Siebener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Montag, den \2. Juli Nummer 55 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 8. Fortsetzung. Ich kannte diesen Mann. „Das ist ja ...", sagte ich zu Siebold. „Ja, das ist er", antwortete der Doktor, wie mir schien gespannt und kampfbereit, ,/das ist Gil Argensola. Der ist offenbar bei Murat gebacken und gebraten." Es war Argensola, der Murat auf uns aufmerksam machte, und der Großherzog lieh das Pferd stehen und kam auf uns zu. Murat hatte sich seltsam herausgeputzt und sah eher wie ein Zirkusreiter aus als wie ein Großherzog. Und ein Wams von grünem Samt hatte er einen auffallend gemusterten Seidengürtel geschlungen, dazu trug er einen karmesinroten Tschako und rote Lederschuhe. Eine getigerte Pelzjacke hing ihm um die Schultern, auf die ihm langes, lockiges Haar herabfiel. Vielleicht hatte ihm jemand eingerebet, es fei möglich, durch diesen schreienden Auszug die Herzen der Spanier zu gewinnen. „Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Exzellenz", sagte er, vor mir stehenbleibend und eine Wolke von aufdringlichem Wohlgeruch verbreitend, „aber ich war eben selbst im Begriff, Sie„holen zu lassen. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, das Sie freuen wird." Was konnte mir Murat Freudiges mitzuteilen haben? „Folgen Sie mir!" sagte der Großherzog. Wir verließen den Hof, stiegen die große Prachttreppe hinan, an strammstehenden Posten vorbei und gelangten durch die (Kamera de Gi- rarbini mit ber japanischen Porzellanbecke in ein kleines Zimmer, bas mit Fresken von Mengs und Bayeu geschmückt war. Sie waren auch darnach. Es schien Murats Arbeitszimmer zu sein, ein großer Schreibtisch stand da. Die riesige Landkarte, die wie ein Leintuch darüber hing, war mit blauen und roten Fähnchen besteckt. Ein Blick zeigte mir, daß mit den blauen Fähnchen offenbar die franzöfifchen Truppen gemeint waren, dann aber bedeuteten die roten Fähnchen — o Gott! — obzwar wenig zahlreich und weit verstreut wohl die Stellungen der Unfern, wo sie sich bereits zum Widerstand zusammengeballt hatten. Murat hob einen Zipfel des Landkartenleintuches auf, zog eine Schublade und entnahm ihr ein kleines rotledernes Behältnis, mit dem er auf mich zutrat. Er war ganz feierlich und ernst geworden, als tarne er von einer großen Höhe zu mir herab. „Exzellenz", fagte er, „ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, baß Seine Majestät der Kaiser Sie der Gnade gewürdigt hat, aus meinen Händen für Ihre Verdienste um die Kunst den Orden der Ehrenlegion entgegenzunehmen. Spanien fall sehen, daß, so feindlich es sich auch jetzt gegen uns stellen mag, der Kaiser doch feinen großen Meister zu würdigen weiß." , . Murat klappte bas Behältnis auf: in weißen Atlas gebettet, an ein rotes Band geknüpft, strahlte mir bas glitzernde Ding entgegen, dieses kindische Spielzeug, das so vieler wackerer und verdienter Manner inbrünstiges Verlangen war. _ , v ., , ... Mir aber war es peinliche Verlegenheit, vom Feind ausgezeichnet zu werden und die Vorhersage ber Pastrana erfüllt zu sehen. Ich muß gestehen, baß ich ratlos war, was ich sagen unb wie ich mich verhalten f°UtJsingbogmo!" sagte Siebolb halblaut hinter mir. Mit biefem einen Wort, bas ihm ber Grimm entriß, beutete ber Doktor an, wie er dieses neue Ereignis in den Zusammenhang seiner Gedankengange emorbnete. Das Wort war wohl nur für mich bestimmt gewesen, aber auch Murat mochte es gehört haben und es war vielleicht wirtlich eine Ungehörigkeit, auf fo unpassende Weise ungefragt etwas Unverständliches zu sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, wenn ich glaube^ gesehen zu haben, daß Murat einen ganz kurzen fragenden Blick auf Gil Argensola richtete, der einen Schritt neben und hinter ihm stand, und daß dieser ihm bestätigend zunickte. ... , .... m. Jedenfalls nahm der Großherzog jetzt eine unsäglich hochmütige Miene an unb fragte: „Wer ist dieser Herr?" r . „ (.inor Offenbar schnürte Siebold der Aerger den Hals zu, so daß ichi an feiner Stelle antworten mußte: „Es ist Doktor Siebold, Hoheit, der sich erlaubt, Ähnen seine Aufwartung zu machen." t „Was wünscht der Herr von mir?" Murat schüttelte ferne Locken- pracht und steckte die Nase noch höher in die Luft. „Ich bin leider halb taub und höre manchmal recht schlecht. Da begleitet mich dann mein Freund, um mir auszuhelfen, als Dolmetsch sozusagen, Hoheit." „Hören Sie heute schlecht?" „Nein, Hoheit!" „Nun, bann werben Sie ja heute der Dienste des Herrn nicht bedürfen." Das war ja ein Hinauswurf tn aller Form, und ich wagte mich gar nicht nach Siebold umzuwenden, um das Gesicht zu sehen, das er bei seinem Abgang machte. Es mochte nicht übertrieben freundlich sein, nach dem Widerschein zu schließen, den ich auf Murats Mienen bemerkte. Als ich die Tür gehen hörte, kehrte sich Murat wieder mir zu. Er stand erwartungsvoll da und hielt mir das Behältnis mit dem Zeichen ber Ehrenlegion noch immer offen entgegen. Nun war es an mir, mich zu entscheiben. Ich überlegte nur ganz kurz. Was sollte ich tun? Konnte ich Napoleon durch eine Zurückweisung auf das empfindlichste beleidigen, jetzt wo ich das Wohlwollen ber Franzosen bringenbft brauchte? Was anderes blieb mir übrig, als anzunehmen? Ich verneigte mich fo tief wie möglich und sprach mit einigen wohlgesetzten Worten meinen tiefgefühlten Dank aus. Durch die Schule des Verkehrs bei Hof gegangen, brachte ich es zusammen, meine Unwürdigkett demütigst zu betonen unb auszudrücken, wie sehr ich mich durch die Gnade des Kaisers geehrt und erhoben fühle. Murat nickte zufrieden, nahm das Kreuz unb heftete es selbst an die richtige Stelle meines Frackes über die anderen Orden, die dort prangten. „Ich habe es unterlassen. Ihnen diese Auszeichnung auf festliche Weise zu überreichen. Es ist jetzt nicht die Zeit, große Feste zu feiern. Es mag meinem Nachfolger anheimgestellt bleiben, das Versäumte gutzumacken." Wir schwiegen beide und sahen einander an. Trotzdem unsere Blicks fest ineinander verschränkt waren, wußte ich doch um das halbe Lächeln auf dem Gesicht des widerwärtigen Zeugen hinter Murat. Da ich keine Anstalten traf, den Empfang als beendet zu betrachten, besann sich ber Großherzog. „Ach ja wohl", sagte er leichthin, „eben ba ich Sie holen lassen wollte, wurde mir gemeldet, daß Sie mir etwas vorzutragen haben." Murat lächelte verbindlich: „Nun. ich hoffe, daß ich Ihre erste Bitte als Ritter ber Ehrenlegion werbe erfüllen können." „Es hanbelt sich um meinen Freund, den Grafen Fuentes", sagte ich fest. - Offenbar gab ber Name dem Großherzog einen Ruck, er stieß mit dem phantastischen Türkensäbel auf, den er urngefchnallt hatte, schüttelte feine Locken, und fein Gesicht wurde kalt und abweisend: „Sie sind unvorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde, mein Herr!" schnob er mich an. „Fuentes ist gefangengenommen worden ..." „Gewiß, als Hochverräter, als Spion, als Feind Frankreichs, als Verschwörer ..." Aber ich bin nicht fo leicht abzuschütteln, wenn ich einmal zugepackt habe: „Mein Freund Fuentes kann nichts Arges begangen haben. Ein Mensch von fo lauterem Wesen, rein in [einem Wollen und in seinen Mitteln, kann sich keiner ernstlich strafbaren Tat schuldig machen. Wenn er vielleicht mit dem derzeitigen Zustand nicht einverstanden ist, so teilt er seine Ansicht mit Hunderttausenden von Spaniern, die noch nicht ersaßt haben, daß ber Kaiser nur bas Wohl Spaniens im Auge hat. Warum ihn bestrafen, wenn die andern ..." „Weil wir ihn haben, mein Herr", lachte Murat, „und die anderen nicht." Ich fuhr fort, Fuentes zu verteidigen und feine Haltung als entschuldbar durch seine Liebe zum Vaterland unb die Verwirrung der Gemüter darzustellen: „Sie werden besser tun, ihn zu bekehren unb für sich zu gewinnen. Wenn Sie ihn freilassen, so nützen Sie dem Kaiser und Frankreich, wenn sie ihn schlecht behandeln, so entspringt daraus unabsehbarer Schaden für Sie und Ihre Aufgabe, die doch wohl darin besteht, Spanien zu beruhigen und zufriedenzustellen." Murat hatte mich nicht unterbrochen, aber feine Miene war immer finsterer geworden. „Genug", schrie er mich plötzlich an. „Sie erwärmen sich bedenklich für einen überführten Verbrecher, mein Herr!" „Unmöglich: Fuentes kann kein Verbrechen zur Last gelegt werden. Politische Gegnerschaft ist kein Verbrechen." „Ich sage noch einmal: für einen überführten Verbrecher. Ober berechtigt politische Gegnerschast etwa zum Meuchelmord? Fuentes ist bas Haupt einer Verschwörung gegen mein Leben." Mir war, als stürze die Decke ein. „Das ist wohl ausgeschlossen", stammelte ich, „auf einen bloßen Verdacht hin .. „Verdacht? Verdacht? Wir haben Beweise in Händen, mein Herr, Beweise!" Ich sah, daß es schlimm um Fuentes stand, und ich ahnte, welcher Art die Beweise waren und wer sie Murat geliefert hatte. Aber ich wollte nicht zurückweichen. ,Zch kann es nicht glauben, ohne die Be- weije gesehen zu haben." „Nun, es genügt wohl, daß das Kriegsgericht die Beweise gesehen und ihnen geglaubt hat. Und ich will Ihnen nur Jagen, sie waren jo gut, daß er daraufhin zum Tod verurteilt worden ist." Eine plötzliche Lähmung überfiel mich und ließ meine Stimmbänder ganz steif und rauh werden. Ein Würgen sah mir in der Kehle. „Zum Tod, Hoheit?" sagte ich heiser. „Nun wohl, das Gesetz mag gesprochen haben, aber nun hat die Gnade das Wort. Und die Gnade steht bei Ihnen, Hoheit." Murat blähte sich auf, aber er blieb gallig wie zuvor. „Ich denke nicht daran, diesen Mann zu begnadigen. Uebrigens muß ich Ihnen sagen, daß ich das Ganze hier satt habe. Ich habe genug von Spanien. Von eurer Ueberhebung, eurem Dünkel, eurer Widerspenstigkeit. Ich bin dem Kaiser dankbar, daß ich nichts mehr mit euch zu tun haben soll. Ich habe kein Interesse mehr an dem, was hier vorgeht. Wenden Sie sich an meinen Nachfolger, Exzellenz, wenn Sie etwas erreichen wollen." Damit rückte Murat mit einem Achselzucken seine getigerte Pelzjacke zurecht, machte auf den Hacken kehrt und lieh mich stehen. Sein türkischer Schleppsäbel klirrte hinter ihm drein. Und hinter dem Schleppsäbel kam dieser widerwärtige Argensola, indem er sich auf eine höhnisch- niederträchtige Art in den Hüsten wiegte. Ich versuchte mich zurechtzufinden. Zweimal hatte Murat von einem Nachfolger gesprochen, und er hatte es in einer Weise getan, die erkennen ließ, daß er verärgert und keineswegs dem Kaser dafür dankbar war, der spanischen Geschäfte enthoben zu sein. Ich hatte ihn in Übelster Laune angetrofsen, mein Eintreten für Fuentes hatte nichts genützt, wenn es nicht etwa gar geschadet hatte. Obzwar dieser Argensola das Zimmer verlassen hatte, stand der Raum noch immer feindselig und höhnisch um mich. Irgend etwas zwang meinen Blick empor. Ach ja, da oben, an der Decke prahlte ja eine olympische Szene von Bayeus Meisterhand. Das Urteil des Paris, Merkur saß als Zuschauer am Rand des Bildes. Und dieser Merkur hatte meines lieben Schwagers boshaftes, schadenfrohes Lächeln. Meine Bilder in Godoys Palast hatte der wahnsinnige Pöbel vernichtet, aber die Decke lebte noch und sandte mir Merkurs Grinsen herab. Warum war sie vorhin nicht wirklich ein- gestürzt? Es wäre kein Schade um Bayeus gemalten Mist gewesen. Ich sand Siebold mit dem Leutnant Endeslant draußen in der Spiegelgalerie. „Ich weiß alles", sagte der Doktor, „es steht schlimm um Fuentes." „Was sollen wir tun?" „Ein unglücklicher Zeitpunkt für eine Fürsprache. Murat ist schwer gereizt. Zwei Neuigkeiten, Francesco. Die Generaljunta zu Sevilla hat Napoleon den Krieg erklärt. Was glaubst du, in wessen Namen, Francesco? Im Namen desselben Ferdinand, der zugunsten Napoleons verzichtet hat und froh ist, dem Hexenkessel hier entronnen zu sein. Er sitzt bei Talleyrand auf Schloß Valencay und läßt Gott einen guten Mann (ein. Und die zweite Neuigkeit, die schlimmere für uns. Der Kaiser hat feinen Bruder Joseph aus Neapel nach Bayonne berufen und ihm die Krone Spaniens übertragen. Verstehst du, Francesco?" „Schlimm für unsI" „Murat hat selbst gehofft, König von Spanien zu werden. Nun schnappt ihm Joseph den Bissen vor dem Mund weg. Und Murat liegt nun gar nichts daran, hier Frieden zu stiften. Es ist ihm eher zuzutrauen, daß er alles tun ober doch geschehen lassen ryird, um Josepk» recht viel Ungelegenheiten zu machen und Verwirrung zurückzulassen. Das war genau das, was ich selbst gedacht hatte, als mich Murat so giftig an seinen Nachfolger wies. „Und das schlimmste, Francesco", fuhr Siebold fort ... „Fuentes soll übermorgen hingerichtet werden." Mein Herz schien mit einem Ruck stehenzubleiben. Mein Hirn lag völlig vereist in seiner Knochenkapsel, „llebermorgen?" „Ja, nun weiß ich keinen Rat mehr", sagte Siebold bekümmert, „man will ihm nur gerade so viel Zeit lassen, um seine Angelegenheiten zu ordnen." Wenn ich nicht Siebold so genau gekannt hätte, so wäre ich über fein Geständnis, keinen Rat zu wissen, noch tiefer erschrocken. Wenn er selbst keinen Rat mehr wußte, was bann? Aber indem der das sagte, wies er unmerkbar, aber mir doch deutlich mit einem Blick auf Endeslant hin. Der stand dabei, in feine Uniform gepreßt, mit streng zusammengezogenen Brauen, ganz von seiner Pflicht durchdrungen. Er hatte dem Oheim sagen dürfen, was er wußte und was zu dieser Stunde ohnehin kein Geheimnis mehr war. Aber es war ihm anzusehen, daß er keinen Finger rühren würde, um etwas anderes zu tun, als (ein Dienst von ihm verlangte. „Nun kann nur noch Gott helfen", sagte Siebold mit einer bei ihm ungewohnten Frömmigkeit. Im Schlohhof verabschiedete sich Endeslant von uns. Wie gingen schweigend weiter. Aber als wir in meine Berline stiegen und uns zurechtsetzten, sagte Siebold: „llebermorgen! Zeit genug, um Fuentes zu retten. Erwartet meine Nachricht, Francesco!" Am nächsten Morgen sah ich beim Verlassen meines Hauses eine kleine Ansammlung von Leuten vor der gegenüberliegenden Mauer. Ich wohnte damals in einer später unter König Joseph niedergerissenen Gasse — er wollte Madrid durch neue Gassen und Plätze verschönern, was ihm den Namen Rey Plazuelas eintrug — gegenüber dem Convento de los Gongoras. Zum Kloster gehörte ein Garten und ein damals unverbautes Grundstück, und alles miteinander war von einer hohen, kahlen Mauer umzogen. Diese Mauer war mir lieb, denn ihr verdankte ich es, daß ich von neugierigen Blicken Gegenüberwohnender unbelästigt blieb. Da aber an ihr durchaus nichts zu sehen roar, fragte ich mich, was wohl den Zusammenlauf vor ihr veranlaßt haben könnte. Näherkommend bemerkte ich, daß die Neugier der Menge durch eine Zeichnung erregt worden war, die jemand mit Teer auf ihr ausgeführt hatte. Sie stellte einen großen Galgen dar, und an diesem Galgen hing ein Mann. Und dieser Mann war niemand anderes als ich — bei aller Roheit der Zeichnung doch nicht ohne Geschick kenntlich gemacht — angetan mit dem Hoffrack und dem Orden der Ehrenlegion darauf. Das war die rasche Antwort meiner Feinde auf die peinliche Auszeichnung, die mir gestern zuteil geworden war. Als ich herankam, verstummten die Leute, die da herumstanden und machten mir Platz, so daß ich mein Zerrbild ungehindert betrachten konnte. Da stand ich mir selbst gegenüber, und ein feindseliges, drückendes Schweigen umklammerte mich von allen Seiten. Eben schleppte mein getreuer Gabriel einen Kübel Kalk herbei und machte sich daran, den Galgen samt dem Gehängten zu übertünchen. „Laß nur", sagte ich, „das Volk will sein Vergnügen haben." Ob diese Worte den Grimm der Menge entwaffneten und vielleicht dadurch eine leise Beschämung über sie kam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ man mich ungehindert meines Weges gehen, ohne daß sich, wie ich erwartet hatte, ein Geschrei hinter mir erhob und mir Steine nach- slogen. Ich kann nicht sagen, daß mich diese Beschimpfung gleichgültig gelassen hätte, aber sie war mir nicht wichtig genug, mich ihretwegen aufzuhalten, denn ich war heute mit dem sicheren Gefühl aus dem Haus getreten, daß ich Martina sehen würde. Ich war auf dem Weg zu ihr, und als ich in der Calle de las Carretas das Tor ihres Hauses geöffnet und die Fensterladen zurückgeschlagen sah, jubelte ich auf, daß sich meine Ahnung endlich bestätigt hatte. Der Mozo fegte die Schwelle und wies mich auf meine Frage nach Sennor Avila in den Raum zur ebenen Erde rechts, wo der Buchdrucker feine Schreibstube hatte. Sennor Avila kramte in einem Ungetüm von gebräuntem Schrank, zog Fächer auf und warf Mappen zur Erde, daß der Staub aufflog. Er hatte schon einen ganzen Wall von Mappen um sich aufgetürmt, hinter dem er meinen Gruß durch eine übertrieben höfliche Verbeugung bis zur Erde erwiderte. Ich haßte an ihm diese übertriebene Höflichkeit. Sie mochte wohl in der Gewohnheit des Kaufmannes vornehmen Kunden gegenüber ihren Ursprung haben, aber es schien mir, als habe er sie in der letzten Zeit noch gesteigert und ihr etwas wie Hohn beigesellt. Manchmal glaubte ich gerade in ihr einen Beweis für Martinas Vermutung zu erblicken, daß er Verdacht geschöpft hatte. Ich begann damit, ihm den Zweck meines Besuches auseinander- zusetzen. Ich hatte mir einen Vorwand zurechtgelegt, aber nun war es eigentlich kein bloßer Vorwand mehr, sondern ein ganz ernst gemeinter Vorschlag, den ich ihm zu machen hatte. Ich sagte ihm, daß ich beabsichtige, in einer Reihe von Blättern Kriegsszenen festzuhalten, die ganzen Greuel zu schildern, die schon statt- gefunden hakten und die in Zukunft nicht ausbteiben konnten, meinen Landsleuten zur Warnung, dem Feind zur Mahnung und der ganzen christlichen Welt zum Abscheu. Sennor Avila war ein langaufgeschvssener, dürrer, vornübergebeugter Mensch, mit lederfarbenem, von Pockennarben zerrissenem Gesicht, das immer ein erstarrtes, zweideutiges Lächeln zeigte. Sein Alter war unbestimmbar, aber Martina hatte mir gesagt, daß sie weit jünger [ei als er. Er hörte mir mit gerügtem Kops aufmerksam zu, verneigte sich bann wieder bis zur Erde und jagte, er finde meinen Gedanken ausgezeichnet und werde bemüht sein, meinen Auftrag, falls ich ihn damit beehren wolle, aufs beste auszuführen. Wenn es der Exzellenz genehm fei, könnten wir gleich über die Bedingungen sprechen. Wir sprachen also auch gleich über die Bedingungen. Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die dumm genug sind, sich in Geschäften das Fell über die Ohren ziehen zu lassen, aber diesmal war ich bemüht, ihm entgegenzukommen und meine Forderungen nicht zu hoch zu spannen. Es lag mir daran, ihn bei guter Laune zu erhalten, und er konnte es auch sein, denn ich räumte ihm Vorteile ein, die ich ihm sonst nicht zugestanden hatte. Damit war die geschäftliche Seite der Angelegenheit erledigt, und ich hätte nun eigentlich gehen können. Aber ich zögerte noch, denn ich wartete darauf, daß Martina, wenn sie meine Stimme vernähme, eintreten, oder daß ich sonst ein Zeichen ihres Hierseins erhalten würde. Aber nichts dergleichen geschah, und so sah ich mich denn gezwungen, geradezu die Frage zu stellen, ob ich nicht Martina meine Aufwartung machen dürfe. Sie roerbe bei ihrem Anteil an ben Geschäften ihres Gatten unb auch an meiner Kunst, gewiß erfreut fein, von meinem neuen Plan zu vernehmen. Sennor Avilo machte ein betrübtes unb bebauernbes Gesicht: „Es tut mir leib, Exzellenz, Ihnen nicht bienen zu können, meine Frau ist nicht daheim, sie ist nicht in Madrid." Ich war so betroffen, daß ich alle Vorsicht vergaß: „Wo ist Martina?" stieß ich hervor. Wie ungeschickt es von mir gewesen war, so braufloszufragen, sah ich an dem kurzen Aufblitzen von Avilas Augen. Gleich daraus war das höfliche, zweideutige Lächeln wieder da: „Ja, sehen Sie, Exzellenza, da gehen Sie damit um, die Greuel des Krieges durch Ihren unsterblichen Stift festzuhalten. Es sind fürchterliche Dinge geschehen, und es werden sich noch fürchterlichere ereignen. Und ich habe es für meine Pflicht gehalten, Martina vor eben diesen Greueln des Krieges in Sicherheit zu bringen." Martina war fort. So schwer mich diese Nachricht traf, ich durfte mir nicht anmerken lassen, wie schrecklich sie für mich war. „Sie haben recht", sagte ich so ruhig als möglich, „aber Sicherheit, wo ist heute in Spanien Sicherheit?" „Nun, es gibt immerhin noch Plätze, von denen man hassen darf, daß sie vom Krieg nicht berührt werden." (Fortsetzung folgt.) Wiegenlied Sei Mondschein zu singen. Von Matthias Claudius. So schlafe nun, du Kleinei Was weinest du? sanft ist im Mondenscheine Und süß die Ruh. Auch kommt der Schlaf geschwinder Und sonder Müh'; Der Mond freut sich der Kinder Und liebet sie. Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben Von oben her Auf sie aus, wenn sie saugen, Recht wunderbar; Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar. Alt ist er wie ein Rabe, Siehr manches Land; Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt. Und bald nach ihren Wochen Hat Mutter mal Mit ihm von mir gesprochen: Sie saß im Tal In einer Abendstunde, Den Busen bloß, Ich lag mit offnem Munde In ihrem Schoß. Sie sah mich an, für Freude Ein Tränchen lief, Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief; Da sprach sie: „Mond, oh! scheine, Ich hab' sie lieb, Schein' Glück für meine Kleine!" Ihr Auge blieb Noch lang am Monde kleben Und flehte mehr. Der Mond fing an zu beben. Als hörte er, Und denkt nun immer wieder An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück. Es schien mir unterm Kranze Ins Brautgesicht, Und bei dem Ehrentanze; Du warst noch nicht. Tobias und Antje. Von Andre Baron Fölckersam. Tobias lebte nun schon drei Monate und sechzehn Tage auf dieser Welt. Aus einem rundlichen schwarzen Knäuel mit braunen Tupfen über den Augen und braunen, unsicheren, auseinandergleitenden Beinen, war -in junger, stämmiger Airedale-Terrier geworden, lohsarben, mit schwarzem sattel. Tobias glich seiner Mutter; er hatte ihren schönen, blonden Bart geerbt, und ihre dunklen Augen. Aber er dachte nicht an seine Mutter. 2r dachte auch nicht an seine Geschwister. Vor drei Wochen hatte man 1 hn aus dem Zwinger geholt, und jetzt lebte er hier auf dem Lande. Tobias hatte in diesen drei Wochen viel gelernt. Er hatte jetzt eine bestimmte Vorstellung von der Welt, von ihren Gesetzen, ihren Genüssen und Gefahren. Die Kinder quälten ihn mit ihrer Liebe. Tobias blickte verächtlich in die Luft, wenn sie Tods, Tobi oder Babian riefen. Er hatte Islernt, Parkett vom Gartenboden zu unterscheiden, daß Bücher leider ^icht zum Zerreißen da waren und daß es einem schlecht bekam, wenn man mit Blumentöpfen Fußball spielte. Biele Dinge waren schön und begehrenswert: Katzen scheuchen, an Bäumen riechen, Knochen vergraben, 8gel verbellen; in die Küche schleichen und etwas stibitzen, auch wenn es >afür Schläge gab. Vieles war gefährlich: Feuer, das einem den Bart verbrannte, Türen, in denen man geklemmt wurde, Pferdehufe. Tobias verstand nicht zu lügen. Wenn er etwas Verbotenes getan hatte, sah man i!S ihm sofort an. , . Tobias bewunderte Antje. Antje blickte mit ihren bernsteingelben llugen der Köchin gerade ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken, s achdem sie eben etwas vom Tisch geklaut hatte. Antje war eine glatthaarige, graubraun gefleckte Pointerhündin mit langen, seidenweichen, chokoladebraunen Ohren. Es gab für Tobias kein schöneres Spiel, als ®ntje anzuspringen und sie in diese langen, flatternden Ohren zu zwicken. Sie tobten auf dem Rasen vor dem Hause. Mit ungeschickten 6a«3en scannte Tobias hinter Antje her, um sie in die Beine zu beißen Antze M über den Rasen, Tobias ihr nach, mit hellen, klaffenden Lauten. «ntje ließ ihn dicht herankommen, dann sauste sie an ihm vorbei. Tomas ugelte hin, raffte sich auf und saß geduckt vor Spannung da... Zuweilen verschwand Antje spurlos. Wenn sie schuldoewußt und we- Elnd zurückkam, bekam sie Schlüge und wurde eingesperrt. Tobias saß vor der Tür des kleinen Holzschuppens und faulte. Er wußte nicht, daß Antje gestraft wurde, weil sie wilderte. An einem Nachmittag, als alles im Hause schlief, tobten die beiden auf der Parkwiese. Plötzlich blieb Antje stehen, streckte den Kopf vor und schnupperte. Dann stürzte sie davon, mit tief gesenkter Nase. Tobias sprang an ihr hoch, um sie an ihren langen, flatternden Ohren zu zupfen. Antje kümmerte sich nicht um ihn. Sie lief hin und her, blieb stehen, kehrte um, schnüffelte aufgeregt im Grase, und rannte weiter. Sie kamen in den entlegenen Teil des Parkes. Antje schlüpfte durch ein Loch in der Tannenecke, Tobias ihr nach. Ein breiter Graben zog sich am Park entlang, dahinter dehnte sich bis an den Rand des Waldes ein hohes Kornfeld. Antje stand einen Augenblick wie erstarrt da, ihre hellen Augen blickten irgendwo in weite Ferne. Dann sprang sie mit einem Satz über den Graben und verschwand im Felde. Tobias tat dasselbe. Wie eine goldene Flut schlugen die Aehren über ihm zusammen. Es war großartig, durch das sonnenwarme, duftende Feld zu jagen. Tobias rannte hinter Antje her. Aber kaum hatte er sie wieder gefunden, verschwand sie wie von der Erde verschlungen, tauchte unerwartet hinter einer Bodenwelle auf und war wieder fort wie der Blitz, und nur eine silberne Welle, die in unruhigem Zickzack durchs Korn lief, verriet Tobias, wo sie war. Antje hatte ihn vergessen. Die Nase tief am Boden und mit fliegenden Ohren, jagte sie kreuz und quer übers Feld. Sie tarnen auf die Landstraße hinaus, die am Walde entlangführte. Sie standen nebeneinander, erhitzt und keuchend. Antje stieg in den Graben und trank, und Tobias tat dasselbe. Noch nie hatte ihm etwas so gut geschmeckt wie das schmutzige, abgestandene Grabenwasser. Noch nie hatte er sich so wohl gefühlt. Sein schöner blonder Bart war zerzaust, Kletten faßen in feinem Fell, er war schmutzig und verwildert. Tobias sah Antje bewundernd an, was sie weiter unternehmen würde ... Sie jagten durch den Wold, schlüpften durch stachliges Wacholdergestrüpp; Antje grub eifrig kleine Erdhügel auf und steckte die Nase tief hinein. Auch Tobias Kopf verfchwand bis zu den Ohren im Erdloch. Dann standen sie da, die Nasen schwarz vor Erde,, und niesten. Der Wald war still und einsam, erfüllt von warmem Harzduft, von Licht und Schatten durchflutet; über ihnen rauschten die Tannen. Sie fanden eine tote, längst vertrocknete Krähe, und wälzten sich, einer nach dem anderen auf ihr. Dann rannten sie weiter. Sie trabten einträchtig Seite an Seite, mit weit heraushängender Zunge. Zuweilen blieb Antje stehen, hob den Kopf und schnupperte. Dann stürzte sie davon. Tobias hörte sie im Unterholz laut und erregt kläffen. Er setzte ihr nach; er fürchtete sich, allein zu bleiben. Einmal sprang etwas Graues in langen Sätzen knapp zwei Schritte vor ihm aus dem Dickicht und verfchwand hinter den Bäumen. Tobias fetzte sich vor Schreck hin. Er hatte noch nie einen Hafen gesehen, und schon kam Antje laut kläffend an ihm vorbeigejagt, Tobias folgte ihr, seine Stimme Überschlug sich vor Aufregung. So trieben sich die beiden im Walde umher. Zuweilen ruhten sie sich aus, ober zupften große, schwarze und süße Beeren von einem Strauch. Dann ging es weiter über den glatten, mit Tannennadeln besäten Waldboden. Tobias war müde. Er streckte sich im Schatten aus. Das Moos war weich und roch warm und gut. Tobias schnappte nach Fliegen, sein Körper bebte vor Hitze. Er sah dann und wann zu Antje hinüber, die geschäftig hin und herlief und schnupperte. Plötzlich war sie verschwunden. Tobias sprang auf und bellte laut. Keine Antwort. Er lief nach rechts und nach links, er trabte ein Stück zurück und kehrte wieder um. Von Antje war nichts zu sehen. Tobias bellte ein paarmal hintereinander. Es blieb alles still. Tobias fühlte sich grenzenlos verlassen. Er bekam Angst. Er galoppierte in kurzen Sätzen mit angelegten Ohren. Zuweilen blieb er stehen, hob den Kopf und horchte. Im Walde war es still: nur in den Wipfeln der hohen Kiefern rauschte es leise. Tobias lief zurück, die Nase am Erdboden. Bitterduftende Farne spreizten über ihm ihr gefiebertes Blätterbach. Er kam jetzt auf einen Weg hinaus, schloß für Sekunden das Maul und lauschte. Aus der Tiefe des Waldes tönte jetzt ein helles, anhaltendes Kläffen. Tobias legte den Kopf schief zur Seite und spitzte die Ohren. Dann stürzte er weiter, in der Richtung, aus der er Antjes Stimme hörte. Das Gekläff verstummte und kam an einer anderen Stelle wieder, noch heller, noch erregter. Tobias rannte in großen Sätzen voraus. Dann krachte ein Schuß. Das Echo rollte schallend durch den friedlichen Wald, Tobias fuhr zusammen und blieb zitternd stehen. Sein Herz hämmerte. Dann galoppierte er weiter, hopsend, in tollpatschigen Sprüngen. Er tarn auf eine kleine Lichtung hinaus, die war erfüllt von Sonnenhitze und süßem Kleeduft. Das Gras fang. Ein Zitronenfalter taumelte träge über den Blüten. Tobias wandte den Kopf und sah plötzlich Antje. Antje lag im Gras, die Beine von sich gestreckt, mit zurückgeworfenem Kopf. Tobias stürzte mit freudigem Bellen auf Antje zu und wollte sie an ihren langen seidenweichen Ohren zupfen. Er stolperte über ihre Beine und blieb verdutzt stehen. Antje lag reglos da und blickte ihn aus ihren bernsteingelben Augen an. Er ftubfte sie zärtlich mit der Nase. Antje rührte sich nicht. Tobias bellte laut und erstaunt. Dann trat er wieder an Antje heran und begann sie zu beschnuppern. Antje rührte sich nicht. Antjes Augen sahen ihn unverwandt an. Tobias konnte nicht begreifen, weshalb sie fo stumm und reglos war. Er fürchtete sich. Er heulte auf und verstummte. Im Walde war es still, nur in den Kiefern rauschte es sanft. Tobias legte den Kopf in den Nacken und jaulte, langgedehnt und trostlos. Der Himmel verblaßte; über der Lichtung wuchsen die Schatten. Die Sonne stand tief hinter den Baumstämmen, vom Grase stieg ein strenger, warmer Duft auf. In der Ferne rief ein Kuckuck. Die Wipfel der Kiefern standen reglos, vergoldet vom letzten Adendlicht. Tobias bog den Kopf zurück, um wieder loszuheulen. Plötzlich mußte er laut gähnen. Er war entsetzlich müde. Er streckte sich neben Antje aus und legte den Kopf auf ihren Hals. Er hob ihn sofort wieder, Antje machte ihm Angst. Sie war unbeweglich, kalt und steif. Tobias sprang auf und lief über eine Lich-, fung. Er rannte mit angelegten Ohren durch den dämmrigen Wald. Er rannte, ohne stehen zu bleiben. Der dunkle Wald schien drohend und feindlich: Aeste knackten, lange Zweige griffen nach ihm, aus dem Dickicht kam ein sonderbares Rascheln und Knetern. Tobias blieb nut einem Ruck stehen. Irgendwo, sehr fern, kam em langgezogener Pfiff. Tobias stutzte. Dann bellte er, sehr kurz und heiser vor Freude. Der Pfiff kam wieder, deutlicher. Tobias galoppierte los ... „Armer Tods, wie er gittert!" ... „Komm, laß mich ihn tragen!" ... Tobias leckte die kleine schmutzige Hand, dre ihn streichelte. Es war aut getragen zu werden, es war gut, nicht mehr allein zu jein. Er seufzte tief'aus und preßte sich eng an eine Kinderschulter. Sie war glatt und warm und lebendig. Schwarzschattende Kastanie. Von Conrad Ferdinand Meyer. Schwarzschattende Kastanie, mein windgeregtes Sommerzelt, du senkst zur Flut dein weit Geäst, dein Laub, es durstet und es trinkt, schwarzschattende Kastanie! Im Porte badet junge Brut mit Hader oder Lustgeschrei, und Kinder schwimmen leuchtend weih im Gitter deines Blätterwerks, schwarzschattende Kastanie! Und dämmern See und Ufer ein und rauscht vorbei das Abendboot, so zuckt aus roter Schiffslatern ein Blitz und wandert auf dem Schwung der Flut, gebrochnen Lettern gleich, bis unter deinem Laub erlischt die rätselhafte Flammenschrift, schwarzschattende Kastanie! Bei den Köhlern im Thüringer Wald. Von Karl Volkmar. Die wenigen Meiler, die die immer mehr verschwindenden Köhler des Thüringer Wäldes noch brennen, bieten den Einheimischen und dem Fremden willkommenen Anlaß zu Ausflügen nach den Meilerstatten. Bei schönem Wetter sind die Plätze von srüh bis Abend umlagert von jung und alt. In vielen kleinen Holzkohlenfeuern werden die mitge- brachten Brotscheiben geröstet, mit Fett bestrichen und bei einer Flasche Bier verzehrt. Der würzige Humor der Köhler sorgt für beste Stimmung. Die zahlreichen Fremden, die diese Stätten besuchen, zeigen lebhaftes Interesse an der Arbeit und auch an der primitiven Hüttenwohnung des Köhlers. Heute gibt es noch Köhler in den Wäldern bei Ruhla, Bermbach, Schnellbach, Thal, Oberschönau, Tambach-Dietharz und auch in der Nähe von Schmalkalden. Die Nachfrage nach Holzkohlen ist zwar jetzt wieder groß, doch finden die Holzhändler, die die Köhlerei betreiben, kaum noch Köhler, da die Arbeit zu beschwerlich ist und nicht genügend bezahlt werden kann. So leben nur noch die wenigen Men da. Der folgende Bericht soll etwas von dem alten Handwerk erzählen. Tritt ein in die Hütte eines alten freundlichen Köhlers, setze dich zu ihm auf die selbstgezimmerte Bank und lausche seinen Erzählungen! Plaudere mit ihm über seinen Beruf; frage ihn, wie es früher um die Köhlerei in Thüringen gestanden, und du wirst viel Schönes und Interessantes erfahren. Mit erinnerungsfrohem Gesicht wird dir der Alte erzählen, wie stolz der Köhlerberuf vor einem halben Jahrhundert noch gewesen ist; daß du, wenn du damals den Thüringer Gebirgskamm entlang gegangen wärest, allenthalben zur Rechten wie zur Linken rauchende Kohlstätten gesehen hättest, deren zwanzig bis dreißig zu Zeiten einen einzigen Berg umkränzten, Wälder und Gründe mit einem dichten Rauchschleier verhüllend. Um den Wechsel der Zeiten zu ermessen, führe ich an, was Geisthirt in seiner Chronik über Oberschönau schrieb: „Die Mannschafft beleufst sich auf 80 Jnnwohner, die von Kohlenbrennen ihre Nahrung suchen". Die treuen Abnehmer der Holzkohlen sind heute längst dahin. Die Eisen- und Zainhämmer haben ausgehämmert, die Schmelzwerke sind eingegangen, und zudem hat auch die Holzkohle ihren Ersatz gefunden. Wer weiß, wie lange die noch vorhandenen Meilerstätten unseres lieben Waldes ihr Gnadendasein fristen werden! Aber noch liegt manch ein Meiler fern im Grund und diese z. T. uralten Kulturstätten unserer Heimat verdienen wohl, daß man ihnen nähere Beachtung schenkt. Im August, wenn die Holzhauerarbeit beendet war, begannen vor Zeiten unsere Holzhauer zu kohlen. Sie erbaten sich vom. Oberförster die Erlaubnis hierzu, der ihnen die Stelle und auch Deckreisig anwies. Zunächst wurde nur „abgeräumt", der Rasen abgetragen und die Stätte genau geebnet, und zwar von manchen mit Hilfe der Schrappe, damit hernach der Meiler gleichmäßig brenne. Sodann wurde die „Windschauer" hergerichtet, eine Schutzmauer von Reisigwellen zum Abstößen des Windes, der das gleichmäßige Brennen stören würde. Die Hütte wurde in der Regel aus drei „©tafeln" gezimmert; um die herum wurde Holz und zur Bedachung Rasen und Holzschale verwandt. Eine Welle Reisig war die Tür, die an warmen Sommertagen sich überhaupt erübrigte. Waren diese Arbeiten erledigt, so ging es an das Aufbauen des Meilers. Dies geschieht in der Regel jo: In der Mitte wird durch zwei etwa ein Meter lange Pfeiler, die oben aneinander lehnen, die Stelle abgegrenzt, wa der Meiler angezündet wird. Der so entstehende Hohlraum wird mit krausem, dürrem Holz und mit den vorzüglich brennenden Holzspänen gefüllt. Beim Aufbauen sorgt man dafür, däß die Stöcke (zuweilen solche, die nur von zwei Köhlern bewältigt werden können) und das stärkere Holz in die Mitte kommen und daran anlehnend Scheite und Prügel. An der Außenseite, die genau abgezirkelt wird, muß schwächeres Holz verwendet werden, weil das den Meiler „besser deckt, wenn er gärt". Zum Decken des Holzes, das zuvor von der Sonne genügend getrocknet sein muß, nimmt man grünes Tannenreisig und Erde. Mit Steigeisen, die sie sich wahrscheinlich zu Hause vom Dorfschmied hatten anfertigen lassen, stiegen früher die Köhler auf die Bäume und hieben sich Reisig zum Decken des Meilers ab Das Decken hat den Zweck, die äußere Luft abzufchließen. damit das Holz im Meiler verkohlt und nicht verbrennt. Ist der Meiler fertig gedeckt, so wird er angezündet. Dabei kennt man zwei Verfahren. Die einen xünben non oben ein, bie onberen von her S>eite. 33ei letzterem Verfahren, das wohl am gebräuchlichsten ist, legt der Köhler vor dem Aufbauen eine Stange von der Mitte nach der Außenseite des Meilers und achtet darauf, daß sie wieder herausgezogen werden kann, ohne daß der Kanal" verschüttet wird. An dieser Stange oder an einer schwächeren wird'vorne in einen Spalt ein Harzspan eingeklemmt, der die zündende Flamme durch den Kanal in das krause Brennholz tragt. Hierüber erzählen übrigens die Köhler auch ein lustiges Stückchen: Die Unterhessen kannten nur das Anzünden von oben her. Die andere Art gefiel ihnen aber besser, und sie hätten es gerne herausgehabt, wie man das Feuer von der Seite her in den Meiler bringe. Sie fragten deshalb danach. Aber sie fragten einen Schalk. Der gab ihnen zur And wort, daß sie erst ein „Müsle" vorausschickten, das für die Stange mit dem Kienspan Bahn machen müsse." Das Zuwerfen des Meilers mit Erde muß langsam geschehen, damit bas Feuer nicht erlischt. Nach zwei Stunden ist er ganz zugeworfen. Einen Tag brennt er ohne besondere Zuglöcher. Vier Stunden nach dem Anbrennen und späterhin noch zweimal steigt der Köhler auf seiner Rolltreppe zum Meiler empor, um zu schüren und nachzufullen Di Menge des Holzes, das auf einmal verkohlt wird, ist verschieden (14 bis 50 gewöhnlich 20 Kubikmeter). Am zweiten Tage werden mit dem Schaufelstiel Löcher gemacht. Der Köhler horcht dabei auf, „wie das Feuer sich regt". Ueberhaupt ist das Kohlen durchaus nicht so einfach, wie man als Laie anzunehmen geneigt ist. Der Köhler muß Tag und Nacht auf dem Poften fein, besonders um gegebenenfalls rechtzeitig dämpfen zu können. Mehr als einmal hak das Feuer sich befreit und den ganzen Meiler verzehrt, was natürlich für den Kohlenbrenner ein großes „Malör" war. Nach einigen Tagen, bei 20 Kubikmeter nach 3% Tagen, treten die Garzeichen auf: das Feuer brennt am Rande, bet Meiler „falpetert" (bildet unter eigentümlicher Flammenbildung eine Kruste). Die heiße Erde wird nun abgezogen. Wenn sie sich abgekuhl! hat und mit dem Fegrechen rein gerecht ist, wird sie wieder auf den Meiler geworfen, um diesen abzukühlen. Nun kommt die letzte Arbeit: das „Löschen". Der Köhler trägt in feiner Rechten den Löschhaken, in der Linken ein Brett. Damit holt er die heißen Kohlen heraus und legt sie auf die Seite. Die größeren Kohlen dienen als „Setzkohlen" zum Aufsetzen des formgerechten Fuders. Beim Löschen muß Wasser, das der nahe kalte Born oder Waldbach liefert, zur Hand fein; denn leicht flackert es hier und da auf, wenn glimmende und glühende Kohlen an die Luft kommen. Sogar wenn der mit Kohlen beladene Wagen schon unterwegs ist, kommt es nicht selten vor, daß ein leises Knacken den drohenden Ausbruch des heimtückischen Feuers meldet. In solchem Falle muß, wenn möglich sofort mit Wasser gelöscht, oder die Kohlen müssen schleunigst abgeladen werden, um einen Brand zu verhüten. Man erzählt, auf dem Schützenberg habe auch einmal ein Köhler ein Fuder Kohlen gleich nach dem Löschen aufgeladen. Er sei dann sart- gegangen und habe am andern Morgen, als er zurückgekommen, um bas Suber zu holen, nur noch die vier eisernen Radreifen oorgefunben. Wenn unsere Holzhauer früher jeden Nachsommer kohlten, so standen sie im Auftrage der damals noch vorhandenen Hämmer und Schmelzwerke, Schlosser und Schmiede, welche die Holzkohlen zum Schmelzen, Härten und Glühen brauchten. Während der Meiler rauchte, wurde für den nächsten bereits das Holz gespaltet. (Wie der Oberschönauer Forster Zilcher in seiner Chronik schreibt, sind die Köhler nebenbei auch Schmbel- schnitzer gewesen.) . Zuweilen soll den Köhlern das Holz zeitiger ausgegangen sein, als ihnen lieb war. Da sollen ihnen in der Nacht die Wichtelmännchen zu Hilfe gekommen sein und soviel Holz herangetragen haben, daß sie von den wenigen Klaftern, die sie gekauft hatten, den ganzen Nachsommer haben kohlen können. Vor Zeiten gab es neben den Köhlern auch Köhlerinnen. Die Frauen sammelten tagsüber im Walde Holz; abends brannten sie den Miniatur- Meiler an, der am andern Tage schon gar war und gelöscht werben konnte. Jrn Sacke trugen sie bann ihre Habe auf bem Rücken beim. „Mutzeköhlerei" nannte man das in Fachkreisen, weil das Holz hierzu „gemutzt" (gemaust) wurde. Nicht immer war das Handwerk der Mutz- köhlerei von Segen begleitet. Es kam auch vor, daß eine Kohle, an der ein Fünkchen sah, sich in den Sack mit hineinschlich und diesen unterwegs durchbrannte. Nicht umsonst nahmen bie Köhler bei ben Dichtern von jeher einen bevorzugten Rang ein. Es liegt ein Stück Poesie und für den Thüringer ein Stück Heimat in dem Berufe des Köhlers, der, mit seinem Bentz- ebenso wie mit seiner Heimat fest verwachsen, in seiner roalbumraufajte’i Klause einsam haust. Wer einmal bas liebliche Kling-Klang der als Wahrzeichen an der Köhlerhütte befestigten musikalischem Klingholzer (verkohlte Wurzeln) vernommen hat, wer einmal des Nachts mit eirteia Köhler in dessen Hütte Plauderstündchen gehalten hat, zur Seite ort wärmenden rauchlosen Holzkohlenglut, im Scheine der aus der Leuchl- pfanne emporschlagenden Harzspanslamme; wer dort schon einmal Di. berühmten „Bebes" versucht hat, Brotschnitte, die der Köhler mit eurer eigens für diesen Zweck geschaffenen „Bebgabel" über der Kohlengiu in seiner Hütte röstet und mit Butter bestreicht, der wird mit mir einig sein in der Behauptung, daß es etwas Eigenartig-Schönes sei um Die uralte Köhlerei. Verantwortlich. Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Anivers itäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.