Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger GiehenerZamilienbliitte Jahrgang 1937 Montag, den 7. Juni Nummer 43 Der GteGöin 2Romar< von Theodor Fontäne 36. Fortsetzung. „Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache; da will Ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was versprechen. Besinnt er sich unb kommt er zu der Ansicht, dah das alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen, kommt es zu solcher Rückbekehrung, dann, Lorenzen, stören Sie diesen Prozeß nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch." Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie, wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. „Das alles, Herr von Stechlin, kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Waldemar erzogen, als es mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre. Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht zukommt. Nicht ich werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird - sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine." Der Alte lächelte. „Ja, ja." 42. Kapitel. So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der , Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und ( wenig Beängstigung. Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen i da war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslao: „Engelke, schaff die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat es gutgemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur." „Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die i Wabe nich an." „Du meinst also: ,für'n Tod kein Kraut gewachsen ist'. Ja, das wird f es wohl sein; das mein ich auch." Engelke schwieg. Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster ; Mhe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante Grrin- I; düng eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich «m Schluffe dahin, daß, „wenn sich — hoffentlich binnen kurzem — ihre V Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden", I Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue, f. sittlich zu Heilende in das Asyl ausgenommen werden möchte. Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte I dann: „Oh, diese Komödie... ,wenn sich meine Wünsche für Ihre fort- ? schreitende Gesundheit erfüllt haben werden' ... das heißt doch einfach, | -wenn Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn'. Alle Menschen > sind Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch sinen ganz besonderen Jargon. Cs mag so bleiben, es war immer so. Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand andrer hätten." Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in dos Kuvert und rief Agnes. Das Kind kam auch. „Agnes, gefällt es dir hier?" „Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier." „Und ist dir auch nicht zu still?" I „Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer j Bier fein." „Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. 3a, nachher ..." Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände. Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn ^eran und sagte: „Gnädger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken? „Nein." „Oder zu der Buschen?" , „ „ „Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am besten. In Engelkens Augen traten Tränen. Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. „Nein, Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muh man doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten. Und das möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Wolde- mars wegen nich... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein... Die käme mir am Ende gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber gib mir noch von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind sie doch." Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende gehe. „Das ,Jch' ift nichts — damit muß man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ,Tod' heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn." Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: „Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang." Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und her, und Agnes faß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die halbgeöffnete Tür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein. (Es war wohl schon sieben — die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein —, als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte. „Stech upp, Aqnes." „Is he dod?" & „Neü He floppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp „Ick grul mi so." „Dat brukst du nid;. Un kann ook sinn, he floppt sich wedder gefunn... Und nu, stech upp un bind di ook en Doog utn’n Kopp. Et is noch en beten küll brüt. Un denn geih in'n Goaren un plück em (wenn du wat sinnst) en beten Krokus oder wat et fünften is." Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie fand auch allerlei; das Beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie, mit den Blumen in der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie die Sonne drüben aufftieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein Gefühl des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, stand neben feinem Herrn. Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß. „Dat sinn de ihrsten", sagte Engelke, „un wihren ook woll de besten sinn." 43. Kapitel. Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, das Zeitliche gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn tarn, und eine Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht von des Alien Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte, voran der Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns. Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte dem gräflichen Hause kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter gleichzeitiger Mitteilung, „daß das Begräbnis am Sonnabend mittag ftattfinben werbe". Der Brief Armgarbs aber lautete: „Liebe Melusine! Wir bleiben noch bis morgen hier, — noch einmal bas Forum, noch einmal ben Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken, bann kommt man roieoer, unb bas ist für jeben, ber Rom verläßt, bekanntlich ber größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und bleiben unter anberm einen halben Tag in Monte Caffino, wo (verzeih meine Weisheit) bas ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir nicht das höher gelegene ’ Ravello bevorzugen. Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigentlichen Ziel unserer Reise. Wir werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts, etwa auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. In acht Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir bann einen Brief von Dir vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zustand, ben ich mir als Kinb immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten Papa. Nach Stecklin hin tausend Grüße, vor allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die Schwster, die Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen. Dich immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard." Armgards Brief kam kaum zu feinem Recht, weil sowohl der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es nicht, trotz A. n» gards gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht doch noch möglich sein würde, das junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es ging nicht, man mußte es ausgeben und sich begnügen, allerpersonlichst Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten Grasen Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes fein Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde. Barem aber war gar nicht zu denken. Und so brachen denn Vater und Tochter am Samstaqfrüh nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen um für alle Falle zur Hand zu fein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß man trotz Sonnenschein fröstelte. In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr verändert aus; sonst so still und abgeschieden, war heute alles Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen erschienen und stellten sich auf dem Borsplatz auf, die meisten ganz in der Nähe der Kirche. Biese lag in prallem Sonnenschein da, so daß man deutlich die hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah, die früher, vor der Restaurierung, im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu fehlte; nur Holunderbüsche, die zu grünen anfingen, und dazwischen Ebereschenfträucher wuchsen um den Chor herum. t n , . . Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeeren m eine grüne Halle umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid machte die Honneurs, und ihre hohen Jahre, noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein, ließen sie die ihr zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchfuhren. Außer den Barbys, Vater und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und Baronin Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von Czako. Rex sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, während sich Czako darauf beschränkte, das gesellschaftliche Burchschnitts- trauerrnaß zu zeigen. Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent, das die Grafschaft gestellt hatte. Bieselben Herren, die sich — kaum ein halbes Jahr zurück — am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden und sich damals, von ein paar Ausnahmen abgesehen, über Torgelows Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten, waren auch heute wieder da: Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peeren- boM, von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow, von der Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit sehr kritischen Gesichtern Auch Direktor Thormeyer war gekommen, in pontificahbus, angetan mit so vielen Orden und Medaillen, daß er damit weit über den Landadel hinauswuchs. Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte mit halblauter Stimme zu von der Nonne: „Sehn Sie, Nonne, das ist die ,Schmetterlingsschlacht', von der man jetzt jeden Tag in den Zeitungen liest." Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Thormeyer doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden Ordensschmuck verschmähende, nur mit einem hochkragigen und uralten Frack angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das sein Kopf zeigte, gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten Adel die Frage zu richten: „Was wollt ihr hier?" Er hielt sich nämlich (worin er einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft. Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt, und von Blechernhahn, der in bezug auf „Schneid" beinah an von Molchow heranreichte, sagte: „Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen wird. Er gehört ja zur Richtung Göhre." „Ja, Göhre", sagte von Molchow. „Merkwürdig, wie der Zufall spielt. Das Leben macht doch immer die besten Witze." Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte, die Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte Sarg stand. Hier war nämlich, und zwar in einem brillant sitzenden und mit Ätlasaufschlägen ausstassierten Frack, in eben diesem Augenblicke der Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen Gransee- schen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt hatte, mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen gibt, auf Adelheid zu, vor der er sich respektvollst verneigte. Diese bewahrte gute Haltung und dankte. Bon verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das Wort „Affront", während ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn von Alten-Friefack stehender, erst seit kurzem zu Christentum und Konservatismus über- getreteyer Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin murmelte: „Schlauberger!" Und nun war es Zeit. Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt voraus; bann traten die Stechliner Bauern heran, die darum gebeten hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener und Mädchen aus dem Hause nahmen die Kranze. Dann kam Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die sich die Trauerversammlung (viele von ihnen in Landstandsuniform) unmittelbar anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner Leute Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie hatten bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte tot war, waren sie doch vorwiegend der Meinung: „He wihr so miet janz good." Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten Blumen, und so ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Gräbern hindurch und zuletzt auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtunc, versehenen Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand. Schiff und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof hinaus stand alles Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den Sarg heran, um über den, den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und verehrt, ein paar Worte zu sagen. „,Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer.' Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir hier stehn. Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben war, es wisfen's alle, die hier erschienen sind. Sein Leben lag aus- geschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so schien er em Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah; aber für die, die fein wahres Wesen kannten, war er kein Alter, reilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr bas, was über alles Zeitliche hinausliegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden Etwas, das Ge° Innung heißt. Er war recht eigentlich frei. Mußt es auch, wenn er s auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem, was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor Neid und bösen Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung des alten Weisheitssatzes: ,Was du nicht willst, daß man dir tu'. * Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach feinem Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als das Tun. Er hielt es mit den guten Werken und war recht eigentlich das, was wir überhaupt einen Christen nennen sollten. Denn er hatte die Liebe. Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er me Segensverheißung geknüpft hat, — all das war fein: Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen und wird die Himmelsruhe haben, die der Segen aller Segen ist." Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an. Am meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen der Rede halb zustimmende, halb ablehnende Haltung bei den versammelten „Alten und Echten" (die wohl sich, aber nicht i h m ein Recht der Kritik zuschrieben) auch hier wieder ein Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme Gebet und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. Einen Augenblick später, als der roieberauffteigenbe Stein die Gruftöffnung mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte man von der Kirchentür her erst ein krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte: „Nu is allens ut; nu mot ick ook weg." Es war Agnes. Man nahm das Kind von dem Schemel herunter, auf dem es stand, um es unter Zuspruch der Nächststehenden auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging bann die Straße hinunter auf den Wald zu. Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu sein. Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren auch von Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf feine Kutfche, die, weil der Andrang so groß war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide froren bitterlich bei der scharfen Lust, die vom See her wehte. „Ich weiß nicht", sagte von der Nonne, „warum sie die Feier nicht im Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier draußen." „Is leider so", sagte Molchow, „und ich werde wohl auch mit ner Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran. Aber wenn man in Berlin is (und ich habe da neulich auch so was mitgemacht), t$ es doch noch schlimmer. Da haben sie was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, sehen sie sehr gefrühstückt aus." „Kenn ich, kenn ich", sagte Nonne. „Nu, der Gesang", fuhr Molchow fort, „das ginge noch, den kann man schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der Zug durch die ofsenstehende Tür. Und wenn man noch bloß den kriegte. Wer aber Pech hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen Kanonenofen zu stehn, und wenn ich sage, ,ber pustest, so sag ich noch wenig. Unb der Geistliche kann einem auch leid tun. Er spricht sozusagen für niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug unb solchem Ofenpusten ordentlich zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb Bratapfel is nich mein Fall." . „Ja, die Berliner", sagte Nonne ... „Nich zu glauben." „Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten eigentlich alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber die Hölle lacht." „Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über Berlin, na, das ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von Hölle, hier mitten auf nein christlichen Kirchhof ..." Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her erschienenen Gäste, die den nächsten, an Gransee vorüberkommenden Zug abzuwarten hatten, waren in das Herrenhaus zurückgekehrt, wo mittler» weile für einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako, desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein unb dann eine Taffe Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf der Vorzüge des Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid jedoch, wie so viele Schwestern, allerlei Zweifel unb Bedenken hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders hegte, so ging man bald zu den Kindern über unb beklagte, daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen fein können. Dazwischen wurde dann das fast entgegengesetzt klingende Bedauern (aut, daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden wohl werde abbrechen müssen. Der alte Gras in seiner Güte fand alles, was Adelheid sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Gefühle mit der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alien eigentlich schlimmer gedacht habe. (Schluß folgt.) Oer Traum. Von Ludwig Uhland. Es hat mir jüngst geträumet. Ich lüg' auf steiler Höh'; Es war am Meeresstrande, Ich sah wohl in die Lande Und über die weite See. Es lag am Ufer drunten Ein schmuckes Schiff bereit, Mit bunten Wimpeln wehend, Der Ferg' am Ruder stehend. Als wär' ihm lang die Zeit. Da kam von fernen Bergen Ein luft'ger Zug daher; Wie Engel täten sie glänzen, Geschmückt mit Blumenkränzen, Und zogen nach dem Meer. Boran dem Zuge schwärmten Der muntern Kinder viel; Die andern Becher schwangen. Musizierten, sangen. Schwebten in Tanz und Spiel. Sie sprachen zu dem Schiffer: „Willst du uns führen gern? Wir sind die Wonnen und Freuden, Wollen von der Erde scheiden. All von der Erde fern." Er hieß ins Schiff sie treten. Die Freuden allzumal. Er sprach: „Sagt an, ihr Lieben, Ist keines zurückgeblieben Auf Bergen, noch im Tal?" Sie riefen: „Wir sind alle. Fahr' zu! Wir haben Eil'." Sie fuhren mit frischen Winden, Fern, ferne sah ich schwinden Der Erde Lust und Heil. Madonna auf dem Dorfe. Von Willi Steinborn. Als aus Anlaß der rundzahligen Wiederkehr des Todesjahres eines ollen Meisters seiner reger als sonst gedacht und dadurch allgemeiner bekannt wurde — nur wenige hatten vorher davon gewußt —, daß eines seiner vollendetsten Werke, eine Madonna, nicht in einem Museum irgendwo weit in der Welt, sondern in einer fränkischen Dorfkirche zu finden sei, zog sich an Besuchern plötzlich die Fülle ins Dorf, die das Bild zu besichtigen gedachten. Jedoch gelangten viele nur bis zum Genüsse eines mäßigen Weins in der Wirtsstub« — bis zum eigentlichen Genüsse in der Seitenkapelle der Kirche drangen sie nicht vor; denn die Kirchentür war verschlossen, und den Schlüssel verwahrte der Pfarrer, und der Pfarrer war sonderbar; reichlich sonderbar, murrten die Fremden, die selbst enttäuscht höflich zu bleiben gewohnt waren; der anderen Red« verschweigt man besser. Der Pfarrer nämlich lächelte wohl stets unbeanstandbar sreundlich, wenn ihm jemand den Wunsch vorbrachte, das Bild zu sehen, aber selten war er hinterher so freundlich, ihn nun auch umgehend zu erfüllen. Vielmehr war es beinahe die Regel, daß er nein sagte. Doch soll in dieser Geschichte nichts ungenau sein: das bare, nackte Rein sprach er nur in Ausnahmefällen. Allein er hatte oft derartig ausgefallene Bedingungen, erschwerende Einwände, aufschiebende Vorwände, merkwürdige Forderungen, daß die Leute beim besten Willen glauben mußten, das bedeute nichts als ein reichlich unverschämt und unverblümt um- ichriebenes Rein. . , Indes scheint uns, wir klären das Ganze besser, wenn nur uns aus einen besonderen Fall beschränken und den erzählen, zumal aus ihm gleichzeitig offenbar wird, wie einer doch schließlich vor das Bild treten durfte. Da kam eines Tages ein Student in das Dorf geradelt, radelte in chwungvoller Kurve vor dem Pfarrhaus vor, sprang ab, lehnte das Rad an den Zaun, stiefelte unverzüglich an die Tür, klingelte — der Pfarrer erschien und fragte: Dürfte ich wohl die Madonna sehen? Hm, lächelte der Pfarrer, und warum begehrt Ihr das? Sie ist doch berühmt! antwortete der Student. Ein reichlich armseliger Grund, sagte der Pfarrer. Der Student stutzte und wurde ratlos. Der Pfarrer betrachtete ihn, wartete eine Weile; ein andres Mal tonn! nickte er, und schon wollte er sich in den Flur zurückwenden. Bitte! rief der Student. Was? fragte der Pfarrer und blieb. Ach — ich liebe doch den Meister. Lieben? fragte der Pfarrer, lieben! sagte er gleich danach vselbedeu- tend. Länger als seit Anfang dieses Jahres? Seit ich das erste Bild von ihm gesehen habe, und das ist, ist gewesen — Gut, unterbrach ihn der Pfarrer, etwas anderes: Könnt Ihr Holz hacken? Der Student, der schon gewonnenes Spiel gehabt zu haben glaubte, wurde jetzt um so verwirrter; erst nach einigem unverständlichen Stottern kriegte er ein Ja, Ich denke, heraus. So kommt, winkte der Pfarrer. Sie gingen durch den Borgarten um das Haus herum in den Hof und dort, an einem wedelnden Hund vorbei und zwischen Hühnern hindurch, geradeswegs auf einen Mann zu, der mit Holzhacken beschäftigt war und sich nun fragend aufrichtete, als die beiden neben ihm anhielten. Ja, sagte der Pfarrer zu ihm, Ihr müßt das einstweilen hier lassen, macht Euch zu Hause an Eure eigene Arbeit, Ihr werdet abgelöst, und zum Studenten: Also — versucht Euer Heil; Vorrat ist genügend vorhanden. Damit verließ er mit dem Mann den Hof; der Student stand allein vor Axt und Klotz und einem Berge von ungespaltenem Holz. — Ein Mann mit eigenartigem Humor, wenn er mich auf diese Weise prüfen will, ein Spaßvogel, dachte der Student Und ich kein Spaßverderber, beschloß er; und schmunzelnd griff er nach der Axt, hob den ersten Kloben auf und zerschmetterte ihn. Die Kirchturmuhr schlug zehn. Aber jeder Spaß muß auch ein Ende haben, dachte der Student nach einer Stunde und schmunzelte nicht mehr. Der Schweiß rann ihm wie ein Bach von der Nasenspitze, und im Daumenwinkel der rechten Hand hatte sich eine Blase gebildet. Spaß — soll das noch Spaß sein? ergrimmte der Student nach zwei Stunden, was fällt dem Kerl ein? Jedoch hackte er trotzig unentwegt weiter. Außerdem ist Mittag, rechnete er, wieder ruhiger werdend, und es muh sich ja alsbald etwas ändern. Dennoch ereignete sich vorläufig nichts, was feinem Rechnen entsprochen hätte; niemand erschien; und gar machten sich noch die letzten Lebewesen aus seiner Nähe davon, die Hühner und der Hund, aus der Sonnenglut des Holzplatzes in den Schatten des Stalles und der Hütte; alles, was lebte und sich bewegen konnte, ruhte jetzt im Schatten, hatte den Schatten ausgesucht und ruhte jetzt, ja, jawohl schlug der Student zu. Erst um eins hörte er endlich, daß eine Tür nach dem Hof geöffnet wurde. £)a setzte er — nachtragend war er nicht — vor Freude einen solchen Hieb auf den Klotz, daß er seine Glieder förmlich elektrisierte, den Schluhhieb, Schluß, Sieg und Triumph! Aber wie er aufblickte, stand nicht der Pfarrer vor ihm, verheißungsvoll den Kirchenschlüssel schwenkend, wie er es sich längst während der Arbeit ausgemalt hatte, sondern eine Magd, die einen Löffel schwang, und in der andern Hand hielt sie einen Napf dünner Suppe. Der Student stürzte so sausend aus seinen Himmeln, daß er weder den Versuch machen konnte, augenblicklich davonzugehen, noch sich zu entrüften, noch wenigstens die Suppe abzulehnen: er nahm gehorsam Napf und Löffel; und er löffelte den Napf leer, stellte Napf und Löffel beiseite und machte sich, da er immer noch nicht auch nur einen einzigen Gedanken ober auch nur das kümmerlichste Gefühl aufzubringen vermochte, ohne Aufschub still wieder ans Werk; in dumpfer Mechanik werkelte er fortan fort. Doch als die Turmuhr die vierte Stunde vollendet meldete, belebte sich der Student plötzlich. Eine wilde Wut brauste über ihn hin. Er fing an, lästerlich zu fluchen. Er fchleuderte die Axt zu Boden. Er stieß den Klotz um. Er spie ins Holz. Und dann rannte er in wahnsinnigen Sprüngen zu seinem Rad, schwang sich hinauf und raste davon. Und es befreite ihn wonnig und vollends, wie er den Ort immer weiter hinter sich brachte und wie auch der Kirchturm schließlich, als er gelegentlich zurückblickte, hinter den Hügeln verschwunden war. Aber auf einmal mußte er seines geliebten Meisters gedenken, um dessen Bild er gekommen war, und dessen Anblick er sich nun durch seine Flucht verscherzt hatte. Dcr fühlte er einen Schmerz an seiner Seele bohren; und der bohrte; und es war der richtige schmerzliche Schmerz mit seinem Bohrer bohrend und nicht Scham vielleicht, beileibe nicht. Jcb bin nicht schuld, sprach der Student, als habe ihn jemand angeklagt, ich nicht, sondern der Pfarrer. Das sprach er eine ganze Zeit, immer dasselbe. Dann sprach er dasselbe nicht mehr und sprach nicht und gar nichts mehr; welche Zunge läßt sich auch zu einem Satz bewegen wie — zum Beispiel wie: Ich habe ihn verraten? Dann fuhr der Student langsam; langsamer. Dann kehrte er um. Als der Student wieder vor dem Pfarrhaus anlangte, stand der Pfarrer gerade vor der Tür in Unterhaltung mit einem Bauern; er beachtete den Ankommenden nicht. Ein Fremder! mußte ihn erst der Bauer aufmerksam machen. Wo? schaute sich der Pfarrer suchend um. Verzeihung, näherte sich der Student. Ah, meinerseits Verzeihung! sagte der Pfarrer, und er sagte es wie zu einem, der ihm zum ersten Male begegnete, lächelnd, eine freundlich gemessene Höflichkeit in der Stimme, nicht mehr, nicht weniger, fonft nichts, Verzeihung, baß ich Euch warten lieh, Ihr wollt bas Bild sehen? Nein, antwortete ber Stubent. Was könntet Ihr sonst wollen? Euer Holz hacken! Der Pfarrer trat einen Schritt auf ben Studenten zu. Mann! sagte der drohend in unheimlichen Ernste, wenn Ihr einen Hintergedanken auch nur von ferne haben solltet — Der Stubent erschrak; weil er sich jedoch wirklich in keiner andern Absicht als der ausgesagten wieder hier befand, weil er sich in diesem Augenblick wie an keinem dieses Tages im Innersten unschuldig fühlte, verharrte er vor dem nahe gerückten Angesicht des Pfarrer aufrecht und standhaft. Da reichte der Pfarrer dem Studenten unversehens die Hand. Seid für heute mein Gast, bitte ich herzlich, sagte er; denn bas beste Licht, Müßt Ihr wissen, ist srühmorgens in ber Kapelle. Ernst Lldei. Mensch und Kämpfer. Von Hanns Arens. Es gibt wenige Flieger, die so allgemein bekannt geworden sind, wie Ernst Übet. Jeder Junge kennt ihn, von den Erwachsenen ganz zu schweigen. Er ist bei uns so bekannt und beliebt wie Lindbergh m Amerika. Schon im Kriege zählten wir Jungen ihn zu den liebsten Fliegern neben Richthofen, Boelcke und Jmmelmann. Und nach bem Kriege bewunderten wir seine Flugkünste; wir konnten ihn immer wieber sehen, uns immer neu begeistern. Das liegt natürlich nicht allein an bem Piloten- ber Flugsport hatte bie Verehrung unb Liebe aller deutschen Jungen.' Wendet sich aber erst einmal die Jugend einem Menschen zu, schenkt sie ihm ihre Liebe, dann kann er bestimmt damit rechnen, „berühmt" zu werden, ob er will oder nicht. Das ist richtig und schön und wird immer so bleiben. Wer ost mit kleinen und großen Kindern über diesen oder jenen Flieger gesprochen hat, wird erfahren haben, daß es immer — mit einer Ausnahme, und zwar Richthofen — Ernst Übet war, dem ihr Herz gehörte. Woran liegt bas? Woher kommt biefe Verehrung? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Zum ersten liebt der Deutsche bie Fliegerei; sie ist ihm eine immer wieder neu sich festigende Sportliebhaberei. Ja, das Sportliche in der Fliegerei, vor allem nn Kunstflug, ist es, was uns immer wieder zur Fliegerei im allgemeinen und zum einzelnen Flieger im besonderen hinzieht. Hinzu kommt noch etwas anderes, etwas fcfyr Verständliches: Während andere Völker nach dem Kriege mit großer Selbstverständlichkeit den Flugsport betrieben, ihre Fliegerstaffeln ausbauten, ihre Jugend vor allem zum Fliegen heranbildeten, mußten wir untätig zusehen. Wir wußten uns zwar zu helfen durch den Segelflug, aber dieser war nur sehr wenigen zugänglich; die meisten mußten „zu Hause" bleiben, in den Himmel gucken und eine heimliche Sehnsucht bis zur Weißglut treiben. Der große Drang der deutschen Jugend, auch fliegen zu dürfen, fand kein Ventil. Ist es da ein Wunder, wenn sich die Jugend zumindest theoretisch mit dem geliebten Sport beschäftigte? Diese Liebe äußert sich darin, auf jede Flugveranstaltung zu laufen (einer ber ganz vom Fliegen Besessenen war unb ist ber Staatsschauspieler Mathias Wiemann; bei Regen und Sonnenschein war er „dabei"), Bücher über Flieger und ihre Erlebnisse zu lesen. Modelle zu bauen und — wenn gute Vorbedingungen vorhanden waren — einen Segelflugkurs mitzumachen, um endlich selber fliegen zu können. Diese so lange unterdrückte Flugbegeisterung ber deutschen Jugend mußte naturgemäß einen Ausdruck finden in der Verehrung bekannter Flieger und ihrer Taten. Run war es Ernst Übet vor allen anderen, der nach dem Kriege mit aller Energie den Flugsportgedanken wachgehalten hat. Rach vielen Mühen gelang es ihm, regelmäßige Flugtage zu veranstalten, um so im Deutschen die uralte Sehnsucht zu erhalten und zu vertiefen, bis es einmal wieder unser selbstverständliches Recht sein würde, in den Himmel zu steigen, wenn es uns danach gelüstet. Udets großes Verdienst um die deutsche Fliegerei liegt in dieser klar erkannten nationalen Pflicht, die ihm von keinem aufgezwungen mürbe, sondern seiner Liebe zum Vaterlande, einer fanatischen Leidenschaft zum Fliegen entsprang. Dieses erkannte und fühlte die Jugend. Zum andern sah sie mit eigenen Augen, welchen Flugkünstler sie in Übet besaß. Konnte sie ihn nicht auf Fluglagen sehen, so war ihr im Kino bie Möglichkeit gegeben, „ihren Übet" in ben bekannten Berg- und Schneefilmen von Arnold Fanck, Allgeier und Luis T r e n t e r zu sehen. In seinem eigenen Film „Wunder des Fliegens" lernte sie ihn noch aus nächster Nähe, beinahe „persönlich" kennen. Sie sah und erlebte den Menschen Übet, ber ihren Vorstellungen entsprach: schlicht, männlich, heiter, ohne jede Starpose. Jugend ist besonders empfindlich, wenn ein von ihr verehrter Mensch sie in diesen Eigenschaften enttäuscht. Aus alledem erklärt sich auch wohl die Beliebtheit seines (früher hier besprochenen) Buches „Mein Flie g erleb e n", weil es so ist, wie der Mensch und Kämpfer Ernst Übet wirklich ist. Diesem Buch gab Übet diesen wenige, für ihn sehr bezeichnenden Worte mit auf den Weg: „Ich schreibe dieses Buch für die Jugend, die nach uns kommt. Denn sie wird einst der Richter unserer Taten fein. Ich widme es meinen toten Kameraden, denn sie haben das Beste von uns allen getan. Und wenn ich sonst noch einen Zweck mit diesem Buch verbinde, so ist es der: ich möchte zeigen, daß es das Schicksal jedem von uns in bie Hand gegeben hat, ob wir Krämer fein wollen oder Soldaten, ob wir das Leben genießen wollen, ober unser Glück für nichts achten vor einer Idee, die bie kleine Barke unseres Daseins in ben ewigen Strom ber Geschichte hinausträgt." — Wie stark der Eindruck ist, den dieses Buch auf alle Menschen macht, möge ein Brief des bekannten Dichters der SA. Herybert Menzel zum Ausdruck bringen: „... Das Buch „Mein Fliegerleben" von Ernst Übet begann ich gleich zu lesen, obwohl ich anderes tun wollte. So blieb ich beim Buch bis zum Spätnachmittag. Und nun muh ich Ihnen sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Das sollen Sie besser daraus ersehen, wie schnell ich Ihnen schreibe, als daß ich jetzt große Worte mache. Das ist wieder ein Buch, das alle meine Kameraden kennenlernen sollen. Ich werde an Sturmabenden daraus vorlesen. Ich bin glücklich, daß ich Übet selbst einmal sehen durfte über mir — auf dem Tempelhofer Feld am 1 Mai 1933. Da grüßten wir ihn alle, jubelnd, und das ist ein Gruß, bem kein anderer gleichen kann, sonst hätte ich ihm geschrieben. Aber was wären hier Worte? Wir wissen ihn irgendwo fliegen für Deutschland, das macht uns stolz unb fo grüßen mir ihn nicht mit Worten, sondern mit unseren Herzen." In seinem Buch erzählt Übet auch in einem Kapitel sein Luftduell mit dem britischen Fliegerleutnant Maasdorp, das mir hier zum Abdruck bringen möchten, weil es den Menschen, Kameraden und Kämpfer Ernst Übet wohl am besten vor uns lebenbig werben läßt. „Wir fliegen mal allein, mal im Staffefoerbanb, aber wir fliegen jeden Tag. Und fast jeder Flug bringt einen Kampf. Am 28. März bin ich mit Gußmann unterwegs. Patrouillenflug auf Albert zu. Es ist Nachmittag. Die Sonne steht schon im Westen. Ihr greller Schein beißt in die Augen. Man muß von Zeit zu Zeit mit dem Daumen das Licht abblenben und den Horizont nach Gegner absuchen. Sonst wird man überrascht. Der tote Guynemer hat an der ganzen Front Schule gemacht. Plötzlich ist doch ein Engländer über uns. Er stößt auf Gußmann zu, Gußmann weicht aus, drückt nach unten. Hundert Meter tiefer sehe ich sie herumkurven. Ich spähe nach einer Stelle, wo ich ben Engländer packen kann, ohne Gußmann zu treffen. Einen Augenblick hebe ich ben Kopf. Da sehe ich einen zweiten Engländer auf mich zuschießen. Er ist kaum hundertundfünfzig Meter ent* fernt. Auf achtzig Meter eröffnet er bas Feuer. Ausweichen unmöglich, ich fliege auf ihn zu. Tack—tack—tack bellt mein Maschinengewehr, tack— tack—tack belfert seins zurück. Noch zwanzig Meter Entfernung. Es sieht aus, als fallen sich unsere Maschinen in ber nächsten Sekunde rammen. Da, eine kleine Bewegung, haarscharf springt er über mich hinweg. Die Böen seines Propellerwindes schütteln mich, Duft von Del weht über mich hin. Ich drehe eine kurze Kurve. „Jetzt beginnt der Kurvenkampf" denke ich. Aber er hat auch gedreht, und wir sausen wieder schießend gerade aufeinander zu wie zwei Turnierreiter mit eingelegten Lanzen. Diesmal überfliege i ch ihn. Wieder Kurve. Wieder ist er mir direkt gegenüber. Wieder stürzen wir aufeinander los. Die dünnen, weißen Fäden der Leuchtfpurmunition hängen wie Gardinen in der Luft. Keine Handbreit fegt er über mich hinweg ... 8224 steht am Rumpf feines Flugzeuges in schwarzen Buchstaben. Ein viertes Mal. Ich fühle, wie meine Hände feucht werden. Das da drüben ist ein Mann, der den Kampf feines Lebens kämpft. Er oder ich ... einer von uns wird bleiben ... es gibt keinen anderen Ausweg. Zum fünften Mal. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, aber der Kopf arbeitet kalt und klar. Diesmal muß die Entscheidung fallen. Ich nehme ihn ins Visier, ich halte auf ihn zu, gerade auf ihn zu. Ich bin entschlossen, keinen Strichbreit auszuweichen. Blitzlicht ber Erinnerung: Bei Lens habe ich's gefehn. Ein Luftduell. Die beiden Maschinen jagten aufeinander, prallten zusammen. Die Rümpfe, zu einem Metallklumpen zufammengefchweißt, stürzten in bie Tiefe. Die Flächen allein flogen weiter, ein ganzes Stück, flatterten zu Boden. Wie zwei wütende Eber rennen wir gegeneinander an. Wenn er jetzt bie Nerven behält, sind wir beide verloren! Da, er biegt ab, weicht mir aus. In diesem Moment trifft ihn meine Geschohgarbe. Sein Apparat bäumt sich, wirft sich herum auf den Rücken und verschwindet in einem riesigen Granattrichter. Erdfontäne, Rauch ... Zweimal umkreise ich bie Stelle, wo er gestürzt ist. gelbgraue stehen unten, winken mir, schreien. Ich fliege nach Hause, ich bin schweißnaß am ganzen Körper, bie Nerven vibrieren noch. Zugleich ein dumpfer, bohrender Schmerz in ben Ohren. Ich habe mich nie um abgeschossene Gegner gekümmert. Wer kämpft, barf nicht auf bie Wunden sehn, bie er schlägt. Aber dieses Mal möchte ich wissen, wer ber andere war. Gegen Abend, in ber Dämmerung, fahre ich hinaus. Ein Feldlazarett liegt dicht bei der Stelle, wo er abstürzte. Dort haben sie chn wohl hingebracht. Ich lasse ben Arzt bitten. Er kommt. Sein weißer Mantel leuchtet gespenstisch im grellen Licht der Karbidlampe. Er hat einen Kopfschuß gehabt, der andere, ist sofort tot gewesen. Der Arzt übergibt mir feine Brieftasche. Visitenkarten: „Leutnant C. R. Maasdorp, Ontario, RFC 47. Vom Royal Flying Corps" also. Bild von einer alten Frau und ein Brief: „Du mußt nicht soviel Feindflüge machen, denk doch an Vater und mich." ... Ein Sanitäter bringt mir bie Nummer bes Flugzeuges. Er hat sie her- ausgeschnitten. Sie ist mit kleinen Blutspritzern übersät. Ich fahre zur Staffel zurück. Man barf nicht baran denken, daß eine Mutter um jeden meint, ben man abschießt". — 18 Jahre nach biesem Kampf, am 30. September 1936, erhielt Ernst Übet von ber -Mutter seines tapferen Gegners einen Brief, der in seiner Menschlichkeii wohl zu den ergreifendsten Briefen zu zählen ist, bie je von Müttern geschrieben wurden: Lieber Oberst Übet! Meine Tochter sandte mir Ihr Buch, desgleichen eine übersetzte Abschrift jenes Teiles Ihres Buches, der vom Tobe meines Sohnes Charlie hanbelt. — Die freundliche Art, in der Sie von ihm sprechen, hat mich sehr gerührt, daß Sie feinen Mut schätzten, und daß Sie auch einen Bericht seines letzten Kampfes in Ihr Buch einfügten, daß Sie feinen Namen dabei sozusagen unsterblich machten. — Eines bin ich sicher, nämlich dessen, daß, wenn er Sie überlebt hätte, er von Ihnen unb Ihrem Mut mit ber gleichen Hochschätzung gesprochen hätte. — Alle diese Jahre hindurch haben sein Vater und ich die Erinnerung an ihn bewahrt, immer in der Sehnsucht zu wissen, wie ihn der Tod getroffen hat, und wo er begraben liegt. Nach Beendigung des Krieges versuchte sein Bruder, Major L. Maasdorp, fein Grab zu finden, doch ohne Erfolg. Ich sende Ihnen heute zwei Photos von Charlie, die in Soubon ausgenommen wurden, bevor er nach Frankreich hinüberfuhr, ungefähr aus dem Juni/Juli 1917; er war damals 23 Jahre und drei Monate alt. Ich habe Charlies Bild neben das Ihre gehalten, beide so jung, so fein, so rein, — und meine Seele bäumt sich auf gegen die Unbarmherzigkeit des Krieges, der soviel Leid und Verzweiflung in glückliche, liebende Familien bringt. — Mein Mann und ich find jetzt beide alt — 861/- bzw. 8314 — und wir sind beide so dankbar, diesen wunderbaren Bericht gesunden zu haben, bevor mir sterben müssen. — Wir sehen auf Sie als auf einen rounberbaren Mann mit einem guten Herzen. — Wenn es Ihnen nichts ausmacht, so mürben mir sehr gerne missen, wie alt Sie sind verglichen mit Charlie. Ich würde es sehr hochschätzen, einige Zeilen von Ihnen zu erhalten Sollten Sie deutsch schreiben, so habe ich einen Freund hier, der es für mich übersetzen würbe. Aufrichtig Ihre M. M a a s b o r p. Berantwortlich vr. HansTbhrivt. — Druck undDerl.4g:Drühl'scheUniversitäts-Duch. undSteindrucker ei. R. Lange,Gießest.