GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Hreitag, den lv.vezember Nummer 96 Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Don Lherrg kearton Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten 1. Fortsetzung. Zweites Kapitel. Pinguine zu Land« und zu Wasser. — Reisen. — Ein Musterexemplar der Nature — Schutzfärbung. — Jagd auf Fische. — Der große Wanderzug. Wer über Pinguine schreibt, pflegt (wie auch ich es im ersten Kapitel tat) zu sagen, daß sie wie befrackte Herren auchehen, und ihre Vorderansicht mit weißem Hemd und weißer Weste, weißen Hosen und schwarzen Schuhen zu vergleichen. In einem Punkt aber stimmt dieser Vergleich nicht, denn man kann eigentlich nicht sagen, die Pinguine sähen aus, als ob sie Hosen trügen. Im Gegenteil — man sollte meinen, daß sie einen sogenannten Humpelrock trügen. Daß sie so wirken, liegt an ihren ungemein kurzen Beinen, durch die ihr Körper sich nur wenige Zoll über den Boden erhebt. Daher machen sie beim Gehen ganz kurze Schritte, torkeln, während ein Fuß nach dem andern sich hebt, abwechselnd nach rechts und links, und bringen es im Gegensatz zu dem stolzen Gang^von Landoögeln, wie dem Strauß, nur zu einem höchst unbeholfenen Watscheln. Und haben sie es gar einmal eilig, dann lassen ihre kurzen Beine sie ganz und gar im Stich, so daß sie sich auf „alle Biere" niederlassen und mit einem Paar Füßen und einem Paar Flossen rasch vorwärts humpeln müssen. Ich schicke das voraus, um zu zeigen, daß, wenngleich der Pinguin mehr als die Hälfte des Jahres auf Inseln zubringt, das Land sicherlich weder sein natürliches Element noch seine wahre Heimat ist. Auch in der Luft ist er nicht zu Hause, denn obzwar ein Vogel, hat er keine Flügel und kann nicht fliegen. Sein Element ist die See. Zu Lande bewegt er sich nur ungeschickt und schwerfällig fort, und fliegen kann er überhaupt nicht; zu schwimmen vermag er aber fast so rasch wie der Haifisch, und der grimmigste Sturm hat für ihn keine Schrecken. Wenn man ihn gelassen auf dem flutenden Wasserspiegel dahintreiben sieht, ist er nicht mehr komisch, sondern ganz Schönheit; den Kopf hält er erhoben, ungefähr wie eine Ente. Dann beschließt er plötzlich zu schwimmen — .und hinab stößt der Kopf, die Flossen breiten sich aus, und wie ein Blitz gleitet er durchs Wasser, ein dunkler Streif dicht unter der Oberfläche. Wenn er sich nicht auf einer Insel aufhält (und das tut er nur zum Brüten oder zu einem sonstigen ganz bestimmten Zweck), lebt er weit draußen im Meer, irgendwo in jenem riesigen Wassergebiet, das die Landkarte als Südfee bezeichnet. Dort schwimmt er herum, sucht sich die Fische, die seine einzige Nahrung bilden — eine besonders olreiche kleine Sardinenart. Alle hundert Meter etwa taucht er einen Augenblick zum Atemholen empor und versinkt dann sofort wieder. Mit anbrechender Nacht kommt er an die Oberfläche, läßt sich in der Haltung einer Ente treiben und schläft. , . „ Daß er wirklich ein Meervogel ist, geht auch aus den weiten Strecken hervor, die er durchmißt: Die Schwarzfußpinguine, die auf dieser Insel leben, sind an verschiedenen, über zweitausend Meilen ausemanüer- liegenden Punkten beobachtet worden, und wir haben Grund anzunehmen, daß ein Vogel das eine Jahr bis zur Insel Kerguelen schwimmt, die nur fünfhundert Meilen oberhalb des südlichen Polarkreises liegt, wahrend er im folgenden Jahre weit in den Norden hmauf, ins zum Golf von Madagaskar, schwimmt oder vielleicht auch durch schwere Sturme dorthin getrieben wird. - ... . , .. Solche ungeheuren Reisen sind natürlich nur möglich durch die außerordentliche Geschwindigkeit, mit der der Pinguin sich f°rtbewegt. und die unermüdliche Ausdauer, die ihm hundert Meilen täglich anscheinend als ein Kinderspiel erscheinen lassen. Er bewegt sich denn Schwimmen ausschließlich durch seine Flossen fort; d,e ausges reckten Fuße benutzt er zum Steuern. Sobald er untertaucht, hat er fein Sckpvimm- kostüm, damit ihm das Salzwasser nicht an empfindliche Stellen w Augen und Ohren bringt. Es besteht aus einer wirklich hervorragenden Einrichtung, durch die sich ein durchsichtiges Häutchen über feine Augen schiebt, sobald er unter Wasser geht, und einer weiteren, in ihrer Einfachheit ebenfalls vollkommenen Vorkehrung, wie die Natur sie so haus g anwendet, um seine Ohren zu schützen: diese sondern em Oel ab, das die schindelartig angeordneten Federn an jener Stelle in eine völlig wasserdichte Hülle verwandelt. Wirklich, die Natur hat es mit dem Pinguin gut gemeint; sie könnte ihn geradezu als Musterexemplar ihrer Kunstfertigkeit ausstellen — wenigstens was ihre nautische Abteilung betrifft. Am Halse hat er eine kleine Tasche; will er tauchen, dann füllt er diese Tasche und läßt sich — genau nach dem Verfahren, das der Mensch für die Unterseeboote anwendet — sinken. Auch ist er mit jener bemerkenswerten Geschwindigkeit ausgerüstet, die dem doppelten Zweck dient, ihn in feiner Nahrungssuche zu unterstützen und ihm die Flucht vor feinen Feinden zu ermöglichen — das heißt im Wasser. Wie ich weiterhin erzählen werde, hat er zu Lande Zwei Hauptfeinde; im Wasser fängt ihn (wenn er nicht auf feiner Hut ist) der Polyp, und auch der Hai und andere große Fische stellen ihm nach. Soweit mir bekannt, ist nie jemand tatsächlich Zeuge eines Kampfes zwischen Hai und Pinguin geworden — sofern das Wort „Kampf" an* gewendet werden kann, da es sich doch nur um eine Verfolgung und ein Zubeißen handelt — ich habe aber oft die verhältnismäßig gelindeste Folge solcher Angriffe zu Gesicht bekommen: einbeinige Pinguine. Ich denke mir, sobald Haifisch und Pinguin einander ansichtig werden (und die Pinguine haben ein außerordentlich scharfes Auge) hebt die Jagd an. Ist der Pinguin völlig ausgewachsen und in guter Form, dann hat er erhebliche Aussicht, davonzukommen; andernfalls ist der Verlust eines Beins ein niedriger Preis für das Leben. Allgemein scheint die Ansicht zu herrschen, daß Geschwindigkeit die einzige Schutzwehr eines schwimmenden Pinguins ist, ich bin dessen aber nicht so sicher. Meiner Ansicht nach hilft ihm vielleicht auch, wie bei so vielen wilden Geschöpfen, eine Schutzfärbung. Der Pinguin ist hinten schwarz und vorn weiß. Solange er aufrecht dasteht, scheint das keinen besonderen Sinn zü haben, beim Schwimmen aber sieht sich die Sache anders an. Ein Haifisch, der sich dem Pinguin von oben nähert, würde ihn gegen die Dunkelheit tiefer Gewässer kaum unterscheiden können; kommt er ihm aber von unten her entgegen, dann wird das Weiß nicht von der verhältnismäßig hellen Färbung betT himmelüberwölbten See abstechen. Das weiße Brustgefieder des Pinguins würde ihm also auch als Schutz dienen, wenn er auf dem Wasser treibt — während welcher Zeit er, da er dann oft schläft, einen solchen Schutz zweifellos ganz besonders nötig hat. Da der Pinguin immer unter Wasser schwimmt, bemerkt er wohl die durch einen Fischschwarm an der Oberflhche hervorgerufene Verdunkelung aus der Ferne nicht; doch sieht er wohl einen solchen Schwarm unter Wasser und wird ihn sicherlich, da er ein scharfes Auge hat, schon von weitem sehen. Wahrscheinlich verteilen die Pinguine sich über eine beträchtliche Strecke (etwa wie Treiber auf der Jagd oder vielleicht besser gesagt wie Geier auf ihrem Beutezug), so daß einer aus ihrer Schar wohl immer einen Schwarm sichtet. Ist das geschehen, so verbreitet sich die Nachricht davon auf irgendeine unerklärliche Weise, fo daß innerhalb weniger Minuten Hunderte von Pinguinen zusammengeschwommen sind und zum Angriff übergehen. Di« Fische sind klein, und natürlich ist ihr Schicksal besiegelt, sobald sie einmal entdeckt sind. Die Pinguine hacken nicht zu, sie verschlucken den ganzen Fisch auf einmal, und wenn es geht, halten sie dann auch gleich eine tüchtige Mahlzeit. Hieraus verteilen sie sich wieder, falls die Speisekarte doch nicht ganz gehalten hat, was sie versprach, oder sie steigen zur Oberfläche empor, wenn sie „genug haben und nicht mehr können". Neugierig ist der Pinguin auf See fo gut wie zu Lande, und um seine Neugier zu befriedigen, begibt er sich auch in Gefahr, falls etwas Merkwürdiges zu beaugenscheinigen ist. Nähert sich ein Schiff, dann kommen gleich die Pinguine angefchwommen, tauchen auf und blicken in die Höhe wie eine Gruppe von Touristen, die eine Kathedrale besichtigen; haben sie sich aber allzu nahe herangewagt, dann schreckt sie gewöhnlich das Geräusch der Schraube, und wie auf Befehl macht die ganze Schar kehrt und verschwindet. Die „Nervosität" des Pinguins kommt vermutlich daher, daß tue meisten seiner Feinde rasch und fast lautlos ankommen, so daß er auf alle Fälle nach dem Grundsatz handelt, erst Reißaus zu nehmen und die Sache hinterher zu untersuchen. Klatscht neben ihm etwas ins Wasser, dann zögert er keine Minute. Wahrscheinlich ist es nur ein Malagash oder ein Tölpel, der sich aus fünfzig Meter Höhe wie ein Stein hat herabfallen lassen, um einen Fisch zu attackieren; es kann aber ebensogut ein Feind sein, und dann hat es schlimme Folgen, wenn man auch nur einen Augenblick zu lange wartet. Oft kommen die Pinguine wochenlang nicht in die Nahe der Küste; wie weit ihre Reise ober auch fein mag, einmal ist doch die Zeit für sie da an Land zu gehen. Denn mag einem Vogel die See noch so vertraut sein feine Eier kann er dort nicht legen, noch feine Brut in ihr groß- zieh'eu. Dazu braucht er festen Boden. Folglich suchen die Pinguine In- fein auf, vor allem aber diejenige, die ich „Die Insel der fünf SDhUtonen Pinguine" nenne, weil sich dort alljährlich zweimal ungeheure Mengen versammeln. Fragt man mich, woher sie denn so genau wissen, wo diese Insel im Weltmeer liegt, dann antworte ich, daß sie es wissen, weil he alle schon dort gewesen sind; sie sind nicht nur in den Erd- oder Sandlöchern geboren, die ihre Eltern dort in den Boden gehöhlt haben, sondern sie kehren Jahr für Jahr immer auf dieselbe Insel, immer zum gleichen Brutplai; zurück. Das ist durch einen beringten Pinguin, über dessen Nest sozusagen Buch geführt wurde, einwandfrei erwiesen: an drei aufeinanderfolgenden Jahren legte er zweimal jährlich feine Eier in demselben Bau. _ , , ... . . s. 3m Februar also und dann wieder im September überkommt die Tiere der Paarungstrieb, und dann schwimmen sie auf und davon, lieber sechs bis acht Wochen erstreckt sich der grosie Wanderzug. Dort strömt aus einer Richtung eine Million zusammen, zwei Millionen vielleicht kommen aus Osten, eine halbe aus Westen — und alle halten in instinktivem Drang auf die Insel zu, die wenn auch nicht ihre eigentlichste Heimat, so doch ihrer aller Geburtsort ist. Drittes Kapitel. Die Insel. — Nisthöhlen der Pinguine. — Der Bau. — Innenausstattung. — Ein geknickter Gatte. — Die kalte Pfeife. Eine kleine Insel ist es, die zweimal jedes Jahr von all diesen Millionen Pinguinen aufgesucht wird, damit sie dort ihrem wichtigsten Geschäft der Paarung und der Aufzucht der Jungen — nachgehen können. Die tiefliegende Insel, die annähernd die Form einer Schildkröte hat, ist etwa vier Kilometer lang und über zwei Kilometer breit. Es ist ein flacher Felsen, der aus dem Wasser oufsteigt, nichts als ein Felsen, wenn seine Oberfläche auch zum Teil mit einer dünnen Schicht von Erde und Sand bedeckt ist. v Da die Insel inmitten eines Weltmeeres liegt, das wegen der Unbilden seiner Witterung berüchtigt ist, saßt die Brandung sie gleich einem Gürtel ein, und fast zur Hälfte wird ihre Küste (im Nordwesten) so un- ausgesetzt von schwerer See gepeitscht, dah Schiffe sich dort so gut wie überhaupt nicht nähern können. Für den Menschen gibt es in der Tat nur eine einzige Landungsstelle, und auch die Pinguine können nur an vier Orten leicht an Land gehen. Die Insel bildet vier kleine Buchten, von denen jede einen Sandstrand hat, und eine davon, di? durch ein Korallenriff halb geschützt ist, bildet einen kleinen natürlichen Hafen, der, ungemein gefährlich für jeden Schiffer, der ihn nicht kennt, dem Kundigen den einzig möglichen Zugang zur Insel bietet. Es ist nicht leicht, dies« kleine Felseninsel zu schildern, denn hier oder dort weist sie fast jede Art von Szenerie auf, mit Ausnahme von Bäumen, Seen und Bergen. So etwas wie Hügel gibt es überhaupt nicht; die höchste Stelle erhebt sich tatsächlich nicht mehr als etwa achtundzwanzig Meter über den Meeresspiegel, und frisches Wasser findet man nur in einigen Tümpeln, wo sich der Regen ansammelt. Anderseits gleichen einzeln« Teile der Küste völlig der Küste von Cornwall mit ihren zackigen Fels- rändern; ein Stück weiter ist feiner heller Sandstrand, der es mit der englischen Ostküste aufnehmen kann, und andere Stellen wieder nehmen sich wie winzige Sanddünen aus. Felsplatten gibt es, die durch dis jahrhundertelange Arbeit der Wogen so glattpoliert worden sind, dah ein beschuhter Fuß unweigerlich davon abrutschen muh; es gibt Strecken stachen trockenen Sandes, da und dort von kümmerlichem Buschwerk unterbrochen; es gibt große runde glatte Steinblöcke, wie sie mit Wonne von Kindern — und Pinguinen — erklettert werden; und gibt scharfkantige, zackige Felsen, die nadelspitz am Rande der tosenden See in die Luft stechen. Der Pflanzenwuchs ist sehr gering: hier und da wachsen ein paar unordentliche windgepeitschte Büsche, nicht mehr als einen viertel, einen halben Meter hoch, auf Flecken erdigen Sandes oder in anderen dünnen Erdablagerungen, die der Regen in Schlamm verwandelt; in der Regenzeit kommt ein bißchen Gras, und gelegentlich blüht Mischen den kleineren Felsen einmal eine Art Zehrwurz. Das Klima ist sehr veränderlich, zuweilen tagsüber unerträglich heiß und dann nachts plötzlich so, kalt, daß ich zwei oder drei Decken brauchte, um schlafen zu können. Es ist just die Art einsamer Inseln, wie sie die wilden Bögel lieben. Kormorans, Austernfischer, Möwen, Jbisie und Regenpfeifer sind das ganze Jahr über da. Und auch Pinguine sind immer da — das heißt ein paar, im Verhältnis zu sonst; doch kann man sie nicht zu den ständigen Bewohnern zählen, denn sie kommen nur „vorübergehend zu Besuch". Mit Ausnahme der paar Stellen, wo der nackte Fels zutage tritt, ist die ganze Oberfläche der Insel mit Löchern gespickt, die oft kaum einen Meter auseinander liegen — den Nisthöhlen der Pinguin«. Ich glaube, man fände, abgesehen von jenen kahlen Felsstellen, keinen einzigen Fleck von dreißig Quadratmetern, der von solchen Nestern oder Bauen frei wäre. Jedes Fleckchen erdigen Bodens, jeder überhängende Felsblock, jede Stelle, wo gegraben werden kann, wird benutzt, und spät Ankommende, die das Pech haben, alle besseren Plätze schon besetzt zu finden, müssen zusehen, was sie aus einer dünnen Erdschicht machen können, die nur eine leichte Aushöhlung zuläßt. Natürlich sucht sich nicht jedes neue Pinguin-Ehepaar, das auf die Insel kommt, ein neues Nest. Im nächsten Kapitel, in dem ich versuchen will, einige gerade angekommene Pinguine zu schildern, werde ich .zeigen, daß die früher schon Dagewesenen unbedingt zu ihrem alten Nistplatz zurückkehren. Nur Neuankömmlinge, junge Paare, die sich ihren Hausstand erst gründen, wollen natürlich gern ihre eigen« neue Wohnung haben. Der Hauptzweck beim Nestbau der Pinguine ist. sich und ihre Eier vor Wind und Stürmen zu schützen. Das wird am besten durch unterirdische Baue erzielt. Infolgedessen wählen st« «inen Platz mit möglichst viel sandiger Erde und beginnen zu graben Dazu legen sie sich hin und scharren mit Füßen und Flossen am Boden, bis ein Stückchen locker genug ist, um sich entfernen zu lassen; dann rücken sie ein wenig vor und fangen an mit den Fußen auszu- schlaaen. Aus solche Art höhlen sie allmählich einen abschüssigen Tunnel bis zu einer Tiefe von dreißig bis neunzig Zentimeter aus, so dah sie sich in der Tat so etwas wie einen offenen Vorgarten nut einem besuchten Haus dahinter geschaffen haben. Das ist natürlich eine harte Arbeit. Die beiden Pinguine, die sich ae- paart haben, wechseln sich darin ab, damit der eine ausruhen kann, so- lange der andere sich abrackert, und die meiste Arbeit wird des Morgens geschafft, gewöhnlich in Schichten von zwei bis drei Stunden. Jeden Tag gehen sie nach beendeter Arbeit dann zur See hinab, teils um zu fischen, teils um sie zu säubern. Denn während der letzten drei Stunden ist die Erde um den Bau dauernd in die Höhe geflogen, und ein gut Teil davon haben die-Handwerker abbekommen — da laßt sich denken, in welchem Zustand sie sind und wie chr schwarzweißes Gefieder von Sand und Erde starrt. Doch ein Bad wirkt Wunder, und bald sehen die Arbeiter wieder anständig aus.' v ..... | Ist der Boden hart, dann kann es tagelang dauern, bis eine Nisthöhle ertiq ist Aber ganz weicher Sand kann (wie jeder weiß, der versucht hat, n den belgischen Sanddünen Schützengräben zu bauen) noch schlimmer ein weil die Seitenwände einbrechen. Ich beobachtete ein Pinaumpaar, jas” auf diese Weife eine ungeheure Müh« hatte, da das am Tag« gegrabene Loch sich bei Nacht immer wieder halb füllte. Zehn Tage lang sah ich die beiden Tiere unermüdlich Weiterarbeiten, bis ft« schließlich an einer sechs Meter vom Ausgangspunkt entfernten Stelle ankamen, um vielleicht schließlich nur auf harte Felswand zu stoßen. Oftmals hätte ich gern den kleinen Kerlen gezeigt, wie man eine Wand abfprieht; da ich aber zweifelte, ob die Unterweisung ihnen wirklich Nutzen bringen würde, begnügte ich mich damit, an einer andern Stelle, wo der Boden so hart war, daß die grabenden Pinguine ihn kaum auflockern konnten, mit dem Spaten nachzuhelfen. Es war komisch — und auch ein wenig rührend — zu sehen, wie sie das zu würdigen wußten. Solange ich grub, traten sie beiseite und sahen zu; doch im Augenblick, wo ich auf« hört«, nahmen sie ihre Arbeit mit frisch beflügelter Hoffnung wieder auf und warfen emsig die ganze Erde heraus, die ich aufgelockert hatte. Eines Tages kam ich auf den Gedanken, daß es interessant fein müßte, Pinguinphotographien aus Bodenhöhe zu machen. So grub ich em J)n>el Quadratmeter großes und entsprechend tiefes Loch in den Boden. Etwa ein Dutzend Pinguine tarnen heran, um sich den Vorgang anzusehen, stellten 'sich am Rand der Grube auf und beobachteten mich mit Dem größten Interesse. Ich hörte förmlich, wie [te zueinander sagten: „Aha, jetzt gräbt sich das sonderbare Geschöpf also doch endlich selber em Nest! Zwei Tage später entdeckte ich, dah sie eine der steilen Wände der Erdgrube in eine schief« Ebene verwandelt hatten, so daß nun ein bequemer Weg hinein führte; in der einen Ecke hatte sich bereits ein Pinquinpaar in Erwartung des Eis, das wenig« tage darauf eintraf, häuslich eingerichtet. Und ich kann nicht leugnen, daß die Pinguine meine Grube, obwohl es an sich wirklich eine sehr feine Grube war, vom Wohnstandpunkt aus unbedingt verbessert hakten. Das Höhlen von Erdlöchern ist auf der Pinguininsel bei weitem die verbreitetste Methode, sich ein Heim zu schaffen, aber dennoch möchte ich nicht ohne weiteres behaupten, daß das, was dabei herauskommt, als das idealste Heim betrachtet wird. Da es vor allem auf ein wind- und roetter- seftes Obdach ankommt, kann es wohl keine ander« Brutstätte mit einem felsüberdachten Nest aufnehmen, und ich denke mir, daß die Pinguine, die fo glücklich waren, unter einem Steindach Unterschlupf zu finden, den Neid aller übrigen erregen. Solch llberhängende Felsstücke sind Verhältnis- mäßig selten; aber hier und da stößt man wie an allen felsigen Küsten auf breite Steinplatten, die durch den ewigen Anprall der Wogen von unten her ausgehöhlt worden sind, fo daß sich eine lange, stäche offen. Höhle gebildet hat. An jeder derartigen Stelle kann man sicher fein, rnehiere Pinguinfamilien zu finden. Am Boden haben sie die Erd« muldensörmig beiseite gekratzt, und das ist dann das Nest, das der überspringende Felsen in jeder Weise schützt. Dann gibt es auch ein paar Felsen, die die Hand der Vorsehung quer über andere Felsen gelegt hat, wodurch äußerst einladende Pinguinhäuser entstanden sind. Und gemütliche Rundlöcher, vom Wasser in flache Steinplatten gehöhlt, gehören gleichfalls zu den begehrenswertesten Wohn- ftätten. Manche Vögel graben sich im offenen Lande flache Löcher, die von oben keinerlei Schutz haben. Solche Nester gehören aber wohl den Eheneulingen und werden kaum ein zweites Mal benutzt, west ihre Bewohner während der heißen Sommertage sicher ungemein unter der Sonne zu leiden haben. Ich habe Löcher gesehen, die genau wie die Stockwerke eines Ha ist es übereinander in den Felsen lagen; nur ganz schwach ausgehöhlte Löcher unter schützenden Büschen; ein Nest lag so in einen vorteilhaft gewachsenen Strauch eingebettet, daß Graben überhaupt nicht nötig gewesen war; ein Bau hatte den besonderen Reiz, außer dem Vordereingang auch eine Hintertür zu besitzen. Kurz jede erdenkliche Baumethode machen sich die erfindungsreichen Pinguine zunutze. Ist das Nest als solches fertiggestellt, dann gilt der nächste Gedanke der Inneneinrichtung. Da alles an Ort und Stelle fabriziert ist, herrscht keine große Abwechslung. Zunächst legt jeder Pinguin, der etwas auf sich halt, ÜBert auf einen anständigen Fußboden. Dazu werden Hölzchen jeder Art verwandt. Wie ich schon sagte, ist die Vegetation aus der Insel sehr spärlich — aber der Pinguin ist, wie ich ebenfalls sagte, äußerst erfindungsreich. Wo es geht, holt er sich Zweige und Wurzeln von den Sträuchern. Lebt er in einer gebüschlosen Gegend, dann merkt er bald, daß Seetang einen guten Ersatz abgibt. Und als letzter Ausweg dienen die trockenen strohigen Gräser, die während der nässeren Jahreszeit dünnverteilt aus der Insel sprießen. (Sortierung folgt-.) tfr^er (Schnee. Von Heinrich Lersch. Heute Abend tarn auf meine Stube Wild gestürmt mein kleines blondes Mädchen, Lacht und tollt; auf ihren schmalen Bäckchen Sind, zwei Rosen herrlich aufgebläht. „Komm doch, komm doch, siehst du, wie der Schnee fällt?" Schnell hat die Gardine sie verschoben: „Stadt und Berge tragen weihe Mützchen, Und die Donau führf schon Treibeis mit sich." Wieder ist sie weg. Ich steh am Fenster, Seh sie mit den Buben tollen, wirbeln, Wirft mir einen Ballen an die Scheiben, Lacht und lacht — und dreht mir eine Nase ... Oer gestohlene Weihnachtsbaum. Von Hans Fallada. riirde achtzehn Kilometer in die Kreisstadt auf den Weihnachtsmarkt sichren müssen, zur Besorgung eines Baumes, der ihm vor der Nase vuchs — und das tat er erst recht nicht und den Spaß gönnte er Knie- t,scheu erst recht nicht. Blieb also nur die unmögliche Hoffnung auf den Weihnachtsmann und seine Wunder, die die Kinder hatten. Gleich hinter dem Dorf ging es bergab, einen Hohlweg hinunter. In den Wald hinein. Manchmal kamen die Kinder hier nicht weiter, über dm schönen saufenden Gleiten vergaßen sie den Weihnachtsmann und liefen immer wieder bergan. Heute aber sprach Thomas zum Schwester- tfcn: „Nein, es find nur noch drei Tage bis Weihnachten, und du weißt, later hat noch keinen Baum. Wir wollen sehen, daß wir den Weihnachtsmann treffen." — So ließen sie das Schlitteln und traten in den Wald. S»as der Thomas aber nicht einmal dem Schwesterchen erzählte, war, ttß er Vaters Taschenmesser in der Joppe hatte. Mit sieben Jahren wer- bin die Kindern schon groß und fangen an, nach Art der Großen ihren Öffnungen eine handfeste Unterlage zu verschaffen. Der alte Kakeldütt war das, was man früher ein „Subsekt nannte, Nhrscheinlich, weil er so oft das Objekt behördlicher Fürsorge war. Aus bim mickrigen Leib wuchs ihm ein dürrer, faltiger, langer Hals, auf dem er, vertrocknetes Häuptlein wie ein Vogelkopf nickte. Wenn der Herr ldudjäger sagte: „Na, Kakeldütt, denn komm mal wieder mit! Du wirst I« wohl auch allmählich alt, daß du vor den sehenden Augen von ßrau ihftern ihre beste Leghenne unter deine Jacke steckst' — dann krächzte kikeldütt schauerlich und klagte beweglich: „Ein armer Mensch soll es Dhl nie zu was bringen, was? Die Pastern hat ’ne Pieke auf mich, Herr Landjäger, wie? Natürlich in allen Ehren und ohne Beamten- Meibigung, was?" Und bei jedem „Wie" und „Was' ruckte er heftig mit dem Häuptlein, als fei er ein alter Vogel und wollte hacken. Aber « wollte nicht hacken, er ging ganz folgsam und auch gar nicht unzu- treben mit. . , ~ Wir aber als Erzähler denken, wir haben unsere Truppen nun gut In Stellung gebracht und die Schlacht gehörig vorbereitet: Hier den alten ißrfter Kniebusch, der gern Tannenbaumdiebe fangt. Dort ben Vater Sagge, in Verlegenheit mit einem Saum. Ziemlich versteckt das an- ridjige Subjekt Kakelbütt mit großer Finbigkeit für fragwürdigen Vrol- nrverb, und als leichte Truppen, die das Gefecht eröffnen, Thomas mit bern Schwesterchen, ziemlich gläubig noch, aber immerhin mit einem nicht einwandfrei erworbenen Mester in der Tasche. Im Hintergrund aber finerfeits die irdische Gerechtigkeit in Gestalt des Lanchagers und die fnnnlische, vertreten durch den Weihnachtsmann. Alle an ihren Plätzen —? Also los! r„ff„n Das erste, was man durch ben bick mit Schnee gepolsterten, stillen &lb hört, ist: Ritze-Ratze, Ritze-Ratze... Kakelbutt erfahrener auf binnen Pfaben als ber siebenjährige Thomas, weiß, daß em lonnem Mn sich schlecht mit einem Messer, gut mit einer Sage von ben an» stammten Wurzeln lösen läßt. — Herr Rogge, >n.Zwiespalt mit sich, Mt nach Pelzkappe und Handstock: Hat man keinen Tannenbaum, l-nn man sich doch welche im Walde beschauen Kniebusch stopft seine ßeife mit Förstertabak, ruft den Plischi und geht gegen Jagen el zu, die Forstarbeiter Buchen schlagen. Die Kinder hoben unter I Mterbüfd) im Schnee ein Hasenlager gefunden, hinten ist es zart gelb dich gefärbt. — „Osterhas Piefch gemacht!" jauchzt Schwesterchen |;fe gichtige Brammen aber hat schon zwanzig Pfennig M den Kakel' i bud, der ihr weißwohlwas besorgen soll, bereitgelegt. Ritze-Ratze ... ^M-Ratze... richt und zweitens gönnte er Kniebusch nicht die Freude —, oder er ~ auf den Weihnachtsmarkt i, der ihm vor ber Nase Ein wesentlicher Unterschieb zwischen Kindern und Erwachsenen Ist ter, baß bie Großen ungefähr wissen, was sie vom Leben zu erwarten toben, bie Kinder aber erhoffen noch das Unmögliche. Und manchmal Gehalten sie damit sogar recht. Seit Mitte Dezember der erste Schnee gefallen war, dachte Herr Rogge wieder an ben Weihnachtsbaum und die alljährlich wiederkehren- ien enblosen Schwierigkeiten, bis er ihn Haden würde. Die Kinder aber lahmen allmorgendlich ihre kleinen Schlitten und zogen in den Wald, len Weihnachtsmann zu treffen. Natürlich war es einfach lächerlich, daß is in diesem Lande mit Wald über Wald keine Weihnachtsbäume geben J.'llte. UeberaU standen sie, sie wuchsen einem gewissermaßen in Haus, ijof und Garten, aber sie gehörten nicht Herrn Rogge, sondern ber Forst- terroaltung. Der alte Förster Kniebusch aber, mit dem Herr Rogge sich fbrigens verzankt hatte, verkaufte schon längft keine Baumscheine mehr. - „Wozu benn?" fragte er. „Es kauft ja doch keiner einen. Und wenn f? sich ihren Baum lieber ,so’ besorgen, habe ich doch den Spaß, sie zu Zwischen, und ein Taler Strafe für einen Baum, den ich ihnen aus len Händen und mir ins Haus trage, freut mich mehr als sechs Fünfziger fitr sechs Baumscheine." — So würde also Herr Rogge sich entweder den Raum „so" besorgen müssen — was er nicht tat, benn erstens stahl er Förster Kniebusch — bie akustischen Verhältnisse in einem Walde sind unübersichtlich — Förster Kniebusch ruft leise den Hund und windet. „I bu schwarzes Hasenklein! War das nun drüben ober hinten —f Warte, warte.. .* Ritze-Ratze... Thomas unb das Schwesterchen horchen auch. Schnarcht der Weihnachtsmann wie Vater —? j^at er Zeit, jetzt zu schnarchen —? Friert er nicht —? Erfriert er gar — unb abe der bunte Tisch unter ber lichter- leuchtenben Tanne? Ritze-Ratze... Herr Rogge hat bie Fußspuren seiner Kinder gefunden und vergnügt sich damit, ihre Spuren im Schnee nachzutreten, mal Schwesterchens, mal Brüderchens. Auch er findet das Hasenlager, auch er spitzt die Ohren. Thomas wird doch keine Dummheiten machen? denkt er. Ich hätte doch in die Stadt fahren sollen. „Ach nee, ach nee", stöhnt ganz verdattert Kakeldütt, wackelt mit dem Vogelkopf und starrt aus die Kinder. „Wer seid denn chr? Ihr seid wohl Rogges —?" „Das ist der Weihnachtsbaum", sagt Thomas ernst und betrachtet die kleine Tanne, die mit ihren dunklen Nadeln still im Schnee liegt. „Weihnachtsbaum — Weihnachtsbaum", brabbelt Schwesterchen und sieht den ollen Kakeldütt zweifelnd an. Ist das ein echter Weihnachtsmann? Enttäuschung, Enttäuschung — ins Leben wachsen heißt ärmer werden an Träumen. „Ich hab ’nen Baum schein vom Förster, du Roggejunge", nerteibigt sich Kakeldütt ganz unnötig. „Hilfst du mir auch bei unserer Tanne?" fragt Thomas und greift in bie Joppentasche. „Ich hab’ ein Messer." In Kakeldutts Hirn erglimmen Lichter. Rogges haben Geld. Sie zahlen nicht nur zwanzig, sie zahlen fünfzig Pfennig für einen Weih- nachtsbaum. Sie zahlen eine Mark, wenn Kakeldütt oen Mund hält. „Natürlich, Söhning", krächzt er und greift wieder zur Säge. „Nehmen wir gleich ben —?" Herr Rogge auf der einen, Förster Kniebusch auf ber anderen Seite ben Tannen enttauchend, sehen nur noch Thomas unb Schwesterchen. Keinen Kakeldütt. „Thomas!" ruft Herr Rogge drohend. „Rogge!" ruft Kniebusch triumphierend. „Nanu!" wundert sich Thomas und starrt auf die Neste, die sich noch leise vom weggeschlichenen Kakeldütt bewegen. Der Sachverhalt aber ist klar: ein abgeschnittener Baum, ein Junge mit einem Messer in ber Hand ... „Ich freue mich, Rogge", sagt Kniebusch unb freut sich ganz unverhohlen. „Stille biste, Plischi!" kommandiert er dem Hund, ber in die Schonung zieht unb jault. „Du glaubst>doch nicht etwa, Kniebusch?" ruft Rogge empört. „Thomas, was haft du getan? Was machst du mit dem Messer?" „Seinem Messer, Rogge", grinst Kniebusch. ,„f)ier war ’n Mann", sagt Thomas unerschMert. „Mo ist der Mann hin?" „Weihnachtsmann!" kräht Schwesterchen. Kinder zu erziehen, ist nicht leicht — Kinder norm Antlitz triumphierender Feinde zu erziehen, ist ausgesprochen schwer. „Komm einmal her, Thomas", sagt Herr Rogge mit aller verhaßten väterlichen Autorität. „Was machst bu mit meinem Messer? Woher hast bu mein Messer?" er gerät unter bem Blick des andern in Hitze. „Wie kommt die Tanne hierher? Wer hat dir gesagt, du sollst eine Tanne abschneiden?" „Hier war ’n Mann", sagt Thomas trotzig im Bewußtsein guten Gewissens. „Vater, wo ist der Mann hin?" „Weihnachtsmann weg!" kräht Schwesterchen. „Sollst bu lügen, Tom?" fragt Herr Rogge zornig. „Ekelhaft ist so was! Komm, sage ich dir ..." Unb mit aller väterlichen Konsequenz eilt er mit erhobener Hand auf den Sohn zu. Ausgerechnet angesichts von Kniebusch als Waldfrevler erwischt! Nichts mehr scheint eine väterliche Tracht Prügel abwenden zu können. „Haft mal, Rogge!" sagt Forster Kniebusch mit erhobener Stimme und zeigt mit bem Finger auf den frischen Baumstumpf. „Das ist gefügt unb nicht geschnitten." Rogge starrt. „Wo hast bu die Säge, Junge?" „$)ier war ’n Mann", beharrt Thomas. „Und recht hat der Junge und bu hast unrecht, Rogge", freut sich der Kniebusch. „Da die Spuren — das sind nicht deine und nicht meine. — Unb du hast überhaupt meistens und immer unrecht, Rogge. Damals, als mir uns verzürnt haben, hattest bu auch unrecht. Fische können nicht hören! Du bist rechthaberisch, Rogge, unb was war hier für ein Mann, Junge?" „Ein Mann." „Und wenn ich dieses Mal unrecht hab', aber ich hab’s nicht, denn wozu hat er das Messer? — damals hatte ich doch recht. Unb Fische können sehr wohl Horen ..." „Unsinn — in den Kuscheln muß er noch stecken, Rogge! Los, Plischi, such, bu guter Hund! Los, Rogge, den Kerl zu fassen, soll mir zehn Weihnachtsbäume wert sein. Los, Junge, sah deine Schwester an, wenn bu ihn siehst, schreist bu!" ■ Unb los geht die Jagd, immer durch bie Tannen, wo sie am dicksten stehen. . „ . , „ , „Weihnachtsmann!" ruft Schwesterchen. Die Tannennadeln stechen, unb der Schnee stäubt von den Zweigen in den Nacken. Also laffm wir es", sagt nach einer Viertelstunde Forster Kmebusch mißmutig. „Weg ist er. Wie in den Boden versunken. — Du kannst doch die Tanne brauchen, fünfzig Pfennig zahlst du, unb so hat das Forstamt wenigstens was von dem Gefachter." Aber wo ist die Tanne? Dies ist ber Platz, denn hier steht der Stumpf — aber wo ist die Tanne? „I bu schwarzes Hasenklein!" Jagt Forster Kniebusch verblüfft. „Der ist uns aber über, Rogge! Hott sich noch ben Baum, während wir hier auf ihn jagen. Na warte, Freundchen wenn ich dir mal wieder begegne! Denn die Katze läßt bas Mausen nickt, und Das hat sich nicht abgenutzt. Es sind Feiertagstassen geblieben aus denen man Schluck für Schluck den Sonntag trinkt. Das Alltagsgeschirr sah ich nicht. Es werden irdene Schüsseln und Krüge sein. Man macht nicht viel Aufhebens davon. Sie essen in der Stille, — oft auf dem Feld. Oben und unten wohnen Mieterinnen, ,ede in einem Zimmer. Es ist wie ein A yl. Im Giebel steckt die „Bahnmeisterin". Der Mann ist an dreitziq Jahre tot. Bahndammwärter war er. Sie sagt, er war der beste aller Menschen. Die Rente, die er hinterlieh, reicht für sie zum Leben, aber ich sah sie nie müßig. Ich habe sie nicht gefragt wieviel Kmder sie gehabt, aber wenn sie über den Hof zur Pumpe geht und das Wasser heraufholt und sich breithüftig biegt und stämmig ihre Last tragt, meint ich, ein Dutzend müßte es fein. , . . Ich war in ihrer Stube: helle, gestärkte Gardinen — em Tisch mit fröhlich tariertem Tuch — eine große, weibschwarze, blanke Katze, di« sich am Wirkrock reibt, solange die Bahnmeisterin spricht, — und em Stuhl am Fenster — mit Blumentöpfen davor, ein Fußschemel darunter, daneben das ewige Strickzeug. Ich war oft dort und habe nach diesem und jenem gefragt. Ja und nein, meinte sie und hatte em Lächeln, das über die ganze Welt zu reichen schien. Wenn ich wieder ging, faßte ich das Geländer, so kärglich kam ich mir vor neben dieser tief in sich so starken Frau. Sie hat viermal einen Schlaganfall gehabt, und ihr Mund ist schief gezogen, aber sie wird nicht häßlich. Sie liegt ihre Zeit und schleppt sich dann zur Pumpe, bis e» wieder glatt geht. Helsen darf keiner. Wozu, sagt sie, es geht von allem. Unten wohnt ein bleiches Geschöpf, eine Landlehrerin, eine wandelnde Krankheit jeden Morgen um acht und jeden Mittag um eins. Sie ist em Stadtmensch, aber schon hat sie die Weisheit ihrer Umgebung gelernt: daß das Kranksein allenfalls zum Tode, zum Leben aber nicht tougen will. In ihren runden, wässrigen Augen hat sich darum lauter Willen geballt. Eine kleine, tlimprige Laute mit bunten Bändern, die ledoch herzlich spielen kann, hilft über die Zeit. Das Fenster ist vom Weinlaub fast zugedeckt. Es macht sie noch blasser, aber sie lächelt. Ehrlich gemeinte Freundlichkeiten spielen in fadendünnen Fältchen rings um Die Augen. „Sie ist elend", sagen die anderen, das bedeutet: sie wird keiner "o^Auchb die alte Stumpfen ist ein Stadtmensch, aber aus anderem Holz. Sie ist einmal Erzieherin bei weiß Gott was für feinen Leuten gewesen. Sie geht in die neunzig, und wenn sie über den Hof kommt, lagt sie einem das Gruseln ein. Es läuft ein leibhaftig spindeldürres Gerippe über den Hof, aber sie läuft immer. Wenn man fo nah steht, daß man das Muster ihres schwarzen Filigranhäubchens verfolgen kann, das den blanken Schädel zudeckt, meint man, statt der Haut fei Pergament über das reine Gebein gezogen. Auf die spitze Nase mit messerdunnem Rucken drückt eine große, moderne Hornbrille, unter der ein Paar unheimlich bewegliche und kluge Augen leuchten. Ich habe noch nie vordem solch einen Menschen gesehen. Husch, ist sie auf schwarzen, dünnhäutigen Schuhen und zwei kraus, zwei glatt gestrickten Ringelstrumpfen über den Hof — und verschwunden. Man denke, neunzig Jahre! Sie macht Handarbeiten und verschenkt sie. Das ganze Dorf ist ihr befreundet, nur, wenn jemand die Pilze mit der Wurzel herausreiht, wird sie vollgeladen gallig. Ich kann mich nicht genug wundern, woher sie solch arge Lebenskraft nimmt. Immer, wenn ich wiederkomme, meine ich, nun muhte sie tot ein, aber sie ist nach wie vor. „Das macht die Landluft , sagt sie, und ihr vollendet schönes Gebiß klappt vergnügt. Don den gräflichen Kindern erzählt sie oft, daß das weihe Fischü an ihrem Stehkragen bebt. „Ich bin aus ostpreußischem Schrot und Korn und trinke die gute Lust hier eimer- meife, dabei bin ich ein Landmensch geworden." Das sagt sie ost, und manchmal muß ich denken, daß viele den Tod nicht so wichtig nähmen, wenn sie die alte Stumpfen lachen sehen könnten. . Zuweilen kommt die Frau Störchin auf den Hof, mit pfirstchglattem Gesicht, auch schon über sechzig, aber stramm und froh im Dienst. „Es ist eine Lust", sagte sie, wenn sie mit der Tasche kommt und von einem wieder kugelrunden Kindchen zu erzählen weiß. Das sind alles ihre "einmal habe ich sie besucht. Der Wald spielte zu den Fenstern herein, und jedesmal, wenn die Tür aufging, strömte Harz- und Kiefernluft mit. Das Bett fiel mir auf, ein breites, einschläfriges Himmelbett, aber jo sauber unter schlohweißem Seinen, daß man es mit Freude an sehen muhte. „Wenn mal eins krank zur Welt kommt", sagte die Störchin, „nehme ich es her, hier wird es gesund", und der Mann, der vor lauter Gepslegt-Werden selber wie ein eben gebadetes Kleinkind aussah, strahl e sie aus himmelblauen Augen an. „Ich habe einen guten Mann', lobte die Frau. Ich starrte auf ihr mit Wasser fest an den Kopf geklebtes Haar und sah auch alles andere ringsum, dachte dabei an meine Tag für Tag gewickelten Locken und an viel anderes, das mir auf einmal so überflüssig erschien ... vor diesen beiden, guten, sich von Herzen liebenden eCU3d) Darf den Totengräber nicht vergessen. Er kommt auch bann und wann aus den Hof. Mit ihm beratschlagen die Alten, denn sieJehen es ihrem Leibe an, wenn sie reif geworden. Sie wünschen sich Efeu ooer Fetthenne oder rote Begonien, und er muh ihnen sein Wort geben. Daß er sie gut pflegen wird. Eine Tannenhecke bestellen sie um das Grab, damit die Sögel darin fingen. ' Der Totengräber hat einen mit Schnupftabak gepuderten Batt. Stundenlang ackert er und denkt für die anderen die Breite und Tiefe des Todes ab. Da braucht er die Stärkung. Man spricht nicht ungern mit ihm, er hat eine friedliche Art. Ich muh immer auf (eine Hanoe sehen, die so viel bergen müssen. Es sind Ackerhände — mit viel Schwielen. Gute Hände. ... •„ Sie haben alle gute Hände, von denen ich sprach, und es ist em herrlicher kleiner Bauernhof und ein wunderschönes, stilles Dorf, uno immer, wenn ich wieder gut und stark und einfach werden und Den Glauben an der Menschen ewige Berufung bestätigt finden will, gehe icy dorthin. eimmtl treffe ich sie alle ... Gib mir das Messer, Junge, damit ihr wenigstens nicht leer nach Hause geht. Ist der brr recht, Rogge? Schneidet sich elend schlecht mit ’nem Messer, das nächste Mal bringst du besser ’ne Säge mit. Junge, weißt du, einen Fuchsschwanz .... Kniebusch —!" schreit Rogge förmlich. Aber aus diesen Streit der beiden brauchen wir uns nicht auch noch einzulassen, er ist schon alt und wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch sehr viel alter werden Jedenfalls faßte Thomas auf dem Heimwege seine Meinung dahin zusammen: „Ich glaube, cs war doch der Weihnachtsmann, Baker. Sonst hält' er doch nicht so verschwinden können, BakerI Wo der Hund mit war." , _.... , _ „ „Möglich, möglich, Tom," bestätigte Herr Rogge Aber Vater, flauen denn die Weihnachtsmänner Weihnachtsbaume k Ach, Tom —!" stöhnte Herr Rogge aus tiefstem Herzensgründe — und war sich nicht im klaren darüber, wie er diesen Wirrwarr m feines Sohnes Herzen entwirren sollte. Aber schließlich war m drei Tagen Weihnachten. Und vor einem strahlend en Tannenb aum und einem bunten Bescherungstisch werden alle Zweifel stumm und alle Kmder- herzen gläubig. Oer Gpiel;eugschmher. Von Otto B r ü e s. An vielen kargen Tischen Erwächst aus bangem Druck Mit Farben, zauberfrischen, Spielzeug und Christbaumschmuck. Zerschrundne Hände schütten Das Tagewerk zuhauf, Und aus den nledern Hütten Trägt's einer zum Verkauf. Und mancher kann nicht scherzen Und schnitzt mit Gram und Groll, Was fremde Kinder herzen Schon bald, des Jubels voll. Dann spricht wohl eine Alte Im Dorf das Gnadenwort, Und streichelt Furch' und Falte Aus jedem Antlitz fort: Weil wir den Kindern dienen, Ist unser Tun geweiht... Wer dient so treu noch ihnen In seiner Erdenzeit? Die Kindlein zu sich kommen Ließ Christus, unser Held ... Er hat die wahrhaft Frommen Zu ihrem Schutz bestellt. Leute von einem Hof. Ostpreuhische Skizze von Frieda Peltz. Meine Heimat ist schön — mit ihren Aeckern und Heiden — mit ihren Wäldern und Seen — umsäumt von blauem Meer und weißem Sand. Tausendfach ist ihr Antlitz, und man zeichnet es nicht aus, aber in den Menschen hat es ein deutliches Gepräge gesunden. Viele kommen fremd und mit harten Augen in dies Land und vergessen, daß das Herz sehen muß. Viele auch haben verlernt, zu sehen und sich des Gesehenen aus Herzensgrund zu freuen. Auf einem Hügel liegt ein kleines Dorf. Bis der Kirchturm vorkommt, ist es eine Weile Weg. Es ist dies der Sonnabendweg für die Dörfler, der Weg zu Stadt und Markt, dann und wann einmal auch ein Reifeweg, zu den Töchtern und Söhnen hin. . Auf des Hügels Spitze, dem Friedhof gegenüber, steht em Bauernhof, am Tor eine Linde. Sie ist das Erste, sie war am Anfang, war Schutz vor Ungewitter und ein Wohnort guter Geister. Es schlägt sie niemand ab, als könnten die Toten darüber erwachen. Das Zweite ist der Hund, ein braver, zottiger Köter, als er jung war, mit Tollen hinter Kühen und Schafen her, jetzt, im Alter, an der Kette. Das Dritte ist Hefa, ein junges Mädchen. Sie ist hübsch und braucht keinen braunen und roten Schminktopf. Sie ist — wie sie ist. Das weite, grüne Licht und der Morgen- und Abendtau haben sie so gemacht. Es ist kein Knecht da und keine Magd. Der Vater ist der Knecht, sie selber die Magd. Dabei sind ihre Glieder rank und geschmeidig geworden, fo daß sie im Lauf aus des Pferdes Rücken springt und Sattel und Zaum nicht nötig hat. Das hat sie nicht gelernt. Das ist in sie hineingewachsen. Der Vater spricht wenig. Er ist viel krank. Da muß er mit Schwelgen bie Kraft wieder einsparen. Wenn er nicht mehr an die Arbeit kann, legt er sich gewiß zum Sterben. Es muß gepflügt werden und gesät und gemäht. Sein Halm, der nicht wichtig und angesehen wäre. Hinter dem Pflug geht bas Mädchen. Ihr roter Rock weht über dem Feld. Das ist wie ein altes Bild einer Zeit, in der Frauen sich eins fühlten mit der demütig bereiten Erde, von der sie ihres Wesens Art erlernten. Das Vierte ist die Frau. Die Mutter, müßte ich sagen. Sie ist überall dort, wo jemand fehlt. Ein schönes, starkes Gesicht l)at sie, eine große, wohlgeformte Rase und einen verschlossenen Mund. Sie spricht mit den Augen, die tiefblau und feucht sind wie der See im Land. Oft, wenn ein Kleines mich gufgescheucht, wurde ich unter diesen Augen still, in denen hundert gezwungene Lasten klares Licht geworden sind. Dor ihnen wurde alles groß ober klein. Im Haus brinnen gibt es große Tassen mit viel Gold und Silber. Perantwortlich: Dr. HanS Thhriot. - Druck und Derlag: Drühlsche Univerfttätsdruckerei R. Lange. Gießen.