GiehenerKmilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Freitag, den 8. Januar Nummer 2 Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig 8. Fortsetzung. „Danke!", erwiderte der Kapitän mit feierlicher Miene und hob den rechten Zeigefinger nachlässig. „Alle Mann an Bord!" Und Klick nahm die Matrosen und Seejungfern, wie sie frisch aus der Schachtel gekommen waren, und beförderte sie auf Deck. Fröhlich schwankte das Schiff, steif wedelte das Schilf, und die Seerosenblätter machten sich unverschämt breit. Die Matrosen und Matrosinnen hängten ihre rosig angemalten Porzellangesichter über das Schiffsgeländer. Der Steuermann hatte ihnen Haltung beigebracht. „Segel ab!", ordnete der Kapitän an. Ritsch, ratsch! sank die Leinwand. „Anker auf!" Die Winde spielten, der Anker ging in die Höhe, das Haltetau wurde Abfahrt, hipp, hipp, hurral", schrie der Steuermann und winkte mit der Mütze. „Ahoi!", rief Ali. Die Fregatte fuhr ab. Gleich einer Möwe glitt sie hinaus durch das Inselfeld der Seerosenblätter. Nun war die „Anastasia" nicht mehr ein Fahrzeug ohne Matrosen oder nur mit eingebildeten, jetzt konnte sie sich mit ihren blauen und weißen Hosen unter den Masten bet jedem Schiffsmann sehen lassen, und das verdankte man Ali, der Schiffsschneiderm. Gemütlich blickten sie der „Anastasia" nach: vor einer guten Brise schwebte sie an den Seeroseninseln vorüber. Dann sagte der Kapitän: „Geh doch mal ins Haus, Klick, und sieh, wo denn eigentlich unser Tee bleibt. Drei Tassen und tüchtig Brötchen." Klick eilte hinweg. Ein Verlorener wird gefunden. Die große Schifserhand des Kapitäns strich über Alis Haar. Erzähl mir von dir!", forderte er mit Wärme und Zutrauen auf. Ali runzelte die Stirn. Klick habe doch schon alles erzählt, meinte sie. „Ich möchte wissen, wie es bei dir zu Hause ist, bei deiner Tante Mittwoch, was du tust und treibst ..." CE r. Ich hole die Ausgaben bei den Zeitungen und schaffe sie auf den Postplatz. Manchmal begleitet mich Klick", berichtete sie. „Die Tante ist zweiundsechzig, aber noch ganz gesund, bis auf ihr Knochenreißen. Das hat sie vom zugigen Postplatz. Wir haben einen gelben Kater, Schnurr heißt er An seinem Fell wärmt sich Tante im Winter die Hande. Dann liegt er auf ihrem Schoß unter einer Decke. Alle Zeitungskunden kennen ihn Aus dem Waldschlößchen-Gasthaus bringt ihm der Oberkellner Essen. Der ist ein Katzensreund. Tante hat zwei Zimmer und eine Küche, in dem kleinen Zimmer schlafe ich. Das ist alles ..." „Erinnerst du dich an deine Eltern?" „Ich war zu klein " „Was war dein Vater?" „Weiß nicht. Arm." „Und du bist in Dresden geboren?" „In Ratibor. Vater und Mutter sind in Polen gestorben. Ich weih aber nichts darüber, weil auch die Tante Mittwoch nichts weiß. Sie polte mich hierher, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin Minderwertigkeits- „Was bist du?" Der Kapitän wunderte sich „Du lieber Himmel, du meinst Minderheitsdeutsche. Wie kommst du zu diesem Wort?" Ali verstand nicht, was der Kapitän auszusetzen hatte. „Tante sagt so " erwiderte sie Tante lieb Leitung, darin steht es." '„Das scheinen ja arobarttae Blätter zu sein! Und wer kocht, wenn Frau Mittwoch am Postnlatz Zeitungen verkauft?" „Ich!" „Kann ich da nicht mal mitessen?" Sie schüttelte sanft den Kopf. „Das schmeckt Ihnen nicht. Und dann ..." Sie brach jäh ab. „Was: dann?" Sie senkte das Gesicht. Nein, sie wollte es nicht sagen. „Und dann? Wie meinst du? Sag mir's!" „Es reicht nur für zwei", sagte sie beherzt und blickte verschämt zur Seite. Er war gerührt. Klick kehrte von seinem Auftrag zurück. Der Tee käme sogleich. „Wie steht's mit der Rechnung für die Besatzung, Klick", fragte der Kapitän. „Dafür ist die Schiffsschneiderin zuständig", antwortete der. „Gib mir die Rechnung, Ali!", wandte sich der Kapitän an das Mädchen. Sie schaute fragend auf ihren Freund. „Die unbekleideten Puppen kosten nichts", sagte dieser. „Die Anzüge allerdings werden nicht billig sein. Es ist ja Maßarbeit." Ein Schalk. Sassafrah sandte ihm einen huschenden Augenblitz. „Die kosten auch nichts", erklärte die Schneiderin. „Spaß!", rief der Kapitän. „Ich lasse mir keine Anzüge schenken und gar für meine Schiffsbesatzung. Bei uns Seeleuten heißt es: Was nichts kostet, ist nichts wert, und was nichts wert ist, bringt Unglück. Nichts zu machen, wir haben unsere Erfahrungen. Die Rechnung, bitte!" Scherzte er? „Auch die Püppchen müssen bezahlt werden", sagte er zu Klick. „Ich werde mich bei Frau Trockenhut nach dem Preis erkundigen. Ali schwieg. Sie wollte keine Bezahlung haben. „Ali!", mahnte Sassafrah. Sie verzog ihr Gesicht, beinahe hätte sie losgeweint. Da klopfte ihr aber der Kapitän zärtlich auf den Rücken und sagte: „Wir sprechen noch darüber." In diesem Augenblick erschien die Wirtschafterin mit dem Tee und einem Berg belegter Brötchen. Aber Sassafrah kam auf die Schneiderrechnung nicht zurück. Als sie mit dem Tee fertig waren, führte er die beiden ins Haus, durch eine Glasveranda mit sonderbaren Blumen zu einer Muschelsammlung, der kostbaren Taucherbeute. Die Muscheln waren auf einem Tisch ausgelegt. Darauf stand noch eine kleine Treppe, über und über beladen — es sah aus, als jagten die großen Muscheln die Stufen hinauf, eine hinter der andern her. Was für riesige und seltsame Dinger! Solche Muscheln hatten weder Klick noch Ali je gesehen. , .. „Häuser von Porzellan!", sagte der Kapitan. „Tierschlosser vom Meeresgrund." _ , Wunderbar sahen sie aus. Die einen schimmerten silbern, die anderen blinkten weiß wie Eierschalen. Wieder andere waren von schwerem Perlmutter überzogen und glänzten in einem seltsamen Farbenlicht, als spiegelten sie Regenbögen der Tiefsee. Einige waren darunter mit Oefsnungen wie die rosigen Rachen großer Blumen. In ihren Höhlen dämmerte ungewisser Schimmer. Viele hatten Zacken und Buckel. Flache Schalen lagen daneben, riesige Psahlmuscheln, ganz tintenblau. Man konnte sich an diesen Formen, Farben und Lichtern kaum sattsehen. „Woher sind die alle?", fragte Klick. „Sie haben weite Reisen zurückgelegt", sagte der Kapitan. „Aus allen Meeren der Erde stammen sie" . . . ...... Er deutete auf flammende Muscheln, von lapan-.schen Tauchern gefischt. Die tintenblauen hatten Negerhände dem Roten Meer entrissen. Die gezackten waren von der Flut an die spanische Küste geschleift worden, das Mittelmeer hatte sie in seinem Schoß gewälzt. Die weihen hatte die Ostsee ausgespien. Der Indische Ozean hatte die silbernen Gehäuse hervorgebracht. Die engen Röhrenmuscheln mit den gelben Tiqerflecken waren an der afrikanischen Brandung aus Netzen gesammelt. Schätze aus sieben Meeren. , Zwanzig Jahre hab ich dazu gebraucht, sie zusammenzubringen. Von Fischern, Matrosen, Kapitänen, Heizern und Händlern habe ich sie gekauft, eingetauscht und geschenkt bekommen. Jede Muschel hat ihre Fund- und Jagdgeschichte, doch kenne ich sie nicht. Man mutz sie sich dazu erfinden/ Klick hielt eine große Perlmuttermuschel an Alis Ohr. „Horch!", sagte er. „Das Meer rauscht, die Muschel hat das Brausen aufbewahrt." Ali laulchte in ein fernes Meer. Sie hörte es summen. . Das Meer oder dein Blut", sagte der Kapitän. „Das Blut ist auch ein Meer voller Strömungen und Stürme. Wenn in der Ostsee Sturm tobt", setzte er geheimnisvoll hinzu, „spür ich es in mir. Vielleicht deshalb, weil sich mein Nerz an das Meer verloren hat." Klick sah den Kapitän mit einem tiefqebannten Blick an. Im Geist sah er ihn auf einem großen Schiff durch die Wellen reiten und jagen. Als sie sich von ihm verabschiedet hatten, gingen sie zum Elbufer hinunter. Da sie noch Zeit hatten, reichte es für den Umweg. Die Stadt stand unter dem Himmel wie ein blauzackiger Bergzuq. Ali wunfckste, ein nnar Muscheln am Ufer zu finden. Klick erzählte ihr. es gebe solche r/it Perlen. Die liegen in den Muscheln wie kleine Kinder m den Betten. Wie hüblch muß das dock, nusfehen! Eine Verlenkette hätte sie gern. Die gefundenen Perlen fädelt man einfach auf. und anderen Kindern von Hause fortgegangen war und ihn das Schwesterchen verloren hatte. „Es ist doch gut, meinte Ali zu Klick, „daß wir an der Elbe entlang den Umweg gemacht haben." „Wenn du auch keine schöne Muschel sandest, so hast du doch vielleicht einem Kind das Leben gerettet", sagte der kluge Freund. „Wie leicht hätte der Junge ertrinken können." Die unsichtbare Ohrfeige. Bom Eßtisch des Buchhalters Bodenweber war die Butter verschwunden. Die Kost war noch einfacher geworden, als sie es schon ohnehin gewesen. „Wer nichts hat", belehrte er seinen Sohn, „tut gut daran, seine Lage durch Einschränkung und durch Verminderung der Ausgaben zu verbessern." „So was heißt Notverordnung!", sagte Klick. „Bei schlechtem Geschäftsgang müssen die Unkosten gesenkt werden", fuhr Herr Bodenweber fort. „Bis zu einer gewissen Grenze!", sagte Klick. „Dann sängt die Sache an faul zu werden. Wenn man bloß an den Einsparungen verdient, wird es ungemütlich." _ Derart waren die volkswirtschaftlichen Gespräche, als Herr Bodenweber nur noch an drei Nachmittagen in der Woche seine Buchhaltertätigkeit im Spielwarenladen ausübte. Die übrige Zeit verbrachte er damit, sich nach Gelegenheitsarbeiten umzutun, Adressen zu schreiben und in der Sonne zu lustwandeln. Der Platz an der Sonne blieb ihm ungeschmälert. Die letzten Wochen hatten auch Frau Trockenhut stark mitgenommen. Sie mußte ein Herzheilbad aufsuchen. „Hoffentlich wird Frau Trockenhut wieder halbwegs gesund", sagte Klick. „Die ganze Welt ist krank." „Hast recht", meinte Herr Bodenweber, „die Welt ist krank. Wer dafür den Arzt wüßte und das rechte Bad! Hineinschmeihen sollte man den Globus." Aber es geschah nichts, und der Vater bezog weiterhin seinen Platz an der Sonne. In dieser Zeit, da Klick keinen anderen Ausweg sah und das tägliche Leben immer spröder wurde, erfand er sich einen wohlhabenden Onkel aus Amerika. Der sah wie ein Bruder von Sassafrah aus, nur bartlos, mit denselben stahlblauen Augen, ein stattlicher Mann: sein Wunschonkel. Den konnte er sich wünschen, wie er wollte. Es ist klar, dieser gewünschte Onkel hatte keine Kinder: eine Frau brauchte er auch nicht zu haben, die mäkelt ja doch nur und ist im besten Fall nicht angenehmer als die Wirtschafterin von Saisasratz, die ihm nicht fo recht gefiel. Klick ging auf die Straße — und dabei stellte er sich vor: der Vater und er liegen früh noch in den Federn, als es auf einmal klopft. Man ruft: „Herein! Wer ist da?" — „Der Onkel aus Amerika!" Man zieht sich an, und der reiche Onkel führt sie in die Geschäfte, wo er ihnen neue Sachen kauft. Nun ist alles in Ordnung, man sitzt richtig im Fett. Butter ist fürs ganze Jahr da, für alles ist gesorgt, auch der Spielzeugladen von Frau Trockenhut wird mit Geld gestützt. Ali kann die Säuglingspflege erlernen. So schön malte er sich dieses wunderbare Ereignis aus. Als er über den Altmarkt ging, fragte er die geschwätzige Blumenfrau am Denkmal, mit der er oft seinen Scherz hatte: „Haben Sie vielleicht meinen Onkel aus Amerika gesehn? Ich habe ihn verloren!" „Ich auch!", sagte die immer gutgelaunte Frau. „Wie sah er denn aus, und wann hast du ihn denn verloren?" „Braun sah er aus, genau so wie Ihre Strümpfe. Im Winter hab ich ihn verloren und hier, wo Ihr Stand steht." „Junge, Junge!", rief sie, auf seinen Scherz eingehend, „hast du schon einmal eine Blumenfrau im Winter auf dem Altmarkt erblickt?" „Ja .. ", erwiderte er, da war es eine mit Weihnachtsbäumen .." Auf der Seestraße begegnete ihm Ali. Sie fuhr „das Kind" aus, ihr Zeitungspapierbaby. „Mußt schon wieder Säuglingsschwester spielen, Ali?", rief er, aber sie ging auf seinen Scherz nicht ein. Sie platzte von einer Neuigkeit. „Denk nur, Klick", sagte sie hastig, „bei der Tante Mittwoch war heute morgen ein Herr, der gab ihr das da für mich!" Der Onkel aus Amerika!, dachte Klick. Sie holte aus ihrer Rocktasche ein blankes Fünftnarkstück. „Was war denn das für ein Herr?" „Groß war er und braun im Gesicht. Er kaufte der Tante eine Rund- funkzeitfchrift ab und sagte, er hätte eine Schneiderrechnung zu bezahlen." „Sassafraß!", rief Klick und tat einen Satz. „Wie anständig von ihm." „Ich wollte aber gar keine Bezahlung haben", erwiderte Ali. „Bezahlung, Bezahlung!", äffte Klick nach. „Strick ihm dafür eine Leibbinde, so einen Onkel muß man sich warmhalten." Eines Morgens dann, als Klick, zur Schule gehend, In der Haustür ein wenig verweilte, kam tatsächlich der erträumte Onkel. Er war glattrasiert, braun im Gesicht, stattlich und trug eine große, braune Tasche. Ihr entnahm er einen Brief, auf dem stand: Herrn Nikolaus Bodenweber und genau die Straße und Hausnummer. „Hier Klick!", sagte der Briefträger, „ein Eilbrief für dich." Klick sah, daß das Schreiben von der Lotteriestelle stammte: ach, viel- leicht waren die Lose abgegeben worden! Er riß den Umschlag auf und las: Von einem sehr geehrten Herrn las er, und daß man ihn beglückwünsche, und daß auf fein Los Nummer 25 233 der zweite Hauptgewinn mit zwanügtaufend Mark entfallen sei. Und: hochachtungsvoll — hoch- achtungvoll — zwanügtaufend Mark und hochachtungsvoll — zwanzigtausend Mark — Hochachtungsvoll! Donnerwetter! Das eine Los hatte also gewonnen. (Fortsetzung folgt.) Ihre derben Schuhe klirrten über das Flußgeröll. Muscheln gab es Knug, Flußmuscheln, leere, die aufklafften, halbe, die mit Perlmutterglanz immerten, zerbrochene und von Sand durchschwemmte, Perlen jedoch enthielten sie nicht. Entweder waren ihre Perlenkinder herausgerollt m den Fluh oder längst aufgelesen von anderen Kindern, die auch Perlenketten haben wollten. Ob es überhaupt die richtigen Muschelschalen waren? Klick wußte es nicht genau, er machte auch gerade Jagd auf kleine Fische, die sich im seichten Uferwasser wärmten. Ins Perlensuchen vertieft, schlenderte Ali allem. Zwischen ihr und Klick spannte sich ein großes Stück des Ufers. Da horchte sie jäh auf. Was war das? Jämmerliches Kinderweinen drang zu ihr. Sie spähte umher. Woher das Weinen? Kein Kind zu sehen. Wie aus dem Wasser tönte es an ihr Ohr, als ob dort unten in der Tiefe ein Kind auffchluchzte. Ein Perlenkind? Sie tat ein paar Schritte, lauschte aufmerksamer — deutlicher erscholl das Weinen. . m , „Mutti, komm ...", glaubte sie zu hören, Worte, halberstickt tn Weinen. Ein Kind! Sie lief und lief dem Weinen entgegen. „Mutti, komm!" Weit und breit keine Mutti. Ob sie ertrunken, ob sie ins Wasser gegangen war? Schreck durchzitterte das Mädchen. Mit laut klopfendem Herzen rannte sie. Am Rand der Wiese, wo ein paar Büsche kauerten, fand sie einen blassen, von Tränen überspülten und fast leergeheulten Jungen. Krampfhaft stieß feine kleine Brust, er schluchzte, würgte, war außer sich. Vier Jahre mochte er alt fein. „Wein nicht, Kleiner!", tröstete sie, strich ihm über das Haar, streichelte seine Wangen, „wo ist denn deine Mutti?" „Mutti!", stieß er hervor, ein Häuflein Unglück und Verlassenheit. Von Tränen und Staub war fein Gesicht beschmutzt. Ali putzte ihm die Nase, wischte seine Tränen. Da wurde er ruhiger. „Sei still, wein' nicht mehr. Ist schon gut. Ich bring dich zu deiner Mutter. Wie heißt du denn?" Das leise, ängstliche Stimmchen nannte den Namen : „Hei... HeiniI", brachte er heraus. „Und wie noch?" „Schmitt..." „Schmitt heißt du, Heini Schmitt. Hm ...!" Schmitt gab es leider genug. „Wo wohnt denn deine Mutti?", fragte die zärtlich Besorgte. Das wußte er nicht. Er wußte nur, daß er eine Mutti hatte, die ihm fehlte. „Wo bloß der Klick bleibt!", murmelte sie. Klick fischte noch immer im Wasser. „Klick, ahoi!", rief sie wie ein Schiffer, „schnell, zu Hilfe!" Klick sprang aus dem Wasser und fegte heran. Wie ein Schnelläufer japste er. „Was ist denn los?" Ali deutete auf den Jungen. „Sieh, was ich gefunden hab!" „Was ist denn das für ’ne Perle?", meinte er verwundert und begriff nicht recht. „Warum heult er denn? Tut ihm was weh?" „Er weint nach feiner Mutter. Muß sich verlaufen haben." „Verlaufen? Daß sich fo'n kleiner Matz jo weit heraus verläuft!" Ernsten Gesichts betrachtete sie den Findling, der da im Gras wie ein schauernder Vogel hockte. In dicken Tränen schwammen seine Augen. Vertrauend sah er zu ihnen auf, den großen Leuten. „Vielleicht ist er gar ausgesetzt worden, Klick. Oder geraubt. Das gibt’s." Klick durchsuchte die Kleidung des Jungen. Manchmal haben ausgesetzte Kinder einen für den Finder bestimmten Brief in der Tasche. Ader Heini hatte bloß ein paar Kieselsteine, zwei Muschelschalen und eine welke Blume in seiner einzigen Tasche. „Er hat auch Muscheln gesucht", meinte Klick scherzend. „Er weiß nicht, wo seine Mutter wohnt." „Wir müssen ihn im Fundbüro abliefern." Flüchtig dachte Klick an den Beamten, bei dem er sich nach feiner verlorenen Mütze erkundigt hatte. „Im Fundbüro?", fragte Ali erstaunt. „Du bist nicht gescheit. Hast tm eine Ahnung, was man mit Findelkindern tut. Zur Wache müssen wir ihn bringen." „Bringen wir ihn zur Wache! Also hör. Kleiner, Moses ohne Binsenkörbchen! Deine Mutter hat dich ausgesetzt oder verloren, was weiß ich. Du weißt es ja selbst nicht. Zum Glück hat dich Prinzessin Ali am Ufer gefunden. Sie nimmt dich mit und bringt dich zu feinen Herrschaften. Du wirst Augen machen. Dort ist ein Mann mit einem Schnurrbart und goldenen Knöpfen. Er wird für dich sorgen. Komm, hoppla!" Sie faßten den Jungen bei den Händen und setzten sich in Bewegung. So gingen sie der Stadt entgegen. Mit freundlichem Geplauder führten sie den Findling. Sie hatten aber kaum dreißig Schritte zurückgelegt, als Heini Schmitt nicht weiterkonnte. Er war todmüde. Da trug ihn Klick auf den Schultern. Nicht lanae danach gab es eine neue Stockung, und Heini Schmitt wurde abgeladen. In wabnfinniger Eile stürzte eine Frau am Ufer entlang, ein Kind rannte hinter ihr her. Wie aufgelöst vor Verzweislung schien die Frau. Man härte sie jammern und rufen. „üeini! Heini! Wo bitt du? Heini!" , Da kommt ia feine Mutter", sagte Klick, „Gott sei Dank!" Aber Heini hörte nicht, wie angstvoll seine Mutter noch ihm rief. Er war auf dem Schuttersiß wie ein müder Reiter im Sattel eingefchlafen. „flier ist Ihr Heini!", brüllte Klick und hob den Jungen herunter. Die Frau jagte herbei. Die Angst um ihr Kind sprach aus ihren Zügen. „Es ist ihm nichts zugeftoßen, Frau Schmitt", beruhigte sie Klick. „Wir haben ihn aehmben und wollten ihn auf der Wache abliefern, er wußte nämlich nicht die Wobnuna " Sie erfuhren non der Mutter, die ihr roieberaefunbenes Kind an bie Brust drückte, daß er vor mehreren Stunden mit feinem Schwesterchen NachiNed. Bon Friedrich Hebbel. Quellende, schwellende Nacht voll von Lichtern und Sternen! In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht! Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt. Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis. Das Wesentliche. Von Generaloberst Hans v. Seeckt f. Mit dem Schöpfer der Reichswehr, dem Generalobersten Hans v. Seeckt ist auch ein bedeutender Schriftsteller hingegangen, der nach seinem Rücktritt 1926 in mehreren viel beachteten Schriften politische und soldatische Fragen mit hervorragender Klarheit und Geschliffenheit des Ausdrucks anpackte. Zu seinem Gedächtnis bringen wir einen Auszug aus seinem Hauptwerk „Gedanken eines Soldaten". Das Wesentliche ist die Tat. Sie hat drei Abschnitte, den aus dem Gedanken geborenen Entschluß, die Vorbereitung der Ausführung oder den Befehl, die Ausführung selbst; in allen drei Stadien der Tat leitet der Wille. Der Wille entspringt dem Charakter, dieser ist für den Handelnden entscheidender als der Geist. Geist ohne Willen ist wertlos, Willen ohne Geist ist gefährlich. Der Handelnde, den wir hier Feldherr nennen, muß zur Erfüllung der Aufgabe, die an ihn herantritt, eine Vorbildung, ein Wissen mit- bringen. Gut, aber nicht notwendig ist es, wenn er Zeit gehabt hat, sich im Berufsstudium auf den großen Augenblick seines Lebens, die Tat, vorzubereiten. Der Wert des durch Studium erworbenen Wissens dars nicht überschätzt werden. Vor den eigenen Entschluß gestellt, darf der Handelnde nicht die Enzyklopädie seines Faches im Geiste durchblättern und nicht sich erinnern wollen, wie die Feldherren von Alexander bis Zielen in ähnlichem Fall gehandelt hätten. Wissen, wie z. B. das aus dem Studium der Kriegsgeschichte gewonnene, ist nur dann von lebendigem, praktischem Wert, wenn es verarbeitet, wenn aus der Fülle der Einzelheiten das Bleibende, das Wichtige gewonnen und dem eigenen geistigen Schatz einverleibt ist, und die Gabe dazu hat nicht jeder. Aus der Aufgabe heraus fetzt sich der Handelnde das Ziel, gleichviel, ob er diese Aufgabe sich selbst stellen konnte — und welcher Handelnde war je ganz frei! — oder ob sie ihm Umstände und höherer Befehl zuwiesen. Das Ziel seines Handelns wird er stets sich weiter stecken, als er es im eigensten Innern für erreichbar hält; er wird dem Glück auch einen Spielraum geben; aber es nicht über diesen verständigen Spielraum hinaus auszudehnen, erfordert weise Beschränkung und Kunstgefühl. Hier liegt die feine Grenze zwischen dem kühnen Feldherrn und dem Hazardeur. Diese Zielsetzung ist wesentlich beeinflußt von dem Urteil über die eigenen Mittel und Kräfte aller Art, wie durch das über den zu erwartenden Widerstand, und erst aus dieser Ueberlegung heraus ergibt sich das endgültige Urteil über die Erreichbarkeit des Ziels. Aus diesen vielgestaltigen Erwägungen und — wer wollte es leugnen! — Stimmungen heraus zeichnet sich mit zunehmender Deutlichkeit das Bild des Entschlusses ab. Zweifel erheben ihr Haupt; so vieles liegt im Dunkeln. Riesengroß steht die Verantwortung vor dem ringenden Geist. Jetzt spricht der Genius sein entscheidendes Wort, die Faust fällt auf den Tisch, der Entschluß ist gefaßt, und der Befehlende tritt hinaus in den Kreis der harrenden Vollstrecker seines Willens. Richt jeder Tat ist so glückliche Empfängnisstunde, so einfacher Geburtsakt beschert. Versammlungen, Beratungen, Ausschüsse, Kriegs- und andere Räte sind — und um so größer, um jo gefährlicher — kraftvollem und schnellem Entschluß feind. Meist sind sie aus Bedenklichkeiten und kleinen Verantwortungen zusommengefetzt, und der zum Handeln Drängende erträgt schwer die sich dehnenden Stunden der Beratung. Ich entsinne mich aus der Teilnahme an solchem Kreis eines Mitgliedes, das schlechthin zu jedem Gegenstand sprach und stets die gleiche Rede hielt. Zuhören, schweigen und zustimmen zu können, sind seltene Gaben, weit seltener, als die Rednergabe selbst, die am schlimmsten wirkt, wenn ihr die Fähigkeit aufzuhören versagt ist, wie dem Mann, der das Radfahren erlernte. Das Material, das der zum Handeln Berufene zum Unterbau feines Entschlusses gebraucht, werden Gehilfen ihm zutragen; er wird für Einzelheiten den Rat sachverständiger und erfahrener Männer hören, und bis an die Grenze des letzten Entschlusses folgt ihm vielleicht der eine Vertraute. Es ist ein Kennzeichen des wahren Führers, ob er Ratschläge anhören und sie verwerten, selbst befolgen kann, ohne doch die Freiheit verantwortungsvollen Handelns zu verlieren. Run muß befohlen werden, damit der Entschluß Gestalt annehmen kann. In diesem Stadium der Tat gelangt der Wille des Handelnden zum stärksten Ausdruck; denn, wenn bisher nur die inneren Widerstände zu überwinden waren, der Entschluß etwas Eigenes, ein Teil des Selbst war, so trifft er, sobald er Form gewinnt, aus die äußeren Widerstände, die in seiner Weiterleitung in und durch andere menschliche Kanäle liegen. Um so schärfer und klarer muß sich der Wille, der aus dem Entschluß entspringt, jetzt auch in der Form durchsetzen. Richt umsonst verlangen wir im militärischen Leben eine besondere Befehlssprache. Sie muß den Willen des Befehlenden fo klar zum Ausdruck bringen, daß fchwacken Geistern kein Zweifel bleibt und daß widerstrebende unter den Willen des Führers gezwungen werden. Mit beiden Arten von Vollstreckern feines Willens muß der Befehlende rechnen und die Hemmnisse, die durch beide entstehen können und immer entstehen werden, durch die Kraft und Klarheit seiner Sprache auszuschalten oder herabzumindern versuchen. Läßt er andere in seinem Namen befehlen, so muß er gewiß sein, daß sie diese seine Sprache sprechen; denn, so sehr auch gewisse, allgemein gebräuchliche Formen des Befehls Arbeit und Verständnis erleichtern, so darf doch dem Befehl nicht das eigentlich Charakteristische der Sprache fehlen, die eben nur der eine Mann spricht. Je höher der Befehlende steht, um so weiter ist der Weg von ihm bis zur letzten ausführenden Stelle, um so größer die Gefahr, daß der Entschluß an Kraft einbüßt, der Wille sich nicht bis in alle Fasern des Körpers durchsetzt. Daher ist es nun die große Aufgabe des Feldherrn, den eigenen Willen fo stark in die Gefäße hineinzuzwingen, daß fein Pulsschlag noch in den äußersten Verästelungen fühlbar bleibt. Der Wille Friedrichs und Napoleons lebte in ihrem letzten Grenadier. Die Gehilfen des Befehlenden sind die unentbehrlichen Weiterleiter bei Ausführung feines Entschlusses. Ihre Auswahl ist schwierig und dem Zufall unterworfen, ihr Wert oder Unwert oft erst zu spät erkannt; Enttäuschung über Mitarbeiter ist das tägliche Brot des Führers; ihre Kräfte und Schwächen rechtzeitig zu erkennen und danach das ihnen zu schenkende Vertrauen zu dosieren, ist eine seiner wichtigen Aufgaben. Die dem Führer nahestehenden Männer, der Stab des Feldherrn, müssen, wenn nicht von seinem Geist, dann von seinem Willen so durchdrungen fein, daß sie ihn ausführen, fei es aus Ueberzeugung, aus Gehorsam oder aus Furcht. Das gleiche ist von den Unterführern zu verlangen, die in ihrem Teilbezirk die vollstreckenden Anordnungen zu dem Befehl des Feldherrn treffen. Dieser wird ihnen fo viel, aber nicht mehr befehlen, als er für die Durchführung feines Willens für erforderlich hält, und ihnen für die Vollstreckung die Freiheit lasten, die allein bereitwillige Mitarbeit im Geist des Ganzen verbürgt. Ohne ein wenig Optimismus kommt der Führer nicht aus. Kein Handelnder, kein Befehlender hat mit Fassung des Entschlustes und seinem Befehl zur Ausführung genug getan; er bleibt für die Durchführung in seinem Geist, für die Verkörperung feines Willens bis zum letzten Augenblick verantwortlich. Wie er sich hierüber Gewißheit verschaffen kann, das führt in die Einzelheiten der Regierungs- und Befehlstechnik hinein, die hier nicht geschildert werden kann. Am Abend vor einer Schlacht überzeugte ich mich, ob unser Befehl überall durchgedrungen war, und bekam von einem braven Berliner die kurze Antwort: „Ick jreife an." Er hatte uns verstanden, und das war das Wesentliche. Kärntner Geschichte. Von Joses Friedrich Perkonig. Die kleine, wahre Geschichte, die hier zu erzählen sein wird, ereignete sich im schmerzensreichen Sommer des Jahres 1920, als in allen Ohren nach der große Lärm des abziehenden Weltgewitters nachhallte. Da hörte man nicht den kleineren Lärm aus dem fernen, halb unbekannten Kärnten, das sich anfchickte, feine Stimme zu sondern, in jene, die dieses schöne liebe Land auch weiterhin deutsch haben wollten, und jene, die es den Süd- slawen auszuliefern beschlossen, da standen im Schatten tapfere, unvergessene Männer, die in die Geschichte eingehen werden, doch damals nannten kaum die Nächsten ihre Namen. Wie hätten da andere, kleinere Leute zu ihrem Rechte kommen können, sie, die einzeln ja nichts waren als Stimmen, die nicht gewogen, sondern nur gezählt wurden, die nur zusammen ein Volk ergaben. Doch jetzt ist es an der Zeit, von kleinen, ernsten und lustigen Helden zu reden, da die großen längst gebührend gefeiert worden sind, von merkwürdigen Menschen, die zwar nicht ihr Blut vergossen haben und natürlich in den Heldenliedern jener Zeit keinen Platz finden werden, die man auch bald vergessen haben wird, wenn sie nicht überhaupt schon vergessen sind, die aber doch eigentümliche, rührende Helden waren auf ihre Weise, und ohne die das Bild jener Zeit nicht vollständig wäre. Und so laßt euch denn erzählen von der alten Miadl, einer Greisin in einem Dorf an den Karawanken, deren Leben still, armselig und eintönig war, wie eben das Dasein eines Menschen, der nur noch auf den Tod wartet, das sich aber zuletzt für einen kurzen Augenblick zu der Weisheit des großen Salomo erheben follte. Die alte Frau war einmal Magd gewesen, später bann hatte sie einen Keufchler geheiratet, aber das kleine, schindelgedeckte Haus, in dem sie zwar eine arme Bäuerin, aber doch eine Bäuerin fein wollte, brannte bis auf die Mauern ab, der Mann starb, die Miadl wurde eine Botin, und als sie achtzig Jahre alt geworden war, begann die Gemeinde für sie zu sorgen. Hat man das Brot für die letzten Tage vor dem Sterben auch verdient, es ist immer ein hartes Brot, es wird einem nicht nachgetragen, man muß es holen, und es ist gewiß ein Fehler dieser Welt, daß die Ehren nicht immer auf jene fallen, die ihrer würdig sind, daß reiche Faulheit manchmal mehr bedeutet als armer Fleiß. Es war nun so, daß die Greisin die Verwunderung der Leute über ihr langes Leben wohl spürte, vielleicht mochte auch der eine ober andere lieblose Spott an ihr Ohr geweht worden sein, doch sie meinte, es stunde ihr nicht an, Klage zu führen — wer würde ihr auch sein Ohr geliehen haben? —, und sie mußte schweigend in sich tragen, was man ihr an w spätem Kummer auflud. Sie rächte sich auf ihre Weife, indem sie an dem »eranttoortticb; Dr. HanS Tdvrtot. - Druck und Derlag: lLrühl sche UniverNtätS.Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Sieben. Kummer der anderen nicht teilnahm, als die Sudslawen in das Land 1 i einbrachen. Sie hatte ihre paar Blumentöpfe, einen Platz an der Sonne die Hoffnung auf den baldigen Tod: sie lebte kaum noch auf dieser Welt. fümmerte fie cilfo bie f elt|ame Unruhe Manschen? I Aber da trat eines Tages eben der Mann, bei dem sie monatlich eben das wenige Geld in Empfang zu nehmen hatte, und der die Gabe nicht jedesmal durch ein freundliches Gesicht, durch ein aufmunterndes Wort vermehrte der eben auch ein kleiner, beladener, leidender Mensch war, ”n die dumpfe Greisenwohnung ein, und er brachte einen vollen Korb, und das Weiblein sah plötzlich auf dem Tische Dmge ausgebreitet von denen es längst kaum mehr träumte: Schmalz, gebrannten Kaffee, Zichorie, Mehl, Zucker, und der Mann sagte, auch die Armen sollten Sonntag haben, und alles gehöre ihr, der Miadl, jawohl, ihr allein. Da berührte sie denn in der Furcht, es wäre nur em schöner Traum, die Dinge mit ihren zitternden Händen, unter deren wächserner Haut die dünnen, blauen Adern hinliefen, sie zog den starken Geruch des gebrannten Kaffees ein, und sie wurde ein wenig schwindlig davon, sie legte ein Stück Zucker auf die Zunge, nahm es zwischen die Fmger, betrachtete es und schob es wieder in den Mund. Dann weinte sie em wenig. Es vergingen ein paar Tage in dem Glücke des neuen^Besitzes, da kam ein anderer Mann, einer von den Fremden, die jetzt im Dorfe waren, und auch er brachte Kaffee, Petroleum - die Miadl kicherhroas braucht sie Petroleum, sie hat ja keine Lampe, sie brennt kem Licht, sie geht mit den Hühnern schlafen — und er brachte sogar ein Stuck -Blau- druck. Das ist etwas Anderes, ist man auch alt, eine Schurze arw Blaudruck kann man immer haben, und sie wendete den Blaudruck nach beiden Seiten und legte ihn an den Leib. Wie gut sind auf einmal die Menschen geworden, sie kommen von selber -ur alten Miadl, sie bringen ihr Geschenke, mehr als sie brauchen kann, und sie muh nicht mehr Not leiden. Sie bittet den Menschen alles Bittere ab das sie manchmal gedacht hatte. Wie schön ist das Leben, jetzt wachte sie nicht sterben, nein. Und es kommt bald der eine zu ihr bald der andere manchmal reden sie etwas, was sie nur halb versteht. Was wollen die Leute nur, sie ist zufrieden mit der Zeit, niemals war sie sorgloser und heiterer als jetzt, manche wollen sie sogar leise singen gehört haben, wenn sie in der Sonne sah und die Augen geschlossen hielt. Die Nachbarn sehen natürlich wohl, wie man auch um diese al e Seele und rührende Einfalt wirbt. Sind diese Hände auch schon wächsern, sie werden doch noch einen Stimmzettel halten. Die Stimme einer vertrockneten Greisin gilt gleich jener eines jungen, saftigen Leibes. Unb Den Nachbarn bleibt es natürlich nicht verborgen, dah die alte Frau von ueiden Seiten die Gaben nimmt, mit denen man Anhang zu werben hofft, von den Deutschen und von den Südslawen. Es hätte nun sein können, dah irgendein Wohlmeinender und Gütiger, dem es von Natur aus glückte, andere leicht und schmerzlos zu überzeugen, dazu bestimmt war, der Greisin die halbblinden Augen zu öffnen und ihr den Sinn der plötzlichen Wohltaten zu deuten. Doch das boshafte Schicksal wollte es anders. Es bediente sich einiger Hämischer und Schadensroher, die das Weiblein an einem Sonntagnachmittag in die Zange nahmen. Ob sie" denn nicht wisse, daß man mit den guten und schonen Dingen ihre Stimme kaufen möchte? Was für eine Stimme? , Am 10. Oktober werde sie doch abstimmen wie alle Kärntner. Ja, ja, das werde sie. Dann werde sie es aber nicht leicht haben. Warum? . , , . Sie habe doch von den Deutschen genommen und habe von den Slawen genommen. Ach so, ja. „ , , „ , Nun dämmert in ihrem alten Kopf der Zwiespalt empor, sie sieht von | einem zum andern, die da auf ihre Kosten am langweiligen Sonntag- nachrnittaq sich eine kleine Unterhaltung schaffen wollen. Sie sitzen rote das leibhaftige Gericht um sie und find zufrieden, wenn dieser jemand auch nur die alte, arme Miadl ist. Diese aber, von einem feinen Sinn beraten, der solchen Halb entschwebten manchmal eigen ist, entwindet sich der Klammer mit einer fast beiläufig hingeworsenen Antwort, die sie zu einem jener kleinen köstlichen Helden machte und sie um viele Jahre Überlebte. „Ich werde", sagte sie einfach, beinahe demütig, „für die Slawen beten und für die Deutschen stimmen." Sprache und Mundart. Bon R. A. Dietrich. Ausdrucksmittel von Gedanken und Gefühlen, Verständigungsmittel unter den Menschen wurde die Sprache. Dichtung und Wissenschaft wuchsen aus ihr empor. Wir können sie nicht aus der Geschichte der Menschheit hinwegdenken: die Geschichte der Menschheit entstammt der Sprache wie alle Sagen, Legenden und Völkerdichtungen, die durch die Sprache von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Wie die Sprache aus dem Saut, bildete sich die Schrift aus Zeichen, Bildern, die zu einer Handlungsfolge aneinandergereiht wurden, wie in den Hieroglyphen Aegyptens, oder zu bestimmten Charakteren wie im Chinesischen, oder zu Buchstaben wie in der abendländischen Kultur. Die Schrift bildete die bedeutendste Etappe in der großen Eroberung der Welt, der Materie durch die Intelligenz. Aber zugleich mit der Möglichkeit, das Wort zu bannen, die alten Sagen und Weltgeschichten festzulegen, wurde auch die Sprache selbst fefb gelegt: es bildeten fich Uebereintünfte, erst der bestimmteren Begriffsformung, bann einer Rechtschreibung, die der Sprache an Beweglichkeit und Eiaenleben nahmen. Wäbrend noch bei den Naturvölkern oft im Laufe weniger Generationen die Sprache sich verwandelte, kam man foäter Neuerungen und Modulationen immer weniger gern entgegen. Als mit der Bedeutung und Festigkeit die Schrift eine erhöhte Bedeutung und Festigkeit erhielt, war der Veränderungstrieb der Sprache, ihr Formenleben einigermaßen eingeschränkt. Um so reicher freilich entfalteten sich jetzt Um chreibungen, die verschwenderisch alle Möglichkeiten der Gedankenbilder auskosteten und zahllose Stilblüten und Stilfrüchte trugen. Dieses war der Ersatz der Schriftsprache für den Verlust, den ihre Ordnung der Natursprache gegenüber mit sich brachte. Die Schriftsprache gewann Macht in der Weitz' vor allem der der Gebildeten. Sie wurde zwar nicht völlig zur Volks-, aber dafür zur Landessprache der Nationen, sie wurde zur Staatssprache. So entwickelte sie sich von Rom aus über die alten italienischen Sprachen und Dialekte hinweg zur italienischen Sprache, so konnte sie im Norden mit dem obersächsischen „Hochdeutsch" der Lutherschen Bibelübersetzung eine so große Sprachgemeinschaft wie das Niederdeutsche verdrängen. Die Sprache des Volkes an sich blieb freilich neben der Schriftsprache erhalten und lebt fort in den Mundarten. Diese bilden den immer lebendigen Unterstrom aller großen Schriftsprachen, den Lebensstrom, der auch die strengsten Sprachen vor der Erstarrung bewahrt. Sie zeigen die Ursachen regional verschiedener Modulationen, und sie bilden oft, besonders zwischen den einander verwandten germanischen Schriftsprachen fliehende Uebergänge. was man in Grenzgebieten wie zwischen Ostfrieslanbund der holländischen Provinz Grooningen ober in Nordschleswig ohne Weiteres feststellen kann. Während der Däne den Deutschen und der Deutsche den Dänen in der Schriftsprache nicht leicht versteht, ohne die Sprache des Nachbarn „gelernt" zu haben, versteht der „platt" sprechende Nordschles- teiger die sudjütländische Mundart ohne Weiteres. Einen Oberbayern aber würde der Schleswiger kaum verstehen, wenn sie sich nicht aus die Schriftsprache einigten. Doch wandert man vom Norden zum Süden Deutschlands, kann man lückenlos die Wandlung der deutschen Sprache in ihren Volks- munbarten verfolgen. Die Aussprache ändert sich nicht nur, der „Dialekt und mit ihm der Tonfall, die Klangfarbe, sondern auch die Bilbervorstel- lungen die in den einzelnen Gegenden zu Sprachbegriffen wurden und bann teils auch in bis Schriftsprache eingingen. Denn bie Umwelt bes Nordens verlieh auch der Volkssprache ebenso wie dem Gemüt mer andere Eindrücke als etwa die Umwelt bes Südens der Sprache des Süddeutschen. Diese regional unterschiedlichen Eindrücke der Gegenden und Gaue erhalten immer wieder die Lebendigkeit der Schriftsprache. Und wenn in der höchsten Form der Schriftsprache, in der Dichtung, gewissermaßen das Bilderbuch der Sprache aufgeschlagen wirb, so verbichtet sich in allen Werken ber Lyrik unb Prosa boch auch bie Seele unb bas Umwelterlebnis ber Landschaft der der Dichter entstammt. Die Werke der Dichter des Rheins, des Erzgebirges, der Weichsel werden, auch wo es sich nicht um Munbart- bicfitung handelt, doch stets mehr ober weniger mit Ausbruck ber jeweiligen Heimaten sein Stil unb Wesen behalten baburch immer roieber zwischen be.i gebilbeten Gesetzen ber Schriftsprache einen gewissen Spielraum. Wie bie Landschaft die Sprache formt, tut es auch die Zeit. Die Sprachen Luthers, Goethes, Nietzsches und Rilkes find nicht nur verschieden durch die Persönlichkeiten, sondern auch durch die Zeitunterschiede. Die Vergleichsbilder allein sind einem ständigen Wechsel unterworfen. Die Hauptereignisse, die Hauptprobleme, die entstehen, prägen auch in der Schriftsprache immer neue Bezeichnungen und Begriffsbilder, wahrend frühere uergefien werden und aus dem Sprachschatz verschwinden. So ift der Wandlungsprozeß der Schriftsprache nur — durch die Materie der Schrift belastet — langsamer geworden als in den Sprachen der Naturvölker abhängiger von Festgelegtem als in den Mundarten. Aber so lange eine Sprache gesprochen wird — im Gegensatz zu den „toten" Sprachen — roirb sie immer allen Formgesetzen trotzenb, alle Rechtschreibungen von Zeit zu Zeit erneuerungsbebürftig machen unb eine gewisse ßebenbigteit behalten: in Dichtung unb Wissenschaft werben immer neue Worte unb Begriffs-Komplexe auftauchen. So gewann bas Wort „Raffe" erst seit G o b i n e a u bestimmte Prägung unb würbe zu bem heute allgemeinverständlichen Begriff. Das Wort „Weltanschauung" erhielt erst um die letzte Jahrhundertwende seine heutige Bedeutung. . Zu b»n merkwürdigsten Erscheinungen ber Schriftsprache, in ben Munb- arten ursprünglich nicht vorhanben, gehören bie Fremdwörter. Man könnte sie als Meteore ber Sprache bezeichnen. Ehebem befonbers aus bem Griechischen bann aus bem Lateinischen unb zuletzt aus bem Französischen bezogen geben sie auch in ber Entwicklung der deutschen Sprache einen Widerschein ber abenblönbischen allgemeinen Kulturenlwicklung. Im 19 Iahrhunbert wurden sie befonbers von ber Technik roieber benutzt unb bei Neubilbungen entstauben sogar einige bizarre griechisch-lateiwsch- deutsche Bastarbe. Das Schicksal ber meisten Frembwörter ift, baß sie halb ihren Sinn verlieren ober daß biefer sich rasch oeranbert. Wahrend auch andere Worte allmählich eine übertragene Bedeutung erhalten können, (bei , Erfahrung" denkt niemand mehr an „Fahrt"), verlieren Fremdwörter oft überraschend schnell ihren Sinn. Jenes „Vehikel", das als Omnibus" bezeichnet, „für alle" dienen sollte, wurde mit dem Auskommen bes Automobils zum recht bizarren „Autobus", von bem bie Cnglänber unb Amerikaner nur noch die Enbung übrig ließen, bie sie nun als „bus ^Immerhin?bebeuteten die Fremdwörter für die Wissenschaft unb Technik mit ihren internationalen Voraussetzungen notroenbige Brücken zwischen ben Sprachen unb haben hierin ihre Bebeutung, die nichts mit jenem Trieb zu tun hat, ben gewisse Leute an ben Tag legen, inbem sie durch bie Häufung von Frembroörtern ihre Halbbilbung als Bilbung erscheinen lassen. Wer natürlich empsinbet, wirb auch bie Grenzen für bie Benutzung von Fremdwörtern beachten unb roeber bogmatifch alle aus- merzen wollen, noch eine Ueber-Schristsprache konstruieren. Zeiten wie die I ber Napoleonischen Kriege, Inseln fremder Sprachen rote bie in der Lau- I sitz, haben natürlich die Sprache mit beeinflußt und Fremdkörper in bar I Deutsche getragen, bie aber größtenteils wieder abgeschliffen und verdeutscht wurden. Um so mehr kann man die Förderung und Pflege der I Mundarten wünschen, die sich aus sich selbst und der heimatlichen Umweit wandeln und immer wieder als reinigende und erneuernde Quellen auch । | auf die Schriftsprache ihren Einfluß haben.