GietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Zreitag, den 12. März Nummer 20 Der SieOtin Vornan von Theodor Fontane 14. Fortsetzung. „Das is ja Hartwigs Rudolf", sagte Frau Imme. „Ja, der Junge hat viel Schick. Und wie er da mit dem Reifen spielt, und die Hedwig immer hinter ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig kommt — ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist —, da können Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel. Aber das muh wahr fein, es ist ein reizender Junge." Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme, fkat- durstiq, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen. Hartwig, weil nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen und brachte ledes- mal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig sein, war immer sehr auber gekleidet und von heiter-übermütigem Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich, daß sie mal wieder außer ^'?,Mun°?das ist recht, Hedwig, daß du kommst", sagte Frau Imme. „Rudolfen hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben wärst, denn ich habe dich ja mit ihm spielen sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na wenn er kommt, er soll's haben; Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streujel ungeheuer gern mag. Ader so sind die Engländer, sie sind nicht so zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte bleibt übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder da bist. Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar mcht ordentlich gesehen. Es war ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch gute. Wie war er denn?" "Deine' krausen H^aare werden wohl wieder schuld sein. Die können manche nicht vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann 15 °,Nein^so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. Beinahe r /i „Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer zu anftcmöig^fem.^mme 5Benn einen einer gar nicht ansieht, das ist einem ""^Ach^ Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich nich wüßte, daß" du 'gar nich so bist ... Ader was war es denn?" . „Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder dasselbe. Die Herrschaften können einen nicht richtig un^r- bringen. Oder wollen auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, rote manche hier sagen, die Schlafgelegenheit." „Aber, Kind, wie denn?" Du mußt doch ne Gelegenheit zum Schlafen ^^Geroiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher is ne Gelegenheit. Aber gerade die, die hat man nid). Man ist müde zum Umfallen und kann doch nich schlafen." ',Äa/Frau^Jmme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute Herrschaften waren, und mit Lizzr js es jetzt wieder ebenso Die hat es auch gut un is, wie wenn sie mit dazu S^rte- Meine Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal hab ich es auch fo gut getroffen. Aber bloß das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit." JS?“ lachen? darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, daß Sie lachen. Glauben Sie mir, es is eigentlich Zum Weinen. Und mitunter hab ich auch schon gemeint. Als ich nach Berlin kam, da gab es >a noch die Hängeböden." , , , , .... „ „Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört. „Ja, wenn man davon gehört hat, das is md) viel. Man muß sie richtig kennenlernen. Immer sind sie in der Küche, mitunter dicht an Herd oder auch gerade gegenüber. Und nun steigt man auf eine ß er, und wenn man müde is, kann man auch ^"kersallen Ab r geht es. Und nun macht man die Tur auf und schiebt sich ? hinein, ganz so wie in einen Backofen. Das ts, was sie ne Schlas- gelegenheit nennen. Und ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is es besser, auch wenn Mäuse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer. Draußen sind dreißig Grad, und aus dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob man auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin tarn. Aber ich glaube, sie dürfen jetzt so was nicht mehr bauen. Polizeiverbot. Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die Polizei nich hätten (und sie find auch immer so artig gegen einen), so hätten wir gar nichts. Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle, daß man nicht schlafen kann, der sagt auch immer: Kenn ich; der Bourgeois tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die Menschheit tut, der muß abgeschafft werden'." „Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nun zuletzt warst, auch so?" „Nein, bei Hofrats war es nicht so. Die wohnten ja auch in einem ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt die neuen Häuser sind, da kommen, glaub ich, die Hängeböden gar nich mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben." „Nu, das is aber doch ein Fortschritt." „Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt oder, rote Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat meistens folche Wörter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt." „Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt haben?" „I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie sich hüten. Aber ... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen, Sie wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet waren, und nu haben Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung, und daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und all feine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das edle Pferd. Und außerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie alles is, und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei Hosrats ... Nein, diese Badestube!" „Gott, Hedwig", sagte Frau Imme, „du tust ja, wie wenn es eine Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre." „Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da trinken sie Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was ausbaldowert, aber davon merkt man nichts." „Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar, daß du dich ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch am Ende baden können." m , „Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie ne Badestube. Wenigstens hier nich. Eine Badestube is ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle alten. Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus. Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tür Aber davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen gegen Unanständigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte: .Hedwig, du wirst noch Iesum Christum erkennen lernen/ Und ich muß sagen, das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie weiter nich." Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß draußen die Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte, daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter müsse weg. „Na", sagte Frau Imme, „dann komm nur, Rudolf, un iß erst ein Stück Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater." Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn in das Nebenzimmer, wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skat- tijd) saßen. Ein großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung. Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: „Das ist ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf dem Hofe gesehen habe mit seinem hopp; — nice boy." „ , , . „Ja", sagte Imme, „das ist unferm Freund Hartwig |emer. Hartwig selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: „Na, Rudolf, was gibt’s? Du willst mich holen. Du sollst aber auch noch ne Freude haben. Guck dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht. Das is Robinson." „Haha." , .. , ' „Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das is Robinson?" „3 bewahre, Vater. Robinson, den kenn ich. Robinson hat nen Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon lange dod." 15. Kapitel. Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem Eierhäuschen zurückaekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. Cs entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies, draus „Wiener Würstel" und daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort „Löwenbräu" stand. In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben, zugleich versichernd, „daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke." Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; „der sei freilich in Berlin ebenso gut wie wo anders." Die Baronin hielt aber aus und rührte sich nicht. „Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter." Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da. Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei wurde es kühl, und die Damen wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel. Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich etwas planende Waldemar nach kurzem Auf- und Abschreiten an das in der Nähe befindliche Büfett heran, um da zur Herstellung einer besseren Jnnentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel ausklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte: „Lieber Stechlin, ich beglückwünsche Sie, Das war eine große Idee." „Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, sonst haben wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurück müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, wo solche Heilmittel, glaub ich, fehlen, sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben." „Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen", unterbrach Melusine. „Schwedischer Punsch, für den ich ein liking habe. Wie für Schweden' überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen." „Am liebsten ohne alles Maß", sagte Woldemar, „so skandinavisch bin ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst Meistbegünstigten' unter den Nationen immer noch vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre Spezialgebiete. Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen, von denen man sagen muß, daß sie gut zusammenpassen. Dann kamen die ,Säkerhets Tändstickors', und nun haben wir den schwedischen Punsch, den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl, meine Damen." „Und das Ihre", sagte Melusine, „denn Sie sind doch der Schöpfer dieses glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die Schweden haben noch eins — oder hatten es wenigstens. Und das war die schwedische Nachtigall." „Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit." „Ich müßte", lachte die Gräfin, „vielleicht auch sagen: es fällt vor meine Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen, die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische Nachtigall. Und überhaupt unter anderm Namen." „Ja, ich erinnere mich", sagte Woldemar, „sie hatte sich verheiratet. Wie hieß sie doch?" „Goldschmidt, — ein Name, den man schon um .Goldschmieds Töchterlein' willen gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran." „Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten sie noch persönlich gekannt?" „Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn auch nicht St öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichem Salon. Diese Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich war noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die :Bi!In hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn man Eindruck macht, das behält man. Und nun gar mit vierzehn!" „Die Lind", warf die Baronin prosaisch ein, „soll ihrerseits als Kind sehr häßlich gewesen sein." „Ich hätte das Gegenteil vermutet", bemerkte Woldemar. „Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?" „Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie. Aber lange, bevor ich es da sah, könnt ich es schon en miniature, und Zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle. Diese Kopie hängt über feinem Sofa, dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas sonderbare Zusammenstellung." „Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!" sagte Melusine. „Wissen Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was überhaupt in einem kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah gleichstelle? Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem .Ruppiner Winkel', wie Sie selbst beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor dazu?" „Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen zu verschaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die Dinge meist jo. Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen liegt; aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas sehr Schönes, daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schönste." „Das will ich meinen", sagte die Gräfin. „Und ich dank es Ihnen, lieber Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich Ihnen nicht vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher?" „Ja, mein Lehrer und Erzieher?" Zugleich mein Freund und Berater. Der, den ich über alles liebe." „Gehen Sie darin nicht zu weit?" lachte Melusine. „Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich hätte dessen eingedenk fein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt: ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil er reinen Herzens ist." „Reinen Herzens", sagte Melusine. „Das ist viel. Und Sie sind dessen sicher?" „Ganz sicher." „Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! Da waren Sie neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem mifogenen Prinzen wissen lassen. Und während Sie den in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit feinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich ordentlich. Wie tarn Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen Erzieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden? Und wie kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so selten." Armgard und die Baronin nickten. „Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu hören", fuhr Melusine fort. „Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben, sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt. Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch. Alsa beginnen." „Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist spät dazu, denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer. Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens Lorenzen ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick der Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie ... der Dampfer läutet schon ... wir müssen eilen. Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten!" • Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegefjabten Plätze sofort wieder einnahmen. Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Burgspriet eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von beiden Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte man das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe folgte. Sonst war alles still, so still, daß die Damen ihr Gespräch unterbrachen. „Armgard, du bist so schweigsam", sagte Melusine, „finden Sie nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn Worte gesprochen." „Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen kleidet es zu sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein braucht einen Schweiger." „Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen." „Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich «s nicht. Wer könnt es wünschen?" Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite Lücken aufwies, in tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da, wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen. „Wie schön", sagte Melusine. „Das ist mehr, als wir erwarten durften; Ende gut, alles gut, — nun haben wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag es sein? Welche Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülfen. Ist es Friedrichsfelde?" „Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich. Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke sozusagen auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im ungewissen und freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt es erst eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin gesehen haben, das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit ab, sonst würden wir das Knattern hören und die Kanonenschläge. Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel ober der Uebergang nach Alsen. Uebrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden." „Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben und ihr Vermögen hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wären nun freilich nicht mein Geschmack! Aber Feuerwerk!" „3a, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit zu tun haben, über kurz ober lang in die Lust fliegen." (Fortsetzung folgt.) Mas mir gefällt. Von Theodor Fontane. Du fragst: Ob mir in dieser Welt Ueberhaupt noch was gefällt? Du fragst es und lächelst spöttisch dabei. „Lieber Freund, mir gefällt noch allerlei: Jedes Frühjahr das erste Tiergartengrün, Oder wenn in Werder die Kirschen blühn, Zu Pfingsten Kalmus und Birkenreiser, Der alte Moltke, der alte Kaiser, Und dann zu Pserd, eine Stunde später. Mit dem gelben Streifen der ,f)alberftäbter'; Kuckucksrufen, im Wald ein Reh, Ein Spaziergang durch die Lästerallee, Paraden, der Schapersche Goethekopf, Und ein Backfisch mit einem Mozartzops." lieber die Leistungen von Menschenaffen. Von Dr. Werner Fische!. Wir entnehmen den folgenden interessanten Bericht über Leistungen von Menschenaffen, insbesondere über die Schim- pansen-Versuche des bekannten Tierpsychologen Professor Wolfgang Koehler, dem ausgezeichneten, auch für den Laien leicht lesbaren und vielfach anregenden Buche: Tiere mit Gefühl und Verstand. Eine allgemeinverständliche Darstellung der Forschungsergebnisse über das Seelenleben der Tiere mit praktischen Versuchsanleitungen. Von Dr. Werner Fischet, Leiter der Forschungsstelle für Tierseelenkunde am Westfälischen Zoologischen Garten zu Münster. Mit 100 Abbildungen im Text. Preis in Seinen 3,60 RM. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. Auf der Insel Teneriffa haben deutsche Forscher um die Zeit des Weltkrieges eine Forschungsstelle zur Untersuchung von Menschenasfen, vor allem von Schimpansen, besessen. Nach den Vorarbeiten von Roth- mann und Teuber hat Wolfgang Köhler die Forschung dort auf eine außerordentliche Höhe geführt. Seine Beobachtungen haben der gesamten Seelenkunde sehr viele Anregung gebracht, weshalb wir zunächst aus sie näher eingehen wollen. Köhler hat seine großen Erfolge dadurch erreicht, daß er im Gegensatz zu älteren Forschern seinen Versuchstieren einfache und klar übersehbare Aufgaben stellte, Aufgaben, die noch heute zur Prüfung von Affen unentbehrlich sind, und von denen wir die wichtigsten als wissenschaftliche Versuche einzeln besprechen wollen. Der erste ist der U m w e g v e r s u ch , den wir bei der Untersuchung verschiedener Wirbeltiere schon kennengelernt haben. Köhler betont, daß jeder Schimpanse ohne weiteres um ein Gitter oder ein anderes Hindernis herumgeht, wenn er jenseits ein Ziel erblickt. Das ist in der Regel eine Banane oder eine Kirsche, die man dorthin gelegt hat, um den Affen zu locken. Wie auch schon früher Hobhouse, berichtete Köhler ferner von einem Umwegversuch mit einem Hund. Es ist ein schwieriger Versuch. Aus einem Fenster wird vor seinen Augen Futter auf den Vorplatz hinausgeworfen. Nach kurzem Zögern wendet sich der Hund zur Tür und läuft über den Flur durch die Haustür ins Freie und findet hier das Futter. Beim Umwegversuch ist kein wesentlicher Unterschied zwischen Hunden und Schimpansen zwingend nachgewiesen, wenn wir auch heute wissen, daß es einzelne Hunde gibt, die erst nach einigem Hin- und Herlaufen den richtigen Weg finden. Um so größer scheint der Unterschied zwischen beiden Tierarten nach Köhlers Meinung bei dem Bindfadenversuch zu sein. Dabei befindet sich das Tier in einem Käfig, vor dessen Gitter ein Futterbrocken unerreichbar fern liegt. An dem Lockmittel ist ein Faden angebunden, der bis in den Käfig hineinreicht. Durch seine Hände hat es der Affe leichter als jegliches andere Tier, das Ziel zu erreichen. Und bei zahlreichen, auch von anderen Forschern neuerdings angestellten Versuchen hat jeglicher Affe ohne weiteres zugegriffen und an der Schnur gezogen, bis das Lockmittel in Reichweite lag. Der Hund, den Köhler mit derselben Anordnung prüfte, versagte, so daß der Forscher meinte, ein Hund könne unter diesen Umständen verhungern, ehe er die Lösung der Aufgabe finde. Indessen habe ich selbst gesehen, wie Hunde in einer einzigen Uebungsstunde wohl darauf verfielen, mit dem Fuße so lange an dem Faden zu scharren, bis das Futter näherkam und mit der Schnauze erfaßt werden konnte. Im Gegensatz zum Affen bemüht sich aber der Hund zunächst, das Hindernis entweder zu beseitigen oder zu umgehen. Also beißt er nt Die Stabe des Gitters, versucht sich hindurchzuzwängen und scharrt, vielleicht instinktiv, vielleicht in der Erinnerung an irgendeinen früheren Erfolg. Liegt nun das Lockmittel nicht allzu fern, und ist der Raum zwischen zwei Gitter- ftäben eng, so wird beim Scharren gewissermaßen zufällig auch die Schnur getroffen, und der Hund merkt und hehält, daß das Futter durch die Scharrbewegung am Faden näherkommt. Hunde können unter günstigen Umständen beim Bindfadenversuch das erfolgreiche Handeln erlernen. Ist ihnen nun aber der Affe durch mehr als den Besitz von Händen überlegen? Hat er vor vornherein vorhergesehen, daß das Ziehen am Faden die Frucht näherbringen würde? Letztere Frage brauchen wir vorläufig nicht zu besahen; denn der Affe könnte dem Hunde in noch einer anderen Hinsicht seelisch überlegen sein. Vom Lockmittel werden beide Tiere erregt. Nun wäre es möglich, daß beim Schimpansen die erregende Wirkung des Zieles auch auf benachbarte Wahrnehmungen übergeht. Dann wäre der Faden das Ding, das dem Affen am beachtenswertesten erschiene, so daß er, gewissermaßen auf gut Glück, zieht und Erfolg hat. Daß diese Erklärung nicht zutrifft, werden uns weitere Versuchs- ergebniffe zeigen. Von dem lehrreichen Vergleich zwischen Affen und Hunden müssen wir erst eine Zeitlang abfehen, weil zwei Versuche zu besprechen sind, die seiner Hände wegen allein ein Affe zu beherrschen vermag. Der erste ist der Startversuch. Wie beim Bindfadenversuch liegt das Ziel außerhalb der Reichweite des Tieres vor dem Gitter seines Käfigs. In diesem liegt, nahe bei dem Affen, ein einfacher Stock. Seine Aufgahe besteht nun darin, diesen durch die Gitterstäbe hinauszustecken und die Furcht heranzuscharren. Beim ersten Versuch dieser Art streckt nahezu jeder Schimpanse einen Arm aus dem Käfig heraus, um das Futter unmittelbar zu fassen, was nicht gelingt. Nun ist Enttäuschung die Folge. Ein Schimpanse „schiebt beide Lippen, besonders aber die untere, um einige Zentimeter vor, stößt, während er mit bittenden Augen den Beobachter ansieht und die Hand nach ihm ausstreckt, weinerliche Töne aus und wirft sich schließlich verzweifelt auf den Rücken" (Köhler). Nach der Beruhigung nimmt nun bas Tier den Stock — es ist, als fei ihm plötzlich ein Einfall gekommen — steckt ihn durch das Gitter nach außen und schiebt sich damit das Lockmittel näher. Der Stock ist also gewissermaßen das Werkzeug, mit dem der Schimpanse sein Ziel zu erreichen sucht. Als er dieses Werkzeug sich aber aus kleineren Stöcken zusammensetzen mußte, fand er die Lösung der Ausgabe auf wesentlich andere Weise. Das Ziel liegt weit vor dem Käsig und in ihm zwei Rohrstöcke, die so ineinandergesteckt werden können, daß ein längerer Stock entsteht. Obwohl es ihm vorgemacht wird, hat Köhlers begabtester Schimpanse Sultan es zunächst nicht verstanden, sondern mit den Stöcken einzeln versucht, die Frucht zu erreichen. Eine Weile danach spielte er mit den Rohren, während das Lockmittel noch draußen lag. Dabei kam zufällig das Ende des dünnen Rohres neben das dickere zu liegen, und der Schimpanse schob beide ineinander. Als er nun einen gewissermaßen verdoppelten Stock hat, geht der Affe sofort zum Gitter, steckt ihn hindurch und beginnt, die Banane heranzuscharren. Dabei fällt aber der dünnere Stock aus dem dickeren wieder heraus. Indessen steckt der Asse sie sogleich wieder zusammen und benutzt sie nun erfolgreich als Mittel zum Heran- schasfen der Frucht. Der Unterschied zwischen dem einfachen und dem erschwerten Stock- versuch ist also der, daß ein einfacher Stock nach einigem Zögern ohne weiteres und richtig benutzt wird. Das Zusammenfügen der Stöcke entdeckt der Affe indessen durch Zufall. Was er dabei findet, nutzt er sofort erfolgsgerecht aus. Das Verhalten der Schimpansen bei dem wichtigen Kistenversuch entspricht im wesentlichen ihrem Handeln beim einfachen Stockversuch. Das Ziel hängt bei jenem unter der Decke des Arbeitsraumes, und in der Nähe steht eine Kiste. Zunächst bemüht sich nun jeder Schimpanse, bas Ziel im Sprung zu erreichen. „Sultan gibt bas jedoch bald auf, geht unruhig im Raume umher bleibt plötzlich vor der Kiste stehen, ergreift sie, tontet sie hastig in gerader Linie auf das Ziel zu, steigt aber schon hinauf, als sie noch Meter entfernt ist und reißt sofort, mit aller Kraft springend, das Ziel herunter" (Köhler). Bei weiteren Versuchen hing das Lockmittel so hoch, daß es nur von einem Bau aus mehreren Kisten erreicht werden konnte. Sultan, dessen Leistungen wir hier als Beifpiel anführen, hob auch tatsächlich eine zweite Kiste hoch, als er die erste unter das Ziel geschafft hatte. Es gelang ihm aber nicht, jene auf diese zu setzen. Also folgte ein Wutanfall. Bei einem weiteren Versuch hat er wieder die zweite Kiste ergriffen, nachdem er vergebens von der ersten aus hochgesprungen war. Die zweite benutzt er aber nur, um seine Verstimmung mit viel Lärm austoben zu können. Dann aber war er plötzlich ruhig und stellte die zweite Kiste steil auf die erste. Weiterhin hat der Schimpanse auch drei Kisten aufeinander getürmt. Eine Schwierigkeit überwindet ein Schimpanse dabei aber nie, nämlich die Möglichkeit, daß ungenau aufgesetzte Kisten herabfallen können. Darum ist fein Bauwerk durchweg wackelig und stürzt beim Besteigen oft zusammen. Nun muß mit allem Nachdruck betont werden, daß es nicht angeht zu sagen, der Schimpanse habe kein Verständnis für Gleichgewichtsver- hältnisse, habe keinen Verstand zum Begreifen der Gesetze der Statik oder habe eine nur bas Bauen beherrschend „Intelligenz". Selbverständlich müssen wir fragen, warum eigentlich ber Affe nicht imstande ist, ein feftes Bauwerk zu errichten. Eine befriedigende Antwort haben wir aber erft bann, wenn wir wissen, was in der Seele des bauenden Tieres vor sich geht. Die Leistungen ber Schimpansen lassen sie ohne weiteres allen übrigen Säugetieren überlegen erscheinen. Also muh ihnen irgenbeine bcfonbere seelische Fähigkeit gegeben fein, bie jenen fehlt. Wir nennen sie die Einficht, ein Begriff, den Köhler in bie Seelenkunde eingeführt hat. Ueber bas Wesen ber Einsicht sinb viele Meinungen geäußert worden, und erst in jüngster Zeit haben neue Versuchsergebnisse — also Tatsachen, nicht theoretische Ableitungen — offenbart, worin bie Eigenart ber Einsicht besteht. Dabei hilft, wie bei unseren früheren Betrachtungen auch schon, das Vergleichen ber Leistungen verschiedener Tiere zu einer treffenden Beurteilung ihres Verhaltens. verantwortlich: Dr. Kans Thhriot. — Druck und Beklag: Drühl'iche Univeriitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben. aus von Abenkphaniasie. Von Friedrich Hölderlin. Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäftiger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig; warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimel blühet ein Frühling auf; unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leidl — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber; dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich. — Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja, , du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Oer Kriegsgott auf dem Lande. Von Julius Zerzer. Bilden wir uns nicht ein, die Menschen der Barockzeit wären Stuck gewesen. Oder aus kaltem Marmor. Wenn auch ein paar ihnen gewürdigt wurden, als idealisierte Skulpturen auf die Nachwelt herabzuschauen. Aber im übrigen waren es eben Menschen aus Fleisch und Blut, und die Großartiakeit ihrer Bilder und Bauten war der Aus- flutz ihrer unerschöpflichen Lebenskraft, die sich in Staatsaktionen und auf dem Kriegstheater, in üppigen Festgelagen und prahlerischen G.ewalt- ritten ebenso offenbarte wie in dem trunkenen Pathos einer leidenschaftlich erregten Kunst. Ein solcher Barockmensch, kein unscheinbarer und namenloser, aber doch auch keiner von den Gewaltigen, deren Name einem Jahrhundert Gehalt verleiht war Graf Sigmund von Trautmannsdorf, ein tüchtiger Reiter- general aus altem österreichischem Adel, ein kühner Draufgänger, über und über mit Narben bedeckt. Zuletzt noch diente er unter dem großen Eugen in der Lombardei, freilich weniger ruhmreich, als er es wünschen mochte, denn er war mittlerweile — wie es denn im Ablauf der Zeilen liegt — ein altersgrauer und wohl etwas eigensinniger Mann geworden. Allein, ob siegreich oder geschlagen, er blieb doch Edelmann und Soldat sein ganzes Leben. Sein sonderliches Gefallen aber galt allen seltsamen, ungewöhnlichen Dingen, allem, was wettert und kracht und Furore macht. Das bewies er nicht zuletzt unter durchaus friedlichen Umständen, die feine kriegerischen Abenteuer zeitweilig unterbrachen, und die ihn wohl zu idyllischer Ruhe hätten verlocken können: nämlich in jenen Wochen und Monaten, da er in ländlicher Abgeschiedenheit auf Schloß Trautenfels hauste, das am Fuße der Grimming im lieblich stillen Ennstal gelegen ist, und das er im Jahre 1684 von einem steirischen Vetter unversehens geerbt hatte. Ein schönes, erst kürzlich von Grund auf erneuertes Schloß am Ufer der grünen Enns, eine reichliche Anzahl von Dörfern, die ihm untertänig und pflichtig waren, und endlich — daß es an einem guten Trunk nicht fehle _ ein paar Weingärten in Luttenberg: das war denn eine recht erfreuliche Sache, ein unverhofftes Glück für einen unftäten Söldnerführer, der sich bald in Wien, bald in Dresden um ein Kommando bemühen mußte und zwischendurch, wenn gerade unglückseliger Weise Frieden herrschte oder man von seinen Diensten nicht Gebrauch machen wollte, wie ein entlassener Kriegsknecht im Trocknen saß. So kam es denn, daß unser Graf nicht so bald von feiner Herrschaft Besitz ergriff, als er auch schon daranging, die Feste — denn das Schloß war immerhin von einer leidlichen Mauer umgeben — mit militärischen Blicken zu mustern und alles Nötige vorzusehen. Alles Nötige? Nun, ein Feind war freilich nicht in der Nähe, auch keine feindliche Grenze, noch war zu vermuten, daß es jemals den Türken oder den Franzosen beikommen würde, bis in diese entlegene Einsamkeit vorzudringen. Aber das alles war noch kein genügender Grund um mit der Wehrhaftmachung des Schlosses auch nur einen einzigen Tag zu zögern. War doch — das ersah der Graf auf den ersten Blick — die Oerilichkeit zur Verteidigung wie geschaffen. Auch hatte es fein Vorgänger nicht versäumt, das Dringendste vorzukehren, wiewohl seine Maßnahmen eher den löblichen Willen erraten liehen, als daß sie etwas in militärischem Sinne Einwandfreies geleistet hätten. Immerhin, da gab es ein Zeughaus mit alten Feldschlangen und Haubitzen, eine Rüstkammer mit verrosteten Rohren und Partisanen mit verstaubten Pulverhörnern und verkrümmten Muskelengaaeln. nut schar- tiqen Haudegen und verbeulten Sturmhauben, mit rußigen Kurasten und zerschlissenen Bandelieren. Besser als nichts. Und ferner, da waren die Bastionen, fünf an der Zahl, die gar beziehungsreiche und trotzige Namen führten: die eine „Friedrichs-Bastei , die andere „Siegreich , die dritte Luginsland", die vierte „Scharfenegg und die fünfte. „Sieh dich für". Jawohl sie sollten sich fürfehen, die es sich einfallen liehen, auf diese Bastionen zum Sturm zu blasen. Zwar, aus den Böschungen wucherte Üppiges Strauchwerk. Zeichen eines lässigen, trägen Vertrauens auf den ewigen Frieden. Nun gut, hier konnte man abholzen. Dann war der Ausblick frei und das Schußfeld leicht zu bestreichen Sodann: den Mauern fehlten die Schießscharten. Sollte man es für möglich halten? Man hatte sie einfach vergessen! Nun, die Scharten würden in wenigen Tagen gebrochen sein, und es war zu wetten, daß bann die Mauer, die letzt viel eher der eines Gartens glich, einen ganz martialischen Anblick gewahren würde. Bevor es möglich war, alle diese Verbesserungen ins Werk zu setzen, lieh Graf Sigmund doch wenigstens seine Kanonen auf die Basteien schaffen, um sie zum Zeichen, daß er das Kommando über tue Festung ergriffen hatte, feierlich loszubrennen. Ja, das krachte doch frisch und belebend, rollte und dröhnte nach allen Seiten, so daß das Ennstal auf geziemende Weise erfuhr, der neue Gutsherr fei zu Trautenfels e.nge- waen Aber für diesmal war es nur ein bescheidenes Vorspiel. Eigentlich wollte er bloß die Stimme der einzelnen Stucke Horen, damit sie ihm nicht mehr so fremd und stumm gegenüberftünben. So wie ein Mann, der einen vollen Vogelkäfig geerbt hat, den begreiflichen Wunsch empfindet, seine Vöglein zwitschern zu hören. Dabei galt es, die aus der rühmlosen Menge der Namenlosen herausgehobenen Stücke auf ihre Treffsicherheit zu prüfen. Denn wer einen stattlichen Namen führt, der soll ihm auch Ehre machen. Leider zeigte es sich daß die soeben getauften Stücke in dieser Hinsicht hinter ihren erlauchten Namensschwestern merklich zurückstanden. Man schoß nach dem Ziel und wählte dabei — man soll seine Ansprüche nicht übertreiben — keine allzu große Distanz, etwa fünfhundert bis sechshundert Schritt, auch war die Scheibe von beträchtlichem Ausmaß, da es bekanntlich wenig Klugheit verrät, wenn man mit Kanonen nach Spatzen schießt. Dennoch, trotz dieser günstigen Umstände fiel das Ergebnis recht kläglich aus. Man hätte schon eine ganze Armee zum Gegner haben müssen, um nut solchen Kanonen sein Ziel zu treffen. Da aber dieser Fall bei der Entlegenheit des Schlosses nicht sehr wahrscheinlich war, so verschrieb sich der Graf einen Büchsenmacher aus Graz, damit der empfindliche Mangel alsbald behoben würde. In den folgenden Tagen und Wochen wurden nunmehr die Kanonen geputzt und gefegt, die Batterien instandgesetzt, das Buschwerk geschlagen, das Zeughaus, damit die Stücke nicht auf der bloßen Erde stehen mußten, mit Brettern belegt, Lunten und Pulver beschafft, das Pulver in kleine Fäßchen verteilt, — was bei einer Beschießung von Vorteil war, da so nicht alles auf einmal in die Luft fliegen konnte, — ja, der Graf verfaßte eme gründliche Instruktion zur Defenbierung des Schlosses und legte sie zu Händen des Pflegers, kurz, alles Erdenkliche ward gewissenhaft vorgekehrt, um die Festung für jeden möglichen Kriegsfall bereitzuhalten. Graf Sigmund, der in Dresden vom Geschützwefen etwas gelernt und • gesehen hatte, sich auch darauf verstand, Raketen und Leuchtkugeln, Feuerballen, Trauben und Korbhagel herzustellen, hatte Zeughaus und Rüstkammer verschwenderisch ausgestattet. Nicht nur im Schlosse selbst ging es kriegerisch her, sondern auch die ganze Umgebung, das ganze lange Ennstal bis hinunter zu den Adrnonter Bergen, bekam von diesen Vorbereitungen etwas zu hören oder wohl gar ein schauerliches Schauspiel zu sehen. Denn wenn bei Tage die Haubitzen und Falconen ihre rauhe Stimme ertönen ließen und die Handgranaten dazwischen krachten, so stiegen nächtlicherweile die Raketen und Feuerkugeln zum Himmel, ober es schwärmten bie Feuerpfeile. Nun ist das Ennstal, wie wir schon sagten, gar still und verschwiegen in seine Berge hineingebettet. Begreiflich daher, daß der feit Menschen- gedenken nicht mehr gehörte Kanonendonner und der nächtliche Feuerregen das idyllische Dasein friedlicher Bürger und verlassen hausender Bauern gewaltig erschütterte. Es war wie im Märchen von Dornröschen. Ein hundertjähriger Schlaf war gestört, ein jähes Erwachen schreckte Menschen und Tiere auf. Allein es war nicht der scheue Kuß des durch die Dornenhecke gedrungenen Prinzen, der den erstaunlichen Wandel bewirkte. Der kriegerische Tumult des Grasen riß mit rauher Soldatenfaust die Stille entzwei. Und die Leute bekreuzten sich, wenn plötzlich die Stimme des Donners die wackligen Fensterladen erzittern ließ. Sanft aber mag es wohl fein, daß hier wie dort die eingefdjlafenen Tauben zu kreisen begannen, daß die Hunde in die Höhe fuhren und ein Gekläff erhoben, daß die Pferde sich rüttelten und mit den Hufen stampften, baß vielleicht eine Ohrfeige, bie gerabe im Zuge war, mit um so kräftigerem Schwünge ihr Ziel erreichte. In ber heiligen Christnacht geschah es, ba ließ ber Graf, ber mittler- weile feine Festung in jeher Hinsicht bewaffnet hatte, ben Auswanb feiner kriegerifchen Mittel zur höheren Ehre Gottes sich voll entfalten: brei Dutzend Raketen fliegen in bie geweihte Nacht, so daß ihr Schein fast bis hinüber nach ben zerklüfteten Felsenmauern bes Grimming reichte. Und zur Feier der Mette dröhnte eine dreifache Salve aus allen Stücken. Weiß nicht, ob sie die Bürger und Bauern vom Frieden auf Erden besonders eindringlich überzeugte. Der Graf auf alle Fälle war mit der Wirkung zufrieden. Er stellte sich den Engelsgesang nicht viel anders und gewiß nicht viel schöner vor. Mit dem Lächeln eines siegreichen Feldherrn auf seinem narbigem Antlitz, das von der kalten Schneenacht gerötet war, trat er munter unter die guten Leute, die sich nach der Mette am Aus- I gang der Schloßkapelle züsammenfanden: „Nun, hat's gekracht?"