MhenerZamilienbliitter Nummer 87 Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l937___________ Montag, den 8. November ugenre © ROMAN mnöet von Honore de Balzac 16. Fortsetzung. »Was wollen Sie denn, daß ich tun soll?" ba§ ift "id)t '"eine Sache. - Sagen Sie es ihr „Fräulein, Ihr Herr Vater möchte seine Güter weder teilen, noch ver- noch ungeheure Abgaben für das bare Geld, das er etwa besitzt bi ahlen. Aus diesem Grund müßte er also davon Abstand nehmen, die &We’ ganzen Vermögens zu machen, das sich he.ite ungeteilt Mscheu Ihnen und Ihrem Herrn Vater befindet..." tkd zu ftirechen?"^ bie*er Sad)e 0anj i'cher, um so davon vor einem „Lassen Sie mich doch reden, Gründet." »Ja, ja, mein Freund. Weder Sie noch meine Tochter wollen mich aus- Vmdern, nicht wahr, Töchterchen?" 1 Herr Cruchot, was habe ich zu tim?" fragte Eugenie ungeduldig. . •’j*un / Ipflte der Notar, „es müßte dieser Akt unterzeichnet iverden, E ff" Sie auf die Erbschaft Ihrer Frau Mutter verzichten und Ihrem -i er den Nießbrauch der zwischen Ihnen ungeteilten Güter lassen würden, »mn bloßes Eigentum er Ihnen zusichert..." „Jäh verstehe nichts von all dem, was Sie mir sagen", antwortete Meme. „Geben Sie mir den Akt und zeigen Sie mir die Stelle, wo ich merschreiben muß." ■ Granbet sah abwechselnd den Akt und seine Tochter, seine Tochter Mi den Akt an und empfand dabei eine so heftige Gemütsbewegung, daß Mch ern paar Schweißtropfen abtrocknete, die ihm auf die Stirn getreten Töchterchen", sagte er, „wenn du, anstatt diesen Akt zu'unterzeichnen, -! " Eintragung sehr teuer ist, ohne Vorbehalt auf die Erbschaft deiner , verzichten wolltest und dich hierin auf mich verlassen für die Zukunft, piore mir das lieber. Ich würde dir dann alle Monate eine hübsche große wte von hundert Franken geben. Schau, du könntest so viel Messen lesen PIlM, als du nur magst für alle, für die bu es willst... Was? hundert Mi len monatlich, in Livres ?" j lJch will alles tun, was Sie wünschen, Vater." Fräulein", sagte der Notar, „es ist meine Pflicht, Sie darauf anfmerk- Mqu machen, daß Sie sich berauben ..." ! ^ch, lieber Gott!" sagte sie, „was macht mir das aus?" .Nuhig, Cruchot! — Es ist gesagt, es ist gesagt!" schrie Gründet, nahm >and seiner Tochter und schlug damit in die seine. „Eugenie, du nimmst F'E,Zurück,t du bist ein rechtschaffenes Mädchen, was?" ^>ßte sie überschwenglich und erdrückte sie fast in seinen Armen. urein Kind, dn schenkst deinem Vater das Leben; aber du gibst Wvieder, was er dir geschenkt hat: wir sind quitt. So sollen sich Geschäfte ' »,^'En. Das Leben ist ein Geschäft. Ich segne dich. Du bist eine tugendhafte i rZ' b’e ir,ren Papa sehr lieb hat. Tu jetzt, was du willst. — Auf morgen t sj.'ffffhot", sagte er zu dem erschrockenen Notar. „Sehen Sie zu, den '! ff Verzichtleistung in der Gerichtskanzlei gut vorzubereiten." "u nächsten Tag, gegen Mittag, wurde die Erklärung unterzeichnet, Mi? öle Eugenie selbst ihre Beraubung vollzog. Jedoch hatte der alte t öt >Ber *ro^ seinem Worte am Ende des ersten Jahres noch nicht einen ff, ""hundert Franken herausgerückt, die er seiner Tochter so feierlich i^- pochen hatte. Daher konnte er auch nicht umhin zu erröten, als Eugenie Scherz davon sprach; er stieg eifrig in sein Kabinett hinauf, kam Ute* hielt ihr ungefähr ein Drittel der Kleinodien hin, die er feinem abgenommen hatte. ftKleine", sagte er in einem Ton voller Ironie, „willst du das ffe zwölfhundert Franken haben?" Vater, wirklich? geben Sie sie mir?" si > ? ■ "ffe dir ebensoviel im nächsten Jahr bringen", sagte er und warf (dJ ;n ff Schürze. „So wirst du in kurzer Zeit alle Berlocken von ihm fty? ' fügte er hinzu und rieb sich die Hände, glücklich, daß er auf das L s^ner Tochter spekulieren konnte. [eh; ■ ^erhin fühlte der Greis, obwohl er noch rüstig war, die Notwendig- ^ Tochter in die Geheimnisse des Haushalts einzuführen. Während ii^ ^' solgenden Jahre ließ er sie in seiner Gegenwart die Einzelheiten [c „ u!e bestimmen und die Abgaben entgegennehmen. Er machte sie 'N und der Reihe nach mit den Namen und der Größe seiner Gehöfte O . N""s Jahre verstrichen, ohne daß irgendein Ereignis in dem einförmigen ff e" Eugenies und ihres Vaters besonders hervortrat. Es waren immer ff^^en Tätigkeiten, misgeführt mit der chronometrischen Regelmäßigkeit der Schlage der alten Wanduhr. Die tiefe Schwermut Fräulein Grandets war fiir niemanden em Geheimnis; aber wenn auch jeder die Ursache davon ahnen konnte, so hatte, doch niemals ein von ihr ausgesprochenes Wort die Vermutungen gerechtfertigt, die sich alle Gesellschaftskreise von Saumur ff betc"' "ff das Herz der reichen Erbin beschwerte. Ihre einzige ff ff* u"d ein paar von deren Freunden/dw Mbi» in K8 ■tm ^ni‘fe eingeführt hatten. Sie Hütten ihr beigebracht, E °u spielen und kamen jeben Abenb, um ihr Spielchen zu machen ^m J"hr 1827 war ihr Vater gelungen, ba er bie Beschwerben feiner Gebrech- Jff'".ff..Geheimnisse seines territorialen Vermögens ein- S"! mch sagte ihr, sie solle sich im Fall von Schwierigkeiten an ben N°tar Cruchot wenden dessen Rechtlichkeit er kannte. Darauf mürbe ber Hn^-eQb/^ ffes Jahres, in seinem zweinnbachtzigsten, von ffff ^ffn*8 hofallen, bie schnelle Fortschritte machte, ©raubet wurde ff"" .ff rgerm anfgegeben. Beim Gedanken daran, daß sie bald in ber Welt allem stehen würbe, hielt sich Eugenie sozusagen noch nüber rum ffff- uubschloßdies letzte Baub ber Zuneigung 7ock7fester.LNl/rem ®ebanfentrei§, mte in bcm aller liebenden Frauen, mar die Liebe itire w7e t' ffb "'cht da. Wundervoll mar sie in ihren Sorgen “ff Aufmerklamketten für ihren alten Vater, dessen Fähigkeiten anfingen ÄnJa ffffa v ff*3 sich instinktiv erhielt. Und auch der Tod dieses ffffff stach nicht von seinem Leben ab. Am frühen Morgen ließ er sich hff ffff rffn *etff Rimmers und die Tür seines Kabinetts rollen, das sicher voll Gold mar. Dort blieb er bemegungslos, aber mit Aengstlichkeit ZI ff 8a £ ff ff 'hu besuchten, bald bie eisenbeschlagene Tür. Er ließ sich über bas geringste Geräusch, bas er hörte, Rechenschaft ablegen, und zum großen Erstaunen bes Notars hörte er feinen Hunb im Hof gähnen. ®r eff ffffff seiner scheinbaren Starrheit am Tage unb in ben Stunden, mo bie Pachter empfangen Abrechnungen mit ben Meiern gemacht ober Qinttungen ausgestellt merben mußten. Alsbann bemcgte er feinen Rollstuhl, bis er sich gegenüber ber Tür seines Kabinetts befand. Er ließ sie sich von seiner Tochter öffnen unb machte barüber, baß sie heimlich selbst bie Sacfe mit Silber anfemanber stellte unb bie Tür abschloß. Dann begab er s"h seinen Platz zurück, schmeigsam, sobalb sie ihm ben kostbaren Schlüssel mtebergegeben hatte, ber immer in ber Tasche seiner Weste steckte unb beit er von Zeit zu Zeit befühlte. Inzwischen verdoppelte fein alter Freund, ber Notar,'ni Bewußtsein, baß bie reiche Erbin notmenbigermeife feinen Neffen, ff" .Präsidenten, heiraten mürbe, menn Charles nicht wiederkehrte, seine Fürsorge unb Aufmerksamkeiten: er kam alle Tage, um sich ben Wünschen @ranbet§ jur Verfügung zu stellen, ging in feinem Auftrag nach Froibfonb, zu ben Gutem, zu ben Wiesen, zu ben Weinbergen, verkaufte bie Ernten unb uermanbelte alles in Golb unb Silber, bas sich heimlich mit ben im Kabinett aufgestapelten Säcken vereinigte. Dann kamen bie Tage bes Todes- küinpfes, mo ber kräftige Körperbau des Alten mit bem Untergang rang. Er wollte m ber Ecke am Feuer sitzen bleiben, vor ber Tür seines Kabinetts. Alle Decken, bie man auf ihn legte, zog er eng an sich heran, rollte sie auf und sagte zu Nanon: „Steck das fest, fest ein, damit man mich nicht bestiehlt." Wenn er bie Augen öffnete, in bie sich fein ganzes Leben geflüchtet hatte, richtete er sie ülsbalb auf die Tür feines Kabinetts, wo seine Sckätze verborgen lagen, wobei er zu seiner Tochter sagte: „Sinb sie brin? Sinb sie brin?" mit einem Tonfall, ber eine Art panischer Furcht verriet. „Ja, Vater." „Wache über bas Gold! — Leg Gold vor mich hin." Sie breitete ihm Louis auf den Tisch aus unb so blieb er ganze Stunben, dw Augen auf bie Louis gerichtet, so wie ein Kinb, bas anfängt zu feilen, stumpfsinnig benfelben Gegenstanb anblickt; unb wie ein Kind brachte er ein mühsames Lächeln hervor. „Das erwärmt mich", sagte er manchmal, unb auf feinem Gesicht erschien ein Ausbruck von Glückseligkeit. Als ber Pfarrer der Gemeinde kam, um ihm die letzte Oelung zu spenden, belebten sich seine Augen wieder, bie seit einigen Stunben erloschen schienen, beim Anblick bes Kreuzes, ber Leuchter, bes silbernen Weihwasserkessels, ben er starr ansah unb seine Geschwulst bewegte sich zum letztenmal. Als bet Priester seinen Lippen das vergoldete Kruzifix näherte, um ihn das Abbild Christi küssen zu lassen, machte er eine schreckliche Gebärde, um es an sich zu reißen, und diese letzte Anstrengung kostete ihm das Leben. Er rief Eugenie, >ie er nicht sehen konnte, obwohl sie neben ihm niebergefniet war unb seine schon kalte Hand in ihren Tränen' Charles und bte wwen X“ « Xibten,-fite »oU Stolz auf einer Unterlage ihrem Vater zurückgetar^ten K nuääebreitet waren; und der Fmgerhut von Watte meinem Fach der T h ar^g jeden Tag mit front, ihrer Tante, den ihre Mutter benutzt yane uno einem Penelope- mem Gefühl aufsetzte, um an e dies^Gold voll Erinnerungen an werk, das nur unternommen w , m wahrscheinlich, daß Fräulein Cruchottsten des bestand, * @ie bntte ihren ordentlichen Leib, des Hauses tn allen Tonarten zu s ng "6 ,.prrn ibre erste Kamme» arzt, ihren Großalmosenpsleger, thren Kanzler, einen Kanzler, stau, ihren Premiermrmster, und vor allem I^^inen Schleppenträge der ihr alles-bedeuten wollte. Wenn gewünscht hatte, ^°"e snan ihr emen herberg fqn ^^delt wurde. Die und eine, der vor allen Kömgrnnen am emngue » Erbteil kleinen Schmeichelei geht memals von^großen Seelen a ,J \ in bie Lebens.. Geister, denen es gelingt, ich "»G »u verUemern, n Schmeichele» sphäre der Person - nzudtingen, um die s»mr« ° steckt ein Interesse. Und den Personen, die aUabenmw9 o^ genanntWurbe„ I Grandets füllten, die von ihnen F Lobsvrüchen zu überhäufen. Die!« sie dahin, diese Schmeicheleien »» lieben, die f hermiM Henm gerühmt wurden. Der eme machte dEs aufmerksam^ ^^^stens sehnt- Lp«d &ÄS 3K*w« “»■ i , Cruchots vierzigtausend Franken Rente besitzen. »rgulein v°'! i ÄÄ Ä»J rni. bartoe, »»«««« da J unten“, sagte er. ? ber Welt in diesem Haus und i Eugen.e Grandet fand sich aho a ein^a ^^heit, gehört und verhalte niemanden alsr Nanon, zu der s ba§ einzige Wesen, von standen zu werden den Bb"eben ton bem (ie von ihrem dem he um ihrer selbst willen g ; Schutzengel ür Eugenre, Kummer sprechen konnte. Die lan^/^"°^bem eine bescheidne Freundin, auch war sie nicht mehr-eme D»"°rm, sondern-me^ ba6 Nach dem Tod ihres Vaters ersuh O 3 Lj ^schasten im Kreis von sie dreihunderttnusend Uranien Jtenre m *.■ ö > > > . %urg von Saumur belaß, sechs Millionen, dte z r ^cbe8nunbjiebäig. Ferner zwei sich auf siebzehn Millionen. ) ,Wo bleibt nur mein Vetter? dachte sie. Nachlasses dem ihr Vetter getrunken hatte. i» ** * « * - W "toe to d>- «Ich- ' in diesem kalten und dunkeln Hau , . g{ebe a[g von den siebzehn war von Nantes bis Orleans von n chts die ^eoe^ats Ranon Millionen des Fräulem Gründet. e^h^ ^^urch sie mit den sechs- zwölftauhnd Franken Leibten z s k rei(i)e Partie wurde. Ehe em tausend Franken, die schon des h, Mädchens mit dem der Frau, Monat um war, vertauschte sie den Stand des über die unter dem Schutz von Anton C°rn°itte, wurde. FrauCornoiller Güter und Weinberge von Fräiüem fandet emanni wu s neummb, war ihren Altersgenossinnen ungemein überlegen. tu ) ' groben fünfzig Jahre wat, ichren sie mch z 3 dem mönchischen Züge hatten den Angriffen der Zett ftanvgeya.ren. » Gesichts- Zuschnitt ihres Lebens spottete sw d sAlter l)üb(d) ausgesehen, färbe, einer eisernen Gesundheit. -°telle 3 Häßlichkeit, erschien SSSSBr' Sie ist reich, und der Schlingel von Cornoiller tut eme« guten Griff , MM-SSSSLSK L-LM-W-S-- Tränen in den Augen: er hatte sich 'm ste m S »ae yauen^ bQ§ für trauensperson von Eugenre genoß F bnben Endlich hatte sie eine I die Wäsche des Hau es auszubessern und die Kiewervon y Nussebers und n.tSTÄÄÄÄ«.--gsffis bea Lebens"Ihre trübe und freudlose Kindheit war an der Se Mutter verflossen, deren verkanntes, verwundetes Herz immer g • Als sie das Dasein mit Freuden »erließ, bedauerte sie. dw T°chter, da ste die Gefühle einer andern Seele zu absorbieren, fte sich assimilieren, um sie reicher wieder zurückzugeben. Ohne dies ^öne menschliche^Phanomen gibt es kein Leben im Herzen, ihm fehlt dann die L f, . Macht SS' Ä »" KV SÄÄÄ * A4** SftSe manwart™ multe.Tag und Rächt tauchte sie unter im. Schoß von rwei'unendlichen Gedanken, die für fie vielleicht nut ein einziger waren Sie zog sich in sich selbst zurück, liebte und glaubte sich geliebt Seit steben Jahren hatte ihre- Leidenschaft alles andre überflutet. Ihre Schatze waren nicht Millionen, deren Erträgnisse sich anhäuften, sondern das Kastch n $ „J^, er ist ein hervorragender Mann“, sagte ein anderer, „finden L nicht auch, gnädiges Fräulein?" room, Der Herr Präsident hatte versucht, sich de,Rolle, die er sp^ anzupassen. Trotz ^wen vierzig Jahren, t tzPhysiognom«'! ben Gesicht, das vertrocknet aussah wie fast alle tunier w * »; scknuM gab ersicha'ls jungen Mann, schlenkerte nicht mehr bei Fräulem von Frmdfond, kmtt 'mmer X° tz ^mil'-^ und einem Hemd, dessen Jabot nut otogen Salten W eme u ähnlichkeit mit den Exemplaren vorn Geschlecht der Truthennen sprach vertraulich mit der schönen Erbin und nann sie. Uns ^kto bri Kurzum, wenn man von bet Anzahl ber Personen l («rnrlbet fortbeeA gesammelt ihre Bente. Wenn^Charles> au» Idem fernen. Jnb 3 n «» mrire würde er wieder dieselben Gestalten und bteieiöen । j Uo feuTben Stau des Gra'sins, zu ber guflen«#wl Güte war, blieb noch immer bestrebt die Cruchots zu pe.mg wie ehemals hätte Eugemen-! Antlitz das Bild behertscy , ^grtschn» wäre Charles dort der Herrscher gewesen. Jedoch es> gab tiom mlä(ibeti» Das Bukett, das ehemals Eugeme zu ihrem GeburMag b*br0(j)te!<1 geschenkt bekam, stand jetzt auf ber Tagesorbnung. Atte A B ftS «•' Cruchotisten zu stören, inbem sie Eugeme von dem Marquis von I lurnrf, heilen L>aus sich wieder vom Rum erholen konnte, w ihm lein Gut mittels eines Heiratskontrakts ruruckgeben woltt Grassins sprach in b°he» Tönen von der Pmrschaft, vom R^a 3 SÄWSfi ÄftE ü mch.'"«"' ro,e Obwohl Herr von Froidsond !üM,wIoh«o!t>st^Ioow0^.b^ buer aus als Herr Cruchot; er ist allerdings Witwer un v über er ist Marquis, er wird Pair von Frankreich werden, lassen sich Heiraten dieser Art suchen. Jchweißezmtt bestnnmtt daß Vater Grandet, als et alle seine Güter mtt der Beschung v ts vereinigte, bie Absicht hatte, sich ben Frmbsonds auszupfropsen mit oft gesagt. Er war schlau, der Alte. Wie ikt's möglich, Ranon“, sagte eines Abends Eugeme bej [ gehen, „er hat mir nicht einmal in sieben Jahren geschrieben. (Fortfetzung folgt.) würdige, das hatten wir schon oster erlebt, hatten wir auch schon selbst ausprobiert in den verschiedensten Varianten, sondern das Unerwartete, Merkwürdige geschah erst jetzt, als der Neue dem „Schwarzen Büffel" in die Augen schaute mit einem Blick, der nicht erkennen lieh, ob er ihm glaubte oder nicht und nur ein ganz klein wenig die Hand hob und sagte: „Sie können sich setzen". Er sagte nicht mehr und nicht weniger, es war alles was er jagte und wir wußten immer noch nicht, was wir davon halten sollten, aber es ging uns auch gar nicht mehr darum, denn er hatte „Sie" gesagt zu unserem Häuptling und das ließ uns erstaunen und erschien uns so wunderlich und merkwürdig, wie der Neue selber. Das Wunderlichste und Merkwürdigste aber geschah einige läge später, an einem schulfreien Nachmittag und von dem wollte ich ja eigentlich erzählen: . Unsere Jagdgründe waren draußen vor der Stadt, im leeren Hochwasserbett der Isar, Weidensträucher standen überall darin umher und kleine silbrige Zitterpappeln und dort spielten wir unsere wilden Knaben, spiele, warfen Tomahawk und Lasso, schossen mit Bogen und Pfeil, schlugen uns die Kopse blutig, rauchten wir unsere Friedenspseifen. Der beste Schütze aber war der „Schwarze Büffel", unser Häuptling, und sein Meisterschuß, das war der Schuß durch den Dorhangring. Einmal, ein paar Tage nachdem der Neue zu uns gekommen war, waren wir wieder, eine stattliche Horde, in den Jagdgründen versammelt und der „Schwarze Düfsel" zeigte seinen Meisterschuß. Er holte einen Ring aus der Tasche, einen Ring aus weißem Porzellan, nicht großer als der Teller einer Knabenhand, es war ein Ring, wie ihn die Hausfrauen zum Aufhängen der Vorhänge an den Gardinenstangen hatten, damals in der Zeit vor dem Kriege; der „Schwarze Büffel" also zog einen solchen Ring aus der Tasche und hängte ihn an den Ast einer niederen Zitterpappel und dann schritt er die Entfernung ab, und wir saßen im Streik der Zitterpappel und sahen gespannt auf den Rmg und der „Schwarze Büffel" legte einen Pfeil auf und spannte den Bogen und es dauerte nur die Zeit von ein paar Herzschlägen, dann schwirrte der Pfeil heran, schoß haarscharf — wir sahen es ganz deutlich — mitten durch den Ring, schoß mitten durch den kleinen Kreis des Porzellan- rings es war ein staunenswerter Schuh, ein Meisterschuh, niemand von uns hätte ihn dem „Schwarzen Büffel" nachgemacht aber dann, als wir ausblickten, stand auf einmal der Neue vor uns da, stand wirklich und leibhaftig der Neue mitten unter uns und keiner wußte, woher er o plötzlich gekommen war. Er trug auch diesmal seinen feinen Anzug mit der messerscharfen Bügelfalte, aber seine Hellen braunen Schuh« waren beschmutzt und hatten graue, schlammige Ränder von dem feuchten Schwemmsand des Hochwasserbettes, aber das schien ihn nicht anzu» fechten, er lächelte uns zu, und dann nahm er dem .^Schwarzen Bussel den Bogen aus Der Hand und lieh sich auch einen Pfeil geben und er nannte erst prüfend den Bogen und dann legte auch er em en Psett aus und zielte nach dem Vorhangring und wir starrten wie gebannt nach dem Ring und in unseren Herzen kicherte schon die Schadenfreude, aber da schwirrte auf einmal der Pfeil heran, schwirrte, weih Gott, mitten durch das runde Loch des Porzellanrings, schwirrte nicht anders hindurch, als wie bei dem Schuh des „Schwarzen Büffels" und es schlug uns das t-eri ,um Halse herauf vor Staunen und Verwunderung. Was war das nicht für ein Kerl der Mann mit der messerscharfen Bügel alte, und. den bedreckten Schuhen, der Schulsuchs, der nicht einmal unseren Prunus hatte gelten lassen wollen, er schoß mit Pfeil und Bogen als hatte er nie etwas anderes getan, aber setzt nahm er den Rmg von dem Ast und hängte ihn an eine andere Pappel, an eine sehr viel weiter ent» (ernte Pappel und dann ging er wieder zurück zu dem Anstand und gab den Bogen wieder an den „Schwarzen Büffel" und uns schwindelte vor einem solchen neuen Schuh, vor einem Schuh auf solche Entfernung, aber der „Schwarze Büffel", unser tapferer Häuptling nahm den Vogen in Empfang, nahm den Wettkampf auf Er prüfte Entfernung und ttuff die Augen ein, er blieb ganz ruhig, aber uns bangte um den Schuß und dann hob er langsam den Bogen und zielte lange und bedächtig, es schien uns, als zielte er schon zu lanae, aber dann schoß der Pstil von dem Bogen, schoß zu dem Ring, haarscharf zu dem Rmg, aber schoß nicht hindurch, schoß daneben vorbei, ganz hart daneben vorbei, es war als hätte sich der Ring bewegt, vielleicht war es der Wind, vielleicht auch hatt? ihn dkr Pfeil noch ein wenig gestreift. Das Gesicht des „Schwarzen Bükfels" wurde plötzlich blaß, er tat uns leib, unfer tapferer Haupt Hng es war ein Schuh gewesen, der sich hatte sehen lassen können es war fast unmöglich, einen besseren zu tun und überhaupt, man mußte erst abwarten, ob ihn der Neue auch nur annähernd erreichte Wir sahen J hem Neuen hin, der sich den Bogen von dem Häuptling hatte geben lassen er hatte den Pfeil schon aufgelegt, er zielte bereits nach dem Ring und unsere Herzen begannen hesti-ger zu schlagen, wir bangten, baß et treffen daß er den Sieg davontragen könnte über unseren Häuptling, ab f'elttam jetzt da e? immer noch zielte, schlich sich ein sonderbares Gefühl in Mete Angst, fast eine Hoffnung daß es so sein W a!g ,öae er unsere Herzen von dem „Schwarzen Büffel weg und zu sich heran, so wie ein kleines Stückchen Eisen durch emen f nr» keren Magnet weggezogen wird von einem schwächerem Und dann fckwttrte Plötzlich der Pfeil von der Sehne, schwirrte durch die Lust b?ran schwirrte durch den kleinen Kreis des Ringes mitten durch den vorzellanweihen, knadenhandgrohen Vorhangring, und da nur ünb mit offenem Mund, trat der Neue zu dem Schwär- ftSÄlS zurück, schüttelte ihm die Han.wmkte uns noch einmal flüchtig zu und ging langfam durch die Weiden ich ■ OSWfCS Oer Wanderer in der Sägemühle. ; Von Iustinus Kerner. . i Dort unten in der Mühle । Saß ich in süher Ruh Und sah dem Räderspiele, Und sah den Wassern zu. Sah zu der blanken Säge, Es war mir wie ein Traum, Die bahnte lange Wege In einen Tannenbaum. Die Tanne war wie lebend; In Trauermelodie, Durch alle Fasern bebend, Sang diese Worte sie: Du kehrst zur rechten Stunde, O Wanderer, hier ein, Du bifts, für den die Wunde Mir bringt ins Herz hinein; Du bifts, für den wir werden, Wann kurz gewandert du, Dies Holz im Schoß der Erden Ein Schrein zur langen Ruh. Vier Bretter sah ich fallen, Mir wards ums Herze schwer, Ein Wörtlein wollt ich lallen, Da ging das Rad nicht mehr. Oer Neue. Von Rudolf Kreutzer. Er war zu uns gekommen, mitten im Schuljahr, als unfer alter Ordinarius, der Professor Engelbrecht, an einer heimtückischen Blutvergiftung erkrankt und plötzlich gestorben war. Er trug einen Anzug aus fernstem Schneidertuch und mit messerscharfer Bügelfalte, es war_nid)t au agen, ob er alt war ober jung, fein Gesicht war scharf geschnitten, bie finger bicke Narbe eines Säbelhiebes lief quer burch dieses braungebrannte Gesicht, lief vom Ohr bis fast in den Winkel des Mundes, und feine Gestalt war straff und hager und glich eher der eines Soldaten oder Offiziers, als eines Lehrers an unserem Gymnasium. Da er, wie gejagt, ganz plötzlich zu uns gekommen war, mitten im Schuljahr, über Nacht gewissermaßen wußten wir nichts von ihm, konnten wir auch von anderen über ihn nichts in Erfahrung bringen, mar er für uns em ""besihnebenes SRIatt Wir waren wie alle Tertianer, nicht unerfahren in Der crtunoung dessen was zu wissen für uns wichtig war, wir beobachteten ihn vom ersten' Augenblicke an Sorgfältig und lauernd, lasen in seinem Gesicht, Eten den BM seiner Hellen wachen Augen, studierten die Bewegungen feiner Hände aber wir wurden nicht recht klug aus ihm, tarnen aus einem Lsühl der Verwunderung nicht ^eraus. ÜBas follte man 3unBwftnd denken, was sollte man darüber sagen, daß er ber SJeue, Won l o zu einem einzigen Satz „Der Anführer n g i wohl Gelände zu erkunden", lautete der Satz, das Yeitzt er^ya^ w anders lauten müssen, denn auf einmal jh Der. ob er Essig getrunken hätte, unb, meint«, er habe “X" ®as hätte er standen, und unser Primus sagte den S tz cy sollen, aber da auch anderes'tun sollen, wie hatte er auch ^nst sagen wuem spielte auf einmal ein halb belustigtes, h Stinmie voll beißenden Sippen des Neuen und er sprach, m hes kleinen Primus Spottes, und in dem. etwas ch^uerlich f lächerlichen Betonung das Wort „Anführer nach, mit eine g , & „Und fo etwas der Vorsilbe „An" und fetzte bann topff ) hert an, wir lächelten will hier Primus fein!" Wir fahen u„ . “ hem Musterknaben, biefe belustigt, aber wenn wir auch unserem st ’ un5 hoch nicht recht Niederlage aus ganzem Herzen gomken, I a(s Scr Anführer" wohl dabei, wir felbft hatten nie ander 0’9 -Qlter x)tt>inarius, hatte und auch der Professor Engelbrecht, uns 9 Iie& her Neue unseren nie einen anderen Ausdruck ^brauchst unj) wußten, daß jetzt Klassenletzten in der Uebersetzung fortf h Klassenletzte war der etwas Entscheidendes geschehen werde denn. ber• inanen S im „Schwarze Büffel", unser Häuptling breit und stamm g^^ sahen Stimmbruch begriffen, auf der Schule emhst nu g haß er völlig fchon an der Art, mit der er sich m fein« *ant « was nun ge- unnorbereitet war, wie immer, und erwartetes und Merkwür- schehen werde. Und es 9^4^, €t™?5f J) aUen Kriegslisten, machte biges. Der „Schwarze Büffel .erfahren m ou De^teint über den plötzlich ein schmerzgepemigtes Gesicht st einer jähen, ge- Rand des Buches hinweg ms Leere, zuy 1 - unt) stammelte mit quälten Bewegung seiner Hand an d pon fürchterlichen Zahn- leidgepreßter, gutverstellter Stimme, h Unerwartete, Merk- fchmerzen gepeinigt fei, aber bas war mcyi w Häuptling „Schwarzer Büffel" und auch der Professor Weih war em solcher, der Schuß durch den Borhangring hatte es bewiesen, aber wer der bessere Schütze gewesen ist von den Beiden damals im Kriege, das weiß ich nicht zu sagen, weiß nur, daß sie fielen, daß sie beide fielen, der eine schon bei dem Vormarsch an der Marne, der andere kaum ein Jahr später in dem mörderischen Ringen um Verdun. Monolog des Prinzen von Homburg. Von Heinrich von Klei st. Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! Du strahlst mir durch die Binde meiner Augen Mit Glanz der tausendfachen Sonne zu! Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern, Durch stille Aetherräume schwingt mein Geist; Und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt, Die muntre Hafenstadt versinken sieht, So geht mir dämmernd alles Leben unter: Jetzt unterscheid ich Farben noch und Formen, Und jetzt liegt Nebel alles unter mir ... Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet! ZRofe Arabesken. Von Wolf Justin Hartmann. Sicherlich sah er aus wie alle Kommandanten, die englische U-Boote führten. Die Insel bringt ja fast immer ihren eigenen Typ hervor; ein Typ seiner klaren, wenig vermischten Rasse war somit auch er, war blond und schlank und hoch und hatte ein glattes, hübsches, etwas schablo- niertcs Gesicht, das eher zu jung als zu alt im Rahmen seiner Aufgaben und Pflichten stand. Er rauchte und trank Whisky, er lachte selbstbewußt und spielte Fußball und Hockey und Cricket und Bridge und Poker. Er sang mit seinen Matrosen den Tipperary und den Sailing-Song. Kurzum: nichts Außergewöhnliches fiel an seiner Erscheinung und seinem Benehmen auf. Und doch muß ich bedauern, daß unsere Bekanntschaft nur so flüchtig und so andeutungsweise war. Denn er war ohne Zweifel ein ganz besonderer Kerl. Mehr als einmal hat er es fertig gebracht, vom Aegäischen Meer durch die Dardanellen zu fahren. Hinter Cap Cephalo auf Jmbros war die abgelegene Bucht, von wo er zu diesen waghalsigen Dreistigkeiten aufzubrechen beliebte. Sobald er den Eingang der Großen Rinne erreichte, faßte er noch nach Leibeskräften Luft, saugte sich toll und voll an der köstlichen, salzigen Frische, tauchte und war verschwunden. Gegen den Strom in den Engen, an Untiefen, Felsen und bald verankerten, bald treibenden Minen vorbei schob er sich langsam voran. — Verdammt! Alle Hochachtung! Er war ein tüchtiger Schwimmer! Erst in der Marmara, nach langen, gefährlichen Stunden, kam er wieder zum Vorschein, lächelte höchst befriedigt und zog eine glitzernde Furche bedächtig durch das Mondlicht. Die Furche zerlief auf der verschwiegenen Fläche, ein strudelndes Geschäume bezeichnete kurz die Stelle, wo er noch eben geweilt; er ist wieder unter Wasser. Mit angehaltenem Atem bringt er in den Bosporus ein, lauscht mit steifen Ohren, späht mit scharfen Augen nach allen Seiten aus. Kleine Wendung nach Backbord. Die Liebesinsel schimmert wie silberner Schmuck in der Ferne. Schon hat er die Ecke vorsichtig umsteuert, wo in märchenverwobener, zauberischer Pracht die Gärten des Padischah duften, die Gärten des Serail. Nun ist er im Goldenen Horn! Er kann es sich nicht verkneifen, er muß noch einmal lächeln, bevor er den Hebel herumwirft. Bösartig faucht er los, gurgelt und quirlt neckische, schelmische Bläschen in einer geraden, abgezielten, unbeirrbaren Spur. Krach! — Das hat gesessen! Eine Fontäne steigt hoch, wunderbar gewirkt aus Gischt und Stahl vnd Mauerwerk, klatscht auf die Galatabrücke. Krach! Krach! — Das große gelbe Transportschiff hat ein klaffendes Loch im Bauch. Schrecken und Wut lärmen los! Durch den aufgewühlten Hafen! Sirenen heulen, Pfeifen gellen dazwischen, Kommandos schreien heiser, Salven knattern; sie schießen, daß es funkt, jeder will ihn wo anders gesehen haben. In Galata, in Stambul, bis nach Pera hinauf springt der wüste, erregte Tumult! Geweckt ist Konstantinopel! Wieder einmal aus dem besten Schlummer gerüttelt, von diesem unbekümmerten, unverschämten Briten, der wie selbstverständlich seine Torpedos verschickt! Mitten im feindlichen Herzen! Behaglich schnurrt er in der schwarzen Tiefe. Er lächelt in seinem Turm; er raucht eine Zigarette oder macht auch ein Nickerchen. Nach getaner Arbeit ist gut ruhn. Geduldig wartet er ab, bis sie sich oben etwas beschwichtigt haben. Bis allmählich wieder die Stille auf friedlichen, sanften Schwingen über den Minaretts, den kuppelbekrönten Moscheen, steilen, engen, winkeligen Gaffen, prunkenden Plätzen, dem trotzigen Galataturm im bunten Häusergewirr und über Gärten und süßen Wassern und allen Schiffen schwebt. In unvergleichlicher, berückender, überwältigender Schönheit liegt im Glanz des Halbmonds die Stadt an den Hängen des blumigen Gestades das blendende Byzanz. Er hebt sich sacht aus seinem Versteck empor! windet sich behutsam zwischen drei Dampfern vorbei und gleitet, gleitet, gleitet, ein lautloses Biest unter Wasser, unbemerkt und unverfolgt durch L'ckst und Dunkel hinaus in die Marmara. Dort schnauft er auf und blinzelt und lächelt wie zuvor, holt Luft, soviel er kann, taucht nach dem Hellesponi, taucht durch die Große Rinne, belauert von Tod und Verderben, ist plötzlich in der Aegäis und plätschert vergnügt und gelassen nach Cap Cephalo; um neue Leckerbissen, mit Sprengstoff und Preßluft geladen, sein säuberlich zu verstauen. Für seinen nächsten Besuch btt den Schläfern am Goldenen Horn. Ein wahrer Teufelsjunge! — Gott habe ihn nun selig! Bei Tschanak-Kala in den Engen, wo der deutsche Admiral und Seebefehlshaber saß, wurde mit Anerkennung und rückhaltlosem Respekt von dem U-Bootsmann gesprochen. Mag sein sogar, er war derselbe Bursche, der einmal seine Frechheit auf die Spitze trieb und als deutscher Offizier in tadellosem Zivil und mit einem Akzent, wie er in Köln am Rhein eben üblich ist, die Herren der Militär-Mission im Tokatlian beehrte, als sie in diesem gediegenen Hotel in der Grande Rue de Pera gemütlich und ungezwungen ihre Ansichten tauschten. Und nach dem Abendessen soll eine sehr verblüffte Ordonnanz unter dem Tischtuch, dort, wo er getafelt hatte, eine Karte gefunden haben, auf der er sich artig und freundlich für die genossene Gastlichkeit und alle Auskünfte bei seinen Kameraden von der anderen Seite bedankte. Jedenfalls ging so die Sage. Zuzutrauen war ihm in seiner Tollkühnheit ja auch solcher Schabernack. Hätte er nicht allen meinen Fragen ein so beharrliches und vollkommenes Schweigen entgegenzusetzen gewußt: gewiß hätte ich aus erster-Ouelle eine nähere Information über jene Visite erhalten. Eines Tages nämlich lernte ich ihn kennen. Das war ein purer Zufall, bei einem Ritt, den ich von Sari-Tfchali nach Tschanak-Kale machen mußte. Als ich nach einer Biegung der heißen, staubigen Straße am Ort unserer unvermuteten, persönlichen Vorstellung anlangte, zog ich mit einem Ruck überrascht die Zügel zurück. Wahrhastig! Da liegt ein U-Boot ganz nahe im Hellesponi! Runter vorn Gaul! Zum Teufel! He! Mehrnedschik! Liebe Leute! Was ist mit dem U-Boot geschehen? Eine Schar freudestrahlender türkischer Soldaten umringt mich, sie fuchteln und sie reden, alle zu gleicher Zeit, sie sind außer Rand und Band: Kaputt! Kaputt! Effendim! Der Inglis ist kaputt! Allah sei Dank gesagt! Vor einer Stunde etwa haben sie ihn entdeckt, und von Tschanak Haden sie gleich geschossen! Bum! Bum! Da war er getroffen! Wenn du willst, bann rudern wir dich hinüber, Effendim. Schau es dir an, das Hundeschiff, das verfluchte! Die blauen Wellen des Pontos wispern und gluckern um uns, schillern im Schein der unbarmherzigen Sonne. Ein entbrannter Taumel von Licht wogt über dem herrlichen Strom, blinkt um den Kommandoturm und flitzt und flirrt in schaukelnden Reflexen über das Vorschiff hin. Das Achterschiff ist unter Wasser. „Alle wurden gefangen", lacht einer verbissen beim Rudern, „aber den Kommandanten, den ärgsten Hundesohn, haben wir nicht geschnappt." „Wo war der Kommandant?" frage ich den bärtigen Tfchaufch. „Effendim, er war im Turm." Der Turm hat ja ein Loch! Ein kreisrundes, ausgezacktes Loch, stelle ich fest und klettere auf den Bug und gehe auf stählernem Boden. „Wo ist denn nun der Kommandant verblieben?" frage ich noch einmal. „Effendim, er war im Turm", antwortet es wie vorher. „Als der Volltreffer kam, da war er ja gleich kaputt", ergänzt ein anderer. Als der Volltreffer kam, ein Glückstreffer des Jnnenforts bei Tschanak, aus verdecktem, schwerem Geschütz, im indirekten Schuß gegen den Turm gefeuert... Verdammt! Wie brennt die Sonne auf dem grauen Panzer. Da stand der Kommandant hinter den Apparaten und hatte den Mund am Sprachrohr und horchte auf das Beben, das fein wackeres Schifft chen durchzerrte, horchte fieberhaft, ob feine Maschine ihn wohl wieder flottmachcn könne, loslösen von diesem heimtückischen Sand, den die Strömung in den Engen hier plötzlich angeschwemmt hatte, gegen alle Erfahrung, unerwartet-hinterhältig zu seinem Verhängnis gehäuft, da hatte der Kommandant... Der Panzer speit Gluten aus! Man spürt sie durch die Sohlen. Vor meinen Augen gähnt das schwarze, verzockte Loch, mit brutaler Gewalt durch die stählerne Wand geschlagen! Von einer Riesensaust! 24-cm-Kaliber, schätze ich ab und murmele ich vor mich hin. Und starre wieder durch die zerfetzte Lücke. Da hatte der Kommandant seine kurze Pfeise im Mund, gestopft mit Navy-Cut, und krampfte feine" Kiefer, daß die Zähne knirschten. Genau so knirschte der Sand am Bug und an den Seiten; da krampfte der Kommandant seine Hände an Griffe und Hebel, daß ihm die Knöchel weiß wurden, mag fein, der Schweiß stand dick auf seiner Stirn, auf den geschwellten Adern. Die Sonne sengt mit einem flammenden Strahl! Und der Kommandant war so jung! Er wollte nicht sterben! Er hatte ja auch seine Mannschaft... Meine Augen gewöhnen sich an das dämmerige Zwielicht im Turm; schon unterscheiden sie. Sie unterscheiden nichts, als immer nur die unheimliche Leere und an der Rundung ringsum, am Boden und an der Decke: geschnörkelte, gedrechselte, verschlungene, verästelte Arabesken in einem dunklen Rot. Ein Ornament des heldischen Untergangs. Lange habe ich die merkwürdige Tapete mit stillen Augen betrachtet. Stumm steigen wir in den Nachen. Stumm fahren wir zurück. Wahrscheinlich wundern sich die Türken allzusehr über den komischen Deutschen, der wie zu einem Abschied in den Turm hineingrüßte. Viel Blut hat doch der Mensch; man sollte es nicht glauben. Und wenn man selbst noch sehr jung ist, dann kann man ja auch kaum wissen, daß sich Blut so verspritzen läßt wie in diesem Kommandoturm: in dem nichts übrig blieb, als ein künstlerischer Bewurf, der stetig trockener, härter, widerstandsfähiger wurde, ein schwarzes, verkrustetes Sinnbild. Aufrichtig bedauere ich, daß meine Bekanntschaft mit dem Kommanoanten der Großen Rinne an den Dardanellen sich auf nichts mehr und auf nichts weniger beschränkte, als auf feine Arabesken an einer Panzerwand. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.