GichenerZaimIienbliitter ( ■> Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1937 __Montag, den U- Oktober Hummer 79 ugenie öranbd ROMAN von Honore de Balzac 8. Fortsetzung. Grandet sah seine Tochter an und sand kein Wort der Erwiderung. Er selber war doch auch ein wenig Vater. Nachdem er ein paarmal im Saal auf und ab gegangen war, stieg er plötzlich nach oben in sein Kabinett, um dort eine Geldanlage in Staatsrenten zu überlegen. Seine zweihundert Ar abgeholzter Wald hatten ihm sechshunderttausend Franken eingebracht; schlug er hierzu das Geld für seine Pappeln, seine Einkünfte des vergangenen und laufenden Jahres ohne die zweihunderttausend Franken aus dem eben abgeschlossenen Verkauf, so konnte er eine Summ" von neunhunderttausend Franken zusammenbringen. Die zwanzig Prozent, die man in kurzer Zeit an den Renten, die auf siebzig Franken standen, verdienen konnte, lockten ihn. Er rechnete seine Spekulation auf der Zeitung aus, in der die Nachricht vom Tode seines Bruders stand, und hörte dabei das Stöhnen seines Neffen, ohne darauf achtzugeben. Nanon klopfte an die Wand, um ihren Herrn zum Herunterkommen zu nötigen, das Essen war fertig. Im Hauseingang und auf der letzten Treppenstufe sagte Grandet zu sich selbst: Da ich acht Prozent Zinsen kriege, werde ich das Geschäft X machen. In zwei Jahren habe ich dann fünfzehnhunderttausend Franken, die ich mir in Paris in gutem Gold auszahlen lasse. — „Na, wo ist denn mein Neffe?" „Er sagt, daß er nichts essen will", sagte Nanon, „das ist nicht gesund." „Dafür sparsam", erwiderte ihr Herr. „Das — stimmt", sagte sie. „Bah, er wird nicht ewig weinen. Der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald." Das Essen verlies auffallend schweigsam. „Mein Lieber", sagte Frau Grandet, als abgeräumt lvar, „wir müssen Trauer anlegen." „Wahrhaftig, Frau Grandet, Sie wissen nicht, was Sie ausdenken sollen, um Geld auszugeben. Die Trauer ist im Herzen und uicht in den Kleidern." „Aber die Trauer um einen Bruder ist unerläßlich, und die Kirche befiehlt uns ..." „Kaufen Sie sich Ihre Trauer von Ihren sechs Louis. Mir geben Sie einen Flor, das genügt mir." Eugenie hob die Augen zum Himmel, ohne ein Wort zu sagen. Zum erstenmal in ihrem Leben wurden ihre freigebigen Neigungen, die eingeschläfert und unterdrückt worden waren, aber plötzlich erwachten, jeden Augenblick verletzt. .Dieser Abend war dem Anschein nach tausend Abenden ihres einförmigen Lebens ähnlich, aber in Wirklichkeit war er der furchtbarste. Eugenie arbeitete, ohne den Kopf zu heben und benuüte das Arbeitskästchen nicht, das Charles am Abend vorher nicht gewürdigt hatte. Frau Grandet strickte ihre Pulswärmer. Grandet drehte vier Stunden lang die Daumen, in Berechnungen vertieft, deren Ergebnis morgen Saumur verblüffen sollte. Niemand besuchte an diesem Tag die Familie. Augenblicklich hallte die ganze Stadt wider vom Gewaltstreich Grandets, dem Bankrott seines Bruders und der Ankunft seines Neffen. Im Bedürfnis, sich über ihre gemeinsamen Interessen zu besprechen, waren alle Weinbergbesitzer der oberen und mittleren Gesellschaft zu Herrn des Grassins gekommen, und schreckliche Verwünschungen wurden da gegen den ehemaligen Bürgermeister laut. Nanon spann und das Geräusch ihres Rades war der einzige Laut, der sich unter der angegrauten Decke des Saales hören ließ. „Wir schonen unsere Zungen", sagte sie und zeigte ihre weißen großen. Zähne, die aussahen wie geschälte Mandeln. „Man muß alles schonen", sagte Grandet und erwachte aus seinem Nachdenken. Er sah acht Millionen in drei Jahren vor sich und schwamm im Geist auf dieser breiten Fläche von Gold dahin. „Gehen wir schlafen. Ich werde meinem Neffen irrt Namen aller Gute Nacht sagen und sehen, ob er etwas zu sich nehmen will." Frau Grandet blieb auf dem Treppenabsatz der ersten Etage stehen, um die Unterhaltung zwischen Charles und dem Alten zu hören. Eugenie, mutiger als ihre Mutter, stieg zwei Stufen höher. „Na, lieber Neffe, bist du traurig? Jawohl, weine, das nt natürlich. Ein Vater bleibt immer ein Vater. Aber wir müssen unser Unglück mit Geduld tragen. Ich beschäftige mich mit dir, während du weinst. Ich tun nämlich ein guter Onkel. Also Mut! Willst du ein kleines Glas Wein trinken? Der Wein kostet in Saumur nichts, man bietet hier Wein an, wie in Indien «ne Tasse Tee. Aber", fuhr Grandet fort, „du bist ohne Licht. Schlimm, schlimm! Man muß klar sehen, was man tut." Gxandet ging zum Kamin. »Nanu!" ries er aus, „da steht ja eine Wachskerze. Wo zum Teufel hat mau dre Wachskerze aufgegabelt. Die Weiber werden mir noch das Dach überm Kopf abreißen, um dem Jungen eine Extrawurst zu braten." Als sie diese Worte hörten, liefen Mutter und Tochter in ihre Zimmer und verkrochen sich in ihre Betten mit der Geschwindigkeit von erschreckten Mausen, die in ihre Löcher huschen. „Frau Grandet, Sie haben also einen Schatz?" sagte ihr Mann, als er ms Zimmer seiner Frau trat. „Mein Freund, ich bete, warten Sie", antwortete mit aufgeregter Stimme die arme Mutter. „Der Teufel hole deinen lieben Gott", murmelte Gründet in sich hinein. Die Geizhälse glauben nicht an ein zukünftiges Leben. Die Gegenwart bedeutet alles für sie. Diese Bemerkung wirft ein schreckliches Licht auf die gegenwärtige Zeit, wo wie zu keiner andern von Geld die Gesetze, die Politik und die Sitten beherrscht werden. Erziehung, Bücher, Menschen, Theorien arbeiten alle zusammen darauf hin, den Glauben an ein zukünftiges Leben zu unterwühlen, auf den sich das Gebäude unserer Gesellschaft seit achtzehnhundert Jahren gestützt hat. Jetzt ist der Sarg ein wenig gefürchteter Uebergang. Dre Zukunft, die uns jenseits des Requiems erwartete, ist in dre Gegenwart verlegt worden, per fas et nefas zum irdischen Paradies des Luxus' und der eitlen Genüsse zu gelangen, fein Herz zu verhärten und den Körper zuckasteien im Hinblick aüf vergänglichen Besitz, wie man früher das Martyrium des Lebens im Hinblick auf die ewigen Güter litt, das ist der allgemeine Gedanke. Ein Gedanke, der überdies allenthalben schriftlich ausgearbeitet wird, selbst bis in die Gesetze hinein, die den Gesetzgeber fragen: Was zahlst du? statt zu ihm zu sagen: Was depkst du? Wenn diese Auffassung der bürgerltchen Kreise auf das Volk übergeht, was soll dann aus dem Land werden? „Frau Grandet, bist du fertig?" sagte der alte Böttcher. „Mein Freund, ich bete für dich." „Sehr schön. Gute Nacht. Morgen früh werden wir uns unterhalten." Die arme Frau legte sich schlafen wie der Schüler, der seine Aufgabe nicht gelernt hat und sich davor ängstigt, nach dem Erwachen das erboste Gesicht seines Lehrers zu sehen. Gerade, als sie sich vor Furcht in ihre Bettdecke einwickelte, um nichts mehr zu hören, schlich Eugenie zu ihr, im Hemd, barfuß und küßte sie auf die Stirn. „Ach, liebe Mutter", sagte sie, „morgen werde ich ihm sagen, daß ich schuld bin." „Nein, er würde dich nach Noyers schicken. Laß mich nur machen, er wird mich nicht fressen." „Hörst du, Mama?" „Was denn?" „Ach Gott, er weint immer noch." »Geh doch schlafen, Kind. Du wirst deine Füße erkälten, der Boden ist feucht." So verlief dieser ernste Tag, der auf dem ganzen Leben der reichen armen Erbin lasten sollte; ihr Schlaf war in dieser Nacht nicht so tief und nicht fo unschuldig wie bisher. Ziemlich häufig erscheinen manche Handlungen im menschlichen Dasein, dichterisch gesprochen, unwahrscheinlich, obwohl sie wahr sind. Aber liegt das nicht daran, daß man es fast immer unterläßt, über unsre plötzlichen Entschlüsse gewissermaßen ein psychologisches Licht zu halten, und daß man die Beweggründe nicht erklärt, die sich geheimnisvoll entwickeln und die Handlung notwendig gemacht haben. Vielleicht müßte die tiefe Leidenschaft von Eugenie in ihre zartesten Fasern analysiert werden; beim sie wurde, wie Spötter sagen würden, eine Krankheit und beeinflußte ihr ganzes Leben. Aber viele Leute leugnen lieber, daß sich seelische Lagen aus langsamer Entwicklung ergeben, als daß sie die Stärke der Bänder, Knoten, Verhaftungen messen, die insgeheim eine Tat an die andere schweißen in der sittlichen Welt. Hier nun bürgt die Vergangenheit von Eugenie den Beobachtern der menschlichen Natur für die Naivität ihres unvorbedachten Handelns und für die Unmittelbarkeit des Ueberströmens ihres Herzens. Je ruhiger ihr Leben gewesen war, desto lebhafter entwickelte sich das weibliche Mitleid in ihrer Seele. Aufgeregt durch die Ereignisse des Tages, erwachte sie mehrere Male, um aus ihren Vetter zu horchen, und sie glaubte die Seufzer zu hören, die seit dem Abend in ihrem Herzen wiedertönten, bald sah sie ihn vor Kummer vergehn, bald bildete sie sich ein, er müsse vor Hunger umkommen. Gegen Morgen hörte sie ganz bestimmt einen schrecklichen Ausruf. Augenblicklich kleidete sie sich an und lief in der Dämmerung ganz leise zu ihrem Vetter, der feine Tür ausgelassen hakte. Die Kerze war in der Lichtmanschette des Leuchters ausgebrannt. Von der Natur überwältigt, schlief Charles angekleidet in einem Sessel, den Kopf über das Bett gelegt; er träumte wie Menschen mit leerem Magen. Eugenie konnte meinen, wie ihr ums Herz war, sie konnte dies junge, schöne, schmerzlich verzogene Gesicht bewundern, die von Tränen geschwollenen Augen, die noch im festen Schlaf weiter zu meinen schienen. Charles erriet sympathetisch die Gegenmart seiner Cousine, er öffnete die Augen und sah sie mit Rührung. „Verzeihung, liebe Cousine", sagte er, er mußte offenbar nicht, welche Zeit es mar, noch wo er sich befand. ein Essen gibt.' (Sortierung folgt.) „Vetter!" „Cousine!" „Wollen Sie im Saal frühstücken oder in Ihrem Zimmer?" „Wo Sie wollen!" „Wie geht es Ihnen?" „Ach, liebe Cousine, ich schäme mich, Hunger zu haben." Diese Unterhaltung durch die Tür hindurch war für Eugenie eine ganze Romanhandlung. , „Nun, dann bringen wir Ihnen das Frühstück in Ihr, Zimmer dam t mein Vater sich nicht ärgert.". Sie flog in bte Küche hmab mit der Leichtigkeit eines Vogels. „Nanon, mach' doch sein Zimmer." Diese Treppe, auf der sie so oft hinauf und herunter gegangen war, aus der man das kleinste Geräusch hörte, schien Eugenie den Charakter der Altersschwäche verloren zu haben; sie schien ihr hell, sie sprach zu ihr, sie war jung wie sie selbst, jung wie bte Liebe, bet sie diente. Und auch ihre Mutter, ihre gute nachgiebige Mutter, wollte gern den Wünschen ihrer Liebe Beistand leisten, und als Charles' Zimmer gemacht war, gingen sie alle beide, dem Unglücklichen Gesellschasi leisten; befahl die christliche Barmherzigkeit nicht, ihn zu trösten? Die beiden Frauen schöpften aus der Religion ein gut Teil kleiner Sophismen, um ihren verbotenen Wandel zu rechtfertigen. So sah sich Charles Gründet von der liebevollster und. mmg. sten Fürsorge umgeben. Sein bekümmertes Herz empfand lebhaft den Trost dieser milden Freundschaft, dieses seltenen Mitgefühls, das biefe beiden stets unterdrückten Seelen im Augenblick, wo sie sich frei fühlten, -u entfalten wubten hier im Bezirke der Leiden, ihrer natürlichen Sphäre. Durch ihre Verwandtschaft fühlte Eugenie fich berechtigt, die Wäsche und die Toiletten- gegenstände, die ihr Vetter mitgebracht Hatte, zu ordnen^ und siekonne nack Herzenslust jede kostbare Spielerei, all bte aus Silber unb Gold gearbeiteten Kinkerlitzchen bewunbern, bte ihr unter die Hänbe karntzn und die sie lange sesthielt unter dem Vorwand, sie zu überprüfen. Charles fah nicht ohne tiefe Rührung die hochherzige Anteilnahme, die ihm seine Tante unb Cousine entgegenbrachten, er kannte bte Gesellschaft von Pans gut genug, um zu wissen, daß er in seiner Lage dort nur gefühllos und kalte Herren gefunden hätte, Eugenie erschien ,hm ,n dem ganzen Glanz ihrer eigenartigen Schönheit, jetzt bewunderte er ihr unschuldiges Benehmen, über das er sich am ersten Abend lustig gemacht hatte. Und als Eugenie Nanon den Steinguttops mit Kaffee und Rahm aus der Hand nahm, um mit der ganzen Unbefangenheit ihrer Zuneigung ihrem Vetter elnzuschenken, wobei sie ihm einen freundlichen Blick zuwarf, da wurden die Augen des Parisers feucht; er ergriff ihre Hände und küßte sie. „Aber, was haben Sie denn wieder?" fragte sie. „Ach, das sind Tränen der Dankbarkeit", antwortete er. Eugenie wandte sich hastig zum Kamin und nahm die Leuchter. „Nanon, hier, trag die fort“, sagte sie. Als sie ihren Vetter ansah, war sie zwar noch rot, aber wenigstens konnten ihre Blicke lügen und verrieten nicht bte überschwengliche Freude, die ihr Herz überflutete; aber beider Augen druckten das gleiche Gefuh aus, und ihre Seelen gaben fich dem gleichen Gedanken hm: d,e Zukunft ge hörte ihnen. , Diese liebreiche Stimmung war um so köstlicher für Charles inmitten seines unendlichen Kummers, als sie so gar nicht erwartet war. Em Hammer- chlag rief die beiden Frauen an ihre Plätze zuruck. Zum Gluck konnten sie d nell genug die Treppe hinabeilen, um bei ihrer Arbeit zu em, als Grandet hereinkam; wenn er sie im Treppenhaus getroffen hätte, so hatte das genügt, um seinen Argwohn zu erregen. Nach dem Frühstuck, das der Alte im Stehen abmachte, kam der Waldhüter, dem seme versprochene Cmt> schädigung noch nicht bezahlt worden war, aus Froidsond an und brachte einen Hasen, im Park geschaffene junge Rebhühner, Aale und zwei Hechte, die die Müller abliefern mußten. „Ei, fieh da! der gute Cornoiller kommt ja wie gerufen. Das wirb schmecken, was?" „ „Ja, lieber gnädiger Herr, das ist die Beute der letzten beiden Tage. ''.Los, Nanon, hurtig!" sagte der Alte. „Nimm das hier zum Mittagessen heute; ich habe zwei Cruchots eingeladen." Nanon riß die Augen auf und blickte im Kreis herum. „So was!" sagte sie. „Aber wo soll ich Speck und Gewürze hernehmen?" „Liebe Frau", sagte Grandet, „gib Nanon sechs Franken und erinnere mich daran, daß ich guten Wein aus dem Keller hole." „Und nun, Herr Grandet", sing der Waldhüter wieder an, der seme Rede vorbereitet hatte und seine Gehaltssrage zum Schluß bringen wollte, „Herr Grandet..." t... „Ta, ta, ta, ta", sagte Grandet, „ich weiß, was du sagen willst; du bht ein guter Kerl: morgen wird sich das sinden, ich bin zu beschäftigt heule. Liebe Frau, gib ihm fünf Franken", sagte er zu Frau Grandet. Er räumte das Feld. Die atme Frau trat nut zu glücklich, mit elf Franken den Frieden erkaufen zu können. Sie wußte, daß Grandet vierzehn Dage lang Ruhe geben würde, während er ihr auf diese Werse Stück für Etna ihr Geld wieder abnahm. , . .. . _„h „Hier, Cornoiller", sagte sie und drückte ,hm zehn Franken in bte Hano, „später werben wir deine Dienste belohnen." Cornoiller hatte nichts dagegen einzuwenden. Er zog ab. „Madame", sagte Nanon, die ihre schwarze Haube ausgesetzt und 'Yten Korb genommen hatte, „ich brauche nur drei Franken, behalten Sw den Rest. Wirklich, es langt auch so." „Mach uns ein gutes Essen, Nanon, mein Vetter wird herunterkommen » , schieden geht hier etwas Außergewöhnliches vor", sagte Frau 1 Grandet. „Das ist erst das drittemal seit unserer Hochzeit, daß dem Vale Es aibt Herzen hier, die Sie verstehen, Vetter, und wir haben geglaubt, dah 'Sie^vielleicht irgend etwas brauditen. Sie sollten ins Bett gehen. S»e machen sich zu müde, wenn Ste so bleiben.“ „Das ist richtig." „Nicht wahr, adieu." Sie entschlüpfte, beschämt und beglückt darüber, daß sie gekommen war. Nur die Unschuld wagt solche Kühnheit. Wissend berechnet auch die Tugend aenau wie das Laster. Eugenie, die neben ihrem Vetter nicht gezittert batte konnte sich kaum auf den Füßen halten, als sie tn ihrem Zimmer antam. Plötzlich war es mit ihrem gedankenlosen Dahmleben vorbei, sie überlegte, sie machte sich tausend Vorwürfe. Was für eine Meinung wird er von mit bekommen? Es wird denken, daß ich ihn liebe. Just das war es was sie am allermeisten wünschte, daß er denken mochte. Die echte Liebe weiß ohne es gelernt zu haben, daß Liebe Liebe erzeugt. Welch ein Er- eiani's für dies einsame junge Mädchen, auf diefe Weife heimlich zu einem jungen Mann gegangen zu fein. Und es gibt Gedanken und Handlungen, die in der Liebe bei manchen Seelen heiligen Verlöbnissen gletchkommen. Eine Stunde später ging sie zu ihrer Mutter hinein, undhalfchrwiege- wöhnlich beim Anziehen. Dann setzten sich beide auf ihre Platze vorm Fenster und warteten auf Grandet nut der Aengstlichkett, bte, je nach dem Charakter, einem kalt oder heiß macht, das Herz zusammenzieht oder ftattern läßt, wenn man eine Szene, eine Strafe fürchtet. Diese Stimmung ist übrigens etwas so Natürliches, daß selbst die Haustiere sie bis zu dem Grade haben, daß sie bei dem kleinen Schmerz einer Abstrafung schreien, während sie ruhig sind, wenn sie sich aus Versehen weh tun. Der Alte kam herab, aber er sprach zerstreut mit seiner Frau, küßte Eugeme und setzte sich zu Tisch, augenscheinlich, ohne an seine Drohung vom Abend vorher zu denken. „Was macht denn mein Neffe? Der Junge stört uns nicht." .'.Herr, er schläft", antwortete Nanon. „Um so beffet, bann braucht er keine Wachskerze", sagte Grandet im Ton'eines Scherzes. Diese ungewöhnliche Milde und spöttische Heiterkeit machte Frau Grandet betroffen, die ihren. Mann sehr aufmerksam ansah. Der Alte nahm Hut und Handschuhe und sagte: „Ich will zum Markt schlendern, um unfern Cruchot zu treffen." '.Eugenie, der Vater hat entfchieden irgendwas." Es war so, daß Grandet, der wenig schlief, die Hälfte seiner Nächte »u vorläufigen Berechnungen benutzte, die feinen Ansichten, .öemenungen unb Plänen ihre erstaunliche Richtigkeit gaben und ihnen ben beständigen Erfolg sicherten, über ben sich bie Saumuraner zu Tode wunderten. Alles menschliche Können ist eine Summe von Geduld und Zeit. Manner von Macht wollen und'wachen. Das Leben des Geizhalses ist eine beständige Ausübung der Macht im Dienst der Person. Er verlaßt sich nur auf zwe, Gefühle: Eigenliebe und Eigennutz. Aber der Eigennutz ist gewissermaßen eine starke und wohlerstandene Eigenliebe, die beständige Bekundung einer tatsächlichen Ueberlegenheit, Eigenliebe und Eigennutz sind zwe, Teile desselben Ganzen, des Egoismus. Daher kommt vielleicht das fabelhafte Interesse, das die gut bargestellten Geizhälse erregen. Jeber hangt burch eine Faser mit diesen Menschen zusammen, die sich an alle menschlichen Gesühle heranmachen unb sie alle zusammensassen. Denn wo ist ein Mensch ohne Wunsch? und welcher Wunsch ließe sich in ber Gesellschaft ohne Gelb erfüllen? Granbet hatte in ber Tat wirklich etwas, um ben Ausbruck semer Frau zu gebrauchen. Er hatte, wie alle Geizhälse, bas beständige Bebutfms, mit ben andern Menschen ein Spiel zu spielen, ihnen auf gesetzlichem Wege ihre Taler abzugewinnen. Andere auszunutzen, heißt das nicht, Macht ausüben, sich beständig das Red;t geben, die zu verachten, die sich hienieden aus Schwache auffressen lassen? Ach, wer hat das wohl recht verstanden, das Lamm, das zu den Füßen Gottes friedlich ausgestreckt regt: das rührendste Sinnbild aller auf Erden Geopferten, das Sinnbild ihres Schicksals, mit einem Wort die verklärte Duldung und Schwäche? Dieses Lamm läßt der Geizhals fett werden, er mästet es, tötet es, brat es, verzehrt es und verachtet es. Die Nahrung der Geizhälfe besteht aus Geld und Verachtung. Während der Nacht hatten die Ideen des Alten einen andern Kurs genommen: daher seine Milde. Er hatte sich ein Gewebe juredjtgelegt, um die Pariser zu foppen, um sie zu würgen, zu Hetzen, zu kneten, sie kommen und gehen, schwitzen, hoffen, erbleidjen zu lafsen; er wollte sich über sie luftig machen, er, ber ehemalige Böttcher, in der Tiefe feines grauen Saals, auf der wurmstichigen Treppe in feinem Haus in Saumur. Sem Neffe hatte ihn beschäftigt. Er wollte die Ehre seines toten Bruders retten, ohne daß es ihn ober seinen Neffen einen Pfennig kosten sollte. Sein Gelb würbe für drei Jahre festgelegt fein, ihm blieb nichts zu dun, als seine Güter zu öerioalten; daher brauchte er Nahrung für seinen boshaften Tätigkeitsdrang, unb bie hatte er im Bankrott seines Bruders gefunben. Da er nichts anderes zwischen seinen Tatzen zum Zerguetschen sühlte, wollte er dse Pariser klem- Iricgen zum Nutzen von Charles, unb sich billig als vorzüglichen ®ruber zeigen. Die Ehre ber Familie war von so geringem Belang bet semem Plan, daß sein guter Wille mit dem Bedürfnis der Spieler verglichen werden kann, auch ein Spiel gut spielen zu sehen, bei dem sie nicht mitspielen. Unb ba bie Cruchots ihm nötig waren unb er sie bock) nicht auffudjen wollte, hatte er beschlossen, sie zu sich kommen zu lassen unb bann noch an biefem Abvnb bie Komöbie zu beginnen, zu ber er soeben ben Plan entworfen hatte, um am nächsten Tage, ohne baß es ihn einen Heller kostete, bie Bewunberung seiner Stabt zu erregen. In der Abwesenheit ihres Vaters genoß Eugenie das Glück, sich offen mit ihrem geliebten Vetter befdjäftigen unb ohne Furcht die Schätze ihres Mitleids über ihn aus- schlitten zu können. Ist doch das Mitleid eine der wundervollen Ueberlegen» heiten bet Frau, bie einzige, bie sie fühlen lassen sollte und die sie dem Mann verzeiht, über ihn erringen zu dürsen. Drei- ober viermal ging Eugenie, auf bie Atemzüge ihres Vetters zu horchen, nachzufehen, ob er schlief, ob er wach war; bann, als er aufftanb, mußte sie fick) um ben Rahm, ben Kaffee, bie Eier, das Obst, die Teller, das Glas, um alles, was zu seinem Frühstück gehörte, kümmern. Sie erklomm leichtfüßig die alte Treppe, um auf die Geräusche zu horchen, die ihr Vetter machte. Zog er sich an? Weinte er noch? Sie ging bis zu seiner Tür. dauern; il est fou! Herbstzeitlose. Von Josef Weinheber. Kränklicher Kelch, fteigft in die Welt, wenn das Jahrblau rauchigem Rot verfällt. Ach, wenn es morgen schneit! Zitternder Hauch I Zeitloses Leid weiß um Weisheit auch: weiß um letztes Licht, lebt von der Not. Schicksal schändet nicht: Groß ist der Tod. Aber Vergängliches gibt schmaler Schönheit Kraft, eh sie ein herbstlicher Stern ewig en trofft,. lenijjW > greubc, . :sühl M ilunft Di' inffliM ^ammev jnnte« lii z StffliW hätte ds zdelw W tb W ici $}* en I*' e flonje v bamll chtigkit enN, haraltii i zu ty, iud) ihn en iljtet gingen hriDche ten mii Wmdi! ib innigen Troß ! beiden entfalten utä) ihn ioiletten« e lonnte nb Mb e tarnen . Charles hm feine en Paris unb falle anj ihrer mehnm, Eugenie ahm,«® i|djeiM ugen des F. ..'S bei" Unruhig traten nunmehr der englische Gesandte und der französische c ® eschäftsträaer näher. „Der Tyrann wird endgültig wahnsinnig geworden i''n", sagte wegwerfend der Franzose. „Dieses Preußen ist e>ne tollwu rge k »leere, die ein Narr steuert. Sie wird bald kentern. Er flüsterte ,^Jch tobe verbürgte Nachricht, daß die Keller des Schlosses in Berlin voll Silberbarren liegen! Dabei bewirtet uns dieser Barbar schlechter a dauern; il est fou!" Seckendorfs, rundum lauschend bedauerte mit Henfter Stimme zum Engländer: „Leider, leider hat sich der Schlagflutz uiiederholt. Die arme Königin. Wird England trauern, wenn Der 6ran- z>'|enhasser stirbt?" „Wir sind alle sterbliche Menschen In Gottes Hand", antwortete viel- d utig der Engländer. x . Bösartig betrachtete der Russe die baumlangen Grenadiere mt Den foarfgelabenen Flinten vor ihres Königs Ture, sie sahen Ssährlich, streitsüchtige Puppen. Eilige Schritte kamen im Gang: ein leichter Tritt klang vor , spornte Sofbatenftiefel traten Den Kehrreim. , , ..hat der Prinz die väterliche Kerkerhaft plötzlich vergessen? Er lau 1»?" lispelte der Engländer. Seckendorss antwortete nicht, er sah. Swet Vater und Sohn. Von Walter von Molo. Nur Die dunkeln, kaltwägenden Diplomatenaugen lebten im Antlitz des Trafen von Seckendorfs. Sie glänzten im Kerzenlichte des düsteren Vor- jimmers im Potsdamer Schloß. Schmerzlich senkte der kaiserliche Gesandte «inen tadelfrei gepuderten Kopf, als er mit fünfter Stimme zum diensthabenden Offizier des preußischen Königs sprach: „Meine Kaiserliche Majestät wird außerordentlich bedauern, die neuerliche Indisposition ihres getreuen Freundes erfahren zu müssen." Settern hrffs lauernder Blick glitt über Die an den Wänden ringsum aufgehängten o(fierten Bilder, auf deren Leinwänden geschmacklos und nüchtern Friedrich Wilhelm seine längsten Soldaten gepinselt hatte. Des Oester- leichers Stimme wurde herrisch. „Melden Sie mich", gebot er. „Seine Königliche Majestät befindet sich vielleicht nicht in dein Zustande, den tief» verehrenden Freund zu empfangen, die .liebste und treueste Seele', wie iod) gestern Seine Majestät mich, huldvollst auszeichnend, zu titulieren j eruhte." „Es ist königlicher Befehl, außer dem Herrn Kronprinzen niemanden ^orzulassen!" Unruhig fragend, böse und bestürzt glitt Seckendorsfs Blick vom wider- penftigen preußischen Hauptmann zu des Ministers von Grumbkvw icmeinem Gesicht. „Was heißt das?" Grumbkow fühlte den Vorwurf eines Geldgebers. Er krauste die Stirn und zog den Schurkenmund Irumm. Tonlos, gleichsam vor sich hin, Den anderen zur Vorsicht mahnend, Iprach er: ,Zch höre des Kronprinzen Kutsche!" Nasse Blätter warf Der Wind an die Scheiben Der Fenster, Die auf »e finstere, menschenleere Straße niedersahen. Seckendorfs befeuchtete seine Ichmalen Lippen; sein Blick sah scheu zur Korridortür. Aus dem Kreise l«t wartenden Diplomaten trat der russische Ambassadeur und erkundigte ich täppisch: „Was ist mit dem dicken König?" Seckendorfs bewegte ablehnend Die Achseln, er überlegte feinen Bries »ach Wien, Den er wohl heute nacht noch abschicken mußte. Sonderbar «bärdete sich mit einemmal dieses frischgebackene Königreichlein, über bas tiefer gewalttätige Barbar dort hinter ber Tür regierte. Des Preußen- lönigs Garberobe beftanb aus zwei Hofen unb brei Röcken, aber Die fingen Soldaten feiner Marotte kaufte der knickrige Geizhals und drillte I« wie verrückt. Seckendorffs Hand hob sich sorgenvoll gegen Grumbkow. .Man muß vielleicht auf geistlichen Zuspruch bedacht fein", mahnte er i ilnahmsvoll; der Hofprediger war von ihm darauf vorbereitet, des Königs Seele nach den Wünschen des Kaisers in Wien zu ängstigen. „Wo bleiben He Königin und die Prinzessin ... wenn es mit Seiner Maiestat teurem lmb unersetzlichem Leben tatsächlich schlecht stehen sollte? „Der König empfängt nur den Kronprinzen", erinnerte Grumbkow. d enE betjd geilte. weitere blaue Riesen marschierten Ins Vorzimmer herein, machken „rechtsum" unb „linksum" und faßten Pofto. Ein Kammerbiener, mit einem Wachslicht in ber Hand, geleitete die kleine zierliche Gestalt des preußischen Kronprinzen. Galant grüßte dessen erhobene Hand die Vertreter der europäischen Großmächte. ,Zch freue mich, edler Freund unb Gönner von Grumbkow, Sie in der Nähe meines Vaters zu finden", sprach Friedrichs helle Stimme zu dem Mann, der ihn verleumdet unb ihm die entehrende Kerkerhaft zu Küstrin verschafft hatte. „Jetzt bin ich beruhigt." Dem Franzosen schien es, als begleite verächtlicher Spott des Prinzen Rede; doch die döbauche von gestern nacht hatte chn geschwächt, er konnte nichts Schwieriges zu Ende denken. „Wie portiert sich Eurer Königlichen Hoheit hochliebe Frau Gemahlin?" erkundigte sich Grumbkow unb rieb sich kriecherisch bie Hände. Die erzwungene Heirat des Kronprinzen mit der armseligen Nichte der Kaiserin war sein Werk gewesen! Friedrich lächelte undurchsichtig unb sah zum diensthabenden Offizier. Seckendorfs krümmte sich, ihn übersah der Kronprinz. Friedrich eilte zur Tür, vorsichtig pochte er an. Aus den Zehenspitzen trat er dann in feines Vaters Zimmer. Scheu flackerten vom Luftstoß der Tür, die er sofort wieder hinter sich schloß, die Kerzen im Vorzimmer. „Parbleu“, lieh sich ber Franzose vernehmen, „biefer kleine Prinz will wohl einen Großen agieren?" Der Russe lächelte berb. „Mir scheint gar, Ihr habt Angst vor bem Kinb?" — „Herr von Grumbkow", sprach Seckendorfs in großer Besorgnis, „es erregt sicherlich Majestät, in ber Stunde der Krankheit mit dem selbstherrlichen Prinzen, ber ihm (ein ganzes Leben hinburch Kummer bereitet hat, allein zu fein! Meines Kaisers Majestät, bie ben treuen Bunbes- genossen innig liebt, hat ein Recht, Zeuge einer Unterrebung zu fein, bie für die Gesunbheit unseres hohen Freunbes fchäbigenb wirken kann." Grumbkow gehorchte unb schlich feinohrig zur Tür. Seine Hand legte sich auf bie Klinke; er brückte sie nieber, daß ein schmaler Spalt esttstanb. Bier Männer lauschten. Die spreizbeinig stehenden preußischen Grenadiere senkten feindselig ihre Flinten mit den langen Bajonetten. Der diensthabende Offizier trat vor. „Seine Majestät gab Befehl, daß seine Tür strenge bewacht sei, vor jedermann!" Der Ossizier schloß mit festem Ruck die Tür; Grumbkow lachte. „Es wird Majestät Merger bereiten, was schwere Ungnade für den verantwortlichen Offizier bedeuten kann, erfahren zu müssen", sagte er drohend, „daß Uebereifer sie von ihren getreuesten Freunden trennte." Hochmütig ging er davon. Nun blieb nur noch das allwissende Loch in der königlichen Zimmerdecke, durch das er niederhorchen konnte. Hurtig lief er die Treppe hinauf. Unruhig schritten bie Gesanbten hin unb her. Grumbkow lag in ber Finsternis auf bem Bauch unb lauschte nieber. Nur eine Kerze brannte im einfachen Gemach. Ganz vorn, fern bem erloschenen Kamin, saß im Krankenstuhl Friebrich Wilhelms unförmige Gestalt. Das hollänbifche Linnen seines Hembes an [einem schweratmenden Halse war entzweigerissen. Das faltige Antlitz war gedunsen. Die gichtischen Hände lagen kraftlos auf der abgewetzten Tuchhose, bie mit ben Strümpfen bie wassersüchtige Fleischmasse zusammenhielt. Grumbkow sah, baß ber Sterbenbe redete, doch es war nichts zu verstehen. „Mein Sohn", sprach ber König, stockenb unb keuchenb, „leg Er Sein Ohr an meinen Munb." Rauschendes Poltern, das aus der Mauer kam, schoß zwischen die Worte; bas Dachrinnenwasser kullerte zu sehr. Es regnete braußen. „Hier vermag uns niemanb zu belauschen. Stoß Er aber zur Sicherheit noch einmal mit bem Degen unter mein Bettgestühle!" Der Kronprinz zog blank unb gehorchte. „Nichts, mein allergnäbigfter Vater unb Herr!" Friebrich Wilhelms breite Hanb griff nach feines Sohnes fdjmaler Schulter. „Fritz", hauchte er, mit großer Anstrengung. „Es ist Zeit! Die Hundsfötter vermeinten mich verrückt; ich erlaß Ihm das Geständnis, daß Er gleicher Meinung war. Ich bin zufrieden! ... Ich hab' dadurch bauen können! Es darf nur einen Herrn in Deutschland geben! Fritz! Wir steigen auf, wie Oesterreich niedergeht! Fritz, Geiz unb Wahnsinn für qroße Solbaten waren bie Fahnen, bie ich gegen ben Haß bes kaiserlichen Hauses aushängte, um mich vor bem Eingriff ber Mächtigen zu bewahren. Ich bin klargeistig! Ich war's immer! Glaub' Er mir! Statt ber zuge- biaigten zwanzigtausend Soldaten hinterlasse ich Ihm hunderttausend! Wien hätte das nie erlaubt, hätte nicht mein Freund Seckendorfs berichtet, ich spielte als Narr Exerzieren ...Ich hab' den Hund angeführt! Zu spät wittert er den Braten ... Die Landeinnahmen sind verdoppelt. Ich maß Krawatten unb Solbatenröcke mit ber Elle, wenn ich ber Kerls Muskeln prüfte die nun aktiv werden müssen! Müssen! ... Ich hab' alle angeführt, für Ihn!" In heißer Angst, fragenb und befehlend, klammerte sich der Blick aus bes Sterbenben vorguellenben Augen an ben Sohn. „Schwör' Er bei Gott bem Allmächtigen, ber bran ist, mich zu richten, baß' Er dem Vaterlande treu fein wird! Wir find ein kleines Land; ich hab' Ihm alles geschaffen, es zu vergrößern! Fritz, räch' Er mich. Versteh' Er wenigstens jetzt, daß ich rafen mußte, als Er mit Wien konspirierte. Als er mich verlassen wollte, um nach Frankreich ober Englanb zu gehen, weil ich so hart zu Ihm war, wie ich sein mußte! Regieren heißt: verzichten auf persönliches Glück." Der Sterbenbe röchelte. Nicht leicht Fritz, von allen mißverstanben, verhöhnt zu werben, die Pflicht einsam zu tun, zu wirken, als erlebe man noch bie Folgen feines bahingeopferten Daseins! Er wirb mir’s im Kugelregen danken! Er muß los, Fritz! Greif' Er den Kaiser an, mit aller Kraft! Er ist hart geworden, Er wird siegen! Ich will's! ... Verkauf' Er die dreitausend silbernen Services, sie sind heimlicher Krieasschatz! Den silbernen Balkon! Die langen Kerls teile Er auf — Sie sind bestes Offiziersmaterial. Handhab' Er segensreich, wofür ich mein Leben hinters Licht trat! Er muß mein Grabmonument seml ... Grumbkow, ein Schuft, bestochen von Wien! ... Ich habe sie alle benutzt! Sie zahlten meine Beamten, ich konnte ihnen dadurch Abzüge machen — für unsere Soldaten! ... Preußen übernimmt die Führung im Reich. Ohne uns ist Deutschland tot ..." Der Schein der Kerze überflackerte ein tränenüberströmtes Jünglingsgesicht, das flehend in das Antlitz des Verscheidenden sah. „Vater! ..." Im Armstuhl saß eine unförmige Leiche. Friedrich kniete nieder, seine Lippen berührten ehrfürchtig die abgetretenen Schnallenschuhe seines toten Vaters. Er erhob sich und bewegte sich mit festen Schritten zur Lür. Weit öffnete er sie. Um Jahre gealtert stand er, inmitten seiner riesigen Soldaten, vor den Diplomaten der europäischen Großmächte. Seine Augen blitzten; seine Stimme war wie ein Hieb: „Wie portiert sich die Kaiserliche Majestät zu Wien, Graf Seckendorfs? Ich hoffe gut? Ich bin jetzt der König von Preußen!" Leise Lieder. Von Christian Morgen st er n. Leise Lieder sing ich dir bei Nacht, Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt, noch ein Stern, der etwa spähend wacht, noch der Mond, der still im Aether schwimmt; denen niemand als das eigene Herz, das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht, und an denen niemand als der Schmerz, der sie zeugt, sich kummervoll berauscht. Leise Lieder sing ich dir bei Nacht, dir, im deren Aug mein Sinn versank, und aus dessen tiefem, dunklem Schacht meine Seele ewige Sehnsucht trank. Oer Franzose und das Ferkel. Von Georg Britting. Im Jahre 1872, der Himmel war noch blauer damals, erzählte mein Onkel, und die Donau grüner als HM, und die jetzt dicke, alte Bäume find, fett und narbig und knorrig, die bogen sich in jedem Wind, da begegnete man in den Straßen unserer Stadt oft einem kleinen, schwarzkinnbärtigen Herrn, und das war ein ehemaliger Unterfeldwebel des französischen Heeres, Rancourt mit Namen. Der war im Krieg gefangengenommen worden, in der Schlacht bei Sedan, so sprach man, und das Schicksal hatte ihn in die Donaustadt verschlagen, und er hatte gefunden, daß die Donaustadt eine schöne Stadt sei, und war geblieben auch nach Friedensschluß, und trug noch lange zu seinem bürgerlichen Nock die mohnroten Hosen des Soldaten. Ein gelbes, biegsames Stöckchen ließ er lustig kreisen, und stand an der steinernen Brücke und sah den Anglern zu, und sah zu, wie die selten, aber doch hin und wieder einmal, einen Silberfisch aus dem Wasser holten. Und wir Kinder, sagte mein Onkel, wir blickten nicht den Fisch an, ein Rotauge oder eine Brachse, die hatten wir oft gesehen, wir blickten verstohlen aus die roten Hosen de? Herrn Rancourt, aus sein schmetterlinggelbes Wippstöckchen, und weil das alles, die flammenden Hosen und der Ziegenbart und das bewegliche Stäbchen im Wasser noch einmal sich darboten, so starrten wir voll heftiger Neugier auf die bunte Spiegelung, um den Mann selber nicht allzudreist mustern zu müssen. Und" der Leiter der Bürgerschule der Stadt, in der man natürlich auch die französische Sprache lehrte, war der Meinung, daß die fremden, schweren Worte leichter auf die Zungenspitzen der Schüler zu bringen seien, wenn ein echter, unzweifelhafter, lebendiger Franzose das versuche — dieser Bürgerschul- leiier also stellte an den Herrn Unterfeldwebel Rancourt das Ansinnen, einen Lehrposten für Französisch an der Anstalt zu übernehmen. Der Herr Rancourt willigte gerne ein, kehrte nicht mehr in sein Vaterland zurück, blieb bis an sein Lebensende, und ging eifrig und auf ein wenig gebogenen Beinen durch die Krummgaffen der Donaustadt, immer noch aber das schmetterlingsfarbene Stöckchen wippend. Das war damals, erzählte mein Onkel, als es noch schöner war zu leben, und als dort noch grüne Wiesen waren und eine Felsenkellerwirtschaft, wo heute das städtische Pfandhaus steht, damals, als das braune Bier so dick und honigklebrig war, daß, wer mit dem Aermel am Verschütteten hängenblieb, einen Stossläppen opfern mußte, um wieder loszukommen. Da lachte mein Onkel, als er das erzählte, und sagte auch, daß der Mond, wenn er an Juniabenden über dem Dom empor« stieg, so groß gewesen sei wie ein Wagenrad, zum Fürchten groß, und seiner Schätzung nach mindestens doppelt so groß als heute. Da lachten wieder wir, und glaubten es nicht, und forderten ihn auf, heute, am Abend, zur Stunde des Mondausgangs, mit uns vor die Stadt zu gehen und mit uns zu warten, bis die gelbe Scheibe aus der dampfenden Abendebene zwischen Hügelrücken und roten Kaminen sich emporarbeiten würde, und dann im Angesicht des glühpunschfarbigen Lichtträgers, ja, Aug in Aug mit ihm, feine Rede zu wiederholen. Um wieder auf diesen Rancourt zu kommen, sagte aber mein OM, so hatte der säbelbeinige Mensch sich so bei uns eingewohnt, daß f6 wahrhaft zum Staunen war. Er trank bald mehr Bier als irgendein Ortsansässiger und aß im Wirtshaus Kalbsbraten mit Kartoffelsalat unb schwärmte für Leberknödel und Grießnockerln. Er lernte auch deutsch,iu sprechen, aber er brauchte sehr lang dazu, und jahrelang radebrechte tt es in der entsetzlichsten Weise. Nun war damals jeden Mittwoch in der Wahlensttahe Spanferkel- markt. Da kamen die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung unb, brachten in Körben die quiekenden Tiere. Die waren meist rofafarbm und wunderlieblich behaart, manche auch waren schwarz, und besonder, schön ist es, wenn ein Ferkel um die Schultern herzförmig schwarz ijt, während das Hinterteil bis zur Schwanzmitte gelbweißbeflaumt schirr, mert und die Schwanzspitze lustig und unerwartet wieder teufelsmaß:z dtinkel sich ringelt. Die Käufer packten das Tier bei einem Fuß unb hoben es hoch, daß es laut aufschrie und den prallen, runden Leid hin und her warf, und mindestens fünfzehn hob man auf und beschau!! sie. bis man sich zum Kauf von einem entschloß, so daß es an den Markl- tagen ziemlich laut herging in der Wahlenstraße. Es roch auch gaiq besonders in der Straße und auch noch in den Nebenstraßen an diese, Mittwochvormittagen, gut eigentlich, so nach Stall und Stroh, unb recht gesund. Und damals, fuhr mein Onkel fort, als natürlich nach keine Straßer, bahn durch die Stadt mit grellen Glocken läutete, nur Bauernschlitten 11 Wintertagen durchs Jakobstor klingelten, damals traf man oft Bube, und Dienstmädchen, auch wohl den Hausvater selber, wie sie vom Bäck« kommend, schmale Bretter auf den Schultern trugen. Die waren van btr Backafenhitze an geröstet, hatten schwärzliche Rillen davon, und auf bi! Bretter waren genagelt die gebratenen Ferkel. Sie lagen auf dem Bauch wie spielend alle Biere van sich, und den schmalen, listigen, lustige, Kopf dicht auf das Holz geduckt und schwebten so hochgetragen strahlend dahin. Sieht man das heute noch? murrte mein Onkel. Aber dam lächelte er und erzählte weiter: Der Rancourt nun wollte natürlich auch einmal sein Spanferkel haben und fand sich also in der Wahlenstraß! ein, ahmte die anderen Käufer nach, hob Ferkel am Bein hoch, sch lachend auf die Quietschenden herab und ließ sie wieder in den Kor) sollen, wo die Tiere, weiter schimpfend, sich ins Stroh zu den Kameraden schmiegten, tief und aufgeregt atmend. Schon das siebente ober achte gefiel ihm ausnehmend, er fragte, mehr mit den Händen als mit Worten, nach dem Preis, zahlte und nahm das Tier' zärtlich auf bii Arme, um es zum Metzger zu tragen. Es lag so rosig auf feine, Aermeln, daß er der Versuchung nicht widerstand, es zu streicheln, aber das bekam ihm schlecht. Das Ferkel zappelte wütend, er stolperte, firi, das Tier war frei und hell rufend raste es davon, Ringelschwanz hoch, schnell wie der Blitz, ohne sich umzusehen. Der Herr Rancourt lis| hinterdrein, feurigen Auges, säbelbeinig, und das Ferkel war schon uni die nächste Ecke. Der Franzose fluchte, fluchte alle gewalttätigen und abscheulichen Flüche seiner Soldatenzeit, bog um den Prellstein, war i, der Seitengasse, aber das Ferkel war nicht mehr zu sehen. Quiekte es nicht fern zärtlich und lockend und höhnisch? Aber zu erblicken war e; nicht, nur ein Dienstmädchen kam ihm entgegen. Er wollte es fragen, ob es dem Ausreißer nicht begegnet wäre, aber damals, 1872, da rmu er erst knapp über ein Jahr in der Stadt und konnte nur wenig Deutsch, und er war auch zu aufgeregt, um sich die Frage sauber zurechtzui legen, und so schrie er zappelnd, mit drehenden, malenden, erklärender Handbewegungen ergänzend, was ihm an Worten fehlte, so trompetet:! er aufgeregt der Bienftmagb etwas zu und das war so: „Fräulein aben Sie nicht gesehen kleine Person, vorne oi, oi, hinten dirrididldi?' Es steckte eine schöne und kräftige und sehr anschauliche und einprägsame Beschreibung des flüchtigen Rosatieres in den Worten, aber -du Magd verstand sie trotzdem nicht gleich, die schwerfällige Person begriff erst später den Sinn, aber da hatte er das Ferkel schon wieder gf funben, das sich in einen Hausflur geflüchtet hatte. Aber die Stadt, Gott, wie anspruchslos war sie damals, sie freut-- sich noch lange über die Sprachkünste des Ferkeljägers! Oh, wie er den Ringelschwänzchen, das ewig bewegliche, geschildert hatte, das luftige das keck und naseweis-mutig wie ein fleischerner Lerchentriller war, ba« fang, ja, sang, wer's zu hören verstand, überwältigend dummdreist um)' unverfroren bas Lieb dirrididldi! Und oi, oi quiekte die Schnauze, bt-r Rosarüssel, tiefer im Ton als die Schwänzchenflöte, die biegsame, Heus Und, sagte mein Onkel, er hat später noch oft Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Leberknödelsuppe gegessen, der Herr Rancourt, und au® Spanferkel und lernte auch noch regelrichtig Deutsch und wurde sogar Professor. Aber als er so weit war und die fremde Sprache, wie man so über- treibend sagt, beherrschte, drückte er sich in ihr so richtig und nüchtern aus, wie wir bas alle tun, in langwelligen unb trockenen Sätzen ohna Klang und Glanz, glatt unb ohne Stockung redend, wie Wasser vom der Röhre läuft, und nie wieder, natürlich, ist ihm ein so schönes Gedicht gelungen wie das Ferkelgedicht. Das gelingt auch uns allen nur; die wir keine Dichter find, solange wir Kinder sind, denn wie eim Kind, süß lallend, irrte der erwachsene französische Mann damals taumelnd im Dunkel des mächtigen, zauberischen Sprachurwalds, und nun im geheimnisreichen Dämmern ist dem Gedichte wohl. Mein Onkel hatte sich in die Ecke des Zimmers zurückgezogen, in den schwarzen Ledersessel, der dort stand, wer weiß, wie lange schon - Die Dämmerung wollte schon kommen, draußen, wo die alte Stabt Io5$ mit den vielen Türmen, wo der Strom floß, der grüne, der rauschen-.! Und, sagten wir, du glaubst, daß damals der Mond größer uni» gelber war? Geh heut abend mit uns auf die Donauinsel, heut abena um acht Uhr kommt er, der gelbe Wanderer, sieh ihn dir an! Ja, sagte mein Onkel, der Mond, der vielleicht, aber das Bier? Dernntwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckeret 21. Lange, Gießen.