Jahrgang 1937 Montag, den 9. August Nummer 6( zur Geltung zu Begrüßung, und Calle del Coso schreienden und bei Ich die An Stelle meines Freundes nahm Saniago Sas die den Dank des Oberkommandanten entgegen. und gestoßen, ein Dutzend Soldaten vom Regiment Ferdinand der Siebente folgte rasselnd und klirrend. - . ei,n armseliger, schlotternder Mensch, der als Angeklagter vor seine Richter hingedrängt wurde. Die Knochen standen ihm aus dem Leib der Schädel war von pergamentfarbener Haut überzogen, und die Haare schienen ihm ausgefallen zu sein, sie standen nur in einzelnen Büscheln zwischen den grindigen Krusten, mit denen sein Kopf bedeckt war Schon letzt mehr tot als lebendig machte er den Eindruck eines Schwerkranken Em baumlanger bärenstarker Riese von Mensch hatte ihn beim Kragen gepackt, und es war wohl dieser Griff, der ihn ausrechthielt und vor dem Zusammenbrechen bewahrte. „Enrique Aarza", begann der alte Dominikanermönch mit einer bunnen, zitternden Greisenstimme: „Du bist angeklagt, ein Feind des Vaterlanbes zu fein, ein Verräter Spaniens. Du hast zu mehreren Personen geäußert, daß es unnütze Grausamkeit sei, so viele Menschen hinzu- opfern, du hast dich darüber beklagt, daß die Lebensmittel knapp zu werden daß die Krankheiten um sich zu greifen beginnen. Du hast schließlich versucht, aus die Stadt, die du verteidigen sollst, zu entweichen Du hattest gewarnt sein können durch das Schicksal jener, die schon vor - r, a:[s_5einbe des Vaterlandes verurteilt werden mußten. Du hast ver- IW' Furcht und Zweifel auszustreuen in die Herzen dieses tapferen Volkes. Rechtfertige dich, Enrique Parzal" Der Angeklagte antwortete so leise, daß ich nicht vernehmen konnte, was er sagte. Aber das Volk hörte es und brüllte vor Empörung auf. Roch einige Male ging Frage und Antwort hin und wider. «> Arhör war nur kurz, Zeugen wurden nicht vernommen, das ganze Volk legte Zeugnis gegen den Angeklagten ab. Die geistlichen Richter neigten ihre Kopfe zu kurzer Beratung zusammen, dann stand der greife Vorsitzende auf und faltete die Hände über der Brust „Enrique Uarza", sagte er, „das geistliche Gericht, berufen durch den Willen unseres rechtmäßigen Königs Ferdinand des Siebenten und des Volkes von Zaragossa hat dich als Feind des Vaterlandes schuldig befunden des Todes. Wir übergeben dich der weltlichen Gerechtigkeit." Ungeheuerliches Johlen des Volkes spendete Beifall und erstickte einen einzelnen gellenden Schrei unweit von mir. Ich sah vom Rücken meines Pferdes, daß eme Frau zusammengebrochen war. Während um sie ein kurzes Wühlen in der gedrängten Masse entstand, erhoben sich die Mönche und der Zug schwarzweißer Kutten verließ langsam das Gerüst. Schnell war Dio Jorge vor den Verurteilten getreten und brach das weiße Stäbchen über seinem Haupte. Da geschah etwas Unerwartetes Der schwächliche, schlotternde Mensch dort oben riß sich aus dem Griff des Riesen, sprang an den Rand der Bühne und schrie in Wut und Angst und Verzweiflung: „Meine Kinder ... Hunger ... ich habe .. " Er kam nicht weiter. Blitzschnell hatte ihm der baumlange Kerl einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn zu Boden gestoßen. Während zwei andere die um sich schlagenden Arme festhielten, warf der Henker einen Strick um den Hals des Verurteilten, fetzte den Fuß in feinen Racken und Zog die Schlinge zu, daß ihm die Muskeln an den Armen anschwollen Das Zappeln verzückte bald unter Tritt und würgendem Zug Das war mein Wiedersehen mit Zaragossa, der Stadt meiner Jugend.— Wir erhielten Befehl, in Rotten abzutreten und uns in unsere Quartiere kühren zu lassen. Ich erklärte dem Offizier, der die Zettel austeilte, daß ich eines Quartiers nicht bedürfe, sondern selbst Unterkommen zu finden hoffe. Die Woge der Menschen, die von der Plaza de la Seo wegströmte, nahm mich mit sich fort, und eben als ich gegen sie anzukämpfen begann um in meine Richtung abzubiegen, gewahrte ich die Pastrana, die auf den Stufen eines Hauses nach irgend etwas Ausschau zu halten schien Ich schlug mich zu ihr durch. „Wo ist Graf Fuentes?" rief ich ihr durch den Lärm der Menge zu. Sie zwinkerte und nickte: „Ich habe Sie gesucht, Exzellenz«, um Ihnen zu sagen, daß Ihr Freund gut aufgehoben ist. Er kann gar nicht besser aufgehoben fein." „Wo ist er?" »Er ist im Kloster Santa Engracia. Dort ist ein Lazarett eingerichtet worden. Es gibt dort Aerzte, Verbandzeug und fromme Schwestern für die Pflege der Kranken. Seien Sie außer Sorge." Ich murmelte etwas von Dank,- selbst der Dienst, den die Pastrana meinem Freunde geleistet hatte, vermochte nichts über den Abscheu, der mir die alte Hexe so widerlich machte. „Und Sie, Exzellenza", rief sie mir nach. „Sie werden wohl bei Goicoechea Wohnung suchen?" Ja, Zaragossa war die Stadt meiner Jugend. Das Dorf Fuenietodes, wo ich geboren bin, liegt in der Nähe, Zaragossa war den Bauern meiner Heimat die große Stadt, die Stadt. Hier war ich Schüler des prächtigen Luzon y Martinez gewesen, hier war der Schauplatz meiner Jugendstreiche mit Miguel; ich hatte gehofft, mit ihm durch die Straßen zu gehen und jede Heiterkeit und jeden Unfug jener Jahre noch einmal auszukosten. Wir ließen in dem übel zugerichteten Kloster eine Besatzung zurück und ordneten uns zum Einzug. Von der Porta del Duque an empfing uns eine dichte, jubelnde Menschenmenge. Wir marschierten zwischen zwei Mauern von Menschen, die sich gebärdeten, als hätten wir den Sieg bereits entschieden. Sie jubelten uns zu und schütteten von Fenstern und Dächern Blumen über uns aus. Aus der Plaza de San Miguel hielt Palafox, der jugendliche Held Zaragossas, zu Pferd, neben ihm saß ein vierschrötiger Bauer auf einem Grauschimmel, das war Jorge Jbort, den das Volk Tio Jorge nannte, den Onkel Jorge. Natürlich fehlten auch drei oder vier Mönche nicht, die bescheiden zu Fuß babeiftanben, aber barauf bebacht waren, ihre Anwesenheit beim Volk bebeutfam ~ ' bringen. GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 16. Fortsetzung. Es gab ein hartes Ringen, ehe ber Feinb von uns abließ, erst Tagesanbruch war ber britte Sturm abgeschlagen. Als ich roieber in bas Refektorium zurückkam, war Miguel fort, erfuhr, bah ihn bie Pastrana mit Hilfe einiger Leichiverwunbeter in Stabt gebracht hatte. ♦ Auf ber Plaza be la Seo machten wir Halt. Zuerst glaubte ich, bas Menschengewimmel fei fo arg, baß wir eingekeilt wären unb nicht weiter könnten, aber bann kam ber Befehl, aufzuschließen unb ben Platz im Viereck zu umstellen. Als mir in Reih unb Glieb baftanben, sah ich,' baß inmitten bes Platzes ein großes Holzgerüst aufgeschlagen war. Stufen führten hinaus, an einem langen Tisch, ber sich oben befanb, saßen zwölf Dominikanermönche mit ber ernsten unb strengen Miene von Richtern. Die ganze Veranstaltung hatte bas Ansehen eines Tribunals, vor bem eine öffentliche Veranstaltung ftattfinben sollte, unb ich würbe halb inne, daß ich mich nicht getäuscht hatte. Quälenb überkam mich bie Erinnerung, baß ich schon einmal vor iurzem ein solches Viereck vor mir gesehen hatte, einen solchen Tanzplatz des Tobes, eingehegt von einem Zaun ftarrenber Waffen. Sobalb mir unsere Reihen geschlossen hatten unb in ber Menge, bie sich hinter uns bicht zusammenballte, Ruhe eingetreten war, bestieg Balafox bie Tribüne, gefolgt von Tio Jorge unb feinen geistlichen Unter« „Mitbürger!" begann er mit lautschallenber Stimme, „ßanbsleute, apfere Berteibiger von Zaragossa unb ihr, helbenmütige Kämpfer für bas Snterlanb, bie ihr neben bie Feinbe niebergeroorfen habt, um zu uns zu ommen! Wir haben alle geschworen angesichts Gottes, ber Jungfrau von >er Säule unb aller Heiligen bes Himmels, baß wir biefe Stobt bis zum ; etzten Blutstropfen unb bis zur letzten Mauer bes letzten Hauses ver- obigen werben. Wir wollen alles ertragen, Beschießung, Stürme, Wunben mb Tob, Branb, Krankheit unb Hungersnot, unb wir werben bem Feinbe ßiberftanb leisten, beim unsere Jungfrau von ber Säule hat uns Rettung verheißen. Aber wir haben auch geschworen, baß als Feinb bes Vater- wnbes gilt, wer sich weigert, bie Waffen zu ergreifen, wer sich aus ber Stabt zu flüchten versucht, wer bie von ber Jungfrau verheißene Rettung bezweifelt, wer auch nur von Uebergabe rebet. Wer bas tut, ist ein Feinb bes Vaterlanbes, unb sei er unser Freunb, Vater, Sohn ober Bruber, Kutter ober Schwester, Mann ober Weib, Greis ober Kinb. Unb mir haben ein Gericht eingesetzt, biefe zwölf frommen unb ehrwürbigen Väter, darüber zu richten, wer als Feinb bes Vaterlanbes ben Tob verbient." Palafox wandte sich zu den Mönchen, die um den Tisch saßen. „Ehr- ttiirbige Väter, bas Volk von Zaragossa bittet burch mich um euer Urteil uäer einen Vaterkanbsverräter, wie es sich gebührt, öffentlich als Beispiel nab Warnung." Der uralte Mönch, ber ben Vorsitz bes Gerichtes zu führen schien, hob Me bürre, gelbe Hanb, anzusehen wie bie Hanb bes Tobes selbst. Ein ■Wann mürbe von brei ober vier anbern die Treppenstufen hinaufgeschoben Dann setzten wir unseren Einmarsch fort; bie breite entlang, bann bie Calle be Don Jaime, immer zwischen jauchzenben Menschenmassen. Ich verstanb, wir sollten —t ben Belagerten gezeigt werben, wir hatten uns burch ben Feinb burchgeschlagen, unser Anblick sollte bem Volk unb ben Verteibigern Mut machen. Siefjenerifamilieiiblättcr Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Wäre ich meinem ersten Antrieb gefolgt, so hatte vielleicht das Unheil das bereits über uns allen hing, abgewendet werden können Ich hatte , ihn aus dem Kloster Santa Engracia entfernt, ehe er lener^Sesessenhett verfiel, die uns das Verderben bringen sollte. Aber ich glaubte, Zeit zu haben, es war mir nicht befchieden, sie zu finden, und so sollte sich denn wieder an uns selbst Miguels Weisheit bewähren, daß die Zeit unser Schicksal ist. . Die Familie Goicoechea war mir eng befreundet meinen Jugendtagen in Zaragossa. Zu dem Bund zwischen mir und Miguel hatte ich damals als Dritter Zapater gesellt, durch ihn war als Vierter Martino Goicoechea hinzugekommen. Wir hatten I°ne verwegene Bande geb det die auf Abenteuer ausging und anderen ähnlichen Rotten nächtliche Straßenschlachten lieferte, von denen eine [o blutig ausging. Damals war ich auch in die Familie Goicoechea emgefuhrt worden, und sie war später in ein noch näheres Verhältnis zu mir getreten indem mein Sohn Francesco Javier eine der Töchter meines alten Freundes zur b^°Das°Haus, in dem ich Wohnung suchte, lag nahe dem Ufer des Ebro. Auf der Umfassungsmauer des Gartens sah ein Türmchen, von dem man den Fluh und die jenseits gelegene Dorstadt Arrabel überblickte und die Batterien sehen konnte, die der Feind drüben gegen dieStadt auf- gesührt hatte. Ich versorgte zunächst mein Pferd. Im Hof trieb sich ein halbes Dutzend von fremden Dienern herum, denen ich es übergab und deren Einwendungen, daß im Stalle kein Raum mehr sei, ich erst ent- frÖ 2Us ich" das Haus betrat, merkte ich sogleich, daß es ebenso überfüllt war wie der Stall. Es wimmelte von Menschen, die ganze weitlausige Verwandtschaft der Goicoecheas, die in der Umgebung Zaragosfas ansässig war, hatte sich vor den Franzosen in die Stadt gefluchtet und hier zusammengedrängt. Ich konnte gerade zur Rot noch em Unterkommen fintiert, aber es war keine Rede davon, für noch einen Menschen, und I gar einen Verwundeten, Platz zu schassen. . Im übrigen war die Aufnahme, die mir bereitet wurde, keineswegs besonders freundlich. Meine Schwiegertochter war noch vor Beginn der Belagerung nach Zaragossa gekommen um die Zeit, bie mein Sohn geschäftehalber in Cadiz weilte, bei ihrer Familie zuzubnngen S e gehörte, wie Francesco felbst, zur Partei Bayeus, und o hatte sie die ganze Mißstimmung gegen mich hieher verpflanzt und alle bamit ange- ftetft Mein alter Freund Martino war, obwohl im gleichen After rote ich ein müder Greis geworden und sah mit glanzlosen Augen und schiafsen Gliedern in einem Lehnstuhl am Fenster. Die Herrschaft im Haus hatten die Frauen an sich gerissen, und sie waren alle darin einig, daß ich ein schlechter Gatte und verworfener Mensch sei Etwa zehn oder zwölf Weiber jeden Afters saßen an einem langen Tftch und hatten Körbe mit Patronenhülsen vor sich stehen, die sie mit Vnlver füllten. Die dazugehörigen Männer trugen die Kugeln herbei, die sie draußen in der Küche gegossen hatten und paßten sie den Hülsen auf. Das lebhafte Geplauder, in dem sie miteinander bei meinem Eintritt begriffen gewesen waren, verstummte, als sie meiner ansichtig wurden, und wie auf Verabredung taten alle miteinander nach notdürftiger Begrüßung und einigen knappen Fragen nach dem Aniah meiner Anwesenheit in Zara- gossa und dem Wunsch, der mich in dieses Haus geführt hatte, als wäre ich nicht vorhanden. Gewiß hätten die Männer nicht ungern mehr erfahren und sich mir freundschaftlich genähert, aber die strengen Blicke ihrer Weibsleute befahlen ihnen, sich zurückzuhatten und mir ihre Nichtachtung zu bezeigen. , „ ... Ich mußte für mich selbst sorgen und fand, nachdem ich das ganze Haus durchttöbert hatte, in einer abgelegenen, dunkeln Kammer wo offenbar schon zwei andere schliefen, noch einen Platz auf vem Fußboden Mit Hilfe meines Mantelfackes richtete ich mich so wohnlich ein, als es gehen wollte, holte mir mit dem Recht des Krieges aus der wohl- bestellten Speisekammer einen geräucherten Schinken, einige ®urfte unö Brot und hielt zunächst eine reichliche Mahlzeit. Die Leute, die vom Land hereingekommen waren, hatten große Vorräte an Lebensrnitteln mit= gebracht, und so war der allgemeine Mangel in diesem Haus noch nicht fühlbar geworden. Unter den obwaltenden Umständen in dem ungastlichen Quartier länger zu verweilen als bis ich gesättigt war, hielt ich nicht für nötig Aber eben im Begriff, das Haus zu verlassen, um nach dem Kloster Santa Engracia zu gehen, horte ich aufgeregtes tohrn- menqetDirr unb freubige Nufe aus bem Zimmer, wo alle beim Patronen- machen beisammen waren. . Neugierig trat ich ein und sah, daß es Saniago Sas war, dem die frohe Erregung galt. , v , Die Art, wie der Mönch begrüßt wurde, zeigte mir, daß man ihm eine schwärmerische Verehrung entgegenbrachte Er war hier geistlicher Berater Freund des Hauses und Freiheitsheld in einem Er wurde umdrängt, gefeiert und bewirtet. Leutselig und aufgeräumt ging er um den Tisch unb lobte die fleißiaen Arbeiterinnen, klopfte die Rücken der Weiber und ließ sich die Kugeln zeigen, die von den Männern gegoßen Nun lag Fuentes mit durchschossenem Bem im Lazarett, und das heitere Zaragossa war von zum Aeußersten entschlossenen Menschen erfüllt, seine Häuser waren von den Geschossen der Franzosen arg mitgenommen, Schutt lag in seinen Straßen, es war von einem Wall von Feuer umgeben und von einem Feind bedroht, der hier innen Hunger und Krankheit zum Bundesgenossen hatte, und der niemand verschonen wurde, wenn er die Stadt in die Gewalt bekam. „. , Das Haus der Familie Goicoechea stand nahe der Kirche Nuestra Sennora del Pilar, durch die ganze Breite der Stadt vom Kloster San Engracia getrennt. Am liebsten wäre ich gleich zu Miguel gelaufen, aber bie9Entfernung war zu groß, und so sehr ich darauf branntc, sogleich nach meinem Freunde zu sehen, so glaubte ich doch, Zunächst mein Pferd und mich unterbringen und uns einigermaßen .einrichten zu mussem Ueberbies wollte ich mich auch ertunbigen, ob nicht Fuentes aus bem Lazarett in das Haus meiner Freunde verbracht werden konnte. Es wäre mir ein Glück gewesen, ihn in meiner Nähe zu haben und an seiner Pflege ,^Ach" Exzellenza", rief mir Saniago nach, „wollen Sie uns Der- ^Jch^entgegnete ein wenig scharf, daß ich meinen Freund Fuentes im Lazarett besuchen wollte. ~ . ... , , . , Bleiben Sie nur", sagte der Mönch, „Ihr Freund ist gut aufgeho- bem Er kann gar nicht besser aufgehoben sein." Es waren dieselben Worte, die ich von der Pastrana gehört hatte, und ich muß gestehen, daß mir bei ihrer Wiederholung durch den Mönch ein leiser Schauer durch die Seele lief. „ „Immerhin", erwiderte ich, „er wird sich freuen, mich zu sehen. Saniago Sas schaute mich mit seinen kleinen Augen an, denen die Blicke wie winzige, spitzblitzende, zielsichere Pfeile entflogen i „Sie wissen wohl nicht, daß ein strenger Beseh! ergangen ist: die Mannschaften bur- fen ihre Quartiere nicht verlassen?" . . Nun hätte ich ja wohl entgegnen können, daß ich ein freiwilliger Kämpfer war. Ich gehörte wohl nicht gerade zu den Offizieren, aber„ich rechnete mich auch nicht zu den gemeinen Soldaten und glaubte mid) nicht an das gebunden, was diese band. Das alles hatte ich sagen ton nen aber ich wollte mich nicht in eine Auselnandechtzung mit dem Mönch einlassen, vor all diesen Leuten, die schon aufs äußerste zu mißbilligen schienen, daß ich ihm zu widersprechen gewagt hatte. Es kam vielleicht auch noch hinzu, daß er darum wußte, wie meine Te>nähme an dem Freiheitskampf zustande gekommen war. All dies hielt mich zurück unb erzwang ihm meinen unwilligen Gehorsam. Ich konnte ja auch ganz gut warten, bis er sich entfernte und dann immer noch tun, was in meinem Belieben stand , . Saniago Sas beendete ruhig feine Mahlzeit, stand bann auf und ^^„Betteben^Exzellenza auch nicht zu vergeßen", sagte er, ,chaß Si« das Sakrament genommen haben " . lllh> Nun wohl, ich hatte das Sakrament genommen, aber ich glaubte, mich auch ganz brav gehalten zu haben. Saniago fchüttelte den Kopf. ,Lch habe es ganz deutlich gesehen daß Sie immer in die Luft geschossen haben. So werden Sie fernen Fran- zosen erlegen und Ihr Gelübde nicht losen." Ich stand starr. Welche Verwegenheit, zu behaupten, daß ich nicht ehrlich gekämpft hatte. Am liebsten hätte ich ihm meine Antwort mit ber Faust gegeben. Aber war ich nicht im Grunde em Gefangener der Inquisition nur an langer Seine freigelassen, um zu kämpfen unb immer wieder durch einen Ruck daran erinnert, rote es um mich ItanOf Trotzdem wollte ich meiner Entrüstung Luft machen, ober Saniago ließ mir nicht Zeit zur Erwiderung. Er nickte mir zu und schickte sich an zu gehen Von allen Anwesenden begleitet, verließ er bas Haus. Ich beugte mich aus bem Fenster und sah den Haufen unten vor bem Haustor Heben die Leute erdrückten den Mönch fast mit ihrer Begeisterung, sie wollten alle feinen Segen haben, sie küßten die Aermel unb den Saum feiner Kutte und warfen sich vor ihm auf die Knie Plötzlich sah ich einen Menschen die Straße hinablaufen. Es war em Hornist Gerade vor Goicoecheas Haus blieb er stehen und schmetterte ein gellendes Alarmsignal Dann rannte er weiter. Saniago hob den Kopf und erblickte mich am Senjter Sehen Sie, Excellenza", rief er mit einem schiefen Lächeln, „rote gut "es ist, daß Sie geblieben sind. Kommen Sie rasch!" Ich nahm meine Waffen unb begab mich nach dem Sammelplatz unserer Truppe auf der Plaza de San Pedro Nolasco. Es schien ein gewaltiger französischer Angriff in Gang gekommen zu fein. Du Pf donnerten die Geschütze rings um die Stadt, in das Knattern des Klein gewehrs platzten die dicken runden Stoße der Bomben. Die Luft bebte über unseren Köpfen. Truppen zogen vorbei und riefen uns zu. Die Aufregung des Kampfes erfaßte auch mich und wühlte mein Blut auf Wir wurden aus dem Portillotor geführt und in das Schloß A ig- feria geworfen, um es gegen die Franzosen zu hatten, die es heftig wurden „Brav, brav ... und vergeßt nur nicht über jede neue Schmelze sieben Vaterunser zu beten, damit jede Kugel einen Franzosen trifft. Einige Weiber liefen fort, um dem hochgeehrten Gast etwas zu Essen zu holen. Sie deckten chm rasch ein kleines Tischchen und wahrender es sich schmecken ließ, standen seine Bewunderer em ihn und verfolgten jede seiner Bewegungen, sein Kauen unb Schmatzen wie eine heilige Handlung. Nachdem ich das eine Weile mit angesehen und mich über die Veränderung gewundert hatte, die mit der Weiberherrschaft über das sonst so freisinnige und mönchsfeindttche Haus gekommen war, wollte bestürmten. * Das Schloß Aljaferia stammte aus ber maurischen Zeit. Ein viereckiger fester Bau mit vier kleinen Türmen, geschützt durch einen eyr breiten unb tiefen Graben, lag es als starkes Bollwerk vor beii Stal» und war mit bem Portillotor unb dem Sanchotor durch SaufgraDen verbunden. Sein Erbauer, der Scheich Abu Dschafar Achmed, hatte es aufs prächtigste geschmückt, es war dann spater Schloß der Könige vo Aragonien gewesen und bann Palast der Inquisition, nun lagen Soldaten in den märchenschönen Räumen, unb bie Geschosse ber Franzosen nim inerten sich wenig um die Kostbarkeiten, bie sie zerstörten Ich hatte meine Strohschütte im ©ran Salon, unb es blieb mir 4« genug, mir die Azulejosmuster des Fußbodens, die Verzierungen maurischen Galerie unb die Hol.zdecken mit den geschnitzten „Rosetten, von deren jeder ein Pinienapfel herabhing, fo genau einzupragen, mb ich noch heute jede Einzelheit zeichnen konnte. Wir lagen vierzehn Tage in diesem Schloß. in Gleich am zweiten Tag hotten bie Franzosen die ^ufgroben tn unserem Rücken genommen und uns von ber S adt abgeschnitten. ro bekamen weder Mundvorrat noch Munition noch irgendeine Nacyrnp aus ber Stadt, wir waren auf uns selbst angewiesen. (Fortsetzung folgt.) <5inkehr. Don Ludwig Uhland. Bei einem Wirte wundermild. Da war ich jüngst zu Gaste; Ein goldner Apfel war fein Schild An einem langen Aste. Es war der gute Apfelbaum, Bei dem ich eingekehret; Mit süßer Kost und frischem Schaum Hat er mich wohl genähret. Es kamen in sein grünes Haus Viel leichtbeschwingte Gäste; Sie sprangen frei und hielten Schmaus Und sangen auf das beste. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh' Aus weichen, grünen Matten; Der Wirt, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten. Nun fragt ich nach der Schuldigkeit, Da schüttelt er den Wipfel. Gesegnet sei er allezeit Bon der Wurzel bis zum Gipfell Abschied vom neuen Kontinent. Ein Reisebericht von Heinrich Hauser. Heute nacht fuhr ich von Perth nacb Freemantle. Auf dieser Durchquerung von dreißig Kilometer menschlicher Wohnstätten sah ich etwas, was für uns erstaunlich ist: die Einwohner schliefen im Freien. Die Bungalow-Veranden waren mit Leinwand verhängt; Licht schimmerte hindurch, und überall, wo ein Spalt offenstand, sah man Betten und Schläfer. So schlafen jetzt im Hochsommer wohl die meisten Australier. Cs ist heiß, sogar sehr heiß zwischen elf und fünf Uhr; man merkt das, wenn man nach einem kleinen Marsch schweißüberströmt ist. Aber das ist das Sonderbare und das Herrliche an dem Klima hier: die Hitze ermattet nicht; vielleicht kommt das von der Trockenheit der Luft. Kopfschüttelnd über soviel Nachlässigkeit hatte ich bisher die stählernen Leitungsmasten angesehen, weil fie ohne jeden Rostschutz, ohne Farbe dastanden, bis mir ein Telegraphenarbeiter erklärte, daß das hier nicht nötig sei. Der Stahl roste so wenig, daß die Masten zwanzig Jahre und länger halten. Am Spätnachmittag setzt beinahe regelmäßig ein starker, kühler Seewind ein; man nennt ihn hier den „Doktor-Wind". Er macht die Abende angenehm und verhilft Freemantle und Perth zu ihrem Ruf, die gesundesten Städte der Welt zu sein, wo es Epidemien fast gar nicht gibt. Die Abendkühle bewirkt, daß die Städte, auch die kleinen, bis Mitternacht voller Leben sind; viele Menschen sind auf den Sttaßen, viele Cafes und sogar Läden sind offen. Um Mitternacht kaufte ich mir die frischen Feigen und die prächtigen Nectarinen zum Frühstück. Ich hätte auch noch ein spätes Abendbrot bekommen können, etwa einen Salat von den unglaublich großen Hummern, die aufreizend rot in den Schaufenstern liegen, für einen Schilling oder nicht viel mehr. Am Tage hatte ich einen Ausflug gemacht, der mich seckzig Kilometer aus Perth hinaus nach dem „Wunderland des Westens' führte, dem Yanchep Park Meilen und Meilen von brennenden Waldern glitten an uns vorbei. Nicht wie ein Waldbrand bei uns, ein Meer von Rauch und Flammen mit einem Aufgebot von Feuerwehr ringsum — nein: diese lockeren, parkartigen Wälder mit ihren Gummibäumen (eine Art, die kein wertvolles Gummi liefert) und ihrem Gestrüpp brennen anders. Das Feuer, das man aus trockenem Buschwerk um die dicken Stamme entzündet, zehrt ganz langsam; es flackeri und schwelt tagelang, wochen- lana, vielleicht monatelang. Ein langsamer Vernichtungsprozeß, der E ' 'nfterwälder zurückläßt; viele Stämme gestürzt, andere noch auf- re.- aber schwär, verkohlt mit kahlem Gezweig. Stockt die Rodungsarbeit in diesem S^dium (was oft geschieht), so ist es rührend zu sehen, wie die mächtigen Bäume, oft nur noch mit ein paar Fasern an ihren Wuseln hängend, von neuem zu treiben versuchen. 5-n diese Wälder eingeschnitten liegen zu beiden Seiten der Straße Weingärten. Die Reben werden nicht am Hang, sondern auf flachem Grund spalierartig aezogen. Der Boden ist Sand; es war er taunlid) zu sehen, wie der Wein daraus gedieh. Die Sonne tut das Beste in diesem Land. Hühnerfarmen sahen wir viele, und überall, wo Seen oder Sümpfe mit grünen Ufern durch die Wälder schimmerten, weidete Vieh. Eine Autokarte von ganz Australien, die ich mir beschaffte, zeigt fo viele und so große Seen, wie ich mir nicht hatte träumen lassen. Panchep Park ist ein Naturschutzgebiet. Die Urlandschaft ist in ein Netz von Autostraßen und hübschen Wanderwegen eingefaßt; sie enthalt Seen. Dutzende von gewundenen kleinen Wasserläufen. Inselchen, Felsschluchten und große natürliche Felshöhlen. Um das Naturwunder von Felshöhlen mit Stalaktiten in künstlichen Lichteffekten zu sehen, brauchen wir nicht nach Australien zu fahren. Sie dienen hier dem Fremdenverkehr genau wie bei uns, mit der Steigerung, daß >n einer Hohle sogar ein Kabarett zu finden ist. „ .. - Viel interessanter war mir das Tierleben, vor allem die zahllo en fast zahmen Wildvögel. Vor einem der drei hübschen kleinen Hotels grafte ein Känguruh, auf der Veranda eines zweiten watAelten große weiße Kakadus mit gelben Schöpfen durstig von einem Bieralas z andern. Auf der Anfahrt des dritten nahmen Wildenten em Staubbad, fo daß die Autos im Vogen um sie herumfahren mußten. Außer Hotels, Tennisplätzen und Freibädern gibt es Wochenendhäuschen, die man mieten kann: ausrangierte Straßenbahnwagen. Natürlich sind sie von Veranden umgeben, und manchmal hat man zwei nebeneinander gesetzt mit einem gemeinsamen Dach: der Raum zwischen ihnen ist dann die Garage. Der Raum des Naturschutzgebiets ist aber so groß (für einen Fußgänger ganz unerschöpflich), daß die menschliche Aktivität sich angenehm in der Natur verliert. Eine australische „Charakterpflanze", in diesem Park und überall, ist der „Blackboy" — von Farmern gehaßt, von Hausfrauen hochgeschätzt, ein seltsames und trügerisches Gewächs. Es sieht aus wie eine Palme, ist aber keine. Aus einem palmenartigen Strunk, der oft kaum aus dem Boden schaut und oft drei oder vier Meter hoch wird, schießt ein großes Grasbüschel. Die Halme sind so trocken, daß sie zwischen den Fingern brechen wie dünnes Glas. Mitten aus dem Büschel ragt ein meterhoher Blütenstengel, ähnlich unserer Königskerze. Der „Blackboy" wuchert massenhaft im Unterholz und deckt auch riesige Flächen, wo der Boden fo arm und trocken ist, daß nichts anderes sonst wachsen will. Der Farmer zieht die Strünke mit Pferden oder mit dem Trecker aus dem Boden, aber immer neue wachsen nach. Der röhrenartige Strunk ist so weich und so spröde, daß er unter einem Fußtritt zerspringt, aber er ist so harzreich, daß die Hausfrauen ihn zur Feuerung gut brauchen können. Menschen waren genug im Park, aber ich war der einzige, der zu Fuß herumspazierte. Die anderen fuhren auch die hundert Meier vom Hotel zum Strand im Auto. Es wächst eine Generation heran, die rapide den Gebrauch ihrer Beine verlernt. Ich war ja leider nicht im „Innern", aber so weit ich kam aus dem Murray oder sonstwo: ich brauchte nur stillzustehen und zu lauschen, um irgendwo in der Ferne das Pochen eines Motors zu hören. Der Motor erschließt Neuland; der Mensch folgt nur nach — in einer Wolke von Auspuffgas. Ich vergaß von Perth zu erzählen, der Stadt Perch. Der gedruckte Führer, den der freundliche Mann im staatlichen „Tourist Bureau‘r mitgab, fagt freimütig, daß in der Anlage der Stadt, 1825, Fehler begangen worden feien. Das ist wahr, die City hat weder die Weite von Adelaide noch die imponierend amerifanifdje „Skyline1* von Melbourne. Sie ist nicht schön mit ihren verhältnismäßig engen Sttaßen, ihren rasselnden Trambahnen, chrer regellosen Bebauung im Stil der neunziger Jahr«. Ich wurde an englifche Provinzstädte erinnert, mehr als anderswo in Australien, auch an manche mitteldeutsche Industriestädte, in der unschönen Uebergangsperiode, da eine Mittelstadt sich zur Großstadt häutet. In einem Punkt aber haben die Väter der Stadt keinen Fehler begangen: sie haben die schönste Lage ausgewählt, die man sich denken kann. Zwölf Meilen von der Küste hat der Swan-Fluß zwischen waldgrünen Hügeln eine Seenkette gebildet. Auf flachen Landzungen, die weit in die Seen reichen, und an den Uferhängen dehnt sich das größere Perth mit seinen Vorstädten, überaus weitläufig mit viel Fährverkehr von Ufer zu Ufer, der Alstergegend von Hamburg nicht ganz unähnlich. Die Üfer der Seen und vor allem der Strand am Meer sind mit dem schönsten weißen Sand gesegnet. Die Bademöglichkeiten sind einfach unbegrenzt; merkwürdiger- und glücklicherweise sind Haie sehr selten an diesen Küste, natürlich gibt es auch haisichere Badeanstalten. Auf den Höhen der Stadt entlangwandernd, etwa in dem weitgedehnten Kingspark, hat man ein Panorama, das sich fast mit dem von Rio de Janeiro messen kann. * Ich ging in den Zoo, um all die australischen Tiere zu sehen, die ich leider nicht in Freiheit beobachten konnte Känguruhs gibt es dort in ganzen Herden, und von vielen Arten. Ich hatte sie bet uns zu Hause nicht so „unbefangen" gesehen; kein Wunder, hier sind sie zu Hause. Faul lagen sie in den Sand gestreckt, die langen Beine elegant gebebnt oder Übereinandergeschlagen, den zarten Hals etwas erhoben, das Näschen schnüffelte und die komisch kurzen Vorderbeine ließen vornehm, die Krallen herunterhängen. Ich kann mir nicht helfen, ich wurde an einen furchtbar seinen Badestrand voller Badeschönheiten erinnert; die Breit- büftigteit des Geschöpfs trug zu dem Eindruck bet und die Wonne des Sonnenbades war jedenfalls dieselbe, auch das Spielen mit den eigenen Fingernägeln. Dann kamen sie träge angehoppelt, eigentümlich schlangen-, haft in der Bewegung, der Rumpf geformt wie eine Sektflasche mit dem Schwerpunkt ganz im Achterviertel. Sie richteten sich auf. ganz menschlich. steckten ihre Köpfe durchs Gitter, ließen sich (raufen und griffen mit ihren kleinen Pfoten nach meinen Händen. Sie waren reizend sie bettelten um Erdnüsse, genau wie Hunde mit dem Schwanz wedelnd, und doch sand ich nicht die Zuneigung, die Sympathie in mir, die wir fonst zu einem freundlichen Tiergeschöpf empfinden. Der lange Eidechlen- fchwanz, das Fremdartige der gleitend-sprunghaften Bewegung — das ganze Tier gehört einer anderen Erdperiode an Es steht uns fern, fern wie die Saurier, und etwas wie ein vererbtes Grauen stößt uns ab von der Tierwelt jener Zeit. Aehnlich ging es mir mit dem „Wombat", dem maulwurfsplumpen australischen Bären und mit dem Emu, diesem gewaltigen Vogel ohne Flug, der sehr aufgeregt vor der Kamera auf und ab stolzierte mit unwirschen tiefen Baßlauten in der Kehle. Dagegen ist der Koala, dieser lebende Teddybär, etwas so Entzückendes im Ausdruck und in seiner Siebe zu seinen Jungen, daß sich das mit Worten gar nicht beschreiben läßt Kauft eine Photographie von ihm, oder, wie ich es tat, winzige Koala-Puppen aus Känguruhfell, die man als Wärmer über die Frühstückseier stülpt. * Ich kaufte eine Abendzeitung und fand darin ein Bild und einen Artikel von einem achtzigjährigen Haus, das abgerissen werden sollte. Es schien ein Ereignis; das Für und Wider wurde erörtert, als handele es sich um eine historische Windmühle ober um eine alte Burg bei uns. Wie jung ist dieser Kontinent! Wie relativ ist der Begriff des „historischen"! Und jetzt wurde es Zeit für mich, diesen Kontinent zu verlassen; auf neun Uhr war unsere Abfahrt festgesetzt. Ich fuhr zum Hafen, kaufte den letzten großen Arm voll Obst und die letzte Flafche australischen „Sauternes" als kurzlebiges, aber schönes Andenken. Langsamer rasselten schon die Dampswinden auf der „Hamm"; die letzten Hundert von 4000 Wolleballen wurden aufgeheißt vom Kai, je vier auf einmal. Aus den Ladeluken kam der strenge und eigentümlich heiße Geruch von roher Wolle. Fast lautlos ging das Stauen der Ballen, weich und elastisch wie Bälle fielen und kollerten sie, gepreßt, in Sacktuch genäht und von schmalen Eisenbändern zusammengehalten Es ist eine seltsame Stunde, die letzte, bevor ein Schiff den Hafen verläßt. Noch sind die Luken offen, noch wird geladen, aber an Land warten schon die Frauen der Schauerleute. Flutlichter schneiden Lichtkegel aus der Nacht, weiße Anzüge leuchten auf, etwas gespenstisch, weil die dunkel verbrannten Gesichter unsichtbar bleiben Nackte, schweißige Oberkörper glänzen; Heizer gehen über Deck mit klappernden Pantinen, den Zipfel des um den Hals geschlungenen Schweihtuchs zwischen den Zähnen. Leise zischt der hochgespannte Dampf; von Zeit zu Zeit entweicht der Ueberschuß aus dem Sicherheitsventil mit einem tiefen, bärenhaften Brummen. Ein leises Zittern hebt manchmal durch den Schiffsleib, verhaltene Kraft und Spannung. So beben auch die Flanken eines Pferdes, das gesattelt wird. In der Kajüte sitzt der Kapitän mit dem Lotsen zusammen; man hört die beiden Männer lachen in gemütlicher Unterhaltung, die den ganzen Abend dauern könnte, aber da klopft der Erste Offizier an die Tür und meldet, daß der letzte Ballen an Bord ist. Die Flutlichter erlöschen, die Positionslaternen glühen auf; der Schattenriß des Dampfers hebt sich ab gegen den Nachthimmel. Eine Tröffe nach der anderen wird gelöst, klatscht ins Hafenwasser, wird von den Winden eingerollt. Die Gangway klappt sich an die Schisfsflanke wie die Klinge eines Taschenmessers; die Ladebäume sinken, schwanken über ihren Haltern, fallen mit einem letzten Ruck hinein, und ein Dröhnen geht durch ihr Stahlrohr, wie der zufriedene Seufzer, mit dem ein müder Mann ins Bett steigt. Der Schlepper gleitet längsseits und nimmt das Tau. Ich beuge mich über die Reling und sehe, da ist schon ein breiter schwarzer Streifen zwischen Kai und Schiff. Losgelöst sind wir, unabänderlich von einem Erdteil losgelöst. Ich habe die Fiasche geöffnet, der starke, herb-süße Wein flieht ins Glas: „Auf dein Wohl, Australien! Und Dank für alle Gastlichkeit, für alle Freundschaft, für das Stück Weltbild, das ich hier empfangen habe!" Oie Rettung der Kohe. Erzählung von Friedrich Schnack. 4jer Kleinbauer Perkhammer war ein Sonderling. Viel redete er nicht, (ein zufammengekniffener Mund ließ selten ein Wort heraus. Da aber jeder Mensch, auch der verschlossenste und graueste Eigen- brödler etwas nötig hat, daran er sein Herz hängen kann, hielt sich Perkhammer einen Hund und eine Katze. Der Hund war weder schön noch rassig: ein struppiger Dorfköter, dessen Blut von Vorväterzeit her nicht ganz sauber war; aber die Katze hätte feto ft vor dem Urteil der Kenner bestehen können: sie hatte ein tiefschwarzes seidenglänzendes Fell, und ihre Gestalt war lang und geschmeidig. Nun fordert jedoch die Gerechtigkeit, zu erwähnen, daß Perkhammer dem Hund mehr zugetan war, als der Katze. Der Hund "brachte ihm größeren Nutzen — er bewachte Haus und Hof, zog manchmal den kleinen Karren und holte auch dann und wann, sobald ihn die Jagdlust verführte, einen jungen Hasen aus dem Feld. Der Nutzen der Katze war nicht so fühlbar: sie fing eben Mäuse. Das gereichte der Kornkammer zum Vorteil. So wie der Nutzen in seinem Wert sich abstufte, so stufte sich auch Perkharnrners Liebe ab: zuerst der Hund, dann die Katze Mehr als Perkhammer an den Tieren hing, liebten Hund und Katze einander. Sie waren miteinander ausgewachsen, unzertrennliche Freunde. Wo der Hund sich aufhielt, weilte auch die Katze, und hatte sich eines von beiden einmal auf eigene Wege gemacht, suchte ihn das andere. Sie kannten allerlei Spähe und Vergnügungen. Zwar waren sie nicht sonderlich erfindungsreich, doch wurden sie ihrer alten Scherze niemals überdrüssig. Da gab es einen Rest Gummiball, den der Hund heirn- geschl.eppt hatte. Er ließ sich hin- und herzerren, und packte man ihn mit Katzen- und Hundepfoten, dehnte er sich und schnappte weg, wie lebendig, was wiederum mit der Hasenpfote aus der Küche nicht möglich war. Doch roch sie nach Wild und Blut. Gummi und Hasenpfote wanderten im ganzen Haus umher; sie wurden durch Stube und Küche geschleift, durch den Hausgang geschleudert, die Bodenstiege hinauf, auf dem Dachboden hergesegt und die Stufen mit Krach wieder hinunter — überallhin. Bald war in diesem fröhlichen Wettstreit und Pfotenspiel die Katze Siegerin, indem sie die Beute auf die Seite riß, verfolgt von ihrem Freund, der nicht leer ausgehen mochte — bald gewann der Hund bei der Katzbalgerei, wobei er, von der blitzschnellen Freundin bedrängt, im Uebermut Gummi oder Hafenpfote in die Luft schleuderte und wieder aufschnappte: er war ebenso schnurrig wie gewitzt, und sie nicht weniger schlau und flink. Selten, daß einmal das Spiel in Ernst Umschlag — und dann gefchah es gleichsam aus Versehen. War der Bauer daheim, hielt sich das Vergnügen in Grenzen. Ihr Herr duldete nicht, daß die beiden das Haus sozusagen umkehrten, es sah überdies kunterbunt genug darin aus. Trieben sie es Zedoch einmal ärger, als ihrem Herrn angenehm, bekam der Hund eine hinter die Ohren, er war eben der Verständigere, und so war der Nachteil auf seiner Seite. Sobald der Bauer aus dem Haus war, ging es los. Die beiden Tiere rasten in Stube und Küche umher, tollten, bellten, raunzten. knurrten, kratzten und schabten, balgten sich um Gummi und Hasenpfote, und trieben einen solchen Unfug, daß oft die Stühle, von ihren Sprüngen umgeworfen, dagelegen, wenn ihr Herr heimkam Eines Tages hatten sie es ganz toll getrieben. Die Katze, verfolgt von ihrem Gefährten, war in die Küche entwischt und auf die Küchenanrichte gesprungen. Aber o weh! Sie war in einen Satz von Tellern hineingefegt, von denen ein paar auf die Steinfliefen hinunter knallten, und darüber erschrocken, hatte sie auch noch den irdenen Milchtopf auf den Boden gefegt. Alles in Scherben. Der Hund, der schon an der Anrichte emporspringen wollte, zuckte bei dem Lärm zusammen und stand starr wie ein begossener Pudel Ihm war nicht geheuer. Er hatte eine dunkle Erinnerung an irgendeine Schüssel, die vor langer Zeit entzwei gegangen war, und damals hatte es Prügel gesetzt. Sein Spieleifer war gedämpft, und als bald darauf fein Herr ins Haus trat, lief er ihm mit einem schlechten Gewissen entgegen: er duckte sich, wie wenn er sich unansehnlich machen wollte Dem Bauern stieg sogleich ein Verdacht auf: mißtrauisch sah er auf seinen Hund, und als er in die Küche kam, gewahrte er die Bescherung. Er geriet in Zorn. Der Hund, nichts Gutes ahnend, hatte sich blitzschnell hinausgedrückt hinter die Bodenstiege, und die Katze saß spinnend auf dem Fensterbrett. Der schöne Milchtopfl Zwei Teller außerdem zerbrochen. Was für ein Schaden. Er hätte am liebsten .. Nein! Die Wut hinunterschluckend fällte er das Urteil. Er schlurfte in den Schuppen, einen kleinen Sack holend. Es kann nun nicht verschwiegen werden, daß Perkhammer in diesem Augenblick für andere kein gutes Beispiel in der Tierliebe abgegeben hätte. Die Tiere hatten ihm Schaden verursacht, und also hatte sich auch, im ersten Zorn, seine Liebe zu ihnen abgekühlt. Es war nur gut, daß niemand zugegen war, außer dem Hund. Hier würde niemand etwas Gutes gelernt haben Der Hund hinter der Bodenstiege steckte die Schnauze vor, zog die Lust ein und beobachtete scharf das Tun seines Herrn. Der kam mit dem Sack in die Küche, wo die Katze saß. Der Hund sah nicht, was sich da abspielte, der Rücken des Bauern verdeckte die Aussicht. Eins, zwei, drei: da war das Schlimme auch schon geschehn. Der Bauer hatte die Katze gepackt und in den Sack gesteckt. Das Tier wußte nicht wie ihm geschah. Es wälzte sich im Sack und kratzte am Stoss, aber das hals nun alles nichts, der Bauer hatte den Sack zugebunden, was etwa hieß: Lebwohl du Katzenwelt, ade du Mäuseerde! Der Hund jedoch war gar nicht so dumm, als er die Katze nicht mehr am Fenster bemerkte, und sah, wie sich der Sack in der Hand seines Herrn bewegte, wie sich darin etwas herumwälzte und ungebärdig und verzweifelt herauswollte. Mit einem Schlag begriff er, daß da etwas Furchtbares geschehn sollte. Die innerlichste Natur meldete Gefahr. Seine Nasenlöcher sogen mit der Luft eine schreckliche Witterung ein. Er senkte, wie geprügelt, die struppige Schnauze. Dann trottete er hinaus in den Hof, wo er sich hinter der Karre verkroch. Der Bauer schloß die Tür und ging mit dem Sack fort. Aber ehe er noch hinter dem Buschwerk verschwand, wo der Pfad hinunterlief zum Fluß, kam der Hund hinter dem Karren vor und folgte langsam mit kläglich eingezogenem Schwanzstummel. Der Bauer war an den Fluß gekommen. In großem Bogen schleuderte er das Bündel hinaus ins Wasser. Dann ging er rasch fort und verschwand hinter dem Weiden- gebüsch auf dem Weg zum Dors. Der Hund hatte alles mit angesehn. Er hatte sich auf die Hinterbeine gesetzt und den Kopf schräg hochgerissen, Angst in den Augen und mit schärfster Anspannung seiner Jagdsinne. Dann schnellte er vor, mit einem Satz, unbemerkt von ■ seinem Herrn, sprang er in den Fluß. Keuchend und mit ganzer Kraft schwamm er auf das braune Bündel zu, das sich mit heftigen Stößen, schon halb versunken bewegte. Näher und näher. Dieser Hund! Dieser struppige Dorfköter! Man darf sich vorstellen, wie feine dumpfe Tierseele aufglühte und feinen Muskeln Ausdauer und Kraft verlieh. Er riß die Schnauze auf, feine weißen Zähne blitzten, fein Atem dampfte, und erwischte den Sack. Ihn aus dem Wasser zerren, festhalten und mit zurückgerecktem Kopf sich umwenden, geschah in einem Augenblick. Rasch zum User! Hier zerbiß er das Geweöe und mit den starken Pfoten nachhelfend, erweiterte er die Deffnung. Endlich konnte er die schwer mitgenommene Freundin aus ihrer fürchterlichen Lage befreien. Sie begann sogleich damit, sich zu putzen und zu lecken, der Hund half mit, er leckte und bügelte mit der Zunge den klatschnassen Rücken. Dann liefen sie miteinander heim.Am Spätnachmittag kam der Bauer zurück. Sein Hund lag im Hof auf einem Hausen Stroh und die Katze dicht bei ihm. Der Hund hatte sich um die Freundin herumgebogen und wärmte ihr das Fell. Der Bauer riß die Augen auf, und mit den äußeren zugleich die inneren. Er konnte einen Blick tun tief, tief ins Geben, das weiterreichte als das feine. Das war wahrhaft feine Katze. Er schüttelte den grausträhnigen Kopf und schsurfte in die Küche. Hier stellte er sich an das Fenster und blickte zu seinem Hund. Der lag und rührte sich nicht. Es ist doch bloß ein Hund ... dachte er, und in seiner Miene flimmerte ein Licht, wie wenn ihm ein geheimnisvoller Blitz in die Seele geschlagen hätte. Ein fremdartiges Gefühl befiel ihn. Das war ihm unangenehm. Er eilte auch gleich darauf in die Scheuer, wo er etwas zu tun fand. Aber die Katze wurde nicht ein zweites Mal in den Sack gesteckt. August-Inserat. Von Theodor Storm. Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken, Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbfen nicht zertreten. V-^i»rwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.