Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 193Z Zreitag, den U. Juni Nummer 44 Der GteOlin Roman von Theodor Kontane "(Schluß.) 44. Kapitel. Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden, den Berchtesgadens, dann Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre hinüber, um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung alles dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte, begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema mehr zuläht. Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte, war der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden: Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und weite Seele. „Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen", sagte Melusine. „Und zum Glück auch noch unverheiratet." „Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und widerspricht auch wohl der Natur." „Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, Ausnahmen. Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen ist alltäglich ..." „Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat man noch obenein." „Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe." „Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen Menschen bezeigt sich am besten in der Familie." „Ja, die des natürlichen Menschen ..." „Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort reden wollten." „In gewissem Sinne ,ja‘, Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man dabei nach oben oder nach unten rechnet." „Das Leben rechnet nach unten." „Oder nach oben; je nachdem." Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter Melusine war, einen Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher Ueberheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die Schraubereien fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien, machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit, daß sie vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin aus einen Brief zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die Baronin führte. Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen, und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe geradlinig auf Gransee zuführte. Das Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel war gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der Rauch stand in der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten, und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf. „Wie schön', sagte Baron Berchtesgaden, „und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und Prosa dieser Gegenden." Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf, der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glücklich ihn diese Stunde nahe. Sein Bewegtsein fiel auf. „Ich dachte, lieber Barby", sagte der Baron, „in meinen Huldigungen gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Aeußerstes getan zu haben. Aber ich sehe ich bleibe doch weit zurück; Sie schlagen mich aus dem Felde." ' „Ja", sagte der alte Graf, „und mir kommt es wohl „auch zu. Denn ich bin der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen." Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken, kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß man von einem Begräbnis kam, war dem Gefährt nicht recht anzusehen. „Rex", sagte Czako, „Sie könnten nun wieder ein anders Gesicht aus- setzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie wirklich betrübten Herzens sind?" „Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und käme mir so was in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heißt. Uebrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. S i e find betrübt, und wenn ich mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei dem Chateau Lasitte nicht auf ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte — denn des Alten .Bocksbeutel' hab ich von unserem Oktoberbesuch her noch in dankbarer Erinnerung — wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte." „Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil. Es ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, erst hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an zu sprechen." „Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache Meine Frage bleibt, .warum so belegt, Czako?' Denn daß Sie das sind, ist außer Zweifel. Wenn's also nicht von dem Lasitte stammt, so kann es nur Melusine sein." Czako seufzte. „Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu. Ge- {amtfituation umgekehrt überaus günstig." „Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich." „Das erschwert nicht, das erleichtert bloß." „Und außerdem ist sie grundgescheit." „Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter." „Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, erst durch Geburt und bann durch Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt vornehmen Namen: Barby, Ehiberti. Was soll da Czako? Teuerster Rex, man muß den Mut haben, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich mach mir kein Hehl braus, Czako hak was mertroürbig Kommißinäßiges, etwa wie Lanbwehrmann Schultze. Kennen Sie bas reizende Ballett .Uckermärker unb Piearde?' Da haben Sie bie ganze Geschichte Melusine ist bie reine Piearde." „Zugegeben. Aber was schadet das? Jtalienisieren Sie sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciaeeo. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den Hacken." „Sapristi, Rex, c’est une idee." 45. Kapitel. Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und dann in Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen, erfuhr aber, daß nichts eingegangen. Armgard schien verstimmt. „Melusine läßt sonst nie warten." „Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt." „Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später einmal, nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen. Woldemar beschwichtigte. „Morgen wird ein Brief da fein. Schließen mir also Frieden, und steigen wir, wenn dir's paßt, nach Anacapri hinaus. Oder wenn du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und suchen uns hier eine gute Aussichtsstelle." Es war aus dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo, daß sie dies Gespräch führten, und weil die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage ziemlich groß gewesen waren, war Armgard willens, für heute wenigstens auf Anaeapri zu verzichten. Sie begnügte sich also, mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzufteigen, und verlebte da, angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche Stunde. Von Sorrent tarnen Fischerboote herüber, die Fischer sangen, und der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem Kegel des Vesuvs stieg ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu Zeit war es, als vernähme man ein dumpfes Rollen und Grollen. „Hörst du's?" fragte Armgard. „Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht erleben wir's noch." „Das wäre herrlich." „Und dabei", fuhr Woldemar fort, „komm ich von der eiteln Vorstellung nicht los, daß, wenn's ba brüben ernstlich anfängt, unser Stechlin mittut, wenn auch bescheiben. Es ist doch eine vornehme Verwandtschaft." Armgard nickte, und von der UferfteUe her, wo die Sorrentiner Fischer eben anlegten, klang es herauf: Tre giorni son ehe Nina, ehe Nina, In letto ne se sta . . . Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal aber nicht an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert. „Was ist?" fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte. „Lies selbst." Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten. An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag lag zu- Frauen in der terer und sauberer Tätigkeit. jungen Kinder- selber noch zu eine, die konnte der Amtsrichter Von Borries Frei Herrn von Münchhausen. Dies wird eine ganz belanglose Geschichte, und wenn ihr euch aus bedeutende Menschen oder große Geschehnisse spitzt, so rate ich euch von vornherein: Lest sie nicht, es lohnt nicht! Sie handelt von einem k.einen Jungen und einer alten Frau, und ich verrate — um der Sache selbst diese bescheidene Zuspitzung gleich eingangs abzubrechen- —, daß die alt.e Frau zum Schlüsse stirbt und begraben wird. Ihr seht: Da ist mch.s irgendwie Bemerkenswertes dabei. — . Es war einmal ein kleiner Junge, ein ganz kleiner Junge. Sem Vater sagte er wäre schon acht Wochen alt und man mußte sehen, wie man ihn allmählich abhärte. Aber seine Mutter meint«, er wäre erst zwei Monate: denn sie konnte ihn gar nicht klein und hilfsbedürftig genug haben, chr schien, daß er so noch fast in ihrem warmen Inneren unterm Herzen lebte und sie ihn ganz allein für sich befaße Aber sie hatte noch ältere Kinder und außerdem m Haus und Garten, in Hof und Feldern ziemlich viel zu tun. So muhte der Junge also eine Kinderfrau haben, so eine alte Muhme, wie diese h»r Familie hießen. Denn man hielt da nicht viel von den mädchen in seidenen Fähnchen. Man glaubte, daß sie kindisch wären, um Kinder zu leiten. So suchte also die Mutter eine Kinderfrau. Da war über einige Jahre keine Zeugnisse beibringen, und wenn in Frohburg nicht zufällig hätte Auskunft geben können, fo hatte man dreist glauben können, sie hätte, wie der Jüngling aus Elvershoh, sieben Jahre bei den Unterirdischen gelebt. Es war aber da, wo sie war, nicht so sauber zugegangen, wie ich es mir dort denke — Und eine andere war eine Witfrau, die acht eigene kleine Kinder begraben hatte — da» war eigentlich auch keine Empfehlung für ihre Pflege. — Und eine dritte hatte als Kohlenträgerin in Leipzig gearbeitet und sehnte sich nach leid)’ dem frei zu sein er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu: „Die Scholle daheim, die dir die Freiheit gibt, ist doch das Beste." So reichte er.denn seine Demission em. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelttten an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt Man gab ihm, als sein Scheiden unmittelbar beoorstand, ein Abschiedsfest, und der ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach m seiner Rede von den „schönen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Uebersiedlung aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten. Unter diesen Sorgen — Lizzi hatte abgelehnt, weil sie die große Stadt und die „Bildung" mcht missen mochte — war m erster Reihe das Aussindigmachen einer geeigneten Kommeriungfer gewesen. Es traf sich aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr. „Ich weiß freilich nicht, Hedwig, ob es Ihnen da draußen gefallen wird. Ich hoff es aber. Und Sie werden jedenfalls zweierlei nicht haben: keinen Hängeboden und keinen .Ankratz', wie die Leute hier fagen. Oder wenigstens nicht mehr davon, als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist." „Ach, das ist nicht viel", versicherte Hedwig halb fcham-, halb schalk 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen, und alle Vorbereitungen dazu waren getrüffen: Schulze Kluckhuhn trorw melte sämtliche Kriegeroereine zusammen (die Duppelsturmer natürlich am rechten Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Beqrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt netter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als einer der Ihrigen begrüßt werden sollte. Das alles galt dem Einundzwanzigsten. . „ Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an dessen jtor, n0(f) einmal das eine. Morgen früh zieht das' junae Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres 'N den Wech- nachtstagen geschlossenen Paktes: es ist nicht notig, daß tue Stechlme weiterleben, aber es lebe der Stechlin." Garten im Juni. Von Hermann Stahl. Die rötliche Libelle stößt gegen Stachelbeeren, die ihre Süße mehren in satter Sonnenhelle. Der Wind dreht Flatterbänder aus jungen Erbsenranken, Tomatenbüsche schwanken an schmalem Drahtgeländer. Rhabarberstöcke spreiten sich stolz in ihrer Hülle, um grüner Beete Fülle zwei Kohlweißlinge gleiten.' Bei leuchtenden Rabatten wölbt sich die Regentonne, von Wolkensahrt und Sonne träumt sie im Abendschatten. Oie Muhme. rück So kam man denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über Rom, Mailand und München machen, aber an jedem Orte (denn beide lehnten sich beim) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer und Oliven. „Den hat er sich verdient." Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, daß Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete. Lieber Lorenzen. Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe diele Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten noch roirtt. Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort, sind um zehn m Berlin und um zwölf m Gransee. Denn ich will zunächst unser altes Stechlin Wiedersehen und einen Kranz am Sarge niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein Wagen auf der Station erwartet. Wenn ich Sie auch per* änlich träfe, so märe mir das das Erwünschteste. Es plaudert sich unterwegs fo gut. Unb von wem könnt ich mehr unb zugleich Zuverlässigeres erfahren als von Ihnen, ber Sie bie letzten Tage mit durchlebt haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr alter treu und dankbar ergebenster Woldemar v. St. Um zwölf Uhr hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vpm Coupe aus den Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das war ihm zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von der guten Seite. „Krippenstapel ist am Ende noch besser, weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch belächeln würde, hat einen diplomatischen Zug." In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen herangetretenen „Bienenvater", und alle drei bestiegen den Wagen, dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte Lorenzen, „der wegen einer Trauung behindert sei", und so wäre denn alles in bester Ordnung gewesen, wenn unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor Antritt feiner Fahrt nach Gransee von einer Herausbesferung feines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das mar ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen und einem großen Chemisettevorbau. Der Schlips mar so schmal, daß nicht bloß der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar mürbe, sondern leider auch der aus einem teilartigen Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich nun, roie ein Ding für sich, beständig hin und her bemegte. Die Verlegenheit Armgards, deren Auge sich — natürlich ganz gegen ihren Willen — unausgesetzt auf das Raturfpiel richten mußte, wäre denn auch von Moment zu Moment immer größer geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles wieder hinweggeholfen hätte. Dazu kam noch, daß feiner Unbefangenheit feine Mitteilsamkeit entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel alles bagemefen sei. Dann kam Thormeyer an bie Reihe, bann bie Domina unb zuletzt auch „lütt Agnes". „Des Kinbes müssen wir uns annehmen", sagte Armgard. „Wenn du daraus dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger damit als du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone, muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der bessere. Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schassen will, so wird meist nichts braus. Da werben nur Heuchelei unb Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert Erziehungsmaximen auf." Armgard stimmte zu. Krip^enstapel aber fuhr in feinem Berichte fort und erzählte von Kluckhuhn, von linde, von Elfriede; Spanholz werde in der nächsten Woche zurückerwartet, und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine Seele, ganz besonders — und das sei das Allerneueste — seit man für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde fleißig dazu beigefteuert; nur Molchow habe sich geweigert: „So was schaffe bloß Konfusion." Um zwei Uhr traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen. Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossät Zschoike habe sich wieder verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann noch den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem Alten feierlich habe versprechen müssen. Woldemar lächelte dabei. „Die Zukunft liegt also bei bir." Unter biefen Worten reichte er Armgard die Hand. 46. Kapitel. Armgard hatte sich von ber im Stechliner Hause herrschenden Welt- abgewandtheit angeheimelt gesühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tag« zu verbringen, lag ihr doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie denn kurz nach Ablauf einer Woche nach Berlin zurück, wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte. Das war am Belle-Allianeeplatz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog, ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaben nahmen ihren Anfang unb gleich danach auch bie Wettrennen, an denen Armgard voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude war daran doch geringer, als sie geglaubt hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische, weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie anfänglich davon versprochen, unb ehe der Hochsommer heran war, sagte sie: „Laß mich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen nach Schloß Stechlin." Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm aus ber eignen Seele gesprochen, ßiebensroürbig und bescheiden wie er war, stand ihm längst fest, daß er nicht berufen fei, jemals eine Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische Junkertum, von Schließlich ging die Mutter in eine Vermietanstalt — ein ganz schreckliches Geschäft, in dem Menschen verliehen und vertrieben werden, wie im Stockwerk darüber verwelkte Maskenanzüge und im Erdgeschoß darunter Matjesheringe. An der Wand saßen einige Frauen, und ihr gellendes Keifen und Kreischen trieb die Mutter davon, ehe sie noch an eine Auswahl gedacht hatte. — Sie fuhr zum Bahnhof — ohne Kindermuhme. Als sie an dem Denkmal Thaers in den Anlagen der Schillerstraße vorüberkam, sah sie dort einen Kinderwagen, und hinter dem Kinderwagen stand eine hagere alte Frau mit einem so lieben Altweibergesicht, daß es der Mutter vor Freude ganz hell im Herzen wurde, und ihr der Gedanke wie ein Schwäkblein durch die Stirn flog: Vielleicht hat so eine prächtige Kinderfrau eine Schwester oder eine Freundin, die ihr ähnlich ist und kann mir in meiner Not mit einer guten Empfehlung helfen! Die Muhme hatte sich inzwischen auf die Bank gesetzt und schob den Wagen leise hin und her, wobei ihre ganz ausgebleicht Hellen blauen Augen recht in Sorgen durch die Blätter der großen Bäume blickten. „Ich bin eben hier vorbeigekommen und habe Sie gesehen, und Sie gefallen mir. Ich heiße Frau M. und suche eine Kinderfrau. Da ist mir in den Sinn gekommen, ob Sie wohl jemanden für mich wüßten, fo etwa in Ihren Jahren und auch sonst so ähnlich wie Sie ..." Das alte Weiblein hatte erst einen wahren Schrecken gekriegt, aber als sie die Mutter einen Augenblick angesehen hatte, da war sie schnell beruhigt. Vielleicht hatte auch sie von dem alten Frauenerbe ihr Teil abbekommen, einen Menschen nach feinem Gesicht und Gang, Stimme und Sprechart, Kleid und Haltung schnell und richtig zu beurteilen. Sie sagte also, indem sie aufstand und die Schürze glattstrich: „Der liebe Gott hat mein Gebet erhört! Ich habe gestern meine Stellung kündigen müssen, weil ich in meinen Jahren den Kinderwagen nicht mehr täglich drei Treppen hinauf- und heruntertragen kann. Nun dachte ich gerade: Wo soll ich alte Frau eine passende Stellung finden? Ich bin früher ja nur von Familie zu Familie weitergegeben worden, und von den Zeitungen und den Vermieterinnen verstehe ich ganz und gar nichts. Ach, nun hat der liebe Gott gerade in dieser Minute, als ich betete, mich erhört!" Ihr müßt nicht glauben, daß ich diese Worte mir ausdenke ober sie selber fo schön in reines Hochdeutsch setze. Die alte Frau hatte nämlich eine kleine saubere Bildung in ihrem weißen Kopfe, vielleicht nicht eine fo große wie die Professoren, die da drüben zwischen den vier riesigen steinernen Göttinnen aus der Universität tarnen, aber doch eine feine, gut aufgeräumte und abgeftaubte Bildung. Ja. wenn es nun aber nicht wahr gewesen wäre, was sie sagte! Der Mutter, die doch selber schnell genug im Entschluß gewesen war, kam dies doch zu schnell, und sie antwortete: „Nein, nein, ausmieten will ich Sie nicht, das geht auf keinen Fall! Aber wenn Sie die Wahrheit sagen — ich zweifle nicht daran, aber wir kennen uns ja noch gar nicht —, bann bitten Sie boch Ihre Herrschaft, mir ein paar Zeilen unb ein Zeugnis über Sie zu schicken!" Unb bann sagte sie ber Muhme ihre Anschrift — es war ein Gut da in ber Nähe. — „Soll ich es Ihnen aufschreiben?" Das war nun ganz unb gar nicht nötig, benn alte Leute unb einfache Leute haben meist ein viel besseres Gebächtnis als bie armen Reichen und gar die abgehetzten Geschäftsleute mit ihrem Briefbuchgedächtnis. So gaben sich bie beiden Frauen bie Hand unb schieben für heute. Der Mutter war, als ob sie seit langem nicht eine fo arbeitsharte unb boch feingliedrige und trockene Hand um bie ihrige gespürt hätte ... Ja, unb am nächsten Tage kam ein Brief von bem Herrn Strumpfgeschäftsinhaber, ber bie Angaben ber alten Frau bestätigte unb „Mit nicht mehr für heute" unb einem schwungvoll-unleserlichen Namen (mitten durch den köstlichen Blaustempel hindurch!) schloß. Unb babei lag ein zweites Briefchen feiner Frau, bas bie Kinberfrau in echten Worten als ganz vorzüglich lobte. So kam also bie Muhme zu bem kleinen Jungen, von bem ich euch vorhin erzählte. Und sie blieb nun von da an acht Jahre auf dem großen Gute, fo baß sie schließlich wie ein Stück bes alten Schlosses war. Ihr Stübchen oben in der Hausecke war genau so sauber, aufgeräumt unb abgestäubt wie ihre Sprache und wie ihre liebe alte Seele. Und sie trug, wie damals in der Stadt, eine riesige, leis knitternde Schürze aus weißer Leinwand unb bei schlechtem Wetter einen mächtigen Strohhut. Meist aber ging sie barhaupt unb zeigte ihre beiben silberweißen Zöpfe in einem tatkräftig zusammengebrehten und offenbar holzfeften Knoten hoch am Hinterkopf. Sie und der kleine Junge wurden nun die besten Freunde von ber Welt, wobei ihr Feingefühl ihn doch immer deutlich darauf hindrängte, daß ja die Mutter nicht zu kurz käme. Wenn sie dem kleinen Jungen im Bade über sein pralles Bäuchlein wusch, verfehlte sie nicht, züchtig zu sagen: „Erlaube bitte mal, Bernhard." Sie nannte ihn nie mit Kose- ober Spitznamen, gleichsam als ob diese Vertraulichkeit nur den Eltern unb Geschwistern zukäme. Sie hielt überhaupt nicht viel von ben uneigentlichen unb verdeckenben Ausdrücken der Sprache, die ihrem Gefühl vielleicht als unwahr erschienen. So schlug sie, als er älter wurde, ihm einmal vor: „Du bist nun groß genug Und brauchst nicht mehr von „Ich habe einen Wunsch" zu sprechen sag doch: „Muhme, ich möchte mich entleeren!" — einer der seltenen Falle, in denen die Mutter doch die frühere Sprechgewohnheit für glücklicher hielt. .. . , . . . War bann bas Bab vorbei unb bas blonbe Knäblem lag krebsrot gerumpelt unb fammetglatt unb (bie Mutter fanb bas immer) ein wenig uach warmem, frischem Heu buftenb auf bem Wickeltisch, fo begann bas schwierige Anziehen. Nein, wie brachte sie nur bie fünf winzigen sprei- ■öfnben Fingerchen in ben engen Aermel des gestrickten Jüppchens hm- *in! Und — ihr mögt es glauben ober nicht — auf ber anderen Seite k>es weißen Tunnelchens tarnen jedesmal alle fünf unabgebrochen und völlig unverbogen wieder heraus! Es war ihr Glanzstück, es ging fo Zeschwind wie beim Taschenspieler, und sie tat auch gerade so gleich- fiültig dabei, als ob es nichts wäre. Und bann kam die schreckliche Hose, d. h. eigentlich ein dreieckiges Stück dickes Zeug, das sich teil GnvachsekleI in dieser gräßlichen, faltigen, gequetschten Art und Weise anlegen lassen würde — nicht um alles in der Welt. Wickelte man das Bübchen nach drei Stunden zum Nachmittagsschlaf wieder aus diesem furchtbaren Dinge heraus und es lag bäuchlings auf dem Tische — kennt ihr aus dem Atlas vorn auf der ersten Seite die beiden Halbkugeln der Erde und links ist bloß schief und rot Amerika und rechts ber ganze anbere Segen mit Nil unb Gaurisankar unb das verzwickte Europa? Ich versichere euch: Alles das war auch da von den Falten in die zarte Haut eingepreßt wie ein richtiger Mehrfarbendruck! Als der kleine Junge älter wurde, kam er in das Alter des Fragens, unb alle fiebert Weifen Griechenlands hätten schwitzend dagestanden und gesagt: „Verzeihung, aber ich kann nicht mehr!" Seine Muhme aber antwortete ihm unermüdlich und in immer gleicher Geduld, Wahrheitsliebe und Höflichkeit. Ja, so muß man es nennen: Höflichkeit, obgleich bas gegenüber einem Kinbe eigentlich unnötig ist, wie bie meisten glauben (Freilich habe ich auch einmal einen Kameraben gehabt, ber zu fernem Hunbe nie anders als mit: Darf ich Sie bitten ... sprach, aber das war ein schrulliger Kerl.) Die Muhme aber hielt Höflichkeit für einen Teil von Nächstenliebe und Christenpflicht, und da ihr Junge ein überaus weiches, ja, empfindsames Seelchen hatte, fo wuchs er recht wie eine Blume auf, von der man jeden rauhen Wind fernhält. Auch blieb er bis weit in feine Knabenjahre hinein fast wie ein Mädchen feinfühlig. Jeder Lärm z. B. war ihm ein Schmerz. Einmal wollte fein Vater Klavier spielen und sagte chm: „Du darfst im Zimmer bleiben und zuhören, aber sei gefälligst mäuschenstill!" Der kleine Junge fragte erst noch höflich: „Ja — aber, nicht wahr, schlucken darf ich doch?" Und dann saß er in der Ecke des Lehnstuhls wie ein kleines, zusammengedrücktes Tafchentllchlein, das eine Dame vergessen hat. Und der Stuhl schien dreimal so groß zu sein, als er darin saß ... Da kam die Mutter herein, um zu sehen, ob es dem Kleinen auch gefiele — ach, es war ihm viel zu laut gewesen! Seine Backen waren von lautlofen Tränen naß bis in ben feuchten Hembchenranb hinein, und er sagte nur ganz leise, als Erklärung zu seines Vaters wilden Ton: „Papa klopft das Klavier aus". Er wollte ihn gern entschuldigen und dem Unternehmen einen sozusagen hauswirtschaftlich vernünftigen Zweck unterbauen. Einmal hatte er seinen Grießbrei ein wenig hastig gegessen unb geriet in einen schrecklichen Husten. Die Muhme fragte ihn mitleibig, und indem sie sanft seinen kleinen Rücken (wie ein Häschenrücken so lang war er!) klopfte: „Armes Kind, hast du dich verschluckt?" Da wurden feine tränengefüllten Augen ganz starr vor Entsetzen darüber, was in dieser furchtbaren Welt alles möglich war, und er antwortete hastig: „Nein, ich bin noch da!" Und bann trug sie ihn zum Tröste ein wenig in der Stube herum. Als feine Mutter hereinkam unb die Muhme das schlimme Erlebnis erzählt hatte, streichelte er dankbar ihren sauberen Scheitel zwischen ben schneeweißen Haarhälften und sagte: „Da hat Muhme schon einen Sprung, Mama! Hoffentlich geht sie nicht ganz kaputt!" Ja, unb nun würbe er älter unb fragte immer mehr, und die Muhme konnte gar nicht genug Wissenschaft für ihn aus ihrem Bolkskalender durch die große Brille herauslesen. Und allmählich kam auch der Schalk in ihm zum Durchbruch. Im übrigen verfuhr der Junge so königlich sprachschöpferisch in feiner kleinen Welt wie alle Kinder. Als er sich einmal Orden gemacht hatte, unterschied er die bunten aus Papier und die blechernen Metallgen. Den Schal nannte er das Umtuch, was offenbar irgendwie mit umtun zu- fammenhing. Und die alte Muhme ergötzte sich an feinem wachsenden Seelchen alle Tage von früh an, wo sie ihn während der Zimmerreinigung in sein kleines Stübchen an das große Blumenbeet norm Hause setzte, bis abends, wo sie an seinem Gitterbettchen ihr Nachtgebet für ihn sprach. Und die Safrane blühten auf dem Beete und die Rosen und die Astern. Und die Blätter wirbelten durch den Park und die Schneeflocken und die Blüten der rosa Kastanien. Und die Jahre vergingen, die lieben, ach, die lieben Kinderjahre! Es war ein großer Betrug nötig, um den Fortgang der Muhme für fein weiches Herz nicht allzu bitter werden zu lassen. Als die Ettern von einer längeren Reise mit ihm wiederkamen, war sie „verreist" Aber sie kam am Sonntag wieder und dann nach zwei Wochen gar für einige Tage. Und fo gewohnte er sich allmählich daran, daß die alte Frau nicht mehr täglich und stündlich um ihn war. Die Eltern hatten ihr in der großen Stabt, in der die Mutter sie gefunden hatte, ein Stübchen gemietet, und der Junge kam nie in diese Stadt, ohne sie zu besuchen. Jedesmal brachte er ihr Geschenke mit — meist Lebensrnittel, denn es waren die schlimmen Jahre während und nach dem Kriege — und jedesmal saß er ein Stündchen in der sauberen und mit Blumen geschmückten Stube, in der sein Bild wohl in einem Dutzend Ausführungen auf allen Sorten stand. Und das nun ganz verhutzelte alte Weibchen gab ihm einen Apfel zu essen, und er erzählte ihr von feinem Leben. Ja, nun war er ein ganz großer Mensch geworden, und die Muhme mußte mit den zittrigen Fingern hoch hinauflangen, wenn sie ihn noch einmal scheu über die braunen Backen streicheln wollte. Und er erzählte von seinen Mtschülern und den Lehrern. Und später von seinen Korpsbrüdern und dem schonen Heidelberg. Und später von seinen Prüfungen und seinen Plänen. — Und bann kam es, wie es immer in solchen zärtlichen Freunbschaften kommt: Die Muhme würbe krank und kam in ein großes Zimmer des riesigen Gebäudes, in dem die Stadt ihre Alten freundlich zu Tode pflegt. Ihre gütig helle Seele behielt sie aber auch hier, und die Schwester erzählte, wenn die fünf anderen alten Frauen des Krankensaales erbittert unb böse auf die Welt schalten, hätte die Muhme immer ganz zufrieden gesagt: „Ich weiß nicht, was Sie wollen, ich habe es in der Welt ganz wunderschön gesunden! Und nächsten Mittwoch kommt mein Bernhard wieder zu mir!" Und tinn saß der blonde Mann in dem Zimmer an ihrem Bett und war etwas verlegen, weil die fünf anderen Frauen natürlich langst über ihn so genau Bescheid wußten wie der, welcher eine recht eingehende Lebensbeschreibung aus Langerweile zum vierten Male durchgelesen hab Und die zehn Zipfel ihrer Kopfkissen standen alle zehn stets m die Lust wie lauter gespitzte Ohren, um nur ja nichts von der Zwiesprache zu verlieren So konnten die beiden nicht allzuviel sprechen, aber ihre Augen waren ganz fest in Liebe ineinandergesenkt und ihre Hande auch Die beiden schneeweißen und immer noch starken Zöpfe der Muhme lagen über das Kissen auf der Decke, und sie sprach leise und in etwas altmodischer Wehmut von ihrem Tode, Und immer war das letzte: „Atem Bernhard, mein lieber Bernhard, bleib nur immer so ein gutes, frommes Kind, wie du damals wärest, als ich noch bei euch und deine alte Kinder- muhme war!" — Es traf gerade in seine Weihnachtsserien, daß sie starb, und er wußte daß sie ihn in der alten Burg seiner Eltern besuchte. Ihr muht zunächst wissen, daß er als Naturwissenschaftler durchaus frei Don jenem törichten Aberglauben war, der die Zeichen der Toten mit Grauen empfängt Er wußte durch die Ueberlieserung seines Geschlechtes und aus eigener Erfahrung genug folche Geschehnisse, um sie einfach hmzunehmen, wie sie sind: unerklärlich zunächst, aber nicht zu leugnen, feierlich durch die Schauer der Unsterblichkeit, aber nicht zu fürchten. Es gingen mele leise Schritte durch sein Schlafzimmer in jener Nacht, er sah aufrecht tm Bette und hörte viertelstundenlang, wie es wischte, glitt und sich bescheiden bemerkbar machte. Aber als er zu seiner Mutter ins Nebenzrmmer ging, hatte die nichts gehört, obgleich auch ihr solche Zeichen in dem alten Schlosse wohlvertraut waren. Sie hörte bann selbst bei offengehaltener Tür in dieser Nacht nichts. Nur von ihrem geliebten Jungen nahm die alte Frau Abschied und saß vielleicht unsichtbar an seinem Bett, wie er vor wenigen Tagen an dem ihren im Krankenhaus. Nach drei Tagen wurde ihr Leib eingeäschert. Zwischen den paar entfernten Verwandten, die der lieben Alten die letzte Ehre erwiesen — sie waren traurig und wie verängstigt in der riesigen Kuppelhalle um den Sarg her — stand sehr lang und blaß der junge Mann. Er war noch zu jung und schamhaft, um die freundlichen Worte des Pastors ganz zu billigen. Als er davon sprach, wie ihr Leben seit mehr als zwei Jahrzehnten sich ganz in der Liebe zu ihrem letzten Pflegling erschöpft habe, und wie sie gewiß in ihrem Sarge glücklich wäre, daß er so weit hergekommen sei, um ihr die letzten von so vielen Blumen in seinem jungen Leben zu schenken ... Und die Orgel spielte leise, und ganz allmählich sank der Sarg vor dem Altar in den Boden. Und die Blumen auf seinem Deckel schüttelten leise und verwundert ihre Kelche, und die kleine Trauergesellschast summte: „Jesus, meine Zuversicht ..." Das war noch ein langer, langer Gang auf dem großen Friedhöfe, denn der Jüngling hatte in feinem Leben noch nie einen toten Menfchen gesehen, und da muß man lange allein sein, ehe man wieder unter die lärmenden Leute auf der Straße gehen mag! Er war nicht anders als andere junge Männer, und die alte Frau nicht anders als viele andere gütige, alte Frauen gewesen, — ich sagte euch ja schon, daß in dieser Geschichte gar nichts Besonderes vorkommt. Nicht mehr als eine heilige, tiefe, zärtliche Liebe von einem lieben Jungen und einer alten Muhme. Der Speer des heiligen Sebastian. Bon Rudolf Kreutzer. Draußen am Rande der Stadt, wo die Häuser aushören und die Wälder beginnen, steht an einer Wegkreuzung, von einem riesigen Nußbaum Überschattet, die Kapelle des heiligen Sebastian. An schönen Tagen, wenn der Himel blau und wolkenlos war, und das war er, wie mir scheinen will, in unseren Knabenjahren immer, gab es keinen schöneren Platz auf der Welt als den bei der alten, hölzernen Bank vor der Kapelle. Man sah dort, nach Süden blickend, in einem zarten, fchim- mernben Blau bie Berge am Rande des Himmels und der langgezogene silberne Strich in der Ferne, das war die Benediktenwand, und zwischen hohen Steilhängen eingezwängt, kam die Isar hergerauscht, lichtgrün in ihrem steinigen, flimmernden Flustbett, im Norden aber stachen die zwei mächtigen, rotbraunen Türme der Frauenkirche in den Himmel und wölbten ihre grünspan-grünen Kuppeln über den Dunst und Rauch der Stadt. Dort bei der Kapelle des heiligen Sebastian trieben mir unsere Knabenspiele. Es gab hier auch eine große Kiesgrube, die mit niedrigen Zitterpappeln bestanden war und in der wir unsere Lagerfeuer anzündeten, ein Bahndamm lief mit heißen, glänzenden Eisenfchienen daran vorbei und war mit feiner Böschung der umstrittene Schauplatz unserer wilden Knabenkriege. Ich weiß nicht, ob das alles auch noch heute so ist, wie es damals gewesen war, die Kiesgrube mit dem Bahndamm, die freien Plätze und Wiesen und die alte Holzbank vor der Kapelle, bemr bas, was ich erzählen will, das war schon Jahre vor dem großen Krieg und wir waren damals alle kaum vierzehn Jahre alt: der Salzberger und der Sinzinger, der später bei Verdun gefallen ist, der Zeller Oskar und der Strehl Alfons, der bei Peronne geblieben ist, und noch ein ganzes Rudel aus der dritten ßateintlaffe. Weiß Gott, wem von uns damals das Heftchen in die Hand gefallen war, ein kleines, gelbes Heftchen des Reclamverlages, es war schon sehr zerrissen, das Reelamhestchen, und es hieß „Die Räuber" und war von Friedrich von Schiller. Wir kannten es fast auswendig, und unsere Reden waren damals von Zitaten aus ihm gewürzt und von einem sonderbaren Pathos getragen und es war dabei nicht zu verwundern, daß der Salzberger auf einmal nicht mehr der Salzberger, sondern der „Schweitzer", und der Zeller Oskar plötzlich der „Roller" war, Und sich nur für den „Schusterte" keiner aus unserer Horde hatte finden lassen wollen. Einmal, an einem schulfreien Nachmittag waren wir alle in der Kiesgrube versammelt. Wir saßen im Kreis um unseren Anführer herum, und der sandige Boden war so heiß, daß er uns durch die Hosen brannte, und der Sinzinger, unser ,Karl Moor", meinte, cs müsse einmal etwas Besonderes geschehen, etwas ganz Besonderes, irgend eine mutige, revo- lutionäre Tat, zu der man sich bewaffnen müsse. Er selbst hat eine Flobertpistole, die er seinem älteren Bruder gestohlen halle, aber der Strehl hatte einen Bogen, der mit einer Mottnsaite bespannt war, und Pfeile dazu mit echten Federn, und auch von den anderen hatte jeder irgend ein Stück, bas kriegerisch aussah, und nur ich stand mit leeren Händen vor den anderen da und schämte mich meiner Waffenlosigkett. Als bann vollends einer über mich zu spotten anfing, da kam mir der Zorn und ich stand auf und sagte, daß ich allein eine Tat verrichten werde, über die sie staunen würden, und ich würde mir schon eine Waffe holen, wie sie keiner hätte, eine ganz besondere Waffe, ja gewiß, das würde ich tun, und zwar jetzt gleich auf der Stelle, sie brauchten nur eine Weile zu warten, ich würde schon wieder zurückkommen. Dann ging ich rasch davon, ohne mich um bas Lachen hinter mir zu kümmern. Ich lieg aus der Kiesgrube über den Bahndamm und ging auf die Kapelle les' heiligen Sebastian zu. Aber je näher ich zu ihr kam, desto langsamer ging ich und desto kleiner wurde mein Mut. Mein Gott, jetzt halle ich mich in meiner eigenen Großsprecherei gefangen, jetzt gab es keinen Ausweg mehr, jetzt mußte ich es tun. Bor der Kapelle blieb ich stehen unb sah mich vorsichtig nach allen Seiten um, es war niemand unterwegs und weit und breit kein Mensch zu sehen, nur ein Häher flog kreischend aus dem Nußbaum. Rasch schlüpfte ich durch bas Dor rn das Innere der Kapelle, durch die bemalten Fensterscheiben fiel Licht, funkelnd und rubinrot spielte es unruhig auf der weißen Altardecke, die Wände waren mit Tafeln behängt, auf welche von ungelenken Händen Inschriften gemalt waren, „St. Sebastian hilf!" ober „St. Sebastian hat geholfen" stand daraus, und es war mir, als hätte ich die Tafeln zum ersten Male gelesen, die Lust war dumpf und modrig, etwas roch scharf unb bitter wie nach Pilzen. Ich trat vor die Statue des heiligen Sebastian, weih unb nackt stand der gemarterte Leib im halben Licht des dämmernden Raumes, der Kopf mit dem schmerzerfüllten Gesicht war zurückgebogen unb blickte aus nächtigen Augen groß und fragend auf mich herab. Mir schlug bas Herz zum Halse herauf, schon wollte ich abstehen von ber lästerlichen Tat, fortlaufen, aber bann hörte ich wieder das Lachen hinter mir, und es fiel mir meine eigene Großsprecherei ein und ich griff mit zitternden Händen noch dem Speer in der Brust des Heiliaen, dicht unter dem Herzen, und begann zu ziehen, aber es gab nicht^nach, ber Speer, er stak zu fest in der Brust des Heiligen unb ich mußte nochmals ziehen, fester ziehen, mit aller Kraft anziehen, unb bann gab es plötzlich einen Ruck unb ich hielt ben Speer in der Hand und da war sie geschehen, die lästerliche, die verbrecherische Tat. Eine lähmende Angst überkam mich, unb es war mir, als müsse jetzt Blut aus der Wunde sickern, rotes, rinnendes Blut aus der Brust des Heiligen, aber es kam kein Blut, es fielen nur ein paar kleine Holzspäne aus der Wunde des Heiligen, und es war wohl auch gar keine richtige Wunde, sondern nur eine eingeschnittene Kerbe und es war bloß die Farbe von ihr abgesprungen und das Holz etwas gesplittert. Dennoch, ich weiß nicht warum, machte ich mit hastigen Fingern das Kreuzzeichen und schaute dabei voll Angst in bas Gesicht bes Heiligen, in das schmerzerfüllte Gesicht, das starr und unbeweglich war unb bies alles hatte geschehen lassen, unb es fiel kein Blitz vom Himmel auf mich herab unb ich wartete noch eine Weile und es geschah immer noch nichts und dann schob ich ben Speer unter bie Joppe und rannte aus ber Kapelle, rannte ins Freie, über die Wiesen, über den Bahndamm, in die Kiesgrube. Dort saßen noch die andern, wie ich sie verlassen hatte, und warteten auf mich. Ich trat in ihren Kreis und es war gut, baß ich so gelaufen unb erhitzt war, daß sie meine Angst nicht merkten, holte den Speer aus der Joppe hervor und warf ihn ihnen vor die Füße. „Der Speer vom heiligen Sebastian!" rief einer, unb feine Stimme klang wie erschrocken, und bann war alles still, unb keiner sagte etwas. Ich schaute zum Sinzinger hinüber, zum Strehl, zum Salzberger, aber sie sahen alle an mir vorbei, in ben Boden, in den Himmel, zur Kapelle hinüber, unb als erster stand ber Zeller Oskar auf und sagte, er müsse jetzt heimgehen, er habe ben Schlüssel und seine Mutter käme heute bald nach Hause. Und bann staub einer nach bem andern auf und ging, keiner sah mehr zu mir her, keiner war mehr der „Schweitzer" ober der „Roller" unb auch kein „Karl Moor" war mehr da, sie waren auf einmal alle wieder Lateinschüler, ganz gewöhnliche Lateinschlller, die ein schlechtes Gewissen hatten und die heimgehen mußten zu ihren Schulausgaben. Ich blieb noch eine Weile in der Kiesgrube stehen, bis keiner mehr zu sehen war, dann hob ich den Speer auf, schob ihn unter die Joppe und machte mich langsam und traurig auf den Heimweg. Es fiel mir ein, daß ich noch ein wenig zur Isar hinuntergehen könnte, und es war mir, daß es vielleicht am besten wäre, wenn ich gar nicht mehr nach Hause ginge, sondern mich in die Isar werfen würde. Morgen war vielleicht schon alles aufgekommen, und man würde mich von der Schule jagen, unb unser Religionslehrer fiel mir ein, ber gute alte Professor Hofmann, ber mir diesmal nicht mehr helfen konnte, unb bann malte ich mir mit Entsetzen aus, daß in unsere Wohnung die Polizei kommen werde, um Haussuchung zu halten. Ich setzte mich auf den Damm am Kanal unb schaute den Wellen ber Isar nach, sie flössen rasch bahin und waren wieder weg, und es kamen immer wieder andere nach, neue, rasche Wellen, und ich blickte mich um, griff schnell unter die Joppe unb mirf den Speer in hohem Bogen weit hinaus in den Fluß, sah ihn eine Weile auf den Wellen tanzen und verschwinden, sprang vom Damm herunter und lief, lief, was ich laufen konnte, lief über Steine unb Wurzeln, über Straßen und Felder, lief und lief, lief immerzu, bis icy endlich die Stadt und außer Atem die Türe unseres Hauses erreichte. «eraniwortlich. Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Univeriitäts.Duch. und Steindruckerei, 2t. Lange, Gieb««-