GiehenerZaMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, -en N-Januar Nummer 5 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by 2nsel-Verlag zu Leipzig 9. Fortsetzung. Am liebsten wäre er nun gleich zum Lotteriegeschäst gerannt, aber es war höchste Zeit zur Schule. Die erste Stunde war Rechnen, Bruchrechnen. An der Tafel zeigte der Lehrer, wie man das kleinste gemeinschaftliche Vielfache sucht. Klick aber suchte in seinem Kopf nichts als zwanzigtausend Mark, das größte gemeinschaftliche Vielfache, Wollmütze, hochachtungsvoll, sehr geehrter Herr, zwanzigtausend Mark. In der letzten Stunde, der Geographiestunde, hielt er es kaum noch aus. Seine Hauptstadt der Welt hieß: Hochachtungsvoll und hatte zwanzigtausend Einwohner. Wenn nur der Vater nichts davon erfährt! Er hatte ja das Los verloren. \ Sobald die Glocke das Schlußzeichen gab, stürzte er aus der Klasse und hin zum Lotterieladen. Der junge Mann, dem er damals den Verlust der Lose gemeldet hatte, war heute nicht anwesend. Er zeigte dem Beamten den Brief. „Hast du das Los?", fragte der. „Ich hatte es — hab's verloren." / „Haft du den Verlust bei uns gemeldet?" „Vor einigen Monaten." Der Beamte suchte in seiner Kartei und entnahm ihr eine Karte. „Stimmt!", sagte er. „In der Liste steht's auch gedruckt, daß dein Los als verloren gemeldet wurde. Junge, solch einen Dusel und solch ein Pech. Man soll Lose, die gewinnen, nicht verlieren. Es ist ungeschickt und macht viele Scherereien. Du wirst es ja sehn, wenn du das Los nicht doch noch beibringst. Such noch einmal tüchtig nach, vielleicht hast du es nur verlegt!" Klicks Kopf schellte, als hätte er eine Ohrfeige bekommen, die Maulschelle des Glücks. „Danke!", sagte er. Schade, meinte er zu sich, mit aller Kraft sich anstrengend, seinen Mienen einen gleichgültigen Ausdruck zu geben. Fetzen von Einfällen durchmirbelten seinen Kopf: Vater, Butter, Armut, Arbeitslosigkeit, der Spielzeugladen ... Wenn es der Vater erfährt! Er darf es nie wissen, sein ganzes Leben lang würde er sich grämen, daß Klick das kostbare Los verdummt hat. Grübelnd bummelte er die Seestraße hinunter. Die Mütze muß her, dann bekommt er auch das verwünschte Los. Wie stellt er es nur an? War er nicht ein guter Affendetektiv? Hatte er nicht Pong gefunden? Pong, der Arme und Beine hatte und laufen und klettern konnte. Was war gegen ihn feine Mütze? Sie konnte weder laufen noch klettern; doch konnte sie fortgetragen werden, auf einem Kopf; gefahren konnte sie werden, weggekehrt, in einen Winkel geschmissen. Was für Kopfzerbrechen ihm die Mütze machte! Da hatte er auf einmal einen Plan. Wenn er erwachsen wäre und richtiger Detektiv, nähme er jetzt seine Tabakspfeife aus der Tasche, stopfte sie und entzündete voll Genugtuung den Feinschnitt. Es war ein guter Plan. Vergnügt pfiff er. Eine geheime Versammlung. Klick eilte nach Hause. Sein Vater war noch nicht da. Er riß die Kommodenschublade auf, entnahm ihr die Sparbüchse und jagte zu Ali hinüber. Sie stand vor ihrem Kartoffeltopf. „Hast du noch die fünf Mark von Sassafraß?" Warum sollte sie das Geld nicht mehr haben? „Leih es mir, ich brauche es dringend, du kriegst es bald zurück. Hab leider nicht genügend Geld in der Sparkasse." Ali hatte das Fünfmarkstück in ihr Taschentuch eingeknotet. Sie knüpfte den Zipfel auf und gab das Geld ihrem Freund. „Danke. Ali, bist ein gutes Mädchen. Bist 'ne kleine, nette Deern ..." sagte er noch, die Worte des Kapitäns vom letzten Besuchstag wiederholend. „Wozu hast du es denn so sehr nötig?" „Um zwanzigtausend Mark zu beschaffen." Er lachte über ihre Verwunderung. ..Mein Los hat gewonnen, zwanzigtausend Mark, Ali! Da bist btr baff, wie? Aber: Mund halten. Ich muß fort." Er war zur Tür hinaus. „Klick!", rief Ali verwirrt. Die Kartoffel entfiel ihrer Hand und plumpste in den Topf. Klick preschte zum Hustenonkel. „Laß mir bloß den Laden stehn!", sagte der Tierhändler, als Klick hereinbrauste. Der Papagei begann zu kreischen, und der Affe Pong führte in seinem engen Haus, als er seinen Freund erblickte, einen rasselnden Freudentanz auf. „Seid gegrüßt, ihr Vögel, Affen und Wasserflöhe!", rief Klick. „Onkel, kannst du mir vielleicht mal schnell eine Mark fünfzig borgen, aber in drei Fünfzigern?" „Das kann ich", sagte der Tierhändler, in die Ladenkasse greifend. Klick nahm das Geld und steckte es in den Sparkassenschlitz. „Erledigt!", sagte er. „Nun wechsle mir, bitte, die fünf Mark da auch in Fünfziger." Mit einem rasch aufblitzenden Frageblick betrachtete der Hustenonkel seinen Wahlneffen. „Ich bin ganz gesund", meinte Klick, dem Blick antwortend. „Mein Lieber: dunkle Geldgeschäfte!" Der Onkel zählte zehn Fünfziger auf, Klick steckte auch sie in den Schlitz. Im ganzen waren jetzt zwanzig Fünfziger in der Sparkasse, insgesamt zehn Mark. Die notwendige Sparsumme war erreicht, die Kasse gefüllt: sie konnte geöffnet werden. Der Sparer klappte den Verschluß auf, schüttete das Geld in seine Hand und gab dem Hustenonkel die entliehene Summe von einer Mark fünfzig zurück. „Schulden bezahlt! Danke! Ich brauche dein Geld nicht länger, wollte nur die Sparkasse ausmachen. Und das war nicht möglich, ehe nicht zwanzig Fünfziger drinstecken. Ein andermal erzähl ich dir von meinen Geldgeschäften." Er klappte die Ladentür hinter sich zu und sah nicht mehr, daß sich der verdutzte Tierhändler ein grünes Hustenbonbon nachdenklich in den Mund schob. Klick, acht Markt fünfzig in der Tasche, pfiff den Geheimpfiff. Trillernd jagte er an den Geschäften vorbei. Es war dreiviertel sieben, eine Viertelstunde vor Ladenschluß. Der Lehrling von Küblers Sohn steckte den Kopf aus der Ladentllr, desgleichen der von Fleischermeister Grasmann und vom Bäcker Müntz: es waren Bernhard, Wilhelm und Alfred. Klick schrieb ein Zeichen in die Luft, das bedeutete: Heute abend acht Uhr Versammlung an meiner Haustür. Die Lehrlinge hatten verstanden. Die Köpfe wurden eingezogen. Klick benachrichtigte noch einige andere Jungen, mit jenen insgesamt sieben. Sodann schob er heim, um wie gewöhnlich das Abendessen vorzubereiten. Kleinigkeit. Das Leben war jetzt derart, daß das Essen die allerwenigste Zeit in Anspruch nahm. Nach dem Abendbrot verttefte sich Herr Bodenweber in die Tagesneuigkeiten. „Ich gehe noch einmal einen Augenblick vor die Haustür", sagte Klick. Zwei Minuten vor Acht. Auf der Treppe bedachte er, was er feinen Freunden mitteilen wollte. Er bestieg den Lift. Glatt wie Glas war das Treppengeländer gewetzt. Mit Schlag acht glitt er vor die Haustür. Er war pünktlich. Aber auch die anderen waren zur festgesetzten Zeit da, mit jedem Schlag kam einer an — als es acht ausgeschlagen hatte, waren sie zu acht. „Gung!", erscholl das Begrüßungswort. „Kwai!", die Antwort. So sagte einer zum andern. Bernhard von Küblers Sohn war der Erfinder dieses Grußes. Es sollten die Anfangsbuchstaben eines Negerliedes aus der Völkerschau sein, von Bernhard im letzten Sommer im Zoo aufgeschnappt und in der Webergasse eingebürgert, als weilten auch hier wilde Stämme. Klick war der Jüngste dieses Bundes. „Ich brauch dringend eure Hilfe!",'sagte er. Um was es geht, kann ich euch vorerst nicht sagen, Geheimnis .. Sie spitzten die Ohren. „Später, wenn die Sache geklappt hat", fuhr er fort, „werdet ihr es erfahren. Dann kriegt ihr schönes Geld, zunächst erhaltet ihr Handgeld von je fünfzig Pfennig." Sie hielten die Hände hin, und Klick blechte. „Die wichtigste Rolle bei dieser Sache spielt meine alte braune Wollmütze. Ihr kennt sie ja. Hinten hat sie einen blauen Punkt vom Kopierstift. Ich hab sie im letzten Winter am Weihnachtstag auf dem Altmarkt bei einer Schneeballschlacht gegen Mehlhose, Schrimpf und Zulauf verloren. Von denen hat sie keiner. Das hab ich ausgekundschaftet. Es ist aber leicht möglich, daß sie ein Junge aus der Nachbarfchast aufgelesen hat oder sonst jemand. Fragt die Lehrlinge vom Altmarkt und der Seestraße. Ihr müßt es unbedingt herausbekommen, wer sie aufhob. Schnüffelt herum, erkundigt euch unauffällig, beachtet vor allem jede braune Wollmlltze auf der Straße. Erkennungsmarke, wie gesagt, blauer Kopierfleck, fjat sie einer auf dem Kopf, herunter damit! Die Mütze muß herbeigeschnfft werden, Immit ich weitere Schritte unternehmen kann." von den Dächern herab zu antworten, fo entfernt Hangen ihre Stimmen. In der Mittagspause und abends nach Ladenschluß wuselten fie in Haufen und Rotten über den Altmarkt und durch die Seestrahe, ameisenartig, eilia geheimtuerisch. Sie trieben sich bei den Blumenweibern Herum, den Zeitungsfrauen, horchten, spürten, schwatzten, als sei eine Verschwörung angezettelt. Dann wieder setzte es Seilereien — die Lehrlinge hatten vorübergehenden Jungen ihre Mützen von den Kopsen gerissen, und stets waren es braune Mützen, wie einige verstörte Chefs zu bemerken glaubten. Von der durch Klick entfachten Bewegung waren nun auch die übrigen Gassenbünde ergriffen worden und endlich der ganze .^Herzmerenblick . Die einen erzählten den andern eine abenteuerliche Geschichte, die sich um die Mütze gewoben hatte. Don dieser Geschichte sickerte aber nicht die geringste Spur in die Oeffentlichkeit. Wer nicht zu .Herzmerenblick gehörte, erfuhr sie nicht, und wer Mitglied war, schwieg. (Forts, folgt.) Dcrocffcn.* Bereits um neun Uhr kam ein Straßenjunge zu Frau Mittwoch mit einer braunen Wollmütze. „Hier ist die verlorene Mütze!", rief er. „Zeig her! Wo ist der blaue Fleck?" Ein schwarzer Fingernagel an einem braunen Finger deutete auf Das blaue Merkmal. . .. Richtig, da war der blaue Fleck, genau am Hintern Rand. Sie nahm die Mütze und zahlte die Belohnung aus. Der glückliche Finder verduftete. Nach einer Halden Stunde tarn ein zweiter Junge mit einer braunen Wollmütze und einem blauen Fleck darauf. Auch er wollte die Belohnung haben. „Du Schlauberger", schalt sie, „die richtige Mütze wurde schon abgegeben, iu „Reingefallen!" antwortete der Junge. „Sie haben die falsche eingelöst. Meine ist die richtige, ich hab sie am Altmarkt gefunden." Die Zeitungsfrau machte große Augen. Wahrheit? Schwindel? Aber als sie noch mit dem Jungen verhandelte, stellte sich schon wieder einer mit einer braunen Wollmütze an ihrem Stand ein. Da wurde sie ganz schrecklich zornig. Sie fauchte, und Schnurr tat desgleichen. Er fauchte einen voruber- ftreunenben Köter an, sie die beiden Mützenfinder. Ob sie sich vielleicht einen Mützenladen anlegen solle? Ob sie ein Fundbüro sei? Man Wolle sie wohl prellen, sie zum Narren halten? Gauner, Tagediebe, Straßenschlmgel alle! Sie fetzte den Anschlag vom Mast herunter, um ihn den Jungen um die Ohren zu schlagen. Die waren aber bereits außer Reichweite, im Straßengewimmel, das sie verschlang. „Hier hast du die verwünschte Mütze!" knurrte sie, als um Mittag Ali mit dem Essen erschien. Ali prüfte das Fundstück. „Leider die falsche, Tante!" . „Dann mag er eben die aussetzen, fünfzig Pfennig ist sie noch wert. Wahrscheinlich eine geflaute." Und so kam Klick wieder zu einer braunen Wollmütze. Inzwischen hatten die Lehrlinge aus der Webergasse ihre Freunde vom Altmarkt aufgerufen. Die zwei Bünde hatten eine Vereinbarung auf gegenseitige Unterstützung getroffen. Die Lehrlinge vom Altmarkt wiederum waren an andere Gassenbünde angegliedert, und alle von ganz Dresden bildeten den Stadtbund „Herznierenblick", so genannt, weil seinen vielen scharfen Lehrlingsaugen kein Vorfall in der Stadt entging: sie blickten durch Herz und Nieren. Die von der Webergasse und dem Altmarkt waren zusammen dreißig Köpfe, sechzig listige Jungenaugen durchforschten das Verlustgelände. Kreuz und guer, gleich jungen Dachsen und Murmeltieren in Höhlengängen, durchschnüffelten sie die Häuser am Altmarkt und der Seestraße. Wo man sie nicht vermutete, tauchten sie auf und verschwanden ebenso rasch wieder. In den Apotheken, Konditoreien, CasSs, Hutgeschästen, Zigarrenläden, Eisenwarengeschäften, Modemagazinen, in den Blusen- höufern und bei den Buchhändlern: überall erschienen mit irgendwelchen Aufträgen und Grüßen diese Stadt-Wichtelmännchen, um nach der verlorenen Wollmütze zu suchen. Die Fahrstühle sausten hinaus und herunter. Türen und Fenster flogen auf und zu, Packzeug. Stroh, Holzwolle, Papier und Sitten wurden durchwühlt, Handkarren, Abfalltonnen herumgeruckt, umgestoßen und ausgeschüttet. In den Fluren und vor den Türen war ein beständiges Getuschel. Die Hausmeister reckten argwöhnisch die Halse, Stielaugen machten die Verkäufer, die Lehrherren guckten über ihre Brillen: was hatten bloß die Lausbuben? Was war bloß m die Lehrlinge gefahren? Bald richteten die Burschen ihre Augen angestrengt auf hie Fußböden, als ob sie nach verlorenen Stecknadeln suchten, bald glotzten üe starr in Winkel und Ecken oder zu den Fenstern hinaus aus die Straße und die Vorübergehenden. Bloß bei ihrer Arbeit waren sie nicht. Wenn man sie brauchte, waren sie nicht da; rief man nach ihnen, schienen sie Kalendarium. Don Joses Weinheber. Es schneit und schneit den Jänner lang. Dem Kind in dunkler Stube Ist vor der Stille bang. Was raunt im Rohr? Schon Februar. Ein Alter geht zur Kirche In seinem weißen Haar. Schwermütiger Regen, kommt der März. Was kann die erste Blume Gegen das müde Herz. Windschwankende Birken hn April. Schon weiß der Knabe zu lächeln. Wenn er meinen will. Amsel im Flieder und wieder Mai. Ewig — im leuchtenden Abend — Stehen und schwören die Zwei. Und waldiger Juni, wartend, schwül, Die taufenbfternigen Nächte Zeigen dem Mann ein Ziel. Aehren im Juli. Der Mohn überm Rain. Ties horcht das Weib in die Segnung Seines Leibes hinein. Ein Donnerschlag durch den weiten August, Der Grübler wird sich mit Grauen Seiner Grenzen bewußt. Septemberhimmel, ein Schwalbenzug. Heim will der Wandrer: Die Erde Ist nicht mehr groß genug. Die Gärten verbluten, Oktober, im Wind. O, daß der Trunkne sich endlich Aus seinen Abgrund besinnt. Novembernebel. Ein Rabe schreit. Der Lauschende flieht betroffen Vor seiner Einsamkeit. Vom Himmel flockt's dezemberlind. Und Friede den Menschen aus Erden, Die guten Willens sind. Kameraden. Von Karl Heinrich Waggerl. Kurz nach Mittag haben wir den Gipfel verlassen. Wir saßen dort lange in einer geschützten Mulde auf unseren Brettern. Vier Leute ein Mädchen und drei Männer. Der Wind zog von Osten her scharf über den Grat, durchdringend und eisig falt, ein guter Wind, der auf Ordnung hielt und nichts Ungehöriges duldete, fein Geschrei und fein Geplapper hier. 4000 Meter über der Welt. Als wir abfuhren, war niemand mehr auf dem Gipfel, nur ein paar junge Burschen. Denen machten wir Platz in unserer Mulde. Ja wir haben eine prächtige Fahrt über lockeren Firn, ich überquere zuerst auf einer Brücke die Wanbfluft unb schwinge ab, um meine fiameraben zu erwarten. Eine Weile stehen wir ba unb frieren erbärmlich, es ist ein Riemen gerissen, unb außerbem wollen wir letzt unsere Gefährtin an bas Seil nehmen, bie Dame. Es ist eine verteufelte Arbeit, mit weißgefrorenen Fingern einen bicken Riemen burch bas Stemmloch zu ziehen, ich tümmere mich sebenfalls lieber um bas Seil. Dabei finbe ich Zeit, ein wenig Umschau zu halten. Wir haben unterwegs einige Leute überholt, eine junge Frau mit ihren beiben Brubern. Es ging nicht eben gut mit bieser Frau, vielleicht war sie abenbs in ber Hütte ein wenig gar zu luftig gewesen, unb jetzt ist sie mube unb stürzt viel zu häufig auf bieser ersten Strecke. Aber ba fommen schon ihre Begleiter über bie Schneebrücke-, sie halten linfs von uns an, unb weiter rückwärts sehe ich auch die junge Frau, von dort weg hat sie es leicht Ich wende mich meinem Freunde zu, der mit seinem Riemen nicht fertig wird. Während wir da zusammengedrängi stehen unb hastig arbeiten, spüre ich plötzlich ein unbehagliches Gefühl im Rucken, und im gleichen Augenblick hören wir einen Ruf von der Spalte her, nur einen leichten Schrei. Ich wende den Kopf und sehe — ja, ich sehe eine Spur, die geradeaus über den Hang läuft ^unb in der Spalte endet. Das geschieht um zwei Uhr nachmittags. Wir halten die beiden Begleiter der Verunglückten an, die im ersten Schrecken blindlings an den brüchigen Rand der Spalte laufen wollten. Ich gehe sofort an das Aufmerksam lauschten sie den geflüsterten Worten. Eie kratzten sich hinter den Ohren, zogen nachdenkliche Gesichter, aber ber Gelopreis lockte, Unb Ihr ^ch*nun ane^meine Spürnasen", sagte Klick. „Geht halb an bie Arbeit!" m „ „Wirb gemacht!", versicherte Bernharb. „Die Webergasse soll zeigen, was sie kann! , ries Backers Alfteb. „Gung!" , , ... „Kwai!", erscholl es laut unb unternehmungslustig. Die Versammlung war zu Ende. Wie bie Wiesel liefen bie Lehrlinge ouseinanber. Klick turnte bie Stiege hinauf. . Gum, ... Kwai ..., bachte ber Stabtsekretar Nipperklem, ber mißtrauisch aus seinem Fenster heruntergeblickt unb bie Jungen beobachtet hatte. Ich möchte bloß wissen, was bie Lausejungen wieder ausgeheckt haben. Wie bie Spitzbuben führen bie eine Sprache. Der Rädelsführer ist natürlich ber Frechling Klick. Nipperklein reckte feinen mageren Vogelhals. Wie ein Storch steckte er seinen spitzen Kops in bie Lust. Aber er würbe nicht klüger, so sehr er sich auch anstrengte, bie Webergasse aus unb nieber zu spähen, es wäre benn zum erstenmal gewesen, daß er von geheimen Vorgängen in ber Oeffentlichkeit etwas erfahren hatte. Mürrisch schlug er sein Fenster zu unb riß an der Vorhangschnur Am nächsten Morgen, als die Zeitungstante Mittwoch um sieben Uhr ihren Stand bei dem großen Betonmast der Straßenbahn am Postplatz bezog, wunderte sie sich über ein Plakat am Mast. Es war in der Nacht oder ganz frühzeitig hingehängt worden. Auf dem Pappdeckel war m Druckschrift deutlich getuscht: Braune Wollmütze vor längerer Zeit am Att- martt verloren, ©rtennungsmerfmal blauer Fleck am Hinteren Rand. Abzugeben gegen Belohnung, ba Anbenken, an biesem Zeitungsstanb. Eine Stunbe später überbrachte ihr ein Zeitungsjunge einen Bries. Sie las: „Liebe Tante Mittwoch, bas Plakat stammt von mir. Die Mutze habe ich verloren. Sollte sie jemanb bei dir abgeben, zahle ihm beiliegende fiinszig Pfennig." Dank. Klick." , _ Sie zuckte die Achseln und sagte zu ihrem bernsteingelben Kater: „Der Klick und seine Mütze! Die Geschichte kenn ich. Hol ihn der Kuckuck! Aber er ist ein braver Kerl, weil er das Andenken an seine Mutter so hoch halt. Schnurr, nimm dir ein Beispiel! Hast sicherlich deine Mutter schon langst „Es geht nicht mehr', sagte er. „Es hat keinen Sinn.' ' „Ja, ja, noch eine halbe Stunde. Denk an die Ostwand, DU Wasch» lappen, an das Biwak in der OftwanD!" Es fällt mir allmählich schwer, immerfort zu trösten. Das Mädchen — wenn ich oorübergehe, lächelt es mir zu, aber dann merke ich plötzlich, daß es immer so lächelt, wie eingefroren. Ich reibe ihr die Wangen mit Schnee. , u , ... . , ., Und zuletzt bin ich selbst schon so stumpf und fo müde, daß ich gar nicht sehr erschrecke, wenn ich nun den Kameraden nicht mehr unten sitzen sehe. Ich suche das Band mit den Augen ab. Da bemerke ich Tritte gegen die Brücke zu. Er hat sich losgeseilt, denke ich, er will einen Ausweg finden. Aber er wird nicht weit kommen, ich muß mich auf die Brücke legen und muh verfuchen, ihm das Seil zu bringen. Das Band wird rasch schmäler, einige seiner Tritte sind schwarz, da ist er durchgetreten. Ich lege mich hin und rufe: „Hallo!" ,Za, hier!" „Was ist los?" „Kann nicht weiter!" Schweigen. „Hast du Platz?", „Wenig. Friere ein. Aus, mein Lieber! Eine Weile kämpse ich mit einer schwarzen Welle von Mattigkeit und Schlaf. Dann fällt mir etwas ein, ich habe das Gefühl, es fet em ausgezeichneter Gedanke. Warte", rufe ich, „du kannst gut da unten meinen Rock haben! "Laß den Rock oben, du hast ihn ebenfo nötig!" „Achtung! Halt die Augen jetzt offen, er kommt! Das war gut, mit dem Rock! Ich friere gar nicht mehr arg. Der Wind zupft an meinem Hemd, außerdem fchneit es >etzt, ich fehe deutlich Flocken fallen, große weihe Schneeflocken. Es wird grau um mich, grau und warm und dunkel. Lange nachher wache ich auf. Lichter, Fackeln, eine Menge Leute. Jemand zwängt mir etwas zwischen die Zahne, 'S liege nackt auf dem Zelttuch, und meine Haut schmerzt wie verbrannt. Ich richte mich auf, ja, da liegt auch er neben mir auf dem Schlitten, mein Kamerad, weih verbunden und in Decken gedreht. Ich lache und winke ihm zu, und dann fchlafe ich wieder---------------- Oie Tragödie einer Königin. fiatoline Mathilde von Dänemark. Bon ErnstvonNiebelfchütz. Im „Französischen Garten" der kleinen hannoverschenStadt Celle erhebt sich ein fiqurenreiches Marmordenkmal, lieber dem runden Sockel steht eine mit dem Brustmedaillon einer schönen Frau geschmückte Urne. Das von Goethes Lehrer Oeser im Jahre 1776 geschaffene Monument ist dem Andenken der Königin K a r o l i n e M a t h i I d e von D a n e m a r k gewidmet, die einsam und verlassen und nur noch der Wohltätigkeit lebend 1775 in Celle gestorben ist. , . . . Aus diesem abgeschiedenen Plätzchen des Schlohparks endet eine der blutigsten und menschlich erschütterndsten Tragödien der Weltgeschichte. Im Herbst 1766 lief eine englische Fregatte in Kopenhagen em. Ihre kostbare Fracht war die damals erst fünfzehnjährige Schwester des regierenden englischen Königs Georg HL, Tochter der Prinzessin Auguste v o n S a ch s e n - G o t h a und des bald nach ihrer Geburt verstorbenen Prinzen Friedrich von Wales. Die Fürstentochter wie eine Ware verhandelnde Ehepolitik ihrer Zeit hatte in dem 17jährigen König Christ i a n VII. von Dänemark einen Gatten für sie erkoren. Das Schicksal hatte dem nicht schlecht veranlagten jungen Manne den bösen Streich gefpielt, ihn in einem Alter zur Regierung kommen zu lassen, in dem em an sich genußsüchtiger Charakter der Kandare bedarf. Christian ergab sich bald einem wilden Lotterleben, dessen Wirkungen auf die Konstitution des Königs auch die junge, lebensfrohe Fürstin bald genug davon überzeugten, was für ein früboergreifter Wüstling der Mann war, an den man sie gekettet hatte. Rach Erfüllung ihrer politischen Pflicht, dem Lande einen Thronfolger zu schenken, sah sich Mathilde immer mehr vernachlässigt. Kein Wunder, daß sie auf den Gedanken kam, sich des widerwärtigen Lebensgefährten wenigstens vorübergehend zu entledigen. Sie bewog Christian zu einer „Bildungs"-Reife, die den König durch Deutschland, Frankreich, Holland und England führte. Ohne daß Mathilde es ahnen konnte, fchürzte sich auf dieser Reise auch für sie selber der tragische Knoten. Christian hatte nämlich in Halle den Arzt Johann Friedrich Struensee kennenqelernt und Gefallen an dem gewandten jungen Manne gefunden. Er nahm ihn mit nach Kopenhagen und präsentierte ihn der Königin als ihren Leibarzt. Das Berhältnis zwischen Christian und Mathilde erhielt nun die bekannte Figur eines unregelmäßigen Dreiecks: Christian — Mathilde — Struensee! Das Spiel kann beginnen. Struensee, der nicht auf den Kopf gefallen war, sah bald, daß sich in dem korrupten Staate und noch viel korrupteren Hose Möglichkeiten Des Fortkommens boten. Schlau und völlig unbedenklich, wie er war, wußte er sich bald in das Vertrauen Mathildes einzuschmeicheln und es sogar durchzusetzen, daß ihn der Königsgimpel, der in seiner Einfalt gar nicht ahnte, welcher Art die Suppe war. die er sich da einzubrocken begann, zum Vorleser der Königin ernannte. Was aber bei einer gemeinsamen Vetture herauskommt, wenn Der Vorleser ein unternehmender Mann und d'e Zuhörerin eine unverstandene junge Frau ist, weiß >eder, der das menschliche Herz kennt, und in Kopenhagen war sich alle Welt bald über d'e Art der Beziehungen zwischen Mathilde und Struensee im klaren ausgenommen natürlich 'der, den es am meisten anging. Mathilde hat sich in das Abe - teuer ganz ohne Berechnung gestürzt. Zur ewigen Unehre aber w-de. Struensee gereichen, daß er die Siebe der Königin nur als Mitte zur Befriedigung seines politischen Ehrgeizes benndte, Gewiß hat er die Frau, die Ihm alles zum Opfer brachte, in feiner Weste geliebt, aber fein Ehrgeiz reichte weiter. Sein Ziel war der Staat, und wieder zeigte sich Seil Notdürftig mit unseren Brettern und Stöcken gesichert, schiebe kch mich langsam hinaus. Vorhin habe ich von der Brücke weg einen Blick in die Kluft geworfen. Sie ist drei Meter breit, auf beiden Seiten überroädjtet, auch die Wände sind mit kleinen Vorsprüngen besetzt, und in dreißig Meter Tiefe fchließt ein brückenartiges Band die Schlucht bis auf einen schmalen Spalt, der den bodenlosen Abgrund öffnet. Das alles weiß ich, aber trotzdem begreife ich nicht sofort, was ich jetzt fehe: au diesem Band liegen nebeneinander die beiden Skier, und dazwischen ist nichts, ein schwarzes Loch! ..... _ „ . Ich muß augenblicklich zurück, da ist wirklich kerne Sekunde zu verlieren Wir haben vierzig Meter Seil, viel zu wenig für eine fo schwierige Arbeit Auch das ist gewiß — wer an das Seil geht, muß unten bleiben, bis Rettung kommt, unsere Kräfte reichen nicht, ihn heraufzubringen. Natürlich will ich es fein, ich bin der Jüngste und der Leichteste. Da ist nur noch ein Mädchen und ein Mann mit einem grauen Bart, die beiden andern hocken im Schnee und zittern vor Frost, von ihnen ist nicht viel zu erwarten. Genug, wenn man sie fortschicken kann, damit sie die Hüttenleute verständigen. Und dann habe ich noch meinen Kameraden Bleib du oben", sagt er. „Ich verstehe das nicht recht, sichern und so. Laß'mich hinuntergehen", meint der Freund. Er hat recht, es ist auch nicht Zeit für einen müßigen Zank, und ich werde das wirklich gut besorgen, die Arbeit am Seil. Er bekommt alles, was wir an Wolle und Segeltuch auf dem Leibe haben, und eine Minute später läuft uns dreien langsam das Seil durch die Hande. Die Sicherung mit den Skiern bewährt sich gut, aber das Seil schneidet in die Wachte ein, und das ist gefährlich. Ich muß mich an das freie Ende hangen, muß vorkriechen und versuchen, einen Stock unterzuschieben. Vom Rande aus sehe ich den Mann in der Spalte schweben! Schneller! Es muß schneller gehen. Ich krieche zurück, eine Weile später lockert sich das Se,l. „Was ist?", rufe ich hinunter. „Tot!", sagte der Freund. Er hat das Band vorsichtig untersucht und abgetreten, es halt. Die junge Frau liegt jetzt vor ihm, er reibt und arbeitet an ihrem Körper — nichts! Es sind zehn Minuten seit dem Sturz vergangen. Wir mässen warten. Es ist schneidend kalt, der Wind weht stärker, und dabei haben wir fast nichts auf dem Leibe. Das Mädchen halt sich tapfer unsere Dame. Wir lösen einander am Seil ab, laufen herum und schlagen mit den Armen wie große frierende Vögel. Von Zeit zu Zeit krieche ich hinaus und frage: „Wie steht es?" „3a, gut! Wie spät ist es?" Zwei Uhr vierzig." — Drei Uhr. Die beiden Leute sind zur Hütte abgefahren. Wenn alles gut geht, kann in drei Stunden Hilfe da sein. Aber wir warten auf die vier Burschen, die noch vom Gipfel kommen müssen. Zu sechst können wir versuchen, unfern Mann heraufzuziehen. Um halb vier Uhr sehen wir sie oben auf der Scharte. Wir brüllen alle laut und winken, endlich fehen sie uns und kommen mit großartigen Schwüngen angeftäubt. „Unglück! Jawohl! Habt ihr Seil? , r „Nicht viel, zehn Meter." — Aber es sind vier handfeste Kerle, sie kratzen sich hinter dem Ohr und sehen sich um — also los! Es geht langsam, Stück um Stück. Nach acht Meter müssen wir es aufgeben. Der Mann hängt schlecht im Seil, es würgt ihn ab, fo bringen wir Sn nicht lebend heraus. Er knüpft jetzt eine Schlinge, tritt hinein und haUsiS fest Wieder ziehen wir, unendlich langsam, und nun ist er unter der Wachte angelangt Nun muß er pendeln, und im richtigen Augenblick muffen wir ihn mit einem Ruck aus der Spalte schnellen. Ich liege wieder vorn und rufe: Achtung! Jetzt! — Nichts. Ich muß selbst zurück. Und jetzt noch einmal, mit äußerster Kraft — Achtung! — Plötzlich aber taumeln mir alle zurück, und vor uns liegt die leere Schlinge auf dem Schnee. Schweigen ... * Einen Augenblick verläßt mich alles, Mut und Verstand, ich hocke nur da und sehe diese Schlinge vor mir und begreife gar nichts mehr. Dann areift jemand nach dem Seil, ich schüttle ihn ab und krieche sofort wieder hinaus Es ist diesmal ein langer Weg, vieles fällt mir em. Ich stehe im Fels und höre den Tritt meines Kameraden, feinen Atem unter mir an lange Nächte im Zelt denke ich, und daß wir Freunde waren, ein Leben hindurch. Dann sehe ich ihn unten liegen — wahrhaftig, das Band hat gehalten. Er liegt über Der Toten, mit ausgebreiteten Armen, regungslos. Ich rufe ihn an. „Peter", rufe ich, „hörst Du?" — Stille Ich muß sofort hinunter, Denke ich. Aber wahrenD ich mich zuruck- schiebe, bewegt er Den Arm, krümmt sich, roenbet Den Kopf. „-BleibI , chreie ich, „bleib liegen!" Da ist ja die Spalte neben ihm, die bodenlose Tiefe Die tote Frau hat ihn aufgefangen, vielleicht hat sie ihn gerettet. Jetzt hockt er an der Wand, fein Gesicht ist zerschlagen, er stöhnt und wiegt Den Kopf. Gebrochen? Nein, nichts ist gebrochen, er hat nur Schmerzen in Der Brust. Wir geben ihm roieber bas Seil, unb er bmbet sich fest. — Warten. Es ist knapp vor fünf, noch eine Stunbe, wenn wir Glück Haden. Aber es glückt nichts an biefem Tag. Wir sinb langst im Schatten, bie Kälte wächst. Ich schicke alle weg. Fahrt ab, bringt Leute! Vielleicht ist noch gar niemnnb unterwegs, Gott weiß, wohin Die beiben geraten sinb Aber bas Mäbchen will bleiben, bas Mäbchen hat Mut. Singen. Zählen bis hunbert. Rufen unb Schreien. Auf Der Wachte liegen unD fragen, immer Dasselbe: Wie geht es? „Katt! Die Füße werben steif. Dauert es noch lange? Ich habe noch eine Zigarette, bie werfe ich hinunter. — Sechs Uhr. Ich laufe ein Stück bergab. In zwei Stunbcn wirb es buntel, bas ist bann wohl bas Cnbe. Wir sinb alle entsetzlich mübe, ich spüre ben Schlaf wie Gift in meinem Schäbel. Immerhin, ich barf nicht nachgeben, ich barf ben alten Mann hier nicht hocken lassen mit bem Kopf zwischen ben Knien. Ich muß ihn aufrütteln unb anbrüllen, unb bann muß er eine Ohrfeige bekommen. Der Mann mit Dem grauen Bart. Das ermuntert ihn roieDer. Ich Darf auch Den FreunD nicht zu lange allein lassen. unD wenn er nicht antwortet, werfe ich ihm Schneeklumpen auf Den Rücken. die Marionette von Königs willen, ihm alles zu gewahren, was der unbändige Sinn des Giinstlings begehrte, zuletzt auch den Grafentitel und die Macht eines unbeschränkt regierenden Kabinettsmmlsters, Als solcher hat S t r u e n s e e auch manche für Dänemark heilsame Reformen durch- zusühren versucht. Aber das alles geschah mit der dilettantischen Ungeduld des Theoretikers, die keine Frucht reifen läßt und schließlich dahm führte, daß die Unzufriedenheit allgemein wurde und um so heftiger nach einer gewaltsamen Explosion drängte, als die unerlaubten Beziehungen Struen- sees zur Königin den Gegnern die schärfste Waffe in die Hand gaben. Denn daß in diesem Staate Dänemark nicht bloß manches, sondern alles faul war, konnte jetzt auch den Blindesten nicht mehr verborgen bleiben. Die Geschichte der Höfe kennt manche Palastrevolution, aber keine widerwärtigere und für die Verschwörer beschämendere als diejenige, die am 16. Januar 1772 im Kopenhagener Königsschlosse den Sturz Struen- sees und Mathildens herbeiführte. Die Ausführung lag in den Händen einiger Offiziere und Junker, unter denen der Graf Rantzau und der Baron Schack-Rathlow ihren guten Namen mit Schande befleckten. Mit einem von der Königspuppe erpreßten Haftbefehl in der Hand, drangen die Verschworenen um Mitternacht gleichzeitig in das Schlaf- gemach der Königin und in das Struenfees, wobei der Minister sich rote ein richtiger Poltron anstellte, Mathilde dagegen eine Seelengroße an den Tag legte, die ihren Peinigern die höchste Achtung, wenn nicht vor der Königin so doch mindestens vor dem Weibe hätte einslößen müssen. Mit edlem Zorn widersetzte sie sich dem Ansinnen, sich aus dem Bette heraus verhaften zu lassen. Als sie sieht, daß kein Sträuben hilft, springt sie ans Fenster, um sich herabzustürzen. Man zerrt sie wieder in das Zimmer hinein, schlägt die verzweifelt sich Wehrende brutal zu Boden und traktiert sie mit Fußtritten. Dann wird sie, halb ohnmächtig, von rohen Männerfäusten in die bereitstehende Kutsche geschleppt und als Staatsgefangene in die Festung Kronborg abgeführt. Wenn das ekelhafte Schauspiel der Verhaftungsszene noch zu überbieten war so ist es durch die skandalöse Art geschehen, wie man S t r u e n s e e den Prozeß machte und die Aussagen der^Kvnigin dazu benutzte, den Verhaßten vollens zu vernichten. Aus die heuchlerische Zusicherung seines Lebens gestand der Elende die sträflichen Beziehungen zu der Königin und unterschrieb zitternden Herzens das Protokoll, das feinen Liebesverrat enthielt Mit diesem Schanddokument eilt Baron Schack nach Kronborg und will auch Mathilde zu einem Geständnis zwingen. In dem Wahn, den Geliebten noch retten zu können, leugnet sie standhaft. Da präsentiert ihr Schack das Protokoll und sagt, nun werde man Struensee auch noch den Prozeß wegen Verleumdung der Königin machen. Jetzt erst gesteht sie, wieder aus Liebe zu dem Manne, der sie verraten, und ohne die Teufelei zu durchschauen, die ihr das Geständnis entrissen hat. So schamlos man die Königin betrog, so wenig dachte man natürlich daran, Struensee das gegebene Versprechen zu halten. Am 25. April erging das Bluturteil: dem Johann Friedrich Struensee solle „die rechte Hand und darauf der Kopf lebendig abgehauen, sein Körper gevierteilt und aufs Rad gelegt, der Kopf und die Hand aber auf einen Pfahl gesteckt werden". Die dänische Tragödie war zu Ende. Nicht ganz. Denn gern hätten die schmachbeladenen Sieger dieser Palastrevolution ihrer gefällten Königin das gleiche Schicksal bereitet, wenn sich nicht König Georg III. von England schützend vor die Schwester gestellt hätte. Auf seine Vermittlung hin wurde weiland Dänemarks Königin des Landes verwiesen und ihr die Erlaubnis erteilt, nach Deutschland zu gehen, wo sie in dem hannoverschen Celle ein Asyl fand. Das Leben hatte sie, wenn auch gewiß nicht ohne eigene Schuld, schwer mißhandelt. Der Tod war milder. Schon nach dreijährigem, durch helfende Liebe gesegneten Aufenthalt, erlöste er sie von einem Dasein, dessen Erinnerungen zu schwer auf ihr lasteten. Erst vierundzwanzig Jahre war sie alt und schon eine gebrochene Frau. Notzeit. Eine Tiergeschichte von Otto A l s ch e r. Eine Unruhe ließ den Luchs nicht abwarten, bis die Nacht über den Urwald hereinbrach. Trotzdem er in der Tiefe der Felsen ganz von der Außenwelt abgeschlossen war, fühlte er, daß sich im Walde etwas ver- ättdert hatte, Drohendes heraufgezogen war, das ihn zu starkem Wachsein zwang. Der Luchs erhob sich, stand einen Augenblick lauschend, schüttelte mißmutig den Stummelschwanz und glitt dann langsam dem Ausgange zu. Sobald er an die Krümmung des Felsganges kam, fühlte er den eisigen Druck der Winterluft. Die hatte sich feit der Vornacht verändert. Und schon vernahm er ein eiliges Rieseln und Rauschen gegen die Felsen. Starker Schneefall hatte begonnen. In kleinen, harten Körnern rasselte der Schnee nieder. Dicht und wie ein geballtes Gewölk tauchte es aus der Dämmerung auf, fuhr hasUg nieder und verschwand gleich in der weißen Decke des Bodens. Zeitweilig trieb es auch fauchend gegen die Felsen an, dann wieder fiel es in senkrechter ununterbrochener Eile. Der Luchs hielt sich nicht viel mit Haken und Widergängen auf, er wußte, daß der Schneefall sogleich seine Spur verdecken würde, mit wenigen Sprüngen hatte er den Waldrand erreicht und tauchte in das Dunkel zwischen den Stämmen ein. Unschlüssig, wohin er sich wenden solle, begann der Luchs seinen Beutegang. In dieser Nacht mußte er seinen Hunger für viele Tage stillen können, denn er wußte, jetzt kam die schwere Hungerzeit, in der alles Beutewild in Schluchten und Windbrüchen verkrochen unter Schnee aus- b irrte, bis sich die pulvrige Masse gefetzt oder einige Sonnentage die Schneedecke verharschten und wieder der Weg zur Aesungssuche frei wurde. In diesen Wochen wird auch er fasten müssen. Mit einem zischenden Rasseln schlug der Schnee an die Stämme der w efenbrnfjen an. Obwohl die Nacht schon gekommen war, ließ fahles Schneelicht alles rings im Wolde sichtbar bleiben, so daß der Luchs nur geduckt hinschlich. Es war ganz still im nächtlichen Walde. Kein Laut erhob sich über das eintönige Rauschen, auch die Eulen regten sich nicht, nur von fern, von den Höhen, kam wie leises, verwehtes Klingen das Geheul von ^Noch immer schnürte der Luchs nur zögernd durch den Wald. Er chlich wohl gegen den Wind an Dickungen und das dichte Gesperre von Fallholz an, suchte die Wurzelhöhlen eines Steilhanges ab, doch ohne die Hoffnung etwas zu finden. Bis es ihm auf einmal zu Bewußtsein kam, daß hier, an der Ostseite der Hänge, gegen die der wachsende Sturm anschnitt, kaum eine Beute zu finden sein werde, weil sich die Rehe und Wildschweine wohl schon in den Schluchten der Westseite verkrochen haben. Da beschloß auch er, über die kahlen, weiten Höhen des Bergrückens auf die andere Seite hinüberzuwechfeln. Wie der Luchs den Hang empor, durch lichten Eichenbestand aufwärts zog, vernahm er ein rasches Kommen. Das ununterbrochene Sausen des Schneefalls ließ ihn nicht erkennen, was für ein Tier es war. Er drückte ich hinter einen Stamm. Als er den einzelnen Wolf erkannte, erhob er ich, um diesem in den Weg zu kommen. Wie immer erfüllte ihn, et. em tarieren Tier gegenüber, prickelnder Kampfwille, der Wolf aber, dem der wagende Mut des Luchses fehlte, wich aus, weil ihn der Hunger noch nicht kühn gemacht hatte. So zogen die beiden Tiere aneinander oorbei, ühlend, daß bald die Zeit da war, wo sie zu erbitterten Gegnern wurden. Aber der Luchs wußte, daß ihm der Wolf von der Ferne folgen würde, schon um ihm die Beute streitig zu machen. Und er wußte auch, daß er, wenn er einen Gefährten fand, sie über ihn herfallen würden. Darum zog er, als er die Waldgrenze erreichte, diese entlang, um nicht die kahlen, weiten Höhen zu überschreiten, wo er gegen die Wölfe chutzlos war. . r . Eine schmale Senkung, die von hohen Felstürmen übersät war, betrat der Luchs. Hier schlug der Sturm mit freier Wucht an, hohe Schneewächten hatten sich gebildet, durch die nur schwer vorwärtszukommen war. Fauchend und heulend überdeckte immer wieder neues Schneegewölk, das ihm, dicht einfackend, jedes Sichern verhinderte. Darum sprang er auf einen freien Felsblock, um Ausschau zu halten. Da hörte er hinter sich ein Keuchen und Lausen — drei Wölfe hetzten ihm nach. Nun wurde es ernst. Den rettenden, jenseitigen Wald konnte er vor den Verfolgern nicht mehr erreichen, ihnen in dem hohen Schnee zu entkommen war auch unmöglich, aber wenn er sich auf dem blankgewehten Felsbrocken hielt, kam er röscher vorwärts als sie. Mit weiten Sprüngen setzte der Luchs auf den Felstrümmern hin. Mit seinen scharfen Krallen konnte er sich auf den vereisten Steinen halten, kreuz und quer wühlte er seinen Weg, bevor die Wölfe, immer wieder versinkend im Pulverschnee heran waren, befand er sich schon wieder auf einem anderen Felsbrocken. Schon nahe dem jenseitigen Waldrand ragte ein Felsturm auf, nicht hoch, aber doch so weit, daß kein Wolf mit einem Sprung die Spitze erreichen konnte. Dicht vor dem nächsten der Wölfe gelangte der Luchs zu dem Fels- (eget - mit hohem Satz schnellte er hinauf, der Wolf sprang ihm nach, konnte sich aber an der glatten Wand nicht halten und stürzte in den aufstiebenden Schnee zurück. Doch schon waren auch die zwei anderen Wölfe da, jagten um den Felskegel herum, einer versuchte sich auch im verwitterten Gestein emporzuarbeiten, kam aber kaum zwei Meter hoch, als er auch schon ausglitt und zurückfiel. Der Luchs hatte auf der windgefchützten Seite des Felsens eine Nische gefunden, in der er sich gerade bergen konnte. Schrillend, dröhnend schnitt der Sturm am Felsen vorbei, schlug brausend in die kahlen Wipfel des nahen Waldes, der schwarz in der Nacht stand. Der Luchs ruhte tn seiner Nische. Es war, als habe er die Wölfe vergessen, er sah nicht einmal zu ihnen hinab, ließ kein Fauchen, keinen Grollton hören und bemühte sich nur, in seiner Nische sich soviel als möglich vor dem Sturm zu schützen. Daß ihn die Wölfe gehetzt, ihn hier belagerten, regte ihn nicht auf, denn nun war ja die Notzeit da, in der jedes Lebewesen zum Gegner, zum Mittel, den Hunger zu stillen, wurde. Der Luchs erwachte aus feiner Verkrochenheit. Er spähte umher, sah das dicht jagende Schneegewölk rings, die Wölfe, die auf einen Haufen zusammengedrängt unter ihm warteten, und die immer mehr aufwachfende Schneedecke. Da war auch das Bewußtsein feiner Wehrhaftigkeit wieder da, seine listige Ueberlegenheit, die kein Sichergeben kannte. Er durste sich hier nicht festhalten lassen, denn bald kam auch er in der hohen, lockeren Schneemasse nicht mehr weiter, und es wurde ihm unmöglich, eine Beute zu machen. Diese Bedrohung aber machte ihn hellsichtig. Htnabspringen und den Kamps mit den drei Wölfen aufnehmen — das war ein verzweifeltes Sichergeben! Auch ein einfaches Davonschleichen war unmöglich, denn die Wölfe würden es sogleich merken, sobald er den Erdboden berührte. Doch seitwärts die Reihe von Felsblöcken, an die meterhoch der Schnee herangeweht war? Wenn er die unbemerkt erreichte, war er bald trn Walde unten. Der Luchs wartete den nächsten Sturmstoß ab. Brausend, dröhnend kam es heran, finster und geballt verschloß das Schneetreiben alles, da wagte er den Sprung, warf sich seitwärts weit in die weiße Pulvermasse, dle sogleich über ihm zusammenschlug. Aber er erhob sich nicht daraus, unter dem Schnee wühlte er sich vorwärts, zwanzig, dreißig Gänge, nun stieß er an die ersten Felsen an, sicherte einen Augenblick nur Kopf und Lauscher durch die Schneedecke stoßend — kein Verfolger war zu hören, weiter kroch der Luchs, dicht an die Reihe der Steintrümmer gedrückt, nun kam die erste Zunge der Büsche und abgestorbenen Buchen, der Luchs erhob sich, schüttelte sich, obwohl der Sturm ibn noch immer mit dem Ge- körne überschüttete, und ohne nochmals zu sichern,Llitt er in den Wald hinein. rcrantwortlich- vr. Hans Tbtzriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universität S-Vuch- und Steindruckerei, A. Lana«. Gießen.