SicheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang H95Z Montag, den HO. Mai Nummer 56 Der GteGlin ORomon von Theodor Kontane 29. Fortsetzung. „Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort gibt: »Der Deutsche luggt, wenn er hässlich wird'." „Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte." „En quoi vous reussissez ä merveille.“ „Aber meine Herren", warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei natürlich entzückte, „könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben? Pro- poniere: Begegnung auf halbem Wege; shaking Hands. Nehmen Sie zurück, hüben und drüben." „Nie", donnerte Cujacius. „Jamais‘‘, sagte Wrschowitz. Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tete, Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war vorsichtigerweise abgeschwenkt. Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, dem jungen Graubündner auseinanderzusehen, daß Eujacius ganz allgemein den Ruf eines Krakeelers habe. „Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un fou et plus que ga — un blagueur.“ Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte hörte: Kaschube, Wende, Böhmake. 35. Kapitel. Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Fromme! aufgebrochen, so daß sich, außer dem 'Brautvater nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser hatte sich — Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da — vom Eßsaal her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu seh» and einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen über den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte: „Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht erst zehneinhalb: wir haben also noch beinah anderthalb Stunden." Und dabei nahm er Dubslav Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzufllhren. „Erlauben Sie mir", fuhr er hier fort, „daß ich zunächst mein halb kingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl strecke: es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte, rücken Sie heran. Es ging während unseres kleinen Diners alles so rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kasfee ganz erheblich zu kurz gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen des modernen Menschen immer das wichtigste: da wird dann der Kaffeezeit Manches abgeknapst." Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel. „Jeserich, noch eine Tasse für Herrn Stechlin und natürlich einen Kognak oder Cuvagao ^oder lieber die ganze .Benediktinerabtei', — Witz ton Cujacius, für den Sie mich also nicht verantwortlich machen dürfen ... Seiber werde ich Ihnen bei diesem „zweiten Kaffee' nicht Gesellschaft leisten können; ich habe mich schon bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch nicht auffallen mit all seinen Gebresten." Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und j«ß, eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette. „Den Kognak", fuhr der alte Barby fort, „kann ich Ihnen empfehlen: noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen un- gkniert sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig »och mit dabei?" , „Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich lange heraus. Nur als Johanniter." ■ „Ganz wie ich selber." „Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig", fuhr Dubslav fort, «such rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir zeit- lebcns, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als. wünschenswert gefehlt hotte: Fühlung mit der großen Welt. Cs heißt immer, der Adel gehöre "lif feine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto besser sei es. 2as ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es nicht. Und so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie nennen ihn jetzt den .Großen' und stellen ihn neben Friedericus Rex. Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran. Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem Sinne den Aus- schlag, wenn auch zur .Größe' noch was anders gehört. Ja, der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem Punkte sind ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ‘für den Staat,. Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten, das ist eine Einbildung." „Ueberrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören." „Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch paffe. Nur bann und wann erfuhren wir, daß wir .Edelleute' feien und als solche mehr .Ehre' hätten. Aber damit war es auch getan. In feiner innersten Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles, was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt. Und 'wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch in unseren Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei — besonders auch rein praktisch- egoistisch — am besten stehn." Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr fort: Uebrigens, das muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick und Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden fei. Die Niederlassung-- und speziell die Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt, immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so' lange draußen waren, werden, ehe Sie hier dieses Visavis von unserer Jungfernheide wählten, nicht ohne Bedenken gewesen fein. In bezug aus die Landschaft gewiß und in bezug auf die Menschen vielleicht." „Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und vieles gefällt mir auch heute noch nicht. Ueberall ein zu langsames Tempo. Wir haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher. Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung Haden, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube, Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht." ,Lch glaub es nicht", sagte Dubslav. „Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit der Sache war?" „O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Ader es würde ihm zu schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert" „Woran?" „An feinen Freunden vielleicht, an feinen Feinden gewiß. Und das waren die Junker. Es heißt immer, das Junkertum fei keine Macht mehr die Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand, und die Dynastie züchte sie bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig, es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt feine Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich flickt), dies Junkertum — und ich bin inmitten aller Loyalität und Devotion doch stolz, dies sagen zu können — hat in dem Kamps dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei, die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als stiegen die seligen Ouitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das geschieht wenn unsre Leute sich auf das besinnen, woraus sie sich seit über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was erleben Cs heißt immer: .unmöglich'. Ah, bah, was ist unmöglich? Nichts ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest Berlin! Cs kommt eben alles mal an die Reihe: das darf nicht vergeßen werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen? Ader jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an, unsren er die Bayern." Sonnenuntergang. 36. Kapitel. Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf feinem Granfeer Bahnhof eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen Coups die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein. Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das Stern- geslimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern „Heiß Wasser is nid) mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne Kasseroll ausstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher. „Nein, nein, Engelke, nicht so viel Umstande. Das mag ich nicht. Und den Petroleumkocher, den erst recht nid); da kriegt man bloß Kopfweh und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es gut, UlS Engelke brachte^was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging I>UGrafd)li“f auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und taufte nur noch fo hin. So kam endlich der Morgen heran. Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich Dubslav mühsamlich von feinem Schlafzimmer bis an den Frühstes» tilch Aber es schmeckte ihm nicht. „Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht richtig/Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Spanholz mitbringt. Und wenn Spanholz nicht da ist — der arme Kerl kutschiert in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht —, dann fall er warten, bis er kommt." . , Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Spanholz war tmn« lich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er atz einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen. „Na, Martin, was macht denn der gnädige Herr? ,Zoa, Herr Doktor, ick möt doch feggen, he seiht en beten Der- ännert ut; em wihr schon nid) so recht letzten Sunndog, un doa muht he joa nu grab nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin mutz, denn is okk ümmer wat los. Ick weet mch, wat [e doa mit'n ollen Minschen moaken." Ja Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen. Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er fid) berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg. Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vor- fuhr Svonholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er — freilich das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte — wie ein Perser aussah. So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und sah in die Flamme. ,Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht ,etzt scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz oerdeubelte Krankheit." „Na, d i e wenigstens hab ich nicht." „Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, "0 Dubslav wies auf fein rechtes Bein und sagte: „Stark geschwollen. Und das andre fangt auch an." ,Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten? Dubslav zog fein Beinkleid heraus, den Strumpf herunter und sagte: „Da is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen Also was andres." ~ « Spanholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte bann: „Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät, wenig trinken, auch wenig Wasier. Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier." Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück Papier ab und schrieb ein Rezept. „Ihr Kutscher, das wird das beste sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren." Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Spanholz alsbald wieder in feinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: „Na, Herr Doktor?" „Nichts, nichts, Engelke!" m Martin mit feinem Jagd wagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen und fo ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stabt zurück, von wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte. (Fortsetzung folgt.) alles besten, was ihm der zurückliegende Tag gebracht hatte, belebte. Da sah er wieder die mit dem roten Teppich belegte Hatel-Marmortreppe mit dem Oberkellner in Gesandtschastsattachöhaltung, und im nächsten Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen zur Feier geladenen Konsiftorialrat gehalten hatte. Daneben aber stand die blasse, schöne Braut und die reizende bieg- und schmiegsame Melusine. „Ja, der alte Barby, wenn er auf die sieht, der hats gut der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das ist was. Ader ich! Hch für meinen Teil, gleichviel ob mit ober ohne Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gefetzt, — als Kind, weil ich faul war und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte. Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und Stutze hatte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die feltbem tarnen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste mar) imb meine Schwester Adelheid. Gott verzeih mir 5, aber em Trost war die nicht; immer bloß herbe roie’n Holzapfel." Unter solchen Betrachtungen fuhr er in bas Dorf em unb WU gleich danach vor der Tür feines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm und tat fein Bestes, ihn aus der toteren Wolfsfchur heraus- zuwickeln. Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei nut ben Fußen, warf seinen Staatshut — den er unterwegs, weil er ihn brutfte, wohl hundertmal verwünscht hatte — mit ersichtlicher Besrietagung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer: „Ach, das >s recht, Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Men fchen gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes Wasser ist? So’n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere Stein Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was werben I Ö”"unb Sie glauben", matf ber Graf hier, ein, „an dieser scharfen Oui'tzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?" Hm?es" ä^sich Unb roenn so, so wär es schließlich ein Glück, daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor b,e^3d)rZVmiflnwne\nnißoIbemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich' kann es nicht loben und mag’s nicht tabcln), oft über diese Sache gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente .;. 5Run 9 P inzwischen bas bessere Teil erwählt, unb wahrenb mir hier sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus Sonberbar, ich bin nicht allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an biesem märkischen ^st vorbeikam, halt ich bas Gefühl: .jetzt wirb es besser, jetzt tast bu frei. 3d]i tann sagen, ich liebe bie ganze Sanbbüchse ba herum, schon bloß aus biesem StUDeÖr' alte Gras lachte behaglich. „Unb Trebbin wirb sich von dieser Ihrer Schwärmerei nichts träumen lassen. Uebrigens Haden Sie recht. Jeher lebt zu Hause mehr ober weniger wie in einem Gefängnis unb will weg. Unb doch bin ich eigentlich gegen bas Reisen überhaupt unb speziell gegen bie Hochzeitsreiserei. Wenn ,ch so Personen m ein Eoupö nach Italien einsteigen sehe, kommt mir immer em Dankgestihl dieses höchste Glück auf Erben' nicht mehr mitmachen zu muffen. Es ist doch eigentlich eine Qual, unb bie Welt wirb auch wieder davon zuruckkommen; über kurz oder lang wird man nur noch reifen, rote man m den Krieg zieht oder in einen Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens willen. Unb wozu beim auch? Es hat feinen rechten I Zweck mehr. In alten Zeiten ging ber Prophet zum Berge, letzt vollzieht sich bas Wunder, und der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon lieht man in London und das Beste von Pergamum in Berlin, unb wäre man nicht fo nachsichtig mit ben lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, fo könnte man sich (am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags m Mykenä unb nachmittags in Olympia ergehn." „Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber hoch zugleich auch ein wenig betrübt, Sie fo bezidiert gegen alle Reiferei zu fmben. Ich stand nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, m meine alte Kate, bie meine guten Globfower unentwegt ein .Schloß nennen. „Ja, lieber Stechlin, Ihre .Kate', bas ist was anbres. Unb um Ihnen ganz bie Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht emgelaben hatten (eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits vor), fo hält ich mich bei Ihnen angemelbet. Das war schon lange mein Plan. In biesem Augenblick ging braußen bie Klingel. Es war Melusine. Bringe ben Vätern respektive Schwiegervätern aöetfdjonfte Gruße. Die Kinber sinb jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther- beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, unb in weniger■als jmet Stunden fahren sie in den Dresbner Bahnhof ein. O diese Glücklichen! Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurück. Vielleicht sogar nach mir." , Kein Zweifel", sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber suhr fort: „Ehe man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wirb weniger davon empfinben als anbere. Sie hat eben ben liebenswürdigsten unb besten Mann, unb ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich noch im Abschiebsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und das sind ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine Madonna fo extrem zu freuen, roenn man eine Braut ober gar eine junge Frau zur Seite hat, unb zweitens, weil bieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an Disposition unb Oekonomie bebeutet, ber mich für Wolbemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt boch am Ende nach der agrarischen Seite hin, unb richtige .Dispositionen' betauten in ber Landwirtschaft so gut wie alles." . Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht dazu kommen unb fuhr ihrerseits fort: „Jedenfalls — das ist nicht roegju« disputieren — fährt unser Waldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten; roenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Cafä Eavour eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine Berliner Zeitung, denn wir werden jetzt Weltstadt unb wachsen mit unserer Presse schon über Charlottenburg hinaus ... Uebrigens läßt, wie das junge Paar, so auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin, die grab Ihnen ganz befonbers gefallen würde. Glaubt eigentlich gar nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig unb ist boch richtig unb reizend zugleich. All die Süddeutschen sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die natürlichsten, sind Mai. Von Josef Weinheber. Die Schwalbe flitzt im Sonnenglast, der Brunnen rauscht dem jungen Gast, der Zeiger an der Sonnenuhr malt an die Kirchturmwand die Spur. So wächst das Jahr mit Lust und Mühn: Sankt Urban, laß die Reben blühnl Schon rührt sich neu der Wein im Faß, Die Quetsche tönt zum Kirmesbaß, sind erst vorbei die strengen Herrn Pankraz, Servaz, dann tanzt man gern, wo auf dem Platz der Maibaum steht, dem süßer Wind die Bänder dreht. Oer Dichter Herybert Menzel. Bon Hanns Arens. Tirfchttegel, Landschaft und Stadt an der Grenze der Kurmark gegen Osten. Stadt im Grenzland. Harte, fleißige Menschen leben hier, Menschen, denen stets bereiter Einsatz für ihr Deutschtum höchster und stolzester Sinn ihres Lebens ist. Hier ist die Heimat des jungen Dichters Herybert Menzel, den wir seit einer Reihe von Jahren zu den zielbewußtesten nationalsozialistischen Dichtern zählen. Hier ein paar Zeilen von ihm selber: „Geboren wurde ich 1906 zu Obornik, im jetzt entrissenen Osten. Ich wuchs auf in der kleinen Stadt Tirschtiegel. Mein Vater blättert in alten Akten und gräbt das Lebendige aus, er ist Heimatforscher. Während der Grenzkämpfe war ich ein Knabe noch. Tirschtiegels Männer kämpften verbissen. Vor die langen Gräberreihe führe ich die Jugend, die aus dem Reich zu uns kommt. Für Deutschlands Erwachen durfte ich als SA.-Mann kämpfen, der ich heute noch bin. Als Schriftsteller bin ich meiner Heimat Meldegänger. In meinen Sagen und Balladen fuche ich den Auftrag zu erfüllen, den sie mir gab." Es ist nicht allein der Dichter, dem wir in besonderem Maße unsere Anteilnahme schenken, sondern auch der Mensch Menzel, der gute Kamerad, als den wir, die öfter mit ihm Zusammentreffen, kennengelernt haben. Ja, er will uns als der vorbildliche Kamerad erscheinen, einer, der die Kameradschaft lebt, als Mensch, Dichter und SA.-Mann. So war es ihm auch ganz selbstverständlich, seinem neuen Versband den Titel „Gedichte der Kameradschaft" zu geben, genau so selbstverständlich, wie er ein früher erschienenes Gedichtbuch „Im Marschschritt der SA." nannte. Aus den „Gedichten der Kameradschaft" hier eine Probe: Wenn einer von uns müde wird, Der andre für ihn wacht. Wenn einer von uns zweifeln will. Der andre gläubig lacht. Wenn einer von uns fallen fallt, Der andre steht für zwei. Denn jedem Kämpfer gibt ein Gott Den Kameraden bei. In den Gedichten Menzels liegt die ganze Fülle und Zuversicht der deutschen Jugend beschlossen. Bei keinem anderen Dichter aus seinen Reihen spüren wir dies so klare und im höchsten Sinne Einfach der unbedingten Hingabe an eine Idee und Ausgabe. Ein tiefer Ernst beherrscht den Rhythmus aller seiner Gedichte. So wie ihm Eitelkeit der eigenen Person fernliegt, so selbstverständlich vermeidet er jede leere Phrase. Wer Menzel kennt oder ihn hat lesen hören, der weiß, wie einfach und ohne Pose sein Wesen ist. Und wie der Mensch, so sind seine Dichtungen. Wir schreiten ernst, wir schreiten still, Es weiß das Herz, wohin es will. Der Weg ist hart, der Weg ist weit. Wir schreiten in die Ewigkeit heißt es in seinem schönen Gedicht „Volk auf dem Wege". „Die Gedichte der Kameradschaft" sind in ihrer Art wohl mit die besten Verse, die von jungen Dichtern geschrieben wurden. Sie werden von aller Jugend, die Gedichten und Liedern zugeneigt ist, gelesen werden. Das Schöne und immer Beglückende an Menzels Gedichten ist, daß sie von jedermann verstanden werden. Alles, was der Dichter sagen will, versucht er auf die nun einfachste Weise auszudrücken. Er will verstanden werden, in jedem Satz, in jedem Wort. Diese Einfachheit ist zugleich höchste dichterische Konzentration. , . .... Außer mit seinen Gedichten wurde Menzel bekannt durch seine schonen drei großen Kantaten, die durch den Rundfunk vor allem weiten Kreisen zugänglich wurden. Es sind dies: „Das große Gelöbnis", „Die große Ernte" und „In unseren Fahnen lodert Gott". Sie zeugen von der Kraft und dem Glauben einer Jugend, deren leuchtende Vorbilder Horst Wessel und Schlageter sind. Wenn wir nur brennen! Dann sind wir schon den Ewigen gesellt. Alles Lebendige leuchtet, Und nur die Äsche zerfällt. Herybert Menzel ist nicht nur Lyriker; sein erstes kleines Prosabuch (in dem sich auch Gedichte und Balladen finden) heißt: „Der Grenzmark- Rappe", von dem jetzt eine zweite Auflage erscheint. Aus diesem kleinen Buch spricht die ganze schmerzhafte Liebe des Dichters zu ;emer viel- umstrittenen Heimat; in ihm offenbart sich zugleich die starke, landschaftlich betonte Seite seines Wesens. Eine große Liebe zu feiner grenzmärkischen Heimat ist in Menzel; ihr Schicksal ist das seine: „Unter dem östlichen Himmel in der weiten Landschaft der Grenzmark Posen-West- preußen ist viel Einsamkeit, nicht so nachbarlich wie anderswo rucken die Gehöfte zusammen, in den Hauländereien muß man schon ost weit aus» s)»ähen, um den Nachbarn zu finden. Hierher kamen die Vordern einst als Kolonisatoren, rodeten den Wald, schufen den Acker ums Haus aus Bruch und Moor, jeder für sich, so blieben sie", sagt der Dichter einmal in einer kleinen Heimatbetrachtung. Davon lesen wir im „Grenzmark-Rappen", davon handelt auch fein schon 1933 erschienener Roman „Umstrittene Erde", das erste große Prosabuch Menzels. Eine vergangene Literaturkritik hat diesen Roman totzuschweigen versucht, aber er drang dennoch durch, er fand hin zu den Menschen, weil die Stimme, ja der Schrei in diesem Buch zu mächtig war, zu sehr erregt von Not und Leid. Wer will es dem jungen Dichter ankreiden, daß er mit 25 Jahren noch nicht in allen Teilen die reine Form sand? Wer will die gelegentlichen Unbeholsenheiten der Sprache, der Handlungsführung bemängeln, angesichts der mutigen und leidenschaftlichen Haltung, die aus diesem guten und wesentlichen Buche spricht? Wir wollen uns freuen, solche Dichter unter uns zu wissen; wir wollen solche Bücher begrüßen, zumal es der unwesentlichen Unterhaltungsromane ohnedies zuviele gibt. Und Menzel ist kein „Unterhaltungsromanschriftsteller". Er kennt nur ein Ziel, ihn beherrscht nur ein Gedanke: leben und kämpfen für Idee und Gestalt des Nationalsozialismus. Er weiß als Dichter und Mensch um die Pflicht seines jungen Lebens, um die harten Forderungen des neuen Reiches, dessen glühender Diener er ist! Was morgen wird. Das können wir nicht wissen, Uns ist der Blick Fürs Große aufgetan. Wieviele auch ins Dunkel fallen müssen, Wir alle sahen Doch das Ziel der Bahn. Was morgen wird. Das wollen wir nicht fragen, Was unser Führer Von uns fordert, gilt. Er ist der Weg, der Sturm, Das große Wagen, In feinen Augen glänzt Uns Deutschlands Bild. Oas Gesicht meiner Heimat. Von Herybert Menzel. Wenn mich der Reiher erspäht aus dem Schilf eines Seenrandes, wenn ich allein ihm so nahe kam wie nie mit anderen Menschen, wenn unser Herz schlägt, meins wie das seine, hier in der Landschaft der Seen und stillen Wälder, oh, dann bitte ich ihn: bleib und vertraue mir, mir wie dir ist dies Heimat. Aber nun hebt er sich aus mit breitem Flügelschlag und fliegt dahin in silberner, schlanker Schönheit, ein Traum, den Inseln zu, auf denen er horstet. So ergeht es mir mit den Kranichen auch, die noch viel scheuer sind. Doch ich treffe sie immer wieder so. Bisweilen auch fliegen sie, viele silberne Pfeile, über die Wälder und ©een, die noch verborgen find. Unsere Landschaft — die Landschaft der Grenzmark Posen-West- preußen — ist scheu. In der Geschichte lebt sie so dunkel fast wie in der Sage. Die Chronisten beginnen erst. Und nun in jüngster Zeit erst häufig läßt sie uns Funde tun, in Urnen und Gräbern der Vorfahren, die uns wie Grüße sind von den Goten und anderen Germanenftämmen, die vor Jahrtausenden hier lebten. An einer der Netzebrücken steht ein steinerner Ordensritter auf Wacht. Und auch das Standbild Friedrichs des Großen ist mehr denn Stein. Wir aber, hart an der Grenze, haben es nahe zu den Gröbern derer, die unserer Heimat sich opferten, nach dem Weltkrieg noch, als hier der Grenzkampf entbrannte, der uns so vieles dann nahm. Don der Zeit sind wir noch heut überschattet. Und ein jeder verspürt es wohl, der zu uns kommt. Dies ist die Landschaft der Mütter, die ihre gefallenen Söhne in Nächten rufen hörten und während des Kampfes noch suchen gingen und zurücktrugen in die Stadt. Langsam gehen die Menschen durch ihren Tag, aber sie wissen von draußen und drüben jenseits der Grenze. Sie sind zumeist Bauern und Ackerbürger. Sie tragen ihr Grenzerschicksal, ihre Heimat ist mehr für sie als nur Erde, die bebaut sein will, und sehen sie Wolken und Sturm aufsteigen und näher grollen, so ist das Erinnern in ihnen daran, wie oft sie hier standen und ein ander Wetter düster heranzog für eine ganze Welt. Sie tun ihre Pflicht, aber sie fühlen sich zu mehr verpflichtet, sie erfüllen ihr Leben, aber es gehen mit ihnen die Vorderen, und es verlangen alles von ihnen, die nach ihnen kommen. Sie sind arm, die hier wohnen, aber sie sind nicht bedürftig. Sie sind wach, aber sie sind auch von einer offenen Herzlichkeit. Gern sehen sie Gäste, und dann sind sie schon fröhlich mit ihnen und humorig. Sie erfuhren von dem Farbenspiel des Himmels und den vorüberziehenden Wolkengebilden Tieferes und Gültigeres als die in den großen Städten von allem bunten Getriebe. Weist wissen sie auch vom eigentlichen Leben mehr, denn sie sahen länger und klarer in alte und junge Herzen. Einer, der Weiden schneidet und bindet und Körbe flicht, hat auch mehr Zeit, alles recht zu besinnen. Sie machen sich nicht kleiner als sie sind vor den Fremden; darum, glaube ich, ist es gut, mit ihnen zusammenzukommen. Die Landschaft ist nirgends trostlos, wie man vielleicht denkt, auf den weiten Feldern stehen noch immer Büsche und Bäume mit sehr eigenen Gesichtern, und am Horizont dunkelt immer der Wald, die Landstraßen sind noch selten erst Chausseen; wenn in den Sandwegen, wo die Kraftwagen steckenbleiben, so offenbart sich in dem lächelnden Gesicht des Bauern, der dazu kommt, die ganze Verschmitztheit der Landschaft, die sich noch immer nicht ganz erobern liefe; sie mufe auch erst eigentlich noch entdeckt werden in ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit. Noch die größeren Städte sind dörflich beschaulich, und die Bauten, die aufmerken lassen, findet man nicht so sehr in ihnen wie in versteckteren Dörfern, deren dunkle Holzkirchen vornehmlich sagen dir etwas von der hier eigenen Schau. Dies Land erlebt der Jäger wohl am besten, der die Rebhühner und Fasanen aufspürt, den das Rotwild lockt und die Ente. Der mutz nun durch endlose Weidenkulturen, über Brüche hinweg mit den Birken und hohen Wacholdern, um Moore dann; die Heide trifft er hier und dichte Wälder, weite Wiesen wieder und Fließe und Gräben und umschilften Fluß, auf lange schmale Halbinseln verirrt er sich, und dann tun sich weit die Seen vor ihm aus, er fährt mit dem Kahn durch das Schilf, und am Abend im Dorfkrug, wenn er die Sagen und Spukgeschichten hört und auch bei politischen Gesprächen mittut, die bei der nahen Grenze und dem Zöllner am Tisch nun doch ein wenig bemerkenswerter sind, dann fühlt er sich aus einmal selbst wie hier zugehörig, und dann ahnt er auch, warum es die Grenzmärker so wenig hinauslockt: sie haben hier alles, die Frauen, die Männer, was ein Leben erfüllt und was es zur Sage macht. Wir lieben unsere Heimat und geben sie nicht leicht preis, um eines besseren Lebens oder Verdienstes willen. Es zieht auch noch jeden zurück. Denn wir alle sind noch Bauern, denn wir sind alle noch Fischer, und wir sind alle noch Jäger. Und könnten wir das alles auch noch woanders sein, eins bleibt uns hier vorbehalten: auf Grenzwacht stehen und Kolonisator fein. Der Fremde spricht uns oft von der Melancholie der Landschaft. Sie aber bedrückt uns nicht. Sie fängt uns wohl ein, und sie zieht uns nach in die Fremde, sie läßt uns nickst los, sie summt uns ihr Lied, bis wir wiederkehren, aber sie bedrückt uns nicht. Wie ist nun das Lied dieser Landschaft? Anders als das am Rhein, anders als das in den Bergen oder am Ufer der See. Es kommt aus den Wäldern her, wie ein großes Rauschen ober wie der Ruf eines Wasservogels am Abend oder wie die Musik eines Karussells hinter dem Kiefernwald im nächsten Dorf. Wir lieben die Fahrt mit Pferden, zu Wagen und Schlitten, wir lieben das Schilfgrün im Frühling ebenso wie die Nebelmorgen und die weite Bräune der abgeernteten Felder mit den Kartoffel- und Rübenmieten und den hohen Getreideschobern. Unsere Landschaft gibt viel. Im März schon ernten wir. Da schneiden wir die rötlich-braunen, die grünen Weidenruten, bald mähn wir die Wiesen, während das Korn uns schon wächst, und ist auch das eingefahren, währt es so lange nicht, und wir laufen Furche um Furche ab hinter den sich drehenden Gabeln der Kartoffelmaschine, um auch hier einzuernten, dann kommt der Winter früh, und wo wir sonst nicht hinkamen, auf dem Moor ist nun Eis, und das Rohr wird geschnitten. In den Wäldern schlägt man das Holz. Wenn mit ihren Wagen die Bauern zu Markt fahren in unsere kleine Stadt, an jedem Freitag, dann wissen wir alle: dies gehört uns wie ihnen, und obwohl ich kein Bauer bin und keiner der Gutsbesitzer, ich bange um die Ernte so wie sie, und wenn da der eine auf dem Platz in den Kasten greift und an den Hinterbeinen eines der quietschenden Ferkel sto.lz in die Höhe zieht, ich freue mich mit ihm über all das rosane Leben aus feinen Ställen wie die Karpfen und Schleien, Aale und Hechte im Zuber des Fischwagens: dies alles ist Grenzmark, dies alles ernäht uns wie die mit Körben und Weidenfesfeln hochbepackten Leiterwagen, die zu gleicher Zeit und täglich aus der Stadt hinausfahren in alle Welt. Dies ist unser Brot, dem gilt unsere Arbeit. Wald und See und Bruch Und Schilf und schwebender Reiher, o Heimat in vielfältiger Schöne, dich lieben wir. Im Blick des Bauern, im Blick des Fischers, im Blick des Ackerbürgers noch und des Beamten steht dein Schicksal als bas eigene große. Wieviel noch mehr baoon zu sagen wäre, bu gebietest zu schweigen. Wer sehen will, ber komme Wer von bir mehr aussagen will, ber tue es wie bu, in ber Sage allein; bie Wölber rauschen, bie Seen lächeln besonnt, unb ber Reiher entschwebt unb fährt nleber anberswo im Schilf. Oer Mond im Leben der Völker. Von Heinz Heil. Der in ber Nacht wanbelnbe, bas Verborgene sehende, in seiner Erscheinung unberechenbare, veränderliche Mond hat zu allen Zeiten unb bei allen Völkern in Religion, Mythologie, Sage unb Märchen eine außerordentlich große Rolle gespielt. Er beherrschte das Feuchte, — Regen und Blut beim Menschen —, Fruchtbarkeit unb Wachstum, war Herr über Geister unb bie Toten, über bie Träume unb galt vielfach als Zeitmesser. Roch heute feiern wir Ostern am ersten Sonntag nach dem Vollmonde, der auf die Frühlingstag- unb Nachtgleiche fällt. Wenn uns heutigen Menschen, wie man es kürzlich beobachten konnte, ein tiefer Einbruch verllleibt, wenn z. B. ein Riesenhof um ben Monb sich lagert unb sich um ben Manb plötzlich kreismäßig ein intensiv strahlenber Kranz in ben Regenbogenfarben legt, um ebenso plötzlich zu verschwinben, um wieviel mehr müssen die alten unb ältesten Völker in ihrer Vorstellungskraft von all ben anbern, uns heute geläufigen Monberfcheinungen beherrscht gewesen sein: Stellen wir uns doch solgenbes vor: Sein ber Sonne entgegengesetzter Lauf, feine Phasen, sein Verschwinben unb fein Wieberaustauchen, in ewigem Wechsel, seine Verfinsterung burch ben Schatten ber Erbe, — wie mir es heute wissen. Eine köstliche Sage erzählt, wie ber Manb, van feinen Feinben verfolgt, immer weiter nach Osten wanbert, bem Antlitz ber Sonne zu, um schließlich, am Ostmeere angelangt,' zu verbrennen (b. h. in ben Strahlen ber aufgehenben Sonne unterzugehen), wobei seine Asche zu Schmuckvögeln (Morgenröte?) unb fein Herz zum Morgenstern wirb. — Bei ben Verfinsterungen werben auch bie Alten beobachtet haben, baß ber Monb bei seiner totalen Verfinsterung sehr selten völlig unsichtbar wird; meist erscheint er in einem kupferroten Lichte. Auf Grund der Tatsache, baß der Mond aber die Sanne total verfinstern kann, wurde dem Mond sogar vielfach Uederlegenheit über die Sonne zugesprochen. Das bem Mond zugeschriebene Geschlecht ist im allgemeinen insbesondere bei den am Meere wohnenden Völkern der Erde weiblich, bei den Festlandsbewohnern männlich. Auf bie Ausnahmen einzugehen, würde zu weit führen. Teils ist er der Bruder der Sonne, teils seine Schwester, manchmal Gatte oder Gattin, Geliebter ober Geliebte. Im Zusammenhang bamit sei eine patagonische Sage erwähnt, bie bie Monbflecken zu erklären versucht: Sonne unb Monb sind der Sage nach feindliche Ehegatten, die sich bauernd verfolgen, seitdem die als Sonnengott gedachte Sonne bem weiblich gedachten Monde einmal eine Ohrfeige gegeben hat. Daher bie Mondflecken! Teils erblickt man in den Priesterfürsten eine Inkarnation des Mondgottes, teils steigen im Wandel der Kulturgeschichte Im heroischen Zeitalter Menschen als Mondgötter zum Himmel auf. Es sind aber nicht nur Götter und Göttinnen, sondern oft nur einfache Menschen. Aus dem „Manne Mond" wird oft auch eine Frau ober ein Mann im Monb. Eine weit verbreitete Ursprungssage u. a. auch in ber Prosa-Ebba, erklärt bie Monbflecken als einen ober zwei Menschen, bie in ben Monb versetzt würben. Die christliche ßegenbe hat einen während des Gottesdienstes Holz stehlenden Mann in den Monb entrückt unb ihm ein Reisigbünbel aufgebürbet. Da, wo ber Mond als Weib gilt, wirb im Monbe vielfach eine Spinnerin ober eine Weberin angenommen, so bei ben Algonkin-Jn- bianern, ben Mexikanern, ben Jnbern, in Jnbonesien. Aegyptens Göttin Reith, bie Göttin von Sais, bereu Schleier kein Sterblicher lüftete, wird mit bem Weberschiffchen bargestellt. Kleinasien unb Griechenland haben auch roebenbe Monbgöttinnen. Weitgehenbe Kulturmischungen, wie sie sich im Laufe ber Iahrtausenbe vollzogen haben, lassen aber auch in ßänbern, wo ber Mond männlich ist, Spinnerinnen in ben Mond versetzt sein. Im alten Germanien gibt es bie Berta, Bertraba ober Berchta, bie Spinnerin, bie in ben Monb entrückt wirb. Märkische Sagen versetzen eine Frau in ben Monb, weil sie zur unrechten Zeit spann, italienische unb beutsche Märchen lassen ben Monb Spinnräber verschenken. Neben Männern unb Frauen im Monbe findet sich aber auch der Hase, oder ein Kaninchen und andere Tiere im Monde. Vielleicht deswegen, um dem Gott der Fruchtbarkeit das für den Menschen als irdisches Sinnbild der Fruchtbarkeit geltende Tier, wie Hase oder Kaninchen, beizugeben? In einer von diesen der Mondkultur eigenen Hasenfabeln entdecken wir eine dritte Deutung für bie Entstehung ber Monbflecken. Ein Infekt war vom Monbgotte mit einer Botschaft beauftragt worben, sand aber auf feinem Wege zur Erde ben Tob. Der Hase wurde als Ersatz geschickt, richtete aber diese Botschaft falsch aus. Hierfür nahm der Mondgott den Hasen bei den ßöffetn, und schlug ihm mit der Axt die Hasenscharte. Der Hase war aber nicht faul. Mit feinen Pfoten zerkratzte der sich heftig wehrende Hase dem Mond das Gesicht derartig, daß heute noch die Flecken sichtbar sind. In einer andern Sage nimmt der gute Mond, als er mit seiner Sichel tief am Himmel stand und dem Zweige eines Brotbaumes glich, zur Zeit einer Hungersnot eine Frau mit ihrem Kinde zu sich auf, als sie ihn um einige der fleischigen, dicken Früchte hat. Viele Vorstellungen der alten unb ältesten Völker über ben Einfluß des Monbes auf die uns umgebenbe Natur, bas Wetter, bas Meer, ja, auf ben Menschen selbst, ragen noch tief in unsere eigene Gedankenwelt hinein. Manches davon mag Aberglaube sein. Viele Vorstellungen hat jedoch die neuzeitliche Wissenschaft bei ihren Untersuchungen über bie große Bebeutung rhythmischer Perioben in ben Vorgängen unseres menschlichen Seins unb in benen ber großen Welt, des Makrokosmus, als richtig bestätigt. So hat man z. B. feftgefteUt, daß bas vom Monbe reflektierte Sonnenlicht bei der Reflexion vom Monde „polarisiert" wird. Dieses polarisierte ßicht, dessen Schwingungen im Gegensatz zu dem ßichte der Sonne, in einer Ebene vor sich gehen, steigert den Zerfall von Stärke, wodurch das Wachstum gefördert wird. Und das, obwohl der Mond rund 400 000 Kilometer von uns entfernt ist und obwohl fein ßicht 600 OOOfach schwächer ist als das Sonnenlicht! lieber der Erde heranreifende Pflanzen werden demnach mit vollem Recht zur Zeit des Vollmondes gesät bzw. gepflanzt, reife Früchte ebenfalls mit Recht bei abnehmendem Monde geerntet. Die Wissenschaft hat fest- gestellt an Hand ihrer Statistiken, daß die Zahl der Naturkatastrophen zur Zeit des Neumondes, wenn, von der Erde aus gesehen, der Mond (unsichtbar) zwischen Erde und Sonne steht, bedeutend größer ist, als zur Zeit des Vollmondes, eine den Alten fängst bekannte Tatsache, wissenschaftlich untermauert! Die „Erduhr" geht, laut Alwin Dres- ler, feit 1925 um 45 Sekunden nach, sie geht langsamer. Die Ursache dieser Rotationsschwankung mag wohl auf die Anziehungskraft von Sonne und Mond in Verbindung mit den kleinen erdnahen Planeten zu suchen fein, ßiegen hierin vielleicht die abnormen Witterungsschwan- tungen begründet? Auch beim Menschen sollen, wie bei einer Reihe von Tieren (Pa- lolowurm, einigen anderen Weichtieren) nach dem schwedischen Forscher Snante Ärrhenius die Perioden eine Rolle spielen bei oer Geburtenzahl unb der Empfängnis. So sind wir Menschen in eine Welt hinein verflochten, bie „nach ewigen ehernen Gesehen ihres Daseins Kreise vollenbet"; wir ringen unb streben, um unser ßeben barnach einzurichten, um ben Weg aus bem Dunkeln ins Helle zu finben. Verantwortlich. Dr. Hans Tbhriol. — Druck und Verlag: Drützl'sche Universitäts.Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.