SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang J(937 Montag, -en 8. Februar Nummer N Der Gtechßin Vornan von Theodor Fontane 5. Fortsetzung. V »Guten Morgen, Krippenstapel", sagte Dubslav. „Ich bring Ihnen „Sehr schmeichelhaft, Herr Barom." „Ja, das sagen Sie; wenn s nur wahr ist. Aber unter allen Umständen lassen Sie den Baron aus dem Spiel ... Sehen Sie, meine Herren, mein Freund Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich „f)err von Stechlin" (den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich ist, nennt er mich .gnädiger Herr". Aber sowie ich mit Fremden komme, betitelt er mich .Herr Baron". Er will was für mich tun." Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile die Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen Wohnstube geöffnet und bat die Herren, eintreten zu wollen. Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in die Hand, aber stützten sich nur auf die Lehne, während das Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. „Sagen Sie, Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus." „O, gewiß geht es, Herr von Stechlin." „Ja, hören Sie. wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde ..." „Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal ein Bürge- meister, achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber nicht nennen, der sagte: .Wenn ich meinen Stiesel ans Fenster stelle, regier ich die ganze Stadt". Das war mein Mann." „Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand es. Ueber- haupt immer in der Furcht des Herrn. Dann geht alles am besten. Der Hauptregente bleibt doch der Krückstock." „Der Krückstock", bestätigte Krippenstapel. „Und dann freilich die Belohnungen." „Belohnungen?" lachte Dubslav. „Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn die her?" „0, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge bloß nen Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann kriegt er ne Wabe/ „Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh beim Frühstück gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei gesagt, Sie wären der beste Imker in der ganzem Grafschaft." „Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, ich versteh es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit zu sehen — es ist jetzt gerade beste Zeit." Alls waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den Flur bis in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht altmodische Bienenkörbe, sondern richtige Bienenhäuser, nach der Dzierzonschen Methode, wo man alles herausnehmen und jeden Augenblick in das Innere bequem hineingucken kann. Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und Czako waren ganz aufrichtig interessiert. „Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel", sagte Czako, „nun bitte, geben Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das eigentlich mit den Bienen? Es soll ja was ganz Besondres damit sein." „Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist eigentlich feiner und vornehmer als das Menschenleben." „Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? Was Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht. Indessen, wie's damit auch sei, ,ja" oder .nein", Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich habe mal gehört, die Bienen sollen sich auf das Staatliche so gut verstehen; beinah vorbildlich." „So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, worüber sich als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich in jedem Stück drei Gruppen oder Klassen. In Klasse eins haben wir die Königin, in Klasse zwei haben wir die Arbeitsbienen (die, was für alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse drei, haben wir die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr eigentlicher Beruf steht. Denn im übrigen tun sie gar nichts." „Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht vorbildlich genug." „Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so dagesessen und gearbeitet oder auch gefchlasen. Und nun komint der Frühling, und das erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am mächtigsten aber die Klasse eins, die Königin. Und sie beschließt nun. Mit ihrem ganzen Volk einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für fie persönlich sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich es nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der Ferse sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen einen Tänzer, der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch intimere Stellung zu ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde kehrt die Königin und ihr Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurück. Ihr Dasein hat sich inzwischen erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen wird geboren, aber weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein für allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin als fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen lieben nur einmal. Die Bienenkönigin liebt und stirbt." „Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem Prinzefsinnen- Tänzer, dem Prince-Consort, wenn dieser Titel ausreicht?" ,-,Diefer Tänzer wird ermordet." „Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter dieser letzten Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder -zusammen. Das ist ja schlimmer als der Heinesche Asra. Der stirbt doch bloß. Aber hier haben wir Ermordung. Sagen Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?" „Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre ganze Kultur hangt, kann nicht strenger und Überzeugender demonstriert werden. Ich finde es großartig." Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, weil in diesem Augenblick Dubslav darauf aufmerksam machte, daß man noch viel vor sich habe. Zunächst die Kirche. „Seine Hochwürden, der wohl eigentlich dabei sein müßte, wird es nicht Übelnehmen, wenn wir auf ihn verzichten. Aber Sie, Krippenstapel, können Sie?" Krippsnstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem schlug die Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte man, wie's drinnen in der Klasse lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen über den Flur weg auf die Straße stürzten. Draußen aber stellten sie sich militärisch auf, weil sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige Herr gekommen sei „Morgen, Jungens", sagte Dubslav, an einen kleinen Schwarzhaarigen herantretend. „Bist von Globsow?" „Nein, gnädger Herr, von Dagow." „Na, lernst auch gut?" Der Junge griente. „Wann war denn Fehrbellin?" „Achtzehnte Juni." „Und Leipzig?" „Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns " „Das ist recht, Junge ... Da." Und dabei griff er in feinen Rock und suchte nach einem Nickel. „Sehen Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein Spötter, soviel hab ich schon gemerkt; aber so muß es gemacht werden. Der Junge weiß von Fehrbellin und von Leipzig und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort. Und rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer hätte oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn Ordnung und immer feste. Na, so lange ich hier sitze, so lange hält es noch. Aber freilich, es kommen andre Tage." Waldemar lächelte. „Na", fuhr der Alte fort, „will mich trösten. Als der alte Fritz zu sterben begann, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. Und sie steht immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf, ein bißchen zu sehr. Aber immer besser als zu wenig." Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht: schwarzer Rock mit dem Jnhaberband des Adlers von Hohenzollern, den ihm sein gütiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in der Eile nicht hatte finden können, trug er eine Mütze von sonderbarer Form. In der Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchsnschlüssel, der wie ne rostige Pistole aussah. Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal gegenüber. ' Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte sein Pin- cenez auf und musterte. „Sehr interessant. Ich setze das Portal in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau. Wenn mich nicht alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen wir zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von Stechlin, existieren Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat Adler, unser bester Kenner?" Dubslav geriet in eine kleine- Verlegenheit, weil er sich einer solchen Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. „Herr von Quast war einmal hier, aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich von 'Wränget spreche, mein ich natürlich nicht unfern .Vater Wrangel', der übrigens auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel ... Und außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber Sie. Krippenstapel, was meinen ©t»9" Rex, Wer den plötzlich envas von Dienstlichkeit gekommen mar, zuckte zusammen. Erlitte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn nicht als an einen Wissenden, so doch als an einen Ebenbürtigen, und daß jetzt Krippenstapel ausgefordert wurde, das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht passend erscheinen. Ueberhaupt, was wollte diese Figur, die doch schon stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über die Bienen und namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince-Confort gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde dies Schulmeister- Original auch noch aufgefordert, über bauliche Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und nun kam Krippenstapel! Wenn man durchaus wollte, konnte man das alles patriarchalisch finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war Krippenstapel — der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte — keineswegs angetan, die" kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, wieder glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frag«: .Krippenstapel, was meinen Sie", ganz ernsthaft aus unb sagte: „Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin zu widersprechen wage. Dieser Grasfchaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter, und wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. Ich möchte hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, soviel ich weiß, unwidersprochen geblieben sind." Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem Ministerial- assesior und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen; Waldemar aber empfand, daß es höchste Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte: nichts sei schwerer, als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen — ein Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen schienen —, und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst einzutreten, als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu debattieren. Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete die Kirche mit seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein. 6. K a p i t« l . Gleich nach zwölf — Woldemar hatte sich, wie geplant, sck>n lange vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den andern Herrn getrennt — waren Dubslao, Rex und Czako von dem Globsower Ausfluge zurück, und Rex, feiner Mann, der er war, war bei Pasfierung des Vorhofs verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten, um ihr, als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten „grünen Glashütte", seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er ging dabei so weit, von „Industriestaat" zu sprechen. Czako, der gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war mit allem einverstanden, nur nicht mit seinem Spiegelbilde. „Wenn man nur bloß etwas besser aussähe ..." Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und versicherte: „Ja, Rex, Sie sind ein" schöner Mann, Sie haben eben mehr zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was Übrig." Oben auf der Rampe stand Engelke. „Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor schon da?" „Nein, gnäd'ger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken." „Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten wollen wir auch nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als ich dachte: das heißt: eigentlich war es nicht weiter, bloß die Beine wollen nicht mehr recht. Und hat solche Anstrengung bloß das eine Gute, daß man hungrig und durstig wird. Aber da kommen ja die Herren." Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber, über die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof eintraten. Rex ging ihnen entgegen. Dubslao dagegen nahm Czakos Arm und jagte: „Nun kommen Sie, Hauptmann, wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns einen guten Platz ausfuchen. Mit der ewigen Veranda, das is nichts; unter der Markise steht die Luft wie ne Mauer, und ich muß frische Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind si« doch ein Segen. Wenn ich slr.zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches." ■ . Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, an eine Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem Poetensteige gerad gegenüber. „Sehen Sie hier, Hauptmann, das wäre so was. Niedrige Buchsbaum- wand. Da haben wir Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muh ich mich auch hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. Was meinen Sie?" „Kapital, Herr Major." „Ach, lassen Sie den Major. Mchor klingt immer so dienstlich ... Also hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien oder was gerade blüht in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind ganz gut, ober doch sozusagen unterm Stand und sehen immer aus wie'n Bauerngarten. Und dann mache dich in den Keller und hol uns was Ordentliches herauf. Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack." „Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von Stechlin; ober ich möchte mich für Uebereinftimmung schon jetzt verbürgen." Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor vom Gartensalon her auf die Veranda-hinausgetreten, und Dubslao ging ihnen entgegen. „Guten Tag, Pastor. Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von Ihnen annektiert werden." „Aber, Herr von Stechlin . . . Ihre Gäste . . . und Waldemars freunde." „Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangssormen und Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht nicht weit. Was der Mensch am ehesten durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und wer sie nicht durchbricht, der kann einem auch leid tun. Wie geht es denn in der Ehe? Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen wahrt, wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht, Leidenschaft ist immer siegreich." „Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich ..." „Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschastsleidenschaft, Orest und Pylades — so was hat es immer gegeben. Und dann, was noch viel mehr sagen will, Sie haben nebenher die Konspirationsleidenschaft .. ." „Aber, Herr von Stechlin." „Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es zurück; aber Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft. Und das ist eine der größten, die es gibt Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen sind, da können Rex und Czako warten, und da kann selbst ein warmes Frühstück warten. Sagt man noch Dejeuner ä la fourchette?" „Kaum, Papa. Wie du weiht, es ist jetzt alles englisch." „Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch recht gut so, wiewohl unsere Vettern drüben erst recht nichts taugen. Selbst ist der Mann. Ader ich glaube, das Frühstück wartet." Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und zwei an der Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte Engelke den Tisch arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste herantraten. Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte Längsseite man frei gelassen hatte, was allen einen Ueberdlick über das hübsche Gartenbild gestattete. Dubslao, das Arrangement muftemb, nickte Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen habe. Dann aber nahm er die Mittel- fchüffel und sagte, während er sie Rex reichte: „loujours perdrix.“ Das heißt, es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon gestern abend. Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen? Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaub«, nicht einmal Tucheband wird uns helfen können." Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslaos Vermutung über französische Vokabelkenntnis. „Wir kamen übrigen", fuhr dieser fort, „dicht vor Globsow durch einen Dohnenftrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel in den Schleifen, was mir auffiel, und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten Krippenstapel zuschreiben muß. Es wäre doch nie Kleinigkeit für die Jungens, den Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor. Was meinen Sie, Lorenzen?" „Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von Stechlin, Sie dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen." Dubslao lochte herzlich. „Da haben wir wieder die alte Geschichte, Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum, und jeder Pastor paftort über seinen Schulmeister. Ewige Rivalität. Der natürliche Zug ist doch, daß die Jungens nehmen, was sie kriegen können. Der Mensch stiehlt wie'n Rabe. Und wenn er’s mit einmal unterläßt, so muß das doch nen Grund haben." „Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern. Was sollen sie mit nem Krammetsvögel machen? Für uns ist es eine Delikatesse, für einen armen Menschen ist es gar nichts, knapp so viel wie'n Sperling." „Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit dem .Patrimonium der Enterbten' im Anschlag: Sperling, das klingt ganz so. Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel die Jungens brillant in Ordnung hält; wie ging das heute Schlag auf Schlag, als ich den kurzgeschorenen Schwor,ziopp ins Examen nahm, und wie stramm waren die Jungens und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow wicdersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt in allem. ,Frei, aber nicht stech', das ist so mein Satz." Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren, waren neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezöge. „Was hat denn", fragte Woldemar, „die Globfower Jungens mit einemmal zu so guter Reputation gebracht?" „O. es war wirklich scharmant", sagte Czako, „wir steckten noch unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe hörten, und kaum daß wir auf einen freien, von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren (eigentlich war es wohl schon ein großer Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten in einer Bataille." Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: „Aus unserer Seite stand Die bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei, deren weiterer Angriff aber wegen der guten gegnerischen Deckung mit einem Mal« stoppte. Kaum zu verwundern. Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend ein großes Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da standen sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden Kastanien geführtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schüsse gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel auf di« Ballons nieder. Ich hätte dem Spiel, ich weiß nicht wie lange, zusehn können. Als man unser aber ansichtig wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken auseinander. Ueberall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, da fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei." Dubslao hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört. „Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie können mit nem Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden." „Ja", sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Siche lassend, ,chas tut unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung." „Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am wenigsten für einen korrekten Aktenmenschen." (Fortsetzung folgt.) An Dich. Von Carl Wolsf. Gestern nacht, ich hatte kaum meine Augen zu, schon erschienst du mir im Traum als ein Känguruh. Hüpfen konntest du possierlich, und du warst apart gebaut, und du fraßest sehr manierlich lauter grünes Kraut. Auch am Tage säh ich dich gern mal ab und zu so als Känguruh, denn du warst im Traum für mich ein ganz neues Du. Rheinischer Karneval. Von Walter Henkels. Dünnes und Schäl, die beiden weitbekannten rheinischen Originale, ergehen sich in Köln. Tünnes grüßt ehrerbietig jeden, der ihnen begegnet. Fragt Schäl: „Sag, Tünnes, woröm de—ist de bat?" (Warum tust du das?) — „Och", antwortet Tünnes, „en der Fastelooenszick dun ich bat immer, wer weiß, ob et nit ene Präsident es!" (In der Fastnachtszeit tue ich das immer; denn wer weiß, ob es nicht ein Präsident ist!) Damit sind wir schon in das Narrenschiff eingestiegen, das da schaukelt zwischen Scherz, Ernst, Satire und tieferer Bedeutung, und damit ist schon angedeutet, was es mit dem rheinischen Karneval auf sich hat. Es ist jener wunderbare, schmackhafte Humor, jene unbedingte Lebensfreude, die hier zu Hause sind. Witz und Spott und Selbstverlachung, Weisheit und Torheit stehen dicht beieinander. Kaum irgendwo hat das Volk in diesen Tagen mehr'' Mutterwitz, nirgendwo ist die Ausgelassenheit größer. Das Herz wird jedem Rheinländer warm, wenn er einen der alten und doch ewig jungen Karnevalsschlager vernimmt, wenn er z. B. den „treuen Husaren" anmarschieren sieht. Das rheinische Brauchtum zur Fastnachtszeit ist nach den einzelnen Landschaften verschieden. In den Großstädten findet die sogenannte .^Inauguration" des Karnevals bereits am 11. im 11. statt. Die Kölner selber nennen es Beginn der „Session". Sie beginnt mit großen Bällen innerhalb geschlossener Gesellschaften. Des Karnevals Anfang ist eigentlich jedoch erst am Donnerstag vor Fastnacht. Es gibt wohl keine rheinische Stadt, die ihn nicht prunktvoll feiert. Aber auch auf dem Lande feiern sie ihn, so z. B. in Hunsrück und Eifel, wo sie diesen Tag den „Decken- donnerschdiesch" nennen, den „fetten" Donnerstag, an dem sie „fett" leben und wenig arbeiten. Der rheinische Schalk geht dann schon um. Alt und jung setzt sich zusammen, verulkt sich und tut Bachus und Gambrinus ordentlich Bescheid. Die Jugend zieht um, singt und juchzt und läßt sich Mehl und Eier schenken. Gehörig wird der Donnerstag dort gefeiert, wo die Weiberfastnacht zu Hause ist. Und das ist in nicht wenigen großen und kleinen Städten der Fall. An diesem Tag führt „met Jejuuts un vil Buhei" die Frau das Regiment, und besonders nimmt man an diesen Tagen die Junggesellen aufs Korn. Im Bergischen Land und am Niederrhein veranstaltet die Jugend .Zeloch", ein Gelage mit Tanz und Spiel. In einigen Gegenden des Niederrheins zieht der „Aäzebär" von Haus zu Haus, ein in Erbfen- stroh gehüllter Bursche, von der Kinderschar mit Gejohls begleitet. Der Chronist will wissen, daß man sich am Niederrhein früher gegenseitig schlug, man nahm einen sogenannten „Vuebuch", einen Wacholderbusch, oder Zweige der Stecheiche, womit sich Knechte und Mägde Schläge versetzten. Der Brauch soll auf einen alten Fruchtbarkeitszauber zurückgehen. In Dülken am Niederrhein besteht seit Jahrhunderten die „Berittene Narrenakademie", die sogenannte „Erleuchtete Monduniversität", die früher bewährte Mitglieder auf Grund voraufgegangener Prüfungen zu Rittern oder Professoren ernannte oder mit dem Doktorhut zierte. Die Doktorwürde wurde o. a. auch Goethe verliehen. Bei diesen akademischen Sitzungen ging es in Dülken lebhaft zu. Das Neujahrsfest der akademischen Zeitrechnung, nämlich das junge Licht, die Neumondszeit, wurde besonders festlich gefeiert. Die akademische Satzung gebot, daß die Teilnehmer bei Neumondzeit auf einem Steckenpferd um eine Windmühle reiten mußten. Heftig und laut ist das Getriebe in den Großstädten, besonders in Köln und Düsseldorf, in Koblenz, Aachen und Trier und im goldenen Mainz. Hier wird es in diesem Jahre besonders lustig zugehen; denn die „Mainzer Ranzengarde" feiert ihr lOOjäfjriges Bestehen. Einen „Ranzen", d. h. einen Umfang von 6 Fuß, das sind rund 2 Meter, und dazu ein Mindestgewicht von 2 Zentner mußten die „Rekruten" früher aufweifen, wenn sie in dieses „Ranzengardebataillon" eingestellt werden wollten. In den Fastnachtstagen ist alles, groß und klein, arm und reich, von einer unbeschreiblichen Narretei befallen. Der Fremde, der herkommt, will es einfach nicht glauben, was da an Witz und Spott, an Einfalt und Weisheit produziert wird. Ein einziger Optimismus hat das Volk befallen. Jeder und jedes beherzigt die Parole: Freut euch des Lebens! Wer einmal in einer der großen Städte einen Rosenmontagszug erlebte, wer einer Proklamation „Seiner Tollität des Prinzen Karneval" beiwohnte, wer die geistvollen Reden und Moritaten aus der „Bütt" vernahm, wer die prunkvollen Fremdensitzungen sah, der wird, so oder so, einen Abglanz des Lachens, das er erlebte, mitnehmen in den Alltag. Die Rosenmontagszüge sind wahre Narrenzüge. Was sie in einem langen Jahre ausgebrütet haben, alle wesentlichen Dinge, die sich im letzten Jahre auf unserem nicht immer schönen Planeten zutrugen, werden originell und mit viel künstlerischem Geschmack verarbeitet und nehmen auf unzähligen Festwagen Gestalt an. Die Rosenmontagszüge sind meist unter einem bestimmten Motto aufgezogen. Die Kölner z. B. nennen ihren diesjährigen Zug „Märchen und Sagen aus aller Welt", die Duisburger „Schlager auf Schlager". In Düsseldorf geht der Umzug am Rosenmontag unter der Bezeichnung „Lachendes Volk"; in Mainz heißt die Parole „Neunmal elf im närrischen Flug". UeberaU herrscht die schönste Maskerade. In allen Straßen und Gassen tummelt sich das Narrenvolk. Auch die Kinder machen begeistert mit. Wer nicht kostümiert und maskiert ist, trägt wenigstens eine große bunte Papierblume im Knopfloch oder führt eine „Pritsche" aus Holz oder Pappe mit, womit er feinem Nächsten eins versetzt. Auf allen Straßen fchunkeln sie zu den Karnevalsschlagern. Fremde, die zu Hunderttausenden in die großen rheinischen Städte strömen, sind bald im großen Meer des Karnevals untergetaucht. Die kostümierten Stadtsoldaten, die vielerlei Garden in unwahrscheinlich prunkvollen Uniformen nehmen manch hübsches Mädchen gefangen, und nur gegen ein Lösegeld, einen Butz, d. h. einen ordentlichen Kuß, wird es wieder freigegeben. Konfetti und Papierschlangen durchflirren das Gewoge. Und über allem thront er, der Herrlichste von allen, umgeben von einer Ehrengarde, die in ihrer Farbenpracht ihresgleichen sucht: Prinz Karneval. Sein Schutzpatron ist, kurz gesagt, der heilige Narrikus. Ernst ist das Leben, hetter der „Fasteier", möchte man mit dem Dichter sagen lassen. Er herrscht als souveräner Fürst an diesen vier, fünf Tagen uneingeschränkt. - Und am Ende, am Aschermittwoch, trifft sich das Narrenvolk noch einmal zum Fischessen, und manch einer verdrückt heimlich einen sauren Hering. Bisweilen soll dieser und jener auch, beharrlich und tiefernst, einen ausgewachsenen, prächtigen Kater spazieren führen. Vielleicht, wer weiß, auch einen Affen, wie im Volksmund hierzulande der Katzenjammer bildhaft bezeichnet wird ... Oas Fräulein und die Zofe. Eine Fastnachtsgeschichte von Otto Anthes. Clemens August, der Kurfürst von Köln, gab auf feinem Schloß zu Bonn ein großes Maskenfest. Der ganze Adel des Landes war geladen, aber auch allen Fremden von Stand, die sich zufällig in den Grenzen des Kurfürstentums aufhielten, war der Zutritt gestattet. Der Kurfürst, dem seine heimischen Schönheiten bis zum Ueberdruß vertraut waren, so sehr, daß er sie sämtlich durch die Masken hindurch herauskannte, strich durch die Säle, um vielleicht unter den fremden Damen etwas aufzuspüren, was seinem übersättigten Geschmack zusagen möchte. Da gewahrte er in einer Seitengalerie zwei weibliche Dominos, einen blauen und einen gelben, die, obwohl sie ohne Kavaliere ganz für sich an einem Tische saßen, bereits übermäßig vergnügt waren. Da er sie ein Weilchen beobachtete, sand er, daß sie seinem Champagner und den Leckerbissen seines Büfetts mit einer gewissen Inbrunst zusprachen. Der Lakei, der sie bediente, hatte alle Hände voll zu tun, um ihre taut geäußerten Wünsche zu befriedigen. Das reizte die Neugier des Kurfürsten, und als er sich ihnen nun näherte, empfingen sie ihn mit einem ausgelassenen Gelächter. Ich bin erstaunt, meine Damen, redete er sie an, Sie so heiter zu sehen, obwohl, wie ich zu meinem Befremden bemerke, sich noch kein Kavalier Ihrer Unterhaltung gewidmet hat. Die Gelbe, die ein wenig kleiner und üppiger war als die andere, erwiderte mit einem deutlichen Anflug von kölnischer Mundart, es sei ihm nicht verwehrt, diesem Mangel abzuhelfen. Er setzte sich und war bald in einem lebhaften Gespräch mit der Gelben, die sich keck und fWagfertig zeigte, während die Blaue zurückhaltend und fast ängstlich erschien, nachdem er an dem Tische Platz genommen hatte. Als er aber mit seiner gelben Schönen zum Tanz angetreten war, Hub sie plötzlich in einem gänzlich veränderten Tone an: Gnädiger Herr, ich muß Ihnen etwas sagen. Ich bitte! beeilte er sich zu erwidern. Nehmen Sie sich ein wenig mehr meines gnädigen Fräuleins an, sagte sie gesenkten Blicks. Ihres gnädigen Fräuleins? gab er betroffen zurück. Ja, wer sind denn Sie? Ich bin die Zofe, flüsterte sie verschämt. Die Zofe! rief er und runzelte die Brauen. Wie kommst du da herein? Nicht böse werden, gnädiger Herr! flehte sie. Sehen Sie — und sie erzählte, daß ihr gnädiges Fräulein, ohne jeden Anhalt in der Gesellschaft, doch gar zu gern auf den Ball gegangen fei und sie überredet habe, in einem von des Fräuleins Kleider mit ihr zusammen die Dame zu spielen. Da aber nun der gnädige Herr sich allzuviel mit ihr, der Zofe, beschäftigt habe, sei ihr bange geworden, daß jene gekränkt sei und es sie nachher fühlen lassen könnte. Der Kurfürst, obwohl ein wenig verstimmt, war doch auch wieder gereizt und gefeffelt von dem ungewohnten Abenteuer. An den Tisch zurückgekehrt, wandte er sich alsbald der Blauen zu und war fast erstaunt, sie nunmehr viel hübscher und galanter zu finden als die Gelbe, wo er doch vorher der gegenteiligen Meinung gewesen war. Und da er jetzt seine ganze Huld auf sie sammelte, ward sie auch lebhafter, funkelte mit den Augen hinter ihrem Fächer hervor und gab Antworten, die keineswegs von Schüchternheit zeugten, wenn sie auch, wie ihm vorkam nicht jo geradezu waren, wie die Keckheiten der Gelben. Es geht doch nichts über eine gute Herkunft, dachte er und wir schon bereit, die ungehörige Anwesenheit der Zofe um der reizvollen Herrin willen zu verzeihen. Beim Tanz aber mit der Blauen allein hörte er plötzlich diese sagen: Sie dürfen mein Fräulein nicht zu sehr vernachlässigen um meinetwillen, gnädiger Herr. Was heißt das, stutzte er. Ich bin doch nur die Zofe", flüsterte sie. Und da er wortlos einen Augenblick stand, erzählte sie ihm flugs dieselbe Geschichte, die ihm vorher die Gelbe aufgetischt hatte, nur daß die Rollen nun getauscht erschienen. Zwei Kammermädchen, die sich auf meinen Ball geschlichen haben! dachte der Kurfürst voller Zorn. Er wandte sich brüsk und ging, ein paar seiner Gardisten zu suchen, die die beiden Uebeltäterinnen mit Schimpf und Schande aus dem Schlosse führen sollten. Unterwegs aber, da ihm zu Sinn kam, daß sie beide doch eigentlich ein paar recht frische appetitliche Dinger wären, beschloß er, sie zunächst in ein entferntes Gemach des Schlosses bringen zu lassen und sie dort noch einmal zu verhören. Die beiden Dominos, die inzwischen, nichts Gutes ahnend, in der Absicht, sich aus dem Staube zu machen, schon bis zu den Garderoben gekommen waren, wurden dort ergriffen und zitternd vor Angst in das bestimmte Zimmer geführt. Als der Kurfürst eintrat, fielen sie, obwohl sie noch immer nicht wußten, wer er war, weinend und händeringend vor ihm nieder. Er ließ sie aufstehen und befahl ihnen in strengem Ton, ihm nun alles zu gestehen. Da kam es denn heraus, daß keine ein Fräulein und keine eine Zofe, sondern daß sie beide ein paar Kölner Bürgermädchen waren, die sich diesen Scherz erlaubt hatten, um sich auch einmal unter den Leuten „von Stand" zu belustigen. Die Mär vom Fräulein und der Zofe hätten sie, die Wahrheit zu sagen, in ihrer Ausgelassenheit erfunden, ohne zu ahnen, wie sie dadurch in die Patsche kommen könnten. Und es wäre ja auch noch alles gut gegangen, wenn sie nicht unter der Wirkung des ungewohnten und reichlichen Eharn- pagners beide vergessen gehabt hätten, wer nun von ihnen das Fräulein und wer die Zofe hätte sein sollen. Woher sie die Kühnheit genommen hätten, fragte der Kurfürst, sich einzubilden, daß sie von den Damen nicht unterschieden werden könnten? Oh, antwortete die Gelbe, der schon etwas von ihrer früheren Munterkeit wieder aufzukeimen schien, sie hätten sich zu Anfang tüchtig um- iieguckt und umgehorcht und es denn gemacht wie die andern alle. Das ei gar nicht schwer gewesen. Wenn sie aber nun, forschte er wiederum, dem Kurfürsten selbst in die" Arme gelaufen wären — was bann? Die Gelbe lachte, ein kurzes innerliches Lachen, das klang, als ob einer mit leichter Hand ein wenig über ein Spinett hinstrich. Die Blaue aber machte große Augen und sagte: Das hätten sie sich gerade gewünscht. Denn der Kurfürst sei, das wüßten sie gewiß, nicht nur der schönste Mann im Land, sondern auch der gütigste zu dem Frauenzimmer. Da nahm er die Maske ab, so daß sie ihn erkannten. Oder ob sie schon vorher etwas geahnt hätten — wer will das sagen? Der Kuckuck mag wissen, wie hellsinnig Frauenzimmer in solchen Dingen sind. Jedenfalls fielen sie gar nicht wieder in große Angst, sondern schauten recht getrost auf Clemens Augusten. Der seinerseits, an der Angel der Schmeichelei zappelnd, mochte zwar mit ihnen nicht wieder zum Fest' zurück- kehren, sie aber auch nicht aus den Fingern lassen. Darum ließ er kurzerhand in dem Zimmer, wo er sich befand, aufdecken und setzte sich zum zweitenmal mit ihnen zu Tisch. — Und bald war er wieder bei dem Komödienspiel, das sie sich mit ihm erlaubt hatten und bas ihn mehr beschäftigte, als er sich zugeben wollte. Da gestanden ihm die Mädchen — um jetzt die ganze Wahrheit zu sagen — daß sie auch den Rollenwechsel in voller Absicht vargenommen und sich gerade von dieser Erfindung eine besondere Wirkung versprochen hätten. Denn wenn man schon einmal auf einen Maskenball gehe, dann sei eine doppelte Verkleidung doch noch lustiger als eine einfache, weil sie noch geeigneter sei, die Verwirrung anzustiften, die nun einmal zu solcher Veranstaltung gehöre. Clemens August war begeistert und entzückt von soviel weiblicher Verschmitztheit und vergaß vollkommen, daß er drüben in seinen Sälen dem Adel seines Landes ein Fest gab. Inzwischen trieben die beiden Spitzbübinnen auch jetzt noch ihr Doppelspiel weiter. Wenn Clemens August sich allzusehr der einen widmete, dann rief plötzlich die andere im Ton der Herrin: Annette, vergiß nicht, daß bu nur bie Zofe bist! Was ihn.alsbald veranlaßte, sich der Vernachlässigten zuzuwenden. Bis wiederum die erste ihn aufstörte, indem sie mit zärtlichem Vorwurf sagte: Gnädiger Herr, das Fräulein ist auch noch da. — Und jedesmal, wenn ihre List den gewünschten Erfolg hatte, wollten sie sich schier totlachen. Als aber der Kurfürst, einigermaßen ermüdet von dem Hin und Her, zu bedenken gab, daß man einen Spaß auch nicht zu Tode hetzen dürfe, wurden sie plötzlich ernst und tarnen damit heraus, — um nun endlich die ganze volle Wahrheit zu sagen — daß sie sich den Kniff mit dem Fräulein und der Zofe durchaus nicht nur zum Ulk, sondern recht eigentlich zum Schutz ihrer Tugend aus- gebacht hätten, indem auf diese Weise immer die meist bedrängte aus dem Feuer gezogen und der Angriff auf die andere abgelenkt werden sollte. Diese Eröffnung verblüffte den Kurfürsten derart, daß er ganz betreten wurde. Und als bie Mädchen nun nach Hause verlangten, machte er keine Anstalt, sie zu halten, ließ sie sogar in einem Hofwagen nach Köln -urückfahren. Erst als sie fort waren, konnte er wieder lachen. — Nein! sagte er zu sich. Daß Verführung sich jeder Spitzbüberei bedient, bas kenne ich zur Genüge. Aber baß Tugend mit List unb Lustigkeit sich selbst nerteibigt, bas war mir neu. Und ich muß sagen: es hat inir sehr gut gefallen. Rosenmontag in Alt-Nürnberg. Von S. D r o st e- H ü l s h o f f. In ber alten freien Reichsstadt Nürnberg befindet sich, sorgfältig aufbewahrt, ein mächtiger, bilbergezierter Band, in welchem Hans Sachs, der heitere Schuhmacher unb Poet, in launigen Versen ausführlich von dem „Schönbartumzug" ber Nürnberger Metzger unb Messer- fchmiebeWdes Jahres 1539, ber zugleich auch ber letzte für alle Zeiten werben sollte, berichtet. Solcher „Schönbartchroniken", bereit Verfasser allerdings lange nicht so berühmt wurden wie Meister Sachs, gibt es eine ganze Reihe — denn bie Metzger- unb Messererzunft befaß bas Recht bes Schönbartlaufens burch volle 190 Jahre unb es war Sitte, baß jeder dieser mehr ober minder prunkvollen Fastnachtsumzüge jedesmal in eigenen Büchern in Wort und Bild verewigt wurde. Dies erklärt sich wohl daraus, daß in den Zeiten, da alle Kleinigkeiten, ja selbst auch Mummenschanz, Maskeraden und Fastnachtsspiele in weit höherem Maße als heute von obrig keitlichen Vorschriften und Verfügungen abhängig waren, die Erlaubnis zur Abhaltung derartiger Lustbarkeiten eine hohe Auszeichnung sowohl für die betreffende Zunft als auch die Stadt, in welcher sie stattfinden durften, bedeutete. Die prächtigen Schauspielen von jeher sehr zugeneigten Nürnberger waren denn auch außeror^ mtlich stolz auf ihren Schönbartlauf, welcher ber Messerer- und Metzgerzunft von Kaiser Karl IV. im Jahre 1349 als Zeichen feiner besonderen Huld gestattet wurde — und zwar nach ber Ueberlteferung, weil jene Zünfte gelegentlich eines Aufstandes als einzige treu zu ihm gehalten haben sollen. Das Schönbartlaufen — häufig auch Schempert- oder Schembart- taiifen genannt, was sich wohl von dem mittelhochdeutschen Worte „scheme", d. h. Maske oder Larve" ableitet — wurde jeweils an den drei letzten Tagen vor ber großen Fastenzeit abgehalten. Die jüngeren Mitglieder ber beiden Gilden verkleideten sich in enganliegende Kostüme aus mehrfarbiger und häufig mit bunten Mustern unb Glöckchen verzierter Leinwand, schmückten ihre hohen Hüte mit grünen Büschen unb wehenden Schleiern und liefen unter Geschrei und Gejohle durch bie Gassen, wobei sie an bie sie umbrängenben Leute mittels mächtiger Rutenbündel ober Speere Schläge austeilten. So war es in ben Anfangsjahren — als aber im Laufe ber Zeiten ber Wohlstand ber Stabt immer mehr anwuchs unb auch, wie biss später so üblich, bie Jugend der vornehmen Kaufmannsfamilien, der „Geschlechter" gegen entsprechende Geldentschädigungen an dem lustigen Treiben keilnehmen durfte, zeigten sich allmählich die Umzüge in stets prunkvollerer und abwechslungsreicherer Ausstattung. An Hand der „Schönbartbücher" läßt sich genau verfolgen, wie bie Läufer zuerst Musikanten, bann auch noch Knechte, welche mit Hilfe kleiner, abgeschnittener Tannenbäumchen bem Zuge Platz schassen mußten, mitsührten, und wie nach und nach die Kostüme immer prächtiger wurden. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatten Seide und Atlas bie schlichte Leinwand längst völlig verdrängt, an die Stelle der einfachen anliegenden Tracht traten phantastisch geschnittene, geschlitzte und mit Brokatstoffen in leuchtenden Farben unterlegte Gewänder, welche nicht selten Goldstickereien zierten, auf den Hüten prunkten wallende Federn, und statt der Ruten verwendete man eine Art Pulverbüchsen, die man, sehr zum Entsetzen ber Zuschauer, möglichst dicht unter deren Nasen abzuseuern pflegte. Biele der Schönbartläuser verkleideten sich auch als Tiere, meist als Schafe, Esel und Bären, und führten auf den freien Plätzen unter tollen Sprüngen allerlei Tänze auf, für welche Darbietung sie bann von ben Umstehenden Geld einsammelten. Im Jahre 1475 endlich' erfand man als neue Bereicherung der Lustbarkeit die sog. „Höllen". Dies waren auf Schlitten ober Wagen befestigte phantastsche Ausbauten — ähnlich den- fenigen, welche bei ben Faschingsumzügen in München und am Rheine heute noch gebräuchlich sind, — sie wurden durch die Gassen gezogen, und dienten allerhand närrischem Volk zum Aufenthalt. Da sah man Burgen, in denen die verschiedensten Teufel und Hexen ihr Wesen trieben, mit Narren bevölkerte Schiffe, Drachen, ja zu Anfang bes 16. Jahrhunberts führte man — wenn man ben Berichten Glauben schenken barf — sogar einen kunstvoll gearbeiteten, überlebensgroßen mechanischen Satan mit, ber ben ganzen Weg über unermüdlich als alte Weiber hergerichtete Puppen verschlang — und etliche Jahre später■ eine zierliche Laube, in welcher schöne Frauen ältliche Narren an langen Leimruten zappeln ließen. Doch ber hübsche unb harmlose Brauch, ber alljährlich viel fremdes Volk, ja selbst Fürsten und edle Herren von weither als Zuschauer anlockte, artete allmählich aus. Die Schönbartläuser wurden von Jahr zu Jahr wilder unb ausgelassener unb verübten gegen bas Publikum unb besonders gegen Frauen unb Kinber allerlei Roheiten, infolge beren es nicht selten zu blutigen Schlägereien kam. Auch in ben „Höllen" brachte man balb bie verschiedensten Darstellungen, durch welche Zeitereignisse ober hochgestellte Persönlichkeiten in berbfter Weise verspottet würben — unb als sich nun die Schönbartläuser 1539 den in Nürnberg damals sehr einflußreichen Prediger- ber Lorenzkirche, Andreas Osiander — denselben mit dem zusammen Hans Sachs bas sogenannte „Ewige Evangelium" neu bearbeitet hat — zur Zielscheibe ihres Witzes erkoren und ihn auf sehr kränkende Art öffentlich verhöhnten, untersagte auf dessen Betreiben ber Hohe Rat ber Stadt noch im gleichen Jahre ben Schönbartumzug — unb ließ sich auch trotz allen Gegenvorstellungen ber Bürger unb ungeachtet eines Aufruhrs, welchen die um ihr Privileg gebrachten Metzger unb Messerschmiede inszenierten, nicht mehr zur Zurücknahme des Verbotes bewegen. DeroniworUich- Dr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruderet, A. Lange, Gießen.