Jahrgang 1957 Zreitag, den H. Mai Nummer 37 habe nach nicht braucht wohler Als daran, Als suhlen und sogar noch zu tanzen anfangen. der erste Psingsttag längst vorüber ist, denkt die Gesellschaft erst weiterzufahren. ist es darinnen ganz dunkel und schauert, und von dem feuchten seinen Füßen steigt es so kalt an auf die sonnige Straße, um sich seinem Hause hin und her, damit Zwei Wochen nach Pfingsten, ehe der Ladendiener seinen Besuch wiederholen konnte, lag Dierk im Sarge. Er war ja alt gewesen, und ob er sich nun am Pfingstmorgen erkältet hatte, als er in Hemdsärmeln auf dem nassen Backsteinboden in der offenen Haustür stand, oder ob der Zeitpunkt gekommen war, an dem er sowieso sterben sollte, das weiß man nicht, aber nachdem er sich am Morgen nach der Pfiugstnacht niedergelegt hatte, war er nicht wieder ausgekommen. Nun war er tot. Biele Leute gingen nicht hinter seinem Sarge, denn er hatte ja keine Verwandte; nicht einmal der Ladendiener kam zu seiner Beerdigung, weil er es nicht erfuhr, daß Dierk gestorben war. Aber bald darauf passierte etwas, was sämtliche Leute in der Umgebung in Staunen versetzte und am allermeiste^ den Ladendiener selbst, nämlich, daß er allein alles erbte, was der alte Dierk hinterlassen hatten Den kleinen Hof mit den vier Kühen, dem Pferd und den Aeckern und den Wiesen, das Wirtshaus „Zum Glind" mit den schönen alten weil er fortfahren will. Dierk fagt: „Du kannst das Bezahlen heute ja sein lassen; ich Oer Pfingsttag. Erzählung von Margarete Schiestl-Bentlage. An einer verlassenen Straße — mit alten Birken zu beiden Seiten —, die zwischen offenem Bruch und sumpfigem Erlendickicht dahinläuft, steht das Wirtshaus „Zum Glind", welches eigentlich ein Bauernhof ist. Weil aber der Hof klein ist, betreibt er nebenbei eine Schankwirtschaft für Fuhrleute und für die Leute aus der Umgebung. Die wenigen Aecker, die zum Hof gehören, bewirtschaftet ein Knecht, das Haus besorgt eine Magd, und die Schänke versieht der alte Dierk: „Glinddierk" genannt, der Besitzer des Hofes und der Schänke, ein alter Mann ohne Angehörige. Pfingstmorgen ist es. — Zur einen Seite der Straße, im weiten Bruch — zwischen einzelnen Weidenbüschen auf hellgrünen Wiesen —, weiden, so weit das Auge sieht, schwarz- und weißgesleckte Rinder. Zur anderen Seite der Straße — daß es schallt — schlagen unzählige Nachtigallen im dichten jungen Laube über den Sümpfen, aus welchen modrige Dünste herüberkommen, vermischt mit Gerüchen von blühenden Maiglöckchen, und die sonst so stille Straße selber wiederhallt heute vom Lachen und Gesang der Wanderer und der Leute, welche im birkengeschmückten Leiterwagen oder in frischlackierten Kutschen ihren Pfingstausflug machen. Aber keiner kehrt heute im Wirtshaus „Zum Glind" ein, und soviel der alte Dierk auch ausschauen mag, alle haben sie heute ein schöneres pfingstlicher Mond. Von Georg Britting. Der Mond lockt vom Himmel, groß und rot. Alle Straßen krümmen sich, zu ihm hinan zu springen, Alle Dächer funkeln und wollen zu ihm sich schwingen. Hoch hängt er im Blau, hoch überm höchsten Schlot. Alle Türme heben die Lanzen zu ihm. Alle Fenster brennen, zu prahlen wie er, Alle Häuser tanzen auf Füßen schwer Und streben hinan zu ihm. Der Mond lockt vom Himmel. Groß und schwe Und rund kreist die Stadt, voll Begehr Zn liegen an seinem feurigen Mund. Keiner brennt so rot wie er. Aber niemand kehrt bei ihm — . , viele luftige Menschen beieinander sind, wo sie Musik haben, und wo es schöner ist als hier bei ihm, wo er wohnt. Fast alle, die vorüberziehen, sind ihm fremd, fast alle kennt er nicht, und als die Magd ihn ruft zum Mittagessen, da ist noch kein Schnaps und kein Glas Bier bei ihm getrunken worden, und es ist mittlerweile still auch auf der Straße, stiller noch fast als an gewöhnlichen Tagen. Ein jeder ist nun dort, wohin er gewollt hat, und bis zum Abend bleibt es nun so still; bis sie alle die Straße zurückfahren und wandern müssen — an seinem kleinen Wirtshaus vorüber. Und Dierk setzt sich hinter seine Schänke ans Fenster und schläft. Nun es draußen heiß geworden, gefällt es ihm gut in seinem kühlen, dunklen Haus. Weiß und still liegt die heiße Straße vor seinem Hause. — Als Dierk erwacht, zündet er seine Pseife an und legt sich wieder mit ihr über die halbe Tür, zu deren beiden Seiten er einen jungen grünen Virkenbaum in die Erde gesteckt hat. Er blickt gelangweilt die Straße hinauf und hinab, gähnt ab und zu stark und kommt sich alt und schon fast abgeschieden vor. _ Knecht und Magd sind auch fortgegangen, und kein Mensch kommt mehr vorüber. Ziel als sein einsames Wirtshaus an der Straße. Er hat die obere Hälfte der Haustür geöffnet und sich über die untere Hälfte nach draußen gelegt, in Hemdsärmeln und mit der langen Pfeife, die er außen vor der Tür herabhängen läßt. Hinter ihm scheuert die Magd noch den Fußboden aus roten Backsteinen fertig. In der Stube, in welcher es ganz grün und dämmerig ist von dem vielen neuen Laube hinter den Fenstern, ist frischer Sand gestreut, und sie ist gan,5 ausgeputzt mit Virkenzweigen, aus denen noch der Morgentau liegt. Draußen ist es aber noch nicht heiß genug, daß Dierk in dieser kühlen Stube sein mag. Durch das dichte Blättevdach über seinem Hause "■ kühl, daß Dierk manchmal zusammen- Backsteinboden hinter ihm und unter ihm heraus, daß er nun hinausspaziert zu erwärmen. Er geht aber nur vor er da ist, wenn einer einkehrt bei ihm. ein; alle wollen sie heute dahin, wo der Wagen endlich im Morgengrauen verschwunden ist, gibt Dierk dem jungen Mann eine Handvoll Zigarren und bittet, ihn bald wieder zu besuchen, und dankt ihm für seine Hilfe. Der Tag ist mir so gut mit ihm vergangen, denkt Dierk und sieht dem Ladendiener nach, wie er schnell im Morgennebel untertaucht. weiß, wohin er sich wenden soll. Aber da ist ja der Ladendiener noch da und geht ihm zur Hand und trägt Bier und Zigarren herum, schenkt Schnaps und Liköre ein und dabei so angenehme Lebensarten, daß die Säfte sich immer Die Vögel sind längst verstummt, nichts rührt und regt sich mehr als ein paar Brummer, die morgens schlafend mit den Maien ins Haus gekommen sind und nun einer nach dem andern über seinem Kopf zurück ins Helle fliegen. Endlich kommt wieder ein Mensch: Ein junger Mann auf feinem Fahrrad fährt gemächlich die Straße hin und will an feinem Haus vorüberfahren. Dierk kennt ihn nicht, aber er ruft ihm zu: „Wo willst du hin?", denn er hält die Stille nicht mehr aus. Der junge Mann steigt ab, kommt auf ihn zu und fagt: Wohin er will? Nirgends will er hin! er fährt bloß so herum. „Dann kannst du ja ein bißchen bei mir einkehren", fagt Dierk. „Ja", fagt der junge Mann, „das ist mir gleich. Das kann ich wohl." Und sie gehen hinein und setzen sich auf zwei Stühle vor die Schänke, so daß sie beide durch die offene Tür auf die Straße sehen können, und fangen eine Unterhaltung an und trinken Bier und rauchen. Dierk fragt den jungen Mann aus, bis er alles von ihm weiß. „Ja", fagt der junge Mann. Er ist noch gar nicht weit von hier in einem Laden an der Straße nach Dinklage Ladendiener, und fast gegenüber steht das Schulhaus Da wohnt der alte Lehrer Thole mit feiner Tochter Meta, die feine Braut ist. Der Lehrer hat an feiner rechten Hand nur zwei Finger. Er muß bei allen den Hofbesitzern den Hof veredeln und die Dbftbäume und hat auch selbst einen wunderschönen dreieckigen Garten vor dem Hause, mit zwei Taxusbäumen darin, die er wie ein Huhn und einen Hahn zugeschnitten hat. Ja, den kennt er gut und auch den Laden, wo er Ladendiener ist, sagt Dierk. Aber wenn er verlobt ist, bann muß er wohl bald wieder fort. „Nein", sagt der junge Mann, das braucht er nun gerade nicht, denn er ist schon sieben Jahre verlobt, und da ist das nichts Neues mehr. Er kann ihr ja wohl erzählen, daß er es so gut getroffen hat heute. „So", sagt Dierk, „du meinst, daß du es gut getroffen hast bei mir —? Das hast du aber auch! Wir können gut zusammen reden. Wann ist denn deine Hochzeit?" — „Ja, das weiß ich nicht besser als du", sagt der Ladendiener. „Der Lehrer wird diesen Sommer abgesetzt, und dann müssen sie aus dem Schulhaus heraus, und wenn sie auch eine kleine Aussteuer hat, so habe ich doch nicht so viel, daß wir damit anfangen könnten." „Ja", sagt Dierk, „wenn du nicht viel hast, dann könnt ihr das ja wohl nicht." Es war nun Abend geworden, aber es ist draußen noch schwüler als am Tage, und von der blühenden Fliederhecke hinter dem Haufe kommt ein starker Geruch herein. Nachtigallen beginnen wieder zu schlagen — voller noch als am Morgen —, und Wanderer und Wagen, welche von ihren Ausflügen zurückkommen, mehren sich. — „Was muß ich nun bezahlen?" fagt der Ladendiener und steht auf. Seiner ^amilienblätter Unterhaltungsbeilage jum Gießener Anzeiger gute Gesellschaft an dir gehabt." Und wie er ihm die Hand gibt zum Abschied, fährt nahe am Hause ein Leiterwagen vor, und unter dem Dach von Birkenzweigen lärmt es und lacht und schreit es laut Bier, und bald ist das stille Haus vom Trubel erfüllt, daß Dierk Bäumen darum und noch das Geld dazu, was Dierk besessen hatte, und niemand wußte, warum; das wüßte bloß der Ladendiener, aber auch nicht ganz genau. — Frühlingsfrühe. Von Hermann Claudius. Kaum, daß die dunkle Nacht verrann, die Amsel hebt zu schlagen an. Ich lieg und horch der Melodie. 's ist Trost und Trauer — weih nicht wie. Als wär' es Vogelstimme nicht. Als sprach es heimlich selbst, das Licht. Ich lieg und lausche lang und bin verfangen tief dem ewigen Sinn, dem Wundersam, das in uns steckt, vom Lied der Amsel aufgeweckt. Fröhliche Pfingsten. Von Ursula von Witzendorff. Die Sonne erfüllte wolkenlos ihr« pfingstliche Sendung; über den lichten Wäldern stieg schon der warme Geruch von Tannennadeln, Erde, Moos und Blühendem auf. Das junge Mädchen mochte von alledem nichts bemerken. Jedenfalls schob es verbissen und achtlos ein Rad den glatten Hügel hinauf. Arme und Beine leuchteten braun wie das Gesicht, das dann und wann von einer Welle blonder Haar« überschattet wurde. Oben angekommen, ließ das Mädchen fein Rad auf den Boden fallen, und, während sich die Speichen des Hinterrades furrenb in der Stolle ausliefen, warf es plötzlich die Arme hoch, schüttelte das Haar zurück und stieß einen lanz- gezogenen Schrei aus. Erschreckt flatterten ein paar Vögel aus den Fichten hoch, liehen sich aber sehr bald wieder nieder, da weiter nichts Schreckliches geschah, als daß sich das Mädchen in dem weißen Kleid auf den Boden warf, wo es bewegungslos liegen blieb. Sie rührte sich auch nicht, als Schritte näher kamen, behutsame Schritte, die einem alten Mann, mit Klappstuhl und Stock bewaffnet, gehörten, der, kaum dah er den Hügel überblicken konnte, unwillig stehen blieb. Dabei murmelte er für sich und kletterte schließlich die letzten Schritte bergan. Jetzt erst hob das Mädchen den Kopf. Es blinzelte unsicher nach dem Alten hin, dann sagte es, und etwas von der bedingungslosen Heiterkeit des Tages ging von diesem Mädchen aus: „Fröhliche Pfingsten". Der Alt« horchte auf, und die Runzeln in feinem Gesicht knitterten sich zu einem freundlichen Lächeln. „Wissen Sie auch, daß Pfingsten ein ganz besonderes Fest ist?" Das Mädchen antwortet« nicht. Es beobachtete, auf die festen Arme gestützt, wie der Alte sorgfältig den leichten Klappstuhl gegen einen Baumstamm stellte, ihn auf feine Standhaftigkeit hin prüfte, um sich endlich mit einem behaglichen Seufzer darauf niederzulasfen. Auch das Mädchen streckte sich wieder aus. „Als ich Sie dort liegen sah", meinte der Alte, „wollte ich eigentlich böse sein, weil die Jugend immer lärmen muß, ... wenn Sie froh ist. Dieser Platz hier gehört nämlich mir, seit ..." er warf einen prüfenden Blick auf das Mädchen, „feit die junge Dam« auf der Welt ist. Jetzt gehe ich in das fünfundachtzigste Jahr, feit dem fünfundsechzigsten komme ich jedes Frühjahr, wenn die schönen Tage anfangen, hierher auf den Hügel. Das sind meine Reisen. Das ist mein« Welt." Die junge Dame war versucht zu sagen, daß sie sehr anders zu reisen gedächte. Aber eine plötzliche Ehrfurcht hinderte sie, so weißhaariger Bescheidenheit mit ehrgeizigen Plänen zu begegnen. Sie folgte neugierig den blauen, sehr klaren Augen des Alten, deren Blick liebevoll über das Auf und Ab der welligen Gegend strich. Laub- und Nadelhölzer in buntem Wechsel, wie ein kräuseliger, grüner Flaum anzusehen, strebten von den Hängen dem langgestreckten See zu, der, mit weißen Segeln betupft, der Landschaft in der zittrigen Glut des Mittags eine unendliche Weite gab. „Niemand hat mehr recht Muße, zu sehen und zu fühlen", sagte der Alte bedächtig, „ich weiß auch nicht, warum Sie mir zuhören — auch das hat man verlernt — die Alten sind Schwachköpfe." Er deutet nach dem Hügel hinüber. „Im ersten Frühjahr, wenn sich die Neste und Zweige, wie nach einem langen Schlaf, genug gedehnt und in den Himmel gereckt haben, hebt das bräunliche Schimmern an. Es spinnt sich zwischen den dunklen Tannen ein, es beginnt zu glänzen, und man möchte die Hand ausstrecken, um die seidige Welle zu streicheln." Das Mädchen betrachtete nachdenklich ihren Weggenossen, der wie ein deutscher Diogenes in der Sonne saß und mit feinen abgetragenen Sachen und der Welt zufrieden schien: „Mber. kaum, daß es zu sprießen beginnt, setzt die Eile ein." Der Alte lächelte listig. „Das ist wie bei den Menschen: alles drängt sich und will den besten Platz haben, der eine will schneller als der andere und jeder der Schönste fein." „Unb warum ist Pfingsten ein ganz besonderes Fest?" wollte das Mädchen wissen und sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk. „Das ist so", sagte der Alte, „Weihnachten und Ostern beschenken sich die Menschen. Aber sie sind gar nicht froh. Sie laufen verdrossen herum unb denken viel mehr an das Geld als an das Fest." „War das schon immer so?" lachte bas Mädchen. „Auch vor achtzig Jahren?" Der Alte lachte vergnüglich mit. „Ich habe mit Geld nichts mehr zu tun. Unb bas ist gut so. Wer weih, ob ich mir sonst nicht mit den Ostereiern zugleich den Frühling kaufen wollte, weil er mich, je älter ich werde, auf eine immer härtere Probe stellt, unb ich nicht weiß, wie oft ich Ihn noch erleben darf." Der Alte hob verzückt das Gesicht gegen die Sonne. „Der wahrhaftige Frühling: das tft Pfingsten, dieses Zauberfest der Natur, das große Geben." Er bemerkte nicht di« Unruhe des Mädchens, das, nachdem die ländliche Glock« jetzt zwölf Schläge herübergefchickt hatte, aufgesprungen war und Moos und Nadeln aus ihren Kleibern zu streichen begann. Im Gegenteil sprach der Alt« wie im Rausch weiter: ,Lst es nicht merkwürdig, daß wir uns Pfingsten nicht beschenken? Warum? Weil uns alles geschenkt wird. Jede Wiese, jeder Baum, jeder Busch beschenkt uns im Uebermaß. Alles ist fertig geschmückt unb zum Fest bereit. Es fehlt keine Pflanze unb kein Tier. Wo man geht und steht, kann man das Wunder mit der Hand fassen, mit dem Auge sehen und mit dem Ohr hören. Unb jeder kommt und sieht. Es ist ein langer Pilgerzug Jahr für Jahr, und etwas von pfingstlichem Geist geht in den Menschen um und macht sie alle gemeinsam unb an einem Tage froh." Der Alte sah erschrocken auf. Seine Zuhörerin ftanb vor ihm, atemlos und befangen. „Ich danke Ihnen", sagte sie unb gab ihm bie Hand. „Ich will es nicht vergessen." Damit saß sie schon auf ihrem Rab, unb indem sie in gefährlichen Windungen abwärtsstob, stieß sie wieder den alarmierenden Schrei aus. Der Alte schüttelte über soviel pfingstliches Brausen den Kopf. Aber als er die junge Dame wenig später auf der Straße unterhalb bet Hügels wieder auftauchen sah, an ihrer Seite einen jungen Mann, mit dem sie gemeinsam zurückwinkte, lief über bie unzähligen Falten in dem vergilbten Gesicht so etwas wie eine Erinnerung: „Die Liebe ..." murmelte er. „Wir Alten find doch schon schwach im Kopf." Wisa und Luwische. Eine Pfingstgefchichte von Otto Anthes. Von altersher schmückten zum Pfingstfest die zuletzt aus der Schule entlassenen Buben und Mädchen die Kirche mit Mooskränzen. Unb wie dortzulande in alles Christlich-Ernste sich zu tröstlicher Milderung ein wenig heidnische Fröhlichkeit mischt, so gab auch dieser fromme Brauch dem jungen Volk die Gelegenheit, die ersten schüchternen Blüten der Liebe zu pflücken. Am Pfingftsamstag zog die ganze Schar mit großen Körben in den Wald, das Moos zu sammeln. Zwar fand dieser Auszug noch in zwei getrennten Heerhaufen statt, die Mädchen vorweg, die Buben hinterher, doch flogen schon bald von rückwärts nach vorne Scherz- und Neckworte durch bie Lust, auch wohl einmal ein Liedchen, wie bas verwegen«. Lieder hat die Lerche wohl, Waden hat sie nicht — welche Anzüglichkeiten von den Mädchen teils mit Kichern, teils auch mit empörtem Schütteln der Zöpfe beantwortet wurde. Nachher beim Moosrupfen kam man sich schon näher unb, wenn bann schließlich in einer zur Verfügung gestellten Scheune die Mädchen die Kränze wanden, bann spielten die Buben vor ihnen kauernd die Ritter mit Zurecht- zupsen unb Zureichen. Ich lebte diese Zeit in einer großen Verwirrung des Herzens. Es war ein ungeschriebenes Gesetz auf der Schule gewesen, daß dem Ersten unter den Buben die Erste in der Mädchenklasse als Schatz gehörte, unb so weiter durch die Klasse hindurch, Platz zu Platz. Je weiter es nach unten ging, desto unsicherer wurde allerdings bie Zuteilung, einmal, weil bie Zahlen ja nicht immer Übereinstimmten, da der Jahrgang einmal mehr Buben, bas anberemal mehr Mädchen aufwies, aber auch weil die derberen Burschen, die die unteren Plätze innehatten, sich um Gesetz und Mädchen gleich wenig kümmerten. Da ich aber Klassenerster war, wo die Verpflichtung strenger empfunden wurde, so war mir das Luwische zugefallen, das seinerseits drüben den ersten Platz besetzt hielt. Obwohl bas Luwische ein großes hübsches Mädchen war, hatte ich von meinem Anrecht nie einen anderen Gebrauch gemacht, als daß ich heftig errötet war. wenn das Luwische meinen Weg kreuzte. Und diese Verlegenheit hatte ihren Grund nicht nur in meiner allgemeinen Bubenfchüchternheit, sondern auch im schlechten Gewissen. Denn mein Herz gehörte, aller UÜberlieferung zum Trotz, der kleinen blankhäutigen, blauäugigen Wisa. Man kann sich die Seelenverfassung vorstellen, in der ich mich befand, da ich zum erstenmal mit der Tat zwischen Pflicht unb Herzen wählen sollte. Ehrfürchtig vor dem Gesetz, wie ich schon damals war, hockte ich, da es zum Kränzewinden ging, vor dem Luwische nieder unb reichte ihr stumm Büschel um Büschel. Sie ließ sich das eine Weile ruhig gefallen. Dann aber schoß sie einen spitzbübisch-freundlichen Augenblitz auf mich ab unb sagte: „Warum hilfscht du bann nit der Wisa?" Die Wisa saß ein paar Plätze von uns entfernt unb nahm sich selbst ihr Moos auf, da ihr zugeschworener Ritter es vorzog, auf dem Heuboden herumzuturnen. „Ei", antwortete ich bumm, „warum soll ich dann grab der Wisa helfe?" „Du bätscht es doch gern", sagte sie. „Nein, gar nit", log tch, „un außerdem — bann hättscht du doch kein, der dir helfe bät. „Och, ich", sagte sie unb blitzte mich mieber an. Ich beteuerte, daß ich keiner lieber Hilfe als ihr unb log Gelter, verriet mein eigenes Herz unb seine Bubenliebe, bie vielleicht töricht war, aber nicht minder süß, wie manch andere spätere Liebe meines Lebens, und fühlte mich kreuzelend dabei. Aber Frauen, wenn sie auch erst vierzehn Jahre alt sind, kann man in Dingen der Liebe bei andern nicht täuschen. Nicht viel später rief bas Luwische zur Wisa hinüber: „Ei, Wifa! Du kannscht dich doch hier zu uns setze. Der Otto hilft uns alle zwei. Gell, Otto?" Ich bekam einen furchtbaren Schreck und sagte gar nichts, aber bie Wisa focht dies nicht weiter an. „Ei, warum denn net?" lachte sie laut, rückte mit ihrem Korb zu uns herüber, und nun faßen die beiden Göttinnen in schwatzender und lachender Hoheit vor mir, der ich fast vor ihnen kniete und bald der einen, bald der anderen zur Hand war. Dabei war mir zumute wie einem zum Tode und lebenslänglichem Ehrverlust Verurteilten. Nun geschah aber etwas merkwürdiges. Mit meinen Gefühlen war das nämlich so gewesen: wenn ich dem Luwische begegnete, war ich wohl verlegen geworden zum in die Erde sinken, aber wenn ich vorbei war, stieß mich der Bock, daß ich eine Wut bekam und das „alberne Weib" verwünschte. Geschah mir das gleiche mit der Wisa, dann war die Verlegenheit wohl ebenso groß, wenn nicht größer: aber hinterher überkam mich ein süßer Schmerz, eine übergewaltige Wehmut, daß ich am liebsten einen verborgenen Winkel gesucht hätte, um mich mit Wonne auszuheulen. Jetzt indes, da ich aus meiner tiefen Verstoßenheit heraus ab und zu doch einen Blick zu meinen Göttinnen schweifen lieh, auch an ihrem Geplauder inneren Anteil zu nehmen begann, entdeckte ich, daß es keineswegs erforderlich war, auf das Luwische einen Zorn zu werfen, da sie nicht nur ein hübsches, sondern auch ein liebes Mädel war, dem man gut sein mußte. Und wieder stieg mir auf, daß die lautfröhliche Wisa ganz und gar nicht dazu geschaffen war, von meiner Wehmut irgend einen Gebrauch zu machen; daß ihre Gegenwart allein vielmehr nur Heiterkeit um sich breitete und ihr frei und leicht daher- iliegccides Lachen zum Mitlachen herausforderte. Darüber wurde mir selbst immer freier und leichter zu Sinn. Und wenn mich die Mädchen nun ins Gespräch zogen, gab ich sogar Antworten, und als ich zuletzt di« beiden miteinander sogar einmal verwechselte und das Luwische mit Wisa anredete, da lachten wir alle drei zusammen aus vollem Hals«. Dann aber sagte das Luwische, das überhaupt di« besinnlichste war: „Das is doch gar kein Wunner. Es ist doch derselbe Name. Denn die Wisa is aach nix anneres als ein vorn abgeschnitten Luwise." Was mir jetzt erst zum Bewußtsein kam und mir plötzlich von tiefer Bedeutsamkeit zu fein schien. Nachher gingen wir in die dämmerige Kirche und hingen die Kränze auf. Und wie der geheiligte Ort die laute Schar sänftigte, daß sie nur flüsternd und fast feierlich ihrem Tun oblag, so weitete sich auch mein Erlebnis zu einer festlich erhobenen Zuneigung zu allen, die da in der geheimnisvoll dunkelnden Kirche schafften: ich liebte sie alle, Kameraden und Kameradinnen, mit einer unsäglich beglückenden Liebe, die nachfolgenden Zorn und Wehmut gleicherweise ausschloß. Aber fein Eigenes will der Mensch doch immer haben. Als wir die Kirche verliehen, schloß ich mich meinen Mei Göttinnen an, um sie nach chaufe zu begleiten. Und ich war noch so vom früheren gehemmt, daß ich ganz im Stillen hoffte, die letzte Strecke mit der Wisa allein gehen zu können, da sie weiter wohnte als das Luwische. Aber als wir bei des Luwischen Haus angekommen waren, wurde mir eröffnet, daß die Wisa zum Nachtessen bei der Freundin bleibe. Damit schlüpften die beiden in den dunklen Hausflur. Ich stand recht betreten da. Da steckte das Luwische noch einmal den Kopf und eine Hand um die Tür und winkte wir. Ich folgte dem Befehl ohne Gedanken, was das bedeuten fällte. Und da — im Dunkeln des Hausflurs — fühlte ich plötzlich einen flüchtig zarten Kuß auf meinem Mund. «Weil du uns so schön geholfe hascht", flüsterte das Luwische. „Un nu du aach!" setzte sie hinzu. Ich hörte ganz leise das Lachglöckchen der Wisa läuten, und dann hatte ich meinen zweiten Kuß weg. Ich kann beschwören: ich habe nicht geküßt, ich wurde geküßt. Aber am nächsten Morgen, am ersten Pfingsttag, ging mir die Sonne über ’iner Welt auf, die ganz und gar erfüllt war von heiliger Hell«, von Freude und Frieden und seligem Einssein mit allen Menschen. Italienische Pfingsten. Von Friedrich Reck-Malleczewen. Rauh wird's heute oberhalb der Tausendergrenze, und weil drüben k>ie Gewitterbö« ihr feuchtes Herz ausschüttet, wird's beinahe heroisch für den, der einen Alpenpaß mit dem Motorrad quert. Und der Brenner, der ist heute eine in schwarze Wolken gehüllte Felsenburg, rnd hin und her samt der taumelnden Maschine wirst im glitschenden Schnee mich der Sturm, und erst über Sterzing der milde Licht- Ichimmer, das ist der erste Gruß von Wärme und Licht und erinnert in Kap Horn. An Kap Horn, wo wir unter Sturmsegeln vierzehn Bage in brüllenden Schneeböen lagen, und einen Brecher nach dem rudern nahm die „Persimon" über und zwischen Achterdeck und Back Dar keine Verbindung mehr und überflutet Kammer und Kombüse mb ein warmer Bissen durch zwei Wochen ein frommer Wunsch ... Bis eines Tages im Norden solch ein heller Schimmer durch nasse Bchleier schien und man wußte, daß dahinter die friedliche warme Bubfee lag mit dem Feuer von tausend Sonnen und dem prickelnden Sarfüm der Subtropen. Mir aber vergib diese Erinerung: dies ist Kap harn im kleinsten Maßstab, und wenn man's passiert, muß man hindurch durch siebenfache Cisbäder, und wenn man's hinter sich hat, it’s herrlich wie jede überwundene Strapaze. In der warmen Limou- fne sitzen können auch Syndikusse und Mormonenprediger. Dies aber n Entbehren, Mühsal und Kampf. Und es ist bekanntlich bei jeder Vanderung bas Geheimnis, daß man die Landschaft sich erkämpfen muß. Tafel am Brennerbad: „Hier wohnte Goethe .. " Hier wohnte er und dort wohnte er, und hier solche Tafel, und fine in Gosfenfaß und ein« in Bozen und eine in Malcesine und eine ti Verona, und weiß Gott wo nicht noch: überall ist's der strenge literaturprofeffor, der uns unser« Unkenntnis vorhält. Der Widerspruch »ird wach und die Erinnerung an eine Goethe-Episode, di« da beweist, »ß der, dem die Tafeln gelten, doch etwas anders war als ein man Horner Geheimrat. Das aber vollzog sich gegen Ende August, und er ptte in einem thüringischen Dorfwirtshaus übernachtet und hatte in I inem Eckzimmer auf jedes der beiden Fensterbretter je eine Flasche Madeira gestellt und pendelte hin und her Mischen beiden Fenstern >nb Flaschen und goß sich immer wieder ein und trank immer wieder. <3s aber der Diener kam und nicht gratulierte, da fauchte er ihn dieser- ljatb an, und als dann der Mann beteuert«, daß der achtundzwanzigste und mithin der Geburtstag der Exzellenz erst morgen sei, da schrie di« Exzellenz nach einem Kalender, und als es sich da herausstellte, daß es wirklich erst der siebenundzwanzigst« und keine Rede von Geburtstag war, da sagte der Herr Geheimrat resigniert und tief beschämt: „Donnerwetter, hat man sich umsonst besoffen". So verhielt es sich in unbewachten Augenblicken mit dem, aus dem die Philologen immer einen Marmorgott machen wollen. Ich aber liege kurz vor Brixen neben der Brennerstraße, und in der heißen Sonne trocknen dampfend die Kleider, und neben mir — blütenweih mit allerliebsten kirschroten Tupfen — sprießen seltsame Orchideen, und auf der Straße, zerschnitten von den Pneus eines italienfahrenden Shopkeepers, ringelt in Todeskampf sich eine gigantische Viper. Tot liegt schon der Dor-derleib, nur noch das Endteil mit dem dunklen Ornament schwingt langsam hin und her im Abschiedsgruh an das entschwindende Leben. Ich aber schoß einst (unbedacht, wie man als junger Mensch oft tötet) aus dem Fluge einen Reiher herab, und bann kam des Tieres Gefährtin und zog lange über dem toten Gatten stille feierliche Lustkreife: ganz still, ganz ruhig, ganz lang. So feierlich, wie dieser sterbend« Giftwurm. Der stummen Kreatur, sieh, blieb im Tode noch die Würde des Sterbens. Sieh und was haben wir, vertrieben aus dem Paradiese, gemacht aus Gottes buntem Garten? Uebermorgen ist Pfingsten ... * Weiß du, was ich so liebe? Am Gardasee jene Stelle zwischen den beiden zerbrochenen Sperrforts, «he man von Nago hinuntersteigt nach Torbole. Und es öffnen sich die Steintiefer der Karstlandschaft und geben den Blick frei auf den gigantischen See. Hier oben noch ist alles Stein und alles Fahlheit, hier oben, im Unorganischen, ist der Tod. Dort oben aber jubiliert heroisch und herb und lockend zugleich das Leben, und Torbole, karminrot vor einem Wasser, das schwarzblau wie ein Stiefmütterchenbeet ist, Torbole praßt nur so mit einem Feuerwerk von schwefelgelben Landungspfählen und giftgrünen Hausknechtsschürzen und Booten in Picassoblau. Und aus dem Hotel „Roma" tragen vier Arbeiter ein mechanisches Klavier hinaus auf einen Lastwagen, und da ein mechanisches Klavier doch eine unbegreifliche Herrlichkeit ist, so lassen di« großen Kinder den Mechanismus schnell noch einmal „Valencia" spielen. Und morgen ist Pfingsten. Torri, San Vigilio, Garda ... Heiligtümer dieses Sees, beffen großer Rausch ja nicht die geleckt« Fremdenstadt im Westen ... dessen großer Rausch das unberührte Ostuser ist. Ockerfarbene Marmorbrüche und silbriges Delbaumgrün, mattviolettes Gestein und fahles Gelb der Halden: welch Narr macht denn den Leuten immer vor, daß diese südliche Landschaft mit Farben lärme, wie ein Reklameplakat? Nun aber, nun ist wirklich Pfingsten, und bis hierher, in die menschenleere Veroneser Arena kommt von Sankt Zeno her das große endlose Läuten. Die ewige Melodie hammergeschlagener Glockenspiele — rätselvoll wie eine Bachfuge, unbeendet und auch unbeendbar, wie ein gotischer Dom. Und eigentlich sollte heute abend großes Pfingstfeuerwerk {ein, dis Veroneser haben eben nur die Dunkelheit nicht erwarten können und haben probeweise in der hellsten Mittagssonne doch wenigstens schon einige Raketen steigen lassen. Da sich aber der Apotheker Bonasini mit Recht zurückgesetzt fühlte, wenn der Stationschef eine Rakete loslassen durste, so besteht er darauf, auch seinerseits eine in den strahlenden Pfingsthimmel zu jagen, und da gerade der Sekretär Bosso und der Doktor Adimari anwesend waren, so haben nach und nach sämtliche Honorationen ihr« Rechte geltend gemacht. Und so ist denn leider schon am hellichten Tag das ganze Feuerwerk oerpustt worden und am Abend ist nichts mehr da. So also geht es, wenn große Knaben eine Kiste mit Feuerwerk in die Hand bekommen. In ihren Steinsärgen schlafen derweil di« Scaliger, und aus steinernem Gespensterroß reitet hoch in den Lüften der große Can grande und lacht sie alle aus: die ältlichen zähnefletschenden Amerikanerinnen und die hornbebrillten Kunsthistoriker und auch die kleinen Intellektuellen, die es gar nicht fassen können, daß man sie so gotisch-frech auslachen kann ... Denn wir tarnen hierher nach Verona und sahen auf der Säule über der Scaligergruft plötzlich einen steinernen Ritter, dem das alles nicht im mindesten imponiert und der sich gar nicht fassen kann vor Lachen über uns und unser« Weisheit ... Und wieder von der Stadt her das große Läuten und mir zu Häupten die tausendjährigen Zypressen der Giardini giusti, und erster Abendwind und am faltblauen Himmel die großen Bogenlampen von Andromeda und Vega. Und im Geschmeide ihres Lichterdiadems feiert und jauchzt die blitzende ftemde Stadt, und bis hierher zu den einsamen Hohen brandet der Schwall ihres festlichen Lebens ... Du aber durchwandere nur die Paradiesesgärten der Erde und ihr« Prunksäle: und du wirst etwas suchen, was du lange selbst nicht begreifst. Wandere du nur und feiere unter allen Breiten die Feste deiner kurz bemeffenen Jahre und höre den Jubel ihrer Bacchanale: und du entgehst der Erkenntnis nicht, daß du felbft es bist, den du suchst ... Und unten verebbt das Läuten und gewaltig beginnen im Abendwind die heiligen Bäume zu schwingen. Dies aber sind deines eigenen Wanderns Verse, und du scheue dich nicht, sie nachzudenken in der Fremde ... Zu wandern ist das Herz verdammt, Das feinen Jugendtag versäumt Sobald die Lenzessonne flammt. Sobald die Well« wieder schäumt. Und ob di« Locke mir ergraut Und bald das Herz wird stille stehn. Noch muß es, wenn die Welle blaut Nach feinem Lenze wandern gehn. Der SteGlin Roman von Theodor Fontane 30. Fortsetzung. Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn. „Sieh mal", sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen hielt, „die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Serdenpapier gewickelt." Aus einem angebundenen Zettel aber stand: „Herrn Major von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen." Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zabl m einen Lössel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weimvrte probt. Dann nickte er und sagte: „3a, Engelke, nu geht es los. Fingerhut. Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Trapsen ganz gewissenhaft und sand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit, so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war. Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber. Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht sonderlich gefiel. „Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut; nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du köi^test mir lieber ein Buch bringen." „Was für eines?" „3s egal." . r . „Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ,Keine Lupine mehr! „Nein, nein; nicht jo was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen- das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner 3ugend sagte man Schmöker. 3a, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt. Weiht du noch, wie ich mir in dem 3ahre, wo ich Zivil wurde, den ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung, Hochzeit, Kindtaufe." „Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nich so. Die meisten Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird." „Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall vor dir. Früher würd ich gesagt haben, .zeitgemäß'; jetzt sagt man .opportun'. Hast du schon mal davon gehört?" „3a, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon." „Aber nich verstanden. Ra, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen. „Rein, gnädiger Herr." „Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du nur nu ein Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als beklagt." 3n dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhänge damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich Über „Schniepel" und „opportun" unterhielten, ein Einspänner auf die Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte Baruch Hirschseld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei. „Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken. Na, laß ihn kommen." Und Baruch Hirschseld trat gleich darauf ein. Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. „Aber, Baruch, um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel Übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem, wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?" „Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch nichts. 3ch kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann. und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege." „Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug. Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser (das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück, was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben." „Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten." ,,3a", lachte Dubslav, „gemacht hab ich keine Schwierigkeiten, aber gehabt hab ich genug. Und daß weiß keiner besser als mein Freund Baruch. Und nun sagen Sie nur vor allem, was macht 3hr 3sidor, der große Volksfreund?? 3st er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er, daß sie da auch mit Wasser kochen? 3d) wundere mich bloß, daß ein Sohn von Baruch Hirschseld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz ist." „Nicht für den Umsturz, Herr Major. 3sidor, wenn ich so sagen darf, ist für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit." „Ha? er? Na, das ist recht. „Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Ma,or. Und kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf, die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen'?. Und weil ich rede von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da feit letzten Freitag ’n Kapital, Granfeer Bürger, und will's hergeben zu dreieinhalb." . ,,, .,, , ,Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich s nicht benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen, ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch viel. Man denkt immer, .dann hört es auf*, aber das ist falsch, dann fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir steht. 3ch kann leider nur wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch. Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade so wie zwischen uns beides alles glatt abwickeln, glatter noch, und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müßen Sie noch ein Glas Sherry nehmen. 3n unserem Alter ist das immer das beste. Das heißt für Sie, der Sie noch gut im Gange sind. 3d) darf bloß noch mit anstoßen." Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in den Steck)liner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach, was er da drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einem Male für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da so nebenher von „gemeinschaftlich herauswirtschaften" gesagt hatte, war doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen. 3a, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm zu Sinn, als hält er feinen alten Granseer Geld- und Gefchäfts- sreund (trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte) zum erstenmal aus etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um die Sherryslasche wieder wegzuräumen, sagte er: „Engelke, mit Baruch is es auch nichts. 3ch dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte . . Sonderbar, Uncke mit seinem ewigen .zweideutig* wird am Ende doch recht behalten. Ueberhaupt solche Polizeimenschen mit nein Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. 3ch ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der .Krankheit* heute, das war mir doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie's einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion. 37. Kapitel. Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen, sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten 3nteresses, sondern überhaupt guter Dinge. So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav saß auf seiner Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag. Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und den Doktor meldete. „Das ist recht, Spanholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. Diese Tropfen, es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muß mir immer einen Ruck geben. Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes." „3a, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier bei 3hnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und ich bin doppelt froh, weil ich mich auf sechs Wochen von 3hnen verabschieden muß." „Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. Haben Sie Schulden gemacht und sollen in Prison?" „Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee historisch beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen, noch dazu ein Kreisphysikus. Eine Doktoreristenz gestattet solchen Lurus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? 3mmer Furunkel ausgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen gestiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs Wochen weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu, vielleicht hat Gott ein Einsehen." „Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt." „Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), der ist teurer. Und meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug." „Aber wohin denn, Doktor?" „Nach Pfäffers." „Psäsfers? Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu? „Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter andern, einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnsrt ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut." (Fortsetzung folgt.) dberantwortlich vr. HansTbhriot. — Druck undDerlag:Drühl'lcheUniv er sitäts-Duch- undSteindruckerei, R. Lange, Gieße«.