GießenerZamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 193Z Montag, den 13. September Nummer Eugenle brandet ROMAN von Honore de Balzac Man findet in manchen Städten der Provinz Häuser, deren Anblick E Melancholie einflößt, wie sie die düstersten Klöster Hervorrufen, .ie durstigsten Steppen oder die trostlosesten Ruinen. Vielleicht hat iian in diesen Hausern zu gleicher Zeit das Schweigen des Klosters ice Dürftigkeit der Steppen und das Totengebein der Ruinen: das , leben und Treiben verläuft in ihnen so ruhig, daß ein Fremder sie fir unbewohnt halten könnte, wenn er nicht plötzlich dem fahlen und ilten Blick einer unbeweglichen Gestalt begegnete, deren halb mönchi- shes Gesicht über die Fensterbrüstung hinausragt beim Klange eines «bekannten Schrittes. Diese Grundzüge von Melancholie prägen sich m Charakter eines Gebäudes aus, das in Saumur am Ende der kraigen Straße liegt, die durch die obere Stadt zum Schloß fuhrt, liefe Straße, die jetzt wenig belebt, heiß im Sommer, kalt im Winter, md an einigen Stellen dunkel, ist bemerkenswert wegen des Hellen Langes ihres Pflasterstreifens aus Kieselsteinen, der stets sauber und bocken ist, wegen der Enge ihres gewundenen Laufes, wegen der Fried- lchkeit ihrer Häuser, die zur alten Stadt gehören und von den Wällen lierragt werden. Häuser, drei Jahrhunderte alt, sind da noch gut er« Wen, obwohl aus Holz gebaut, und ihr verschiedenartiges Aussehen bögt zu der Originalität bei, durch die dieser Teil von Saumur die Aufmerksamkeit des Altertumskenners und Künstlers erregt. Man wird stwerlich an diesen Häusern vorübergehen, ohne die riesigen Bohlen p bewundern, deren Enden zu bizarren Köpfen geschnitzt sind, und die , den meisten das Erdgeschoß mit einem schwarzen Basrelief krönen, her heben sich guerstehende Balken, mit Schiefern gedeckt, als blaue enien von den morschen Wänden eines Hauses ab, das durch ein im ’M der Jahre zusammengefallenes Giebeldach abgeschlossen ist, dessen verfaulte Schindeln durch die wechselnde Wirkung von Regen und kiane gelockert wurden. Dort zeigen sich abgenutzte, geschwärzte vmsterbänke, deren feine Schnitzereien kaum sichtbar sind, und die zu Mach scheinen für die braune Tonscherbe, in der die Nelken und »sen einer armen Arbeiterin sprießen. An einer andern Stelle sehen »r mit riesigen Nägeln beschlagene Tore, auf die der Geist unserer erfahren heimatliche Hieroglyphen geschrieben hat, deren Sinn nie« Mls wieder auffindbar sein wird. Hier hat ein Protestant feinen Sauben bekundet, dort ein Liguist Heinrich IV. verflucht. Irgendein oirger hat dort die Abzeichen seines Amtsadels eingegraben, den Mm seines vergessenen Schöffentums. Die ganze Geschichte Frank« teichs findet sich hier. Neben dem schwankenden Haus aus Fachwerk, t'i» der Hobel des Handwerkers schuf, erhebt sich das Herrenhaus eines EMmanns, und auf dem Rundbogen feines steinernen Tors find noch i( Spuren feines Wappens sichtbar, das zertrümmert wurde durch “it verschiedenen Revolutionen, die seit 1789 das Land durchwühlten. ® dieser Straße sind die Erdgeschosse, die dem Handel dienen, weder ■timläben noch Geschäfte, die Freunde des Mittelalters würden da w Werkstätten unserer Väter in ihrer ganzen niven Einfachheit wie- difinden. Diese niedrigen Räume, die weder Schaufenster noch Aussen noch Glasscheiben haben, sind tief, dunkel und schmucklos außen Üi innen. Ihre Tür ist in zwei grob beschlagenen gleichen Teilen ge= •niet, von denen der obere nach innen geht und der untere, der mit *'ll?r Klingel an einer Feder versehen ist, beständig auf« und zuklappt. Iii'i und Licht bringen in diese Art feuchter Höhle entweder durch die flwe Türöffnung oder durch den Raum, der sich zwischen der ge= ®°bten Zimmerdecke und der kleinen Mauer in der Höhe einer Fenster- "vk befindet, in welche sich starke Läden einfügen, die morgens weg- yrornmen, abends wieder eingesetzt und mit eisernen Bolzen befestigt ^':ben. Diese Mauer dient dazu, die Waren des Kaufmanns auf ihr "Julegen. Da gibt's kein marktschreierisches Anlocken. Je nach der der Handlung bestehen die Vorräte in zwei oder drei Kübeln voll M!z ober Kabeljau, in einigen Ballen Leinwand für Kleider, in Seiler- *®en, in Messinggeräten, die an den Balken der Zimmerdecke auf« k'h'ngt sind, in Faßreifen längs den Wänden, ober in einigen Stücken ■TO auf Regalen. Du trittst ein. Ein propres Mäbel, blühend in "Mndfrische, mit weißem Brusttuch, roten Armen, verläßt ihr Strick- ruft ihren Vater ober ihre Mutter, die kommt und verkauft dir w-Smatifd), liebenswürdig, unfreundlich, ganz nach ihrer Art, was du Wichst, Ware für zwei Sous oder für zwanzigtausend Franken. Du ""ist einen Händler mit Böttcherholz vor seiner Tür fitzen sehen, rote q ich daumendrehend mit einem Nachbar unterhält und augenscheinlich 5'chEs besitzt, als gewöhnliche Bretter für Floschenständer und zwei oder drei Bündel Weinlatten; aber sein gefüllter Holzplatz am Hafen versorgt sämtliche Küfer von Anjou; er weiß auf ein Brett genau, wieviel Fässer er herausholt, wenn die Ernte gut ist; ein Sonnenstrahl macht ihn reich ein Regenfall ruiniert ihn; an einem einzigen Vormittag sind die Ohm- fasser elf Franken wert ober sie fallen auf sechs. In biesem Lanbe beherrschen, wie m ber Touraine, die Wechselfälle der Atmosphäre das komwerzlelle Leben. Winzer, Weinbergbesitzer, Holzhändler, Küfer, Gastwirte, Flußschiffer, alle lauern sie auf Sonnenschein; sie zittern, wenn sie sich abends schlafen legen, daß sie am nächsten Morgen be- m „ n' rhat gefroren; sie fürchten Regen, Wind, Trockenheit und wollen Nasse, Hitze, Wolken, ganz nach Wunsch. Es besteht ein ftän« diger Kamps zwischen dem Himmel und den irdischen Interessenten. Das Barometer macht abwechselnd die Mienen traurig, hell, strahlend, -oon einem zum andern Ende dieser Straße, der uralten Grand' Rue von Saumur gehen die Worte: „Dies Wetter ist Goldes wert" wie eine Losung von Tür zu Tür. Und jeder antwortet dem Nachbarn: , Es regnet Goldstücke!", denn er weiß, wieviel ein Sonnenstrahl, ein günstiger Regen ihm einbringt. Am Samstag kannst du von mittags an in der schonen Jahreszeit nicht für einen Sou Ware bei diesen braven Handelsleuten erstehen. Jeder hat seinen Weinberg, seine kleine Meierei und geht zwei Tage aufs Land. Nachdem da alles berechnet ist: ber Einkauf, Verkauf, Profit, stellt sich heraus, daß unsre Kaufleute noch zehn Stunden von zwölfen mit fröhlichen Unterhaltungen zubrinqen können, mit Geschwätz, Geklatsch, beständigem Sich-auskundschasten Da kauft eine Hausfrau kein Rebhuhn, ohne daß die Nachbarn den Ehe- mann fragen, ob's auch schön zart war. Ein junges Mädchen steckt nicht den Kopf zum Fenster heraus, ohne daß sie von all den müßigen Gruppen beobachtet wird. Da liegt also Sinnen und Trachten vor aller Welt offen, ebenso wie auch diese unzugänglichen schwarzen und schweigsamen Häuser keinerlei Geheimnisse bergen. Das Leben spielt sich fast immer unter freiem Himmel ab: jede Familie sitzt vor ihrer Tür frühstückt da, ißt zu Mittag, zankt sich da. Kein Mensch geht über die Straße, der nicht genau beobachtet wird. So wurde früher der Fremde der in einer Prooinzstadt ankam, von Tür zu Tur durchgehechelt Daher die guten Anekdoten, daher der Beiname der „Spottvogel" für die Bewohner von Angers, die Besonderes in diesen städtischen Spöttereien leisteten. Die altertümlichen, stattlichen Gebäude ber alten Stabt liegen im obern Teil dieser Straße, wo ehemals die Adligen des Landes wohnten. Das melancholische Haus, in dem die Ereignisse dieser Geschichte sich abgespielt haben, war solch ein Bauwerk, solch ein verehrungswürdiger Rest eines Zeitalters, in dem die Dinge und Menschen noch den Stempel der Schlichtheit trugen, den die französischen Sitten von Tag zu Tag mehr verlieren. Wenn du den Windungen dieses pittoresken Weges gefolgt bist, dessen geringste Einzelheiten (Erinnerungen aufwecken, und dessen Gefamteindruck schließlich in eine gewisse monotone Träumerei versenkt, so bemerkst du eine ziemlich düster aussehende zurückspringenbe Hausfront, in beren Mitte bie Tür von Herrn Granbets Haus versteckt liegt. Welches Schwergewicht diese Worte für bie kleine Stadt haben, ist unmöglich zu verstehen, ohne daß wir die Biographie des Herrn ©raubet geben. Herr Öranbet genoß in Saumur einen Ruf, besten Ursachen unb Wirkungen nicht voll roürbigen kann, wer wenig ober gar nicht in ber Provinz gelebt hat. Herr Granbet, ber noch von einigen Leuten Meister Granbet genannt würbe — aber bie Zahl biefer Alten nahm merklich ob — war um 1789 ein sehr wohlhabenber Böttchermeister, ber lesen, schreiben unb rechnen konnte. Als die französische Republik die Kirchengüter im Kreis von Saumur verkaufen ließ, hatte der Böttcher, der damals vierzig Jahre alt war, sich gerade mit der Tochter eines reichen Holzhönblers verheiratet. Bewaffnet mit feinem flüssigen Vermögen unb ber Mitgift, bewaffnet mit zweitausenb Louisbor ging Granbet zum Kreisamt unb, unterstützt von zweihunbert Doppellouis, bie [ein Schwiegervater dem wilden Republikaner anbot, der den Verkauf ber staatlichen Domänen überwachte, erftanb er für ein Butterbrot auf legale, wenn auch nicht gerabe auf legitime Weife bie schönsten Weinberge ber ganzen Gegend, eine alte Abtei unb einige Vorwerke. Da die Einwohner von Saumur wenig revolutionär waren, kam Granbet in ben Rus eines kühnen Mannes, eines Republikaners, eines Patrioten, eines Kopfes, ber auf die neuen Ideen aus war, während ber Küfer ganz einfach auf die Weinberge aus war. Er wurde zum Mitglied ber Verwaltung des Bezirks von Saumur ernannt unb fein befchwichtigenber Einfluß machte sich politisch unb kommerziell bemerkbar. Politisch protegierte er die Adligen und verhinderte mit aller Macht den Verkauf der Güter ber (Emigranten. Als fjanbelsmann belieferte er bie republikanische Armee mit ein ober zweitausenb Stückfässern Weißwein unb lieh sich mit vorzüglichem Wiesenlanb bezahlen, bas zu einem Frauenkloster gehörte, welches man noch als letzten Raub aufgespart hatte. Unter dem Konsulat wurde Granbet Bürgermeister, verstaub sich „Der alte Grandet? ... der alte Gründet muh fünf bis sechs Millionen haben. ,F)a find Sie gescheiter als ich, ich habe nie die Gesamtsumme gemutzt", antwortete Herr Cruchot oder Herr des Graffins, wenn sie so etwas hörten. konnte. Der Winter wird hart, sagte man, der alte Grandet hat seine gefütterten Handschuhe angezogen: man mutz an die Lese denken — Der alte Grandet braucht viele Dauben, dies Jahr wird em Wein,ahr. Herr Grandet kaufte niemals Fleisch oder Brot. Seine Pächter brachten ihm wöchentlich einen genügenden Vorrat von Kapaunen, Hühnern, Eiern, Butter und eine Weizenabgabe. Er besah eine Muhle, deren Pächter neben der Pachtzahlung noch ein gewisses Quantum Korn abholen und ihm die Kleie und das Mehl wiederbringen muhte. Die lange Nanon, seine einzige Dienstmagd, buk selbst, obwohl sie nicht mehr jung war jeden Samstag das Brot für die Familie. Herr Grandet war mit seinen Pächtern, die Gärtner waren, übereingekommen, dah sie ihn mit Gemüsen versorgten Von Qbst erntete er solche Mengen, daß er einen arohen Teil auf dem Wochenmavkt verkaufen lieh. Sein Holz zum Heizen wurde von feinen lebenden Zäunen geschnitten und von halb verdorrten Hecken, die er vom Rand seiner Felder wegnahm; seine Pachter karrten es ihm kleingehackt in die Stadt, schichteten es aus Gefälligkeit in feinem Holzstall auf und empfingen seine Danksagung. Seine einzigen Ausgaben, die man kannte, waren das geweihte Brot, die Kleidung seiner Frau und seiner Tochter und die Kosten ihrer Stuhle in der Kirche; Beleuchtung, Lohn der langen Nanon, Verzinnung seiner Pfannen; Steuern, die Reparaturen feiner Gebäude und die Unkosten seiner Betriebe. Er besaß seit kurzem sechshundert Ar Wald, den er durch den Aufseher eines Nachbarn gegen das Versprechen einer Entschadi- qunq bewachen ließ. Erst feit dieser Erwerbung aß er Wildbret Das Benehmen des Mannes war sehr einfach. Er sprach wenig. Gewöhnlich drückte er feine Ideen durch kurze Sätze in Form von Sprichwörtern aus mit leiser Stimme. Seit der Revolution, der Epoche, wo er die Blicke auf sich lenkte, stotterte der Alte in ermüdender Weise, sobald er lange über einen Gegenstand zu sprechen oder eine Diskussion in Gang 3U halten hatte. Dies Gebrabbel, seine unzufammenhängende Ausdrucksweise der Wortschwall, in dem er feine Gedanken ertränkte, sein augenscheinlicher Mangel an Logik, was alles man schlechter Erziehung zu- chrieb war erkünstelt und wird hinreichend durch einige Begebenheiten in dieser Geschichte erklärt werden. Im übrigen gebrauchte er für ge- wöhnlich vier Sätze exakt wie algebraische Formeln, um alle Schwierig- feit im Leben und Berus anzupacken und auszulösen: ich weih nicht, ich kann nicht, ich will nicht, das wird sich finden. Er Jagte niemals ja oder nein und gab nichts schriftlich. Wenn man mit ihm sprach, horte er unbewegt zu, hielt das Kinn mit der rechten Hand, indem er den rechten Ellbogen auf den Rücken der linken Hand stützte, und bildete I sich über die ganze Sache seine Ansichten, von denen er sich nicht abbringen lieh. Er überlegte lange das kleinste Geschäft. Wenn in einer geschickt geführten Unterhaltung sein Gegenwart ihm seine geheimen ^Wünsche, ohne es selbst zu merken, enthüllt hatte, antwortete ihm Grandet: ich kann nichts beschließen, ohne meine Frau befragt zu haben. Seine Frau, die er zu vollkommener Sklaverei unterjocht hatte, war bei Geschäften seine allerbequemste Deckung. Er ging niemals zu irgend jemandem hin, wünschte weder einzuladen noch eingeladen zu werden; er machte niemals Lärm und schien mit allem zu sparen, selbst mit den Bewegungen. Er störte nichts bei andern, infolge feines ständigen Respektes vor dem Eigentumsrecht. Doch fetzten sich trotz seiner sanften Stimme und seiner behutsamen Haltung die Worte und Gepflogenheuen des Böttchers durch, besonders wenn er zu Haus war, wo er sich weniger als sonstwo Zwang antat. Grandet war fünf Fuß groß, untersetzt, vierschrötig, hatte Waden von zwölf Zoll Umfang, kräftige Knie und breite Schultern; sein Gesicht war rund, braun wie Lohe und blatternnarbig, sein Kinn war gerade, seine Lippen waren ohne jeden Schwung, seine Zähne weiß; seine Augen hatten den starren, .lähmenden Blick, den Der Volksmund dem Basilisken zuschreibt; seine Stirn war von Quersalten durchfurcht und nicht ohne bedeutsame Höcker; seine gelblichen und graumelierten Haare waren golden und silbern, wie einige junge teure sagten, ohne den Ernst in einem über Herrn Grandet gemachten Scherz zu verstehen. Seine Nase wurde unten dick und war mit einem Ader- geschwür behaftet, von dem der Volksmund nicht ohne Witz sagte, es jei mit Bosheit gefüllt. Dies Gesicht kündete eine gefährliche Schlauheit, eine kalte Rechtschaffenheit, den Egoismus dieses Mannes, der gewohnt, war, seine Gefühle auf den Geiz und auf das einzige Wesen zu beschranren, da« für ihn wirklich etwas bedeutete, feine Tochter Eugeme, seine einzige Erbin. Haltung, Benehmen, Gang, alles an ihm zeugte überdies von diesem Glauben an sich selbst, der aus einem gewohnheitsmäßigen erjoig in allen Unternehmungen erwächst. So besah Herr Grandet, obwoy ein umgängliches und sanftes Wesen zur Schau trug, einen ehernen Charakter. Immer war er auf die gleiche Weife gekleidet, er Heb 1 > heute so sehen, wie er seit 1791 ging. (Fortsetzung folgt.) gut aufs Regieren, noch bester aufs Traubenlesen. Unter dem Kaiserreich 1 so sagten die Superklugen: wurde er wieder schlechthin Herr Grandet. Napoleon liebte die Repubtt- muß fünf bis sechs Million taner nicht, er ersetzte Herrn Grandet, der im Ruf stand, die rote Mutze getragen zu haben, durch einen großen ®utsbe(jöer, einen Herrn v o n, einen künftigen Baron des Kaiserreiches. Herr Grandet verUetz die Ehren der städtischen Aemter ohne das geringste Bedauern Er hatte tm Interesse der Stadt ausgezeichnete Fahrstraßen bauen lassen, die zu seinen Besitzungen führten. Auf seinem Haus und seinen Gutem, die sehr vorteilhaft tataftriert waren, lagen nur mäßige Steuern. Seit der Einteilung seiner verschiedenen Weingärten waren seine Reben, dank besonderer sorgfältiger Pflege, die Krone des Landes geworden, em technischer Ausdruck, mit dem man die Lagen zu bezeichnen pflegt, die die Weine erster Qualität hervorbringen. Er hätte das Kreuz der Ehrenlegion beanspruchen können. , Dies Ereignis fand statt im Jahre 1806. Herr Grandet zahlte damals siebenundfünfzig Jahre, seine Frau etwa sechsunddreißig. Ihre Tochter, die einzige Frucht ihrer ehelichen Zärtlichkeiten, stand im Alter von zehn Jahren. Herr Grandet, den die Vorsehung ohne Zweifel darüber trösten wollte, daß er im Amt in Ungnade gefallen, beerbte tm ßauf dieses Jahres nacheinander Frau von Gaudinisre, geborene de la Bertelliere, die Mutter von Frau Grandet, dann den alten Herrn de la Bertelliere, den Vater der Verstorbenen, und dann noch Frau Gentillet, die Großmutter mütterlicherseits: drei Erbschaften, über deren Gröhe niemand Bescheid mußte. Diese drei Alten waren von solchem Geiz besessen gewesen, dah sie seit langem ihr Geld aufhäuften, um es heimlich betrachten zu können. Dar alte Herr de la Bertelliere nannte eine Kapitalsanlage eine Verschwendung und vermeinte größere Zinsen aus dem Anblick des Geldes zu ziehen, als aus den Erträgnissen des Wuchers. Die Stadt Saumur beurteilte das Vermögen nur nach den Einkünften aus den sichtbaren Gütern. Daraufhin erhielt Herr Grandet einen neuen Adelstitel, den unsre Gleichmachesucht niemals austilgen wird, er wurde der Höchstbesteuerte des Kreises. Er bebaute hundert Ar Weinland, die ihm in reichen Jahren sieben- bis achthundert Qhmfasfer Wein einbrachten. Er besaß dreizehn Vorwerke, eine alte Abtei, bei der er aus Geiz die Kreuzgänge, Spitzbogen und Fenster zugemauert hatte, was sie konservierte, und hundertsiebenundzwanzig Ar Wiesenland, auf dem ihm dreitausend im Jahr 1793 gepflanzte Pappeln wuchsen und gediehen Schließlich gehörte ihm das Haus, in dem er wohnte. So stellte sich sein stcht- bares Vermögen dar. Was sein Kapital betraf, so konnten dessen Umfang nur zwei Personen ungefähr schätzen; die eine war Herr Cruchot, der Notar, der Herrn Gandets Geldanlagen auf Wucherzinsen zu machen hatte, die andere war Herr des Grasstns, der reichste Bankier von Saumur, an dessen Geschäften sich der Winzer nach seinem Gutdünken heimlich beteiligte. Zwar besahen der alte Cruchot und Herr des Grasstns diese strenge Diskretion, auf die sich in der Provinz Vertrauen und Vermögen gründet, aber sie bezeugten öffentlich Herrn Grandet eine so große Hochachtung, daß, wer es beobachtete, den Umfang des Kapitals des alten Bürgermeisters am Grad der ehrerbietigen Rücksicht messen konnte, mit her er behandelt wurde. Es gab niemanden in Saumur, der nicht überzeugt mar, daß Herr Gründet einen geheimen Schatz, ein Versteck voll von Goldstücken besah und sich nächtlicherweile dem unaussprechlichen Vergnügen hingab, das der Anblick einer großen Masse Goldes gewahrt. Die Geizhälse hatten hierfür beinahe eine Gewißheit, wenn sie in die Augen des Mannes sahen, aus die das gelbe Metall abgefärbt zu haben schien. Der Blick eines Menschen, der gewöhnt ist, ungeheure Zinsen aus seinem Kapital zu ziehen, nimmt notwendigerweise wie der des Wollüstlings, des Spielers und des Höflings gewisse unbefinierbare Eigentümlichkeiten an, verstohlene, lüsterne, geheimnisvolle Bewegungen, die seinen Wesensverwandten nicht entgehen. Diese Geheimsprache stiftet eine Art Freimaurerbund der Leidenschaften. Herr Grandet flößte also die ehrerbietige Hochachtung ein, auf die ein Mann Anspruch hat, der nie jemandem etwas schuldig war, der als alter Böttcher, alter Winzer mit der Genauigkeit eines Astronomen im voraus berechnen konnte, warum er für feine Ernte tausend Qhmfässer anzusertigen hatte oder nur fünfhundert; dem nicht eine einzige Spekulation fehlschlug, der immer Fässer zu verkaufen hatte, wenn das Faß mehr wert war als die Ware, die herein sollte, der seine Weinernte in feine Keller lagern und den Moment abwarten konnte, wo er fein Qhmfaß für zweihundert Franken losschlug, während die kleinen Weingärtner ihres für fünf Louis hergeben muhten. Seine berühmte Ernte von 1811, die, weife eingebracht, langsam verkauft wurde, hatte ihm mehr als zweihundertvierzigtausend Franken eingetragen. In Geldgeschäften hielt Herr Grandet es mit dem Tiger und der Boa constrictor: er verstand es, sich hinzukauern, zu ducken, seine Beute lange ins Auge zu fassen, drauslos zu springen; dann öffnete er den Rachen feiner Börse, verschlang in ihr eine Ladung Taler und lehnte sich ruhig nieder, wie die Schlange, die verdaut, ungerührt, kalt, methodisch. Niemand sah chn vorübergehen, ohne ein gemischtes Gefühl von Ehrfurcht und Schrecken zu verspüren. War nicht jeder in Saumur von seinen stählernen Klauen höflich zerfleischt worden? Dem da hatte der Notar Cruchot bas zum Kauf einer Domäne nötige Geld verschafft, aber zu elf Prozent; diesem hatte Herr des Grasstns Wechsel eskomptiert, aber erschreckliche Zinsen vorweggenommen. Es verging kaum ein Tag, ohne dah auf dem Markt oder abends bei den Unterhaltungen in der Stadt der Name des Herrn Grandet fiel. Für manche Leute war das Vermögen des alten Winzers Gegenstand patriotischen Stolzes. Mehr als ein Kaufmann, mehr als ein Gastwirt sagte daher zu den Fremden mit einer gewissen Befriedigung: „Wir haben hier zwei oder drei Millionäre, aber Herr Gründet, der weiß selbst nicht, wie groß sein Vermögen ist." Im Jahre 1816 taxierten die geschicktesten Rechner von Saumur den Landbesitz des Alten aus ungefähr vier Millionen, aber da er durchschnittlich, von 1793 an bis 1817, hunderttausend Franken jährliche Einkünfte aus feinen Gütern gehabt haben muhte, besaß er wahrscheinlich eine Summe in Geld, die saft ebenso groh war wie der Wert seiner Liegenschaften. Wenn man daher nach einer Partie Boston ober einer Unterhaltung über die Weinernte auf Herrn Grandet zu sprechen kam. Wenn ein Pariser von Rothschild ober von Hern ßafitte sprach, so fragten ihn die Leute von Saumur, ob die ebenso reich wie Herr Grandet seien Und wenn der Pariser lächelnd eine spöttische Bejahung fallen lieh, sahen sie sich an und schüttelten mit einer ungläubigen Bewegung den Kops. Ein so großes Vermögen deckte mit einem goldenen Mantel alle Taten dieses Mannes zu. Wenn anfänglich einige Besonderheiten seines Lebens Anlaß zur Lächerlichkeit und zum Gespött gegeben hatten, so wurden Lächerlichkeit und Gespött bald verbraucht. In seinen geringsten Handlungen genoß Herr Grandet unfehlbare Autorität. Seme Worte, seine Kleidung, seine Gesten, sein Augenzwinkern wurden zur Richtschnur in diesem Drt, wo jeder, wenn er ihn studiert hatte, wie der Naturforscher die Wirkungen des Instinkts bei den Tieren studiert, die tiefe und stumme Weisheit feiner geringsten Bewegungen erkennen September. Von Joses Weinheber. Aegyd bläst in des Herbstes Horn. Die Beere schwankt am Brombeerdorn. Der Apfel fällt mit leisem Laut, großauf am Bach die Distel blaut. Die Schwalbe zieht, der Wanderschuh treibt dunkel einer Heimat zu. Gekühlte Tage, klar und schön, mit braunem Laub und weißen Höhn: Wie lange noch? Der Abend fällt, Flurfeuer glimmt, Rauchnebel schwelt. Nach Haus zu gehn, ist wohlgetan. Sankt Michael, zünd die Lampe an! Balzac und »ßugenie Grandes. Von Hans Thyriot. Am 20. Mai 1799 wurde HonorL de Balzac in Tours geboren; am 18. August 1850 ist er in Paris gestorben: sein Leben währte nur ein halbes Jahrhundert, aber es war, bis zur letzten Stunde, erfüllt und ausgefüllt wie wenig andere menschliche Lebensläufe, und sehr viel merkwürdiger als die allermeisten von ihnen. Merkwürdig übrigens nicht nur im literarisch-künstlerischen Sinne; wenn man sich klarmacht, was Balzac in der kurzen Zeit seines irdischen Wandels geschaffen hat, wenn man das Werk, das bis heute seinen Namen durch alle Welt trug, in Vergleich setzt zu der Daseinsfpanne, die seinem Schöpfer zugemessen war, so kann man nur staunen: die „Oeuvres completes“ umfassen allein über fünfzig Bände; mehr als hundert Romane und Erzählungen, die Briefbände und Dramen nicht gerechnet, hat Balzac hinterlassen. Das ist schon „merkwürdig" genug; indessen ist Balzac als Mensch und Persönlichkeit in einem ganz bestimmten Sinne von Balzac dem Romancier, dem Dichter nicht zu trennen, und fast noch merkwürdiger als das Werk selbst ist der Weg, der zu diesem Werk hinführte, und das Leben, das Dasein eines besessenen, von Energie, von Sehnsucht nach Glück, Wohlstand und Unabhängigkeit, von rastlosem Fleiß und unerschöpflich scheinender Arbeitskraft angetriebenen und gehetzten Menschen. Dieses Leben und dieses Werk sind gar nicht unabhängig voneinander zu betrachten und zu begreifen: das Werk wäre ohne ein solches Leben nicht denkbar gewesen. Schon als Kind hatte Balzac alles gelesen, was er in die Finger bekam; das mag seiner späteren Entwicklung früh die allgemeine Richtung gewiesen haben. Als er, mit zwanzig, nach Paris kam, begann er seine Laufbahn; er wollte es mit der Literatur versuchen, er wollte Erfolg haben, zu Geld kommen. Glück, Ruhm, Wohlstand erwerben. Er hatte kein Glück; er erlebte nichts als Mißerfolge; und er hielt das noch aus, als jeder andere längst die Flinte ins Korn geworfen hätte, abge- fchwenkt, umgesattelt, ausgebrochen oder ins „Bürgerliche" zurückge- flüchtet wäre. Balzac war zäh, er besiegte den Mißerfolg, er setzte sich durch. Die ersten Anfänge waren entmutigend — auf dem Theater wie als Romanschriftsteller; nichts als Fehlschläge und Enttäuschungen: die paar Dutzend Romane, die er unter dem Decknamen Horace de Saint Aubin erscheinen ließ, waren bloße Kolportage, Spekulationen auf schnelles Geschäft, Sensationslust und Lesehunger. Es war aber kein Geschäft. Dann versuchte er sich als Verleger und Buchdrucker und brachte billige Klassikerausgaben auf den Markt. Aber es erwies sich, daß mit Gewalt auch mit der guten Literatur kein Geld zu verdienen war: Balzac mußte die Druckerei verkaufen. Eine schwere Schuldenlast blieb zurück; diese Schulden ist er sein Leben lang, auch als er längst anerkannt, ja berühmt geworden war, nicht mehr losgeworden. Aber Balzac gab auch jetzt noch nichts verloren, er besann sich auf sein wahres Können, er entdeckte sein großes Talent, seine dichterische Kraft. Er verzichtete auf das Pseudonym, er schrieb seinen richtigen Namen auf das Titelblatt des ersten ernstzunehmenden Romans „Le dernier Chouan, ou la Bretagne en 1800“. . Hier beginnt der Weg des Mannes Balzac, den wir kennen, des Dichters, des großen Romanciers, des Sittenfchilderers und Kritikers feiner Zeit. Was in Romantik und Pseudoromantik begonnen hatte, entwickelte sich immer schärfer und ausgeprägter zu einer neuen künstlerischen Sehweise und Stilform, zum Realismus, der, je weiter das Jahrhundert fortschritt, immer bedingungsloser und schonungsloser seinen letzten Konsequenzen zustrebte. Der Erfolg war da, — wenigstens ein Teil jenes von Jugend an ersehnten und erstrebten Erfolges: Balzac war ein Dichter, den ganz Frankreich (und bald auch die ganze Kulturwelt) kannte und anerkannte, — aber, auch jetzt noch, schwer verschuldet und bis zuletzt in einen verzweifelten, aufreibenden Kampf gegen seine Gläubiger verstrickt. Das tägliche Leben war nicht leichter geworden, aber Balzac glaubte an den endlichen, völligen Sieg, an das Glück ... wie an sich selber und an sein Werk, er hoffte von Tag zu Tag auf das große Wunder, ein reicher und unabhängiger Mann zu fein. Darüber ging sein Leben hin, Werk und Werk schleuderte er aus sich heraus, immer neue Pläne, neue Szenen, neue Gestalten tauchten in seiner rastlosen Phantasie auf. Er schrieb unermüdlich, mit einer eisernen Folgerichtigkeit, Energie und Arbeitswut. Er schlief-nur von acht Uhr abends bis um Mitternacht, dann stand er auf, fetzte sich, mit einer Mönchskutte bekleidet und mit einer gewaltigen Kanne Kaffee ausgerüstet, an den Schreibtisch und schrieb, — zehn Stunden, zwölf Stunden, vierzehn Stunden hintereinander. Der Roman „Der Landarzt" fall, so wird berichtet, in 72 Stunden niedergeschrieben worden sein: ähnliches lesen wir über die Entstehung des Romans „Cesar Birotteau". Noch wenige Fahre aor seinem Tode schätzte er, daß er mit einer Arbeitszeit von achtzehn Stunden am Tage rechnen müsse. Es half alles nichts: Balzac wurde berühmt, aber er wurde die Last feiner Schulden nicht los, weder durch die Kolportageliteratur feiner stürmischen Anfänge noch durch die Meisterwerke seiner reifen Zeit; und durch die außerhalb seines künstlerischen Wesensbereiches liegenden, phantastischen Spekulationen schon gar nicht; er träumte von einer gewinnbringenden Ananaszucht, grub nach verborgenen Schätzen an der Seine, wollte alte römische Silberminen auf der Insel Sardinien wieder ausbeuten. Das alles brachte so wenig ein wie die Buchdruckerei mit den Klassikerausgaben ... Vor mehr als hundert Jahren schrieb Goeche über den Roman „La peau de chagrin“: „Dieses Werk eines hochstehenden Geistes zeigt eine unheilbare Verderbnis des französischen Volkes, die immer tiefer unb tiefer um sich greifen wird, wenn nicht die Provinzen, die bis jetzt weder lesen noch schreiben können, das Volk, soweit es möglich, wiederherstellen". Noch schärfer haben, ein wenig später, die Brüder Goncourt das Werk ihres Landsmannes charakterisiert: „Er allein ist unserem Leiden auf den Grund gegangen, er allein hat den Zerfall Frankreichs feit 1789 gesehen, die Herrschaft der Gesetze über die Moral, der Worte über die Tatsachen, die unter scheinbarer Ordnung wütende Anarchie der losgelassenen Interessen, den Ersatz der Mißbräuche durch die Protektion, die Vernichtung der Gleichheit vor dem Gesetz durch die Ungleichheit vor dem Richter, kurz, die Lüge jener Republik von 1789, die den Monarchennamen durch das Fünffrancstück und die Marquis durch die Bankiers verdrängt hat, und feine Aussagen sind die Aussagen eines Romanciers gewesen". Balzac, der als Kind den Aufstieg Napoleons erlebt hatte, wurde zum Schilderer feiner Zeit, der Epoche des Bürgerkönigtums, der französischen Gesellschaft mit all ihren sozialen Unterschieden, ihren Leidenschaften, Lastern, Sorgen und Nöten. Ein immer wiederkehrendes Generalthema in Balzacs Romanen ist das Geld, die ewig lockende und oft genug zerstörende Macht des Geldes. Auch daran begreift man, wie eng das Werk und das Leben Balzacs ineinander verhaftet find: die Gedanken, die Sorgen und Sehnsüchte seines eigenen, unaufhörlich bedrängten und gehetzten Lebens spielen immer wieder in seine Romane hinein und spiegeln sich in deren Szenen und Gestalten — in einer großartigen Objektivität freilich der Anschauung und Gestaltung, deren nur ein Genie fähig fein konnte. Balzac verfügte über eine unerschöpflich quellende Phantasie: das würden — von jeder dichterischen Erfindung zu schweigen — allein jene Projekte bezeugen, die nichts mit seinen künstlerischen Plänen zu tun haben, und von denen oben schon die Rede war. Aber er war auch — und wurde es, mit zunehmendem Alter und wachsender Reise, immer mehr — ein sehr scharf blickender Kenner unb Schilderer der Umwelt, der Zusammenhänge und Zustände im Volke, feiner Landsleute, ihrer Sitten und Sorgen, ihres inneren und äußeren Lebens. Am Ende wurde ihm das, was man in feinen Romanen „die Gesellschaft" nennen könnte, nur eine Form oder Spielart jener zeitlosen menschlichen Gemeinschaft, die ihm schließlich als überlebensgroßes Modell, als Rohstoff gleichsam eines ungeheuren literarischen Projektes vorfchwebte: es entstand der Plan zu einer riesigen und unheimlichen „menschlichen Komödie", die er in eine lange Reihe in sich zusammenhängender Szenengruppen gliederte und aufteilte: da sind die Szenen aus dem Privatleben, aus dem Provinzleben, aus dem Leben von Paris, aus dem militärischen, dem politischen, dem bäuerlichen Leben — es ist wie eine ins Grandiose gesteigerte, ins Epische übersetzte Wiederaufnahme der naiven Renaissance- und Humanisten-Schauspiele, welche die menschlichen Stände vor dem staunenden, betroffenen, ergötzten und ergrimmten Zuschauer Revue passieren ließen. Das ist der Kern des Lebenswerkes von Balzac, hier vollzieht sich der entscheidende Durchbruch zum realistischen Roman, hier tut sich ein erstaunliches Welttheater auf, ein großartiges Panorama von Szenen, Gestalten, Charakteren. Auf die Napoleonbüste in seinem Arbeitszimmer ritzte Balzac die Worte: „Was er mit dem Schwerte nicht zu Ende bringen konnte, das will ich mit der Feder tun". Welch ein Projekt. Welch eine entmutigende, unübersehbare Fülle des Stoffes — ihm mußte ein Stil entsprechen, von dem ein Zeitgenosse, übrigens mißbilligend und verächtlich, bemerkt hat, es sei der Stil eines Autodidakten, in dem ein Archäologe, ein Architekt, ein Tapezierer, ein Schneider, eine Modistin, ein Kommissionär vom Versteigerungsamt, ein Naturforscher und ein Notar sich verbergen ... Das Riesengebäude der „Comddie humaine“ bleibt der innere Kern, um den das Gesamtwerk Balzacs sich kristallisiert; die „Frau von dreißig Jahren", „Eugenie Gründet", „Vater Goriot", „Oberst Chabert" und „Cesar Birotteau" sind nur einige der bedeutendsten und auch bekanntesten Gestalten daraus. Weiter an der Peripherie feines Schaffens liegen Bücher wie die Hexengefchichte vom Succubus oder die „Contes drölatiques", die derben und witzigen Schwänke im Stile des Rabelais, eine Art von französischem „Dekameron", zu dem uns Dorös Meisterhand eine Fülle von unvergeßlichen Illustrationen beschert hat. 1833, ein Jahr nach den „Contes drölatiques“, erschien der Roman „(Eugenie Gründet", der erste in der Reihe der „Szenen aus dem Provinziellen", spielend in Saumur, einer kleinen Stadt an der Loire: man wird gewiß an dieser Erzählung noch nicht die ganze Fülle von Balzacs Schaffen ermessen können, gewiß nicht die ganze, fast unbegrenzte Weite seiner Schauplätze. Der Umkreis ist eng, die Zahl der handelnden Per- fonen, soweit sie wichtig sind und im Vordergründe stehen, nur klein; aber man begreift bald, daß hier ein Werk entstanden war, mit welchem Balzac das Flachland feiner vergeblichen ersten Versuche endgültig verlassen hatte; hier spricht Balzac der Dichter, der Menschenkenner, der Seelenschilderer, Balzac der Realist. Die menschliche Komödie beginnt, und es ist unschwer zu erkennen, wie nahe sie der meist pathetischer auftretenden tragischen Schwester im Wesensgrunde verwandt ist. Hier erleben wir eine Geschichte aus der Tiefe des menschlichen Herzens, die alte und ewige Geschichte einer großen, reinen und im biblischen Sinne einfältigen Liebe, und die junge Liebende aus der französischen Provinz wird uns in Glück und Leid nicht weniger vertraut und unvergeßlich als die viel volkstümlicher gewordene Doktorsfrau Bovary bei Flauster!, — wiewohl sie entscheidende Wesens,üge von dem Fräulein Grande! trennen. Unvergeßlich aber auch die Gestalt des alten Gründet, der wie ein unheimlicher, düster drohender Schatten durch die Erzählung hin- durchgeht, ein Charakterbild von solcher Schärfe des Profils und solcher tnnern Geschlossenheit, daß man beim Lesen immer wieder an eine der berühmten Figuren Molieres erinnert wird. Einem Tagelöhner. Von Conrad Ferdinand Meyer. Lange Jahre sah ich dich Führen deinen Spaten, Und ein jeder Schaufelstich Ist dir wohlgeraten. Nie hat dir des Lebens Flucht Bang gemacht, ich glaube — Sorgtest für die fremde Frucht, Für die fremde Traube. Nie gelodert hat die Glut Dir in eignem Herde, Doch du fußtest fest und gut Auf der Mutter Erde. Nun hast du das Land erreicht, Das du fleißig grubest, Laste dir die Scholle leicht, Die du täglich hubestl Kaptein Klausius. Von Otto Anthes. Kaptein Klausius hatte kein Schiff, bas er ständig geführt hätte, er saß den größten Teil des Jahres in seinem Häuschen, das nahe am Hafen lag, und schnitzte kleine Schiffsmodelle. Die setzte er, wenn sie fertig waren, schön gestrichen und seegerecht getakelt, auf zwei Reifen, die an einer hohen Stange im Gärtchen beweglich angebracht waren; und wenn Wind war, liefen sie oben lustig im Kreise, der eine rechtsherum, der andere linksherum. Nur ab und an wurde dieses vergnügliche Stilleben auf kurze Zeit unterbrochen. Dann erschien plötzlich ein junger Mann von Quehl und Rüster oder auch von Konsul Buckow und bat den Kapitän aufs Kontor. Wenn er von dort zurückkam, packte er ein kleines Köfferchen, nahm zärtlich Abschied von seiner Frau Elise und ging zum Hafen hinunter, um mit dem nächsten Dampfer davonzufahren. Die wenigsten Leute in der Gasse wußten, was der Kapitän in diesen Zeiten seiner Abwesenheit trieb. Aber daß sie ihm Gewinn brachten, konnte keinem entgehen. Denn jedesmal alsbald nach seiner Rückkehr stolzierte Frau Elise in einem neuen seidenen Kleid im Gärtchen herum, trug, wenn sie in die Stadt ging, einen neuen ausschweifenden Hut oder ein neues Stück Pelzwerk, und sorgte dafür, daß der Ring nicht übersehen wurde, den sie den schon vorhandenen hinzugesügt hatte. Wie eine Konsulssrau ging sie einher. Das alles war an und für sich aufreizend und wurde es noch mehr dadurch, daß Fran Elise selbst sich ihrer äußerlichen Pracht sehr wohl einfügte. Sie sah ihren 56 Jahren zum Trotz noch immer wie eine hübsche Puppe aus, so frisch und faltenlos war ihr Gesicht, so blank ihre Augen, so zierlich gespitzt ihr Mäulchen. Daß der Kapitän nichts anderes Auffallendes tat, als daß er unermüdlich seine Frau herausputzte, hätte eigentlich, wenn die Leute vernünftig gewesen wären, zu seinen Gunsten sprechen müssen. Aber das gerade Gegenteil war der Fall. Die ganze Gasse begegnete ihm mit unverhohlenem Mißtrauen und offensichtlicher Feindseligkeit. In Wirklichkeit verdiente Kaptein Klausius die Reichtümer, mit denen er seine Frau behängte, aus die nützlichste Weise der Welt. Nützlich zumindesten für Quehl und Rüster und für Konsul Buckow. Wenn irgendwo in der Ostsee ein Schiff, mit einer Ladung unterwegs, havariert war, wurde Kaptein Klausius hingeschickt. Er flickte den altersschwachsten und ramponiertesten Kasten notdürstig aus, er verstand Matrosen anzuheuern, die nicht wußten, worum es ging, er erwirkte von den Seebehörden, was er wollte, und er brachte das kläglichst verwundete Schiff allemal glücklich an seinen Bestimmungsort. Diese schwierigen Fälle der Schiffahrt waren allgemach seine Leidenschaft geworden, und sie brachten den Reedern durch die Ersparnis des Leichterns und Umladens erkleckliche Summen ein. Die Hochachtung, die ihm deshalb von ihnen erwiesen wurde, und der Anteil am Gewinn, der ihm zufiel, ließ ihn nicht nur die Feindschaft der Nachbarn leicht ertragen, das alles zusammen trieb ihn vielmehr erst recht in einen trotzigen Stolz auf seine Tüchtigkeit und auf die Nützlichkeit und Wichtigkeit seines Tuns. Es ging auch durchaus nicht immer glatt bei diesen Fahrten. Einmal, als er einen alten lecken Kahn, der nur noch auf seiner Holzladung schwamm, nach Stettin zu bringen unterwegs war, hatten die finnischen Matrosen, des ununterbrochenen Pumpens müde, erklärt, sie würden von jetzt ab keine Hand mehr rühren. Schön, sagte Kaptein Klausius, dann werden wir ersaufen. — Ging in seine Kajüte, steckte sich eine Pfeife an, setzte die Brille auf und vertiefte sich in fein Schiffsjournal. Stunden vergingen. Der alte wassergierige Kasten sank immer tiefer. Kaptein Klausius saß und las. Da klopfte es an seine Tür. Herein! Zwei Matrosen als Abordnung traten ein und sagten kleinlaut, daß sie doch lieber wieder pumpen wollten, wenn — meinetwegen nicht, schnitt ihnen der Kaptein die Rede ab. Ich hab' mirs immer gewünscht, einmal auf Grund zu gehen. Ich fürchte mich davor, im Bett zu sterben. Ja, aber — Macht, was ihr wollt. Wenn ihr pumpt, tut ihrs für euch. Wenn nicht, auch. . m Und er drehte ihnen den Rücken. Die Matrosen gingen an die Pumpe, und der Kahn erreichte Stettin. — Ein anderes Schiff war,-im Begriff einen kleinen schwedischen Hafen zu verlassen, auf einen im Wasser verborgenen Pfahl aufgelaufen und fo merkwürdig gesunken, daß es mit dem Bug jach in die Tiefe schoß und das Hinterteil hoch in die Lust streckte, wie eine tauchende Ente. Kein Mensch in dem Nest hatte etwas mit dem feit- famen Naturspiel anzufangen gewußt. Kaptein Klausius, von der Reederei geschickt, brachte nach eigener Methode ohne große Hilfsmittel das ausgelassene Schiss wieder in eine anständige Sage. Dann fuhr er bei Nacht und Nebel davon, weil kein Hafenamt der Welt ihm die Ausreise erlaubt hätte. Und gelangte glücklich ans Ziel. Ja, so war Kaptein Klausius. Aber die Leute in der Gasse wußten so gut wie nichts davon, und sie waren böser Art. Eines Tages fuhr ein mit schönen ausländischen Hölzern beladener Wagen, vom Hafen kommend, durch die Gasse. Just vor des Kapkeins Haus löste sich ein Vorderrad, indem zugleich eine Speiche zerbrach, und der Wagen legte sich mählich auf die Seite. Der Fuhrknecht stieg langsam herab, besah den Schaden eine Weile, zog die Uhr, und da es gerade fünf Minuten vor sechs Uhr war, spannte er seine Pferde aus, ließ den Wagen, wo er war, und ritt davon. Die Jugend der Gasse umstand das Wrack. Vorübergehende gesellten sich dazu, aus den Häusern kam herbei, wer nichts Besseres zu tun hatte, und es war bis zum Dunkelwerden eine große Begebenheit um das gestrandete Fuhrwerk. Schließlich verlief sich die Menge. Und nun kam der Kaptein, der schon die ganze Zeit hinter dem Fenster gestanden hatte, von seiner Leidenschaft getrieben, aus feinem Häuschen hervor. Er ging mehrmals um den Wagen herum, besah zuerst die schönen Hölzer, darauf das Rad, das ein wenig schief und verbogen an der Unglücksstelle lag, und zuletzt die Stelle, wo es hätte sitzen bleiben sollen. Er holte eine Winde aus dem Hause und leierte den Wagen in die Höhe, bis er gerade stand. Verband alsdann die Speiche kunstgerecht mit starken Bindfäden, nachdem et den Bruch vorsichtig eingerichtet hatte, brachte das Rad an seinen Platz und schob einen Bolzen davor, den er aus einem derben Prügel geschnitzt hatte. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, der Kaptein nickte zufrieden, als et sein Werk vollbracht sah, ging darauf entschlossenen Schrittes um den Wagen herum nach hinten, zog mit festen Griffen drei von den kurzen starken Balken aus der Ladung und verschwand damit in seinem Hause. Der Morgen kam, und mit ihm der Fuhrknecht in Begleitung eines Stellmachers. Zuerst waren sie baß erstaunt, den Wagen in fahrbarem Zustand zu fehen. Dann, als sie entdeckten, was damit geschehen war, erhoben sie ein mächtiges Schimpfen Über die unverlangte Hilfeleistung. Der Stellmacher zumal, der um feinen Verdienst zu kommen fürchtete, erklärte die ganze Ausbesserung für ein Werk der Bosheit, da das Rad nach zwei Schritten Fahrt alsbald wieder brechen müsse.-Die Nachbarn, durch den Lärm herbeigerufen, verrieten dem Fuhrknecht, wer sich an seinem Wagen nützlich gemacht habe. Dieser, mißtrauisch geworden, musterte seine Ladung, rannte spornstreichs davon und kehrte bald mit einem Kriminalbeamten zurück. Der trat in das Haus, klopfte und verlangte, da keine Antwort erfolgte, mit lauter Stimme im Namen des Gesetzes sofortigen Einlaß. Der Kaptein, der den ganzen Vorgang von seinem Fenster aus beobachtet hatte, war aus seinem anfänglichen Staunen über die Undankbarkeit des Fuhr- knechtes in eine heftige Wut verfallen. Er hatte sich in die Kammer zurückgezogen, saß dort, zitternd und die Hände ballend, und schwur, daß er lieber auf dem Platze sterben als öffnen wolle. Zuletzt entschloß sich die Frau, zur Tür zu gehen. Der Beamte erklärte ihr, daß er eine Haussuchung vornehmen müsse, worauf sie fassungslos in die Küche rannte und sich heulend über den Tisch warf. Da der Beamte dergestalt nicht den geringsten Widerstand fand, entdeckte er bald in einem Winkel des Korridors die drei Balken. Der Fuhrknecht erkannte sie als zu feiner Ladung gehörig und bemächtigte sich ihrer. Der Beamte verließ mit hochgezogenen Schultern hinter ihm das Haus. Bei der Gerichtsverhandlung stand der Kaptein steif wie ein Mastbaum an der Schranke. Als der Richter ihn fragte, wie er dazu gekommen wäre, sich die drei Balken anzueignen, erwiderte er, daß er sie gewissermaßen als Bergelohn in Anspruch genommen habe. Die beiden Schöffen, die nie zur See gefahren waren, wollten vor unterdrücktem Lachen schier platzen. Der Kaptein sah sie groß an und verachtete sie. Weiter gefragt, was er mit den Hölzern habe anfangen wollen, erklärte er: aus dem einen habe er lief) einen Treppenpfosten, aus dem andern ein großes Schiffsmodell schnihen wollen, wie sie im Ratskeller von der Decke herabhingen. Den dritten aber habe er zur Reserve genommen. Hierbei mußte auch der Richter lächeln. Und von da ab verachtete der Kaptein auch ihn. Als er aber, zu drei Tagen Gefängnis verurteilt, das Gerichtshaus verließ, verachtete er die ganze Welt, mit einer ingrimmigen, tollwütigen, keines Wortes fähigen Verachtung. Stracks vom Gericht ging er in das größte Modehaus der Stadt, kaufte einen feibengefütterten Damenmantel für zweihundert Mark, einen Riesenhut mit zwei wildwallenden Federn, einen kostbaren Schal, Handschuhe und einen Sonnenschirm. Er warf das Geld nut so um sich herum. Mit all diesen Herrlichkeiten mußte seine Frau diesen Nachmittag an seinem Arm zwei Stunden lang in der Gasse auf und ab gehen. Dann, als es Abend wurde, schlenderte er, die Pfeife im Munde, gemächlich zum Hafen hinab. Er stand am Kai, bis es still und menfchenleer um ihn wurde. Dann klopfte er feine Pfeife aus und ging zu einem großen Haufen schwedischer Pflastersteine, die dort ausgeladen der weiteren Verfrachtung harrten. Er (topfte sich damit die Taschen seiner Jacke voll. Um diesen Diebstahl werden sie mich nicht verurteilen, knurrte er vor sich hin. Dann trat er dicht an den Rand der Mauer und glitt lautlos hmav. Es waren dort zum mindesten acht Meter Wasser. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Detlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei 2i. Lange. Bietzen.