn schon gesehn? „Wohnt hier Bodenweber?" fragte der Besucher. Briare. erbetene Geld. geweidcn der Mütze. „Was hast du da bloß für einen Drecklappen?" „Meine alte Mütze hat sich wiedergefunden." „Schön sieht die aus! Und was meinte der Mann mit den Schneeballen, jetzt im Hochsommer?" Klick zerrte geöltes Zeitungspapier aus der Mütze. Cs war die Zwischenlaoe. „Ach, Onkel, die Schneeballen gehören auch zu meinen dunkeln Geldgeschäften. Davon erzähl ich dir morgen." Der Onkel knurrte etwas, er sei nicht neugierig, und Klick meinte darauf, es gäbe eine Ueberraschung, wenn ... Er verstummte, denn soeben fischte er die auseinandergerollten, zerknitterten und ölglänzenden Los- Zettel heraus. Die Mütze entfiel feiner Hand, ein Seufzer entwich seinem Mund. „Onkel", sagte er, „das wird bestimmt eine große Ueberraschung werden." Die geglätteten Zettel verwahrte er in seinem Nottzbuch. Ali, lobte er insgeheim, du bist das gescheiteste Mädel in der ganzen Stadt. Ein schönes Geschenk hast du dir verdient. „Ich mutz gehn, morgen komme ich wieder." Er hob die Mütze auf und ging. Zuerst, ehe er dem Hustenonkcl etwas erzählte, sollte es der Kater erfahren. Wenn nur die Leute das ölbelchmierte Los auch aelten lassen! sorgte er sich. Der Vater saß am Tisch. Seine Blicke starrten in den Vogelbauer zu dem unzeitgemäß fröMidjen Stieglitz, der auf seinem Stängchen sang. Klick eilte zum Kindersernsprecher. Er lockerte die Röhre und rief hinein. „Ali, ich will dir nur sagen, daß du wirklich das gescheiteste und tüchtigste „Danke!" sagte der und gab es dem Manne. „Erledigt! Sie haben mir einen Dienst erwiesen. Eme'solche Mutze finden Sie nicht ein zweites Mal .. Verständnislos blickte der Hustenonkel die beiden an. „Schon recht", antwortete der Kraftfahrer, der nicht wissen konnte, um welchen Dienst und welche einzigartige Mütze es V; t—l-*— recht, aber im nächsten Winter, das sag ich: aufgepatzt und nicht wieder Schneeballen gegen die Autoscheiben geschmissen!" Er verließ den Laden. Und nun steckte Klick, zitternd vor Ungeduld, seinen Zeigefinger in den kleinen Nahtriß innen, durch den er einst die zwei Lose in seinen Safe geschoben hatte, und fetzte das Futter heraus. ,Hch dachte, als du Geld verlangtest", bemerkte der Onkel, „du wolltest wieder eine Sparbüchse öffnen." „Beinahe hast du recht, Onkel. Vielleicht aber lege ich sogar eine neue an ...", antwortete Klick mit Doppelsinnigkeit und bohrte in den Ein» Klicks Herz begemt rasend zu klopfen. e.., „Suchen Sie vielleicht Nikolaus Bodenweber, wegen der Anzeige? Der bin antwortete der Mann und faßte Klick scharf ins 2luge. Unb zu gleicher Zeit mutzte Klick, wer dieser Mann war. Der Kraftfahrer war es ^gegen dessen Auwscheibe er bei jener Schneeballschlacht gefeuert hatte. Auch der Mann schien ihn wiederzuerkennen. Bist du nicht", fragte er unsicher, „jener Lausebengel k Klick unterbrach ihn schnell. „Ich bin jener Junge, der versehentlichZeinen Schneeball gegen Ihren Wagen warf. Hoffentlich habe ich kernen Schaden ""^Lausebengel, dachte er zugleich, hat er mich genannt, etwas höflicher hätte er schon sein können. Na, gleichgültig, wenn er nur die Mutze hat! Man mutz sich viel gefallen lassen. „fiaben Sie die Mutze?" stieß er hervor '.Die Mütze hab ich", antwortete der Kraftfahrer, „das heitzt, was von tf,rEr^zerrte^aus (einer Tasche ein verschmiertes ölfleckiges Ding, das einmal eine Mütze war, eine braune, liebe Wollmutze Sie ist es! jubelte Klick innerlich. Seine Mutze! Er hat sie. Die Freude, sie wiederzufehn, war fo stark, daß er kein Wort hervorbrmgen konnte „Zum Aufsetzen taugt sie kaum noch ... , meinte der Kraftfahrer, em Lächeln im Gesicht. „Hab sie damals gefunden und zur Strafe als Putz- ^^Jch^wM sie nicht aufsetzen, nur ausheben", versicherte Klick, „es ist nämlich ein Andenken an meine verstorbene Mutter." Und damit sagte er nicht die Unwahrheit, wenn auch nicht die ganze Ein Heldenkamps des 2. hessischen 3nfonttrie-»egimento. Bon Fritz Hein. Wenn in der Vorkriegszeit alljährlich am 14. Jamuar aus den Gießener Kasernen die Fahnen wehten, und man nach dem »Warum fragte, tonnt« man nur von einem aktiven ober ehemaligen 116er b*e ridjtige Aatwor bekommen; sie lautet: „Briare". Weshalb aber spielte dI-s kleine, südöstlich von Orleans an der Loire gelegene französische Städtchen in der Geschichte des ehemaligen 2. Hessischen Insantene-Regimentseme so be sondere Rolle? Weil in den Kämpfen vom 20. Dezember dis 14. Ja- nuar 1871 die Existenz des Regiments und feine Ehre auf dem Spiel stand. Durch eine sechsfache Uebermacht schlug es sich »m Verband des Detach« ments des Generals vonRantzau intagelangen Kämpfen und Marschen inmitten eines im fanatischen Aufstande befindlichen Landes, unter Mit nähme fast aller Verwundeten und Kranken durch und rettete Fahnen und Ehre. Zum Gedächtnis dessen wurde alljährlich aus den Kasernen aeflaqqt, und die Regimentsparole lautete „Briare . Am 19. Dezember hatte General von Manstein der ihm unterstellten nicht wissen konnte, I 25. Grohh. Hessischen Division besohlen, „einJnsantene-Regimentz em fidi bandelte schon I Reiter-Regiment und die reitende Batterie östlich von Orleans nach Mon- sich handelte, „schon gelter jttflimem Briare aufzuklären und nach Osten Verbindung mit dem 7. Korps aufzunehmen. Das Detachement Rantzau bestand aus dem 2. Hessischen Infantene-Regnnent unter Oberst Kraus, - - -- - ' bem 2.Hessischen Reiter-Regiment unter Oberstleutnant von Buseck und der reitenden Batterie unter Hauptmann Davidso " Der Marsch erreichte am 22. Montargis. Der Weihnachtsabend wurde von dem Detachement friedlich begangen, als ein neuer Befehl des Armeeoberkommandos eintraf nach dem der Vormarsch schon am nächsten Tage angetreten werden und der Angriff am 26. erfolgen sollte. Nicht klar ging aus dem Befehl hervor, ob mit einer Mitwirkung des 7. Korps noch zu rechnen fei, und da auch die Bayern am 26. nach Orleans abruckten, bhebeni als ««• ftärhmq nur drei Eskadrons des 16. Husaren-Regiments, die in La Bustier e zum Detachement stießen. Eine gegen Briare vorgetriebene Kn- valleriepatrouille meldete, daß die Stadt anscheinend nicht vom Feinde besetzt sei jedoch beklagte sie den Verlust von vier Mann, die von versteckt gewesenen Franktireurs teils abgeschossen, teils gefangen genommen worden waren. Am 26. Dezember trat das Detachement den Marsch nach Briare an, wo es, ohne mit dem Feind in Berührung gekommen zu (ein eintraf Die Vorhut rückte in die Stadt ein, stieß mit der Kavallerie durch über die Höhen von Chatillon hinaus und erhielt erst vor Bonny Feuer. Dann rückte auch das Gros in Briare ein und bezog Quartier. Bei dem Franktireurunwesen und der ungeklärten Allgemeinlage war nun erhöhte Alarmbereitschaft erforderlich. Briare liegt für eine Verteidigung nicht günstig. Auf der einen Seite fließt die Loire, auf der anderen erheben sich teils bewaldete, teils mit Weinbergen bedeckte Höhen. ' General von Rantzau erhielt den Befehl, über Cosne hinaus vorzugehen und dabei die Nachricht zu verbreiten, sein Detachement fei nur bis Avantgarde eines auf Nevers marschierenden Armeekorps. Am 27. ging Hauptmann Leih mit der 2. und 4 Kompanie und der 5. Eskadron aeaen Cosne zur Erkundung vor. Bereits unweit Ouston und dann vor Bonny, das von Franktireurs besetzt war, schlug ihnen Feuer entgegen, doch wurde der Feind verjagt und Bonny besetzt, das für emen UeberfaU feiner Bewohner tags zuvor auf eine Patrouille 3000 Franks Strafe be» -ohlen mußte. Während die 4. Kompanie mit einem Zug Kavallerie Bonny I besetzt hielt, wurden Teile der 2. mit 30 Reitern unter Hauptmann Wed er gegen Cosne vorgeschickt und stießen aus einen überlegenen Feind. Hierbei I wurden vier Leute von Frankttreurs gefangen und sofort nach Cosne „Und wie steht's mit der ausgesetzten Belohnung? erkundigte er sich. „Damit steht's gut. Sie ist Ihnen sicher. Nur einen Augenblick noch. Fünf Mark ist mir nämlich die Mütze wert, wenn es die richtige ist. Füns Mark?" sagte der Fahrer, mit großen Augen auf Klicks gestickt« Hosenbeine blickend, die nicht nach fünf Mark Besitz in ihren “idt'ben'iBetrag auszahle", bemerkte Klick, „möchte ich die Mütze genauer ansehen. Sie hat sich ziemlich verändert, wie mir scheint ... Kraftfahrer gab sie ihm, und Klick musterte das fleckige, speckige Dina Aber unter der Oelschmiere entdeckte er wahrhaftig den blauen Kopierstiftfleck. Sie war es. Zugleich aber fühlte er unauffällig und mit listigen Fingern nach den Losen. Ihm war, als spüre er zwischen Futter und Stoff zwar Papier, aber keine Röllchen. „Stimmt, sie ist es wirklich!" sagte er zu dem Chauffeur. „Kommen Sie mit, ich hol das Geld." Der Mann folgte ihm die Stiege hinunter. , Wenn das Papier, das ich gespürt habe, nur nicht die Mutzeneinlage ist, überlegte Klick besorgt und fingerte im Hingehn noch einmal. Sie traten in die Tierhandlung. „DnM, leih mir, bitte, mal fünf Mark", bat er, „ich muß sie dem Herrn bezahlen, mußt mir aushelfen." Wie unter Freunden und Ehrenmännern nicht-anders üblich, zahlte der Hustenonkel, ohne nach einer Erklärung zu fragen, an Klick das Mädel in bet ganzen Stadt bist. Kein Wunder, du stammst ja auch nicht ÖOn .Quatsch!" scholl es herüber. „Sprich vernünftig!" In das Zwiegespräch zirpten die Mundharmonika des Vaters und der Schnabel des Singvogels. Der große Musikant mit der leisen Stimme hatte Sorgen, der kleine mit der lauten sprudelte vor Lebensfreude. 0 Iw Ernst!" sagte Klick. „Meine Anzeige hat (Erfolg gehabt, vor fünf Minuten habe ich die Mütze zurückbekommen. Ein Kraftfahrer brachte sie. Wie? Ja die Lose waren noch drinnen, sind aber ganz olbelchmiert. “3K.V »" “«’".*«■<. w -- »>.mch dich schon einmal anfleloflen? Margen holen wir das Geld. Zwänzigtausend! ... Nein, Vater weiß noch nichts davon. Neugierig bin ich, was er sagen wird." ' ’ (Schluß folgt.) Werdende Bauernmutter. Von Ferdinand Oppenberg. Wintersturm und Schrei der Krähen —, In der Scheune steht der Pflug. Deine lieben Hände nähen Still das erste Kindertuch. Leise sollen weiße Flocken Auf das kahle Ackerland. Ruhig läuft am alten Rocken Schnur an Schnur durch deine Hand. Schnurrend laufen Rad und Spindel, Wenn du weiße Fäden spinnst. Sorgsam wickelst du die Windel, Da du lächelnd träumst und sinnst. Zähltest du mit stillem Munde Schon die Wochen, wenn du schwiegst. Bis nach einer schweren Stunde Du dein Kind am Herzen wiegst? fortgeschafst. Ein Befreiungsversuch des Hauptmanns Weber scheiterte: I stark überlegener Feind nötigte ihn zum Rückmarsch aus Bonny. Anderntags marschierte Hauptmann L e i s z mit seiner Abteilung wieder nach Briare zurück. Am gleichen Tage marschierte die 7. Kompanie (Oberleutnant Metzler) nach Gien ab, während Major Hoffmann mit der 5. Kompanie (Oberleutnant C u l l m a n n), 6. (Oberleutnant H e y d a ck e r) und 8. (Oberleutnant Haupt) sowie der 4. Eskadron und dem 1. Zug der reitenden Batterie abermals zur Erkundung gegen Cosne vorging. Obwohl man von bedeutenden feindlichen Berstärkungen erfahren hatte, bestand General von Rantzau auf einem Angriff, um eine Klärung der Sage zu erzwingen. Bei völliger Dunkelheit stieß man abends vor Neuvy auf den Feind. Obwohl sich der Gegner, der aus Mobilgarden bestand, bald zurückzog, beschloß Major Hoffmann, das Gefecht abzubrechen und auf Briare zurückzugehen. Als General von Rantzau Meldung davon erhielt, gab er den Befehl, den Angriff am nächsten Morgen nach Eintreffen von anderthalb Kompanien Verstärkung als gewaltsame Rekognoszierung zu erneuern. Mit Tagesanbruch wurde der Marsch gegen Cosne angetreten, aber schon kurz hinter Bonny durch überlegene feindliche Kräfte aufgehalten. In dem Gefecht versuchten die Franzosen bei ihrer großen Ueberzahl die hessischen Truppen zu überflügeln, so daß sich Major H o f f m a n n , um nicht abgefchnitten zu werden, entschloß, den Rückmarsch nach Briare anzutreten. Schon am nächsten Tag schickte General von Rantzau den Hauptmann Seitz zu neuer Erkundung auf Neuvy vor, doch hatte sich der Gegner derartig verstärkt, daß Seih wieder nach Briare zurückging. Am 31. ging Hauptmann Weber wiederum gegen Bonny vor. Ein feindlicher Angriff nötigte ihn, über den Bahnhof von Chatillon für Soire hinaus zurückzugehen. General von Rantzau befahl jedoch, dem Feind erneut entgegenzutreten, und der Bahnhof wurde von der Abteilung unter Führung des gerade eingetroffenen Regimentskommandeurs Oberst Kraus auch wieder genommen. In Briare war inzwischen alarmiert worden, und die Seibkompanie (Hauptmann Buff), 4. und 8. Kompanie (Hauptleute H a u p t und S e i h) der 2. zur Unterstützung nachgeschickt. Gleichzeitig wurden drei Züge der Seibeskadron unter Major vanderHoopmit einem Zug der 5. Kompanie (Seutnant Goldmann) an den Kanal vorgeschoben. Die 2. Kompanie lag indessen in einem äußerst heftigem Feuergefecht gegen den sich immer weiter verstärkenden Feind. Oberst Kraus, der mit dem Pferde gestürzt war, mußte sich nach Briare zurückbegeben, da erschien General von Rantzau auf dem Gefechtsfeld und übernahm die Seitung. Er ließ die in Reserve haltenden vier Geschütze vorgehen, und es gelang, den gegnerischen Angriff zu zerschlagen. Das gleiche Schicksal erlitt ein neuer Angriffsversuch der Franzosen, aber die Gefahr des Umgangenwerdens war inzwischen höchst bedrohlich geworden, weshalb General von Rantzau den Rückzug auf Briare befahl. Dieser wäre ohne das Eingreifen der 5. Kompanie (Seutnant Cullmanni und von Teilen der 4. (Seutnant Klingelhöffe r) durch die französischen Umgehungskolonnen ernstlich gefährdet gewesen. In erbittertem Basonettkamvf vertrieb Seutnant Cull - mann den Gegner aus Schloß und Park Beauval und verschaffte den weichenden Kompanien den geordneten Rückzug auf die von Rantzau bei Briare bestimmte Widerstandslinie. Seiber verlor hierbei das Regiment einen hochverdienten, tapferen Offizier, Hauptmann Weder von der 2. Kompanie. Mittlerweile hatte General von Rantzau zur Verteidigung von Briare eine Aufnahmestellung einnehmen lasten, in welche die zurückweichenden Komvanien einrückten und einen Angriff der Franzosen abroiefen. Die in Gien gelegene 7. Kompanie wurde am 1. Januar nach Briare heran- gezoaen. Die Verluste des Regiments am 31. Dezember betrugen 1 Offizier, 12 Mann tot, verwundet 2 Offiziere, 33 Mann, 6 Vermißte. Der Morgen des 1. Januar verlief zunächst ruhig, bald aber stellten Patrouillen fest, daß der Feind eine weit nach Norden ausholende Umgehung machte, um dem Detachement den Rückzug abzuschneiden, doch wurde die Absicht des Gegners vereitelt. Da dieser seine Kolonnen immer weiter gegen die Rückzugslinie Vordringen ließ, befahl General von Rantzau, um nicht abgefchnitten zu werden, den Rückzug auf Gien. Das Detachement war einer großen Gefahr entgangen, denn eine ganze französische Division (General du Stemple) stand ihm gegenüber. Eine Stunde nach der Räumung rückten die Franzosen in Briare ein, wo die zurückgelassenen hessischen Verwundeten, die wie alle Deutschen „Prussiens“ hießen, den Hauptanziehungspunkt ihrer Schaulust bildeten; die Behandlung war jedoch gut. Schon am 3. räumte aber General d u lern»le Briare und zog sich loireaufroärts zurück, gefolgt von General von Rantzau, der am 4. abends feine Quartiere in Briare wieder ^Es folgte nun eine ungemein aufregende Zeit. Da der nach Montargis sich hinziehende Kanal fo fest zugefroren war, daß ihn selbst geschlossene Formationen überschreiten konnten, bildete er jetzt eine erhöhte Gefahr; wegen der Ueberfallgefahr mußte man in steter Alarmbereitschaft bleiben. Dazu verschlechterte sich der Gesundheitszustand, namentlich durch Blattern- erkrankungen. von Tag zu Tag, auch die Verpflegung gestaltete sich immer schwieriger. Besonders in der linken Flanke verstärkte sich der Feind, was am 12. zu einem glücklichen Erkundungsgefecht unter Hauptmann 8 e i ß führte; am 13. wurde überall eine vermehrte feindliche Tätigkeit fest- gestellt. Am Morgen des 14. gereichte dichter Nebel dem Detachement zum Vorteil, denn die unter seinem Schutz vorgetriebenen Patrouillen meldeten das Herannahen starker feindlicher Kräfte. Alles schloß darauf, daß der Feind das Detachement im Rücken angreifen wollte, ja, daß diesem bereits die Rückzugslinie abgeschnitten war. Der Vorpostenkommandeur Hauptmann Seitz warf sich dem überlegenen Feinde entgegen und drängte ihn 1500 Me»er zurück, wobei Seutnant Weimer schwer verwundet wurde. Die gewonnene Stellung wurde gegen alle feindlichen Gegenangritte gehalten. Gegen 9 Uhr wurde das Detachement alarmiert und in Briare gesammelt. Während der Gegner auf der Straße nach Montargis zumck- gebrängt wurde, war es ihm gelungen, die Hauvtruckzugsstraße nach Gien zu besetzen. Um den Weg für das Detachement frei zu machen, erhielt die Kavallerte den Befehl, durchzubrechen. Zwei Eskadronen unter Major van der Hoop, der bei der Attacke leider den Heldentod fand, gelang dies auch, die dritte jedoch wurde durch das heftige feindliche Feuer zum Kehrtmachen gezwungen. Die abführende Bagage mußte hinter Briare halten, da ein Weiterkommen unmöglich war. Da erschien an der Spitze der 8. Kompanie Oberst K r a u s, der auf das gegen den Kavallerieangriff einfetzende verstärkte feindliche Feuer unter dem Schutze des Nebels längs der Bahnlinie herbeigeeilt war, und warf sich mit schlagenden Tambours auf den Feind. Dieser, ein ganzes Jranktireurbataillon, wurde derartig überrascht, daß es das ganze Soiretal räumte. In einem Waldstück ließ Oberst K r a u s die 8. Kompanie sich einniften und feindliche Gegenangriffe frischer Kräfte abweifen. Die Kompanie ging sogar ihrerseits zum Angriff über und warf die Franzosen im ersten Anlauf aus ihren Stellungen. Noch einmal versuchte sich der Gegner festzufetzen, wurde aber in erneutem Angriff geworfen und aus seiner letzten Stellung verjagt. Nachdem so die Rückzugslinie frei gemacht war, konnten Batterie, Reiterei und Kolonnen ihren Marsch nach Gien fortfetzen. Hauptmann Seih erhielt den Befehl, sich allmählich an die Straße nach Gien heranzuziehen und das Detachement zu decken. Durch einen kräftigen Vorstoß warf Hauptmann Seih den Feind, der ihm hier mit vier Bataillonen gegenüberstand, bis tief in den Wald hinein und nahm ihm jede Sust zu ferneren Störungen des Rückzuges. General von Rantzau sammelte fein Detachement nördlich Gien und fetzte feinen Rückmarsch nach Ouzouer fort, bas abenbs erreicht würbe. Die Verluste betrugen 1 Offizier, 3 Mann tot, 10 Offiziere, 10 Mann verwundet, wovon 4 noch starben, 9 Mann vernäht. Van seinen im Sazarett befindlichen Verwundeten und Kranken blieben nur 19 unter Pflege des Feldassistenzarztes Dr. K ö h l e r zurück, während 14 an Blattern Erkrankte mit der Truppe zurückgingen und später sämtlich genasen. Auf französischer Seite focht mit erdrückender Uedermacht die Division d u Stemple, 13 300 Mann stark. Das Mihlingen ihrer Unternehmung schrieben die Franzosen, wie aus Zeitungsberichten hervorging, wieder der Unfähigkeit ihrer Führer zu, während in Wirklichkeit der geringe Gefechtswert der Truppe daran schuld war. Auf deutscher Seite gebührte das Hauptverdienst der hingehenden Tapferkeit der Truppe. Die ungewöhnliche Sage der rings vom Feinde umschlossenen Detachements bedingte es, nach allen Seiten Front zu machen. Hohe Anerkennung verdient das vorzügliche Verhalten von Unterführern und Mannschaften, die nicht nur einer erdrückenden Uebermacht zäh standhielten, sondern sogar im richtigen Augenblick zum Angriff übergingen und mit dem Bajonett ganze Bataillone zum Weichen brachten. Im Tagesbefehl wurde dies auch von General von Rantzau zum Ausdruck gebracht. Zum Andenken an diesen Heldenkampf trugen in den Jahren vor dem Weltkriege die (Siebener Kasernen Flaggen- schmuck, und die Parole lautete; „Briare". Daß der Geist von Briare im Regiment allzeit hochgehatten wurde, bafür konnte es keinen glänzenderen Beweis geben als seine Seiftungen im Weltkriege. Die Fahnenweihe. Von Norbert Bruchhäuser. NSG. Ein nassauisches Dörfchen von knapp vierhundert Einwohnern hatte einen Männergesangverein, der auf den schönen Namen „Frohsinn" hörte. Der „Frohsinn" war nach kurzer Jugendblüte etwas versackt und jahrelang nur bei Beerdigungen in Tätigkeit getreten. Aber bann kam eine Zeit glänzenden Aufschwungs: Ein musikalisch nicht unbegabter junger Lehrer kam an Stelle des abgebantten alten ins Dorf und übernahm, auch an Stelle seines greifen Vorgängers, die Bettung des Vereins. In einer hochbedeutsamen Generalversammlung wurde der geistig bedeutendste Mann des Dorfes, Matthias Sauerbier, zum ersten Vorsitzenden gewählt. Diese Tat bedeutete den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte bes „Frohsinn". Nachdem die Reihen einigermaßen aufgefüllt waren und das Repertoire sich um einige Feld-, Wald- und Wiesenchöre bereichert hatte war Sauerbiers größte Sorge die Beschaffung einer Veremssahne. Nach fünfjähriger mühevoller Arbeit hatte er es erreicht. Die Fahne wurde beschafft und harrte nun der Einweihung. Die Fahnenweihe, gleichzeitig der Erinnerungstag des fünfundzwanzig- jährigen Bestehens des „Frohsinn", sollte ein Fest ganz großen Stils werden, wie es Dannweiler noch nicht erlebt hatte. Das war Sauerbiers Wille. Und Sauerbier war einer, der weiß, was er kann, und zumeist auch kann, was er weiß. Im Hauptamt Ortsoorsteher, hatte er feinen amtlichen Laden — wie er sich in der Festfreude etwas delvektterlich ausdrückte — auf drei Wochen geschlossen und während dieser Zeit Dutzende von handschriftlichen Einladungen an alle erreichbaren Gesangvereine der näheren und weiteren Umgebung gesandt. Nun memorierte er seit drei Tagen morgens, mittags unb abenbs Begrüßungs-, Fest- und Abschiebsreden. Man macht sich ja keinen Begriff, was alles auf einem Vereinsvorfihenben lastet, ber obendrein noch ber Meinung ist, er muß alles selber machen, weil's ihm boch kein anderer recht zu machen versteht. Vorsichtigerweise — man kann nie mi Jen was vajsiert — hatte er den Schutterhannes. einen geweckten, redegewandten Tenor, instruiert und einige R-destilblüten auswendig lernen jaffen, falls eine Aushilfe nötig werben sollte. Immerhin blieb bis Hauvt- forge unb Verantwortung auf Sauerbiers breiten Schultern liegen. In ftiHen, nächtlichen Stunben, wenn ber Schlat feine Biber floh, malte er sich qern ben großen Tag, ber recht eigentlich fein Tage werden sollte: er sah sich in all seiner Herrlichkeit auf ber Rednertribüne lieb-"' sah bie I Tausende andächtig lauschenb an feinem Munde hängen, ber Warte ber Weisheit unb Begeisterung formte, sah ein Fest, seine Red"" in allen I Zeitungen ber Umgegenb gebrückt — eine beravschenbe Fernsich' Und ber große Tag kam unb füllte die festlich geschmückten Straßen mit einer roimmelnben Iahrniarkt-cherrlichkeit. Begrüßungsfeier nnö Preissingen gaben ben Auftakt. Ein Fantarenttoß verkündete den R-nnn des Weiheaktes. Auf einem erhöhten Standort unter ßaubarm '>nd Fett- fihmuif. nahmen die Würdenträger, die Fe«n,nafrauen in W-> ! Musik Ausstellung. Die Dorffchöne trug auf seidenem Kissen das kostbare Seidentuch. fftunb um das Podium drängte sich eine unübersehbare Menschenmenge. r r -jr Ein zweiter Fanfarenstoß gebot Ruhe. Langsam verebbte der festliche Lärm, und es ward eine große Stille. So vollkommen war diese Stille, daß man im Dorf drüben die Hähne krähen hörte. Nur ein völlig unmusikalisches Karussell spielte am anderen Ende des Festplatzes unausgesetzt das schöne Lied vom „Püppchen" mit dem „Augenstern". Matthias Sauerbier bedachte seinen stattlichen roten Schnurrbart mit einer letzten liebevollen Zwirbelbewegung, sah, wie sich aller Augen erwartungsvoll aus ihn richteten, verfluchte noch einmal im stillen den Püppchen-Leierkasten, legte die Stirn in bedeutungsvolle Falten, tat seinen Mund auf und Hub also an: „Hochansehnliche Festversammlung! Insonderheit verehrte Sangesbrüder von nah und fern! Schon unsere Vorfahren ..." Weiter kam er nicht. In den hinteren Reihen der Zuschauer gab es ein Geschiebe und Gedränge, und eine kreischende Frauenstimme wurde gehört: „Sauerbier", Ihr sollt uff der Stell emol haamkomme, us Schimmel krejt es Kalb!" Der Redner stand wie vom Blitz getroffen. „E Kalb von der Schimmel, wu die Zeit noch gor mt aus is? Do soll ja gleisch e glienich Kisselgewirre die Kuh metsamt dem Kalb verhaage!" Spracht, stülpte seinen Zylinder auf und eilte wutschnaubend durch die grinsende Menge dem Dorfe zu. Ein Glück, daß der Schusterhannes instruiert war. Aber es kam doch etwas unerwartet, und das Herz klopfte ihm bis in den Kragen. Nachdem sich der Aufruhr gelegt hatte, wandte er sich an die Festjungfrau mit der Fahne und sagte mit gewichtiger Stimme: „Su nomm ich denn in Stellvertretung des ersten Vorsitzenden die geheiligt Föhn ctus deine zorte Fingercher." Und zu den Vereinsbrüdern gewandt: „Kommt emol näher zu mir, un jeder dout 'n Put drolege". Wieder gab es ein großes Geschiebe, denn jeder wollte seine Hand auf das Fahnentuch legen. Der Schusterhannes verlor die Geduld. „Himmeldunnerkeil!", fuhr er dazwischen, 's braucht doch nit jeder sei dreckige Pute on dem neje Duch abzebotze!" Man schob und drängte und lachte. „Ruhe bitte ich mir aus. Alleweil." „Här uff, Hannes, do hinne kimmt der Sauerbier gelaafe, der micht des bißche!", rief's aus der Menge. Richtig, im Sturmschritt kam der erste Vorsitzende wieder über den Festplatz gestürmt, Dem Hannes stieg das Blut zu Kopfe. „Nix zu mache!", entschied er. „Alleweil wird fertig geweiht!" Und während sich Sauerbier eine Gasse durch die Menge bahnte, von allerhand anzüglichen Redensarten empfangen, sprach der Schusterhannes die denkwürdigen Worte: -,Em Nome vom ganzen Verein, in Gegenwart der ganzen Oeffentlich- keit, im Angesicht von Himmel und Erde, weihe ich die Fahne hier mit en als Zimbilium der Harmonie, die Liebe und Treue bis in den Tod. Un e heilig Laad soll den verschmeiße, der sei Föhn verläßt. Schluß und fertig!" Gerührt ergriff er das Fahnentuch, heftete es an die Stange, schwenkte es dreimal über seinem Zylinder und befahl: „Dusch!". Matthias Sauerbier erklärte noch in derselben Stunde seinen Austritt aUs dem Verein. Und so ist es gekommen, daß seine Festrede nicht in den Zeitungen gestanden hat. Statt dessen stand nach genau drei Wochen eine Anzeige im Kreisblatt: Vierzehn Tage aUes Kalb, männlichen Geschlechts, zu verkaufen bei Mathias Sauerbier, Ortsvorsteher." ' Denn der Schimmel hatte in Wirklichkeit an dem bewußten Sonntag noch gar nicht gekalbt, sondern erst als die „Zeit aus war", nämlich acht Tage später. O'-d unh Arie. Von Walter Berten. Zu den Worten, die fremde Völker aus dem Deutschen in ihren Sprachgebrauch übernommen haben, weil etwas so typisch Deutsches mit diesem Begriff benannt wird, daß Inhalt und Laut untrennbar erscheinen, gehört das Wort Lied. Immer war das deutsche Lied der volkhafteste Ausdruck deutschen Wesens. Wir alle haben solche Lieder lebendig in unserer Vorstellung: etwa Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore", Schumanns ..Wohlauf noch getrunken, den funkelnden Wein", Brahms' „Immer leiser wird mein Schlummer", Wolfs „Wer in die Fremde will wandern". Vom unendlichen Reichtum unserer Volkslieder ganz zu schweigen. Wenn der Deutsche einem Gefühl der Freude ober des Schmerzes Aufdruck geben will, singt er feine Sieber; unb im Freunbeskreife stimmen batb alle mit ein. Die Berliner Volkssprache kennt bemgegenüber ben Ausruf: „Menich, quatsch keene Oper", mit bem er ihm gekünstelt fremb ober gewollt Ericheinenbes abwehren will. Die Hauptform bes Einzel- gesanas in der Oper ist die Arie — und wir verstehen, daß der Arie ob ihrer künstlerisch komplizierteren Form, ihrer Bindung an das große Kunstwerk des fetttäglichen, außerordentlichen Anlasses weniger Volkstümlichkeit vergönnt ist als bem Lieb. Außer bem beruflichen Kenner finb es nur menige Musikfreunde, die gleich eine lebendige Vorstellung haben, wenn sie im Konzert- ober Funkprogramm die Arientitel lesen „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", „Komm, süßes Kreuz", unb wissen, baß bies Sologesänge ans Hänbels „Messias" unb B a ch s „Matthäus-Passion" sind — ober Ihr. bie ihr Triebe bes Herzens kennt" unb „Treibt ber Champagner b» z Blut erst im Kreise" als Arien erkennen aus den M o z a r t. Opern „Moaros Hochzeit" unb „Don Giovanni". Wie unterscheiben sich denn im 'i«'eren Lied unb Arie — unb: finb es gleichwertige Musikformen? THs W-'b ist geistig unb formal eine Welt für sich. Ein bestimmtes Sckü-esol Mi geschloffener Gedanke, ein umfassendes Gefühl wird in einer für fick, beÜ-benden Form zum Ausdruck gebracht. Als: Liebeslied. Vater- »eran wörtlich: 0r. Hans Tbvriot. - Druck und Verlag Brühl lanbslieb. Trink- unb Wanderlied usw. Es sind zumeist Schicksale und Gefühle, die alle angehen und berühren. Die meist gradlinig eiii|ua)e Melodie vermählt sich mit dem hier fast stets dichterisch wertvollen Text zu einer neuen höheren Einheit. Es ist sehr oft strophenmähig angelegt unb im Aufbau leicht zu erfassen. Auch die Arie hat ihren bestimmten Form-Aufriß; am meisten finden wir die Art der Da capo-Arie — Wiederholungs-Arie genannt, weil in der Folge von A=Ieit — L-Teil — A-Teil nach dem zweiten Teil mit seiner neuen Melodie der erste mit der bereits bekannten wiederholt wird. Die äußere Form ist weniger das, was Lied und Arie unterscheidet. Die Arie steht nicht als eine geschlossene Welt für sich allein; sie ist Teil aus einem größeren Ganzen — aus einer Kantate, einem Oratorium ober einer Oper, in beren epischem ober bramatischem Verlauf bie Arie als lyrische Betrachtung die Stimmung und Empfindung Oes Augenblicks festhält. Ist die Arie aus eines Künstlers Hand, sa übt sie auch für sich allein gesungen, künstlerische Wirkung aus, ihr letzter Sinn aber ersaut sich als Teil eines größeren Ganzen. Bei der Arie kommt es weniger auf die Mitteilung bestimmter Gedanken und Erlebnisse an als beim Lied; die Arie ist vielmehr der schmuckreiche Ausdruck einer durch den bisherigen Verlauf des Oratoriums oder der Oper herbeigeführten Stimmung, bie lyrische Betrachtung des hier kulminierenden Affekts. So hat der eigentliche Wortinhalt oft wenig Bedeutung; man könnte fast sagen, daß die Worte nur dazu da sind, die Gesangsmelodie zu tragen. Schließlich braucht man ja auch nur einen Blick zu tun in die Auszüge mancher Opern vor Wagner, auch durch ihre Musik unsterblicher Oratorien, um festzustellen, wie dürftig im poetischen Sinne oft die Arientexte sich ausnehmen. Es gibt da zuweilen endlose Wortwiederholungen, Koloraturen und ganze Melodieteile auf einzelne Ausrufe und Silben. Wir müssen eben die Arie — im Gegensatz zum Lied — als eine musikalische Form erkennen, die ganz aus dem Geiste der Instrumentalmusik (und auch zeitlich mit ihrem Entstehen) geboren wurde. Schon rein äußerlich: jedes Volkslied und viele Kunstlieder kann man ohne Begleitung fingen — eine unbegleitete Arie würde im allgemeinen unfertig, ja seltsam klingen. So unendlich viele Chorlieder wir haben — eine Chor-Arie wäre ein Widerspruch in sich selbst; was man ungefähr so nennen könnte, wäre bas „Ensemble", in bem sich einige ober alle Solostimmen einer Oper ober eines Oratoriums gufammenfinben. Aber ein solches Ensemble unterscheibet sich vom Chorlieb etwa wie eine ausgewählte Volksvertretung vom Volk. Hiermit haben wir bas Wesensmerkmal berührt, bas Lieb unb Arie im tiefsten unterfdjeibet, und aus dem sich alles Aeußere unb Formale leicht von selbst erklärt. Das Sieb, besten sämtliche Kunstformen zurückgehen auf bas Volkslieb, ist immer unb im Grunbe volkhafter Natur unb stets verbindlich in ber Gemeinschaft bes Wir. Die Arie, bie mit ber Oper unb ber Instrumentalmusik viel später entstand, und zwar aus den Ideen unb Kräften ber Renaissance unb des Humanismus, ist im Grunde aristokratischer Natur und mehr einer individualistischen Haltung zugeneigt, zumeist nur verbindlicher Ausdruck der Empfindung einer einzelnen Persönlichkeit, deren Schicksal wir auf der Musikbühne verfolgen, mehr ober weniger begrenzt in einem Ich. Hier wirb leicht begreiflich, warum bas Lieb volkstümlicher ist als bie Arie: wo bas Volk bem höchstgesteigerten Ausbruck unb Gefühlsbekenntnis bes Ich nicht folgen kann ober will, bleibt bie Wirkung auf bas Formale begrenzt. Aber es ist gerabe bas Signum unb der Sinn ber großen schöpferischen Persönlichkeiten, bie Bebeutung unserer Großmeister bes Oratoriums unb ber Oper, baß sie in ihren Werken bie Gestalten unb Charaktere empfinben unb hanbeln lassen aus bem gleichen Fühlen unb Denken, bas uns alle zur Volkheit binbet. Wenn Vach unb Hänbel in ben Arien ihrer Oratorien bem Gefühl des Mitleibens mit bem Gekreuzigten, ber Freube über ben 2Iuferftanbenen burch ben Munb eines einzelnen Ausbruck geben — wenn Gluck feinen Orpheus fingen läßt „Ach, ich habe sie verloren" unb Weber bie bange Sehnsucht ber Agathe im „Freischütz", bie einsame Qual unb ben unbeschreiblichen Jubel ber harrenben, hofsenben, bas Glück schauenben Rezia im „Oberon" bändigt in die große, bewegte, freie Form ber Arie ...so fühlen unb wissen wir: mag bies auch bie Empsinbung biefer einzelnen Persönlichkeit fein, so zu fühlen, zu lieben, zu leiben ist uns allen gegeben, hier fanb ein Meister ben Ausbruck für ein gemeinsames Schicksal. Unb ist solchermaßen bie Schöpferpersönlichkeit unb der von ihr gestaltete Charakter eins mit der Gefühlsgemeinschaft aller im gleichen Volkstum Verbundenen, dann ist die Jch-Vegrenzung (von der eine äußere Form ausging) wieder aufgehoben, unb bie Wirkung münbet roieber in bas Wir. Nur außerorbentliche Charaktere können Träger einer bramatischen Handlung fein. Wenn es bem Lieb gegeben ist, bas Schlichte ebenso wie bas Große zu umfassen, — bie Arie lebt immer aus ber außerorbcntlichen Erregung ber Gefühle, unb zwar im weiten Vewegungsraum vom Sviele- rischen bis zum Heroischen. Sie setzt mit einem prägnanten melobischen Motiv meist erst ein nach einem oorangegnngenen Svrechgesang — Rezitativ genannt —, der in knappster musikalischer Diktion bie Vorgeschichte ober bie Umftänbe berichtet, aus benen sich die außerordentliche Stimmung ergibt, bie nun ben Inhalt unb Charakter ber Arie bestimmt. Sie fofat babei ben verschiebenen Cmpfinbungen, bie von biefer Stimmung ausgeföft werben in nuancenreichem Ausbruck. Hinzu kommt ein über bas Lieb weit hinausgehenber Tonumfang, schwierige charakterisierenbe Tonschritte, bie Stimmbehauptung gegenüber einem ganzen Orchester. Kurz: es finb viele aeiftige unb technische Grünbe, bie von vornherein bem Volk bie Arie frember als das Lieb erscheinen lassen, zumal bie S-lbst- ausübung in ben meisten Fällen bem Laien unmöalich fein wirb. Aber musikalisch fein unb musikalisch genießen können, heißt ia nicht nur selbst mufhieren, sonbern auch mit Bewußtsein unb innerer Aktivität zu hören. Die Frage nach bem Unterschieb von Lieb unb Arie bürste beantwortet sein: verschiebenartig — boch gleichwertig: bann, wenn über alles Formale unb feine Begrenzungen hinaus ber Meister ber Gemeinschaft vom gleichen Schicksal künbet. 'sche UniversitätS-Buch. unb 6teinbruderei, R. Lange. Gießen.