GietzenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195Z__Zreitag, den 9. April Nummer 27 Der Stechlin Roman von Theodor Fontane 20. Fortsetzung. „Ah, sehr willkommen." Und Wolde mar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und reichte dem Freunde die Hand. „Sie kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so damit steht, Ihnen glaub ich"s, daß Sie"s ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die keinen Neid kennen." „Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher: mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm ich, um Ihnen »ohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen i»aju. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinausI Sie «erden natürlich Londoner Militärattache, sagen wir in einem halben 8ahr, und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt rnd etablieren sich als Sieger in einer Steeple Chase, vorausgesetzt, daß s so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles ganz tnbers). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege veröden Sie sich mit Ruth Rüssel oder mit Geraldine Cavendish, haben den Zedsorder- ober den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Seneralgouverneur nach Mittelasrika, links die Zwerge, rechts die Men- chenfreffer. Emin soll ja boch eigentlich ausgesressen sein." „Czako, Sie machen sich's zunutze, daß bi» Mittagsstunde glücklich vor- ber ist, sonst könnten Sie’s kaum verantworten. Aber rücken Sie sich inen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?" „Rein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder »enn auch nur ein Bruchteil davon ..." „Sagen wir Anhängsel." „... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag i2wünscht habe. Bloß .Erhörung kam nicht geschritten . Und doch ist rad in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer aus dem !?ege nach Petersburg Aber weiß der Teufel, trotz der vielen Schickerei, leine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen Ich denke mir, es liegt fri meinem Namen. Hier hat ,Czako‘ ja auch schon einen Beigeschmack, inen Stich ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin ewas Apartes, während es in Petersburg wahrscheinlich heißen mürbe: Ljako, was soll das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter nd besser". Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man drüben nicht Lust bezeigen könnte, in der Wahl von .Czako" einen !5itj ober versteckten Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winter- lilais und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London «ab sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch nun . mal das denkbar feinste. Rußland, wenn Sie mir solche Frllhstllcksvergleiche gestatten rillen, hat immer was von Astrachan, England immer was von Col- öefter. Und ich glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. 2ch, Stechlin, Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner er- ffiten Stimmung zugute halten müssen. Ich werde wohl an der Majors- h'-e scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, daß ich das ensehe, das könnte das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen." . „Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade, d ß wir solche Leute wie Sie nicht bei unferm Regiment haben. Oder mmigftens nicht genug. .Fein" ist ja ganz gut, aber es muß doch auch knl ein Donnerwetter dazwischenfahren, ein Zynismus, eine Bosheit; l braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben, llebrigens, was die Pitentheit angeht, so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade noch Pflfiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer heutzu- laie nicht drei Sprachen spricht, gehört in bie Ecke .. “ „Sag ich mir auch. Unb ich habe deshalb auch mit dem Russischen •gefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte i”! nab erstaune, dann berappte ich mich momentan wieder und sage wr: .Courage gewonnen, alles gewonnen". Und dabei laß ich bann zu ninem weitern Trost all unsre preußischen Helben zu Fuß unb zu pserbe an mir vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen ” senschastlichen und mitunter auch moralischen Ueberlegenheit. Da ist iu rft der Dersslinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen fein. Dann wn Blücher — der war einfach ein .Jener. Und bann kam Wrangel ilQ trieb sein verwegenes Spiel mit .mir und mich"" „ „Bravo, Czako. Das itt die Sprache, die Sie sprechen müssen. Und D!‘" werben auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich lauft doch w“5 bloß daraus hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das ist ■ "u lief) eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort vom alten Fritz: ■“ nt Er nur immer, baß Er hunderttausend Mann hinter sich hat. 1,13 Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb, Siege produzieren unter Umstanden auch Bescheidenheit." .jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben ..." kommen Sie mir nicht immer mit Ruths Oder eiqent- lich, feien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser weibliche Name mahnt mich, daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den Barbys, wo"s, wie Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine Melusine, was fast noch mehr ist." „Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt, ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero ... Nein, nein, entschuldigen Sie, es war Leander." „Egal. Lassen Sie's, roie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut einem immer wohl, llebrigens können Sie mich in meinem Kupee begleiten; vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne." u Das Kupee tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht, als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor, was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen, sondern sich lediglich für seine Reise Rat erholen wollte. Der alte Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war schon über siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und sich aus die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber waren nun wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter hingen nach wie vor an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da bewohnt hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten Tage. Selbst, Armgard sprach gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus ihrer frühen Kindheit her erinnerte. „Wie glücklich bin ich", sagte Woldemar, „Sie allein zu finden! Dgs klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und Thyra zu sprechen, so hält ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre. Besser ist besser." Der alte Barby nickte vergnüglich. „Jo, Herr Graf", fuhr Woldemar fort, „ich komme, mich von Ihnen and den Damen zu verabschieden: aber ich komme vor allem auch, um mich in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandibcttus in seinen Frack fährt, guckt er — so was soll Vorkommen — noch einmal ins Corpus iuris und lieft, sagen wir zehn Zeilen, unb gcrab über diese wird er nachher gefragt und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch Vorbehalten sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. Auf was muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was muß ich sehn und was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem." „Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß Sie den Tee würdigen werden, ist so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt. Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder." Woldemar wollte sich entschuldigen. „Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über das. Alles ist heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst du k>ozu, Melusine?" „Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten." „Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn? Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? Ueberoll etwas sehr Schwieriges. In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollektionen davon. Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen, immer mit Ausnahme von Sßeftminfter. Ich glaube, was man so mit billiger Wendung .Land unb Leute" nennt, bas ist unb bleibt bas Beste. Die Tbemse hinauf unb hinunter, Richmond-Hill (auch etzt noch, trotzbem wir schon November habens unb Werbekneiven unb Dubelsackpfeifer. Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten .Straßen-Raffael" begegnen, bann stehenbleiben unb Zusehen, was das sonderbare Genie mit seiner linken unb oft verkrüppelten Hanb auf bie breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen- Raffaels haben immer nur eine linke Hanb." „Unb was malt er?" „Was? Das wechselt. Er ist imstande unb zaubert Ihnen in zehn Minuten eine richtige Sirtina aufs Trottoir Aber in der Regel ift er mehr Ruysbael ober Hobbema. Landschaften finb fein» syorv- ■ b'm S»e- tllcke. Die Klippe von Dover hob ich wohl iroon’igm-»' ae,er'n unb im er las Meer hin ben zitternden Monbstrahl. Da haben S":c schon was zur zeihen Stufen hinauf: Essex, Sir ziemlich zu Anfang liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten immer noch bei Fnsche war, nicht abgestumpft durch all di« Schrecklichkeiten, btt dann weiterhin folgen." , „Also Traitors-Gate muß ich sehn? .. ... Unbedinqt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß an dieser berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn «st, so mutz ich mich bei meinen Ratschlägen aus Jhre Phantasie verlassrn konnen. Und ob das geht, weiß ich nicht. Wer aus der Mark ist, W rfieift keine City niedersahen." . Lieat Gott sei Dank, weit zuruck. "Ja weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade d a s war' es' was immer, wenn ich so dastand, den größten Eindruck aus mich machte. Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre. Denn ich erinnere mich noch sehr wohl — ja, du warst es selber, Papa, der es mir erzählte , daß Lord Palmerston einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpol ik (ich glaube während der Krimkriegtage), sich dahm geäußert hatte. Dieser Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Komge da di« glGbrige Treppe hinaufqestiegen sind, aber es ist doch noch nicht f o lange, daß nnr uns^dessen nicht mehr entsinnen können. Und ein Prince-Consort ist noch Wolbemar" ^s^Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte, lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, daß sie nut einer gewißen Gereiztheit hinzusetzte: „Sie lächeln. Da seh ich doch, wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie abzusprechen. ' Und^ nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die richtige Er« gänzunq. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft zürnen! Em berühmter deutscher Prosessor soll einmal irgendwo gesagt haben: ,niemand sei verpflichtet, ein großer Mann zu sein.' Und ebensowenig wird er .große Phantasie' als etwas Pslichtmaßiges gefordert haben. Woldemar küßte ihr die Hand. „Wissen Sie, Gräfin, daß Sie doch eiaentlid) recht hochmütig sind?" t ,, . .. . „Vielleicht. Aber mancher entwafsnet mich wieder. Und zu diesen gehören Sie." . „ „Das ist nun auch wieder aus dem Ton. Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir lieber, i mir" von Windsor ober Lonbon aus eine Karte zu schreiben ... nein, eine Karte, das geht nicht ... also einen Brief, bann Sie mir en Wort über die Engländerinnen sagen und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drüben auch so schön gefunden haben werden, wie's von den Kontinentalen, wenn sie dies Thema berühren, fast immer versichert wirb „Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke. „Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn. Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, in denen er sich anmelbete, die Domen wissen lassen, daß er feinen Besuch auf eine kurze Stunde beschränken müsse. So war er denn bei guter Zeit wieder daheim. Auf seinem Tische sand er ein Briefchen vor und erkannte Rex- Handschrift. „Lieber Stechlin", so schrieb dieser, „ich höre eben daß Sie nach Loudon gehen. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben oll, hab ich es übersehen. Ich beglückwünsche Sie von Herzen,zu dieser Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn s Ihnen paßt bei meinem Freunde Ralph Waddington einfuhren soll. Er ist Advokat und einer der angesehensten Führer unter den Jrvingianern. Furchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist em durchaus seiner Mann, also zurückhaltend. Er kann Ihnen aber manmgsach behilflich sein, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern. Er ist em Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja ihre Borliebe für derlei ^Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte: „Der gute Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. Es genügt mir, wenn id) einen einzigen Quäker sehe." 23. Kapitel. Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar, erheitert bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel ein- aeführt zu sehn, sah sich mit einem Male einer gewissen Abspannung entrissen und war sroh darüber, denn er brauchte durchaus Stimmung um noch einige Briese zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von Der Hand und als elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt. Der andre Morgen fah ihn selbstverständlich früh auf. Fritz war uw ihn her und half, wo noch zu Helsen war. „Und nun, Fritz", so waren Waldemars letzte Worte, „sieh nach dem Rechten. Schicke mir map nach- Zeitungen wirs weg. Und die drei Briefe hier, wenn ich fort bin, die tue sofort in den Kasten ... Ist die Droschke schon da?" „Zu Beseht, Herr Rittmeister. . „Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und pah auf die Pferde. Damit verabschiedete sich Woldemar. (Fortsetzung folgt.) Nuswahl Und nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und«Um- aeaenb viel mehr gesehn als ich und weih, glaub ich, >n Rampton-Court unö Waliham-Abbey besser Bescheid als an der Oberspree, natürlich das ccierbäuscken ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, NUN, fo hlen wir si> noch unsere Tochter Cordelia Cordelia war damals freilich erst stchs ober doch nicht viel mehr. Aber Smbermuni) tut Wahrst kun^ Lmgard, wie war es, wenn du dich unsers Freundes am roeift nicht Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder auch nur stin kann. Vielleicht ging' es, wenn du nur,.nicht von meinen ftchs Jahren gesprochen hättest Aber so Mit sechs Jahren ha man eben nichts erlebt, was des Erzählens wert ware^ ...... Komtesse, gestatten Sie mir ... die Dinge an sich sind gleichgültig. Alles Erlebte wird erst was durch den, der er erlebt. „ .. „Ei", sagte Melusine. „So bin ich zum Erzählen noch m°m Lebtag nicht ausgefordert worden. Nun wirst du sprechen .aussen, Armgard. , Unö ich will auch, selbst aus die Gesahr hin einer Niederlage „Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie wie Selbstlob nmSo wir hatten damals eine alte Person im Hause, die schon bei Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan. Ich liebte sie «ehr denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres unö’ Gütiges. Ich ging viel mit ihr im Hybepark spazieren,wohnten wir doch in der an feiner Nordseite sich hinziehenden grohen Straße. Hydepark erschien mir immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagse.n das- felbe war, wollte ich doch gern einmal was andres sehen, morauf Sufmi auch gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. ,Ci f^tltd), Komtesse' sagte sie, ,da wollen wir nach Martins le Grand. ,Was ist Ms?' ragte ich; aber statt aller Antwort gab sie nur nur ein kl-mes Mäntelchen um, denn es war schon Spätherbst, so etwa wie letzt, und dunkelte auch schon. Aus dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es um bie fünfte Stunde war. Und fo brachen wir denn auf, unsre Straße hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Dohren gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, o sprang ich auf Du Rohren hinaus, und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger So gingen wir ich immer aus den Röhren oben, bis mir an eine Stelle kamen, wo'der Park aufhörte. Hier war gerab ein Droschkenstand^ und Hafer und Häcksel lagen umher und zahllose Sperlinge dazwlschen In der Mitte von dem allem aber stand em eiserner Brunnen. Aus den wies Susan hin und sagte: ,Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn- Gallows*. Und wer soviel gestohlen hatte, wie gerab ein Strick kostete, 6Cr„Gine^mertro^rbige Kindermuhme", sagte Stechlin. „Und erschraken Sie nicht, Komtesse?" , . , . „Nein, von Erschrecken, solange Susan bei nur war, war keine Rede. Sie" hätte mich gegen eine Welt verteidigt." „Das söhnt wieder aus." (, Und kurz und gut, wir biteben auf unfertn Weg und stiegen alsbald in ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten, und jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein, in ein immer dichter werdendes Strahengewirr, drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir auf Besuch drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging. Ich glaube", legte Melusine, „daß du bei diesem zweiten Besuch eine gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zur Zeit nicht mehr viel zur Verfügung haben." .Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem grohen Hause das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah und unter dessen Säulengang hinweg wir in eine große, mit vielen hundert Menschen erfüllte Halle traten, lieber ihren Köpfen aber lag es wie ein Strom von Licht, und ganz nach hinten zu, wo die Llcht- masse sich zu verdichten schien, standen aus einem Podium zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und rechts neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel ^^Der^alte Gras und Armgard schwiegen, und auch Melusine sah wohl, daß sie mit ihrer Bemerkung etwas ru weit gegangen war. Irgendeine Reoarieruna schien also geboten. „Ich will s aber doch nut Jhuen wagen" mchm sie das Gespräch wieder auf und lachte. „Traitors-Gate. Nun (eben Sie, Sie kommen da vom Eingänge her einen schmalen Gang entlang und mit einem Male haben Sie statt der grauen Stemwand ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem Tor aber befindet sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener W^erhof, von dem aus eine mehrstufige Treppe herausfuhrt und an eben berStelle mündet an der Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zu rück Wenn sich die Psorte damals austat, um sich hinter ihm wieder zu schließen, der hatte vom Leben Abschied genommen ... Es sind da, ver Sie das Wort lauter glibbrige Stufen, und wer alles stieg diese i hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, Thomas Morus und zuletzt noch jene Clanhäuptlinge, die für Pence Charie gefochten hatten unö Deren Köpfe wenige Tage später von Temple-Bar herab aus die aussahen." „Und nun laß Stechlin raten, was es war. , Er braucht es nicht zu raten", fuhr Armgard fort, „er weih es natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. Denn er hat es selber o gewollt. Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links und rechts. Und dis hell erleuchtete Uhr darüber zeigte, daß es nur noch eine Minute bis sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu denken, und so flogen denn die Bries- und Zeitungspakete, die noch mit den letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Kopse der in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter bloß auf das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten Fußdewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun setzte der Uhrzeiger ein, und das Fliegen der Pakete steigerte sich, bis genau mit dem sechsten Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug. „Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und wenn ich em Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müßte." „Nichts Antimonarchisches", lachte der alte Graf. „Und so kommen Susans Untaten schließlich noch ans Licht." „Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst. Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar gern auch andres zu hören wünschte, versuchte der alte Gras das Thema zu wechseln, aber beide Damen blieben bei „Shopping“ und „live o’clock tea“, bis Melusine, der Waldemars Ungeduld edensalls nicht entgangen war, mit einem Male fragte: „Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?" „Nein", sagte Woldemar. „Ich kann es mir aber übersetzen und meine Schlüsse Daraus ziehn." „Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie, Traitors- ffiate, das war meine Domäne, wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl ober übel den Führer machen mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber Traitors-Gate nie, vielleicht deshalb nicht, weil es An einen ftretmb. Hilt Ueberfenbung eine» alten Buches. Bon Eduard MörIk«. Jiingst Ich in eines Kaufherrn Kram Li» Pfund Tabak zu Haien fallt Die Ladendirne, jung und srifch, Bescheidentlich stund hinter»! Tisch Und wag mir i» bedächtiger Ruh' Mein braun, siisi dustend Kräutlein zu; Derweilen schaut' ich gähnend, stumm, Sa rings mich Im Gewölbe! um; Da lag am Baden nächst zur -and. Wurmstichig, alt, ein Foliant, Dergleichen wähl zum Packen und Wickeln Die Krämer blätternde zerstückeln. Mit Andacht grützt' ich allsagleich -ans Sachsens Halde Musenslrelchl O schad' um sa viel edle Reim'I Sa galdner Weisheit -vnigseim In Staub verschütt'tl Mer mag es sehn, Dem es nicht salll' zu -erzen gehn! „Schön'» Mägdlein", rief ich, „ach und eil Verkauft mir die Schnurrpseisereil" Sie lächelt spöttisch vor sich hin, Ob ich auch wohl bei Sinnen bin? „Das ist ja Schund, Derr, mit Vergunst, Dach, stehl'» Euch an, habt Jhr's umsunsl!" Ich sagt' ihr Dankes Ueberstutz: Hält' gern gedankt mit einem Kuss, Schleppt' meinen Schah heim unterm Arm, Und gleich draus las, weil ich noch warm Da war denn viel und allerlei: Im got'schen Schnitt, Mythologel, Kamedi, Tragedi dazu, Macker versohlt nach'm Baurenfchuh. Mit Wundern las ich, was er red'! Von einem Dänenprinz Arnlek. Nun ich mich sattsam durchgewühlt, Sinnend das Werk in -änben hielt, Gedacht' ich dein zumal und meint', Der Fund wär' just für folchen Freund. Ein fromm Gemüt oft liebt und ehrt, Was vor der Welt nicht geller» wert. gerissen hat, wandern dem alten -errenhau 9 von uns gehöriges Pensum zumuten kann. Ich Quelle zu sitzen. Und beim Betrachten Alfred Kudin. Ium 60. Geburtstage des Künstler» am 10. April. Von Reinhard Piper. spitzes Glackentürmchen ragt aus Kubins Arbeitszimmer liegt im ersten Stock. Aus zwei Fenstern eman über den sich selbst überlassenen Garten hinweg. An dem einen [ter steht der kleine Zeichentisch mit Stotzen von Wler, In einem Glas stecken die vielen ^eichenfedern, — am anbern bie Rahmaschlne und der Arbeitsstuhl von Frau Kubin. Zwei weitzgeslrtchene Schranke beraen die vielen Mappen mit den Zeichnungen.__ Siele öffnet Kubin nun und legt Blatt um Blatt vor mich hin. Cr hat be frWren Gelegenheiten meine Unermüdlichkeit in. Ans-Hauen er- probt und weife, das, er mir ein r-“— ™ freue mich, einmal wieder an der „ . _ ^^r'beflinnt'rnit den beiden Zeichnungen des Sechs, und Siebenjährigen den einxlaen die sich durch Zufall aus jener Zeit gerettet haben Damals hoben Eltern dergleichen noch nicht auf. Da Ist zuerst die Bekämpsuna der Drachensamitie. -underte von Kriegern l'nd gegen sie einflefefit Während der riesige Drachenvater von einem hohen ®ertift au# mit ®feilen beschossen wird, zerren an seinem Schwanz brei Kohorten von Lanzenträgern setzen ihm ,u.. Das Blut slietzt m Str m Die Drachenmutter steckt nur den Kop au» der -^öljle, aber d)onl|t il)r das Maut mit Stricken zusammengeschnürt, eine tofomohue m vor aelvannt es hilft nichts, sie mutz heraus. Und auch das arme Sranjen kind blutet schon unter wiitenden Axthieben «Dian feat ben Cinbrurf, W Drachen seien die gutmütigsten Tiere von der Welt, wenn man sie n. in Ruhe Hetze. Kubin wohnt auf dem Lande, jenseits der bayerischen Grenze, schon im Oesterreichischen Er ist mir nach Passau entgegengekommen, und nun fährt uns der Zug durch das bewaldete Tal des mächtig drängenden lehmgelben Inn. Wernstein mit seiner hohen barocken Marlensaule unten am Flutz ist bald erreicht. In der Schlucht, die ein Bach zum Inn hi», untergerissen hat, wandern wir auswärts lieber «nme Wiesen näher,! wir p - - - - Zwickledt, dem Wohnsitz Kubin». Ein Lärchenwipseln. Ein breiter gewölbter Nachdem Kubin» Jugend von heilige» Krisen bin und her geschüttelt worbe» war — er hatte sich al» Photograph und al» Soldat versucht und einen abenteuerlichen Selbitmordnersuch gemacht , hatte der Baler, ein Bermessungsbeamter In Zelt am See, geglaubt, der Sohn, der Idjon al« Knabe so viel gezeichnet, könne lchlietzlid) al« Zeichenlehrer sein Brot verdienen. So kant Kubin nach Tlündjcn. Die Alte Pinakothek versetzte ihn in einen Taumel. Er hatte vorher noch nie ein uilrflidje» Gemälde gesehen. In der Malschule lernte er mir korrekte Akte zeichnen. Eines Tages ging er in» Kupferstichkabinett. Er hatte etwas von Max K Unger gehört und lieft sich seine Radierungen vorlegen. Da» brachte den Utnfchwung. Er hatte gar nicht gemutzt, dast man als Künstler jo etwas machen könne und dürfe. „Dann kamt ich ja die Träume und Visionen, die mich Überfallen, auch so direkt zu Papier bringen!" Diese Erkenntnis durchzuckte Um wie ein Blitz. Er konnte plötzlich iinsagbare« machen. In einem Sd)assensransd) entstaitden viele Hunderte von Blättern. Kubin legt Zeichnungen au» dieser ersten Periode vor mich aus den Tisch. Man hätte damals die Entwicklung, die sein Talent genommen hat, nicht Voraussagen können, — diesen Weg in die Fälle, in da» sich immer wieder erneuernde Schassen Da ist ein verbissene» -an» unter liefen, drückenden Wolkenzügen. (Ein Wolf — aber e» ist kein Wals, on einem Wolf wüßte man doch, was man von ihm zu erwarten hättet — ein Tier, viel fremder al» ein Mots, streift lautlos vorüber, Saud stäubt hinter ihm aus. Ich erzähle Kubin, das, Id) ost mit Besuchern die Zeichnungen, die Id) von Ihm habe, ansehe und bann immer wieder da» Wort vom Vierfall hören mutz. Kubin erwidert: „Denen, die mir von Verfall reden, könnte man entgegnen: Nehmt euch vielmehr an mir ein Beispiel, wie Ich mit den Dämonen der Unterwelt fertig geworden bin. AI» Ich diese Blätter zeichnete, war Id) sehr gesährdet. Alle» vor mir war in Dunkel gehüllt. Nur indem Id) bie Gefahr darstellte, konnte ich sie bezwingen. Ich sage den Menschen mit meinen Blättern eigentlich nicht« andere« al«: So einfach, wie Ihr glaubt, ist die Welt nicht. Ick) Hebe da» Vermummt« und Maskenhafte oer Dinge. Meine Traumwelt ist so real wie die Wirklichkeit. Der Untergrund, aus dem sie aurttelgt, ist mein starke« Natur- gesicht. Aber Ich zeichne die Natur nicht ab. Was ist Natur? Zur Natur gehört für mich vor allem das Leben aus bem Lande unter primitiven Menschen. Ich lebe mit Bäumen und Tieren. Wie oft habe Ich mit meiner Frau ein Reh aufgezogen. Ein» hatten wir sechs Jahre, e« bekam mehr- mal# Junge bei uns. Es • ging zur -ochzeit In ben Wald and kam immer wieder zu uns zurück. Id) möchte bleie erste Periode nicht noch einmal durchmachen, trotzdem sie künstlerisch so sruchlbar war. Id) war zu sehr in mir selbst gefangen. Die -elrat rettete mich, sie brachte die Wendung zum Objektiven. Die Dinge um mich kamen endlich In Ord- "‘"yieue Mappen öffnen sich. Eapriccio», Tragikomödien, Idyllen, Märchen. Ein Orbis pietu» der beseelten und der unbeseelten Welt. Wo hört bas Unbcfeelte auf, wo fängt das Beseelte an? Da ist zum Beispiel die „Schletzbude", In der, wenn der Schutz gehörten hat, die Eisenbahn burd) ben Tunnel rasselt, der -Irsch springt, der Trompeter bläst ober das Schiss untergeht. Aber ber alle Boron, her da« Gewehr an die Backe legt, und die Sdüetzbudensrmt, die an ber Kasse fitzt, sind ja selber nur Figuren In dieser rasselnde» Schletzbude "j Wenn Kubin die „Feindlichen Brüder" zeichnet, so braucht der Betrachter keinen Roman dazu. Die Feitchsd)asl liegt Im Strich, in bem ausgerunbeten Rücken de» einen und bem zusammengezogenen be» "" Der' „Zauberkünstler" steht mit seinem Stäbchen verlegen lächelnd auf dem Podium. Er reift nur noch in der Provinz, sei» Frack ist abgetragen: Er weitz: auch die Provinz glaubt Ihm nld>t mehr. Aber sie lächelt dock) noch, lind so bars er auch noch lächeln Der junge Slmpllzlssimu« spielt, am Boden kauernd, In der -litte be« Einsiedler». Der yal einen uralten Schlafrock an, sitzt in einem uralten Lehnstuhl und lieft In einem uralten Buch. Ein Rade hockt auf dem Tifch, sein Schnabel ftötzt fcharf und schwarz In den Raum. Zwei Dorfmädchen verfohlen mit Ihren Pantoffeln einen weibstollen Knecht Man hört ihr brelftlmmlgeo Geschrei. Entscheidend ist da nicht die Dorsgeschichte, man könnte sie auf hundert Arten zeichnen, and keine wäre knbinlsch. Nur Kubin aber täfel ben pantortelfchwingenden nwgeren Arm auf diese Weife ansholen, und gerade auf diese Welse kounnt eo an. Braucht Kubin Geschid)ten? Er zeichnet einen allen Mutshof. Ein -euwagen steht vor der Scheune, ein Wanderer kommt müde die Stratze her ein -und drückt sich herum, Pappeln ragen auf. Nicht« passiert. Und die Zeichnung ist ebensosehr Stück der Kubinscheu Welt wie das Nachlbild wo ber nackte Elementargeist Im magischen Schein am Wege ausgllmm'l und das Pferd des Reiters scheuen macht. Kubin könnte tagelang so sortfahren und ein Blatt nad) dem andern vor mich hinlegen. Da klappert ee In der mehlbestaubten allen Mahle, bie Schlange erschreckt die jungen Vögel Im Nest, der arabische Pr nz tänzelt aus roelfeem Zelter, windige Gesellen streichen burdm Gebüsch, bie Vogelscheuchen tun sich zusammen und machen einen Ausflug, der pfeildurchbohrte Greis reckt seinen Kops klagend zum Dimmet, r.nntfche Legionäre durchreiten den Danubius, ber verbummelte Zauberer kehrt wieder Helm zu seinem alten Drachen. Kubin macht nie ins einzelne gehende Naturstudien. nur ganz kurze Bleistiftnotizen in Taschenbücher, er notiert zum Beispiel, wie ein Kopftuch ge altet wird, wie eine Baumwnrzel fld) um einen i in leg . (Es inb Stenogramme, Gedächtnishilfen, künstlerisch ganz unlntere Hanl. Er nimmt die Nalurforrnen eigentlich nur mit bem Auge ans Richt zeichnend, nur sehend srlsd)t er seinen Formenvorrat auf „Ich glaube keiner hat llch so ausschlietzlid) der Feder hingegeben und lie so tut ivlert wie ich. 2d) zeichne mH Nabenledern, Gänsesebern, Truthahnfebern, Rohr« M)ern, mit allen Arten Stahlfedern. Ich habe mir angewöhnt, mll den Federn immer zu wechseln, so vermelde ich jede Routine. Ich möchte keine Phrasen in meinem Strich haben, er soll immer von neuem errungen werden. Sehr wichtig ist auch das Papier. Es muß mir Hemmnisse entgegensetzen. Ich begreife nicht, wie man auf glattem, hartem Papier zeichnen kann. Altes Bütten versetzt mich immer in einen gelinden Rausch. Glücklicherweise konnte mir mein Vater riesige Stoße hundert Jahre alter ausrangierter Katasterblätter verschaffen, die wahrhaft unverwüstlich sind, man kann sie schaben, waschen, strapazieren wie man will. Ich glaube, ich darf auf einen schönen, gelösten Altersstil hoffen. Alles, was Effekt ist, tritt mehr und mehr zurück, alles wird Immer stiller." . Abends fitzen wir um den Tisch unter der Lampe. Kubm bringt alte Familienbilder. Schon auf einem Kinderbildnis mit der Schwester hat er das merkwürdige „mondhafte" Gesicht, von dem Carofsa so schön schreibt. Ich meinerseits möchte sagen, er hat das Gesicht eines Knaben und zugleich das eines Weifen. Wir find uns einig in der Klage darüber, daß nur noch wenig Menschen sich die Zeit nehmen, Bilder zu betrachten. Daumier zeichnete und malte noch Männer, wie sie an einem Tisch sitzen und zusammen Mappen beschauen. Solche Mappenbeschauer gibt es kaum noch. Welch wunderbare Stimmung geistiger Konzentration war darinl Wer hat heute noch Mappen, um Zeichnungen darin aufzuheben? Wer holt sie hervor? Aber die Kunst ist deshalb nicht weniger da. Wie es Menschen gibt, die fingen ober reiten miffen, so gibt es auch Menschen, die zeichnen müssen. Der eine Künstler reicht dem anderen Generationen hindurch die Hand. Der Schatz mehrt sich unabsehbar, und wie nun Kubin die Blätter zusammenschiebt, um sie in den Schrank zurückzulegen, da weiß Ich: er wird nie aufhören zu zeichnen, solange er eine Feder halten kann. Zur Taufe. Von Theodor Storm. Bedenk es wohl, eh du sie taufst! Bedeutsam sind die Namen: Und fasse mir dein liebes Bild Nun in den rechten Rahmen. Denn ob der Nam' den Menschen macht, Ob sich der Mensch den Namen, Das ist, weshalb mir oft, mein Freund, Bescheidne Zweifel tarnen; Eins aber weiß ich ganz gewiß: Bedeutsam sind die Namen! So schickt für Mädchen Liesbeth sich, Elisabeth für Damen; Auch fing sich oft ein Freier schon Dem Fischlein gleich am Hamen, An einem ambraduftigen, Klanghuften Mädchennamen. Erstes Gartenglück im Jahr. Von Karl Wagner. Endlos schien der Winter zu sein, wenn wir auch in diesem Jahr durchaus nicht das hatten, was man einen harten Winter nennt; aber nun geht dafür das Blühen um fo schneller. Die Erde dampft, wenn die warmen Strahlen der Sonne darauf fallen, wie ein frisch gepflügter Acker. Glänzend braun liegt umgegrabene Erde da, herbe duftend, immer stärker wird das Grün der Stauden und Sträucher, und oft hat man Mühe. Schritt zu halten mit dem vorwärtstreibenden Leben des Gartens. Erft sind es leise Schleier, die sich um die Zweige weben, bann verbreitern sie sich, werben dichter, unb eines Tages liegt ein grüner Schimmer über Baum unb Strauch. * In allen Schattierungen von Grün tritt es aus den Knospen heraus, untermalt mit Braun unb Rot. Die Rinbe schwillt auf im Drängen des Saftes, das Gelb der Hängeweiden leuchtet weithin, ehe der Blattbehang es wieder zudeckt. Rosa Pfirsiche, goldene Kornelkirschen und weiße Zier- kirschen stehen sonnendurchleuchtet gegen den blassen Himmel. Japanische Quitten werden zu brennenden Büschen, und gelbe Forsythien strecken ihre blütenbehangenen dünne Triehe weit herab. Der Blütenreichtum unter den Gehölzen ist reicher als meist angenommen wird. Die Rhodo- benbronblüte beginnt und erstreckt sich bis in den Juni hinein, Heckenkirschen. Schneeball, Andromeda, Sternmagnolien, Mahonien, Spiraen, Clematis. Ginster und Zierapfel geben dem Monat bas Gepräge. Wer könnte je bies eigenartige Gefühl vergessen, bas uns an einem ersten Frühlingsnachmittag überkommt, wenn die Luft schon in warmen Wellen aufsteigt unb boch noch bie Kühle ber hinter uns (iegenben winterlichen Wochen in sich bewahrt zu haben scheint! Die ersten Falter malen Farbenkleckfe auf die weißen Kissen ber Schleifenblume, Bienen summen unermüblid) von Blüte zu Blüte, hoch in ber Luft liegt ein Vogelsingen, unb Sonnenschein wechselt mit bunflen Wolken. Dieses stürmische Drängen, dies Schwanken zwischen Hell und Dunkel gehört mit zum Schönsten der Frühlingszeit. Im Aus u >d Ab dieser Äprilwochen liegt ein Reiz, wie er so leicht nicht wieder im Garten zu finden ist. * Jeder Gang durch den Garten zeigt ihn jetzt angefüllt mit bunten Tönen, wie sie das farbenhungrige Auge lange nicht mehr wahrgenommen hak. Die weißen Schneeglöckchen und Märzbecher sind nun verblüht. Sie konnten zwar schon mitten im Winter zum Teil das Aufblühen nicht mehr abwarten, aber jetzt stehen sie im Höhepunkt ihres Flors. Zwischen runzlichen Blättern schieben sich bie kurzgestielten gelben Blüten; klar leuchten sie mit ber buntleren Mitte auf dem braunen Grunb ber Erbe, kaum höher als bas nur wenige Zentimeter hohe Laub. Aber sie stehen in bichten Horsten, unb gerabe diese Primelecke gehört mit zum Schönsten des ganzen Frühlingsgartens. Ihre Nachbarn sind Leberblümchen, bie zum Teil noch ihre blauen Knospen geschlossen halten. Ausfällig ist das immergrüne Laub; dunkelgrün, daneben braun, sogar rotbraun liegen die Blätter in ihrer drei- lappigen Form am Boden. Ein warmer Tag genügt, die Knospen zum Deffnen zu bringen. Dann ist aus der Hängeform eine sechsteilige Blüte geworden, die einem mit ihrem weißen Staubgefäßkranz entgegenstrahlt. Die offene Blüte wird man aber nur während des Tages sehen, abends schließen sie sich gegen die Einflüsse der Nacht, die den Staubgefäßen schaden könnten. Es handelt sich hier um bie gleichen Kräfte, bie bie Krokus sich abenbs schließen läßt, bie noch am Tage unter den warmen Strahlen ber Sonne sich weit öffneten. Auch diese kleinen Zwiebelblüher stehen immer noch in unverminderter Kraft auf dem Rasen, auf dem sie mit ihren gelben und sogar buntetoioletten Tönen einen bunten Teppich bilden. Aber es ist gut, daß ihr Blühen in eine Zeit fällt, in ber ber Rasen noch nicht wächst. Er würbe halb bie Blüten zugebeckt haben. In ber Wirklichkeit geht es ihnen an ihrem natürlichen Stanbort, ben Alpen unb Gebirgen Süddeutschlands zwar nicht besser, ba sie hier auch Matten unb Wiesen bewohnen. Als Dritter im Bunde blüht neben Kissenprimeln und Leberblümchen der hohle Lerchensporn, ber seinen Namen von ber hohen Knolle hat. Es ist nicht gerabe ein sehr auffallenber Flor, ben die etwa 30 cm hohe Pflanze in diese Wochen schickt, aber sie wirkt reizvoll durch ihre zierlich gespornten, purpurnen ober weißen Blüten unb das zarte fein verteilte Laub. Alle diese Pflanzen fühlen sich am wohlsten, wenn sie in einem Boden stehen, auf dessen Oberfläche Jahr für Jahr das Laub ber Bäume fällt, bas fo ben schönsten natürlichen Humus bilbet. * Wenn man einmal bie in biefer Woche vorherrschenden Farbe» in der Natur an sich vorüberziehen läßt, dann stellt man leicht fest, daß das Blühen in ber Hauptsache auf zwei Farben gestellt ist: Blau mit allen Tönen unb Gelb mit allen Abweichungen zum Grün unb Braun. Wunber- voll ist bas Blau im Leberblümchen, ber kleinen, leiber viel zu wenig bekannten Frühlingsschelle mit ben oietblütigen, fast violetten Blütenähren; aber am ausgeprägtesten finbet man es jetzt im schmalblättrigen Lungenkraut (Pulmonaria angustifolia). Noch rosa in ber Knospe, geht eine eigenartige Umtönung mit ber Blüte vor sich, ©obalb sie vollgeöffnet dasteht, ist sie in ein leuchtenbes Dunkelblau gehüllt, bas doppelt auffällig wirkt, weil sich fast stets rosa getönte Knospen am Stiel mit ben weichhaarigen Blättern finben. Dieses Lungenkraut steht daher am besten auch immer allein, nicht zusammen mit dem gebräuchlichen Lungenkraut, (Pulmonaria officinalis). Wohl tritt auch hier eine Blaufärbung auf, aber sie ist boch immer überbeckt vom Rot ber Knospe, bas sich auch auf ber offenen Blüte nie ganz verliert. Die schönste Ergänzung am blaublühenben Lungenkraut ist bagegen bie Kissenprimel, benn'in biefem Zusammenklang von Blau unb Gelb liegt bie augenblicklich größte Blütensteigerung bes Gartens. Der Grunb ist wohl in ber Sattheit ber blauen Lungenkrautfarbe zu suchen, ber Einbruck gelber Kissenprimelblüten, bie neben ben kleinen Blüten des Frühlingsvergißmeinnicht (Omphalodes verna) stehen, ist lange nicht mehr so stark. Vielleicht weil bie Blüten an sich viel kleiner sind unb biefe Kleinheit auch nicht burch bie vielen Einzelblüten wettmachen können, bie sich gewöhnlich an einem Polster finben, bestimmt aber burch bie Zartheit bes Himmelblau, bas noch burchscheinenber gemacht wirb burch bie weiße Mitte. Die Blüten kommen außerdem auch kaum aus dem Laub heraus. Das Gelb liegt noch immer in ben Blüten bes Winterjasmins, dessen vierkantige, weit- auslabenbe Zweige langsam anfangen, Knospen zu spitzen. Es leuchtet aus bem Steingarten hervor, wo bas Hungerblümchen feine kleinen Blütentrauben zwischen bem Gestein über immergrünen Rosetten trägt, finbet sich Im Grüngelb ber kleinen Schaftbolbe, bie, obwohl heimisch, noch kaum den Weg in unsere Gärten gesunden hat, unb hängt mit einem leichten Braun von ber Haselnuß herab, bie ihre „Lämmerchen" im Winbe schaukeln läßt. Unb wer genau hinsieht, erkennt auch dann die etwas angeschwollenen weiblichen Knospen, an deren Spitze ein paar purpurrote Fäden heraushängen, die Narben, die immer noch auf Bestäubung durch den Wind warten, obwohl die Zeit schon weit vorgeschritten ist und die Kätzchen zum Teil schon braun werden ließ. Aber die Kornelkirsche neben ihr steht dafür noch im Höhepunkt ihres Flors. Unzählige goldgelbe kleine Blüten find hier gebüschelt am kahlen Zweig verteilt und leuchten schon von weither durch bas Unterholz, wo der Seidelbast seine letzte Schönheit zeigt Noch haben bei ihm die kleinen, dicht gedrängt sitzenden, ungestielten Blüten ihren alten, wundervollen Duft bewahrt, doch das Rosenrot der Blüten ist schon im Verblassen, und an der Spitze bringen bie ersten Blattknospen burch, bie bie Zweige bedecken. Die größte Ueberraschung aber erlebt man da, wo die Küchenschelle ihren Platz hat. Lange Zeit schien es zwar so, als ob aus den wollig-behaarten Knospen nichts anderes werden würde, nun stehen sie weit offen ba, zwar noch immer in einen seidigen Pelz gehüllt, doch darüber erheben sich die violetten Blüten, und wenn man von oben hineinsieht, bann erkennt man auch die Fülle der gelben Staubgefäße, die im Schutz der Blütenblätter auf die Insekten warten. Auch hier haben wir es mit einem ausgesprochenen Sonnenblüher zu tun, der der Sonne in ihrem Lauf folgt, unb es ist immer von neuem wie ein kleines Wunder, zu sehen, wie die Blüten mit dem Weiterschreiten des Tages sich neigen, um wieder geschlossen dazustehen, wenn der erste kühle Hauch dieser Frühjahrsabende über den Garten kommt. Beran iw örtlich vr. Hans Tbyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univ erlitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».