GiehenerLamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Eugenik ®ranbet ROMAN von Honore de Balzac 17. Fortsetzung. Während diese Dinge sich in Saumur abspielten, verdiente Charles in Indien viel Geld. Znnächst verkaufte sich seine Warenladnng sehr günstig, er hatte m Kürze eine Summe von sechstausend Dollars beisammen. Die Aequatortaufe ließ ihn viele Vorurteile verlieren; er merkte, daß das beste Mittel, zu Reichtum zu kommen, in den tropischen Ländern so gut wie in Europa darm besteht, Menschen zu kaufen und zu verkaufen. Er ging also an die Küste von Afrika und begann den Negerhandel, wobei er mit seinem Menschenhandel den Vertrieb derjenigen Waren verband, die man am vorteilhaftesten auf den verschiedenen Märkten austauschen konnte, aus die ihn seine Interessen führten. Bei seinen Geschäften entfaltete er eine Emfigkeit, die ihm keinen freien Augenblick ließ. Er wurde von der Idee beherrscht, in Paris wieder in dem ganzen Glanz eines großen Vermögens zu erscheinen und eine noch glänzendere Stellung einzunehmen, als die lvar, die er verloren hatte. Unter dem Zwang, sich zwischen Menschen und Ländern zu tummeln und ividersprechende Gebräuche zu beobachten, änderten sich seine Anschaiiungen, und er wurde skeptisch. Er hatte keine bestimmten Ansichten mehr über Recht und Unrecht, da er sah, daß in einem Land als Verbrechen behandelt wurde, was im andern Tilgend war. In beständiger Berührung mit Gewinnsucht, wurde sein Herz kalt, eng und trocken. Das Blut der Grandets verleugnete sich nicht, er wurde hart itnb igierig. Er verkaufte Chinesen, Neger, Schwalbennester, Kinder, Artisten; er betrieb den Wucher im großen. Die Gelvohnheit, die Zollrechte zu um» Hohen, machte ihn weniger gewissenhaft in bezug auf die Menschenrechte. 'S» ging er nach St. Thomas, um zu geringem Preis die von Piraten gestohlenen Waren zu kaufen, und brachte sie zu den Plätzen, wo sie gefudjt ioaten. Wenn das edle und reine Gesicht Eugeniens ihn auf feiner ersten Neise begleitet hatte, wie das Bild der heiligen Jungfrau, das die spanischen Seeleute auf ihren Schiffen anbringen, und wenn er feine ersten Erfolge dem magischen Einfluß der Gelübde und Gebete des sanften Mädchens zuschrieb, so löschten später die Negerinnen, die Mulattinnen, die Weißen, sie Javanesinnen, die orientalischen Tänzerinnen, seine Orgien in allen Farben und seine Abenteuer in den verschiedenen Ländern, vollständig die Erinnerung an seine Cousine, Saumur, das Haris, die Bank, den im Gang geraubten Kuß aus. Er erinnerte sich nur noch des kleinen von alten Mauern umschlossenen Gartens, weil da sein verwegenes Schicksal begonnen hatte; if>et er war seiner Familie abtrünnig geworden, sein Onkel war ein alter Qunb, bet ihn bei seinen Kleinobien bemogelt hatte; Eugenie hatte lucber m seinem Herzen noch in seinem Gebächtnis einen Platz, sie hatte einen lklatz in seinen Geschäften als Gläubigerin einer Summe von sechstausend Franken. Diese Lebensführung unb Denkart erklären bas Schweigen von Charles Granbet. In Jnbien, in St. Thomas, an der afrikanischen Küste, m Lissabon und in den Bereinigten Staaten hatte er, um seinen Namen zu kompromitieren, das Pseudonym Sepherd angenommen. Carl sepherd konnte ohne Gefahr sich überall rrnermüdlich, waghalsig, gierig Ligen, als ein Mann, der, da er entschlossen ist, reich zu werden, quibtts» twrnque vitiis, sich beeilt, mit der Gemeinheit fertig zu werden, um den *eft seiner Tage als ehrlicher Mann zu verbringen. Nach diesem System »warb er schnell ein glänzendes Vermögen. Und im Jahr 1827 langte er n Bordeaux auf der hübschen Brigg Marie-Caroline an, die einem royalr- 'iiirfjcit Handelshaus gehörte Er besaß neunzehnhunderttausend Franken in «ei wohlplombierten Tonnen Goldstaub, bei dem er noch sechs bis sieben .»rozent zu gewinnen dachte, wenn er ihn in Paris ausmünzen ließ. Auf -m Schiff befand sich ebenfalls ein ordentlicher Kammerherr seiner Majestät Königs Charles X., Herr d'Anbrion, ein munterer Greis, der bte Torheit ['-‘gangen hatte, eine begehrte Dame der Gesellschaft zu heiraten, deren ermögen auf den Antillen lag. Um die Verschwendung von Fran d Aubnon Heber gut zu machen, war er hingereist, um ihre Besitzungen zu verkaufen. ■iCrr und Frau d'Anbrion, arrs dem Halise d'Aiibrion de Buch, dessen letzter -wideshauptmann vor 1789 gestorben war, waren auf etwa zwauzig- ‘ uscnd Franken Rente angewiesen unb hatten eine ziemlich häßliche Tochter, die Mutter ohne Mitgift verheiraten wollte, ba ihr Vermögen kaum ^reichte, um in Paris zu leben. Ein solches Unternehmen hatten alle Kitglieber. der großen Welt für problematisch gehalten, trotz der Geschrck- Neit, bie sie ben Frauen ber Gesellschaft zugestehen. Und auch Frau ^Äubrion selbst verzweifelte fast daran, wenn sie ihre Tochter ansah, sie ^m auch immer aufbürden zu können, und wäre es selbst einem gerabeju ^elstollen. Fräulein d'Anbrion war eine Jungfrau, lang wie eine Hopfen- ftange, )ie war mager, schwächlich, hatte einen hochmütigen Mund, nur den etne zu lange und zu dicke Nase herabhing, die im normalen Zustand gelblich war, nach den Mahlzeiten aber knallrot lourbe, eine Art von Verdaunnas- phanomen, das mitten in einem bleichen, langweiligen Gesicht noch unanae. uehmer berührte als in jedem andern. Mit einem Wort, sie war so, wie eine -Ututter von achtnnddreißig Jahren sie nur wünschen konnte, die selbst noch sthon ist unb noch Ansprüche macht. Aber als Gegengewicht gegen diese Nachteile hatte bte Marquise b'Aubrion ihrer Tochter ein sehr distinguiertes Aussehen hergebracht, sie Gesnnbheitsvorschriften unterworfen, bie bte afe uot-Iauftg auf einer vernünftigen Fleischfarbe hielten, hatte sie die Kunst gelehrt, sich geschmackvoll zu kleiden, hatte sie mit guten Manieren ausgestattet, hatte ihr diese melancholischen Blicke gezeigt, die des Mannes Interesse wecken und ihn glauben machen, daß er hier den vergeblich gesuchten Engel findet; sie hatte ihr das Fußmanöver vorgemacht, den Fuß zur rechten Zeit vorzustellen und seine Kleinheit bewundern zu lassen, im Augenblick, wo die Nase die Frechheit hatte, zu erröten; mit einem Wort, ite hatte etwas ganz. Befriedigendes aus ihrer Tochter gemacht. Mit Hilfe von langen Aermeln, bauschenden Miedern, gepufften unb Sorgfältig gar» merten Kleidern, einem Hochdruckkorsett hatte sie so merkwürdige weibliche Produkte erreicht, daß sie zur Belehrung ber Mütter in einem Museum hätte ausstellen sollen. Charles befreunbete sich sehr mit Frau b'Aubrion, die just sich mit ihm befreunben wollte. Manche Leute behaupten sogar, baß wührenb ber Ueberfahrt bie schöne Frau b'Aubrion kein Mittel unbenutzt ließ, einen so reichen Schwiegersohn einzufangen. Als man in Borbeaux ausstieg, im Juni 1827, logierten Herr, Frau unb Fräulein b'Aubrion unb Charles im selben Hotel unb reiften zusammen nach Paris ab. Das Palais der d'Aubrions war von Hypotheken überhäuft, Charles sollte es befreien. Die Mutter hatte ihm bavon gesprochen, wie glücklich sie sein würde, ihr Erdgeschoß ihrem Schwiegersohn unb ihrer Tochter abzutreten. Da sie nicht bie Vorurteile Herrn b'Aubrions über ben Adel teilte, hatte sie Charles Granbet versprochen, vom guten Charles X. eine königliche Verfügung zu erlangen, die ihn, Granbet, berechtigen würde, ben Namen b'Aubrion anzunehmen, hoffen Wappen zu führen unb vermittels der Stiftung eines Majorats von sechsunbbreißigtaiisenb Franken Rente, b'Aiibrions Nachfolger im Titel des Lanbeshauptmanns von Buch unb Marquis b'Aubrion zu werden. Wenn sie ihre Vermögen zusammenlegten, in gutem Einvernehmen miteinander lebten, konnten sie mit Hilfe von Sinekuren etwas über hunderttausend Franken Rente im Palais b'Aubrion verzehren. „Unb wenn man hunderttausend Franken Rente hat, einen Namen, eine Familie, wenn man zum Hofe gehört, denn ich werde dafür sorgen, daß Sie zum Kammerherrn ernannt werden, so kann man alles werden, was man will", sagte sie zu Charles. „So können Sie werden, je nach Ihrem Wunsch, Berichterstatter im Staatsrat, Statthalter, Gesandtschaftsrat, Gesandter. Charles X. liebt d'Anbrion sehr, sie kennen sich seit ihrer Kindheit." Berauscht vom Ehrgeiz unter dem Einfluß dieser Frau hatte sich Charles während der Ueberfahrt mit allen diesen Hoffnungen geschmeichelt, die ihm eine geschickte Hand verhielt als vertrauliche Mitteilungen unter vier Augen. Die Geschäfte seines Vaters glaubte er durch feinen Outet in Ordnung gebracht, und fo sah er sich mit einem Schlag im Faubourg Saint-Germain Anker werfen, wo damals jeder hingelangen wollte, und wo er im Schatten der blauen Nase von Fräulein Mathilde als Graf dÄubrion erscheinen würde. Geblendet vom Erstarken der Restauration, die er noch auf unsicheren Füßen verlassen hatte, hingerissen, vom Glanz der aristokratischen Pläne, blieb er in dem Rauschzustand. der auf dem Schiffe begonnen hatte, noch in Paris, wo er alles zu tun beschloß, um die hohe Stellung zu erlangen, die ihm feine egoistische Schwiegermutter in Umrissen gezeigt hatte. Seine Cousine war daher für ihn nichts mehr als ein Punkt im Raum dieser glänzenden Perspektive. Er sah Annette wieder. Als Frau von Welt riet Annette ihrem alten Freund lebhaft dazu, diese Verbindung einzugehen unb versprach ihm ihre Mithilfe bei seinen ehrgeizigen Unternehmungen Annette war entzückt, Charles zu veranlassen, ein häßliches und langweiliges Mädchen zu heiraten, denn ihn hatte der Aufenthalt in Indien sehr verführerisch gemacht; sein Teint war gebräunt, sein Benehmen war entschieden und kühn geworden wie das von Leuten, die gewohnt sind, Erfolg zu haben. Charles atmete in Paris auf, als er sah daß er dort eine Rolle spielen konnte Als des Grassins von seiner Rückkehr, seiner bevorstehenden Heirat und seinem Vermögen erfuhr, suchte er ihn auf, um mit ihm über die dreihunderttaufend Franken zu sprechen, mit denen er die Schulden seines Vaters tilgen könne Er fand Charles in Unterhandlungen mit dem Juwelier, bei dem er den Schmuck zum Hochzeits- gefchenk für Fräulein b'Aubrion bestellt hatte, der ihm bie Muster zeigte. Trotz den prächtigen Diamanten, die Charles aus Italien mitgebracht hatte, kostete die Arbeit daran, dar Silberzeug und die kleinen und großen Juwelierarbeiten des jungen Haushalts, noch mehr als zweihunderttausend Franken. Charles empfing des Grassins, den er nicht wieder- erkannke, mit der Impertinenz eines jungen Herrn der Gesellschaft, der in um mir Es alle Ehe meinen Haushalt auf großem Fuße zu führen viel Leute bei mir zu eben und ich glaube mich zu erinnern, daß Sie ein stilles und ruhiges geben lieben. Nein, ich will noch freimütiger fein und will Sie zum Schiedsrichter über meine Lage machen; es kommtIhnen zu, fie ßu kennen und Sie haben das Recht, sie zu beurteilen, ^iite besitze ich vierundzwanziqtausend Franken Rente. Dieses Vermögen gestattet mir, mich mU der Familie d'Aubrion zu verbinden, deren Erbin, ein lunges Mädchen von neunzehn Jahren, mir durch die Ehe ihren Nanieni »er- schafft einen Titel, das Amt eines Tttularkammerherrn Gr. Majestät und eine höchst glanzvolle Stellung. Ich will Ihnen gestehen, meine liebe Cousine, daß ich nicht Im mindesten von der Welt Fräulein d Aubrion liebe, aber durch die Verbindung mit ihr bereite ich meinen Kindern eine gesellschaftliche Stellung, die eines Tages unberechenbare Vorteile für sie haben wird. Von Tag zu Tag gewinnen die Monarchist,scheu Ideen wieder mehr an Ansehen. Daher kann in ein paar Jahren mein Sohn, der ein Marquis d'Aubrion sein und ein Majorat von Diersigiaujen& Franken Rente haben wird, jede Stellung im Staat einnehmen, die er m wählen wünscht. Wir müssen uns für unsre Kinder opfern. Sie sehen, Cousine, mit welcher Ehrlichkeit ich Ihnen den Zustand meines ^rzens, meiner Hoffnungen und meines Vermögens ausemandersetze. Es ist möglich, daß Sie für Ihre Person unsere Kindereien nach siebenjähriger Abwesenheit vergessen haben; ich jedoch, ich habe weder Ihre Freundlichkeit noch meine Worte vergessen, ich erinnere mich an alle, selbst an die am leichtsinnigsten gegebenen, an die ein junger Mann, der weniger gewissenhaft wäre, dessen Herz weniger jung und rechtschaffen sich lie, nicht einmal mehr gedacht hätte. Und wenn ich Ihnen jage, daß ich nur an eine Vernunstheirat denke und daß id^ mich noch auf untere Kindheit besinne, heißt das nicht, daß ich mich völlig in Ihre Hund gebe. Sie zur Herrin meines Schicksals mache und Ihnen urrstchere, daß, so ich auf meine ehrgeizigen Pläne verzichten, ich mich bereitwillig mit dem schlichten, harmlosen Glück begnüge, daß Sie mir in rührenden Bildern angeboten haben..." — Tan ta ta. — Tan ta ti. — Tum ta ta. — Toüu! — Toün ta ti. Tin" ta ta...", usw. hatte Charles Grandet nach der Melodie von Non piu andrai gesungen, während er unterschrieb: „Ihr ergebener Vetter Charles." 'inbien vier Menschen in verschiedenen Duellen getötet hatte Herr des Grassins war schon dreimal dagewesen. Charles hörte ihm tei.nahms »ii dann antwortete er ihm, ohne ihn recht verstanden zu hüben. 8 ' Die Geschäfte meines Vaters sind nicht meine Geschäfte. Ich danke Ihnen verbindlich für die Mühewaltung, der Sie sich unterworfen Haden, aus der ich aber leider keinen Nutzen ziehen kann Ich habe nicht beinahe zwei Millionen im Schweiße meines Angesichts erworben, um sie den Gläubigern meines Bakers an den Kopf zu werfen. „Und wenn Ihr Herr Vater in ein paar Tagen bankrott erklärt roirbLrr des Grassins, in ein paar Tagen werde ich Graf d'Aubrion heißen. Sie verstehen gewiß, daß mir das vollkommen gleichgültig sein würde Im übrigen wissen Sie fo gut wie ich, daß, wenn ein Mann hunderttausend Franken Rente Hat, sein Vater niemals Bankrott gemacht hat", fügte er hinzu und drängte Herrn des Grafftns höflich zur IÜ3mnMnfang August dieses Jahres ,aß Eugenie auf der kleinen Holzbank wo ihr Beiter ihr ewige Liebe geschworen hatte und wo sie frühstückte, wenn das Wetter schön war. Das arme Mädchen genoß es in diesem Augenblick, an einem selten schonen strahlenden Morgen die großen und kleinen Ereignisse ihrer Aede und die darauf folgenden Katastrophen an ihrem Gedächtnis vorbeiziehen zu lassen Die Sonne beleuchtete das hübsche, ganz geborstene Mauerstück, das fast zusammenfiel, an das man aber nicht rühren durste wegen der Marotte der Erbin, obwohl Cornoiller oft zu seiner Frau sagte, daß mvu eines Tages darunter verschüttet werden würde. In diesem Augenblick tlopfte der Postbote und übergab Frau Comoiller einen Brief, die in den ©arten tarn und schrie: „Fräulein, ein Brief! Sie gab ihn ihrer Herrin nut den Worten: ,Zst's der, auf den Sie warten?" _ . , Diese Worte hallten so stark im Herzen von Eugenie wider, wie sie in Wirklichkeit zwischen den Mauern des Hofes und des Gartens wider- ^sparis! _ Er ist von ihml Er ist zurückgekommen. Eugenie erbleichte und hielt den Brief einen Augenblick ungeöffnet. Sie bebte zu stark, um die Siegel aufbrechen und ihn lesen zu können. Die lange Nanon blieb vor ihr stehen, die Hände auf den Hüften und die Freude schien wie ein Rauch aus den Runzeln ihres braunen Gesichts auszusteigen: „Lesen Sie doch, Fräulein." „Ach, Nanon, warum kommt er über Paris zuruck, wenn er über Saumur abgereift ist?" " „Lesen Sie, bann werden Sie’s wissen.' Eugenie öffnete zitternd die Siegel. Eine Anweisung auf bas Haus Mabame des Grassins und Gurret in Saumur fiel heraus. Nanon hob sie auf. „Meine liebe Cousine... v ,. .. Ich bin nicht mehr Eugenie, dachte sie; und ihr Herz schnürte sich zusammen. „Sie..." Er sagte zu mir: Du! Sie legte die Arme übereinander, wagte nicht, den Brief weiter zu lesen, und ihre Augen füllten sich mit großen Tränen. „Ist er tot?" fragte Nanon. . „Dann würde er nicht schreiben', sagte Eugenie. Sie las den ganzen Donnerwetter! Das nenn' ich Lebensart zeigen! sagte er zu sich selbst' Dann hatte er die Anweisung genommen und folgendes hinzugefugt, „p.s. Ich lege meinem Brief eine Anweisung au das Haus des Grassins über achttausend Franken bei, zu Ihrer Verfügung, in Gold zahlbar, die Zinsen und Kapital der Summe bilden, die Sie die Gutt hatten, mir zu leihen. Ich erwarte von Bordeaux eine Kiste, in der sich ein paar Sachen befinden, die Sie mir erlauben wollen, Lhnen als Zeichen meiner ewigen Dankbarkeit zu verehren. Sie können mit der Post mein Necessaire zurücksenden, Häkel d'Aubrion, Rue Hillerm- Berkin." „ , „Mik der Post!" sagte Eugenie. „Eine Sache, für die ich tausendmal mein Leben gelassen hätte." Schreckliche und völlige Verzweiflung! Das Schiff war gescheitert und ließ weder Tau noch Planke auf dem weiten Ozean der Hoffnungen zurück. Manche Frauen, sehen sie sich verlassen, gehen hm und reißen ihren Geliebten aus den Armen einer Nebenbuhlerin, toten sie und ent« fliehen ans Ende der Welt, aufs Schafott oder ins Grab. Das, ohne Zweifel ist schön; der Beweggrund dieses Verbrechens ist eine herrliche Leidenschaft, die der menschlichen Gerechtigkeit Respekt entfloßt. Andre Frauen senken das Haupt und leiden schweigend; sie tragen ben $oö im Herzen unb ergeben sich in ihr Schicksal, meinen und verzeihen, beten unb erinnern sich bis zum letzten Seuszer. Das ist die Liebe, die wahre Liebe, die Liebe der Engel, die stolze Liebe, die von ihrem Schmerz lebt und an ihm stirbt. So war das Gefühl von Eugenie, als sie diesen entsetzlichen Brief gelesen hatte. Sie hob ihre Blicke zum Himmel und« dachte an die letzten Worte ihrer Mutter, die wie manche Sterbende, ein durchdringendes erleuchtetes Auge in die Zukunft gerichtet hatte, uns« Eugenie ermaß in der Erinnerung an diesen Tod und an dieses propye« tische Leben mit einem Blick ihr ganzes Schicksal. Sie konnte nichts tun,, als ihre Flügel ausbreiten, sehnsüchtig zum Himmel und im Gebet leben, bis zum Tag ihrer Erlösung. „ „Meine Mutter hatte recht", sagte sie weinend. „Leiden und fterten. Sie kam mit langsamen Schritten aus dem Garten in den Saal.. Gegen ihre Gewohnheit ging sie nicht durch den Gang; aber sie fom> Erinnerungen an ihren Vetter auch in diesem alten grauen Salon, aup dem Kamin, auf dem immer eine gewisse Untertasse stand, die sie jedem Morgen bei ihrem Frühstück benutzte, ebenso wie die alte Zuckerdose aus« allem Sövresporzellan. Dieser Vormittag sollte feierlich und voll vom Ereignissen für sie sein. Nanon meldete ihr den Psarrer der Gemeind«. Dieser Pfarrer, ein Verwandter der Cruchots, gehörte zur Partei de« Präsidenten de Bonfons. Seit einigen Tagen hatte der alte Abbe beschlossen, in rein religiösem Sinn mit Fräulein Grandet von der Verpflichtung zu sprechen, die sie hatte, sich zu vermählen. Als sie ihrem Seelsorger sah, glaubte Eugenie, daß er die tausend Franken hotem wollte, die sie monatlich für die Armen gab und bat Nanon, sie Z» bringen. Ader der Pfarrer setzte ein Lächeln auf: „Heute komme ich, gnädiges Fräulein, um mit Ihnen über eim armes Mädchen zu sprechen, für das sich die ganze Stadt, Saunwa interessiert und das, mangels Barmherzigkeit mit sich selbst, mq° christlich lebt." „Lieber Gott, Herr Pfarrer, Sie treffen mich in einem Augenbll« an, wo es mir unmöglich ist, an meinen Nächsten zu denken; ich v> ganz mit mir selbst beschäftigt. Ich bin sehr unglücklich, Ich habe kein- andre Zuslucht als die Kirche; ihr Schoß ist weit genug, um alle unfer- Schmerzen zu fassen, und ihre Liebe quillt reich genug,.daß wir vv,> ihr schöpsen können ohne Furcht, daß sie jemals versiegt." (Schluß folgt.) Brief, der so lautete: „Meine liebe Cousine, Sie werden, denke ich, vom Erfolg meiner Unternehmungen mit Vergnügen hören. Sie haben mir Glück gebracht, ich bin reich geworden, ich habe die Ratschläge meines Onkels befolgt, dessen Tod sowie den meiner Tante ich durch Herrn des Grassins erfahren habe Der Tod unserer Eltern liegt im Gang der Natur, und wir muffen ihnen folgen. Ich hoffe, daß Sie heute getröstet sind. Nichts widersteht dem Einfluß der Zeit, ich bin ein Beweis dafür. Ja, meine liebe Cousine, zum Unglück für mich ist die Zeit der Illusionen vorüber. Was wollen Sie! Beim Durchqueren vieler Länder habe ich über das Leben nachgedacht. Ein Kind war ich bei meiner Abreise, als Mann bin ich zuruckgekommen. Heute habe ich viele Sachen im Kopf, an die ich damals nicht gedacht habe. Sie sind frei, Cousine, und ich bin noch frei, nichts hindert, io scheint es, die Verwirklichung unserer kleinen Pläne; aber ich bin zu redlich gesonnen, als daß ich Ihnen den Stand meiner Angelegenheiten verbergen wollte. Ich habe nicht vergessen, daß ich mir nicht mehr gehöre; ich habe mich oft, bei meinen langen Seefahrten, an die kleine Bank aus Holz erinnert..." Eugenie stand auf, wie wenn sie glühende Kohlen unter sich hatte und setzte sich auf eine der Stufen des Hofs. „ .<. an die kleine Bank aus Holz erinnert, wo wir geschworen haben, uns ewig zu lieben; an den Flur, ben grauen Saal, mein Mansardenzimmer und an die Nacht, in der Sie mir durch Ihre zartfühlende Freundlichkeit mein Vorwärtskommen sehr erleichtert haben. Ja, diese Erinnerungen haben meinen Mui gestärkt, und ich habe mir gesagt, daß Sie immer an mich denken würden; wie ich oft an Sie dachte zu der zwischen uns festgesetzten Stunde. Haben Sie wohl die Wolken • neun Uhr angesehen? Ja, nicht wahr? Und so will ich nicht eine heilige Freundschaft verleugnen; nein, ich darf Sie nicht täuschen, handelt sich in diesem Augenblick um eine Verbindung für mich, die Ansprüche befriedigt, die ich an eine Ehe stelle. Die Liebe in der ist ein Hirngespinst. Heute sagt mir meine Lebenserfahrung, daß man alle gesellschaftlichen Forderungen erfüllen und alle von der Welt gewollten Rücksichten in Betracht ziehen muß, wenn man sich verheiratet. Nun besteht schon ein Altersunterschied zwischen uns, der sich vielleicht für Sie, meine liebe Cousine, in der Zukunft mehr geltend machen würde als für mich. Ich will nicht von Ihren ländlichen Sitten sprechen, noch von Ihrer Erziehung, noch von Ihren Lebensgewohnheiten, die durchaus nicht zum Pariser Leben paffen und die zweifellos nicht mit meinen anderweitigen Plänen übereinftimmen. Ich habe die Absicht. Da lauftnW j oün la E non Noi er Harles/ sich W iwWi Haus te , in W die Eid in der ft Wen il! n mit lo Hillen» immel «•> Siilb» ljallt. W les P* n** gelchkbk" 1 joffnunp. ind «W e unb*j Das, °P ic herB i 56t. !* । i den $ iljen, bkd> j die wd"- Bei den Gioux-Zndianern. Von Josef Ponten. Josef Ponten wurde, wie bereits gemeldet, vor einigen Tagen mit dem Dichterpreis der Stadt München ausgezeichnet, steht westlich des Missouri in Süd-Dakota in Nordamerika ein nur n .ruhig,! 8' $ te mit, 1 tagt, ien Der. •Nitii 'Ne liebe “ubriou 'ern ein, teile (iit n 3been n Cah«, lgtaulend n, die« ue sehen, Herzen?, Es ||t njahriger Sreuntn selbst an ' weniger u fiiljlte, 3 ich nut ire fii* mb gebe, daß, (oli rillig mit rüljre* „ iider U As 16*'! I 0®* i( H* ab ®" adb-Ll de" ® ter*;, b o«ll " , KE PB § Morgenlled. von Friedrich Bischoff*. Mit dem Tau vor Tag, Linde, lau und zag. Aus dem Nebel, der da zieht — Klingt es ferne schon. Süßer seliger Ton: Scheu verfrühtes Vogellied. Fröstelnd seufzt ein Blatt, Das geschlafen hat. Und dann rauscht der Wipfel nach; Andere fallen ein, Lied und Morgenschein Füllt die Welt und glüht sie wach. Holder Vogellaut, Der dem Licht vertraut, Das sich atmend nun erhebt — Wie der Amseln Schlag Lobt mein Herz den Tag, Dessen Sonnenlächeln mich umschwebtl Wunderwerk der Natur, das menschlichem Werk der Architektur in seiner iiußeren Erscheinung merkwürdig sich nähert. Man kommt vom Norden. Durch magere Prärien schleicht auf schlechten Wegen das Automobil. Vielleicht braust eine Herde von freiweidenden Jndianerpferden vor dir auf — im Zeitalter des Kraftwagens kann man hier ein Pferd für nur einen Dollar kaufen. Auf einem Erdhügel steht vielleicht ein schweigender Siouxindianer (die Amerikaner sprechen Sioux wie Ssu), aus scharf geschnittenem Gesicht, die Hand über der Stirn, nach den Rossen äugend. Aber da steigen weiße und cremefarbene Mauern auf. Der Laie spricht von „senkrechten Wänden", die er etwa in der Alpennatur gesehen habe — sehr selten findet sich in der Natur die «geometrische Senkrechte, fast nie in den Alpen. Das merkwürdige Land- ßchaftswesen löst sich in einzelne massige Bauten. Klöße von mehr Areitenerstreckung als Höhenerhebung. Wir fassen einen Klotz ins Auge. Vor uns steht ein Erdbau, über anlaufenden Böschungen senkrecht, breit ausladend, mit kräftigen horizontalen Bändern, die wir Gesimse nennen müssen. An den Ecken erheben sich vollkommene Türme. Die „Dächer" (so sind wir versucht zu sagen) sind säst slach mit ganz kleinem Steigungswinkel. Und siehe da, da sind aus den Dächern jedes der breiten Flügeltrakte auch die bekrönenden Knäufe. Dazu eine Fülle des wohlangebrachten Kleinwerks der Zierung. Dieses, tropfen- und knollenförmig, erinnert einen sofort an ein Ziermotiv, reich verwendet etwa am Luxembourgpalast in Paris. Bald denken wir an gewisse, mit Schmuck überladene indische Tempel und fühlen uns bei diesem Erinnerungsbilds wohl. Denn diese Nat-urevdklötze und die gewissen indischen Tempel sind massive, von außen nach innen aus Erde oder Fels herausmodellierte Gebilde. Sie gehören der Plastik an, nicht der Architektur. Ein Naturdaumen hat hier gearbeitet, geformt, er heißt Wasser. Der Daumen ist geführt worden von der zufälligen Schichtung der Stoffe und der verschiedenen Härte der Schichten. Aber man wird noch nicht verstehen, man wird verwundert und un- lbesriedigt bleiben, man wird z. B. wissen wollen, warum es bei uns folche Erdphantastik nicht gibt. Nun: der Baustoss dort in Dakota ist äußerst bildsamer Ton und Mergel. Auch bei uns gibt es Tone und Mergel in ähnlicher Lagerung. Aber es bedarf für Bildungen wie die von Dakota dann weiter eines worwiegend trockenen Klimas mit scharf abgesetzten Wechseln. Die Tone mnd Mergel lösen sich unter Wasser sehr schnell, aber sie verhärten sich vuch unter der Sonne sehr bald. Gibt es viel Regen zu seiner und viel Sonne zu ihrer Zeit, so ist die Bedingung für die Ausbildung solch plastischer Formen gegeben. „ , , „ n , Das Schöne in der Erde und Geschichte muß sehr oft durch das Opfer !des Nützlichen erkauft werden — diese Lande sind äußerlt unfruchtbar. „Mauvaises terres’1 sagten schon die ersten französischen Erforscher des Landes zur Zeit des französischen Louisiana-Reiches angesichts dieser merkwürdigen Landschaft des Erdballs, sie übersetzten damit nur das i.,mako sika'* der Dakota-Indianer. „Von Gott vergessene Gebiete « sagte mein Führer, „bad lands'1 nennt sie der Amerikaner, und das ist em fefter Sachname für olche Tonwüsten auf der Erde geworden. Präriegräser wachsen dünn auf ebener Fläche, einige weniU Baume findet man in geschützten Runsen und Rissen, rot hangt die Beere am Seltenen hellgrauen Büfselbeerstrauche. „ . Der graue Wolf und der Coyote streifen umher und wachen Jagd «us den possierlichen „Ground dog“, der murmeltierahnllch au dem Monde feiner Erdhöhle neugierig sitzt und, kommst du nahe, wie der Mlitz in sein schützendes Loch schießt. Und einige Jndianersamilien wohnen auf den Tafeln. m . < Wenn man nicht wüßte, daß man den Indianern das Gebiet der ...Schlechten Lande" als „reservation" überlas en hat, so konnte man es «nnehmen, da es eben die „Schlechten Lande" sind, denn die konnte der Stetige Weihs den Indianern ohne große Opfer cinraumen. TH^Auior des erfolgreichen Romans Die goldenen Schlösser" und ®es schönen Gedichtbandes „Schlesischer Pfalter erschien im Propyläen Perlag ein neuer großer Roman „Der Wassermann Das „Mako sika** ist nicht überall so ausgeprägt sormvoll, es hat auch flache und wellige Bereiche wie die Pi ne Kidge, und in der Pine Ridge hauptsächlich sitzen heute die etwa 8000 Menschen des Oglala- ftammes des Siouxvolkes. Wir sind in der Pine Ridge Indian Reservation. Ja, der weiße Mann war nicht sehr freigebig mit der Landzuteilung an die Indianer. Sie bekamen armen Boden. Aber die Indianer sind auch wenig zur Arbeit geneigt. Sie sagen, ihre 55 zu 90 Meilen große Reservation ist zu weitläufig für sie, sie verkaufen und vermieten gerne ihr Land an weiße Ansiedler, die sie als die besseren Landarbeiter betrachten. Ich soll in Deutschland sagen, bittet mich „Süßes Gras" (und schenkt mir glasperlenbestickte, köstliche weiche Mokassins), man soll deutsche Leute schicken. Denn „Süßes Gras" war in Deutschland, als Indianer einer Zlrkusschau, und er wünscht — ach sehr! — wieder von einem deutschen Zirkus geheuert zu werden. Und weil noch manche andere das wünschen, dürfen wir sie photographieren und malen (wogegen sich Indianer gewöhnlich höchst ablehnend verhalten), in uollem Kriegsschmuck, den sie herausholen, mit dem Adlerkranz und -schwänz, der schönsten Dekoration wohl, die menschliche Phantasie erfand; den Indianer „Zeder" und „Adler-Bär", den „Messer-Chief“. Ich habe mein Versprechen erfüllt, und Deutschland und Zirkus Krone oder Sarrasani mögen danach handeln. Aber ich denke noch lieber an andere Indianer, an Maria „Bergschaf", die Lehrerin, und Elisabeth „Erschrick-nicht-vor-ihren-Pferden", welche die Mokassins so perlenbunt bestickt. Besonders aber an den Alten „Er-füllt-die-Pfeifs" und seine liebe alte Indianerin aus der „Roien- Hemd-Tafel". Wir suchen den Badlands von Süden beizukommen und fahren mit Mister Renz (einem Nachkommen eines Auswanderers und selbstverständlich einem Verwandten der deutschen Zirkusleute) auf einem mögen* brecherischen Pfade fünfzig Meilen Nord aus die Rote-Hemd-Tasel. Oben auf der Prärietafel auf den großartig bunten, in der Ferne grau uer» schwimmenden Badlands des Cheyonne- und White River in majestätischer Einsamkeit haust das alte Paar. Eine Blockhütte ist sein Haus, Häuser wünscht die amerikanische Regierung von den Indianern statt der Zelte; aber ein Zelt steht meistens neben dem Hause, darin die Sommernächte zu schlafen, und ein Schattenschirm mit Gestrüppdach davor. Mr. Renz ist, nach indianischer Sitte, der angenommene Sohn der Alten, und selten habe ich größere Freude beim Wiedersehen von Mutter und Sohn gesehen als dort oben, da Mr. Renz nach einem Jahr wieder einmal zu seiner Mutter tarn. Auch uns Fremde nahmen die Alten mit größter Herzlichkeit auf, die eine Hand (die andere ist verstümmelt) kann uns die Indianerin aber nicht geben, denn sie war eben dabei, wie zur glorreichen Zeit der Bisonjagden Beeren und Fleisch in Kuchenform zusammenzukneten, damit es, getrocknet, im Winter als Nahrung diene. Aber der Alte stapfte in die Hütte und holte ein Geschenk für meine grau: einen Beutel aus Rindshaut, von ihrer Enkelin ßueie „Bärenklau" mit Perlen bestickt. Und wir gaben als Gegengeschenk eine Büchse Ananas, Kafsee, Tee und Tabak, was wir gerade im Wagen haben. Aber bann beginnt Silas „Cr-füllt-die-Pfeise" zu erzählen, in leisem, jede Silbe betonendem Sioux, das Herr Renz ins Englische übersetzt; von seinen Bisonjagden und seinem Anteil an den Kämpfen mit den Crow-Indianern im Norden, die in die Jagdgebiete der Sioux eingedrungen waren. Es sind alte bekannte Jndianergeschichten, aus dem Munde eines lebenden Indianers klingen sie freilich anders als aus Büchern. Doch wichtiger erscheint es mir, ein Dokument wiederzugeben, das, vom Tragen vergriffen, „Er-süllt-die-Pseife" mir zu lesen gibt. Es ist ein Beitrag zur Geschichte eines untergehenden Volkes. Die Siouxindianer haben einen alten „Claim", Anspruch auf die benachbarten Black Hills, der in einem Prozeß gegen den Staat in Washington aus- getragen wird. „Er-ftillt-die-Pfeise" wurde vor zehn Jahren als Zeuge vernommen, er sollte aussagen, wessen er sich bei der Szene der Ver- tragsschließung erinnere. Das Schriftstück ist in englisch abgefaßt und lautet (gekürzt): „Ich bin 65 Jahre alt. Ich bin der Sohn vom Roten Hund, Häuptling der Oglala Sioux-Indianer. Ich war zugegen, als der Vertrag wegen der Black Hills zwischen den Indianern und der Regierung gemacht wurde. Ich glaube, dieser Vertrag wurde im Jahre 1877 gemacht Soldaten waren zugegen, und die Indianer waren auch bewaffnet. Die Häuptlinge der verschiedenen Stämme waren versammelt in einem Kreis zwischen der Hauptmasse der Indianer und der Kommissionäre der Regierung. Als das Volk versammelt war, erhob sich einer von den weißen Männern der Regierung und sagte, daß er vom Großen Vater (dem Präsidenten der Vereinigten Staaten) gesandt sei, die Black Hills von den Indianern zu pachten. Er frag, ob die Häuptlinge anwesend seien. Roter Hund ging umher und frag die Häuptlinge etwas. Dann sagte er: Ich habe mein Volk gefragt, ob es willens sei, den Vertrag betreffend die Black Hills zu machen. Er sagte, sie seien's, doch unter der Be- bingung daß sie den Wald der Black Hills behielten und daß für sieben Generationen die Kinder ernährt und bekleidet würden. Die Kommissio- näre fragen, was unter sieben Generationen gemeint sei, und er sagte, daß nach indianischem Gedanken eine Generation 100 Jahre sei. Also würde es eine Zeit von 700 Jahren betreffen. Red Dog war der erste der Häuptlinge. Red Dog war mein Vater, und ost sprach er zu mir uon den Black Hills und anderen Dingen. Ich erinnere mich, daß er es mir erzählte, damit ich es behielte, und er bezog sich oft daraus. Er sagte, diese Dinge könnten in Zukunft von Wert sein. „Der gefleckte Schwanz sprach nach dem „Roten Hund" Er frag, ob die Kinder Nahrung und Kleidung erhielten, solange als die Welt stünde? „Einziges Horn sprach dann und machte die Häuptlinge darauf ausmerkfam, daß die meisten de- Volkes nach dem Norden gegangen seien, und daß man warten solle bis zu ihrer Rückkehr, ehe man den Vertrag mache. Er werde nicht für den Vertrag fein zu dieser Zeit" Der Vertrag tarn zustande, aber er wurde, w,e es fast die Regel mit Verträgen war, die man mit Indianern schloß, von den Weißen nicht gehalten Tä f;d> zu sinaen. Von M a k t h l a s Claudius. Ich danke Gott und freue mich Wie's Kind zur Weihnachtsgabe, Daß ich bin’ Und daß ich dich. Schön menschlich Antlitz, l)abe; Daß ich die Sonne, Berg und Meer, Und Laub und Gras kann sehen. Und abends unterm Sternenheer Und lieben Monde gehen. Auch bet’ ich Gott von Herzen an, Daß ich auf dieser Erde Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde. Denn Ehr' und Reichtum treibt und bläht, Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat's das Herz verdreht. Die weiland wacker waren. Und all das Geld und all das Gut Gewährt zwar viele Sachen: Gesundheit, Schlaf und guten Mut Kann's aber doch nicht machen. Und die find doch, bei Ja und Nein, Ein rechter Lohn und Segen! Drum will ich mich nicht groß kastein Des vielen Geldes wegen. Gott gebe mir nur jeden Tag, So viel ich darf zum Leben. Er gibt's dem Sperling auf dem Dach — Wie sollt' er's mir nicht geben! Das traurige Mannsbild. Eine Novelle von Alfons v. Czibulka. Maria Theresia arbeitete an diesem Tage lang. Jetzt stand sie am Fenster, sah auf die Silberwolke der Gloriette hinaus und wartete, daß der Kammerdiener die Lichter brächte. Als die Türe ging und sie sich umblickte, war sie erstaunt, statt des Dieners den Kabinettssekretär von Koch zu sehen, der mit einem brennenden Leuchter kam Die Kaiserin fragte lächelnd: „Was gibt’s, mein lieber Koch? Ohne Grund ist Er doch nicht selbst mit den Lichtern gekommen". Sie hatte sich wieder an den Schreibtisch gesetzt „Nun? .. So red' Er doch schon!" Der kleine schmächtige Sekretär senkte verlegen den Kopf. Das Reden fiel ihm nicht leicht. Leise, fast ängstlich sagte er: „Ich komme im Auftrage Seiner Majestät des Kaisers. Als ich ihm nämlich die Sache meldete, meinte er: „Sag Er das der Kaiserin nur lieber selber!" „Welche Sache hat Er dem Kaiser gemeldet?" Herr von Koch betupfte sich die Stirn mit seinem Spitzentuch und stotterte: „Der junge Gras Esterhazy ..." „Was ist mit ihm? Ist er krank, gestorben ober hat er was aus» gefressen?" Selbst Herr von Koch in seiner Bedrängnis muhte jetzt lachen. „Er nicht, Ihro Majestät, — die Frau Gräfin ..." Maria Theresia wandte den Kopf: „Die schöne Khevenhüller? Was hat sie denn angestellt? War sie wieder einmal zu hantig? Hat sie dem Esterhazy was an den Kops geworfen?" Der Kabinettssekretär schluckte: „Nein, Ihro Majestät." Er legte die Fingerspitzen an die Lippen und flüsterte: „Echappiert ist sie ihm." „Echappiert? Mit wem?" Die Kaiserin wurde ernst „Mit dem Grasen Schulenburg vermutlich." Herr von Koch stand begossen da, als wäre er es selber gewesen. Maria Theresia fuhr auf: „Mit dem Schulenburg?!" Ihr schönes Gesicht wurde rot vor Zorn. Das hatte Herr von Koch ja gefürchtet Darum war ihm ja das Reden so schwer gefallen. Ganz Wien wußte doch, daß Maria Theresia den jungen Esterhazy, ihren einstigen Spielgefährten, zu dieser Ehe mit der schönen Khevenhüller förmlich gezwungen hatte. Wiewohl der sanfte Esterhazy gar nicht wollte und alle Welt dagegen war. Schön war sie ja, die Khevenhüller. Mit dem bräunlichen Teint unter der schneeweißen Perücke und den funkelnden, samtschwarzen Augen. Aber schon als Mädel hatte sie das Zeug zu einer Xanthippe in sich und ihre Dienerschaft kuranzte sie ärger als ein Panduren Wachtmeister seine Rekruten. Doch weil alles widersprach, hatte es sich die Kaiserin erst recht in den Kops gesetzt, aus dem Esterhazy und der Khevenhüller ein Paar zu machen. Und nun hatte sie die Bescherung! Das machte sie so zornig. Mit einer Kopfbewegung entließ sie den Sekretär. Herr von Koch retirierte, mit tiefen Bücklingen rückwärts schreitend, zur Tür hinaus. In der Haut des Schulenburg hätte er jetzt nicht stecken wollen. Denn daß der Herr Gras just in diese Ehe eingebrochen war, mußte die Kaiserin als Assront gegen ihre Person empfinden. Sie empfand es auch so. Aergerlich schob sie die Papiere auf ihrem Schreibtisch Zur Seite und ging zum Kaiser hinüber, um mit ihm über die Affäre zu reden. Ihre Laune wurde davon nicht besser. Der Kaiser spielte gerade mit seinen Kavalieren Pharao. Mit gutmütiger Schadenfreude blinzelte er hinter dem Leuchter hervor, als Maria Theresia schon an der Türe rief: „Was jagt man zu der Jnsolenee von diesem Schulenburg?" Oer Kaiser legte die Karten verdeckt vor sich hin, schneuzte umständlich eine Kerze und meinte vergnügt: „Wenn man bedenkt, daß der arme Quirin dadurch fein Hauskreuz los wird, bann kann man eigentlich nichts Gescheiterer tun, afs morgen zur Gratulationseour bei ihm vorzufahren " An diesem Abend soupierte der Kaiser allein. Doch auch am nächsten Tage war die Laune Maria Theresias nicht besser. Sie verschlechterte sich noch, als Kaiser Franz ihr vor Tisch erzählte, es wären am Vormittage wirklich zwei Dutzend Kavaliere in Galakarossen, mit Läufern voraus, beim Quirin Esterhazy vorgefahren. Sonst lachte die Kaiserin über solche Späße der Jugend. Diesmal ging sie wortlos in ihr Arbeitszimmer. Dann ließ sie den Vizekanzler von Bartenstein holen. Während sie roartete, schrieb sie auf einen Zettel, wie gegen die Khevenhüller und den Schulenburg zu verfahren sei. Der Schulenburg sei wegen Entführung für fünf Jahre in strenge Haft auf den Spielberg zu schaffen. Die Gräfin habe sich unverzüglich nach Wien zu begeben. Ehe noch der Vizekanzler erschien, betrat der Kaiser das Zimmer. Er wollte essen und fand es überflüssig, wegen dieser Geschichte Hunger zu leiden. Sie reichte ihm die Notiz. Er las, wiegte den Kopf und sagte: „Fünf Jahre für eine amouröse Affäre sind ein bißchen viel. Der Trenck mit feinen Panduren durfte erst das halbe Bayern in Brand stecken, ehe man sich ihm gegenüber zur Strafe des Spielbergs entschloß." „Der König in Berlin hat wegen einer solchen amourösen Affäre den andern Trenck sogar in Ketten gelegt." „Der hatte es doch wenigstens mit einer königlichen Prinzessin." Der Kaiser lachte. Er nahm die Sache nicht ernst. Um so erstaunter war er, als Maria Theresia ihm einige Tage später berichtete, sie habe bk Strafe verdoppelt. Weil der Esterhazy ganz verzweifelt gewesen sei, als er von den süns Jahren erfahren habe. Wahrscheinlich sei ihm das zu wenig und eine Genugtuung müsse man ihm natürlich geben. Inzwischen hatte die Kaiserin auch gehört, daß die Khevenhüller und der Schulenburg nach der Schweiz geflohen wären. Deshalb trug sie dem Vizekanzler auf, dem kaiserlichen Gesandten bei den Dreizehn Kantonen zu befehlen, unverzüglich die Auslieferung der beiden zu begehren. Doch dem Esterhazy schien das alles noch nicht zu genügen. Er wurde verzweifelter von Tag zu Tag. Darum nützte es auch nichts, daß der Kaiser und der Vizekanzler zur Milde rieten Maria Theresia ließ sich nicht beirren. Dem Freiherrn von Bartenstein sagte sie, sie habe es satt, in dieser Sache noch weiter zu debattieren Sie erwarte für morgen das Schreiben an den Gesandten und die Ausfertigung des Urteils. Der alte Bartenstein war ein aufrechter Mann. Als er am nächsten Vormittag die Schriftstücke brachte, fetzte er der Kaiserin noch einmal auseinander, daß man wegen einer solchen Bagatelle den Sohn eines so verdienten Vaters nicht einfach auf den Spielberg setzen könne. Maria Theresia sah auf: „Moral ist keine Bagatelle! Und die Verdienste hat der Alle, nicht der Sohn. Privilegia in der Justiz können nicht sein ... Doch fahr' Er nur fort, Bartenstein! Er wird sich bann rounbern über mein Argument." Sie tauchte die Feder ins Tintenfaß. Bartenstein sprach weiter. Ms er schließlich noch ihre Gnade anrief, legte sie die Feder hin und sagte: „Gnade. Bartenstein? Wie gern! Aber was kann ich tun? Draußen wartet der Esterhazy. Um seine Khevenhüller kann er nicht bitten kommen. Hab' ihm ja schon sagen lassen, daß er sie wieder bekommt. Also, was wird er anderes wollen als eine noch höhere Strafe? Darum unterschreib' ich lieber gleich. Ist besser für den Schulenburg. Sonst wird es noch mehr." Sie setzte ihren Namen unter die Schriftstücke, Bartenstein wollte die Papiere an sich nehmen. Die Kaiserin sagte: „Laß Er sie noch da! Sonst glaubt mir der Quirin am Ende nicht in feiner Wut. Hält' gar nicht gedacht, daß er so zornig werden kann. Ist halt ein Magyar. Wird nichts zu lachen haben, feine Khevenhüller ... Aber es geschieht ihr schon recht." Der Vizekanzler ging. An der Türe stieß er mit dem Grafen Esterhazy zusammen, der sich tief vor der Monarchin verneigte und dann verschüchtert stehen blieb. Zornig sah er nicht gerade aus, eher furchtsam. Auch das ungarische Magnatenkleid, die spiegelnden Tschismen mit den großen klingenden Sporen, machten seine kleine, rundliche Gestalt nicht furchtbarer. Maria Theresia winkte ihn zu sich heran, sagte sreunblich „Er weiß, Quirin, ich bin immer Seine gute Freundin gewesen. Es tut mir leid, daß Ihm das geschah. Aber eine härtere Strafe kann nicht [ein. Schlag Er sich das aus dem Kopf! Zehn Jahre Spielberg sind hart genug. Esterhazy starrte bekümmert auf feinen Kaipak. Er wollte etwas sagen. Doch es fiel ihm wohl schwer. Die Kaiserin nickte teilnahmsvoll: „Fühlt Er sich so verletzt? Aber schau Er, ich kann ihm doch nicht den Kopf vor die Füße legen Ober hat Er sich ewige Haft für ben Schulenburg erwartet?" Der kleine Magnat schüttelte betrübt ben Kopf. Maria Theresia war erstaunt: „Nicht? Ja, was will Er benn, Quirin?" „Gnade, Ihro Majestät”, stammelte Esterhazy. „Gnade? ... Für Seine Frau? Ich hab' Ihm doch schon sagen lassen, daß Seiner Khevenhüller nichts geschieht . " „Nicht für meine Frau, für ben Schulenburg", sagte Esterhazy leise. „Für ben Schulenburg?!" Die Kaiserin stand auf' Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn. Sie trat dicht an ihn heran. „Er kommt für den Schulenburg bitten? Ja, hat Er denn den Verstand verloren? Ober hat man Ihn angestiftet?" Wieder schüttelte Esterhazy ben Kops. Die Kaiserin hob sein Kinn: „Schau Er mich an! Warum kommt Er für den Schulenburg bitten?" „Weil ... weil meine Frau sonst wisderkommt, wenn der Schulenburg auf den Spielberg muß ... Und das ertrag' ich nicht mehr!" Da lachte die Kaiserin laut, ging an den Schreibtisch, zerriß die beiden Schriftstücke, setzte sich und schrieb: „An meinen Gesandten bei den Dreizehn Kantonen! Unter Androhung ewiger Hast auf dem Spielberg wird dem von Schulenburg und der vormaligen Khevenhüller verboten, kaiserliche Erblonde jemals wieder zu betreten." Sie streute Sand auf das Papier, hielt es dem Esterhazy unter die Nase und sagte: „Und nun denk' ich, kann Er ruhig schlafen, Er trauriges Mannsbild, Er!" verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen.