Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den 12. April Nummer 28 Der Stechlin Roman von Theodor Fontane 21. Fortsetzung. Aon den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. Er traf, weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich nach Tische bei dem Alten ein und lautete: „Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zellen erhältst, sind wir schon auf dem Wege. ,Wir', das will sagen, unser Oberst, unser zweitältester Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere. Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den Charakter solcher Abordnungen. Nachdem wir .Regiment Königin von Großbritannien und Irland' geworden sind, war dies ,uns drüben vorstellen' nur noch eine Frage der Zeit. Dieser Mission beigesellt zu sein, ist selbstverständlich eine große Ehre für mich, doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort .historische Familie' betonte, sind vorüber. Auch an Tante Adelheid hab ich in dieser Sache geschrieben. Was mir persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag, wird sie leicht aufbringen. Und ich freue mich dessen, weil ich ihr, alles in allem, doch so viel verdanke. Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne, sei nur angedeutet: Du wirst den Grund davon unschwer erraten. Mit besten Wünschen für Dein Wohl, unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer Dein Waldemar." Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. Nun war der Alte mit dem Lesen durch und sagte: „Waldemar geht, nach England. Was sagst du dazu, Engelke?" „So was hab ich mir all immer gedacht." „Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir gar nichts gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit seinem Oberst und seinem Major vor die Königin von England hin und sagt: .Hier bin ich.'" „Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?" „Js auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. Volksstimme, Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn bitten. Aber sage nichts von dem Brief: ich will ihn überraschen. Du bist mitunter ne alte Plappertasche." Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da. „Haben befohlen ..." „Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige: sieht mir ähnlich ... Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal nen Stuhl ran, und wenn Engelke nicht geplaudert hat (denn er hält nicht immer dicht), so hab ich eine richtige Neuigkeit für Sie. Waldemar ist nach England ..." „Ah, mit der Abordnung." „Also wußten Sie schon davon?" „Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder Gesanchchafl beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich dann freilich auch an Waldemar gedacht." „ Dubslav lachte. „Sonderbar. Engelke hat sich so was gedacht, Lorenzen hat sich auch so was gedacht. Nur der eigene Vater hat an gar nichts gedacht." „Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind Väter und können nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren. Und doch hört es mal auf damit. Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehen noch lange kein Stechlin. Und als er so alt war wie jetzt unser Waldemar, ja, da stand er schon zwischen Marengo und Austerlitz." „Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine Schwester Adelheid wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue Zeitrechnung datieren. Ich nehm es ruhiger, trotzdem ich einsehe, daß es nach großer Auszeichnung schmeckt. Und ist er wieder zuruck, dann wird er auch allerlei Gutes davon haben. Aber solang er drüben ist! Ich trau der Sache nicht. Aon Behagen jedenfalls keine Rede. Die Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen: vielleicht ärgern sie sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein .Regiment Königin von Großbritannien und Irland' gibt. Das besorgen sie sich lieber selbst und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie ne Prätension. Wie stehen denn Sie dazu'? 6ie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz geichlossen wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: .Schreckliches Volk; hundert Sekten und bloß eine Sauce.'" ... .. «... , „Ja", lachte Lorenzen, „da bin ich freilich für die .Beefeaters wie Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den hundert Se.ten laß ich auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig, ist es nicht), aber unter allen Umständen bin ich für höchstens eine Sauce. Das ist das einzig Richtige, weil Gesunde. Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn das zutrisft, so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce im Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den Kardinal und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand seiner Abneigung: England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen Kreise, drin ich lebte: ,Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen, was sollen wir dann überhaupt noch lieben?' Diese halbe Vergötterung hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem goldenen Kalbe beständig wächst: lauter Jobber und die vornehme Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch: sie sagen .Christus' und meinen Kattun." „Js leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon weiß. Und alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich deshalb immer für Rußland gewesen. Wenn ich da so an unfern Kaiser Nikolaus zurückdenke und an die Zeit, wo seine Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstück in die Garnisonkirche kam. Natürlich in Potsdam. Wir haben zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit dem alten Fritzen fing es natürlich an. Wir haben feinen Krückstock und den Dreimaster und das Taschentuch (na, das hätten sie vielleicht weg- lassen können), und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die Nikolaus-Uniform." Lorenzen sah verlegen vor sich hin: etwas dagegen sagen ging nicht, und zustimmen noch weniger. Dubslav aber fuhr fort: „Und dann sind sie da forscher in Petersburg und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn die besten Steine mitunter schon rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch ein Naturvolk. Ich kann das .Schenken' eigentlich nicht leiden, es hat so was von Bestechung und sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und gar nicht. Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche Tabattere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und wenn es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich, ein ganz reinliches Gefühl hat man nicht dabei." Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer froh, wenn sich ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu können, und heute standen ja die denkbar besten Themata zur Verfügung: Waldemar, England, Kaiser Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze Worte fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des Alten wesentlich steigerten. Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um die fünfte Stunde seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm, um am See hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen. Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil abfiel, befand sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank. Das war sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont, und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß er nun und überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine Kindheits- und seine Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge, blasse Fräulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshosdame bei der alten Prinzeß Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm vorüber, und dazwischen seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch leidlich gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein schon halb- abgestorbenes .Verhältnis' und eine freilich noch fortlebende Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren die alten Geschichten. Und dann wurde Waldemar geboren, und die junge Frau starb, und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug, das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er nach England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein paar Stunden in Ostende. Dabei sah er vor sich und malte mit seinem Stock Figuren in den Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See schwanden die letzten roten Lichter, und aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber, wie wenn Leute Holz fällen. Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die bon Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein Mädchen, mochte zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, daß das blonde wirre Haar wie leuchtend um des Kindes Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die Bank heran war, blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der alten Frau. Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit war, sagte: „Geih man varupp, Agnes; he deiht di nix". Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und wahrend es an der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn mit großen, klugen Augen an. Inzwischen war auch die Alte herangekommen. „Na, Buschen", sagte Dubslav, „habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster." Die Alte griente. Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird he joa woll ntch." „Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind da?" „Dat is joa Karlinens." „So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow." „Ne, he will joa nich." „Is aber doch von ihm?" „Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich." Der alte Dubslav lachte. „Na, hört, Buschen, ich kann s ihm eigentlich nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu seht Euch mal das Kind an." „Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook nich so recht un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich." „Geht es ihr denn so gut?" „Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle so ne plätten ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se hett Agnes) in Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in’n Zirkus. Un Karline wihr ganz fidel." „Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is ein hübsches Kind." „Joa, bet is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer so patschlich mit ehre lütten Hann'. Dünne sinn immer so." „Ja, das is richtig. Aber Ihr müht aufpassen, sonst habt Ihr nen Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Wend, Buschen." „'n Abend, jnädger Herr." 24. Kapitel. Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenuser vor, und die Baronin, als sie gehört hatte, daß die Herrschaften oben zu Hause seien, stieg langsam die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude. „Wie gut, wie hübsch, Baronin", sagte Melusine, „daß wir Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt immer wer. Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage lang nicht hier) und vielleicht auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, —noch alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch Frommet. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi sagte mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor Äugen nicht sehn." „Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige London fog, wobei mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber über den sprechen wir nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. Cs war draußen wirklich so, daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren; und am Brandenburger Tor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein Bild von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?" „Gewiß", sagte Melusine, „den kenn ich sehr gut. Aber allerdings erst von der letzten Ausstellung her. Und was, außer den Gaslaternen im Nebel, mir so eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines Bild: langer Hotelkorridor, Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen ein paar Damenstiefelchen. Reizend. Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung. Bon irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das Ganze, den Flur und die Stiefelchen." „Richtig", sagte die Baronin. „Das war von ihm. Und gerade das hat Ihnen so sehr gefallen?" „Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen — wenn ich von .italienischen Tagen' spreche, so meine ich übrigens nie meine Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hob ich Gott fei Dank so gut wie gar nichts gefehn, kaum meinen Mann, aber freilid) immer noch zu viel —, also während meiner italienischen Tage hab ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten im Sonnenschein bin." „Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben. In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hält ich vielleicht Kranich gesagt." „Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer für das, was sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr. Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf käme." „Kommt, liebe Melusine." Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich Besuch, erst Wrschowitz, dann aber — statt der drei, die sie noch nebenher gemutmaßt hatte — nur Czako. Der Empfang des einen wie des andern her beiden Herren hatte vorn im Damenzimmer ftattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser erschien erst, als man zum Tee ging; er hieß seine Gäste herzlich willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch jeder auf feine Weife: die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen Gefell- fchaftssphäre, Czako durch Avancements und Demissionen und Wrschowitz durch „Krittikk". Alles, was zur Sprache kam, hatte für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit zum besten gab. Wendungen wie „ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert halten" waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen Spezialgefchichte, von der man in der Regel freilich sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedükstig war. „Sagen Sie, liebe Freudin", begann der alte Graf, „was wird das jetzt so eigentlich mit den Briesen bei Hofe?" „Mit den Briesen? O, das wird immer schöner." „Immer schöner?" „Nun, immer schöner", lachte hier die Baronin, „ist vielleicht nicht gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das Geheimnisvolle hat nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den Charme Schon die beliebte Wendung .rätselhafte Frau' spricht dafür; eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Cs heißt immer, ,uble Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, fei was Sund- Haftes'. Vielleicht ist das, was uns fo bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel. Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden, etwas durchschnittsmähig, also langweilig, und weil dem fo ist, setz ich getrost hinzu: .Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.' Freilich für Armgard ist fo was nicht gesagt. Die darf es nicht hören." „Sie hört es aber doch", lachte die Somteffe, „und denkt dabei: was es doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für dergleichen kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik langweilig und unser alltägliches Leden interessant. Wenn ich den Rudolf unsers Portier Hartwig unten mit feinem hoop und seinen dünnen langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie." Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuh. „Du bist doch deiner Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus." „ . „Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich bin anders und nehme die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnadahüpferl und mal ein Haber- felbtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme." „Nur keine heilige." „Nein", sagte die Baronin, „keine heilige. Die Feme war aber auch nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn, bloß wegen dieser Szene. Die Poppe beiläufig vorzüglich. Und der schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich kaum lesen kann. Ich würde mir’s aber doch getrauen. Und nun wend ich mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, ich weiß nicht ritterlicher- oder unritterlicherweife, mir ganz allein überlassen haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?" „Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da lesen wie Runenschrift ... nein, nicht wie Runenschrift... (Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig über fein eigenes Hineingeraten ins Skandinavische) — was wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch fein Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Ader trotzdem. Auf die Feme kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im Baum." „Brrr", sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz eintrug. — Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte, wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück, weil der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fortschritten überzeugen wollte. „Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu begleiten." So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhörte, nahm der alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe für folch vierhändiges Spiel Äusdruck zu geben, was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte, daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne. Der alte Graf, wenig befriedigt von dieser „Krittikk", war doch andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und mit den Wrscho- witzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer angemessenen Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch, von der er wußte, daß ihre Munterkeiten nie den Charakter „goldener Rücksichtslosigkeiten" annahmen. Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehen- geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern itm ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für angezeigt, sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu tun, „ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt habe." „Hab ich", sagte Wrschowitz kurz. „Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?" „Au contraire. Berlin eine schöne Stadt, eine ferr gutte Stadt. Eine (err gutte Stadt pour moi en particulier et pour les dtrangers en gönöral. Eine ferr gutte Stadt, weil es hat Mufikk und weil es hat Krittikk." „Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde so viel Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen ist die slawische, besonders die tschechische Welt ..." „D, die tschechische Welt. Vanitas vanitatum." (Fortsetzung folgt.) Gewohnt, getan. Von I. W. von Goethe. Ich habe geliebet; nun lieb' ich erst recht! Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erst war ich der Diener von allen; Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen. Ich habe geglaubet; nun glaub' ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht. Ich bleibe beim gläubigen Orden; So düster es oft und so dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ist's lichter geworden. Ich habe gespeiset; nun speis' ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tasel vergessen. Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort; Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost' und ich schmecke beim Essen. Ich habe getrunken; nun trink' ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Und löset die sklavischen Zungen. Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß: Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die jungen. Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt, Und wird auch kein Schleiser, kein Walzer getobt, So drehn wir ein sittiges Tänzchen. Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch die ein' und die andere nicht. Ihm bleibet ein munteres Kränzchen. Drum frisch nur auss neue! Bedenke dich nicht. Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht, Den kitzeln sürwahr nur die Dornen. So heute wie gestern, es flimmert der Stern. Nur halte von hängenden Köpfen dich fern Und lebe dir immer von vornen. Der Landstreicher schnaubt vernehmlich, er wiederholt die Worte, damkk sie um so gründlicher wirken. „Eine Muschel, zwei Muscheln, drei Mw- schein —" „Eine Perle, eine wirkliche Perle?" stöhnt Hawerseld. „Aber damit war denn auch das Glück vorbei", quält ihn der andere. „Erzähl doch", drängt Hawerseld, „was hast du damit gemacht?" Der Alte starrt tiessinnig ins dunkle Wasser, gleichsam als läge alles, was noch kommen wird, darin verhohlen. Dann hebt er die Lider, streicht mit dem Aermel über die heiße Stirn und holt tief Atem. „Du kannst dir denken, was für ein Geschrei die Welt wegen der Perle gemacht hat. Erst die Zeitungen, dann der Mann, dem Grund und Boden gehörten, denn ein ehrlicher Kerl bin ich nun mal. Und ich wäre das Ding sonst auch nicht losgeworden. ' . Endlich ist ein Kaufmann aus der Stadt, der damals hier herum wohnte, zu mir gekommen. Und er hat gesagt, er wollte mir den Fund eintauschen. Was glaubst du? Er hat mir eine Kate drüben am Dorfrand für die Perle gegeben und noch eine Kuh und ein Stück Kartosfelland dazu. So wahr ich lebe, das hat er getan! Und vielleicht hat er immer noch seinen Verdienst dabei gemacht; aber er sagte, er sei ein rechtlicher Mann und wolle mein Bestes." Hawerseld nickt offenen Mundes. Daß so etwas noch möglich ist! „Du kannst dir vorstellen, ich war guter Dinge und dachte, ich könnte nun in den Tag hinein leben." Der Alte seufzt. „Aber das kommt ganz anders nachher: Wenn man so was erst gefunden hat, dann stellt sich auch die Arbeit ein, Kollege! Die Kuh brüllt, das Feld kann nicht brachlieben bleiben, und du merkst auch, ohne Frau kann einer nicht wirtschaften, sonst zerreißt er sich vor Plackerei. Aber du meinst noch immer, du wurdest es jetzt bald gut haben, und Tabak und was anderes ist ja auch dabei übrig." „Und ein hübsches Weibsbild", lockt Hawerseld. „Was soll man darüber sagen" — jetzt redet der Alte in die leere Luft und bläst die Backen voll —, „du kennst die Frauenzimmer wohl auch, Mann, und wie die freundlich tun und einem den Rock nähen und das Hemd waschen, wenn einer ledig ist und ein Haus dazu hat. Und du weißt vielleicht auch, was sie für ein Gesicht machen, wenn sie einen erst haben. Da heißt es bald den ganzen Tag: ,Los an die Arbeit' und ,Wo hast du dich wieder herumgetrieben?' Aber es war doch ein gutes Weib, das ich mir ausgesucht hatte, und fleißig und sauber war es, das muß ich zugeben. Aber sieh, Nachbar, immer die gleiche Bleibe, das ist doch nichts für unsereins. Ja, und da ist es so gekommen: eines Tages fuhr ein Mann in einem großen schönen Wagen vorbei, der hatte Leitern und Mörser und Holz- pcnttosfeln und solche Sachen verkauft, lauter feste sichere Ware, die ruhig mal auf die Erde fallen kann. Und er hat im Wagen eine kleine Stube gehabt, und hat sich fein Essen drin gekocht, Marie', sag ich, ,das war doch mal etwas für uns. Da können wir uns die halbe Welt ansehen, und weil ich mit den Leuten gut handeln kann, wollen mir bald reich werden. Nun, erst hak sie geheult, aber dann hab ich dem Mann doch richtig den Wagen abgekauft mit allem, was drauf war — da war nämlichst schon längst einer, der hatte es auf meine Kale abgesehen. Und ich sag die Frau war eine gute Frau, wir sind mit dem Wagen von Dorf zu Dorf gezogen, das war ein lustiges Leben. Wahrhaftig, es war ein luftiges Leben, aber es wäre vielleicht noch schöner gewesen, wenn man allein gewesen wäre. So em Weibsbild denkt immer nur cm (Sporen, (Sporen, wo wir bod) von ber ®oie noci) ^$0$ übrig hatten und uns keine Sorgen zu machen brauchten. Und ich sollte bas Geld immer gleich wieder auf die Seite legen, wenn wir verkauft hatten. Auch bann, wenn im Krug ein paar luftige Kerle saßen und vielleicht alte Freunde dabei waren, die man doch nicht umkommen lassen darf. Ich glaub wir verstanden uns nicht. Und eines Tages hielt bas Pferd es auch nicht durch. Und der Wagen war leer und ich hatte eS über; man ist doch nun mal ein luftiger Braunschweiger, das ist doch so „ Marie' sag ich also, ,ich merke schon, das Fahren ist nicht das Richtige sür'dich.' Und weil sie noch einiges in der losen Hand hatte und weil es uns eines Tages so gut gefiel, als wir über einen Fluß übersetzten — Marie', sagte ich zu ihr, ,ich will dir deinen Wunsch erfüllen, wir wollen wieder eßhask werden.' Und wir verhandelten den großen Wohnwagen für gutes Geld und kauften die Fähre. Da konnte die Frau auf Arbeit gehen und ich wartete, daß Leute kamen und Übersetzen wollten. Das war im Anfang wieder recht luftig, denn wir wohnten in einer Kammer beim Bauern. Und Marie war eine tüchtige Frau, im Sommer gab es Arbeit genug für sie. . „ , Aber der, welcher mir die Fähre verkauft hatte, war ein »einiger, das hab ick zu spät gemerkt. Was meinst du? Eines Tages kommen Arbeiter von der Regierung und fangen an, eine feste Brücke über den Nuß zu bauen Ja, ja, so geht das zu. Auf einmal war meine Fahre nur noch altes 60h kein Mensch konnte etwas damit anfangen. Aber meine Marie war tüchtig, das sagte ich schon; sie ist, wahrhaftigen Gottes das alte Holz losgeworden. Dann hat sie uns eine schone Milchztege bafür gekauft; wir hatten ja auch uysere Unterkunft, unb ich bin noch ben ganzen Winter über beim Bauern gewesen. 9 Wie bas aber so ist, roenn’s Frühling wirb — vielleicht bin icf) aua) ein schlechter Kerl —, eines Tages, als bie Ziege gerade gelammt hatte, sagte ich zu Marie: ,Jch muß wohl mal weiter ins Land und Arbeit suchen, Mutter. Bei unferm Bauer ist nichts zu verdienen.' Sie merkt gleich, was los ist und fängt wieder an zu heulen. Aber da kriege ich ben Zorn, wo ich bock alles eingebracht habe, unb ich schrei, wenn ich nicht^rnehr gefiele, bann könnten mir ja gleich teilen unb ich mürbe gehen. Unb sie gibt mir bas Ziegenlamm unb nimmt bie Ziege. Was sollte ich machen? Ich konnte doch mit bem Ziegenlamm nicht bie Straße entlang tippeln, bie Leute hätten schon über mich gelackt. ,Jla, Marie' sag ich, ,schön ist bas nicht von bir, aber mir haben uns eben nie verstauben.' Unb ich bin zum Krämer gegangen unb habe bas Lamm gegen eine schöne Grunbangel eingetauscht, nagelneu unb bunt angemalt, bas Herz konnte einem lachen. Hans im Glück. Von Hans Friedrich Blunck. ■ Klaus Hawerseld findet zwischen den Erlen der alten Mergelkule ben rechten Platz, um heimlich bie Angel auszuwerfen. Die Kühe, die im letzten Jahr von der Koppel herüber weideten, hatten einen Weg zum Wasfer freigehalten. Jetzt steht das Feldstück unter Roggen und die alte Tränke ist zu einer dichten Rasentreppe geworden. Auf einmal, wie Hawerseld gerade Jacke und Schuhe abwirft und es sich behaglich einrichten will, sieht er drüben im Busch einen anderen Angler, der ihn schon eine Weile beobachtet. Unb weil ber Schelm sich über das Fischereirecht nicht recht im Klaren ist, tut er, als wolle er nur eben im Wasser plätschern, holt mit ben nackten Zehen einige Teich- muscheln herauf, öffnet eine unb wirft sie roieber weg. „Die solltest bu lieber liegen lassen", sagt ber von drüben und schiebt ben Kopf vor. Man kann jetzt sehen, es ist ein Berufsgenosse, ein alter graubärtiger Specker, ber sich Karauschen fängt. Hawerfelb gewinnt Mut, er hängt feine Angel geruhig ins Wasfer unb nicht nach bem anbern fröhlich zu. „Warum soll 'ich bie Muscheln liegen lassen", fragt er übermütig, „ich hörte mal, bie Leute hätten Perlen brin gefunben, als bie Zeiten noch besser waren." Der Landstreicher bricht einen Zweig ab. „Da kann man sogar heute noch welche brin finben, sag ich bir." Er wedelt vorsichtig mit dem Busch unb scheucht sich bie Fliegen fort. „Unb einer, bem bas geschehen ist, sitzt bir gegenüber. Aber es klebt Unglück bran, bas haben bie Leute früher auch schon gewußt. Ich fass' keine Muschel roieber an.'' „Das könntest bu mir mal erzählen", sagt Hawerfelb ungläubig. Aber weil es schließlich einerlei ist, ob bie Geschichte wahr ober gelogen ift, roenn es nur recht bunt barin zugeht, setzt er sich breitbeinig, ruckt bie Angelrute zurecht, sucht im Tabaksbeutel nach einigen Krumen unb ru"det sich erwartungsvoll ein Pfeifchen an. Er merkt, der andere brennt drauf, zu reden, und das kommt ihm nicht ungelegen. „Die Geschichte hat nämlich in einer dieser Knien angefangen ' beginnt ber Lanbstreicher unb schiebt ben hageren, weißstoppeligen Kopf aus dem Gebüsch hervor. „Da war ein alter Tippelnder, Puusback mann en wir ihn, der hatte mir gezeigt, wie man die Muscheln aufmacht, nur ganz wenig, damit sie weiterleben, nicht so plump, rote bu eben eine geknackt h ^Hawerfelb steckt ben Vorwurf ein, er ist wißbegierig. „Du hast wirklich ““ Jln^baTift so gekommen", — noch ein Ruck u°ber zum Teich, ber Landstreicher will es beim Reden beguem haben „Also stell dir vor, du sitzest wie heute beim Angeln und läßt dabei, weil es ein heißer lag i t bie Füße ins Wasser rutschen. Unb bu fühlst em Paar TO“fd^f” ben Zehen, genau so, wie es bir eben ging unb benfft oor tang«rroeue an Pausback unb sagst bir: Sieh bod) einmal nach, roas bti . Eine Muschel, zwei Muscheln, bret Muscheln — roas siehst du? Da liegt, wahrhaftigen Gottes, eine bitte gläserne Perle Zwischen ben Schalen. Und ich hab die Angel bis heute behalten, man ist eben doch etwas Besseres damit. Und ich trag, was gibt es Schöneres aus der Welt, als wenn der Frühling anfangt — Kollege, du solltest dich anders herumsetzen, dein Schatten kommt ans Wasser. Wenn wir nachher Karauschen genug haben können wir sie uns braten. Hast du noch Streichhölzer? Ich sehe, du bist ein reicher Mann, Tabak hast du auch noch. Hattest mir langst was abgeben können! Nun, so seid ihr alle, jeder denkt immer zuerst an sich, — patz doch auf, Mann, dein Schatten — aber ich merke du bist em Grüner, Angeln ist kein leichtes Handwerk und will gelernt sein! Geographie. Von C a r l W o l f f. Wenn man sich den Atlas recht betrachtet, hat auch der die Logik nicht gepachtet. Heute suchte ich den Bodensee und fand ihn ganz unten an des Reiches Rand. Oben aber, dicht bei Dänemark, liegt der Kellersee. Ich finde so was stark, wo ein feuchter Keller oben doch so stört und der Boden gar nicht untenhin gehört. unter dem Bezug-, und Amandus äußert sich den ganzen Tag liebevoll über sein Meisterstück: „Ein gutes Bett ist das halbe Leben, laß dir das sagen, Klüsmudderl" spricht er wohlwollend. „Abwarten!" brummt Klüsmudder. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!" , Und richtig, wie Amandus am Abend beim Zubettgehen gerade nut Macht grölt: „He-he-he — Klitten in die See — Slüten in de Supp — schwupp-schwupp-schwupp!" und sich jedesmal bei „schwupp" mit Wollust auf die Matratze fallen läßt, so daß er fast einen halben Meter wieder hochhopst — da kommt er mit eins ins Kullern. „Nanu?" spricht er verwundert: „Klüsmudder, schläfst du schon? Mach' mal Licht an!" „Kinderkram!" schimpft Klüsmudder. Und beim Scheine der Nachtkerze betrachtet Amandus sich seine reparierte Matratze. Klüsmudder aber lacht nur kurz auf und meint: „Du bist mir ja ein schöner Matratzenreparierer — viel zu rund und fest hast du sie repariert — da kann ja kein vernünftiger Mensch drauf liegen!" „Eine Matratze kann in der Mitte nicht fest genug gebuckelt sein!" behauptet Amandus: „Weil sie sich sonst zu schnell wieder einliegt!" Aber gleich darauf brummt er: „Hm!" und probiert anschließend zwölfmal hinter- einander aus, ob er den Matratzenbuckel wohl mit Gewalt wieder ein- drücken kann, bzw. mit ganzer Körperkraft, was ihm jedoch nicht gelingt. „Am besten ist, man nimmt einen Strick und hängt sich auf!" stöhnt er schließlich und liegt die ganze Nacht schlaflos. Drei Nächte lang läßt Klüsmudder ihn auch so liegen, bis sie ihm großmütig ihr eigenes Bett anbietet — sie will mit Amandus' Matratze schon fertig werden! . „Großartig!" meint Amandus und jumpt mit Schwung in Klusmud- ders Bett; aber dann meint er mit Nachsicht: „Laß man, Klüsmudder — diese Matratze kriegst auch du nicht kirre — da gib dir man keine Mühe um!" und schläft wohlig ein. Klüsmudder aber kämpft durch vier Wochen hindurch einen verbissenen Kampf mit Amandus' Matratze — bis sie den Buckel angeblich eingelegen hak. „Mal feh'n!" meint Amandus mißtrauisch und stellt denn auch sofort fest, daß Klüsmudder den Buckel zwar glattgelegen, dafür aber gleichzeitig eine neue Kuhle verursacht hat, was nicht der Zweck war. „Da sieht man mal wieder, wofür Weiber gut sind!" äußert er ingrimmig und läßt sich von nun an von Klüsmudder nicht mehr in feine Matratzenangelegenheit hineinreden. Als erstes läßt er sich z. B. von Stellmacher Luhrs ein Brett mit geölten Scharnieren sowie einem Druckknopfe an der Seite anfertigen — am Bettrand einzubauen, weil die von Klüsmudder verursachte neue Kuhle nach außen zu abschüssig verläuft, so daß er ohne das Brett andauernd herauskullert, mit Brett dagegen gesichert ist und beim Aufstehen nur auf den Knopf zu drücken braucht. Dieses Brett mutz Amandus leider jedoch bereits nach zwei Tagen wieder abmontieren, weil sich herausstellt, daß die geölten Scharniere Kliismudders gute Bettwäsche fettig machen. „Reparier' Matratzen, soviel du willst, sein Vergnügen mutz der Mensch ja hoben!" äußert Klüsmudder erbost: „Aber geh' mir ab mit Fettflecken von Del — dafür bin ich nicht zu haben!" Als zweites besorgt Amandus sich daraufhin heimlich Klüsmudders sämtliche von sechs gerupften Gänsen herrührenden Daunen, stopft sie in einen Sack und schiebt diesen fein in die Kuhle unter das Bettuch: aber der Sack hält nicht dicht, so daß Klüsmudders kostbare Gänsefedern gleich beim ersten Versuch in der Luft Herumwirbeln, und ihm die Daunen daraufhin sofort wieder entzogen werden. Als drittes stopft Amandus feine sämtlichen alten, kaputten Fahrradschläuche in die Kuhle: aber zufolge der nächtlichen Betthitze kleben die Schläuche aneinander fest und ballen sich zu Klumpen, so daß er jeden Morgen mit wundem Rücken aufsteht und sich einmal sogar das ganze Bettuch mitsamt den Schläuchen mit Vorsicht vom Hinterteil loslösen mußte, was nicht ganz schmerzlos abgeht, und wozu Klüsmudder nur höhnisch lacht. Und erst als er sich auf Grund dieser andauernden Mitzersolge so an feine kaputte Matratze gewöhnt hatte, daß er langsam aber sicher in die von seinem Vater ererbte Kuhle hineingewachsen war — da erst hat Amandus den Kamps aufgegeben. Wenn heute von Matratzen die Rede ist, dann spricht er sogar: „Nichts geht über eine Matratze nach Maß — und nichts ist schlimmer als die zu fest gebuckelten Matratzen ...!" Nicht geschenkt will er heute mehr eine Matratze ohne Kuhle haben! Und jeden Abend beim Schlafengehen macht der Forstgehilfe Amandus sich jetzt einen Heidenspaß daraus, daß er das Bettlaken über der Kuhle zunächst mal ganz straff anspannt, so daß die Kuhle äußerlich wie weggeblasen ist: dann befiehlt er sich selbst mit militärischer Stimme: „Een, troee, bree — jupp ...!!!" und springt mit haargenau abgepatztem Schwünge so zielsicher ins Bett, daß er genau in die Kuhle zu liegen kommt! Darin hat Amandus Klüsing von llbberlah mit der Zeit sogar eine Kunstfertigkeit erlangt, auf die er direkt stolz ist. Dreimal hintereinander führt er sein Kunststück unter Umständen vor, wenn er bzw. Klüsmudder guter Laune sind. Niemand hätte das von Amandus, dem ernsthaften, alten Ubberlaher Forstgehilfen mit dem grimmigen Schnurrbart gedacht. Aber so sind die Menschen: im Dienst alte Schnauzbärte — und zu Hause machen sie Kunststücke im Bett! Auch Klüsmudder hätte das nicht von ihrem Amandus gedacht. „Lachhaft!" spricht sie nur jedesmal bei seinen turnerischen Bettübungen und sieht sich dieses alberne Tun eines erwachsenen Mannes mit Mitzbillignng an Aber letzten Endes ist auch Klüsmudder froh, daß sie jetzt ihre Bettruhe zurück hat und die nächtlichen Kämpfe aufgehört haben Jetzt kann sie ihrem Amandus wieder einen Holzspan in den Mund fteJen ober ihn aus Spatz am Futze kitzeln bzw. ihm die Bettdecke wegziehen — davon wacht er nicht mehr auf; besonders nicht, wenn er ihr sein Kunststück beim Zubettgehen ausnahmsweise nicht nur drei-, sonder» aus Spaß sechs- und mehrmal vorgeführt hat! Nie ererbte Bettmatrahe. Eine heitere Geschichte von Bruno Nelissen-Haken. Im allgemeinen hat Amandus Klüsing, der alte Forstgehilfe in Ubber- lah einen festen und gesunden Schlaf; Klüsmudder, seine Frau, kann ihn aus Spatz am Fuße kitzeln oder ihm einen Holzspan in den Mund stecken, bzw. ihm die Bettdecke wegziehen — davon wacht Amandus nicht aus; bann schläft er eben mitsamt dem Holzspane bzw. ohne Bettdecke weiter — und über das Füßekitzeln kichert er sogar im Schlafe. Blotz seitdem er, wegen Kaputtgehens der alten, die von seinem Vater ererbte Bettmatratze vom Kröpelbohn geholt und in Benutzung genommen hat ist es mit Amandus' festem Nachtschlafe aus und vorbei. „So gut erhalten ist sie noch!" seufzt er jeden Abend mißvergnügt: „Wenn bloß die große Kuhle nicht wäre ...I" „Lachhaft!" meint Klüsmudder: „Amandus fein Vater und Großvater hätten bereits in dieser Kuhle geschlafen, ohne dabei zugrundezugehen — dann würde Amandus wohl auch noch damit fertig werden ...!" „Du hast gut trillern, Lerche!" stöhnt Amandus. Seitdem leben Amandus und Klüsmudder in nächtlichem Krache! Gewissermatzen aus Trotz legt Amandus sich zum Beispiel nicht etwa mitten m die Kuhle hinein, wie Klüsmudder ihm dies empfiehlt, sondern sozusagen drumherum, um blotz nicht reinzurutschen. Aber kaum, daß er (legt, kommt ihm die große Unruhe an, daß er entweder einmal kurz mit den Beinen strampeln, ober mit dem einen Fuß auspedden, bzw. ganz schnell einmal geradeaus Hochhopsen muß, wenn er nicht biserig werden will. Bloß einmal umdrehen! denkt er verzweifelt. Und unweigerlich rutscht er bann doch in die Kuhle! Seit Weihnachten ist das so gegangen, und Amandus weiß ein Lied von ererbten Bettmatratzen zu fingen. Wenn er da so liegt und in die Nacht hinaushorcht, wie der Wind in den Bäumen heult und die Fensterläden klappern — und womöglich fällt in der Waschküche ein Eimer von selber um, oder die Rauchhaube am Schornstein fängt an zu quietschen — dann sieht er das Leben doppelt so trübe an. „Dafür lebt und strebt man nun .. .1" murmelt er trostlos: „Daß man in den Nächten keine Ruhe findet!" Sogar bei Tage flüstert er seitdem schon manchmal: „Wenn bloß die Kuhle nicht wäre ...!" vor sich hin, so daß ihn schon manche Leute besorgt ansehen. So gabt das seit Weihnachten, und so wäre es auch noch bis Ostern gegangen. Aber eines Nachts wacht Klüsmudder davon auf, wie plötzlich neben Amandus' Bett einer mit einem Beil zugange ist. „Schreck, laß nach — da ist einer im Zimmer!" stöhnt Klüsmudder. Es ist aber nur Amandus selber. „Mandus — was machst du da ... ??" fragt Klüsmudder bange. Aber Amandus nimmt gerade die große Zimmermannssäge zur Hand und hör» und sieht nichts: „Biest!" knirscht er seine Matratze an: „Aas- komma 't, — jetzt sollst du mich aber mal kennenlernen — dir will ich das ewige Gegenan schon austreiben — verfluchte Matratze!" „M >ndus, geh in dich — bist du krank?" brabbelt Klüsmudder besorgt. Aber Slim-mbus knirscht nur und weist mit zitternder Hand auf die auf- gehackte Matratze. „Und das mitten in der Nacht!" entrüstet sich Klüsmudder, indem sie ihm das Beil nebst Säge mit Gewalt aus der Hand windet . Kinderkram, Unverstand, nächtliche Ruhestörung, Matratzenverderber — woraufhin Amandus aber auch seinerseits loslegt: „Herzloses, ir-oerftänbiges Weib — welches mit ansieht, wie ihr armer Ehemann nächtlich zum Krüppel wirb — wenn bloß sie selber heil unb weich liegt!" Unb hinterher hat Amanbus lange Zeit seufzenb auf seinem Bettrande aesessen. Am nächsten Tage bringt er die Matratze nach eingehender Rücksprache mit S'-'lmacher Lührs aber doch ganz richtig in Ordnung, was sogar Klüsm> dber zugeben muß: fest und prall stehen wieder alle Sprungfedern Bera n «wörtlich vr. Hans Tbhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Untversitäts-Buch. und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen.