SietzeimZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Freitag, -en 8. Oktober Nummer 78 Eugenie Hrandet ROMAN von Honore de Balzac 7. Fortsetzung. „Nanu, was haben Sie denn?" fragte er. „Aber mein Vater kommt doch", sagte Eugenie. „Nun und?" Herr Gründet trat ein, warf seinen scharfen Blick aus den Tisch, auf Charles und sah alles. „Ah! Ah! Ihr gebt euerm Neffen ein Fest, das ist gut, sehr gut, aus- gezeichnet", sagte er, ohne zu stottern. „Wenn die Katze aus ist, tanzen die Mäuse aus dem Tisch." „Fest?" dachte Charles bei sich, außerstande, die Lebensweise und die Sitten dieses Hauses zu ahnen. „Gib mir mein Glas, Nanon", sagte der Alte. Eugenie brachte das Glas. Grandet zog aus seiner Hosentasche ein Hornmesser mit mächtiger Klinge, schnitt sich eine Scheibe Brot ab, nahm ein wenig Butter, die er sorgfältig auseinanderstrich, und begann im Stehen zu essen. In diesem Augenblick tat Charles Zucker in seinen Kaffee. Vater Grandet bemerkte die Stücke Zucker, sah seine Frau forschend an, die blaß wurde, und machte drei Schritte vorwärts; er neigte sich zum Ohr der armen Alten und sagte zu ihr: „Wo habt Ihr denn all den Zucker hergenommen?" „Nanon hat welchen bei Fessard geholt. Es >var keiner da." Es ist nmnöglich, sich das ungeteilte Interesse vorzustellen, das die drei Frauen an dieser stummen Szene nahmen. Nanon war aus der Küche in den Saal gekommen, um zu sehen, wie die Dinge da liefen. Charles, der seinen Kaffee gekostet hatte und ihn zu bitter fand, suchte den Zucker, den Grandet schon weggestellt hatte. „Was suchst du, Reffe?" sagte der Alte zu ihm. „Den Zucker." „Tu' Milch hinein", versetzte der Herr des Hauses, „dann wird dein Kaffee süßer werden." Eugenie nahm die Untertasse mit dem Zucker, die Grandet schon weggestellt hatte, und setzte sie wieder auf den Tisch, indem sie ihren Vater mit ruhiger Miene ansah. Fürwahr, die Pariserin, die, um die Flucht ihres Geliebten zu erleichtern, mit ihren schwachen Armen eine seidne Strickleiter hält, beweist nicht mehr Mut, als Eugenie entfaltete, indem sie den Zucker wieder aus den Tisch setzte. Aber der Geliebte belohnt feine Pariserin, die ihm ihren zerfleischten Arm zeigt, auf dem jede verletzte Ader mit Küssen und Tränen gebadet und durch das Vergnügen geheilt wird; ivähreud Charles nie hinter das Geheimnis der tiefinnern Aufregung kommen sollte, die das Herz seiner Cousine zerriß, als sie jetzt ein Blick des alten Böttchers niederschmetterte. „Du ißt nichts, Frau?" Die arme Sklavin kam heran, schnitt sich jämmerlich ein Stück Brot ab und nahm eine Birne. Eugenie bot mutig ihrem Vater Weintrauben an, wobei sie sagte: „Koste doch meine getrockneten Trauben, Papa! — Lieber Vetter, Sie essen sie doch, nicht wahr? Ich habe diese hübschen Trauben hier für Sie geholt." „Pah! lucim man sie nicht aufhält, werden sie Saumur für dich ausrauben, Neffe. Wenn du fertig bist, wollen wir zusammen in den Garten gehen, ich habe dir Dinge zu sagen, die nicht gezuckert sind." Eugenie und ihre Mutter warfen einen Blick aus Charles, über dessen Ausdruck sich der junge Mann nicht täuschen konnte. „Was bedeuten denn diese Worte, lieber Onkel? Seit dem Tod meiner «trnen Mutter... (bei diesen Worten wurde seine Stimme meid)) gibt Es kein mögliches Unglück für mich ...“ „Mein lieber Nefse, wer kennt die Leiden, durch die Gott »ns prüfen luül?" sagte seine Tante zu ihm. . _ „Ta, ta, to, tu", sagte Grandet, „da fangen die Dummheiten schon an. isd) sehe mit Kummer, lieber Nesse, deine hübschen weißen Hände. Und er zeigte ihm die Art Hammelschultern, die die Natur ihm ans linide der Arme gesetzt hatte. u „Das sind Hände, um Taler zu sammeln! Du bist dazu erzogen worden, deine Füße in das Leder zn stecken, aus dem die Brieftaschen gemacht werden, in denen wir die Wechsel aufheben. Schlimm, schlimm!" „Was meinen Sie damit, lieber Onkel? Ich will gehängt werden, wenn 4 ein Wort verstehe ...“ „Komm", sagte Grandet. , „ , , r . „ Der Geizhals ließ die Klinge seines Messers zuklappen, trank seinen Weißwein aus und öffnete die Tür. „Lieber Vetter, Mut!" Der Ton des jungen Mädchens ließ Charles erstarren; er folgte seinem schrecklichen Verwandten, von der tödlichsten Unruhe ergriffen. Eugenie, ihre Mutter und Nanon gingen in die Küche, einer unbezwinglichen Neugierde folgend, die beiden Schauspieler dieser Szene zu beobachten, die sich in dem kleinen, feuchten Garten abspielen sollte, wo der Onkel zunächst schweigend mit dem Neffen auf und ab ging. Es setzte Grandet nicht in Verlegenheit, Charles vom Tod seines Vaters unterrichten zu müssen, aber er fühlte eine Art von Mitleid mit ihm, weil er ihn ohne Pfennig wußte, und er suchte nach Formeln, um die Verkündung dieser grausamen Wahrheit'zu mildern. Du hast deinen Vater verloren. Das ließ sich leicht sagen. Väter sterben vor den Kindern. Aber: Du bist völlig mittellos. Alle» Unglück der Erde war in diesen Worten zusammengefaßt. Und der Alte machte zum drittenmal die Tour durch den Mittelweg, dessen Sand unter feinen Schritten knirschte. Bei den bedeutsamen Umständen unsres Lebens klammert sich unsre Seele fest an den Ort, wo das Glück ober das Leid über uns hereingebrochen ist. Daher musterte auch Charles mit besonderer Aufmerksamkeit die Buchsbaumsäume des kleinen Gartens, die welken Blätter, die herabfielen, die Schäden der Mauer, die feltsamen Formen der Obstbäume und all die malerischen Einzelheiten, die seinem Gedächtnis eingeprägt bleiben sollten, ewig verknüpft mit dieser außerordentlichen Stunde, durch die eigentümliche Mnemotechnik der Leidenschaften. „Es ist sehr heiß, sehr schön", sagte Grandet und schöpfte tief Lust. „Ja, lieber Onkel, aber warum ...?" „Nun gut, mein Junge", versetzte der Onkel, 'id) habe dir schlechte Nachrichten zu bringen. Dein Vater ist sehr krank. . ." „Aber warum bin ick; hier?" sagte Charles. „Nanon", schrie er, „Postpferde! Ick) werde wohl einen Wagen im Ort finden", wandte er sich an (einen Onkel, der unbeweglich dastand. „Pferde und Wagen sind linnütz", antwortete Grandet und sah Charles an, der verstummte und dessen Augen starr wurden. — „Ja, mein armer Junge, du errätst es. Er ist tot. Aber das ist noch nichts, es gibt etwas viel Schlimmeres, er hat sich erschossen ..." „Mein Vater?" „Ja, aber das ist noch nichts. Die Zeitungen beurteilen das, als wenn sie dazu das Recht hätten. Wart, lies!" Grandet, der sich die Zeitung von Cruchot geliehen hatte, hielt den unseligen Artikel Charles unter die Augen. In bem Augenblick löste ber arme junge Mann, ber noch ein Kinb war, nod) im Alter ber unbefangenen Gefühlsäußerungen staub, fick) in eine Flut von Tränen auf. So, bas ist recht, buchte Granbet bei sich. Seine Augen ersd)reckten midj. Wo er weint, ist er gerettet. — „Das ist immer noch nichts, mein atmet Nesse", fuhr Granbet mit lauter Stimme fort, ohne zu wissen, ob Charles ihn hörte; „bas ist nid)ts, bu wirst bich darüber trösten, aber ..." „Niemals! niemals! mein Vater! mein Vater!" „Er hat dich ruiniert. Du bist ohne Geld!" „Was madjt mir das? I Wo ist mein Vater? mein Vater!" Das Weinen und Schlnd)zen tönte schrecklich zwischen diesen Mauern und wurde vom Eck-o zurückg'eworfen. Die drei Frauen weinten, von Mitleid ergriffen: Tränen sind ebenso ansteckend, wie es das Lachen sein kann. Ohne auf seinen Onkel zu hören, flüchtete sich Charles in den Hof, fand die Treppe, stieg in sein Zimmer hinauf, warf sich quer über da» Bett, vergrub das Gesicht in die Kissen und weinte, wie's ihm ums Herz war, fern Bon seinen Verwandten. „Man muß den ersten Anfall vorüberlassen", sagte Grandet, als et in den Saal zurückkam, wo Eugenie und ihre Mutter hastig ihre Plätze miedet eingenommen hatten und mit zitternden Händen arbeiteten, nachdem sie sich die Augen gewischt hatten. „Aber dieser junge Mann bringt es zu nichts; er beschäftigt sich mehr mit dem Toten, als mit dem Geld." Es schauderte Eugenie, als sie ihren Vater sich so über den heiligsten Schmerz äußern hörte. Von diesem Augenblick an begann sie, ihren Batet zu richten. Charles Schluchzen klang, wenn auch gedämpft, durch das hellhörige Haus; und seine abgrundtiefe Klage, die von der Erde herauszukommen sck)ien, hörte erst gegen Abend auf, nachdem sie allmählich schwächer geworden war. „Armer junger Mann I" sagte Frau Granbet. Ein verhängnisvoller Ausruf. Vater Granbet sah feine Frau, Eugenie unb bie Zuckerschale an; er bachte toieber an bas außerorbentliche Frühstück, bas für ben unglücklichen Verwanbten bereitet worben war, unb pflanzte sich in der Mitte des Saales auf. „Nun hört mal!" sagte et mit feiner gewohnten Ruhe. „Ich hoffe, daß Sie nicht mit Ihren Verschwendereien fortfahren, Fran Grandet. Ich gebe Ihnen nicht mein Geld, um den jungen Fant mit Zucker zu überschütten." „Die Mutter kann nichts dafür", sagte Eugenie. „Ich bin schuld, ich ..." „Vielleicht weil bu münbig bist", sagte Granbet, seine Tochter unter* brechend, „willst bu mir widersprechen? Denke baran, Eugenie .. »Lieber Vater, ber Sohn Ihres Bruders soll nicht Mangel haben an.. „Nimm dich in acht! Du wirst ihn lieben." "Ihn lieben", wiederholte Eugenie. „Ach, wenn du wüßtest, was der Vater gejagt hat." „ , , .. Charles drehte sich um und bemerkte feine Tante und Counne. Ich habe meinen Vater verloren, meinen armen Vater. Wenn er mit sein geheimes Unglück anvertraut hätte, hätten wir beide zufammenarbeiten können, um es wieder gutzumachen. Lieber Gott! Mein guter Vater. Ich habe so sicher damit gerechnet, ihn wiederzufehen, daß ich glaube, ,ch habe ihn kalt umarmt..." Schluchzen schnitt ihm das Wort ab. , „Wir wollen viel für ihn beten", sagte Frau Gründet. „Ergeben Sie sich ^Liebe'^Vetter"^sagte Eugenie, „fassen Sie Mut. Ihr Verlust ist un- wiederbringlich. So denken Sie jetzt daran, Ihre Ehre zu retten... Mit diesem Instinkt, diesem scharfsinnigen Feingefühl der Frau, die immer klug ist, felbst wenn sie tröstet, wollte Eugenie ihren Vetter über einen Schmerz wegtäuschen, indem sie ihn mit ich selbst beschjtigte. „Meine Ehre?" schrie der junge Mann aus, indem er ich mit einer heftigen Bewegung das Haar zurückstrich. Er fetzte f,ch auf fein Bett und ° ist^wah?! Mein Onkel hat mir gefügt, daß mein Vater Bankrott ihre Gedanken. , „Mama, wieviel Louis kriegt man für ein Stücksaß Wem-' „Der Vater verkauft seine für hundert bis hundertsünszig Franken, manchmal für zweihundert, hab' ich faßen hören." „Wenn nun die Ernte vierzehnhundert Stück Wem gibt? „Bei Gott, Kind, ich weiß nicht, was das macht; dein Vater spricht me mit mit von seinen Geschäften." „Dann muß Papa ja reich fein." „Möglich. Doch Herr Cruchot hat mtt gesagt, daß er vor zwei Jahren Froidsond gekauft hat. Das wird ihn festgelegt haben." Eugenie, die sich nicht mehr im Vermögen ihres Vaters auskannte, gab ihre Berechnungen aus. , , „Er hat mich überhaupt nicht mal angesehen, das Jungchen, sagte Ranon, die zurückkam. <_ . > „Er liegt wie ein Kalb ausgestreckt auf fernem Bett und »eint tote Magdalena, es ist eine wahre Ueberschwemmung. Welchen Kummer hat doch diefer arme, liebe, junge Mann!" „Gehen wir doch ganz fchnell hinaus, ihn zu trösten, Mama; und wenn es klopft, kommen wir herunter." Frau Grandet war ungewappnet gegenüber dem einschmeichelnden Klang in der Stimme ihrer Tochter. Eugenie war wundervoll, sie war Frau. Alle beide stiegen sie mit klopfendem Herzen in Charles Zimmer hinauf. Die Tür war offen. Der junge Mann fah und hörte nichts. In Tränen gebadet, stieß er unartikulierte Klagelaute aus. „Wie er seinen Vater liebt!" sagte Eugenie mit leiser Stimme. Es war unmöglich, im Tonfall dieser Worte die Hoffnungen eines unbewußt leidenschaftlichen Herzens zu verkennen. Darum ließ Frau Grandet einen Blick voll Mütterlichkeit aus ihrer Tochter ruhen, dann sagte sie ihr ganz leise ins Ohr: gemachh^ durchdringenden Schrei aus und verbarg das Gesicht in bCn„2aifen Sie mich, Cousine, lassen Sie mich! Mein Gott, mein Gott! vergib meinem Vater, er muß furchtbar gelitten haben. Es hatte etwas grauenvoll Fesfelndes, bie Aeußerung dieses Schmerzes anzuhören, der kindlich, aufrichtig, ohne Berechnung, ohne Hintergedanken Aus dem Schamgefübl des Schmerzes heraus, das die einfachen Herzen von Eugenie und ihrer Mutter begriffen, bat Charles fie durch eine Geste, ihn sich selbst zu überlafsen. Sie stiegen hinab, nahmen schweigend ihre Plätze am Fenster wieder ein und arbeiteten ungefähr eine Stunde lang, ohne ein Wort zu sprechen. Eugenie hatte mit einem verstohlenen Blick, den sie auf die Sachen des jungen Mannes warf, diesem Blick emes mngen Mädchens, der in einem Nu alles sieht, die hübschen Kleinigkeiten ,emes Toilettenkastens bemerkt, feine mit Gold verzierten Scheren und Rasier, melier. Dieser Ausblick in den Luxus, durch den Schmerz hindurchgesehen, machte ihr Charles nur noch interessanter, vielleicht nn Kontrast. N,e zuvor hatte ein so ernstes Ereignis, ein so dramatisches Schauspiel an d,e Einbildungskraft dieser beiden in eine ununterbrochene Ruhe und Emsamkeit versenkten Wesen gepocht. _ , , , * „Mama", sagte Eugenie, „wir wollen Trauer um meinen Onkel anlegen. ''.Das wird der Vater entscheiden", antwortete Frau Gründet. Sie verharrten wieder in Schweigen. Eugenie machte ihre Stiche mit einer Regelmäßigkeit, die dem Beobachter bte emsigen Gedanken ihres Nachsinnens enthüllt hätten. Der Hauptwunsch dieses prachtvollen Mädchens war, die Trauer ihres Vetters zu teilen. Gegen vier Uhr suhr cm heftiger Hammerschlag Frau Grandet in die Glieder. „Was hat denn der Vater?" sagte sie zu ihrer Tochter. Der Winzer trat fröblich ein. Nachdem er die Handschuhe ausgezogen hatte, rieb er sich die Hände, daß die Haut hätte abgehen können, wäre seine Epidermis nicht gegerbt gewesen wie Juchtenleder ohne den Geruch von Lärchenholz und Weihrauch. Er spazierte aus und ab, sah nach dem Wetter. Endlich gab er sein Geheimnis preis. „Liebe Frau", sagte er, ohne zu stottern, „ich habe sie alle erwischt. Unser Wein ist verkauft. Die Holländer und Belgier wollten heut früh abreisen, ich bin auf dem Marktplatz vor ihrem Hotel herumspaztert unb gab mir beit Anschein eines Dummerjahns. Die Sache, bte bu kennst, wickelte sich ab. Die Besitzer aller guten Weinberge behalten ihre Ernte und wollen abwarten, ich habe sie nicht daran gehindert. Unser Belgier war außer sich. Das hab' ich gemerkt. Das Geschäft ist gemacht. Er nimmt unsere Ernte zu zweihundert Franken das Stückfaß, im Durchschnitt gerechnet. Ich werde in Gold bezahlt. Die Wechsel sind ausgestellt; hier smd sechs Loms sur dich. In drei Monaten werden die Weine fallen." Diese letzten Worte wurden in ruhigem Ton gesprochen, aber mit so vollendeter Ironie, daß, wenn die Leute von Saumur s,e gehört hatten, die jetzt in Gruppen auf dem Marktplatz standen, bestürzt über die Nachricht von Grandets eben abgeschlossenen Verkauf, fie gezittert hatten; der Wein wäre infolge einer panischen Furcht um fünfzig Prozent gefallen. „Sie haben taufend Stück , Wein drefes Jahr, lieber Vater? sag Eugenie. Dies Wort war der höchste Ausdruck der Freude des alten Wmzers. „Das macht zweihunderttausend Zwanzig-Sous-Stücke?" „Jawohl, Fräulein Grandet." „Na bann, lieber Vater, können Sie ja leicht Charles helfen. Das Erstaunen, bie Wut, bie Bestürzung Belsazars, als er bas Menetekel sah, kann sich nicht mit bem kalten Zorn Granbets messen, der seinen Neffen schon vergesfen hatte und ihn nun im Herzen und m den Berechnungen seiner Tochter toieberfanb. , . . - , „Was soll bas heißen! Seitbem bieser Geck bett Fuß in mein Haus gesetzt hat, geht alles quer. Ihr macht euch üppig mit Kausen von 3udet- werk, mit Gelagen unb Schmausereien. Ich will solche Sachen nicht. Ich weiß in meinem Alter, wie ich mich zu benehmen habe, sollt ich meinen. Unb ich brauche gute Lehren Weber von meiner Tochter noch von son iemanbem. Ich werde für meinen Neffen tun, was fich gehört, und ihr ha nicht bie Nase 'reinzustecken. - Unb bu, Eugenie" fügte er zu it)t getoanb hinzu, „sprich mir nicht mehr von so was, ober ich schicke bich in bte Av-e> von Royers mit Nanon, bamit bu mich kennenlernst, unb zwar schon morgen, wenn bu muckst. — Wo ist eigentlich ber Junge? Ist er nicht ’runterge kommen?" „ „Rein, mein Freunb", antwortete Frau Granbet. „Na, was treibt er beim?" „Er beweint seinen Vater", antwortete Eugeme. (Fortsetzung folgt) Da ta ta, ta", sagte ber Böttcher in vier ansteigenden Tönen, „der . Sohn meines Bruders hier, mein Neffe da. Charles geht uns nichts an, er fint weder Deller noch Pfennig. Sein Vater hat Bankrott gemacht, und I wenn dieser Geck fich ausgeweint hat, wird er hier das Feld räumen; ich will nicht, daß er mein Haus aufrührerisch macht. Was heißt das, Bankrott machen, Vater? fragte Eugeme. "Bankrott machen", versetzte der Vater, „heißt bte ehrloseste von allen Danblunaen begehen, die einen Menschen entehren können. „Das muß eine große Sünde sein", sagte Frau Grandet, „unb unser Bruber wirb verbammt werben." Wa ja, bas sinb roieber beine Litaneien", sagte er zu feiner Frau. "Bankrott machen, Eugenie", fuhr er fort, ift ein ®iebftaljl, den das ßjefeh [eiber unter seinen Schutz nimmt. Leute haben Guillaume Grandet ihre Waren geliefert, auf seinen guten und ehrlichen Ruf; bann hat er attes weggewirtschaftet unb läßt ihnen nur noch ihre Augen zum toemen. Der Straßenräuber ist noch bem Bankrotteur vorzuziehen, benn ber greift dich an, du kannst dich zur Wehr fetzen, er riskiert feinen Kopf, wahrend d-r andre ... Jedenfalls, Charles ist entehrt. , Diese Worte drangen dem jungen Mädchen ms Herz und.lasteten da mit ihrem ganzen Schwergewicht. So rechtlich gesinnt, wie eme im Waldes- grund erblühte Blume zart ist, kannte Eugeme bte Grundsätze ber Welt nicht nicht ihre arglistigen Urteile noch ihre Sophismen; sie nahm daher btt entsetzliche Erklärung an, bie ihr Vater ihr Über den Bankrott gab, ohne bah er sie ben Unterschied wissen ließ, ber zwischen einem unfreiwilligen Bankrott unb einem aus Berechnung besteht. . ™ Ach, Vater, konnten Sie benn das Unglück nicht verhindern-" "Mein Bruder hat mich nicht um Rat gefragt; außerdem hat er vier MittioneniSchulden. eine Million, Vater?" fragte fie mit der Naivität eines Kindes, das glaubt, unverzüglich haben zu können, was es sich wunsch^Eo^,^ 1aflte Grandet, „nun, das heißt, eine Million von Zwänzig-Sous-Stücken, und man braucht fünf Zwanzig-Sous-Stücke, um itein11®ott*l ^Mein Gott!" rief Eugenie aus. „Wie konnte benn mein Onkel selber vier Millionen gehabt haben? Gibt's noch trgenbetnen andern * Menschen in Frankreich, ber so viel Millionen hat?" Vater Granbet strich sich bas Kinn, lächelte unb sem Geschwür schien sich zu blähen. , 3O,, „Aber was wird aus meutern Vetter Charles?' Er wird nach Ostindien reisen, wo et nach dem Wunsch semes Vaters versuchen soll, Geld zp verdienen." „Aber hat er Geld, um dorthin zu reisen?' „Ich werde ihm seine Reise bezahlen, bis ... ja b,s Nantes. Eugenie fiel ihrem Vater um den Hals." „Ach, lieber Vater, Sie sind so gut." . _ Sie umarmte ihn in einer Weise, die Grandet, den sem Gewissen doch ein bißchen beunruhigte, beinah beschämte. . ..Braucht man viel Zeit, um eine Million zusammen zu haben? fragte fte. Na, ich denke", sagte der Böttcher, „du weißt, was em Napoleon ift; nun gut, man braucht davon fünfzigtausend, um eine Million zu haben. „Mama, wir wollen Messen für ihn lesen lassen. „Ich dachte auch schon daran", antwortete die Mutter. „Da haben toir's wieder! Immer Geld ausgeben , rief der SBater au8. „Also hört mal, glaubt ihr, daß hier Hunderttausende zu haben fmb? In bie,em Augenblick ertönte ein burnpfer Klagelaut, noch unheimlicher als bie andern, schallte von ben Bodenräumen zurück unb ließ Eugeme und ihre Mutter vor Schreck erstarren. „Nanon, geh 'rauf nachsehen, baß er sich nichts antut , sagte Grandet. „Na, na", fuhr er zu Frau unb Tochter getoanbt fort, bte bet Jemen Worten blaß geworben waren, „keine Dummheiten, ihr zwei. Ich lasse euch allein. Ich will einmal um unsre Hollänber herumstreichen, die heut Weggehen. Dann werbe ich Cruchot aufsuchen, um mit ihm über alles bres ÄU erging. Als Granbet bie Tür hinter sich geschlossen hatte, atmeten Eugenie unb ihre Mutter erleichtert auf. Vor biesem Morgen hatte bas junge Mädchen niemals eine Hemmung in Gegenwart ihres Vaters gespurt; aber seit ein paar Stunben änberten sich jeben Augenblick ihre Gefühle unb ’ bet ntl kr mit ■Weiten H°^8ch l($) habe 'N Sie sich nst $ um Stau, die Wer übet lißte. mit einet ■ Bett und t Bankrott Gesicht in nein Gott! Schmerzes ergedanken Herbst-Elegie. Von R u d o l f S ch m i t t S u l z t h al. Tanz und Feste begehn rauschend den Ernteweg und der fröhliche Dank fchäumet in buntem Spiel über stillere Felder hoch am goldenen Garbendamm. Reine Freuden aus Glanz! Sanft mit des Abends Pracht treibt der jubelnde Tag dunkelen Ufern zu und der Fülle Gebilde, Laub und Kränze, vergilbt der Tod. O vollendetes Herz! Seligster Gluten Frucht! Ist dem strahlenden Glück nicht auch der Flamme Los auferlegt: nach den höchsten Feuergischten verzehrt zu sein? Wandelbar ist die Form, wechselnd das Farbkristall in dem Fluss« des Jahrs. Steigend und fallend trägt auch die Welle des Blutes süß des Liebenden wirre Brust. Das Vollkommen« blinkt einmal im Wogenschlag heiliger Stunden empor. Reife und Lust verprunkt im Gesälle des Herbstes mit dem leuchtenden Blätterschaum. hen Herzen eine Geste, eiflenb ihre Kinde lang, Der Mensch des Mittelalters hatte unter den Unbilden der „schlechter, ms durch tausend künstliche Mittel davor schützen. Es ist daher natürlich. Winze^ der Oer Herbst in der deutschen Dichtung. Von Annemarie von Puttkamer. :. Sie zuvor an die Ein- Einsamkeit el anlegen.* et. Stiche mit unken ihres :n Mädchens ein heftiger enj gj>end* flchtz Abi^: P ausgezM innen, Ms- den Geriq ch nach bett ille erwischt n beut' W liertunbg® nnst, w'b > unb jt äußerlich unsere Enid >t.Jch>°^ ouis sür dich über mit!- ehört h» en; bei S" i«t W „Wie der Wind so traurig fuhr durch den Strauch, als ob er weine, Sterbeseufzer der Natur ä hauchen durch die welken Haine. Kelch ein Gegensatz dazu das „Herbstbild" von Hebbel, eines tiissten Naturgedichte, die wir besitzen: „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sahl Die Luft ist still, als atmete man kaum. Und dennoch fallen raschelnd fern und nah Die schönsten Früchte ab von ledern Baum. D stört sie nicht, die Feier der Nfttur! Dies ist die Lese, die sie selber halt; Denn heute löst sich von den Zweigen nur. Was von dem milden Strahl der Sonne fallt k sich auch in der Dichtung ausdrückt, während der Herbst «in ungern psehener Gast war, zu dessen Lobe sich lange keine Stimme erhebt, frst gegen Ende der Minnesängerzeit in der zweiten Hälfte des H. Jahrhunderts, ersteht dem Herbst «in Verteidiger in dem thurgauischen kimnesänger Steinmar, der den Werbest" ausdrücklich gegen den lenz ausspielt und ihn als reichlich austeilenden Gastgeber preist, der iim den Wein in Strömen in den Schlund gießen und ihm eine große Eans an den Spieß geben soll, die ihm nicht in der Kehle stecken i eiben wird; dazu Fische, mehr denn zehnerlei, und einen guten Schweinebraten. Wir sehen also, eine recht handfeste Art von Natur- pnuß! Auch anderen Sängern ist bald der Herbst die „wahre Grundfeste" renschlicher Freuden, die Besseres zu bieten hat als Vogelfang und Slumenroonne des Frühlings. „Wünschet, daß uns nach so lichtem Maien biche Herbsteswonne komme! Kann doch niemand auf die Dauer froh |iin ohne Speise, Psasse nicht noch Laie", dichtet der Herr v. Buben- iurg. In einem fälschlich Neithart zugeschiebenen Herbstlied mit dem i: zeichnenden Titel „Neicharts Fresserei" werden Würste und Schinken w die „Blumen des Herbstes" gepriesen. Hatte das ausgehende Mittelalter so gewissermaßen den Herbst als le Jahreszeit der derben Lebensfreude literaturfähig gewacht, fo wurde t um eben dieser derben Sinnesfreuden willen geradezu zur Lieblmgs- jchreszeit der Renaissance. F i s ch a r t besingt den fruchtbaren mit Wem- l-ib bekränzten Autumnus, der seinen Verehrern Obst und Trauben in fülle reicht. Im bacchantischen Jubelton läßt W e ckh«rlin seine feu- rgen Oden auf den Wein ausströmen, geziert stelzen die Verse von fassmannswaldau dahin. Auch die Anakreonttk verherrlicht im ferbft im allgemeinen nur den Spender von Trauben und Wem. Da- 8-gen besingt Johann Heinrich Voß schon das „Klipp und Klapp der Dreschflegel und „die schön gekerbten Knollen, weiß und rot und dick b schwollen", die Kartoffeln, die die Kinder mit Gesang emsammeln. ähnliche Töne findet Matthias Claudius. . . Von nun an aber wird die Schönheit dss Herbstes mit Ange u Seele erlebt. Man denke nur an Goethes Gedicht e r b IfS e t u 0 < it dem die quellende Reife, der „Mutter Sonne brütender Scheideblick d s „holden Himmels fruchtende ^ülle klastischen AuÄiru^ f . Ukörike sieht in seinem wundervollen Gedicht „Septembermorg »verbstkräftig die gedämpfte Welt in warmem Golde fließen^ Die Ao "antik sieht wie überall in der Natur das eigene Seelenbild- auch m b'r Herbststimmung gespiegelt, doch sind es mehr die Molltone der -»hreszeit, die sie anschlägt, Wehmut- und Todesgefuhleherrschenvor. S'enau, der Sänger des Weltschmerzes, hat in seinem> Zyklus fi-r diese düstere Herbststimmung in Natur und Seele die ihm gemäßen 2öne gesunden: enen Blick Der Mensch des Mittelalters hatte unter den Unbilden der „schlechten ines jungen Jahreszeit" viel schwerer und unmittelbarer zu leiden als wir, die wir siten seines ro durch tausend künstliche Mittel davor schützen. Es ist daher natürlich, mb Rasier- d»ß er das Kommen des Frühlings mit elementarer Freude begrüßte, mbaeiehen b« sich auch in der Dichtung ausdruckt, während der Herbst ein ungern 3n Hebbel lebt schon etwas vorn modernen Raturgefsthl. Während das Mittelalter den Herbst fast ausschließlich mit Gaumen und Zunge genossen hatte, fand der Mensch der Klassik und Romantik die ästhetische und stimmungsmäßige Beziehung zu der Jahreszeit. In den letzten Jahr- zehnten des 19. Jahrhunderts aber sehen wir das Naturgefühl sich immer mehr vergeistigen. Der Mensch blickt schärfer und kritischer, er betrachtet den Vorgang der Natur im einzelnen und gewinnt ihm einen dichterischen Gehalt ab oder er erschließt durch ihn einen wesenhaften geistigen Vorgang, der sich in den Erscheinungen ausdrllckt. Einer, der die Natur so mit dem Auge des Geistes angeblickt hat und dessen dichterischer Schau wir tiefe Verse verdanken, ist Rilke. Von seinen Herbstgedichten sei hier nur eine Strophe aus den „Frühen Gedichten" genannt. „Fürchte dich nicht, sind die Astern auch alt, streut der Sturm auch den welkenden Wald in den Gleichmut des Sees, — die Schönheit wächst aus der engen Gestalt; sie wurde reif und mit milder Gewalt zerbricht sie das enge Gefäß." Etwas von der verborgenen Unruhe des mildesten und glanzvollsten Herbsttages webt durch Nietzsches berühmtes Herbstgedicht mit seinem jähen Wechsel von Rhythmus und Bild, in dem der refrainartig wiederkehrende Warnungsschrei: „Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort!" abgelöst von dem Bild, in dem die satte Müdigkeit des Herbstes eindringlich zur Anschauung kommt: „Die Sonne schleicht zum Berg Und steigt und steigt und ruht bei jedem Schritt." Ein wunderbares Beisviel für die dichterisch« Intensität des modernen Naturgefühls, das wahrhaft die Erscheinungen der Natur zum Bilde „verdichtet", ist auch das Gedicht „Alter Baum im Sonnenaufgang" von Hans C a r o | f a, das mit der Zeile beginnt „Frühnebel steigt aus einsam alten Baum", und bann schildert, wie der Baum in der Frostnacht noch „die purpurbraunen rostbespritzten Blätter" festhält, wie dann aber bei Sonnenaufgang unter der Einwirkung des Lichtes die Blätter erst einzeln leis knisternd fallen, dann alle niederstürzen „und Himmel, Himmel füllt das nackte Holz". Wie ein Strauß aus den tiefsten Farben des Herbstes berührt das Gedicht Stefan Georges: „Komm in den totgesagten Park und schau: der Schimmer ferner lächelnder Gestade, der reinen Wolken unverhofftes Blau erhellt die Weiher und die bunten Pfade. Dort nimm das tiefe Gelb, das weiche Grau von Birken und von Buchs. Der Wind ist lau. Die späten Rosen welkten noch nicht ganz. Erlese, küss« sie und flicht den Kranz. Vergiß auch dies« letzten Astern nicht, den Purpur um die Ranken wilder Reben, und auch was übrig blieb vom grünen Leben verwinde leicht im herbstlichen Gesicht." Da wurde der Hanswurst verbrannt! vor zweihundert Jahren: Oktober 1737. Von Hans Sturm. Vor zweihundert Jahren herrschte in der Messestadt Leipzig beträchtliche Aufregung, einer rief es dem anderen zu: Der Hanswurst wird verbrannt! Von wem? Von der Neuberschen Gesellschaft. Und wo? Vor dem Grimmaischen Tor. Und wer steckt dahinter? Natürlich der Professor für Philosophie und Dichtkunst, Johannes Gottsched und die von ihm geschätzte N e u b e r i n , die vor zehn Jahren eine eigene Schauspieltruppe gegründet hatte und zur Ostermesse damals nach Leipzig gekommen war. Viel mehr wußte man damals nicht von der Komödiantin, die 1697 in Reichenbach im Vogtlande geboren wurde als Tochter des Advokaten Weißenborn, mit acht Jahren Verse klassischer Stücke deklamierte, neun» zehnjährig mit dem Gymnasiasten Neuber durchbrannte, in Wanderschmieren ihrer „Schauspielersehnsucht fröhnte" und nach Jahren voller Not und Elend eine eigene Schauspieiergesellschaft auf die Beine brachte. Noch etwas wußte man: daß Karoline Friederike Neuber keine rohen, schmutzigen Schwänke, keine abgeschmackten Haupt- und Staatsaktionen pielte und nichts mehr verachtete als die herkömmlichen blöden Possen. Derweil sitzt die Neuberin in dem großen Salon Gottscheds. Der riesenhafte breitfdyultrige Mann beendet eben seine wohlgesetzte Red«: Ja, ich sehe, ich kann Ihnen, Madame, mit Fug und Recht mein müftergiltiges Trauerspiel „Der sterbende Cato", welches ich vor sechs Jahren vollendete, zur ersten Repräsentation anvertrauen. Sie sind die größte Schauspielerin unserer Zeit und werden die teutsche Schaubühne zur Perfektion führen!" Die Neuberin wehrt mit einem kleinen weißen Schnupftuch, bas sie immer, auch auf der Bühne, in der Hand hält, ein paar freudigen Tränen, während Gottsched sortfährt: „Und Ihr Plan mit dem Autodafä ist superb! Brav, Madame. Wenn wir nur erst diesen blöden Pickelhering, diesen verkümmerten Hanswurst, für immer von der Rampe verbannt haben werden!" Dann erhebt er sich, reicht ihr die Hand zum Abschied, und mit einem artigen Theaterknicks ist die Komödiantin ^"sttn" Abend pilgern mehr Leute zum Grimmaischen Tor hinaus als sonst, und vor der Neuberschen Theaterbude bei Boses Garten drangen sie sich erwartungsvoll: der Hanswurst wird verbrannt! Schon sind Die Dellampen an der Bühnenrampe angezündet, der Vorhang bewegt sich hin und wieder. In den vorderen Reihen nehmen die Frauenzimmer m(ah in Schnürleibchen, langen Wespentaillen und bauschigen Röcken mit angeschnittenen Schleppen; einige tragen hohe Spitzenfontangen, andere kostbare Seidenhauben mit kostbaren Steinen. Hinter ihnen sitzen oder stehen die Männer im Just-au-Corps, einem enganliegenden Rock mit langen Schößen, auffallend großen Aermelaufschlagen und breiton Taschenklappen, dazu enge Kniehosen, lange Seidenstrumpfe, Zierliche, mit Schnallen oder Flügelschleifen geputzte Schuhe und würdige Locken- ^Eine Schelle scheppert durch den Saal. In einem anmutigen Pagenkostüm tritt die Neuberin aus dem Vorhang, erläutert mit wenigen Worten das Kommende und gibt ein Zeichen. Langsam, ab und zu stockend hebt sich der verwitterte Vorhang in die Hohe und gibt den Blick frei auf einen Scheiterhaufen. Unter Musik wird dieser angezündet. Von rechts naht ein Zug vermummter Gestalten, die Musik wird feierlicher Einer trägt auf einer Stange den Hanswurst voran, eine Strohpuppe in einem aus vielen hundert Flicken zusammengesetzten Gewand; die Vermummten haben alle Stricke in der Hand, die der Puppe um Hals und Arme und Beine geschlungen sind Wre ein müder Altersschwacher schwankt der traurige Popanz zu dem Holzstoß hin und wird unter dumpfem Gemurmel in die rauchende Flamme geworfen. Nun fchreitet von der anderen Seite die Neuberin daher in dem Gewand der deutschen Muse, nimmt neben dem „Geloder" Aufstellung und spricht in ihrer gedehnten Art das von ihr selbst verfaßte Todesurteil, während der Rauch des Feuers durch das rückwärtige Fenster abzieht: Fahr hin, unrühmlicher altmodischer Geselle, Hanswurst und Harlekin! Du stirbst aus dieser Stelle. Mit deinem Zotenkram hast du uns lang traktieret Und unsre Sittsamkeit genügend attaquieret. Einmal stirbt alles aus, sogar die Schweinerein. Wir wollen künftighin mit Anmut ernster sein. Weitere symbolische Zeremonien folgen, alle drücken die grenzenlose Verachtung des alten Pickelhering aus, ihm wird „die Strafe für das von ihm seit Jahrhunderten angerichtete Unheil". Am Ende kommt Professor Gottsched begeistert auf die Bühne und drückt der Neuberin stumm die Hand ^"chier und da findet das mutige Vorgehen der Neuberin Nachahmung, schläft aber mancherorts bald wieder ein; immer heftiger werden ihre Gegner, darunter nicht selten gelehrte Köpfe. Sie bleibt ihren Grundsätzen treu und gerät in immer tiefere Not. Sie führt die ersten Stücke des jungen Lessing auf, aber das Volk will anderes. Kriegswirren tun das übrige, ihre Gesellschaft löst sich auf, dann stirbt ihr treuester Lebensgefährte, ihr Mann, Johann Neuber. Freunde nehmen die Verarmte auf, die sich einen kargen Unterhalt mit Gelegenheitsversen und Näharbeiten zu verdienen sucht. Was sie noch aufrecht erhält, ist der Gedanke, die deutsche Schauspielkunst durch die Verbrennung des Hanswurst auf neue, gesunde Wege geführt zu haben. Am 30. November 1760 stirbt sie. Der alte Mühle, bei dem sie wohnte, drückt ihr die Augen zu, zimmert ihr einen Sarg und bringt sie, da niemand eine Komödiantin zur letzten Ruhestätte fahren will, auf einem Schubkarren am anderen Morgen zum nächsten Pfaitrkirchhof. Weil der Pfarrer sich weigert, einer „solchen Frauensperson" den Friedhof zu öffnen, muß der Sarg Uber die Mauer gehoben werden. Schnell ist ein Grab geschaufelt, die Tote hineingebettet. Der Enkel des Alten fragt, ob die Frau eine Verbrecherin gewesen sei. „O bewähre", meint der Alte — er weiß es nicht besser — „sie war nur ein Theatermensch". Oer Bär. Ion H e r y Jl e n z e l. In dieser Geschichte geht es ein. wenig bunt zu, wie es sich eben; für Geschichten aus der Kirmeszeit gehört. Wenn die Weiber ihre farbenprächtigen Kleider aus den Schränken suchen und in den Kneipen die Schnapsflaschen von grün bis rot aus der Reihe tanzen für all die durstigen Kehlen, dann ereignet sich auch schon manches, worüber die Leute hinterher die Köpfe schütteln, und was sie sich gern immer wieder erzählen, wenn sie behaglich in anderen Stunden beieinander sitzen. _ Das war vor einigen Jahren, da im Grenzmärkischen nach einer Kette von Mißernten der Roggen sich unter der Last der Aehren tief beugte und der Weizen statt der Körner fast gleich die Goldstücke trug, die man für ihn gewinnen sollte. Es gab eine Ernte, die alle Sorgen und Nöte der vergangenen Jahre aufwog. Man weiß, wie das Bauern- volk dann zu feiern versteht, aber am besten wissen das freilich die fahrenden Leute, braunpfiffiges Zigeunervolk. Die lesen es dem Himmel ab oder schmecken es an den Winden, woher es am fettigsten weht. Genug, sie sind da, wo die Geldstücke am lockersten fitzen und wo die jungen Hähne am brutzeligsten braten. Und so kamen sie diesmal ins Grenzmärkische, rechtzeitig, und mit ihren Kartenkunststücken, ihren Zirkuspossen und allerlei Schaustellungen, mehr als geduldet. Abgesehen von einigen kleinen Betrügereien, die man seltsamerweise entdeckte und die man ihnen gutmütig nachsah, ereignete sich auch nichts oder wurde doch wenigstens nichts offenbar, weswegen man sie hätte aus den Dörfern peitschen sollen. Ihren Geigen und Tamburins hörte man schon gerne zu. So spielten sie auf den Straßen, und die Aeffchen und brummenden Bären tanzten dazu. An den Zeltwagen gab es noch mehr zu bestaunen, und in den Zirkussen des Abends erhob man sich mit auf das Drahtseil zwischen den Sternen, und in dem Gelächter über die Possen der Spaßmacher befreite man sich herrlich aus aller Arbeits- schwere. Die Zigeuner hatten es gut und die eingesessenen Musikanten nicht schlechter. Es war, als tanzte die ganze Landschaft, so scholl es aus den Dorfkrügen von Geigen und Pauke und Brummbaß. Aber dies alles wäre heute schon vergessen und kaum noch bedacht, würde nicht eines Tages die Schreckensnachricht die Dörfer durcheilt haben, in der kleinen Stadt, die zu ihnen gehörte, habe sich einer der Zigeunerbären befreit, der stärkste und böseste eben, und es sei wohl nun keiner mehr sicher vor ihm in den Aeckern und Wäldern. Von Ange- fallenen und Toten gar wollten die nächsten Berichte wissen, und die Angst war nun groß bei vielen, obwohl man es ebenso erfahren hatte, daß schon Jäger und Polizei aufgeboten waren, um das entsprungene Tier zu sangen. Gewiß würde man es bald haben, hieß es in den amtlichen Meldungen. . Zu der Zeit, eben als der Bär noch umherlres, war auch m einem der versteckteren Dörfer noch Tanz gewesen, und es war auch hier lustig wie überall zugegangen, so daß die Musikanten manchen Freitrunk bekamen und immer noch ein Stück aufspielen mußten. So kamen sie erst spät in der Nacht dazu, ihre Instrumente endgültig fortzulegen und einzupacken. Den weitesten Heimweg von ihnen hatte der Brummbaß- Spieler. Er machte sich also am frühesten auf, aber er sollte nicht weiter kommen als die anderen, die alle unterwegs liegenblieben. Als alter Vagabund jedoch hatte er sich rechtzeitig noch von der Straßk sortgeschlagen und war über eine Lichtung hin in die Tannen ge. krochen. Da wäre er wohl auch bis in den Mittag liegengeblieben, hätte ihn nicht nach Stunden schon, eben noch vor Morgen, ein aufsteigendes Gewitter geweckt und vertrieben. Soweit nüchtern war er schon wieder, um bis zum nächsten Bauernhof zu finden. Nur den Brummbaß hatte er vergessen. Als er es endlich bemerkte, war er schon glücklich in dec Scheune im Stroh, brummte verdrießlich, aber machte doch eine wegwerfende Geste, großartig wie ein König, der Im Trünke sein Reich verschenkt, und legte sich nieder, um erst mal weiterzuschlafen. So wollen wir ihn auch ruhig schlafen lassen. Denn wer uns jetzt mehr angeht, das ist der Herr Wirt vom „Goldenen Lamm", eben aus der kleinen Stadt, aus der der Bär entlief. An diesem Morgen war es, zur Zeit, da das Gewitter stch schon entladen hatte, daß er nach feiner Doppelbüchse griff und beschloß, auf Jagd zu gehen. Seine Frau tarn gerade dazu, wie er den Hut aussetzte und sich zur Tür wandte. Sie war erschrocken und erstaunt zugleich, denn sie glaubte nichts anderes, als daß er entschlossen fei, den Bären auszutreiben und zu erlegen. - „Mann", rief sie gleich, „willst du denn gar nicht an deine Frau und Kinder denken. Den Bären! Dich hat es wohl?!" Mein Gott, was war in ihn gefahren, der doch sonst alles bedachtsam überlegte, der auf alles ein Wenn und Aber halte, wenn sie am Biertisch politisierten. „ „ , Er warf die Türe zu und schritt hinaus, em Held, den ihr Wehklagen nicht zurückrufen konnte. Nun müßt ihr wissen, daß er an das Gezeter seiner Frau schon gewöhnt war, daß er, als er sie diesmal nur kommen hörte, schon gleich Einwendungen ahnte und so seine Ohren taub stellte und schnell ihr ent- sloh, ohne auch nur eins ihrer Worte richtig aufzunehmen. Zudem hatte er die Nacht durchgezecht, und sein Schädel war so voll Bienen, daß das auch so gar nicht verwunderlich war. Ihn hatte es eben Überfällen, auf Jagd zu gehen, und so war er hinausgekommen. Der Bär fiel ihm erst ein, als er schon mitten im Walde war. Da war er mit eins wieder nüchtern. Da stand er nun, der Wirt vom „Goldenen Lamm", und der Wald war gleich stiller noch, und sein Herz konnte er schlagen hören. Wo war wohl der Bär? Leise suchte der Jäger wieder vom Walde weg auf den Weg zu kommen. Aber da hielt es ihn bald. Dicht an der Lichtung, beinah am Wege, dort, wo wir wissen, der alte Musikant seinen Brummbaß unter den Tannen hatte stehenlassen, da packte es den Wirt, daß er vor Schrecken wieder verhielt. Ja, da brummte der Bär nun. Ja, da stand er groß und braun unter den Tannen, ein Untier. Jedesmal, wenn der Wind einen der Tannenzweige über die Saiten des Brummbasses trieb, brach dem kühnen Jäger neuer Angstschweiß aus. Brumm! machte der Brummbaß. Brumm! murrte der Bär hin zum Wirk. Nun mußte er handeln, nun mußte er das einzige versuchen, was ihn noch retten konnte, nun mußte er schießen. Brumm! machte der Brummbaß. Brumm! murrte der Bär. Da knallte es auf, und noch einmal knallte es und noch einmal. Uno da fiel dann der Brummbaß, da fiel dann der Bär. In die Stadt zurück raste der glückliche Schütze, der Retter der Bauern und Bürger. Wen er nun traf, der erfuhr es, hastig ihm zuzurufen. Der Bär «ft erledigt, der Bär von ihm getroffen, der ihn fast selber zerfleischte. „Unmöglich!" sagte der Bürgermeister. Aber der Wirt vom „Goldenen Lamm" versicherte es immer wieder. Ha, abends sollte es einen Fest' schmaus bei ihm geben. Die lachenden Gesichter der Gerichtsschreiber und Polizisten mußte er sich ja ganz anders deuten, denn er wußte es j» noch nicht, daß der Bär heute morgen verhungert und friedfertig, j«, man kann sagen, reumütig fast, bei den Zeltwagen der Zigeuner von selbst wieder sich eingefunden hatte. Und das sagte man ihm auch jetzt noch nicht. So schadenfroh können die Menschen sein, wenn sich einer wie ein Held gebärdet und nicht ahnt, wie komisch er wirken muß. Ja, es tot noch der Bürgermeister ein übriges dazu und fuhr mit dem „Goldenen-Lamm"-Wirt zur Stätte seiner Heldentat hinaus. Da war freilich der Bär nicht zu finden. Aber der alte Musikant stand da und hielt bekümmert seinen zertrümmerten Brummbaß in den Händen. „Sehen Sie, Herr Bürgermeister", sagte er, „sieh mal, Lammwnt, hier hatte nun ich auch gelegen, hätte mich das Gewitter nicht rechtzeuig geweckt. Da ist nun der Blitz bloß in den guten alten Brummbaß 9e‘ fahren." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Srudt «nd Verlag: Drühlfche UniversitätSbruckerei R. Lange, Gießen.