GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Sreitag, den <3. August Nummer 62 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 17. Fortsetzung. Es ist ein Wunder zu nennen, daß wir uns behaupten konnten. Die Zahl der Verteidiger war aus den dritten Teil zusammengeschmolzen, das Schloß jämmerlich zerschossen, Lebensmittel und Pulver am Ende, als die Franzosen endlich von uns abließen. Sie hatten alles daran gesetzt, das Werk zu nehmen, und sie hätten vielleicht in zwei oder drei Tagen ihr Ziel erreicht. Nun glaubten wir sie von unserer Zähigkeit überwunden, sie räumten unsere rückwärtige Verbindungen und gaben uns den Weg in die Stadt frei. Wir ahnten nicht, daß der Feind schlau genug war, den würgenden Gürtel der Belagerung nur darum zu lockern, um Nachrichten zu uns zu lassen, die den Mut der Kämpfer erschüttern mußten. Diesmal lief ich ungesäumt in das Kloster Santa Engracia. Ich wollte vor allem Miguel sehen. Aber der eisgraue Invalide, der unten int Psörtuer- zimmer die Listen führte, sagte mir, daß der Graf Fuentes gestern fort- geschickt worden sei. War er geheilt? Nun, völlig geheilt war er gerade nicht, wenn alle Verwundeten so lang bleiben sollten, bis sie völlig geheilt waren, so hätte man für den Nachschub keinen Platz schassen können. Sie lagen ohnehin einer am andern, wie Heringe in der Tonne, der Krieg lieferte rascher ein als man wieder an ihn abliefern konnte. Ich hatte mit dem letzten Boten, der aus dem Schloß in die Stadt gelangen konnte, einen Brief an Miguel geschickt, der ihm sagte, wo ich mich befand, und daß er mir Nachricht in Goicoecheas Haus senden solle. Als ich dort ankam, fand ich die beste Nachricht vor, die ich mir hätte ersinnen können. Das ganze Haus war ausgestorben, ich trat in das Wohnzimmer, neben dem Lehnstuhl, in dem der zermürbte Körper Martinos lag, saß Miguel. Ich hatte wenig in diesen vierzehn vergangenen Tagen denken können, mein Gefühl war wie verschüttet gewesen, aber nun brach alles in mir auf und schoß in einem leuchtenden Strahl von Freude und Glück empor. „Nein, nein", lachte Miguel, als wir uns einigermaßen beruhigt hatten, „es ist gar nichts Besonderes gewesen. Eine Fleischwunde, großer Blutoerlust, sonst nichts. Keine Eiterung, kein Brand, glatt geheilt. Da schau !>er ...“ Er erhob sich und hinkte mit steifem linken Bein an einem Stock zweimal durchs Zimmer. Dann blieb er vor mir stehen. Ich hatte nie einen solchen Blick an ihm gesehen, so glänzend, klar, von unbändigem Leben erfüllt. Miguel war mager geworden, aber straff, innerlich gespannt, ein anderer, verjüngter Mensch. „Wir haben von dir gesprochen, Francesco"', sagte Miguel. Ich erriet, daß er Martino den Kopf zurechtgesetzt hatte. Der Kranke, der angesichts der gegen mich aufgebrachten Verwandtschaft nicht gewagt hatte, sich zu der alten Freundschaft zu bekennen, reichte mir mit einer Spur von Lächeln die blutlose Hand: „Die Weiber..." murmelte er entschuldigend, „du weißt ja, Francesco ... die Weiber .. " Ja, da waren wir drei von damals, drei Häupter der ruchlosen Bande, t>a hatten wir uns in der alten Freundschaft zusammengefunden. Uebermut hatte mich ersaßt, der Freund stand halbwegs heil vor mir, der andere war mir zurückgewonnen. „Sie haben dich etwas breitgeschlagen, armer Martino", sagte ich, „du hättest ihnen nicht die Zügel überlassen sollen. Der Mann wird in der Hand der Frauen immer zum Hampelmann. Sie werfen ihn in die Luft und sangen ihn wieder auf, mit zappelnden Gliedern steigt er empor und verrenkt sie ganz nach ihrem Gefallen. Oder fte rupfen ihn wie einen Vogel und lassen ihn mit blutig geschundener Haut laufen, sie kehren seine jämmerlichen Reste auf den Mist." Miguels Augen strahlten mich an. „Sprichst du so von den Frauen, ssrancesco? Hast du nie die unsagbaren Entzückungen erlebt, die sie spenden !önnen, die Reinigung des ganzen Menschen, die von ihnen ausgeht? Weißt du, was der Pole war, der mich in das Bein geschossen hat? Em Werkzeug Gottes. Es war ein Schicksalsschuß, der mich getroffen hat. Durch ihn bin ich zu der Frau geführt worden, die ich mein ganzes Leben lang umsonst gesucht habe. Ich bin unvermählt geblieben. Nun weiß ich es warum. Weil ich sie erst jetzt finden sollte, hier in Zaragossa." . Die erregte Beglücktheit, mit der Miguel sprach, teilte sich auch nur Mit. Ich erfaßte seine Hand und drückte sie fest, alle meine guten Wunsche hörnten mit dem Blut in meine Finger, als wollten sie in den Körper deines Freundes einbringen. . „Es ist ein Engel gewesen, der mich im Kloster Santa Engracia gepflegt hat. Seine Bewegungen, sein Blick und seine Hände ... oh, seine Hände, das ist alles Gottes edelstes Schöpfungswerk. Ihre Stimme kenne ich noch nicht. Es ist den Schwestern verboten gewesen, mit uns zu sprechen, und auch uns war Schweigen auserlegt. Es ist der Orden der Karthänserinnen, bet bas Lazarett bebient." Eisige Kälte rann mir über ben Nacken: „Eine Nonne..." schrie ich auf. „Miguel, eine Nonne?" „Ja, eine Nonne. Was weiter? Welches Gebot vermag etwas gegen bie Liebe, eine solche Liebe wie bie, bie mir geschenkt worben ist. In einem solchen Feuer verbrennt jebe göttliche unb menschliche Satzung. Hat bich irgenbein Bebenken zurückgehalten, als bu dir deine Blandina aus Klostermauern geholt hast? Hast du nicht selbst noch vor kurzem gesagt, daß du dich von aller Schuld sreisprichst? Seine Leidenschaft war eine Raserei, die ihn der Besinnung beraubte. Er, der sonst immer zart vermieden hatte, irgendwie an jene dunkle Geschichte zu rühren, bie mein Leben belastete, griff fie nun schonungslos aus, um sich burch mein Beispiel zu rechtfertigen. Er breitete bie Arme aus, wie ein verzückter Heiliger, ber bas verklärte Bilb ber Gottesmutter erblickt, aber in seinen Zügen war bie roilbe Gier ber Sinne, bie alle Schranken nieber- wirft. Ich sah ein, bah es nutzlos war, ihn zur Vernunft zu mahnen. „Ja, die Weiber... die Weiber", kicherte Martino, der offenbar gar nicht erfaßt hatte, was uns so erregte. „Du hast recht, Francesco, man soll ihnen nicht die Zügel überladen.“ „Du bist alt geworden, Francesco", sagte Miguel, „aber ich bin jung ... ich bin so jung wie bu bamals warst." „Unb sie?" fragte ich. „Siebt sie bich?" „Wir haben noch kein Wort gewechselt. Die Schwestern sinb immer zu zweit gekommen. Aber wie könnte es anbers sein, als baß sie mich liebt. Sie muß mich lieben. Ein Mensch allein kann nicht so entbrennen, ihr Herz muß bem meinen antworten. Die Zeit... bie Zeit, Francesco! Unser Schicksal Zeit. Nicht umsonst habe ich so lange gewartet, nun erfüllt sich mein Schicksal, weil bie Zeit ba ist. Es ist auch ihr Schicksal, Francesco." In bie,em Augenblick begann ein mächtiges Glockenläuten von bem untiollenbeten Turm ber nahen Kirche Nuestra Sennora bei Pilar unb zugleich kam frommer Gesang von ber Straße herauf. „Hörst bu bie Glocken bet Jungfrau", rief Miguel, „alle ziehen heute hin, um ihr zu banken unb um Sieg zu bitten. Komm, Francesco, auch wir wollen ihr banken, baß fie mir ihren Engel geschickt hat." Er zog mich mit sich fort, unb kaum waren wir auf ber Straße angelangt, so würben wir von bem Strom ber Gläubigen erfaßt unb langsam gegen bie Kirche ber Jungfrau auf ber Säule geschoben. Sie war einst bem Apostel Jakobus auf feinem Weg nach Santiago be Compostella erschienen, unb so wie sie sich ihm gezeigt hatte, stanb sie nun in ber Kapelle auf filberbeschlagener Säule, Zaragozas hochverehrtes Heiligtum unb Gnabenbilb. Vor Beginn bes Kampfes hatte sie Tränen vergossen, aber bann hatte sich Frieben über ihr Antlitz gebreitet, unb nun lächelte sie toieber wie früher. # Unb eines Morgens war ein lahmer Krüppel schreiend, aus ber Kapelle gestürzt. Er war zu ber Säule gekrochen, um sie bett, wo sie bet frommen Inbrunst ber Beter zum Kuß freigegeben toar, mit seinen Lippen zu berühren. Da hatte er gehört, ganz beutlich gehört, wie bie Jungfrau geflüstert hatte: „Meine Stabt Zaragofsa wirb gerettet werben." Ein Wunber! Ein Wunbet! Es hatte bem lahmen Krüppel ben Gebrauch feiner ©lieber toiebergegeben. Et war schreiend, in bie Kirche gelaufen und hatte die Geistlichen und die Beter von den Altären und von den Beichtstühlen zufammen- gerufen. Und fie alle hatten gesehen, daß die Jungstau auf der Säule die Lippen bewegte, und fie alle hatten sie flüstern gehört: „Meine Stadt Zaragoffa wird gerettet werden." Und noch immer wiederholte sie, wenn die Not anstieg und die Herzen in der Bedrängnis ermatten wollten, von Zeit zu Zeit das Wunder der tröstlichen und ermutigenden Verheißung. Nun wat der letzte große Gesamtangrifs ber Franzosen abgeschlagen worben, bie Jungfrau hatte ihre Hilfe glorreich bewährt, die ganze Stadt wollte ihr Dankbarkeit und Anbetung zu Füßen hinfließen lassen. Von allen Seiten kamen die Züge heran, Kinder unb Erwachsene, bie Geistlichkeit ber vielen Kirchen Zaragozas, bie Mönche unb bie Nonnen aus ben Klöstern, bie Bürgerschaft mit ben Stabthäuptern, Zünfte unb fromme Brüberschaften, sie tarnen mit Fahnen unb Kreuzen unb buntgemalten Heiligengestalten, bie aus ben Schultern ber Träger schwankten. Würdige Bäuche und magere Eiferer schoben sich durch blaugtaues Weihtauchgewölk, das aus Räuchetfässern vor ihnen hergualmte. Behaarte Stimmen der Männer und ganz nackte, rosige Kindetstimmen schlangen sich in Gebeten unb Litaneien burcheinanber, die Kirchensänger hielten die Notenblätter vors Gesicht unb sangen taktfest im Schreiten, inbes bie Bauernfrauen, baumelnbe Rofenkränze an ben Fingern, bem Organisten ihres Dorfes fein frommes Lieb langgezogen unb fo falsch als möglich nachplärrten. Auch Geißler waren roieber ba, etwa zwanzig Männer, ihre gellenben Rufe silbernen Lorbeerkranz, den er in der Hand gehalten hatte, aufs Haar drückte, als die Menge in ein tosendes Geschrei ausbrach, da wußte ich, daß es niemand anders sein konnte als Maria Agostina, das Heldenmädchen von Zaragossa. Die ganze Stadt sprach von ihr, die Leute riefen einander ihren Namen zu, begeisterten sich an ihrer Tat, sie war zu einer Verkörperung der wundertätigen Jungfrau selbst geworden. Am Portillotor hatte sie geholfen, der Bedeckung einer Batterie Kugeln zugetragen. Furchtbares Feuer der Franzosen hatte die Kämpfer niedergemäht, der Bräutigam des Mädchens selbst lag zerrissen zwischen den Rädern des Geschützes, das keinen Mann mehr zu seiner Bedienung hatte. Da hatte Maria Agostma die Lunte ergriffen und, auf dem Leichenhaufen der Gefallenen stehend, den Vierundzwanzigpfünder abgebrannt, bis Ersatz kam. Ich versuchte, mir Gestalt und Gesicht des Mädchens einzuprägen, als Miguel mit einemmal aufschrie und seine Finger eisern in meinen Arm schlug. „Da! Da!" keuchte er. . Seine Hand deutete auf die Nonnen, die unten m der ersten Reche kme- ten. Und im gleichen Augenblick hob eine von ihnen, als hätte He einen Anruf gehört, den niedergebeugten Kopf und schaute zu uns empor. , Es war Martina, die da zu uns aufschaute, und deren Blick den meinen traf. Ihre Augen wurden groß und starr, ihr Mund öffnete sich, sie schwankte und sank leicht gegen die Schulter einer ihrer Nachbarinnen. und das Klatschen der Geißeln auf dem bloßen Oberkörper galten der wundertätigen Jungfrau. ... Von Zeit zu Zeit erhoben die Glöckchenbündel unter irgendeinem goldübersäten Traghimmel ein schrilles Gebimmel. Dann fielen alle die Menschen auf die Knie und zwischen den Kerzen und Blumen in den Fenstern bekreuzigten sich die Zuschauer. Auf der weiten Plaza del Pilar waren die Truppen aufgestellt, die heute beim Dienst auf den Mauern und Verteidigungswerken entbehrlich wären. Zerlumpt und dreckig wie sie waren, konnte man mit ihnen wahrhaftig keinen Staat machen, aber gewiß nahm ihnen die Jungfrau den Mangel an soldatischem Glanz nicht übel, sondern sah nur auf ihre mutigen und dankerfüllten Herzen und freute sich ihres Ausharrens in der glühenden Sonne. Es war schwer, sich durch die überfüllten Straßen seinen Weg zu bahnen, man mußte Geduld mit List und gelegentlicher rücksichtsloser Gewalt vereinen, um vorwärts zu kommen. Ganz arg aber wurde es nahe dem Eingang in die Kirche, und ich mußte mich oft schützend vor Miguel schieben, der mit seinem verwundeten Bein sich in dieses Gedränge gar nicht hätte wagen dürfen. Eine Zeitlang staken wir völlig sestgekeilt in der Menge, unweit der Familie Goicoechea, die, zu einem Klumpen zusammengeballt, gleich uns nicht weiter konnte. Ich winkte einen kurzen Gruß hinüber, aber sie wandten die Köpfe weg — nein, diese braven Leute wollten von mir nichts wissen. „Sind wir einmal drin", sagte ich, „dann ist uns auch schon geholfen, bann weiß ich weiter." Wir mußten etwa eine Viertelstunde lang Zug und Druck der Masse aushalten, dann gelang es mit, einen kleinen Wirbel, der plötzlich entstanden war, auszunützen und uns mit anderen durch den Eingang hineinpressen zu lassen. Die Kathedrale der heiligen Jungfrau aus der Säule besteht eigentlich aus zwei aneinandergebauten Kirchen, und das Volk drängte sich dem Mittelpunkt der zweiten, kleineren Kirche zu, die das eigentliche Heiligtum umschließt. Wir konnten uns in der Westkirche rascher hindurchwinden bis zu dem Retablo unten, wo die Heiligen Braulio und Jakobus stehen, die armen Verstümmelten, denen int Laufe der Zeit von den Gläubigen die Hände bis auf formlose Stümpfe abgeküßt worden find. Im Innern der Kirche kannte ich aus der Zeit meiner Arbeit in ihr leben Fußbreit Boden, jeden Winkel, jeden Schnörkel, jeden Quaderstein. Neben bet Bildsäule des heiligen Jakobus wat eine schmale eiserne Tür in der Wand. „Hier hinein!" sagte ich und nahm Miguels Hand. Et folgte mir mühsam und ein wenig stöhnend eine steile dunkle Treppe empor, durch dichte samtige Spinngewebe, die wir mit unseren Gesichtern zerrissen und die uns an Augen und Mund kleben blieben. Durch kahle Kammern und über andere Treppen gelangten wir auf den Dachboden über der Westkirche. Allerhand frommes Gerümpel war hier verstaut und versank in Staub, lieber das Balkenwerk des Dachstuhles turnend, kamen wir zu einet zweiten Tüt und durch Gänge und wüste Räume zu einer dritten Tüt. Als wir sie öffneten, traten wir nach einer Wanderung durch Schatten, Dämmerung und Stille in Licht, Farbe und Lärm hinaus. Hier waten wir auf der Galerie unter der großen Kuppel, die Antonio Velasguez vor kurzem mit der Verklärung der Jungfrau inmitten der Engelscharen recht mäßig ausgemalt hat. Nun hatten wir die Kirche unter uns, wir sahen auf die Kapelle hinab, die nach Art des heiligen Hauses von Loretto gebildet ist und das Gnadenbild der Jungfrau auf der Säule umschließt. Die Sonne spielte über den edlen Marmor bet Wänbe unb der durchbrochenen Kuppel hin, daß er wie flüssige Seide glitzerte, und ließ den vergoldeten Bronzezietat ausglänzen. Dann hob ich den Kopf, um die Fresken des Antonio Velasguez über uns zu betrachten. Ach, was für eine saftlos-langweilige Malerei wat das doch, wie ganz anders hätte diese Kuppel aussehen können, wenn man die Arbeit mir übertragen hätte. Unwillkürlich suchte ich meine eigene Malerei in einer der kleineren Kuppeln, die um die Hauptkuppel lagen. Da stand die Jungfrau, als Königin der Märtyrer, umringt von Heiligen, Propheten, Blutzeugen und Engeln. Da waten auch die christlichen Tugenden des Glaubens, der Barmherzigkeit, der Tapferkeit und der Geduld — wahrhaftig genau die Tugenden, deren Spanien jetzt mehr als je bedurfte. Gewiß hatte ich noch Befseres gemacht als bie’e Fresken, aber wie himmelhoch erhoben fie sich über das öde Gepinsel meines guten Schwagers Bayeu in den Nachbarkuppeln. Meine Faust ballte sich, wenn ich des Aetgers gedachte, den er mir damals bereitet hatte, bet stechen Ausstellungen bieses besserwissenden Farbenteibers, bet endlosen Streitigkeiten, bie den Grund zu unserer nie endenden Feindschaft gelegt hatten. Ja — dieser Mensch hatte es gewagt, meine Arbeit zu verwerfen und die Kirchenverwaltuiig gegen mich aufzuwiegeln; und noch heute hielt er sich Wohl für den größeren Meister. Mochte ihn doch endlich der Teufel holen! Plötzlich war es, als überziehe die Fresken Bayeus ein Schatten. Während die ganze Kirche im hellen Sonnenlicht lag unb alle Farben, soweit es nur in ihrer Macht stand, aufjubelten, schien aus dem Untergrund von Bayeus Malereien ein grauet Brodern aufzusteigen. Wie Rauch quoll es aus dem Mauerwerk, verbreitete fich über seine Gestalten, legte sich übet den ganzen gemalten Himmel, hüllte alles in dunkle Schwaden ein. Stumpf und düstet vetschwammen die Fresken von Bayeus Hand unter einer schwärzlichen Wolkenschicht, deren Ursprung mit unerklärlich wat. „Miguel", sagte ich beklommen und stieß den Freund an, „siehst du das? Siehst du das?" Fuentes gab mit keine Antwort. Weit über die Brüstung der Galerie tiorgebeugt, spähte er in die Kirche hinab, als suche er jemand in der dichtgedrängten Menge. Man hatte um die Kapelle einen schmalen Raum freigehalten, und so konnten wir sehen, daß auf den Stufen des Heiligtums eine feierliche Handlung vor sich ging. Vor einer langen Reihe von Nonnen, die bet Kapelle zunächst betend hingesunken waren, kniete ein Mädchen in bürgerlicher Tracht, ein schlankes Mädchen mit ernsten, unhübschen Zügen. Palafox, der Kommandant Zaragofsas stand vor ihr und sprach über ihren Kopf hinweg zu der Menge. Was er sagte, konnte ich nicht verstehen, aber als er dem Mädchen den Als wir die Kirche verlassen hatten und in bet verströmenden Menge dahingingen, wat Miguel schweigsam vnd nachdenklich. Bot der Lonja der Börse, wo es um uns etwas stillet zu werden begann, blieb er stehen. „Du sollst mir helfen, Francesco", sagte er, „nun rufe ich deine Freundschaft an!" Ich wat bedrückt unb zerrissen. Dem ersten inneren Jubel übet bas Wiebetfinben war Grauen über das Verhängnis gefolgt, in das meine Liebe geraten schien. , „Ach, mein Freund", sagte ich traurig, „diesmal wird dir meine Freundschaft nicht helfen können." Miguel brauste auf: „Zweifelst du noch? Hast du nicht selbst gesehen, wie es sie ergriffen hat, als sie mich erblickte? Ich habe mir alles überdacht. Zunächst ist es am besten, wenn ich sie lasse, wo sie ist. Das Kloster bietet wohl noch am meisten Sicherheit. Aber ich muß wohl schon jetzt versuchen, mit ihr in Verbindung zu treten und ihr Nachricht zu geben. Ich könnte sagen, baß sich mein Bein verschlimmert hat und daß ich wieder Pflege brauche. Oder du wirst mein Bote fein, Francesco. Wenn dann der Feind mit Hilfe der Jungfrau abgeschlagen ist, bann ist bie Stunde auch für die Befreiung meines Engels gekommen." Da ich nur schweigend den Kopf schüttelte, riß mich Miguel am Arm herum und fuhr mich an: „Was hast du, Francesco? Was soll ich von dir denken? Ist dir Feigheit in die Knochen gekrochen? Wagst du, was du für dich selbst getan hat, nicht für den Freund? Einmal hast du schon eine Nonne entführt ..." „Es ist nicht das, mein Freund", sagte ich. „Du würdest, wenn du diese Frau aus dem Kloster entführst, kein heiliges Band zerreißen und kernen Frevel begehen, wie ich damals begangen habe. Die Frau, die du liebst, ist keine Nonne." Miguel lehnte sich gegen eine der Säulen der Lonja, bie das Dachgesims trugen. Der Schaft der Säule war reich mit figürlichem Schmuck umwunden, der in Windungen anftieg und Blumen, Früchte, Menschen« und Tiergestalten ineinanderflocht. Neben Miguels Kopf schaute ein kleines, abscheuliches Ungeheuer hervor, es sah aus, als ob es ihm auf der Schulter hockte. , Er klopfte ungeduldig mit seinem Stock das Pflaster. „Keine Nonne? Wieso keine Nonne? Was ist sie bann?" , . „Sie ist eine verheiratete Frau, eine Witwe, Miguel! Man hat sie in das Kloster gebracht, man hat sie in die Ordenstracht gesteckt, um sie mit aus dem Weg zu räumen. Es ist... Miguel...es ist meine Martina! Es war mir unsagbar schwer geworden, Miguels Hoffnungen fo grausam zu zerstören. Aber es mußte sein, ich durfte keinen Augenblick zögern, ihm die Wahrheit zu offenbaren. Ihn seiner Leidenschaft zu überlassen, wäre Verrat an ihm gewesen, es war meine Pflicht, ihn sogleich davon zu überzeugen, daß er sich überwinden unb verzichten mußte. Ich erwartete von dieser Enthüllung bie Wirkung eines bitteren Gegengiftes, lebensgefährlich an sich, aber heilsam gegen ein anderes noch gefährlicheres Gift, das den Körper durchrast, bie Wirkung eines schmerzhaften Messerschnittes, der em wucherndes Gewächs entfernt. Und es hatte zunächst den Anschein, als ob diese Wirkung eingetreten wäre. Miguel, eben noch frisch und hingerissen von einer wunderbaren Kraft, die keine Hemmung und keine Schwierigkeiten kennt, verfiel vor meinen Augen, wurde grau und alt wie Mattino in seinem Lehnstuhl. „Deine Martina, Francesco?", stöhnte er, „ach, wenn es so ist ... wenn es so ist ... warum habt ihr mich damals nicht sterben lassen? Warum habt ihr mich dem Galgen entrissen?" . Mein Mitleid mit dem armen Freund war grenzenlos. Vielleicht hätte Siebold gegen diese Qual ein Mittel gewußt, er besaß die Macht, auch seelische Schmerzen zu betäuben und den Menschen in eine rettende Stumpsheitzu entrücken. Aber Siebold war fern, und ich konnte nichts anders tun, als Miguel leiden lassen. Aber da sah ich, wie sein Körper sich straffte, Blut schoß in seine Wangen und rötete sie zu Fieberglut. Er knurrte mir dumpf ins Gesicht. „Deine Martina, Francesco? Und warum deine Martina? Was soll das heißen: deine Martina? Hast du ein Leben lang auf sie gewartet? Hast du nicht ein jedes Weib genommen, das dir in den Weg kam? Dir ist deine Mattina eine von vielen. Mir aber ist sie die Eine, die Einzige! Um ihretwillen, weil sie mir bestimmt war, weil sie von Gott in meine Zukunft gestellt war, habe ich aus alle Frauen verzichtet. Jetzt, an der Schwelle des Alters ist s>e da. Unb ba kommst du und sagst: meine Martina? Du hast sie ihrem Mann genommen, nun, Francesco, ich nehme He dir, und du wirst es nicht hindern können." (Sortierung folgt.) Einsiedler. Von Joseph von Eichendorsf. Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, die Lüfte alle schlafen, ein Schiffer nur noch, wandermüd', singt übers Meer sein Abendlied zu Gottes Lob im Hasen. Die Jahre wie die Wolken gehn und lassen mich hier einsam stehn, die Welt hat mich vergessen; da tratst du wunderbar zu mir, wenn ich beim Waldesrauschen hier gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd' gemacht, das weite Meer schon dunkelt. Laß ausruhn mich von Lust und Not, bis daß das ew'ge Morgenrot den stillen Wald durchfunkelt. Neun kleine Glücksgötter. Bon Marianne Weidenbach. Als Peter eine Woche aus China zurück war, traf er Renate zufällig auf der Straße, und im gleichen Augenblick siel ihm ein, daß er seiner Jugendfreundin nicht das Geringste mitgebracht hatte. Da er Renate nicht gut sagen konnte, daß er während der drei Jahre, die er fern der Heimat gewesen war, kaum an sie gedacht hatte, log er das Blaue vom Himmel und fragte sie, ob er sie am nächsten Tag besuchen dürfe. „Ich will dir eine Kleinigkeit geben, die ich dir aus China mitgebracht habe. Vielleicht macht sie dir Freude." Und dann kaufte Peter in einem Geschäft, das chinesische und japanische Kunstgegenstände führte, einen Armreifen aus Jade und ein nettes, kleines Spielzeug, das ihm aus den ersten Blick gefiel: einen Ring aus Elfenbein, an dem an bunten Schnüren winzige chinesische Schnitzereien baumelten, Tiere mit Menschengeftchtern, Würfel, Häuschen, Truhen, kleine Pagoden, ein rotes Herz — alles kaum größer als eine Haselnuß. Peter hoffte, daß Renate Spaß daran haben würde. Und Renate freute sich über das Armband aus Jade, über die winzigen Glücksgötter — und am meisten über Peter. Er hatte sich so gar nicht in diesen drei Jahren verändert, in denen sie aus einem dummen, verliebten Mädel zu einer jungen, eleganten und hübschen Dame geworden war, die sich allerdings gestehen mußte, daß sie noch immer in Peter verliebt war. Ausgerechnet Peter muh mir so gefallen, dachte fie, Peter, der mir in all den Jahren nie gefchrieben hat, der nie ein zärtliches Wort zu mir sagt und gewiß schon viele Frauen geliebt hat. „Du mußt wissen", erklärte Peter mit gespielt ernster und feierlicher Miene, während Renate die Glücksgötter in ihrer Hand betrachtete, „diese Miniaturgötter sind Talismane. Wenn du einen von ihnen einem Mann schenkst, wird dir fein Herz gehören. Er wird nur noch an dich denken und dich nie verlaffen." . , ., r , , . Renate lachte. „Und von diesen Göttern schenkst du nur gleich so titele? Ja, glaubst du denn, ich bin ein weiblicher Casanova?" Peter strich ihr kameradschaftlich über das Haar. „Nein, das nicht. Aber du bist noch jung und bis du mal heiratest — werden die Liebesgötter wohl alle verschenkt fein. Man bleibt nur selten bei seiner ersten Liebe." Renate nickte ernst. Ein paar Tage später traf Peter seinen Vetter Heinz und war sehr überrascht, als diesem ein grünbemalter Glücksgott aus der Brieftasche fiel. Heinz bemerkte Peters Blick. „Das hat mir eine junge Dame geschenkt , sagte er verlegen. „Nur — ich weiß nicht, was ich eigentlich damit anfangen soll." Peter gab ihm seufzend recht. „Ja, armer Kerl, was foll man nut folchem Kleinkram machen? Mir wäre es lieber, von einer Dame em f-bönes Zigarettenetui oder ein gutes Buch bekommen zu haben. , Peter war wirklich nicht eifersüchtig, Gott bewahre, aber em Mann wie Heinz war bestimmt nichts für Renate, obwohl er ihm nichts Schlechtes nachfagen konnte — höchstens seine Wankelmütigkeit, denn nach wenigen Minuten hatte Peter seinen Vetter davon überzeugt, daß eine Dame, ine ihm derartige Geschenke mache, wahrhaftig nicht zu ihm paffe. Beruhigt ging Peter nach dieser Unterhaltung ms Cafe, wo er sich mit feinem Freund Herbert verabredet hatte. Peter wußte, daß Herbert Renate kannte. Trotzdem war er erstaunt und zugleich ärgerlich, als er sah, daß Herbert zwifchen feinen Fingern einen von den Glücksgottern drehte, yutn Teufel! Herbert war bestimmt ein netter Junge, aber für Renate durchaus g„Was hast du denn da?", fragte Peter nach einer Weile verwirrt Herbert grinste. „Hat nur eine junge Dame verehrt, mem Lieber. Ist ein kleiner Liebesgott aus China. Reizend, mcht wahr?' Und er reichte Peter die Figur hinüber. Peter verzog feine Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „®te ®ame hat sich wohl über dich lustig machen wollen? So'n Spielzeug gibt man Babys, aber keinem erwachsenen Mann. Außerdem bekommst du diese Rarität für ein paar Grofchen hier zu kaufen." . , Herbert war sichtlich erfchüttert. „Wie man sich nut irren tannl Aber du hast recht: ich bin kein Mann, mit dem man sich einen derartigen Scherz erlauben darf." „Natürlich nicht", meinte Peter ironisch. Peter wußte ganz genau, daß er Renate verleumdete. Aber — er sand es reichlich geschmacklos von ihr, mit seinen Freunden zu flirten. In den nächsten Tagen erlebte Peter, daß Renate mit einer geradezu hellseherischen Fähigkeit auch diejenigen Männer mit Glücksgöttern auszeichnete, die er erst kennenlernte. In einer Gesellschaft traf er einen ihm noch unbekannten jungen Rechtsanwalt, der im Verlauf des Gesprächs plötzlich einen der Talismane hervorzog. Höflich um Auskunft bittend wandte et sich an Peter: „Sie waren doch jetzt jahrelang in China. Ich habe diesen kleinen Gott vor kurzem geschenkt bekommen — können Sie mir sagen, ob er echt ist?" Peter schaute prüfend das Figürchen an, so, als hätte er es noch nie gesehen. Nach kurzem Zögern sagte er mit geheimnisvoller Miene: „Diesen Göttern haften meist übersinnliche Kräfte an. Ich habe mich selbst in China damit befaßt ... Soll ich Ihnen die Spenderin des Talismans beschreiben?" „Woher wissen Sie, daß es eine Dame ist?" Neugierig und gespannt sah die Gesellschaft auf Peter. Der legte die Hand vor die Augen und begann zögernd: „Ich sehe — eine noch junge Dame — stimmt es? — fie ist etwa zwanzig Jahre alt — wohnt an einem Fluß — ich sehe sie jetzt ganz deutlich — sie ist klein, schlank, aber kräftig — das Haar fast schwarz — die Augen dunkelblau — stimmt es?" Der Rechtsanwalt nickte ergriffen. Peter sprach schnell weiter: „Sie haben Interesse an der Dame — ein sehr großes Interesse sogar — aber die Dame macht sich nur über sie lustig." Der andere fuhr auf. „Nein, da irren Sie sich. Bisher hat alles gestimmt, aber jetzt versagen Ihre Künste." Peter markierte angestrengteste Konzentration. „Die Dame macht sich gar nichts aus Ihnen", sagte er unbeirrbar. „Ich sehe es vollkommen klar: sie spielt und flirtet in diefem Augenblick mit einem anderen Mann, fie ..." „Halt, das kann nicht stimmen", unterbrach ihn der Rechtsanwalt energisch. „Die Dame ist meine Braut." Arn nächsten Tag ging Peter zu Renate und beglückwünschte fie zu ihrer Verlobung. Renate spielte scheinbar verlegen mit dem Jadearmband. „Ich bin nicht verlobt — du irrst dich." Peter war erstaunt. „Ich habe doch gestern deinen Verlobten kennengelernt. Ein netter, kluger Mensch." Renate ging ein paar Schritte zum Fenster hin. „Er ist mein Verlobter gewesen. Er scheint ein wenig mystisch zu sein, der junge Mann, und hat sich nach einer Unterhaltung mit einem blöden Hellseher entschlossen, mich nicht zu heiraten. Er hat mir das erst heute morgen gesagt." Sie zögerte und meinte dann sehr plötzlich: „Deine kleinen Glücksgötter sind aber nicht viel wert, Peter. Man könnte eher glauben, sie bewirken das Gegenteil von Liebe." „Hast du noch viele?", fragte er gelassen. Es war ja nicht einfach, Renate vor den falschen Männern zu bewahren. Und auf einmal kam es ihm so vor, als sei jeder Mann, der sich Renate nähere, sein Feind. Renate lächelte. „Ich habe nur noch einen. Aber — das mit der Liebe stimmt ja doch nicht." O Gott! Renate hatte also acht Stück verschenkt. Das verteufelte Mädchen hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als acht Gefahren heraufzubeschwören, von denen ihm bisher nur drei bekannt waren. Miteins fühlte et, daß er Angst um Renate hatte, Angst, daß sie ihm entgleiten und ein anderer sie für sich gewinnen könnte. Leise, aber eindringlich sagte et: „Die Götter bringen nur Liebe, wenn fie in Liebe gegeben werden, Renate!" Gleich darauf fühlte er in feiner Hand ein winziges Etwas und auf seinen Lippen einen warmen, weichen Mund ... Nie erfuhr Peter, mit welcher Planmäßigkeit Renate die acht Glücksgötter verteilt hatte. Oer poftflieger von Kanada. Von Friedrich Schnack. Postflieger Stanley war in Telegraph Creek stationiert, einem kleinen (Ort in dem kanadischen Territorium Britisch-Kolumbien an der Küste. Er steuerte ein Wasserflugzeug und hatte die Strecke über die Kaskadenberge und die Höhen der Coast Range in Richtung südwärts zu befliegen, die an der Zielstation aus den Staaten zusammenrinnende Post in Empfang zu nehmen und nach Norden zu befördern. Im Winter war es kein leichter Dienst, durch Sturm, Eis und Schnee — in der wärmeren Jahreszeit mochte es angehen, wenn auch Stürme und Gewitter über die Berge fegten. Man war im August. Stanley war um Mittag vom Postflug zurückgekehrt. Für sich selber hatte er diesmal Briefe von daheim mit, aus St. Franzisko, wo seine Eltern lebten und Helen, seine Braut. Auch zwei Kistchen waren für ihn dabei, Gebuttstagsangebinde — er war heute fünfunddreißig geworden. Nun faß er in feiner Stube, las die Nachrichten und packte aus. Helen hatte ihm Zigaretten, Konferven, Wein und Whisky geschickt, die Mutter bedachte ihn mit Kleinigkeiten, toarmem Zeug für den nahenden Herbst. Gute Sachen, die konnte man gebrauchen. Nun, Helens Flaschen würden nicht lange aufgespart werden: mit feinem Kameraden von der Station wollte er heute Abend feiern. Man wird ja nur einmal fünfunddreißig und gar in dem langweiligen Nest Telegraph Creek. Beinahe, fiel ihm ein, hätte er zu dem einen einen zweiten Gedenktag gehabt: im Dienst der Gesellschaft war er heute von feinem vierhundertneunundneunzigsten Flug zurückgekommen, einer fehlte am vollen Halbtaufend. Soeben hatte er Helens Brief zum drittenmal gelesen, da pochte es heftig an der Tür und hereinpolterte Morren, der erste Telegraphist der Station. Morren schwang einen langen Papierstreifen feines Tickers. „Du mußt fofort starten!" tief er. „Mach keinen Uniinn, Morren!" erwiderte Stanley und blickte ernst, wie wenn er nicht jo recht an einen schlechten Witz glaube. „Heute an meinem Geburtstag?" fügte er teile unmutig hinzu. Morren zuckte mit den Schultern und reichte dem Flieger die Morse- nawricht. Stanley las: An Aviator Telegraph Creek. Mine nördlich Moun- tarn’ Mc Kinley Jukon-River 150 Länge erbittet dringend Flugzeug sür Schwerverletzten nach White Horse da Lebensgefahr. SOS empfing Bell in Edmonton, Schoolstreet 18. Stanley überlegte. Klare Sache. Ein Funkamateur hatte den Hilferuf aufgefangen und hierher gegeben, wo er ein Flugzeug wußte. Heller Junge! Aber ... Mein Gott! Das Goldgräbergebiet lag am Jukonfluß in Alaska. Suchend überflog sein Blick die große Wandkarte von Kanada. Das Felsengebirge der Rocky Mountains zog gleich einem steinernen Rückgrat hinauf zum Insel-Schweif der Meuten. Eine lange Strecke, mit Rückflug an einem Tag nicht zu bewältigen. Da wurde nichts aus der Geburtstagsfeier heute Abend. Sein Blick hielt am Jukonfluß und dem 150. Längengrad. Irgendwo dort mußte die Mine liegen. „Allright!" sagte Stanley zu Morren. „Feiert denn ohne mich! Die Flaschen stehen bereit! Will euch das Vergnügen nicht stören!" Und er schlüpfte in seinen Fliegeranzug. „Nun hab ich doch meinen fünfhundertsten Flug, Morren. Die Serie füllt sich. Werde die Sache schnell abmachen!" Und schon eilte der Flieger hinaus, vom Ruf seines Freundes: „Gute Fahrt!" begleitet, der ihm nachblickte und daran dachte, wie oft schon Stanley Ret- tungsslüge ausgesührt hatte. Stanley, der zur Bucht gegangen war, wo sein Flugzeug wasserte, schaffte eine schmale Bahre und alles Nötige in die Kabine und nach kaum zehn Minuten flog er ab. Stanley folgte eine Zeitlang dem User, die Fläche des Meeres unter sich in der klaren Tiefe. Er flog rasch. Bald überschnitt er im Aufwind die Küste und flog landein über Grasland und Steppe, dem Felsengebirge entgegen. Er schraubte seine Maschine empor. Ueber den höheren Gebirgslagen stand Regen. Merkwürdig stahlblau verdunkelte sich mit einemmal im Norden der Himmel — der Anblick bereitete dem erfahrenen Flieger Unbehagen. Da war Sturm auf dem Anmarsch. Aus den Schluchten des Gebirges rollten die Nebelschwaden, gleichsam von einem ungeheuren Besen herausgefegt, der die Grate blank peitschte. Der Propeller heulte und mahlte die Luft wie flüssiges Erz. Das Nordgebiet jagte ihm seine schweren Wetter entgegen, zornige Gewalten, die das Flugzeug wie eine Mücke auf- und niedertanzen ließen. Manchmal fackte es lotrecht wie eine tote Last weg, hinunter in die Luftlöcher, die über den verhüllten Gipfeln klafften, und der Sturmregen schlug über der Maschine wie eine Woge zusammen. Mühselig arbeitete sich Stanley über die Rockies, mit voller Motorenkraft immer wieder steil auswärts steigend, damit er nicht an den Kämmen und Zinnen zerschellte. Die Wirbel aber sogen und drückten das Flugzeug stets von neuem gegen die Felsen. Es war eine furchtbare Fahrt, die Nerven und Kraft bis zum Zerreißen beanspruchte. Wie eine harte Wand stand die donnernde Lust im Weltraum. Und der Sturm wurde zum Orkan. Jeder Augenblick konnte dem Flieger zum Verhängnis werden ... Während Stanley über den indianischen Bergen mit dem entsetzlichen Orkan kämpfte, war in der Station der Funkruf eines zweiten Amateurs aufgefangen worden — Stanleys Braut Helen hatte ihn aus Frisco gesandt. Es war die gleiche Meldung, wie die aus Edmonton. Helen, die mit Stanley eine Funkverbindung unterhielt, hatte die Station angepeilt. Morren funkte zurück: „Stanley bereits unterwegs, Gruß Morren!" Noch war das letzte Wort nicht im Aether, da meldete der Morseschreiber die Wetterlage: „Orkanartiger Sturm nordöstlich. Gewitter und schwere Regensälle." Morren gab die Meldung nach Süden hinunter. Durch das Fenster in den bewölkten Himmel spähend, dachte er besorgt an den Flieger. — Gegen neun Uhr abends rief wieder der Mann in Edmonton. „Kamp Jukon erbittet neuerdings Flughilfe, sonst Rettung unmöglich. Stanley noch nicht eingetrossen." „Was?!" rief Morren, „Stanley noch nicht gelandet?" Er hatte jedoch keine Zeit, die Nachricht zu bedenken, denn abermals meldete sich Helen, die ausgerechnet heute ausgezeichneten Funkempsang haben mußte. Sie wiederholte den SOS-Ruf aus Klondyke und erkundigte sich nach Stanleys Position. Der Funker vom Lager hatte sie anscheinend beunruhigt. Was antworten? Morren verwünschte alle Bastler und Amateure. „Position unbekannt", antwortete er, „Flugzeug ohne Sendeanlage. Kein Grund zur Beunruhigung! ..." und fügte hinzu: „Anflug durch Wetterlage etwas verzögert." Der Rus int Norden hatte nicht nur den Mann in Edmonton und Helen in Aufregung versetzt, das ganze Land war nervös gemacht. Beständig liefen nun durch Funk, Fernsprecher und Morseticker Anfragen ein: „Wo ist Stanley? ... Position? ... Wo ist der Rettungsslieger? ... Wann aufgestiegen? ... Wo ist Stanley?" Zum Kuckuck! Was kümmerten sich die Leute um Stanley, einen der besten Flieger in den Staaten?! „Wissen möchte übrigens auch ich, wo er steckt!" sagte er zum zweiten Telegraphisten. „Ob ihm etwas zugestoßen sein mag?" Der andere schüttelte den Kopf. Schwierige Rettttngsflüge seien Stanleys Spezialität. Der schasse es! Er habe sich erzählen lassen, wie Stanley einmal vor Jahren ein Goldgräberlagcr, das säst zwölf Monate lang durch Eis von der Außenwelt abgeschlossen war, mit Nahrungsmitteln versorgt habe. Acht Zentner Essen hatte ihm die Rettungsstelle ausgeladen. Der Mechaniker, der mit war, habe es ihm erzählt. Bor Abslug wurde die Kabinentür ausgehoben. Kluge Voraussicht! Als sie hinkamen, fanden sie keine Landungsstelle. Alles vereist. Da legte sich Stanley flach aus den Boden, band die Füße am Sitz fest, und den Oberkörper zur offenen Luke hinaushängend, schmiß er seine Säcke ins Lager. In einem Luftloch rutschte die Maschine in die Tiefe, und Stanley flog in die Kabinendecke. Hätte er sich nicht festgeriemt gehabt, wäre er kopsheister hinuntergegangen. Zum guten Ende, zwanzig Meter Über dem Kamp zwischen Felswänden, pfefferte er ihnen noch den Postsack an die Köpfe, damit sie in ihrer Einsamkeit etwas zu lesen hatten. So arbeitete Stanley. Nur keine Angst um ihn ...! Als Helens erster Anruf in der Station eintraf, lag Stanley hoch Über den Rockies, in deren Kesseln die Luftwirbel kochten und brausten, Über deren Grate der Orkan hinschliss, die Wälder zusammendreschend. Wie lange würde die Maschine dem Rasen noch standhalten?! Er mußte schleunigst eine Notlandung versuchen. Da der Nebel fortgeblasen war, konnte der Flieger mit dem Glas die Felsenzunge Überspähen und ehe noch der Abend die Klüfte schwärzte, entdeckte er in einem Quertal einen kleinen Hochsee, der ihm zu einer Landung geeignet schien. Nach Aufwendung all seiner Steuerkünste gelang es ihm, knapp vor Nacht niederzugehen und zu wassern. Die Einsamkeit umheulte ihn, die Sturmnacht orgelte ihre wilden Gesänge — aber er schlief aus seinem Steuersitz. Am Morgen war der Orkan über die Rockies südwärts fortgerollt, und Stanley konnte weiterfliegen. Am Mittag erreichte er die 150. Länge, das Goldgräbergebiet, die Nordabhänge des Mc Kinley, Alaskas höchsten Berg, und da, endlich! am Rand eines schmalen, doch langgestreckten Stausees, gewahrte er eine graue Rauchsäule. Und nun stürzten auch Männer aus einem Felseneinschnitt — ein paar ruhige Handgriffe: glücklich landete er. „Lebt er noch?" war seine erste Frage. — „Noch!" antworteten ihm die vielen rauhen Männerstimmen. Eine Sprengung hatte dem Goldgräber Frazer Gesicht und Oberkörper verbrannt. Stanley erschrak. Der Mann sah schrecklich aus. Nur durch die schnelle Uebersührung in ein Krankenhaus würde ihm noch Hilse werden. White Horse, die nächste Klinik, lag über 500 Kilometer entfernt. Unmöglich wäre es gewesen, ihn etwa dorthin zu tragen über das Gebirge, über Flüsse und durch Urwälder. Selbst ein guter Läufer hätte Wochen bis zum Ziel gebraucht. Einzig dem Flieger würde es gelingen, den Verunglückten noch rechtzeitig einzuliefern. Während Stanley hastig eine Mahlzeit zu sich nahm und dann die Maschine überprüfte und versorgte, trugen die Goldgräber ihren verletzten Kameraden zur Kabine. Jede Bewegung verursachte dem Kranken neue entsetzliche Schmerzen. Stanley bettete ihn, so gut er es fertig brachte, und riemte ihn vorsichtig auf der schmalen Bahre fest. Dann warf er den Motor an und fort! dem White Horse-Paß entgegen. Das Gewölk hing tief herab und schleifte über die Waldungen. Spätsommer und Herbstbeginn kämpften miteinander; die nördlichen Winde pfiffen und johlten durch die Pässe und Schluchten, die Nachhut des indianischen Sommers schlagend, der mit Blitz und Donner antwortete. Kaum hing Stanley eine halbe Stunde unter dem Himmel, als abermals ein gewaltiges Unwetter rings um ihn losbrach. Die Schlacht der Wolken und Winde tobte von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, und die Blitze fielen garbenweise in die Tiefe. Sanft steigend, um ja nicht den Kranken zu erschüttern, schob sich Stanley behutsam höher und höher. Er wollte das Gewitter überklettern. Würde es glücken? ... Vor seinem Start hatte er einen Mann zu dem Pelzjäger geschickt, mit der Bitte, nach Süden Ankunft und Abfahrt seines Flugzeuges zu melden. Aber vergeblich wartete man dort unten aus den Stationen aus ein Zeichen. Was, um Himmels willen, war r/it Stanley geschehen? Die Nacht war vergangen, ein halber neuer Tag... Alle Stunden rief Helen bei Morren an, ohne etwas Neues erfahren zu können. Der Telegraphist hatte sich mit White Horse in Verbindung gesetzt, doch war, wie er hören mußte, Stanley nicht auf dem Landungsbecken des Flugplatzes eingetroffen. Keine einzige Stelle in ganz Nordwest-Kanada konnte über seinen Verbleib Auskunft geben. Die kleine Station im Goldgräbergebiet wurde mehrfach angestrahlt, antwortete aber nicht. Als Stanley auch bei Anbruch der Nacht nicht in White Horse angekommen war, eine zweite Nacht anbrach, wuchs erst recht die Unruhe des Landes. Noch zahlreichere Sender als bei Tage und gestern ließen ihre Wellen spielen und die Fragen nach dem Postflieger wollten kein Ende nehmen. Stanley konnte dieses Wellenspiel nicht ahnen. Zwar mühte er sich auf seiner Strecke nach White Horse die Gewitterwand zu überfliegen, doch war nicht abzusehen, wie hoch sie hinaufwuchs in die eisengraue Nacht ihrer eigenen Finsternis. Er mußte sich zu einer abermaligen Notlandung entschließen, so bedenklich dies ihm auch bei dem Zustand des Verunglückten erschien. Aber es war ebenso gefährlich, in diesem wahnsinnigen Gewitter zu fliegen. Während die Blitze die Tragflächen umfunkelten, und von der Erde her, wie von einem trüben Spiegel ihr Wiederichein herauszuckte, ging er nieder und brauste mitten in einen See des wasserreichen Gebirgslandes hinein, den in Urzeiten die Gletscher ausgehobelt hatten. Frazer lag in einem schmerzhaften Dämmerzustand. Stanley flößte ihm kalten Tee ein und erneuerte nach Möglichkeit die Verbände. Flieger, Arzt, Pfleger und Krankenwächter war er nun in einem. Hebet den Bergen knatterten die Blitze und beleuchteten gespenstisch wilde Zinnen und Zacken, und der Donner rollte. Zischend, wie ein Hagel von Schrot, drosch der Regen auf das Verdeck nieder und in den See. Um fünf früh weckte ihn aus seinem Schlummer auf dem Führersitz der heisere Schrei eines Raubvogels, der über den See hinslog. Vorbei das Wetter. Aus den Felsenstufen und den Wäldern schimmerte graugoldenes Morgenlicht. Da schwang sich das Flugzeug dem Bogel gleich über den See und aufwärts in die Lüfte. Mit Höchstgeschwindigkeit zog es nach White Horse und landete glatt. Der Goldgräber wurde sogleich in die Klinik gefahren. „Stanley in White Horse wohlbehalten eingetroffen!" meldete die Station nach Telegraph Creek. „Glückwunsch dem Barmherzigkeitsslieger!" wurde zurückgedrahtet. „Und der Kranke?" erkundigte sich Stanley. „Es war die allerhöchste Zeit!" lautete die Antwort aus dem Hospital. „Der Patient wird durchkommen l" Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei V. Lange, Gießen.