GietzenerZamiliendliitter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 == Zreitag, den lü. September Nummer 70 Doge und Dogaresse. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. Schluß. Pietro meinte, baß bas gar nicht anginge, da der Doge ihn kenne und eben nur ihm ilch anvertrauen wolle; endlich, als Antonio mit dem wilden Zorn wie er aus dem von tausend Liebesqualen aufgeregten Gemüt bervor- sprudelte, chn ihn drang, wie er ganz unsinnig schwur, daß er der Gondel nachsprrngen und ihn herabreißen werde ins Meer, da rief Pietro lachend- „Ei, Signor Antonio! Signor Antonio! wie habt Ihr Euch verguckt in die schonen Augen der Dogaresse!" und willigte ein, daß Antonio mitkommen solle als fern Gehilfe beim Rudern; er wolle die Schwere des Fahrz-ugs sowie kränkliche Schwäche Vorschüßen bei dem alten Falieri, dem so bei solcher Fahrt das Gondeln immer zu langsam ginge. Antonio rannte fort, und kaum war er wieder an der Brücke in schlechten Schifferkleidern, mit gefärbtem Gesicht, einem langen Zwickelbart über die Lippen gehängt, als der Doge herabstieg mit der Dogaresse, beide in herrlichen bunten glanzenden Kleidern. „Wer ist der fremde Mensch dort?" fuhr der Doge den Pietro zornig an, und nur die heiligsten Versicherungen Pietros, daß er heute eines Gehilfen bedürfe, konnten den Alten endlich bewegen, zu erlauben, daß Antonio mitgondle. Es pflegt wohl zu geschehen, daß gerade im Uebermaß alles Entzückens, aller Seligkeit das Gemüt, wie gestärkt durch die Macht des Augenblicks, sich selbst bezwingt und den Flammen gebietet, die aus dem Innern heroor- lodern wollen. So vermochte Antonio, dicht neben der holden Annunziata, berührt von dem Saume ihres Kleides, seine Liebesglut zu verbergen, indem er mit kräftiger Faust das Ruder regierte und, größeres Wagstück scheuend, kaum die Geliebte dann und wann flüchtig anblickte. Der alte rs-alieri schmunzelte und lächelte, küßte und streichelte die kleinen weißen Hündchen der holden Annunziata, legte den Arm um ihren schlanken Leib. Mitten auf dem Meere, als der Markusplatz, das prächtige Venedig mit all seinen stolzen Türmen und Palästen sich vor den Schiffenden ausbreitete, da erhob der alte Falieri das Haupt und sprach, indem er mit stolzen Blicken umherschaute: „Ei, mein Liebchen, ist es nicht schön, zu schiffen aus dem Meer mit dem Herrn, mit dem Gemahl des Meers? — Ja, mein Liebchen, sei nicht eifersüchtig auf die Gattin, die demütig uns aus ihrem Nacken trägt. Hör' nur das süße Plätschern der Wellen, sind das nicht Liebesworte, die sie dem Gemahl zuflüstert, der sie beherrscht? — Ja, ja, Liebchen, du trägst meinen Ring am Finger, aber die da unten bewahrt in ihrem tiefsten Busen den Trauring, den ich ihr zuwars." — „Ach, mein fürstlicher Herr", fing Annunziata an, „ach, wie sollte denn die kalte böse Flut deine Gemahlin sein? Es wird mir gar schauerlich zu Mute dabei, daß du dich dem stolzen herrischen Element vermähltest." Der alte Falieri lachte, daß Kinn und Bart wackelten. „Aengstige dich nicht, Täubchen", sprach er dann, „besser ruht uch s ja wohl in deinen weichen, warmen Armen als in den, eiskalten Schoß der Gattin da unten, aber schön ist's, zu schiffen auf dem Meer mit dem Herrn des Meeres." In dem Augenblick, als der Doge dies sprach, fing eine ferne Musik zu säuseln an. Hebet die Meereswelle gleitend, kamen näher die Töne einer sanften Männerstimme, es wurden die Worte gesungen: ,,Ah! senza amare Andare sul mare Col sposo del' mare, Non puo consulare.“ Andere Stimmen fielen ein, und in stetem Wechselgesange wurden jene Worte immer und immer wiederholt, bis der Gesang wie im Hauch des Windes starb. Der alte Falieri schien auf den Gesang gar nicht zu achten, er erzählte der Dogaresse vielmehr sehr weitläufig, was es mit der Feierlichkeit am Himmelfahrtstage, wenn der Doge, von dem Bucentoro den Ring hinabwerfend, sich dem Meer vermähle, für eine Bewandtnis habe. Er sprach von den Siegen der Republik, wie ehemals Istrien und Dalmatien erobert worden unter der Regentschaft Peter Urseolus des Zweiten^'), und wie in dieser Eroberung jener Feierlichkeit erster Ursprung liege. Achtete nun der alte Falieri aber nicht auf jenen Gesang, so ging dafür seine Erzählung ganz verloren der Dogaresse. Die saß da, den Sinn ganz zugewen- bet den süßen Tönen, die über das Meer schwammen; sie starrte, als der Gesang geendet, mit seltsamem Blick vor sich hin, wie jemand, der aus tiefem Traum erwacht, die Bilder noch zu schauen, zu deuten strebt, die ihn um- ßnmelten. — ,Senza amare — senza amare — non puo consolare", lispelte Me leise, und Tränen glänzten wie helle Perlen in den Himmelsaugen, und Seufzer entflohen der Brust, die auf und nieder wallte vor innerer Be- «emmung. — Noch immer in vollem Schmunzeln und Lächeln forterzählend, crat der Alte, die Dogaresse an der Seite, heraus auf die Balustrade vor *’) Pietro II. Orseolo, Doge von 991—1009, war der erste „Bräutigam der Adria gewesen, der er sich „vermählt" hatte, als er 998 mit großem «epränge in den Krieg auszog, in dem er ganz Dalmatien unterwarf. semem Hause bei San Giorgio Maggiore und gewahrte nicht, wie, von seltsamen dunklen Gefühlen im Innern angeregt, Annunziata sprachlos, den tränenschweren Blick in ein fernes Land gerichtet, wie im Traume neben ihm stand. — Ein junger Mensch in Schifserkleidung stieß in ein muschelartig gewundenes Horn, daß die Töne weit üher das Meer hin hallten. Aus dies Zeichen näherte sich eine andere Gondel. Unterdessen war ein Mann der emen Sonnenschirm trug, und eine Frau herangetreten, und so begleitet schritt der Doge mit der Dogaresse nach dem Palast. Jene Gondel landete, Marino Bodoeri mit vielen Personen, unter denen sich Kaufleute, Künstler ja Leute aus der niedrigsten Volksklasse befanden, stieg aus und folgte dem Doge. Antonio konnte kaum den andern Abend erwarten, weil er auf frohe Botschaft hoffte von seiner geliebten Annunziata. Endlich, endlich hinkte die Alte herein, setzte sich keuchend in den Lehnsessel, schlug die dürren Knochenhände einmal über das andere zusammen und rief: „Tonino — ach Tonino, was ist denn geschehen mit unserrn armen Täubchen? — Sowie lch heute hineintrete, liegt sie da auf dem Polster mit halbgeschlossenen Augen, das Köpfchen aus den Arm gestützt, nicht schlummernd, nicht wachend, Nicht krank, Nicht gesund. — Ich nahe mich ihr: ,Ei, gnädige Frau Dogaresse, spreche ich, was ist Euch denn Schlimmes begegnet? — schmerzt Euch wohl noch dre kaum geheilte Wunde?' Aber da blickt sie mich an mit Augen — Somno! — mit Augen, wie ich sie noch gar nicht gesehen, und kaum hab' ich hlnemgeschaut tn die feuchten Mondesstrahlen, so bergen sie sich hinter dre serdnen Wimpern wie hinter dunkles Gewölk. Und dann seufzt sie aus tiefster Brust und kehrt das holde, blasse Antlitz der Wand zu und lispelt leise, ganz leise, aber so wehmütig, daß es mir gerade ins Herz sticht: .Amare — amare — ah, senza amare!‘ — Ich hole mir einen Stuhl, ich setze mich hm zu ihr, ich fange an, von dir zu erzählen. — Sie hüllt sich ein in die Polster — die schnelleren und schnelleren Atemzüge werden zu Seufzern — Ich sag's ihr unverhohlen, daß du verkleidet bsi ihr warst in der Gondel, daß ich dich, der vor Liebe und Sehnsucht verschmachtet, nun ungesäumt ju ihr bringen würde. Da fährt sie plötzlich auf von den Polstern, und indem ein Strom heißer Tränen aus ihren Augen stürzt, ruft sie heftig: ,Um Ehristus, um aller Heiligen willen — nein — nein, ich kann ihn nicht sehen — Alte! ich beschwöre dich, sag' ihm, er solle niemals, niemals mehr sich mir nahen — niemals, das sag' ihm, er solle Venedig verlassen, schnell ver- lassen. »Nun, fall' ich ihr ins Wort, ,nun, so muß denn mein armer Tonino sterben.' Da sinkt sie, wie von den unsäglichsten Schmerzen gefaßt, in die Polster und schluchzt mit von Tränen erstickter Stimme: Muß ich beim nicht auch sterben des bittersten Todes?' Da trat der alte Herr Falieri ins Gemach, und ich mußte mich auf seinen Wink entfernen." — Sie hat mich verworfen — fort — fort aufs Meer!" schrie Antonio auf in heller Verzweiflung. Die Alte kicherte und lachte nach ihrer gewöhnUchen Art und rtef: „Du einfältig Kind, du einfältig Kind — wirst du denn nicht geliebt von der holden Annunziata mit aller Inbrunst, mit aller Liebesqual, die jemals em weiblich Herz ergriff? — Einfältig Knäblein, morgen am tiefen Abend schleiche dich tn den herzoglichen Palast. In der zweiten Galerie rechts der großen Treppe wirst du mich finden — und dann wollen wir sehen, was sich weiter begibt." Als Antonio, bebend vor Sehnsucht, am andern Abend die große Treppe hinaufschlich, war es ihm plötzlich, als wolle er einen Ungeheuern Frevel beginnen. Ganz betäubt, vermochte er kaum zitternd und schwankend die Stufen zu ersteigen. Er mußte sich dicht vor der ihm bezeichneten Galerie an eine Säule lehnen. Plötzlich umfloß ihn heller Fackelschein, und noch ehe er seinen Platz verlassen konnte, stand der alte Bodoeri dicht vor ihm, von einigen Dienern begleitet, die Fackeln trugen. Bodoeri sah dem Jüngling starr ins Angesicht und sprach dann: „Ha! du bist Antonio, man hat dich herbestellt, ich weiß es, folge mir nur!“ — Antonio, überzeugt, daß die Zusammenkunft mit der Dogaresse verraten, folgte nicht ohne Zagen. Wie erstaunte er, als, in ein entferntes Gemach getreten, Bodoeri ihn umarmte und von dem wichtigen Posten sprach, der ihm anvertraut worden und den er noch in dieser Nacht mit Mut und Entschlossenheit behaupten olle. Sein Erstaunen ging aber in Angst Über und Entsetzen, da er erfuhr, daß schon feit langer Zeit eine Verschwörung wider die ©ignorie gereift, an deren Spitze der Doge selbst stehe, daß, wie es in Falieris Hause auf der Gludecca beschlossen, noch in dieser Nacht die ©ignorie fallen und der alte Marino Falieri als souveräner Herzog von Venedig ausgerufen werden olle. Antomo starrte den Bodoeri sprachlos an, dieser hielt des Jünglings Schweigen für eine Weigerung, teilzunehmen an der Ausführung der ent» etzlichen Tat, und rief entrüstet: „Feigherziger Tor! aus dem Paläste kommst du nun nicht mehr, entweder du stirbst ober ergreifst mit uns bie Waffen, aber sprich erst mit biefem!“ Aus bem bunflen Hinfergrunbe des Zimmers trat eine hohe, eble Gestatt hervor. Sowie Antonio bas Antlitz des Mannes, ben er nur erst im Schein bet Kerzen bemerken und erkennen konnte, erblickte, stürzte er nieder auf die Knie und rief, ganz außer fich leibst gebracht durch die nicht geahnte Erscheinung: „O heiliger Herr des Himmels, mein Vater Bertuccio Nenolo, mein teurer Pfleger!" — Nenolo hob ben Jüngling auf, schloß ihn in seine Arme unb sprach bann mit sanfter Stimme: „Wohl bin ich Bertuccio Nenolo, den du vielleicht auch in dem Meeresgründe begraben glaubtest, und der erst seit kurzer Zeit der schmäh« hcten Gefangenschaft des wilden Morbasian entgangen; SBertuccto Nenolo, bei dich ausnahm und nicht ahnen konnte, daß die unvernünftigen Diener, die Bodoeri abschickte, als er das ihm verkaufte Landhaus m Besitz nehmen wollte, dich hinausstoßen würden aus dem Hause. — verblendeter Jung ling! du stehst an, die Waffen zu ergreifen gegen e,ne despotisch-- Kaste, deren Grausamkeit dir den Vater raubte? — Ja, gehe t;in in ben Hof des Fontego, es ist deines Vaters Blut, besten Spuren du noch schauen kannst auf den Steinen des Bodens. Als die Signorie den deutschen Kaufleuten das Kaufhaus, welches du unter dem Namen des Fontego kennst, Übermächte, wurde jedem, dem man Gemacher emraumte, verboten, dm Schlussel bei der Abreise an sich zu behalten, et mußte sie bei dem Fontegaro ) las en. Diesem Gesetze hatte dein Vater entgegengehandelt und war schon.deshalb schwerer Strafe verfallen. Als nun aber bet der Ruckkunst des Vatersbie Gemächer geöffnet wurden, fand sich unter seinen Waren eine Kiste vene- tianischer, falsch ausgeprägter Münzen. Vergebens beteuerte er eme Unschuld, es war nur zu gewiß, daß irgendein hämischer Teufel, vielleicht der Fontegaro selbst, die Kiste hineingebracht hatte, um deinen Vater zu verderben — Die unerbittlichen Richter, mit dem Beweise, daß die Kiste in deines Vaters Gemächern gefunden, zufrieden, verurteilten ihn zum Tode! — Auf dem Hofe des Fontego wurde er hmgerichtet. — Auch du wärst nicht mehr, wenn die treue Margareta dich nicht rettete. — >jch,, deines Vaters treuester Freund, nahm dich auf; damit du dich der Signorie nicht selbst verraten möchtest, verschwieg man dir deines Vaters Namen. Aber nun, nun An ton Dablbirger, nun ist es 3°^, nun ergreife die Waffen und räche an den Häuptern der Signor,e den schmählichen Tod demes Vaters." Antonio, vom Geist der Rache beseelt, gelobte den Verschwornen Treue und unbezwingbaren Mut. — Es ist bekannt, daß der Schimpf, den Bertuccio Nenolo von dem über die Seerüstungen gesetzten Dandulo, der ihm bei einem Streit ins Gesicht schlug, erfahren, ihn bewog, nut dem ehrgeizigen Schwiegeriohn sich wider die Signorie zu verschworen. Beide, Nenolo und Bodoeri, wünschten dem alten Falieri den Fürstenmantel, um selbst mit ihm zu steigen. — Man wollte (so war der Plan der Verschwornen) die Nachricht ausbreiten, die genuesische Flotte liege vor den Lagunen. In der Nacht sollte dann die große Glocke aus dem Markusturm gezogen und die Stadt zu erdichteten Verteidigungen gerufen werden. Auf dieses Zeichen sollten die Verschwornen, deren Anzahl beträchtlich und durch ganz Venedig verbreitet war, den Markusplatz besetzen, sich der Hauptplatze der Stadt bemächtigen, die Häupter der Signorie ermorden und den Dogen als souveränen Herzog von Venedig ansrufen. Der Himmel wollte aber nicht, daß dieser Mordanschlag gelingen und die Grundverfassung des bedrängten Staates durch den alten, von Stolz und Uebermut entflammten Falieri in den Staub getreten werden sollte. Die Versammlungen auf der Giudecca in Falieris Hause waren der Wachsamkeit de? Rats der Zehen nicht entgangen, aber unmöglich blieb es, etwas Gewisses zu erfahren. Da rührte einen der Verschwornen, einen Pelzhändler aus Pisa, Bentian geheißen, das Gewissen, er wollte feinen Freund und Gevatter, den Nicolao Leoni* * 39), der im Rate der Zehen faß, vom Untergange retten. In der Abenddämmerung begab er sich zu ihm und beschwor ihn, in der Nacht nicht das Hans zu verlassen, es möge auch geschehen, was da wolle. Leoni, von Argwohn ergriffen, hielt den Pelzhändler fest und erfuhr, als er in ihn drang, den ganzen Anschlag. In Gemeinschaft mit Giovanni Grademgo und Marco Gornato40 * 42) berief er nun den R,< der Zehen nach San Salvator ), und von hier aus wurden in weniger «'s drei Stunden Maßregeln ergriffen, die alle Unternehmungen der Verschwornen im ersten Auf glimmen ersticken mußten. Dem Antonio war es aufgetragen, mit einem Trupp nach dem Markusturm zu gehen und die Glocken anziehen zu lassen. Sowie er hinkam, fand er den Turm stark besetzt von Arsenaltruppen, die, als er sich nahen wollte, mit Hellebarden auf ihn eindrängen. Von plötzlichem Todesschreck ergriffen, stäubte sein Haufen auseinander, er felbst entwifchte in der Dunkelheit der Nacht. Dicht hinter sich hörte er Tritte eines Menschen, der ihm nachfetzte, er fühlte sich ergriffen, fchon wollte er den Verfolger mederstoßen, als er bei einem plötzlich aufschimmernden Licht den Pietro erkannte. „Rette dich" rief dieser, „rette dich, Antonio! — in meine Gondel! — es ist alles verraten — Bodoeri — Nenolo — sind in der Gewalt der Signorie— die Tore des herzoglichen Palastes geschlossen — der Doge eingesperrt m fern Gemach — wie ein Verbrecher bewacht von seinen eignen treulosen Trabanten — fort, fort." — Halb sinnlos ließ sich Antonio hineinschleppen in die Gondel. — Dumpfe Stimmen — Klirren der Waffen — einzelne Angstrufe — dann trat mit der tiefsten Finsternis der Nacht lautlose schauerliche Stille ein. Am anderen Morgen erblickte der von Todesschrecken zermalmte Pöbel das entsetzliche Schauspiel, das jedes Blut in den Adern gerinnen machte. Der Rat der Zehen hatte noch in derselben Nacht das Todesurteil über die Häupter der Verschwornen, die ergriffen worden, gefällt. Erdrosselt wurden sie auf dem kleinen Platze zur Seite des Palastes von der Galerie herabgelassen, wo der Doge fönst den Feierlichkeiten zuzuschauen pflegte — ach! wo Antonio vor der holden Annunziata schwebte, wo sie von ihm den Blumenstrauß empfing. — Unter den Leichnamen befanden sich Marino Bodoeri und Bertuccio Nenolo. Zwei Tage nachher wurde der alte Marino Falieri von dem Rate der Zehen verurteilt und auf der sogenannten Riefentreppe des Palastes43) hingerichtet. Wie bewußtlos war Antonio umhergeschlichen, niemand griff ihn an, »») Kein italienisches Wort; Hoffmann meint offenbar den Vorsteher oder Verwalter des Fondaco. 39) Ein Kürschner aus Bergamo war es, der den Patrizier Nikolaus Lioni warnte. 40) Historische Persönlichkeiten. «) San Salvatore, die schönste Gewölbekirche Venedigs, stand zu Falieris Zeit noch nicht, sondern wurde erst 1506—34 erbaut. 42) Die berühmte Scala bei Giganti, deren Bau aber erst 1485 begonnen wurde. denn niemand kannte ihn als einen der Verschwornen. Als er des alten Falieri graues Haupt fallen fah, da fuhr er auf tote aus schwerem Todes- träum — Mit dem Schrei des wildesten Entsetzens, mit dem Ausruf: „Annunziata I" stürzte er in den Palast, durch die Galerien. — Niemand hielt ihn auf, die Trabanten starrten ihn an wie betäubt von dem Fürchter- lichen, das sich soeben zugetragen. Die Alte hinkte ihm entgegen, laut jam- memd und klagend, sie ergriff feine Hand, noch einige Schritte, und er trat mit ihr in Annunziatas Gemach. Da lag die Arme entseelt auf den Polstern. Antonio stürzte hin zu ihr, er bedeckte ihre Hande mit glühenden Küssen, er tief die Geliebte mit den süßesten, zärtlichsten Namen. Da schlug sie die holden Himmelsaugen langsam auf, sie sah Aritomo erst war es, als musie sie sich auf ihn besinnen, doch plötzlich raffte sie sich auf, umschlang ihn mit beiden Armen, drückte ihn an ihre Brust — benetzte ihn mit heißen Tranen — küßte seine Wangen — seine Lippen. „Antonio — mein Antonio — >ch liebe dich unaussprechlich — ja es gibt noch einen Himmel auf Erden! — Was ist des Vaters — des Oheims — des Gatten Tod gegen die Seligkeit deiner Liebe — o laß uns fliehen von dieser blutigen Mordstatte! — So tief Annunziata, zerrissen von dem bittersten Schmerz und der gliihendsten Liebe. Unter tausend Küssen, unter tausend Tränen schwuren sich die Lieben- den ewige Treue, sie vergaßen die furchtbaren Ereigniffe der schrecklichsten Taae, den Blick von der Erde abgewandt, schauten sie auf ,n den Himmel, den ihnen der Geist der Liebe erschlaffen. Tie Alte riet, nacf) GI)toggia ju fliehen, Antonio wollte dann zu Lande in umgekehrter Richtung weiter herauf nach seinem Vaterlande. Freund Pietro verschaffte ihm eme kleine Barke, die an der Brücke bei der Hintern Seite des Palastes angelegt wurde. Eingehüllt in tiefe Schleier, schlich Annunziata, als es Nacht geworden, mit dem Geliebten, von der alten Margareta, die in der Kapuze reiche Juwelenkästchen trug, begleitet, über die Treppen hinab. Unbemerkt kamen sie an die Brücke, stiegen sie hinein in die Barke. Antonio ergriff das Ruder, und fort ging es in schneller, rüstiger Fahrt. W,e em fröhlicher Liebesbote tanzte der Helle Mondesfchimmer auf den Wellen vor ihnen her. Sie waren auf hoher See. Da begann es seltsam zu pfeifen und zu saufen m hvher Luft — finstere Schatten kamen gezogen und hingen sich wie dunkle Schleier über das leuchtende Antlitz des Mondes. Der tanzende Schimmer, der röhliche Liebesbote, fank herab in die fchwarze Tiefe voll dumpfer Donner. Der Sturm erhob fick und jagte die düstern, zusammengeballten Wolken mit zornigem Toben vor sich her. Hoch auf und weder flog die Barke. „O hilf, o Herr des Himmels!" schrie die Sitte. Antonio, des Ruders nicht mehr mächtig, umschlang die holde Annunziata, die, von seinen glühenden Küsten erweckt, ihn mit der Inbrunst der seligsten Liebe an ihren Busen druckte. „O mein Antonio! — o meine Annunziata!" So riefen sie, des Sturms nicht achtend, der immer entsetzlicher tobte und brauste. Da streckte das Meer, die eifersüchtige Witwe des enthaupteten Falieri, die schäumenden Wellen wie Riesenarme empor, erfaßte die Liebenden und riß sie samt der Alten hinab in den bodenlosen Abgrund! Als der Mann im Mantel aus diese Weise seine Erzählung geendet hatte, sprang et schnell auf und verließ mit starken, raschen Schritten das Zimmer. Die Freunde saben ihm stillschweigend und ganz verwundert nach, dann traten sie aufs neue vor das Gemälde. Der alte Doge fchmunzelte sie wieder an in törichtem Prunk und faselnder Eitelkeit, aber als sie nun der Dogaresse rechts ins Antlitz schauten, da gewahrten sie wohl, wie die Schatten eines unbekannten, nur geahnten Schmerzes auf der Lilienstirn lagen, wie sehn- süchtige Liebesträume unter den dunklen Wimpern hervorleuchteten und um die süßen Lippen schwebten. Ans dem fernen Meer, aus den duftigen Wolken, die San Marco einhüllten, schien die feindliche Macht Tod und Ver- derben zu drohen. Tie tiefere Bedeutung des anmutigen Bildes ging ihnen klar auf, aber auch alle Wehmut der Liebesgeschichte Antonios und Annun- ziatas kehrte, jo oft sie das Bild auch noch anblicken mochten, wieder und erfüllte ihr innerstes Gemüt mit süßen Schauern. Spruch. Von Martin Damh. Wir kommen aus der Ewigkeit Und wachsen langsam in die Zeit. Wir kommen alle aus Gottes Hand Und gehen wieder in Gottes Land. Dazwischen liegen Tag und Nacht Und Glück und Kampj und manche Schlacht, Dazwischen liegen Glanz und Not Von unsrer Wiege bis zum Tod. So müssen wir durchs Geben gehn Und aufrecht unfern Gott bestehn, Damit nach unferm letzten Jahr Zurückbleibt, was unsterblich war. Unsterblich ist das treue Herz, Die Ehre, rein und hart wie Erz, Unsterblich ist der Liede Glut In unferm Wort und unferm Blut. Ob reich, ob arm, hoch und gering, So lassen wir manch ewig Ding Zurück für die, die nach uns sind, Für Volk und Reich und Kindeskind. Das Volksbuch vom Doktor Faust. Von Walter Schwerdtfeger. Vor 350 Jahren, im September 1587, erschien das erste Volksbuch vom Doktor Faust. „Nach dem nun viel Jar her ein gemeine und große Sag im Teutsch- land von Dort. Johannis Faust! Abenthervren gewesen, vnd allenthalben Nachfrage nach gedachtes Fausti Historia bey den Gastungen und Gesellschaften geschieht", erschien vor 350 Jahren aus der Michaelismesse 1587 in Goethes Vaterstadt Frankfurt a. M. der erste Druck der „Historia von D. Johan Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartz- künstler". Der Verleger, der die Handschrift von einem Freunde in Speyer erhalten haben wollte, war der Buchdrucker Johann Spies, aus dessen Offizin vor allem lutherische Zeitschriften hervorgingen; und so sollte dieses Buch denn auch „fürwitzigen und Gottlosen Menschen zum abscheuwlichen Exempel und treuwherziger Warnung" dienen. Faust war nach diesem Buch der Sohn eines Bauern aus der Umgegend von Weimar — Spiel des Zufalls: auch hier die Berührung mit dem Leben Goethes. In Wittenberg studierte er Theologie, legte dann aber „die $)■ Schrift ein weil unter die Bonck" und wurde ein Weltmensch, „ein Astrologus vnnd Mathematicus, vnd zum Glimpfs ward er ein Arttzt". Von Wissensdrang getrieben, nahm er, wie das alte Buch poetisch sagt, Adlersflügel, „wollte alle Gründ am Himmel und Erde erforschen". Um über die Grenzen menschlicher Erkenntnis hinauszugelangen, verschrieb er sich schließlich dem Höllengeist Mephistopheles. Herr Gott behüt", vermerkte der fromme Johann Spies am Rande des Pakets. Weitschweifig berichtet das Buch von den religiösen und naturwissenschaftlichen Unterredungen Fausts mit dem Teufel, von seinen Reisen und „was er mit seiner Nigromantia gethan vnd gewircket", bis er endlich, als seine Frist abgelaufen war, in einem Dorfgasthaus bei Wittenberg vom Bösen zerschmettert worden sei. „Also endet die gantze wahrhafftige Historia Doctor Fausti". Dieser Mann, dessen Name uns Inbegriff ewigen Menschheitsstrebens geworden ist, hat wirklich gelebt. Von einem Doktor Johann oder auch Jörg Faust Pud mehrere geschichtliche Nachrichten überliefert. Danach läßt sich sein Leben ungefähr durch die Daten 1480 und 1450 abgrenzen; er ist also unmittelbar Zeitgenosse Martin Luthers gewesen, der in den „Tischreden" auch einmal eines „Schwartzkünstlers Faustus" gedenkt. Das Bild, das die zeitgenössischen Berichte ergeben, trägt gänzlich das Gepräge jenes widerspruchsvollen, gärenden Jahrhunderts, in dem die geistige Struktur des Abendlandes eine entscheidende Wandlung erfuhr. Symbolhaft ist es auch, daß man Faust irrtümlich mit dem Begründer des Buchdrucks, Gutenbergs Geschäftsteilhaber Johann Fust, gleichsetzte. Alchimist, Gelehrter, Wahrsager und Quacksalber: so zog er durch die Lande; den Geistlichen ein Aergernis, „ein schmarotzer, den Melanchthon ein scheißhaus vieler teufet pflog zu nennen, ernehrete sich von seiner gauckeley". Die großen Humanisten, an die er sich heranzudrängen suchte, machten aus ihrer Geringschätzung kein Hehl. Aus einem Schulamt in Kreuznach, das Sickingen ihm übertragen hatte, soll er verjagt worden fein. Mancherorts ließen sich große Herren das Horoskop von ihm stellen. Andere Städte wiesen ihn aus als lästigen Scharlatan; so steht in den Ratsprotokollen von Ingolstadt: „Am Mittwoch nach viti 1528, ist einem der sich genannt Dr. Jörg Faustus gesagt, daß er seinen Pfennig anderswo verzehre, und hat angelobt, solche Erfordernis für die Obrigkeit nicht zu ahnden noch zu äffen." Schon bei feinen Lebzeiten fpann sich um diesen Faust der Schleier der Sage. Die ungewissen und widersprechenden Nachrichten über seinen Tod bestärkten den Glauben des Volkes an fein Teufelsbündnis. So wurde die Gestalt des alten Vaganten allmählich der Kriftallifations- kern der verschiedensten Sagenmotioe. Ueberlieferungen aller Länder und Zeiten wurden mit ihm verknüpft; Taten des Paracelsus, des Zauberers Simon und des Albertus Magnus wurden auf ihn übertragen. Oertliche Sagen (Erfurt, Nürnberg, Auerbachs Keller in Leipzig) und volkstümliche Schwänke kamen hinzu und beeinflußten schon die Mitteilungen der Zeitgenossen, so daß der geschichtliche Faust uns oft nur durch das Prisma solcherart umgestalteter Berichte sichtbar ist. Die Rechnungsbücher von Buchhändlern des 16. Jahrhunderts und die vielen Nachdrucke, die das Fauftbuch noch im Erscheinungsjahr erfuhr, erweisen den großen Absatz; wenn auch übereifrige Lutheraner den unbekannten Verfasser schmähten und beklagten, „daß unsere buchtrücker dörffen ohne schew und schäm solche bücher auspengen und gemein machen". Uebersetzungen gelangten nach England und regten Marlowe, Shakespeares bedeutendsten Vorläufer, zu einer Faust-Tragödie an, die durch die wandernden englischen Komödianten nach Deutschland gebracht wurde. Nach einer umfangreichen Bearbeitung des ersten Faustbuches, „mit homiletischen Betrachtungen durchwäsiert und mit gravitätischen Gelehrsamkeiten gespickt", durch den Schwaben G. R. Widmann, stellte der Nürnberger Arzt Nikolaus Pfizer jenes Buch zusammen, das Goethe später als Quelle gedient hat. Hier findet man auch zum erstenmal das Gretchenmotiv angxdeutet. Ein „Christlich Meynender" ungenannter Verkoster machte davon einen Auszug, von dem die letzten volkstümlichen Bearbeitungen der alten, romanhaften Historia ausgehen, jene Hefte, die „wegen des großen Abgangs mit stehenden Lettern auf das schrecklichste Löschpapier saft unleserlich gedruckt" wurden und für ein paar Kreuzer 'n den Buden der Büchertrödler zu haben waren. Diese Hefte mochten die erste Bekanntschaft Goethes mit der Faustsage vermittelt haben. Nachhaltigere Anregung empfing er in Leipzig und Straßburg durch die Aufführung des Spiels, das sich im Lauf der zwei Jahrhunderte vom Bühnendrama zum Spielplanstück der umherziehenden Orahtpuppenspieler gewandelt hatte. Theodor Storm hat in der Er- öhlung „Pole Povpenspäler" eine solche „Faust"-Aufsührung geschildert. So bat Lessing den Faust kennengelernt, so die Dichter des „Sturm »nd Drang", die ihn zum Helden wählten. Schon in Lessings Entwurf, der bis auf wenige Bruchstücke verloren ft- siegen nicht mehr die Geister der Hölle. „Triumphiert nicht!" ruft ihnen ber Engel zu, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt: die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen." Durch Goethes Lebenswerk erfuhr die Sage ihre Vollendung. Aus der rohen Materie des alten Faustbuches ist der tiefste Gehalt germanischen Wesens, wie er au^ Dürers Blatt der Melancholie spricht, zur Form gereift. Die Gestalt des wandernden Marktschreiers hat sich gewandelt und veredelt, und rouioe zum Inbegriff des zu letzter Erkenntnis strebenden nordischen Menschen. Aschaffenburg. Von Wilhelm Haufenstein. Man begreift, daß Drang und Schub der Völkerwanderung an dieser Stelle innegehalten haben; war es nicht die Lombardei, so war es doch die linde Luft, das linde Wasser, die natürliche Fruchtbarkeit, der sanfte Himmel des Maintals. Das hohe Ufer ist eines der lieblichsten Gestade in aller deutschen Landschaft. Der Fluß macht ein Knie: da unten fließt er hin, und dort drüben, hergebogen, noch ein zweites Mal. Man mag nicht daran zweifeln, daß schon die stürmenden Vorfahren den zarten Reiz des Naturbildes empfnnbey haben müssen. Auch die Mainzer Kirchherrn, als sie nach der Jagd im Spessart gelüstig an diese Ufer traten und den Gedanken faßten, zeitweilig gerade hier zu residieren. Kunst half der Natur, im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts entstand das mehr als stattliche Schloß — glorreiche Fermate der Architektur über dem hellen Glückston der Landschaft. Da steht das Schloß über dem Ufergesenke wie nur je: rot, großartig, dazu behaglich, eine vollendete Mischung aus Herr- schaftlichkeit und Gemütlichkeit, aus Autorität und Wohlwollen. Schon fränkische Könige hatten dort ihr Jagdschloß gehabt — und sicher nicht nut wegen der jagdlichen Gelegenheit am Eingang des weiten, einsamen Waldes, sondern gewiß auch wegen der ausnehmenden Liebenswürdigkeit der Gegend. Freilich war eine lange Zeit vergangen, als dieser kostbare süddeutiche Weltwinkel vollkommen gemalt wurde. Ein alemannischer Handelsplatz, den die vorbestimmte Lage an einem schiffbaren, übersichtlichen und also besonders gastlichen Wasser begünstigt hatte, war in die Gewalt erobernd heranprallenber Franken gefallen; dann waren, wie gesagt, fränkische Fürsten mit Vorliebe hergekommen; endlich die mainzischen Kirchenherrn bis hin zu jenem Freiherrn Friedrich Karl Joseph von Erihal, dem in der Aschaffenburger Stiftskirche ein klassisch-klares und doch noch barock bewegtes weißes Marmor-Grabmal gesetzt ist, und bis zu Karl von Dalberg, des Reiches letzten Kurerzkanzler, dem Nachfolger Erthals auf dem Stuhl von Mainz. Erst in des 18. Jahrhunderts zweiter Hälfte, als Rousseau den Blick vom Papier auf Bäume, Berge und Gewässer richtete — damals erst kam der Maler Ferdinand Kobell daher, und ihm, so scheint es, blieb es Vorbehalten, das schönste Bild der Aschaffenburger Landschait zu malen, das je gemalt worden ist. Es hängt im Schloß. Ich kann nicht finden, daß es ein wirklich beziehungsreicher Gedanke war, als Ludwig der Erste von Bayern, der letzte klassische Liebhaber dieser Stadt und Gegend, von einem „bayrischen Nizza" sprach; aber ich habe gefühlt, daß der Parkweg vom Schloß zur Villa hinüber, ein Parkweg mit rotem Sandsteingemäuer und mit Rebenlaub, mich zu stimmen wußte, als wäre ich in Meran ober in Bozen. Indes: die Dinge bestehen ja nicht bloß in ihren Beziehungen, und man muß sie auch in ihrem Eigenen zu nehmen suchen, wenn man sie erwerben will. Und in der Tat: das große rote Schloß ist eigentümlich genug. Ein starkes, schier festungsmäßiges Viereck ist in den rechten Winkeln mit vier mächtigen Türmen verstärkt und ausgezeichnet, denen gebuckelte Schieferhelme schon barock aufsitzen. Inmitten ragt noch ein besonders schöner älterer Turm hervor. Mag das Einzelne renaifsancemäßiger Verzierung auch bloß modisch und also ohne eigentliche Spannung der Form, des Lebens, sein: die Gliederung des Ganzen ist vortrefflich, bis hinauf in die prunkenden, von der Eitelkeit der Renaissance ausgeformten Giebel. Das Innere weist eine noble Einfachheit, vorab im Vestibül, wo schlichte rote Säulenstellungen von einfachem weißem Gemäuer umschlossen sind. Die Säle bergen eine beträchtliche Gemäldegalerie: sie sührt von den alten Deutschen, unter denen Hans Salbung wohl ben stärksten Ton trägt, bis zu Rembranbt unb ben Hollänbern bes siebzehnten Jahr- hunberts, um bann mit Lonbschaftern vom Rang bes genannten Kobell ober bes kurmainzisch-frankfurtischen Vebutenmalers Christian Georg Schüz abzuschließen. Eine treffliche graphische Sammlung ist an Stichen reich unb vollenbs an Buchmalereien, in benen jener mäzenische Karbinal Albrecht von Mainz, ber Sranbenburger, ber nämliche, der in Grünewalds Erasmusaltar großartig auftritt, eine auffallende Rolle spielt. Es ist nicht unwesentlich, ja, es verstärkt das Bild des Orts, daß auch dieser höchst repräsentative Kirchenfürst des sechzehnten Jahrhunderts auf diese Stätte (und übrigens auch auf die Hauptkirche) bezogen ist. In einer der Vitrinen liegt ein handgeschriebenes Exemplar des „Wilhelm Teil", mit einer eigenhändigen Widmung des Dichters an Karl von Dalberg ausgestattet, ben feinen, für bie Politik zu schwachen Mann, ber, nach ben Säkularisationen aus Mainz Derbrängt, feinen eigentlichen Sitz in Aschaffenburg zu nehmen genötigt war, um ihn schließlich in Regensburg unb noch, als napoleonischer Großherzog, in Frankfurt zu finben. Er war ber Bruber jenes Mannheimer Jntenbanten Wolfgang Heribert von Dalberg, ber bie „Räuber" zu spielen wagte. Darf ich gestehen, baß ich dem pompejanischen Haus, bas Lubwig ber Erste 1842 burch Friebrich Gärtner beginnen ließ, kein säuberliches Gefühl entgegenbrachte? Aber wahr ist, baß ber Takt, mit bem ber Platz ber Villa in berounbernbem Abstanb von Schloß unb Lanbschast ausgesucht warb, nur mit bantbaren Empsinbungen erfüllen kann. Auch lohnt allein schon die tiefsblaugrüne Figur einer Zeder, bie einen Garten vom Gestabe bes Mittelmeers schmücken würbe, ein Verweilen am pompejanischen Hause. Die fleigenben Straßen werben von Stiegen aufgefangen. Giebliges Fachwerk zeichnet bie echte fränkische Stabt alten Herkommens. Einige schwere Steinhäuser, rot, kräftig gemauert, scheinen biefer untersränki- schen Stabt eine Wenbung ins Nürnbergische zu geben, sie nach Osten hin MM Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen. Am ft in Mar ü !;■ ‘Wn.; n..81, ton ।; ■' Gütige ’ tat ge[t ; fWäntt , M jche ; “W einer zu Gute halten." Wir wissen: ohne König Ludwig gäbe es heute kein Bayreuth. Sein tiesinneres Einfühlen in das Werk Wagners enthüllt der Briefwechsel. Hier stehen — wir begreifen, aus welchen romantischen Regungen — in erster Linie „Lohengrm" und „Tristan". Wie Adols Hitler durch eine „Lohengrin"-Aufführung den Weg zu dem Bayreuther Meister fand, so auch König Ludwig durch das gleiche Werk. Enthusiastisch übersteigert sich sein Entzücken nach der Uraufführung des „Tristan". Es mag richtig sein, daß König Ludwig im Grunde kein ausgesprochen musikalischer Mensch war. Sein Weg zu Wagner kam von dessen Dichtung her. Auch später, z. B. nach der Uebersendung des „Parsisal"-Buches, fühlte sich der König von der Dich« tung besonders angezogen. Der König ist in fast allen seinen Briefen der Wagner zum Vollenden seiner Werke Drängende. Unvermindert ist seine Anteilnahme an Wagners Tagesverlauf. Eingehend erkundigt er sich nach der Familie. Mehr noch als die „Meistersinger" oder der „Ring" ist dem König das Bühnenweihespiel ans Herz gewachsen. Er wird ja selbst im engsten Kreis Parzifal genannt, und wenn er schließlich zu der ersten Ausführung doch nicht nach Bayreuth kam, fo liegen die Gründe in seiner immer stärker in Erscheinung tretenden Menschenscheu. Schon sein Kommen zur „Ring"-Aufführung nach Bayreuth vollzieht sich unter merkwürdig anmutenden Abwehrmahnahmen gegen« über den zu erwartenden Fürstlichkeiten und Volkshuldigungen. Er schreibt, er wolle mit seinen „abgeschmackten fürstlichen Collegen" unter keinen Umständen im Festspielhaus zusammentreffen. Bei LudwU gibt es kein Versteckspiel, er ist Wagner gegenüber von einer erstaunlichen Offenheit. Urteilt er schon scharf und treffend Über seine Umgebung, über die politischen Zu« stände in Deutschland, über die Lenker anderer Staaten, so scheut er nicht einmal davor zurück, die geistige Einstellung seiner Mutter dem Meister gegenüber zu beleuchten. , ,. In dem vielfachen Auf und Ab dieser einmaligen Freundschaft besticht den Leser immer wieder die Tatsache, daß der König in Wagner jebetjew den Gleichberechtigten erkennt. Ludwig, erfüllt von seiner königlichen Wurde, forderte auch von seinen Verwandten Respektierung; Wagner allein stano er rein menschlich gegenüber. Der Meister nahm eine vollkommene Uus« nahmestellung ein. So trägt der Briefwechsel einen freien, offenen Zug, Mensch spricht zu Mensch, jeder den anderen zutiesst verstehend. König Ludwigs Freund schaff mit Richard Wagner. Von Ernst Stolz. Der seit Jahrzehnten die Freundschaft des Bayernkönigs Ludwig II. mit Richard Wagner umhüllende Schleier ist nun verschwunden. Der umfangreiche Briefwechsel zivischen den beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten, der jüngst vom Verlag G. Braun, Karlsruhe, in vier Bänden der Oeffentlichkeit Übergeben wurde, hat das Geheimnis gelüftet. Was wir bisher von dem fast zwei Jahrzehnte umfassenden, trotz mancher Fährnisse bis zum letzten Atemzug des Meisters dauernden Freundschaftsbunde wußten, stützte sich einmal aus einige, teilweise ungenau und unvollständig wiedergegebene Briese, zum anderen auf zeitgenösfische Darstellungen, vor allem des bewährten Sebastian Röckel („Ludwig II. und Richard Wagner"). Eindringlicher als jede Darstellung von dritter Hand, als jede Biographie wirkt das persönliche Zeugnis, wie es ungeschminkt und lebendig in den 183 Briefen, zwei Gedichten und 85 Telegrammen des Königs, in den 258 Briefen, vierzehn Gedichten, vier sonstigen Schreiben und 70 Telegrammen Wagners dem Leser entgegentritt. Dem 597 Dokumente umfassenden Briefwechsel (19 Urkunden sind verlorengegangen, auf ihr Vorhandensein können >vir vielfach nur durch Bezugnahme in Briesen schließen) sind noch sechs schriftliche Beilagen Wagners, ein Bries des Königs an Frau von Bülow und in großem Umfang den vierten Band füllende weitere 209 Dokumente beigegeben, darunter 70 bisher unveröffentlichte Briefe und Telegramme Wagners an seine Gattin Cosima und seine Freunde, ferner 100 bisher ungedruckte Briefe und Telegramme anderer mit dem König und Wagner in engster Verbindung stehender Personen, wozu noch die Veröffentlichung der Tagebuchaufzeichnungen Wagners kommt, die Über die Entwicklung seiner Beziehungen zu Cosima von Bülow, sowie da ich die unerträglichsten Folgen voraussehe — zwar nie in Unmuth Versalien, doch müßte ich auf lauge Zeit vor Ihnen verstummen ..." Die ein- getretene halbjährige Pause im Briefwechsel zeigt merkbar die Verstimmung auf. Sie wird auch in diesem Fall vom König gelöst durch ein aussöhnendes Schreiben: „Wenn die Umstände, welche die Aufsührung Ihrer letzten Werke begleitet haben, auch nicht in Ihrem Sinne waren, Sie Groll und Unmuth in Ihrer Seele gegen mich vielleicht empfinden mußten, so beschwöre ich Sie, mir zu vergeben, meiner Begierde, meinem sich stets steigernden sehnsüchtigen Verlangen nach dem Bekanntwerden mit den letzten Schöpfungen Ihres großen Geistes bas Uebertreten Ihres Gebotes M in di! !- Sirftig Äin unb Rj unbewo Idirn Blick M Tcsich riitaten « Drall tarnen 6 Jiift Btrajj Ä an eit | Sanges thi I* ist, i W ihm Limgt m I Sailen, obw Wjl in de *tl(am I Mlich a pwinbt; «den mei »heben I ’n non I Miet 3. 1 '«faulte £ über sein Verhältnis zu Hans von Bülow und Fran» Liszt neue Auf. schlüsse bringen. Aus der Fülle der Erscheinungen tritt durch Oteien Äriepocchiet uuo Die zahlreichen vom Herausgeber, dem Bayreuther Archivar Dr. Strobel, beigefügten Erläuterungen und Fußnoten das Verhältnis des Königs zu Richard Wagner in die erste Linie. War es bisher in gewissen Kreisen üblich, in ihm immer noch die überspannte Verbindung eines phantastischen jungen Königs mit einem exzentrischen Genie zu sehen ober im Ueberschwaug des gegenseitigen Verkehrs beider Freunde, vor allem in den Briefanreden des Monarchen an den Meister, eine unnatürliche Grundlage zu suchen, so muß nunmehr der letzte Widersacher die Massen strecken vor dieser hohen idealen Freundschaftsauffassung, die den König in eine besondere, ja ab- gesonderte Welt trug und ihm gerade deshalb das Festhalten an dem Freundschaftsbündnis ost recht erschwerte. Wie innerlich gebunden der König zu Wagner und zu seinem Werk stand, ist als unwiderlegliche Tatsache aus dem Briefwechsel herauszulesen. Als Wagner nicht ohne eigene Schuld schließlich dem gegen ihn veranstalteten Treiben weichen und München verlassen mußte, war der König „im Innersten gebrochen", und es ist gewiß, daß sich damals der erste leise Schatten in des jungen Monarchen empfindsames Gemüt senkte. Wenn er in seinen Briesen an Wagner in jener ausgewühlten Münchner Zeit den besten Willen bekundet, gegen die Widersacher anzu- kämpfen und sie niederzuringen, so war er zuletzt den festsitzenden, selbst von der Königin-Mutter unterstützten Personen seiner „Kabinettsbedienung" nicht gewachsen. Die Akten über den Staatsrat von Pfistermeister und gegen den Herrn von der Pfordten, der in brüsker Weise die Verbannung Wagners erzwang, werden durch den Briefwechsel endgültig geschlossen. Des Königs Freundschastssinn, sein Wissen um den ihm zur Lebens- aufgabe gewordenen Bund gibt ihm zu jeder Zeit die Bereitschaft, auftretende Verstimmungen wieder zu löschen. Nicht immer wurden die Gründe zu solchen Verstimmungen von außen hereingetragen, vielfach erwuchsen sie dem Freundschaftsverhältnis selbst. Die erste Spannung ergab sich, als Richard Wagner gezwungen war, dem König seine Beziehungen zu Frau von Bülow zu verheimlichen. In Wagners Briefen an Ludwig spiegelt sich deutlich die ihn zu jener Zeit bedrückende Gewissensnot wieder. Die srüher da und dort zum Ausdruck gekommene Meinung, Eisersucht hätte den König zu seiner zurückhaltenden Einstellung nach Enthüllung des Geheimnisses veranlaßt, wird durch den Brieswechsel schlechthin widerlegt. Der Ton des Königs Frau Cosima gegenüber ist jederzeit ein herzlicher und aufrichtiger, so daß Eifersuchtsanwandlungen als ausgeschlossen gelten müssen. Der Grund der Verstimmung des Königs gegen Wagner lag allein in der Erkenntnis, daß nicht aufrichtig an ihm gehandelt worden war. Eine weitere, nicht beim König, vielmehr bei Wagner sich zeigende tiefergehende Mißstimmung entsprang dem künstlerischen Stolz des Meisters. Bekanntlich waren auf ausdrücklichen Willen des Königs die ersten Ausführungen von „Rheingold" und „Walküre" im Münchener Hoftheater erfolgt. In unverhohlener Weise gibt Wagner darüber seinem Unmut Ausdruck. In einem seiner Abwehrbriefe an den König heißt es: „Können — oder wollen — Sie meiner Bitte keine Gewähr schenken, so werde ich, aufzuschließen, wiewohl sie im ganzen ein westlich-südliches Antlitz tragt und, bayrisch erst seit etwa himdertzwanzig Jahren, mit ihrer größeren geschichtlichen Gravitation nach Mainz hinüberweist. Die wohlerhaltene Verbundenheit der Stadt mit iich selbst von Haus zu Haus erhebt sich nicht leiten zu besonderer Kraft der Erscheinung: im alten Rathaus etwa, in Kirchen, am allexmeisten in der Stistskirche, die aus dem Scheitel der "ärgerlichen Siedelung angeietzt wurde, als das Abendland noch rom'n ich baute. Rundbogig ruht die Säulenhalle, die über der Freitreppe zum Sn gang leitet und den Weg der Andächtigen säst klösterlich beschirmt; roma ti'd) steht das Innere — nur eben leider mit einer Decke aus späterem, nicht ii hr gleich ernst, gleich groß gestimmtem, gleich verpflichtendem Jahrh infcert überwölbt; romanisch verharrt die eingezogene, der Welt entfremdete Frömmigkeit des angeschlossenen Kreuzgangs, der zu den allerschönsten in Deutschland zählt — zum wenigsten dank der vollkommenen Konzentration und Ruhe des örtlichen Geistes, den man nicht mit dem Namen „Stimmung", sondern mit dem Namen „Seele" recht bezeichnet. Die Kirche ist von Gotik und Renaissance zwar mit kräftigem Auftrieb überfangen worden, doch ist^es kaum zu verkennen, daß ihre romanischen Elemente ihre schönsten find. Allein man darf schließlich auch nicht vergessen, daß diese Kirche eines der leidenschastlichsten, der radikalsten, der großartigsten Bilder des Grünewald besitzt: die Predella mit bet Beweinung des Herrn. Es ist das Bild, in dessen grünewaldische Traurigkeit die beiden gefalteten Muttergotteshände herabgetaucht find wie in eine starrgewordene Flut des Schmerzes. Die Hände allein; denn von der Mutter- Gottes ist sonst nichts zu sehen. Es ist das Bild, das immer wieder unbegreiflich wird. Hat es je und je diesen Zuschnitt gehabt? Ist es später zu dieser Gestalt verkürzt worden? Man möchte selbst der alles wagenden Originalität des Genies die Absonderlichkeit dieser Komposition nicht zutrauen — und doch wird sie auch wieder für Sekunden vorstellbar; nicht davon zu sprechen, daß alles Beiwerk (etwa das Wappenwerk) in der Haltung zu dieser Komposition zu stimmen scheint. Mit einem scheidenden Blick auf den Stiftskirchenplatz, der von der Kirche selbst, den einigermaßen an den Erfurter Dom erinnernden Freitreppen und den Häusern umher auf eine ideale Weife besiedelt und besetzt ist, wird das letzte aber noch nicht einmal getan sein. In Aschaffenburg, am Rand der Altstadt, werden noch die stillen Anlagen eines Hofgartens gefunden, der Schöntal heißt. Draußen aber, vor der Stadt, besitzt Aschaffenburg, ob es auch selbst schon, als Ganzes, die Sommerresidenz der Mainzer Herren gewesen ist, noch ein eigenes, besonderes Nymphenburg oder Sanssouci, ein Monrepos, eine Solitude, ein Versailles ä part: es ist der Park von Schönbusch mit den darin reizend ausgestreuten Sommerschlößchen. Eine wohlgesetzte Allee aus Linden und Akazien führt den Fußgänger erquicklich hinaus. Ein englischer Garten nimmt ihn auf — ein Park von unsagbarem, von ganz besonderem Scharm. Es wäre nicht genug, zu sagen, daß er jenen doppelten Zauber englischer Gärten des achtzehnten Jahrhunderts besitze — jenen Reiz, in dem Natur und Kunst zusammenwirkend ein Drittes hervorbringen, das in seiner Ausgeglichenheit weder Kunst noch Natur ist und doch von beiden das Schönste besitzt, nämlich das Märchen. Es wäre nicht genug, zu sagen, daß man in diesem kleinen Park so entzückt umhergehe wie in dem köstlichsten aller vergleichbaren Gärten, dem von Schwetzingen. Vielmehr ist im Schönbusch etwas Einmaliges. Und dies Einmalige, sowohl bedeutend als auch intim, besitzt in der Tat eine besonders starke Magie. Es läßt sich vorstellen, daß Wieland und Schiller an dieser Stätte Dalbergs Gäste gern gewesen sind. Der Weg zum Bahnhof soll noch einmal durch den Garten des großen Schlosses führen. Man tritt ein — aber am anderen Ende ist der Ausgang gesperrt. Was tun? lieber das Gitter klettern? In diesem Augenblick kommt ein Aschaffenburger Bürger daher. Er erkennt die Verlegenheit. Er zieht einen Schlüssel aus der Hosentasche; et sperrt das Tor auf. Die Aschaffenburger Bürger haben alle einen Schlüssel zum Schloßgarten, und sie können den Garten betreten, wann sie mögen I Bedurfte es noch einer liebenswürdigen Einzelheit, um mich in allen Fasern zu einem Bewunderer und Freund dieser schönen Stadt zu machen, so war es dieser Schlüssel in der Tasche des Bürgers — dies Stückchen vertrauender menschlicher Ueberlieferung. । /.fit rie ■ »rtn i P wiede ! l*n be i;» ta «i spuren - ■; Mied I e«tr § iK' K "’!