Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Montag, den H. Juni Nummer 45 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL Wenn ich die seltsamsten Dinge erzählen will, die mir im Laufe meines wahrlich an Seltsamkeiten nicht armen Lebens begegnet sind, so werde ich vielleicht am besten mit jenem Aprilabend des Jahres 1808 beginnen können, an dem wir nach dem kläglichen Stiergefecht in Tibur- ews Schenke „Zum schwarzen Herrgott" beisammen saßen. Ich weiß, daß sich um mich, obwohl ich noch unter den Lebenden - weile und hier auf französischem Boden nun endlich die Ruhe zur Arbeit ’inbe, die mir in meinem Landhaus zu Madrid zuletzt versagt geblieben st, ein ganzes Rankenwerk von Legenden zu spinnen begonnen hat. Sie heften sich an Begebenheiten meiner stürmischen Jugend, an die märchenhaften Erfolge meines Mannesalters, an meine Beziehungen zum Hof Znd zur vornehmsten Gesellschaft Spaniens. Es ist vieles darunter, das uchtig, vieles aber auch, das falsch und erfunden ist. Was die Leute von nir erzählen, stellt mich bald als Helden, bald als Verbrecher hin, bald i ls Höfling, bald als Aufrührer, als klugen Geschäftsmann oder als Ver- chwender. Ich lasse sie erzählen, denn ich bin der Meinung, ein großer Künstler dürfe über alle Einordnung in eine bestimmte moralische Klasse °nd über alle Urteile beschränkter Köpfe sich erhaben dünken, und sein Lesen bestehe eben darin, von allem etwas zu sein. Und da ich der größte Künstler bin, den Spanien seit meinem Meister :?elasquez besessen hat, und wohl schwerlich ein größerer oder auch nur im gleichgroßer nachkommen wird, so glaube ich vor allem darauf Anspruch erheben zu dürfen, das Urteil der Menge in den Wind zu schlagen. Darüber hinaus aber meine ich, daß es vielleicht ganz gut sei, den teuten Anlaß zu geben, sich über einen den Kopf zu zerbrechen. Denn Öen dieses ist ja ein Teil des Ruhmes, daß neben dem Werk, dessen wurzeln in der Ewigkeit gegründet sind und das vor aller Welt Augen eht, auch das Leben des Künstlers in der Leute Mund ift; der Künstler Isöarf solcher Nachrede, ob im Guten oder im Schlechten, damit er nicht 'pn seinen Zeitgenossen übersehen werde, und es ist nur von Vorteil 'cr ihn, wenn er der Menge Rätsel zu raten aufgibt. Zumal in Spanien, dem Land, dessen Seele ja selbst ein Rätsel ist. i -lögen die Leute also nur über mich reden, Wahres und Falsches durch- ; mander, und mögen die späteren Schilderen meines Lebens sich damit «»plagen, beides voneinander zu scheiden. Wenn ich aber nun einen Teil der Abenteuer meines Lebens und g rade den seltsamsten niederschreibe, so geschieht es für dich, mein ferner f I nger Freund — der du freilich auch keiner der Jüngsten mehr bist —, öirnit du das, was du zum Teil als Zeuge selbst miterlebt hast und zum ■iril aus den Erzählungen deines Oheims kennst, klarer ersehen mögest, as es dir damals erschienen sein mag, da ich über gewisse Dinge noch "cht sprechen konnte oder wollte. Es wird dir trotzdem noch so manches uterHärlitf) bleiben * i. mor also nach jenem kläglichen Stiergefecht, und wir saßen in ' liburcios Schenke, und der Cachetero Rarvaez konnte sich nicht genug "'«r Duarte entrüsten, diesen Gauner von Unternehmer, der uns anstatt Mutiger Toros lauter armselige, schwächliche Kälber gegeben hatte. Sie Mten um ihr Leben gezittert und förmlich mit Tränen in den Augen k'um gebeten, man möge sie aus dem Zirkus lassen und wieder auf die Lside schicken. . Mit solchen Lämmern war die Corrida kein ritterliches Kampfspiel, Widern eine eintönige Schlächterei, und Martincho hatte keine einzige । frier Künste zeigen können, er war zu keinem einzigen kühnen Stoß K ommen. Die Cacheteros, die mit ihren kurzen Dolchen dem Stier den « adenstoß geben, hatten die große Rolle gespielt. Die anderen stimmten in das Geschimpfe über Duarte mit ein. Und s!e' Vanderillero Juan Larosa, der vor kurzem aus Valladolid nach Madrid iickgekehrt war, stachelte den Ingrimm noch mehr an, indem er Eadolid auf Kosten Madrids herausstrich. Dort wurden die Toros, »mn es ihnen an Mut fehlte, gegen ein Tor getrieben und gerieten da S' eine mit Talg geschmierte Rutschbahn, auf der sie in das Wasser der -niuerga glitten. Und nun ging der Kampf ihm Wasser weiter, die Stiere ^>rden von Kähnen aus und von Schwimmern angegriffen, das war - » abwechslungsreicher Kampf, wenn sich die Toros zugleich gegen das ''fnnken und die Menschen zu wehren hatten ' .Der Espada Vidriera, der Anführer der zweiten Quadrille war, er= Ute, wie sie es in Lerma machten. Auch da hatten sie so ein Tor, aber die Rutschbahn endete nicht im Wasser, sondern über einem steilen Fels- hang; und wenn die Tiere in die Freiheit zu stürmen glaubten, so Ä I>ch Dann kamen sie wieder auf Duarte zu sprechen, und alle waren darin emlg, daß Duarte em elender Gauner sei, denn es hatte sich ja nachher herausgestellt, daß er auch noch andere, bessere Stiere in seinem Zwinger hatte als diese zitternden Ziegenböcke, an denen Martincho zum Gespött der Zuschauer geworden war. Nichts ist für den Espada schlimmer als wenn die Leuts zu lachen beginnen. Kein Wunder, wenn Martincho verärgert und wortlos abseits von den übrigen in seiner Ecke saß. Am ärgsten trieb es die Celestina. Sie war eine ehemalige Schau- spielerm und hatte mir einst, in der Zeit ihrer Blüte, als Modell gedient. Ihr Bild befindet sich unter den Engelsgestalten, mit denen ich die Kuppel von San Antonio geschmückt habe. Nun war sie von der Gunst des Publikums fallen gelassen worden, spielte, ein wenig gealtert und ver- " nur unbedeutende Rollen und hatte sich Martincho als Freundin angeschlossen Aber sie schien sich heute mit ihm gezankt zu haben, denn nachdem auch fte zunächst weidlich über Duarte losgezogen hatte, wandte l‘e ftd> mit einer verächtlichen Miene nach Martmcho um und sagte: ,?Aber vielleicht haben die Toros auch gewußt, daß Martincho nicht bei Stoß war. J Ach sah, wie der Espada zusammenzuckte, und Juan Larosa, der wohl wußte, wie gefährlich es war, den ohnehin gereizten Toreador noch mehr aufzubringen, begütigte: „Wie soll Martincho zum Stoß kommen, wenn die Toros feige Bestien sind?" Und oer deutsche Doktor Siebold, mein Freund, fügte hinzu: „Ich denke, die Toros haben nicht kämpfen wollen wegen der vielen Franzosen die im Schatten gesessen sind. Wenn ein spanischer Stier stirbt, so will er Spanier auf den besten Plätzen sitzen sehen und nicht Franzosen." Auch seine Absicht war es wohl gewesen, abzulenken, und diese Absicht gelang ihm vollkommen. Man brauchte des Gespräch nur auf die Franzosen zu bringen, um alles andere vergessen zu machen. „Die Pest in alle Franzosenknochen!" schrie der Cachetero Naroaez. „Der Teufel hat sie uns ins Land gebracht!" Ja, das sagten nun alle Spanier. Zuerst hatte man die Franzosen begrüßt, als hätte sie der Himmel geschickt, man hatte sie mit Jubel willkommen geheißen, als Bundesgenossen, als Befreier. Man hatte geglaubt sie seien gekommen, um den Willen des Volkes zu unterstützen das sich gegen den dicken Karl, die Dirne von Königin und den allverhaßten Godoy erhaben hatte, um seinen Liebling Ferdinand auf den Thron zu sehen Aber bald hatte sich gezeigt, daß die Franzosen nicht daran dachten, Ferdinand als König anzuerkennen. Man wußte überhaupt nicht was ste dachten, vielleicht wußten sie es selbst nicht, außer dem einen, der über Kronen und Lander Europas gebot und immer genau wußte, was er wollte. Die Stierkämpfer, Maultiertreiber und Lastträger, die da in Tiburcios Posada beisammen hockten, nahmen drohende Mienen an, spuckten aus den Lehmboden und sielen mit Flüchen und Verwünschungen über die Franzosen her. Ja, nun hatte sie der Teufel ins Land gebracht oder Godoy was dasselbe war. Godoy, der Verräter, der Wurstmacher, wie sie ihn nannten, weil seine Heimat Estremadura wegen ihrer Würste berühmt war. „Die Pastrana! Laßt die Pastrana reden!" brüllte Larosa in den Tumult, „die weiß immer das Neueste, sie kommt in alle Winkel, wo sich etwas zuträgt." Aller Blicke wandten sich dem alten Weibe zu, das neben der Tür auf einem Holzschemel saß und seine dünne Suppe löffelte. Die Bettlerin war von einer abscheulichen Häßlichkeit, ihr Buckel hatte eine abenteuerliche Mißgestalt und sah ihr schief zwischen den Schultern, in der verrunzelten Lederhaut ihres Gesichtes zwinkerten lidlose Triefaugen die nur wie durch ein Wunder noch nicht über die Wangen ausgeronnen waren. Der Hals stak so tief im Rumpf und war so abgebogen, daß sie den Blick auf eine jämmerliche Weise von unten aufheben mußte wenn sie semandem ins Gesicht sehen wollte. Ihre Hüften waren auf eine ganz seltsame Weise aus dem Gelenk gedreht, als bestünde sie aus zwei nicht zusammengehörigen und schlecht ineinandergepaßten Hälften. Man kannte sie, wie sie durch die Straßen torkelte und sich wand wobei die Hüften bei jedem Schritt aus dem Becken stießen, während sich ihre gichtisch verkrümmten Hände an den Mauern entlang tasteten. Es gab niemand in Madrid, der, wenn er an diesem Stück menschlichen Elends vorbeikam, ohne ein Almosen weitergegangen wäre. Unter den Sachverständigen der Zunft waren nicht wenige, die behaupteten, daß die Pastrana unter sämtlichen Madrider Bettlern das beste Einkommen habe. Als sie jetzt angerufen wurde, hob sie den Kopf von der Schüssel, so weit es der verdrehte Hals zuließ und wischte sich den Mund mit dem Ich hatte bisher an dem Gespräch nicht teilgenommen. Damals hatte meine Schwkrhörigkeit schon solche Fortschritte gemacht, daß man sie manchmal hätte Taubheit nennen mögen. Indessen gab es Tage, an denen das liebel weniger arg war. Immer wenn der Wmd von der Sierra nach der Stadt stand, hörte ich ganz gut, und heute war ein solcher Tag. Ich hatte also geschwiegen, nicht weil ich nicht hörte, um was es ging, sondern weil mich das Bild fesselte, das ich vor nur sah. Tibur- cios dreckige Spelunke, in der es gleichwohl 6en besten Wein von Madrid gab, die erregten Männer im Halbdämmer des Lichtes das durch die offene Tür und das eine Fenster mit den zerschlagenen Scheiben hereinkam. Einen der zerlumpten Maultiertreiber hatte ich sogleich zeichnen mögen, und die Pastrana sah wie eine richtige alte Hexe aus, wie ich sie für ein Capricho hätte brauchen können. Ich schwieg, weil man besser sieht, wenn man nicht mitspricht. Nun aber, da Martincho mir seine Worte mit solcher Feindseligkeit ins Gesicht warf, mußte ich ihm erwidern: „Pio!" sagte ich ganz ruhig, „ich weiß nicht, was du willst, es ist doch alles in größter Ordnung zugeqangen." „, Es war wirklich alles in bester Ordnung vor stch gegangen. Martincho hatte nach seiner großsprecherischen Art sich über den kläglichen Ausfall der Corrida dadurch hinwegzusetzen versucht, daß er nach ausgiebiger Verwünschung Duartes bis in den Grund der Hölle geschworen hatte, es sei eine ausgemachte Bosheit von dem Kerl, daß er gerade heute so armselige Toros gestellt habe. Gerade heute habe er den großen Sprung vom Tisch über den Rücken des Stieres zeigen wollen. Da war es die Celestina gewesen, die ihren Freund verhöhnt hatte. Was sie dazu antrieb, weih ich nicht. Vielleicht wollte sie ihm nach dem vorangegangenen Zank noch einen besonders empfindlichen Hieb versetzen/vielleicht auch wollte sie sich bei mir einschmeicheln, um mich zu bestimmen, sie wieder einmal zum Modell zu nehmen. Jedenfalls hielt sie Martincho vor, es sei leicht, damit zu prahlen, was man habe tun wollen. Aber da stehe einer, der diesen Sprung wirklich gemacht habe und gewiß noch heute wagen würde, obzwar seine Waffe der Pinsel sei und nicht die Spada. Der Mann, den sie meinte, war ich. Handrücken: „Es sind keine Geheimnisse", sagte sie mit einer dünnen Acherigen Stimme, „ich weiß auch nicht mehr als alle. Man spricht doch aus den Straßen genug davon/" Was denn?" drängte der Banderillero „Nun, daß Murat die Kinder Karls nach Bayonne bringen lassen^will Die Königin von Etrurien und den Prinzen Francesco de Paula? "Ist es nicht genug daß unser angebeteer König schon bei Napoleon ist mid daß ihm dieses dicke Schwein Karl und seine Vettel von Königin mitsamt ihrem Lumpenhund von Godoy dort die Holle ^,.^ch^ Was will man mit den Kindern dort? Ihr werdet sehn, da steckt eine sranzösische Teufelei dahinter." „Hat es der König befohlen? Nein", sagte die Pastrana, „dieser Karl will es, der gar nichts mehr zu sagen hat. Aber die Junta weigert sich." Hoch die Junta!" lärmten einige Picadores. „Die Junta will die Kinder erst reisen lassen, wenn es Fernando ^^Der^Cachetero Narvaez zog seinen breiten Dolch aus dem Gürtel und stieh ihn in den Tisch, daß er zitternd stecken blieb. Dann legte er die Finger seiner rechten Hand an die Klinge, die schon so vielen Toros den Tod gegeben hatte: „Wir wollen in Straßengraben verrecken und in Mistjauchen ersaufen, wenn wir die Kinder aus Madrid lassen. Aber dann fiel ihm plötzlich etwas anderes ein: „Ich möchte wetten .suche er, „daß dieser Duarte seine besten Stiere für die Corrida m vierzehn Tagen zurückgehalten hat." Warum?" fuhr ein Wasserverkauser auf. "Weil dann doch dieser Murat, den der Teusel entzweischneiden möge, der "Corrida die Ehre erweisen soll, ihr beizuwohnen." Die anderen hielten in den Ausbrüchen ihrer Empörung über die geplante Entführung der Kinder inne und horchten auf Gewiß, lo roar esjo und nicht anders, wie hatte man so kurzsichtig fein können; natürlich war es so, daß Duarte, dieser Schuft, die guten Stiere zuruckbehalten hatte, damit in vierzehn Tagen dem französischen General em besonders glanzvolles Schauspiel geboten werden könne. Aber da sollte er sich geirrt haben. „Es fällt mir nicht ein", sagte der Espada Vidriera, „für diesen Franzosen meine Klinge zu entblößen." Nein, ganz recht so, keiner von ihnen wollte kämpfen, kein Banderilla sollte sich dem Toro in den Nacken bohren, kein roter Mantel vor seinen Augen geschwungen werden, das Knochengerüst des schäbigsten und ältesten Gauls war zu schade für so einen Zuschauer. Er sollte fehen, dieser Kinderentsührer, dieser neue Herodes, wie er zu seinem Stiergefecht kam. Hallo, Martincho", rief Larosa den Espada an, „was ist mit dir? In diesem Augenblick schlug Tiburcio, der Wirt mit einem Kochlöffel gegen die kupferne Pfanne, die über dem Herd hing, und ein runder, voller Ton rollte durch den Tumult der Aufgeregten. „Tod den Franzosen!" sagte der Wirt, „mag der Teufel seine Schwe ne mit ihnen füttern! Aber hier ist eines, das ein Meres 8“«« crt)aI V1 hat, und das ist eben fertig geworden, mögen also die E^ellenzen nicht versäumen, sich mit ihm zu beschäftigen, solange die Haut noch knusprig lst Der Mozo trug mit hochgehobenen Armen das gebratene Ferkel herbei. Es lag aus einem Brett, hatte eine Zitrone im Maul und fa 1) fo überaus wohlgeraten aus, daß sich ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte und allen das Wasser im Mund zusammenlies. Und in der Pause, die dadurch entstanden war, daß jeder in Gedanken ein Stück für sich herunterschnitt, sagte der Espada Martincho langsam und mit Betonung: „Wenn wir uns zu kämpfen weigern, dann mag es vielleicht Goya tun, damit der Franzose nicht um sein Vergnügen kommt! Nun hatte ich ja wirklich seinerzeit als junger Mensch eine zeitlang mein Brot auch als Stierkämpfer verdient und den Sprung getan, von dem da die Rede war. Aber heute war ich zweiundsechzig und, mew ich auch noch nichts von der Schwäche des Alters fühlte, völlig außer Hebung Ich dankte also der Celestina für die gute Meinung und hielt damit die Sache für abgetan. Aber die andern waren außer Rand und Band geraten, die Cel^ Itina batte ihre Neugierde entfesselt, und nebenbei wäre es ihnen auch willkommen gewesen, Martincho, der nicht sonderlich beliebt war, beschämt zu sehen. Der Eachetero Narvaez, der in meinen Jahren war, versicherte, er sei mehr als einmal dabei gewesen, wenn ich ^" Sprung getan habe, und nun schrien alle auf mich em, sie wollten ihn sehen und sie mühten ihn sehen. Gewiß hätte ich trotz alledem ihrem Drängen widerstanden, wenn Martincho nicht jetzt seine höhnischeste Miene ausgesetzt und gesagt hätte: Paßt ihn doch! Dem Herrn Hofmaler Goya werden wohl die Glieder' steif geworden fein von den vielen Bücklingen, die er bei Hos hat machen müssen." Nun blieb mir wohl nichts anderes übrig als meine Zurückhaltung aufzugeben und den Versuch zu machen, auf die Gefahr hm, mir Das Genick zu brechen oder vom Stier aufgespießt zu werden. gönnen denn auch einige auf mich zu wetten, aber es mar niemand, der die Wetten hielt als Martincho, so großes Vertrauen hattrn die andern alle zu meiner einstigen Geschickttchkett. Wir S'n^n 'i“'^ den Ställen schoben den zeternden Duarte mit einigen Rippenstößen bet feite und da zeigte es sich denn, wie gesagt, daß er em paar ganz prächtige Stiere hatte, die uns vorenthalten worden waren P Ich wählte den Stier, der den tückischsten und bösartigsten Blick hatte und warf meinen Frack ab. Die Arena war leer, nur einige Diener suchten noch die Sitzreihen nach verlorenen Gegenständen "b. Man brachte den Tisch, stellte ihn auf den Sand, und dann gab ich das und to tont, Ihm mit d-m »t.n Tuch entgegen. Es war nicht nötig, ihn lange zu reizen, er war ein tapferer Kerl und ging mich ohne Bedenken an. Ich war vor ihm bis in die Nahe des Tisches zurückgewichen und schwang mich nun hinaus. In dem Augenblick, als er gegen ben Tisch «mrcmnte, sprang ich mit einem Satz über seinen Rücken hinweg und landete jenseits seines Schwanzes im Sand. Der Tisch brach krachend zusammen, und der Stier stand verblüfft da, eingehüllt m das rote Tuch, das id) «W über die Hörner geworfen hatte. Ehe er sich noch befreien tonnte, hatten sich die Stallknechte seiner bemächtigt und führten ihn ab Ich kann nicht sagen, daß mich der Sprung sonderliche Anstrengung gekostet hätte. Ist es nicht, als hatten auch die Muskeln eine Art besonderes Erinnerungsvermögen und könnten, was sie einmal gelernt haben, getreulich aufbewahren — bis uns eben äa5 ©reifen- alter die Lebenskraft selbst fortnimmt? Ich war beim Ansturnt des Stieres ganz ruhig geblieben, meine Zufchauer aber taten nun, als hätte sich etwas Unerhörtes ereignet und tobten wie die llnfmmgen. Die Cestina warf sich mir an den Hals, und der Espada Vidriera umarmte mich und schrie: „Schmeiß den Pinsel weg, Francesco, und kommt wieder in die Arena!" Es war also alles in Ordnung vor sich gegangen, und Martm-ho hätte sehen können, daß ich mehr gezwungen als freiwillig den Sprung gemacht hatte. Die Arena war leer gewesen seine Niederlage, wenn er es schon für eine solche hielt, hatte keine anderen Zeugen gehabt als. feine nächsten Freunde. Dessen ungeachtet hatte sich em rasender Ingrimm in seine Seele eingesressen. ..... , i(.„ 1 Ich sah wie es in ihm kochte und wollte em übriges tun, um ihn zu beschwichtigen. „Keinen Groll, Pio!" sagte ich, „es gibt jetzt aho nur zwei Männer in Spanien, die diesen Sprung machen können. Und da ich nicht daran denke, öffentlich zu kämpfen, fo bist du der Einzige, von dem ihn das Publikum zu sehen bekommen wird. , Und ich denke", sagte der Doktor Siebold, „daß es jetzt an Der Zeit ist, gegen dieses in seiner Jugendblüte stehende Schweinchen zu kämpsen dessen Haut einschrumpfen wird, wenn ihr redet anstatt zu essen Unsere vielgeliebte Celestina mag uns die Ehre erweisen es uns zu zerlegen und zuzuteilen." Damit erhob er sich und ftretfte em Hande wie zum Segen über bas Ferkel aus, das in seiner Holzschuh ""^Cettck'ina^nnhm lachend die Gabel und das Küchenmesser, das ihr Tiburcio reichte, aber als sie die Zinken in den Rucken des Ferkels stieß, begann es plötzlich jämmerlich und durchdringend Zu quieken. Gabel und Messer entfielen den Händen des Mädchens, und die Manner, die schon in der Vorfreude des Genusses näher geruckt waren, fuhren bestürzt zurück. Versteht ihr nicht", brüllte Narvaez, m dem er sich schallend auf die Schenkel schlug, „daß dies ein Scherz unseres Doktors Eines der Kunststücke, die er von den Indios mitgebracht hat. Ach ja, gewiß, der Doktor liebt solche Spaße, er ließ einen Esel aus der Wurst sprechen, er hotte aus einem unversehrten Ei einen Bries hervor, es machte ihm ein Vergnügen, die Leute mit Dingen z überraschen, die jeder für unmöglich gehalten hätte. Jetzt hatte er gebratenes Schwein quieken und grunzen laffen, und jeber oerftano, daß es diesmal darum geschah, um die Stimmung ms Friedliche um zuwandeln. . . ... , nj« Aber mit Martincho war nun einmal nichts anzufangen. Es war tu fei in ihn etwas von dem Wesen der Stiere eingegangen. Die er m Verlauf seines Lebens schon getötet hatte. Hartnäckig und blinbwul'8 verfolgte er, was einmal feinen Grimm erregt hatte: „Mag nur moi feine Künste zeigen", fagte er, „beim dicken Karl hat er es erreich, durch Schweifwedeln und Speichellecken, daß er Hofmaler geworden im Nun mag er den Franzofen zu Gefallen fein, vielleicht kommt er durq den Mastdarm irgendeines Generals oder gar des Kaisers zur leaion." (Fortsetzung folgt.) Heimat. Von Friedrich Schnack. Hier kocht der Wein, hier winkt ein gutes Haus, Hier steht die Wolke silberweiß im Wind, Der Hirte führt dich in sein blaues Tal hinaus, Wo die Gesichte deiner Jugend sind. Hier braust dein Quell, hier brennt dein dunkler Dorn, Der Seelenfalter wiegt sich durch die Luft, Die Au ergrünt, du schlürfst der Halde Dust, Hier stößt die Fabel in ihr goldenes Horn. Verhalten trieft das Harz, der Vogel schreit, Die Stille küßt dich mit dem Sonnenmund, Von gelben Schätzen gleißt der Doldengrund, Gerät und Kunde alter, wunderbarer Zeit. Die schwarzen Burgen stehen hoch im Licht, Voll Trunkenheit, bespült von großem Blau. Aus tiefen Fenstern neigt sich ein Gesicht, Vernarbt von Abenteuern, seltsam aschengrau. Froh rollt ein Wagen aus glückhafter Fahrt, Die grünen Berge öffnen ihre Tore weit Und atmen kühl aus Steinversunkenheit, Und Wasser schweigen tief und traumbewahrt. Das Leben der Sprache. Von Rudolf G. Binding. Aller Sprachen wunderbarste und verwunderlichste ist unsere: die deutsche Sprache. Nicht wegen ihrer Vollkommenheit, denn manche Sprache tut es ihr hierin voraus; nicht wegen ihres Wohlklangs, denn so manche anderer Herkunft rührt das Ohr melodischer an; nicht wegen ihrer Einfachheit, denn sie wird mit Recht die schwierigste und eigenwilligste unter allen genannt; nicht wegen ihrer Reinheit, denn ihr großer Strom reißt fremde Bestandteile ohne Bedenken und — wie es alle großen Sprachen tun — ohne Gefahr in sich hinein; nicht wegen ihrer Verständlichkeit und ihres Herrschergelüstes, denn sie ist die unnahbarste und dornigste aller für Mund und Ohr des Fremden: sondern um des Ausdrucks eines Unvergleichlichen willen, das keiner anderen Sprache der Welt zugänglich ist und kein anderes Volk der Welt in sich trägt, — dieses fürchterlichen und gesegneten Schicksals, das wir deutsche Seele nennen dürfen. Wohl steht auch unsere Sprache im Dienste des Tages. Wir teilen uns durch sie einander mit. Die Sprache bedürfte dazu nur des Lautes oder der Laute, einer physikalischen Wahrnehmbarkeit sozusagen, die sich in hörbaren Zeichen vom Munde bilden und vom Ohre empfangen ließen. Unsere Sprache aber vermag weit mehr. Vergeblich mühen sich andere um dieses Mehr, das allein unser Schicksal ist. Wir jedoch sollen es wissen: daß die Sprache das Wahrnehmlichste dieses Unvergleichlichen ist, das wir deutsche Seele nennen und das kein anderes Volk mit uns teilt. Wir sollen wissen, daß sie die Kunderin dieses Schicksals ist und nicht die willige Dienerin des Tages und unserer Mitteilung. Denn dieses ist nur der angenommene, der zweite Dienst ihrer Vornehmheit, und wir sollen höher von ihr denken zu aller Zeit, besonders aber zu dieser Zeit, in der wir leben. In solchem Sinn und Anblick der Sprache hat kein Volk Dichter und Verkünder von der Größe Hölderlins und Goethes, Denker von der Tiefe Nietzsches, Sprecher von der Kraft der Brüder Grimm oder Theodor Mommsens, Erzähler von dem Zauber Gottfried Kellers, Dramatiker von dem Ungemeinen Schillers — wie ja auch kein Volk der zweiten Sprache mächtig ist, die sich die deutsche Seele zu ihrem Ausdruck erfand: der deutschen Musik. Und wie diese so ganz anders ist als alle Musik der Welt, o ist es die Sprache unseres Volkes. Sie braucht sich des nicht zu schämen, daß die deutsche Seele sich an ihr nicht genügen lieh sondern der Welt ich in einer zweiten, allgemein verständlichen Sprache schenkte, die an remde Seelen zu rühren vermag. Denn beide Sprachen sind seelische Unseres Mundes, unserer Lippen Sprache indes, an das Wort und den Laut geknüpft, wie jede eigentliche „Sprache", wie vollbringt sie das Wunder? Unstillbar ist ihre Sehnsucht, sich auszudrucken, unermüdlich und unauffällig ist sie am Werk, sich zum Ausdruck dessen zu machen was eine Zeit am tiefsten bewegt. Daher schafft sie unaufhörlich. Denn etwas drängt ja zum Ausdruck. Und es ist nichts Geringeres als das Wesen ihres Volkes, das sie in jedem Wort, ja schon irn einzelnen Laut, ans Licht hebt und unseren Sinnen lebendig macht. Achte sie keiner gering, weil er sie täglich gebraucht zu vielerlei Zweck und sie daher zu beherrschen glaubt. Wenn ihr sie tausendfach mißbraucht und mißhandelt, sie herrscht dennoch. Wie aus einer Grotte ewiger Geburt, an den Sinn — die Sinnlichkeit des Lauts geknüpft, als Laut schon voller Sinn und Kraft, entsteigen Wortgebilde einem unerschöpflich tiefen Quell: Wortgebilde voller Ganz und Herrlichkeit, Wortgebilde einsilbig und fest, Wortgebilde wie mit einem Körper ausgestattet, Wortgebilde von fürchterlicher Bestimmtheit und beglückender Erfüllung. So ist es in ihren Beständen, so wäre es in jedem Wort, das — eine vollendete Geburt — neu jenem Quell entstiege. Wo ist ein Wort wie Baum, das mehr den Baum, wo ist ein Wort wie Hauch, das völliger den Hauch, wo ist em Work wie Axt, das wahrhaftiger die Axt ausdrückt — den Inbegriff und das Wesen, den Sinn und die Wahrnehmbarkeit dieser Dinge? Rausche nur, Baum, in deiner räumigen Fülle der Mitte, im weichen Anlaut und dem mütterlichen rundenden Endlaut. Hauche nur, Hauch, du Wort geformt wie die Höhlung des Mundes, dem du entströmst, flüchtig verfliegend — noch eben im Dasein und eben auch schon ersterbend in deinen eigenen hauchenden Endlaut. Aechze nur, Axt, mit dem offenen A des Anfangs, dem ächzenden X und dem kurzen, fast hackenden T des Beschlusses, des Endes, des fallenden Schlages. Nicht Tonmalerei (obwohl die Sprache auch diese kennt), nicht ein Notbehelf, bei dem sich ein anderes an Stelle des Eigentlichen und Einen fetzt, find die Gebilde unserer Sprache: die Sache selbst entsteht im deutschen Wort wie in einer Geburt, vor der das Nich^Sein lag, und nach der das Leben der Dinge beginnt. Die Sprache ist wie ein Heiligtum, das sich selber heiligt, selber reinigt, selber erneut, wenn die Zeit da ist. Tausende läßt sie an sich sündigen und wehrt ihnen nicht. Jahrhunderte nutzen sie ab und Millionen von Zungen scheinen sie zu zerreden und zu verschleißen im Getriebe des Tags, in Handel und Wandel, achtlos und unfromm. Bis eines Tages in einem Sprachgewaltigen, einem Inbrünstigen sonderlicher Art — in einem Luther, einem Goethe, einem Gegenwärtigen oder Kommenden — sie neu aufsteht und sich dem Volke, dessen Seele sie dient, reiner, stärker, gewaltiger, tiefer, jünger als je in die Brust senkt. Dann wird klar, daß die Sprache ein Ganzes ist. Wenn sie auch unaufhörlich an sich arbeitet, wie sie sich unaufhörlich abschleift, so ersteht sie doch zu ihrer Erneuerung zum Ausdruck ihres Volkes als ein Ganzes, als eine Schöpfung, als eine neue Geburt. Geheimnis im Alttag. Von Georg Foerster. Wir sitzen in einem Saal unter vielen Menschen oder wir gehen die Straße entlang. Plötzlich, wir wissen selbst nicht warum, wenden wir den Kopf nach einer bestimmten Seite und begegnen dem Blick eines anderen, der uns angeschaut hat. Vielleicht ist es ein Freund ober Bekannter; vielleicht auch jemand, den wir gar nicht kennen. Wem ist das nicht schon öfters im Leben passiert? Möglicherweise haben wir an den betreffenden Menschen gedacht. Sehr häufig war das aber nicht der Fall. Und merkwürdig auch, daß unser Blick kaum zu suchen brauchte, sondern sofort, mit unbedingter Sicherheit, auf die Stelle traf, von der die „Ueber- tragung" kam. Vermögen wir also Blicke zu „fühlen"? Können Augen so lebhaft sprechen? Gibt es so etwas wie eine drahtlose Gedanken- oder Gefühlstelegraphie? Oder — zwei Menschen, die sich innerlich nahestehen, sind durch irgendwelche Umstände räumlich weit voneinander getrennt. Sie denken natürlich oft aneinander. Und seltsamerweise weiß jeder van ihnen recht gut um den anderen Bescheid. Es gibt unsichtbare Fäden zwischen ihnen. Sie fühlen einen seelischen Zusammenhang, der sich bald lockert, bald wieder festigt. Und es ist auffällig, daß sich immer wieder einmal die Briefe zwischen ihnen kreuzen, weil sie ungefähr zur selben Zeit geschrieben wurden. Es kommt auch vor, daß der eine von beiden sich bann zum Schreiben gedrängt fühlt, wenn der andere gerade befonbers intensiv mit ihm beschäftigt war. Auch so etwas wirb wohl jebem im Leben begegnet sein. Und viele werden solche Vorgänge bestätigen. Gibt es also Verbindungen zwischen uns Menschen, die wir zwar nicht messen und wiegen können, die aber doch vorhanden sind? Spielen da Kräfte in unserem Leben, die wir zwar nicht zu greifen vermögen, die aber doch sehr deutlich wirken? Nur ein ganz krasser Materialist oder ein Mensch mit ungewöhnlich „dickem Fell" wird es leugnen, weil er solche Kräfte kaum spürt. Ohne Frage erschöpfen sich unsere Beziehungen eben nicht darin, baß wir uns sehen und hören, baß wir miteinanber sprechen und in Berührung kommen, erschöpfen sich nicht mit ber gegenständlichen Wahrnehmung, bie wir voneinanber haben. Sie gehen häufig ganz erheblich über ben Rahmen ber konkreten Erfahrung hinaus und können weitaus verwickelter, reichhaltiger, hintergrünbiger jein. Viele „unberechenbaren" geistigen unb seelischen Energien spielen in unseren Beziehungen eine Rolle. Und bieje Energien können sowohl gut als auch schlecht geartet (ein, können uns bas eine Mal schädigen, bas anbere Mal förbern. Es ist zum Beispiel kindlich, zu glauben, baß es nichts weiter auf sich hat, wenn Menschen, bie vielleicht einmal stark miteinanber ver- bunben waren, eines Tages im Bösen auseinanbergefjen. Wie oft bricht bamit bie Beziehung nun für ben oberflächlichen Betrachter ab; wie oft führt sie ein höchst sonderbares, beinahe gespenstisches Leben weiter — nämlich in den Gedanken, die sich die beiden Menschen zuschicken. Sie stehen dann häufig nach lange in einem „drahtlosen" Austausch ber Gefühle, sie führen miteinander allerlei zwiespälUge Gespräche, quälen sich aneinander unb bereiten sich gegenseitig Hemmungen mancherlei Art. In einer jozusagen transzendenten Wirklichkeit sind sie also gar nicht voneinander los. Der eine fühlt sich bedrückt ober beunruhigt, ober es geht ihm unter Umftänben auch einfach gesunbheittich schlecht, wenn gerade der andere besonders ungünstige Spannungen zu ihm besitzt. Es hat eben mit unseren Gedanken doch eine besondere Bewandtnis. Es sind Realitäten, mitunter sogar sehr kräftige Realitäten, deren Einfluß wir keinesfalls unterschätzen sollten! Geschieht es nicht auch oft, mir einmal auf ein weniger dramatisches Gebiet abzuschweifen, daß wir uns gerade bann mit jemanbem telephonisch in Verbindung setzen, wenn er bie gleiche Absicht gehabt hat? Ober baß wir von jemandem gerade zu der Stunde angerufen werben, in ber wir unsere Gebauten zu ihm auf bie Reise schickten? Nein, es läßt sich gar nicht bezweifeln, baß unsere mit allen möglichen Gefühlsballungen und Willensspannungen geladenen Gedanken tatsächlich „vorhanden" sind. daß wir nicht etwa, wie mancher glaubt, für uns allein denken, sondern daß wir mit ihnen an einem anderen Menschen oder an mehreren etwas Konkretes, wenn auch nicht ohne weiteres Kontrollierbares tun. Es scheint da allerdings recht bedeutende Unterschiede der gedanklichen Wirksamkeit zu geben. Der eine Mensch „sendet" nur schwache Wellen aus, der andere dagegen starke, je nachdem, wie die Seele, die ganze psychische Struktur beschaffen ist, ob einfach und möglicherweise nur träge funktionierend oder vielfältig, funkensprühend, von lebendigsten Impulsen erfüllt. So „empfängt" auch der eine, der Sensiblere, viel mehr als ein anderer, der vielleicht nur für „grobes Geschütz" zugänglich ist. Die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit kann sich allerdings auch krankhaft steigern. Ein Mensch steht dann ziemlich allen Wirkungen offen, spürt den zu- oder abnehmenden Mond, leidet unter einem tiefen Barometerstand, fängt alle gelegentlichen Disharmonien, die um ihn herum „in der Lusi liegen", auf und befindet sich infolgedessen in keiner beneidenswerten Lage. Solche allzu große Empfindsamkeit taugt nicht für das praktische Leben. Sehr wohl indessen ist uns ein bestimmtes Maß von Sensibilität nötig, denn nur dadurch sind wir imstande, die feineren geistigen und seelischen Schwingungen einerseits wahrzunehmen, anderseits selbst zu erzeugen, die unserem Dasein nicht gerade selten die Inhalte geben und in denen oft das Schicksal seine Fäden spinnt. Jedes Liebespaar weiß es ja schließlich, daß seine Beziehung keineswegs mit den „konkreten Tatsachen", der Liebeserklärung oder dem ersten Kuß, beginnt, sondern damit, daß es aneinander „denkt" und daß es, indem es sich feine Ge- sühle auf einem sinnlich kaum mehr oder gar nicht wahrnehmbaren Wege zuschickt, umeinander „weiß". Wer für solche seelischen Schwingungen keinen Sinn hat, um den ist es meist traurig bestellt. Uebrigens nicht nur in der Liebe, sondern in jedem Falle eines näheren und bindungsreicheren menschlichen Kontakts. Die Macht „guter" Gedanken, die uns von einem anderen Menschen her kommen, können wir immer nur mit Dankbarkeit empfangen; sie sind wie ein gnadenhaftes Geschenk; sie tragen, sie steigern unsere besten Fähigkeiten und schützen uns vor allerlei innerer oder äußerer Gefahr. Solche Wirkung an uns selber erkennend, sollten wir aber nie bloß die Empfangenden, sondern immer auch die Gebenden sein. Da unsere Gedanken unbestreitbar reale Größen oder Werte sind, gehören sie nicht uns allein; wir tragen mit ihnen eine Verantwortung vor jeglicher Gemeinschaft, nämlich die Berantwortung, so zu denken, daß es den anderen ermutigt, ihn fördert, ihn emporhebt und klärt. Krühsommer um die Zugspitze. Von Hans Brandenburg. Der Juni kann im bayerischen Hochland Winter, Frühling und Sommer berauschend mischen. Auf den Gipfeln kann noch Altschnee oder noch einmal Neuschnee liegen, von der Dreitorspitze über die Meilerhütte bis zum Schachen, ja bis zur Wetterfteinalp hinab; Wetterstein- und Karwendelgebirge also können noch schwer zugänglich und gefährlich fein — dafür ist aus den Tälern bis hinauf in diese späte Schneegrenze eine Himmelsleiter aufgestellt, auf der wir an einem einzigen Tage wechselweise und stufenweise durch Monate und Jahreszeiten steigen. In den Niederungen hat der Baumfrühling ausgeblüht und schwellen die Wiesen, weiß vom Kerbel, dem Schnitt entgegen, dann aber erlebt das Gebiet der Hochtäler erst seinen Mai, und ein Wald- und Almenland wie das zwischen Garmisch und Mittenwald hebt uns nochmals in den April, März und Februar, um uns, wieder zurück, in Blumenwiegen abzusetzen. Die Elmau ist hier der Mittelpunkt, das grüne Herz des Bergfrühlings und ein Ausgangspunkt für erste Halbhochwanderungen wie später für Hochwanderungen. Wenn hier die Schwalben um höchste Menschensitze und so auch um ihre höchsten Nester flitzen, und wenn der Kuckuck ruft, dann züngelt Flammen- und Wimpelgrün der Buche durch den fichtenschwarzen Bergwald, und kleiner Kranzberg und Stellwagelskopf werfen sich in dieser schwarzgrünen Brandung aus zur nackten, zerrissenen, noch weißbeschilderten und weißgeäderten Felsenmauer der Wetterfteinwand. Der weite Kesielgrund des Hochtales ihr zu Füßen ist ein gebuckelter Wiesenwellen- fchlag, der schon buttergolden vom Hahnenfuß erglänzt und frühsommerlich die schönsten Orchisarten sowie weiß, gelb und rosa die Kleeköpfe schaukelt. Gegenüber der Waldrücken zum Eckbauer hin, der Südaus- läufer des Wambergs, brennt am ersten in voller lichtgrüner Lohe, doch in feinen kühlen und feuchten Falten erwachen Frühling und Vorfrühling spät und halten sich lange. Er ist keine Promenade, sondern eine meist unwegsame Wildnis, ein Hanggebreite aus Hochwald und Graslichtungen, Weide und Sumpf, Baumschlägen und Windbrüchen, Jugenden und Holzwegen, Jäger- und Hirtensteigen, wo Moräste den verirrten Fuß verschlingen oder an Schluchträndern schwindeln lassen und wo Spuren und Losung der Hirsche zu Futterkrippen und Hochsitzen oder Kuhfladen zu einsamen Viehtränken führen. Noch erlaubt das junge Gras, auch die größeren Blößen zu betreten: die Himmelswiefe und den Sonnenhügel. Denn hier weichen kaum erst die Schlüsselblumen den Trollblumen, die ihre Goldballen rund öffnen, und neben ihren satten Teppichen sind auf mageren Triftstellen noch die lila Mehlprimeln gestickt und die Kelche der Enzianen aufgetan, das Bayrischblau des kleinen und das Duiikellazurblau des großen, ftengellosen. Der Löwenzahn, in den Tiefen längst zur Samenlaterne verglommen, prunkt hier noch im Aufgang seines Gestirns. Die Sonne braut dampfenden Tau, Dunst rollt entschleiernd an den Riesen von Karwendel und Wetterstein hinab, bis er Gürtel um ihre Flanken schlingt, doch trotz der Frühe schrie sich der Kuckuck schon heiser, er läutet mit vor Jubel geborstener Glocke. Weiterhin auf diesem Geländerücken, über dessen in den Wald ge- fprenfefte Grasplätze Heustadel verstreut sind, liegt, näher dem Eckbauer zu, die Brünstalm. Das ist, wie der Name sagt, im Herbst eine Kampfbühne, eine Hocharena der schreienden Hirsche. Jetzt lagern auf ihren gepolsterten Kanzeln die braunen Rinder vor den silberblauen Lichtaltären des Zugspitzmassivs, und im Hintergrund, im Schutze runenge- fugter Felsblöcke raucht unterm schmiedeeisernen Kesielträger die offene Feuerstelle der Hirtenhütte. Ein Bergahorn spendet ersten Schatten, einer jener Bäume, wie sie in den höheren Regionen dieses Rückens oft ganze Baumgebäude, Moosburgen, grünende Ruinen bilden. Und Stümpfe hangab laden zum Sitzen. Die beiden größten Gebirgsftöcke Oberbayerns — hier gegenüber wachsen sie nah in breiter Front auseinander. Aus den Wäldern, in denen sie wurzeln, gurren die Wildtauben und flötet das melancholische Amsellied der Ringdrossel, der Bergbewohnerin. Dann schreckt plötzlich ein Donner die Stille, als sei Gottes Blitz aus heiterem Himmel gefahren: eine Schneeader ward drüben von der Sonne ange- zapst, eine Lawine geht nieder, man sieht, wie sie, ein weißer Meßbach, durch eine Schrunde der Wetterfteinwand stürzt. Der Wetterfteinwand sind, durch Kare von ihr getrennt, Basteien vorgelagert: Gamsanger, Zirbelkopf, Kärnikopf, Kämitorkopf, Schachentorkopf. Der Aufstieg zu einer von ihnen kann stärker reizen als der bequeme Königsweg auf den Schachen. Dichter ober fturmgefättter Wald und steile Buckelmatten, bann Latschenbezirk unb mit blauen Kugelblumen bewuchertes Geröll find oberhalb des Bauhölzer Ziehweges bis Stufen hinan zum Fuß der Gefelstreppen, unb zuletzt Schneehalben, ßaroinenfelber, bie niemals ganz abschmelzen. Aber reicheren Ausblick erschließen leichteren Wanderungen bie Sattelhöhen unterhalb der Baumgrenze, bie sich zwischen die beiden Gebirgsftöcke schmiegen Den Paß bezeichnet als sanfter Spazierweg das Mittenwalder Sträßchen an beiden Seiten des Ferchenbaches. Es läuft, von weidenden Rindern überquert, mit feinem Wildwaffer schon durch Region von Latschen unb Stein- rosen; ben Bach säumt eigelb die Sumpfdotterblume und an Steilrainen bie Aurikelpracht bes Gamsblümerls, und in sein Tal sind zwei grüne Seespiegel einaesenkt, der eine den Sturz der Wetterfteinspitze, der andere die entfaltete Karwendelkette empfangend. An dem ersten, dem Ferchensee, glockelt schon die purpurbraune Akelei über den Uferwiesen. Kurz vor dem See geht es links zum Kranzberg hinauf, an dessen Waldhängen bas Sträßlein entlang zieht. Wir können aber auch schon von der Elmau aus über bissen Kleinen Kranzberg auf ben Hohen Kranzberg steigen in einer Wanderung auf und ab über den Rücken, dessen Hochwald uns die nah und fern herumstehenden Steingipfel meist verbirgt, um sie auf Lichtungen einsam unb überraschend freizugeben. Der Buchfink schmettert hier einfacher, kunstloser als im Wettbewerb in den Stabtgärten, der Zilpzalp wechselt unb wetzt fein eintöniges Sieb in der immergleichen Klangmünze, und auch seltenere Sänger stimmen in Höhen unb Gründen ihre Strophe an, darunter der Baumpieper, unser Walbkanarienvogel. Erste Frühlingsgewächse wie Pestwurz und Milzkraut entblühen dem feuchten Waldboden, hoher begegnen wir gar noch dem Seidelbast, der Glöckchenheibe und der Soldanelle, denn es haucht kühl aus Schattenklüften, in denen letzte Schneetafeln liegen. Die Almenblohe des Gipfels, bie zuletzt den Wald unter sich läßt, zeigt ben Kranzberg im Rechte feines Namens: wie ein Kranz legen sich die Alpenzüge herum, Wetterftein, Karwendel, Soierngruppe fügen jenseits bes Jsarbeckens bie Walchenseeberge an und schließen mit dem Estergebirge, den Garmischer Spitzen und ben Ammergauer Alpen ben Ring. Wie ein weiß angeschnittener Zuckerhut spaltet sich die Alpspitze aus Wolken auf, aber in sonnige Nähe fällt der Blick auf die Dächer Mittenwalds hinab. Ist der Kranzberg, roetterfteinroärts, bie eine nahe Ausflug- unb Auslugwarte über bem Geigenmacherftädtchen, so ist brühen, jenseits bes Mittenwalder Jochs, von bem sich unser Sträßchen zum Lautersee senkt, der Burgberg bie andere. Dieser springt vor mit der Eberkanzlei, bie in drei Gebirgstäler schaut: ins Ferchental, ins Isartal und ins Leutaschtal. Der Gebirgskranz ist also hier in einen großartigen Fächer auseinander- geschlagen, nun trennen sich Wetterftein und Karwendel mit bem Schar- nitz-Pah, und die Mierninger Kette schiebt sich mit der Seefelder Hohen Munde in die Falte. Aber der Burgberg ist nur Vorstufe zum Grünkopf, bem letzten ber Wetterfteinköpfe, bem einzigen, der noch ganz begrünt ist, doch dem einzigen auch, der ebenfalls hinter die Wand spähen läßt, in bie rückwärtige, bie Tiroler Seite ber zur Zugspitze hinftrebenden Gipfelwelt. Hoch über bem Ferchensee hängt und treppt sich mit bem letzten ange- tlammerten Wald ber Franzosensteig an bie Wand, unterhalb ihrer eigentlichen Zinnen. Er ist ein alter Schmugglerpfad, über ben im Jahre 1805 bie Franzosen, von einem Verräter geführt, ber österreichischen Grenzwache in ben Rücken fielen. Von ihm teilt und stellt sich ber rauhe Pfad zum Grünkopfgipfel, zuletzt Linie ber Ländergrenze. Die Buchen hier züngeln noch erst mit spitzen Blattflämmchen aus ben Knospen. Ein Auerhahn streicht ab, unb geschreckt folgt feiner stürzenden Flugbahn bie Henne. Der Boden ist besät mit Felsblöcken, nackten unb überwucherten, er scheint in ihnen zerbrochen und zerworfen. Knieholz trüppelt unb klettert mit uns hinan. Gras und Erde find naß und dünn aufgeklebt, teigig zerdrückt von geschmolzenen oder schmelzenden Schneeinseln. Aus dem kaum zerlasienen Weiß zucken die Spitzkelche des Krokus. Unb die nelkengefransten Soldanellengläckchen wandern und schwingen in ganzen Trupps. Die Schneeheide blüht in großen, schwellenden Beeten, fliese roten Erikakissen polstern den Abhang und hängen mit den dunklen Latschen über ber filberblauen Tiefe. So aus Schneeflur unb blühendem wilden Steingarten ber Balzplätze zinken bie Felsfanfaren ber Wettersteinschroffen auf, im Echo burch bie Kette ber nahen unb fernen Häupter, Wänbe unb Riffe rollend. Der Himmel ist abgrundtiefer Glanz über ben kalkgrell ihn stürmenden Mauern, an denen ein Meer bes Lichtes niederbricht. Darunter die Seen sind wie Edelsteine vom Geschmeide der Wälder gefaßt, die Isar zerreißt den Glanz der Niederung im Blitz. Aus letzten Winterburgen wälzt sich der Frühling in den Sommer. Aeraniwvrtlich Or. HansThyriot. — Druck undDerlag.Drühl'jcheUniversitäts-'Buch. undSteindruckerei, A. Lange, Gi eben-