Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1957 ßreitag, den 7. Mai Nummer 35 Der Stechlin Roman von Theodor Fontane 28. Fortsetzung. Und dazu dann Forellen und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberseldtreiber über den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen, und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn mir fällt ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm, dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Uebermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man durchaus zu einem .lieber' machen will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehen. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln. Und daneben unser alter WilhelmI Wie war er den so, wenn er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm erzählen? So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt." „Ich darf sagen ,ja', Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt. Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte Herr nicht ins Freie kam und, statt draußen in den Bergen, in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut es eben ging. Unter ihm (was er wußte) lag ein Schwerkranker. Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete, sehe ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und übereinanderpackt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ,Ja, lieber Fromme!, da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin ...' Sehn Sie, Herr von Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser." Bubslao schwieg und nickte. „Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu haben", hob er nach einer Weile an. „Ich kannt ihn auch ganz gut, das heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit." „Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen großem Zwecken." „Richtig, richtig", sagte Dubslao, „das schwebte mir auch vor; ich könnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen wir nicht wieder. Uebrigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin kein Frondeur. Fronde mir gräßlich und paßt nicht für uns. Bloß mitunter, da paßt sie doch vielleicht." Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend, untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldem'ar und Armgard unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war feit einer Stunde schon voraus, und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Bar- byschen Hause. Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang- und Höslichkeitsstreiterei. „Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge", sagte Armgard, „so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und Waldemar und ich sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei gewöhnliche Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh genug anfangen." „Armgard, du wirst mir zu gescheit", sagte Melusine. Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf, waren Rex und Czako bereits da — beide mit Riesensträußen —, zogen sich aber unmittelbar nach Ueberreidjung ihrer Buketts wieder zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgänge des Zuges. In dem von dem jungen Paare gewählten Coupö befanden sich noch zwei Reifende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur ein Sachse sein, der andere dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war augenscheinlich ein „Internationaler" aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas. Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung. Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter, einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen. „Es ist so schön", sagte Melusine. „Benutzen wir's. Ich denke, liebe Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung." Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die Baronin: „Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupö apart genommen." Melusine wiegte den Kopf. „Den mit der goldenen Brille", fuhr die Baronin fort, „den nehm ich nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung. Aber der andere mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht gar ein Rumäne. Die arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht." „Wohl ihr." „Aber Gräfin ..." „Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das Feuer." ' „Aber Gräfin ..." „Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti — ich sage immer noch lieber .Ghiberti' als .mein Mann'; .mein Mann' ist überhaupt ein furchtbares Wort — auch Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu passieren." „Weih, weiß. Endlos." „Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus dem Tunnel heraus war, wußt ich, welchem Elend ich entgegen« lebte." „Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein Schicksal." Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier angekommen, sagte Czako: „Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir bis in das Restaurant Bellevue." „Tasse Kaffee?" „Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, ne Forelle en miniature und ein Poulardensliigel, — das ist zu wenig für meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger." „Sie werden sich zu gut unterhalten haben." „Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, wenigstens Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, aufs Geistige gestellt find. Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehen und begreife nach wie vor unfern Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester! Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze Komtesse." „Czako, Sie werden wieder frivol." 34. Kapitel. Unter den Hochzeitsgästen hStte sich, wie schon kurz erwähnt, auch ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu lassen. „Das Studium der Juristerei ist langweilig und die Karriere hinterher miserabel" — so war er denn als Korrespondent für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab, war auch Dr. Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in Neuyork, bann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. Und zwar nach Deutschland. „Wo soll man am Ende leben?" Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich In Berlin wieder seinen Wohnsitz Er war ungeniert von Natur und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Uebertritt vom Pilsener zum Weihenstephan. „Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist doch immer noch eine Sache von Belang. Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei den Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch, und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von Sandringham und Hatfieldhouse, von Ehatsworth und Prem- brocke-Lodge plaudern zu können. Eigentlich paßte der etwas weitgehende Ungeniertheitston, in dem der Doktor seiner Natur wie seiner Neuyorker Schulung nach zu sprechen liebte,, nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein gewisser Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent, der er war, unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was fast noch schwerer ins Gewicht fiel, auch zu den Gesandtschaften. Er horte das Gras wachsen. Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen Telegramme hatten einen gewissen Telegrammstil in ihm gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: „Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat" einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Uzest oder Herzog von Rattbor waren ihm, ttotz ihrer Kürze, immer noch zu lang, und so warf er denn statt ihrer einfach mit „Hohenlohes" um sich. In der Tat, er hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr zu paß kam. Ob dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war, oder ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger langweilig fand, war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafür mit Borliebe das Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat, auch selbstverständlich alles andere hat, besonders die Liebe. Das war Dr. Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe von Personen an, die den „angerissenen Abend" noch in einem Lokal verbringen wollten. „Ja, wo?" „Natürlich Siechen." „Ach, Siechen. Siechen ist für Philister." „Nun denn also, beim .schweren Wagner'." „Noch philisttöser. Ich bin für Weihenstephan." „Und ich für Pilsener." Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße, wo man beides haben könne. Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch der junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste, das Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich nuerdings der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen Titel „Bellis perennis" veröffentlicht hatte. Lauter kleine Liebesgeschichten. Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt, und feder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen, daß hier viel Explosionsstoff aufgehäuft fei. Trotzdem ging es zunächst gut; Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern andern das Wort ließ, freute sich über Pufchs Schwadronage, vielleicht weil er nur das heraushörte, was ihm gerade paßte. Leutnant von Szilagy — man kam vom Hundertsten aufs Tausendste — wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, von ungefähr auch nach seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe. „Nein, meine Herren", sagte Szilagy, „das kann ich leider nicht sagen. Ich habe Bellis perennis auf eigne Kosten herstellen lasten und hunüert- zehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines Zettels; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden, aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik." „O, Krittikk", sagte Wrschowitz. „Ich liebe Krittikkl Aber gutte Krittik schweigt." „Und doch", fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte, „doch sind diese schmerzlichen Gesühle nichts gegen das, was voraufgegangen. Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir, einige dieser kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als dies mißlang, in einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich scheiterte ..." „Ja, natürlich scheiterten Sie", sagte Pusch, ,chas spricht für Sie. Lasten Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich darf beinah sagen, ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte Löschpapier! Man lebt davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber, aber ... Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von Parteiblatt — furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal —, zweimal furchtbar!" „Haben Sie selbst Ersahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?" „Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht. Ach, und außerdem wie so mancher hat mir sein Herz cms- geschüttet und mir dabei seine ljebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Astessor und .Sommerleut- nanf liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, daß sie, wenn geprüft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen wurde. Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten Neffen an eine reiche Kusine standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der Sltua- tion! Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Kusine nicht nur, andern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamt- vermögen. Und wenn ie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch..« Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?" Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: „Doktor Pusch, Pardon, aber ich glaube beinah, Sie Übertreiben. Und Sie wissen es auch." Pusch lachte: „Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man immer. Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, bi« schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zufammengetrommelt hatte, wenn er fo etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi fei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?! „Serr gutt, serr gutt." „Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur spreche. Herr von Szilagy, den wir so glücklich find unter uns zu sehn, foll ausgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden. Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser ist. Er soll wieder lachen können. Und wenn man solche Wirkung erzielen will, ja, dann muh man eben deutlich und zugleich etwas phantastisch sprechen. Indessen, auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung sich ver- meide mit Borbedacht das Wort .Schöpfung') oder gar mit dem Ber- schleiß der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem Bilde sprechen. Da haben wir jetzt in unfern Blumenläden allerlei Kränze, voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit aus eine herzhafte Weidenrute geflochtenen Urkranz. Und nun treten Sie, je nach der Situation, an die sich Ihnen mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin heran, um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu drei Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georgien oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe." „Kenne die Orchidee", ries Wrschowitz in höchster Ekstase, ,fttla mit gelb." Pusch nickte, zugleich in steigendem Uebermut fortfahrend: „Und genau so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der Urkranz; nichts fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet wird. BeiHöchst- bewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit eingeflochten. Das ist dann die große Orchidee, lila mit gelb, wie Freund Wrschowitz sehr richtig heroorgehoben hat." „Unter diesen Umständen", bemerkte hier Baron Planta, „will es mir als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von Szilagy, wie ich höre, mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm die Novellisttk schuldig bleibt, muh ihm die Malerei bringen." „Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie tun wird", lachte Szilagy halb wehmütig, „ttotzdem ich vom Genrebild aus, mit dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht, und mich unter Anleitung meines Freundes Salzmann neuerdings der Marinemalerei zugewandt habe. Mitunter auch Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich vielleicht behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe mich außeroem in Gudin und William Turner vergafft. Aber trotzdem ... „Aber ttotzdem ohne rechten Erfolg", unterbrach hier Cujacius, „was mich nicht wundernimmt. Was wollen Sie mit Gudin oder gar mit Turner? Wer das Meer malen will, muß nach Holland gehn und die alten Niederländer studieren. Und unter den Modernen vor allem die Skandinaven: die Norweger, die Dänen." Wrschowitz zuckte zusammen. „Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne pur sang, der sehr gut und beinah bedeutend ist." „O nein, nein", platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder Stimme heraus. „Nicht serr gutt, nicht bedeutend, auch nicht einmal beinah bedeutend." „Der sehr bedeutend stt", wiederholte Cujacius. „Grade darin bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt keine falschen Prä- tenfionen; er ist schlichh ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll; und wenn ich Bilder von ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue Meer an einer Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch, etwa wie der ossianische Meereszauber in den Kompositionen unseres trefflichen Niels Gäbe." „Niels Gade? Bon Niels Gade spricht man nicht." „Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an Mendelssohn heran." „Was ihn nicht größer macht." „Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen, dazu reichen Ueberheblichkeiten nicht aus." „Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen ©ubin cül- bütieren zu wollen." „lieber Malerei zu sprechen steht mir zu." „Heber Musik zu sprechen steht mir zu." „Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen bei uns das große Wort." (Fortsetzung folgt.) Oie junge Mutter. Von Ruth Schaumann. Wen Gott beschenkt, der will nichts mehr Als Gabe fein. Mein Haupt ist schwer, mein Schoß ist leer, Ring ohne Stein. Nun schläft der Sohn im Wiegenschoß, Dem Vater gleich. Wie macht das Kleinste übergroß, Das Aermste reich I So senke mir die Stirne her, Die Lippen dein — Wen Gott beschenkt, der will nichts mehr Als Gabe sein. Oie Mutter im deutschen Volksmärchen. Von Lina Staab. Mütter und Märchen: eine geheime Verbindung und Uebereinstim- mung waltet im Klang der beiden Worte. Sie sprechen sich wie eine Liedzeile, und wenn wir, vom Klang geführt, in den Sinn hineinhorchen, dann entdecken wir beglückt eine Reihe von Beziehungen zwischen den zwei Begriffen. Das Märchen scheint der weiblichen, mütterlichen Seite der Volksseele zu entsprechen, wie die Sage stärker dem männlichen teile zugehört. Ist nicht der dunkle Urgrund, aus dem in allen schöpferischen Kulturen die Märchen aufgeblüht sind, das Mütterliche über- i Haupt? Was Faust „schaudernd" und „ergriffen tief das Ungeheure iühlend" im Reich der Mütter erlebt: des „Lebens Bilder", die „ewig ;ein wollen", — „des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung, umschwebt Don Bildern aller Kreatur", — „was einmal war in allem Glanz und Schein", — es entspricht in einer wunderbaren Weise der Deutung, die Mlhelm Grimm vom Wesen des Märchens gibt: „Gemeinsam allen Märchen sind die Ueberreste eines in die älteste Seit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung über- sinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mystische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteins, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden verstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden kluge entdeckt werden. Die Bedeutung davon ist längst verloren, aber sie fibt dem Märchen seinen Gehalt, während es zugleich die natürliche Lust am Wunderbaren befriedigt; niemals ist es bloßes Farbenspiel :eh altlos er Phantasie." Dem mütterlichen Urgrund geheimnisvoll entstiegen, von Müttern Meitergegeben durch die Kette der Geschlechter in der Gestalt der Mär- t henerzählerin, selber das Mütterliche in vielfachen Farben wiüerstrah- !end: das ist das Märchen. Wir wissen heute, daß die gleichen Märchen- notive in verschiedenen Völkern leben. Es handelt sich aber dabei nicht P sehr um Wandermotive, druck Berührung der Völker untereinander gegenseitig übernommen, als vielmehr um Sinnbilder eines Ur-Wissens, •cs vielen schöpferischen Kulturen gemeinsam war und im Märchen die »orm der Erb-Erinnerung angenommen hat. Eben darum sind die Nörchen „niemals ein bloßes Farbenspiel gehaltloser Phantasie". ♦ Suchen wir nun einmal „zwischen Gras und Blumen" unseres deutschen Bodens „die kleinen Stückchen des zersprungenen Edelsteins!" Wir !werden dabei finden, daß das deutsche Volksmärchen mit feiner ausgesprochen gemllthaften Gestaltung gerne die vielfachen mensch- Uchen Liebesbeziehungen zum Stoff nimmt: Liebe Mischen Nann und Frau, Geschwisterliebe, Freundesliebe, Vasallentreue. Am hellsten aber funkeln jene Stückchen des zersprungenen Edelsteins, in deren geschliffener Fläche sich das Motiv der Mutterliebe spiegelt. $ier glüht der Edelstein tn feiner höchsten Leuchtkraft auf und offenbart fdnen mythischen Ursprung. In der Gestaltung des Muttermotioes ge= ttinnt das deutsche und das ihm artverwandte nordische Volksmärchen slärkste Sprachkraft und ergreifenden Ausdruck. Im deutschen Volks- 1 rärchen lebt eine Ehrfurcht vor dem Mutt er tum, die weit i über die Bedeutung persönlicher Wertsetzung hinausgeht, die vielmehr tief | hineinreicht in die Bezirke völkischer Notwendigkeiten. * Am Anfang einer ganzen Reihe von Märchen steht die Sehnsucht No ch dem Kind. In Worten von zeitlosem Wirklichkeitsgehalt und rihrender Schlichtheit der Empfindung wird sie laut. Im „Daum e s - di ck" sagt der arme Bauersmann: „Wie tft’s so traurig, daß wir keine Kader haben! Es ist so still bei uns und in den anderen Häusern ift's (t laut und lustig". „Ja", antwortete die Frau und seufzte, „roenn's nur ein einziges wäre und roenn’s auch ganz klein wäre, nur Daumens s ofe, fo wollt ich schon zufrieden fein; wir hätten's doch von Herzen li.-b." König und Königin im „D o r n r ö s ch e n", die sprechen jeden $.ig: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!", und kriegten immer trens. „S chneewittchen" wird als das leibhaftige Wunschbild der Butter geboren, die am Fenster mit dem schwarzen Ebenholzrahmen sitzt n>d näht, in den Schnee hinausblickt und sich dabei in den Finger sticht: ’.fyäti ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz .toe das Holz an dem Rahmen". Wie fein findet hier der alte Volks- Haube Ausdruck, daß das Kind etwas vom Wefen der Dinge mitbe- tanmt, die die Mutter umgaben, als sie es unterm Herzen trag. Er- Sieifenb beginnt das Märchen „D i e Nelke": „Es war eine Äöntgtn, Fk hatte unser Herrgott verschlossen, daß sie keine Kinder gebar. Zu einem der schönsten Beispiele der ungeheuren Vildkrast der Märchensprache gehört der Anfang des Märchens „Das Eselein": „Es lebten ' einmal ein König und eine Königin, die waren reich und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte die Königin Tag und Nacht und sprach: „Ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst". Das Unglück der Unfruchtbarkeit wird hier in einem unmittelbar ungeschauten Bild einprägsam gestaltet, aus dem die Klage der Frau, der das Muttersein versagt ist, erschütternd spricht. ♦ Da aber die Märchen alle in der Zeit sich begaben, „da das Wünschen noch hals", wird all den Frauen, die sich so sehnlich Kinder wünschen, auch ein Kind geschenkt, das sie dann um alle Schätze der Welt nicht hergeben. Als etwas Kostbares sind diese Kinder oft von feindlichen Mächten bedroht, wie Kleinode werden sie behütet und ihre Mütter erfinden tausend Listen, um die bösen Mächte zu täuschen und ihr Kind behalten zu dürfen. Im „R u m p e l st i l z ch e n" bietet die Königin dem Männchen „alle Reichtümer des Königreiches" an, wenn es ihr das Kind lassen wollte; aber das Männchen sprach: „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt". Leben wird hier gegenüber totem Reichtum als der größere Besitz erkannt. Man denkt zugleich an jenen uralten grausamen Volksbrauch, etwas Lebendiges in ein Fundament einzumauern, damit dem Bau Dauer befchieden sei. Aber nicht nur mit den Kräften des Verstandes retten die Mütter ihre Kinder, weit Größeres gelingt ihnen mit den Kräften des liebenden Herzens. Ihre Selbstüberwindung geht fo weit, daß z. B. die Mutter im „T o t e nh e rnd ch e n" fogar ihren Schmerz um ihr totes Kind besiegt und nicht mehr meint, damit fein Totenhemdchen, das naß von ihren Tränen war, trotfnen kann. Die Mutter der „Gänsemagd" fchneidet sich ins eigene Fleisch, damit sie — ein wundervolles Bild der Schutzkraft mütterlicher Liebe! — ihrer Tochter drei Blutstropfen als Talisman mitgeben kann. * Jrn Sorgen um ihr Kind besiegt die Mutter selbst den allgewaltigen und unerbittlichen Tod: Die Not ihrer Kinder läßt im Märchen die Mütter aus dem Grabe zurückkehren. In „Brüderchen und Schwesterchen" tritt um Mitternacht die tote Königin herein: „Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken". Bis über das Grab hinaus erweist die Mutter ihrem Kinds Gutes. Freilich kann sie es — ein sehr feiner, vielen Märchen gemeinsamer Zug — nur dann, wenn gläubige Kindesliebe ihrem inbrünstigen Wunsch, zu helfen, entgegenkommt: Aschenputtel pflanzt fln Haselreis auf der Mutter Grab, begießt es mit ihren Tränen, und es wird jener Haselnußbaum daraus, der sich „rüttelt und schüttelt" und „Gold und Silber" über Aschenputtel wirft. In dem dänischen Märchen „Eder- land die Hühner m a g d" glaubt die stille, geduldige kleine erlaub, obwohl ihr die sterbende Mutter nur einen Teigtrog, einen Besenstiel und eine Schürze gegeben hat, doch daran, „daß ihre Mutter sie gleich lieb gehabt hätte wie die beiden Schwestern", und siehe, die Mutter kommt aus dem Grab hervor, zu dem sich die ratiofe Ederland flüchtet, und hilft ihr. Geht aber ein Kind mit dem Geschenk mütterlicher Liebe nicht achtsam um, dann weicht auch feine schützende Kraft von ihm: Die Königstochter in der „Gänfemagd" ist wehrlos der bösen Kammer- jungfer ausgeliefert, nachdem sie das Läppchen mit den drei Blutstropfen der Mutter verloren hat. Wie hier im Einzelfall die schützende Macht durch das Blut der Mutter versinnbildlicht wird, so geht das Märchen im ganzen von dem dluchaften Muttertum aus. Es kennt nicht das übertragene Gefühl allgemeinen mütterlichen Erbarmens, mit dem eine Frau sich eines fremden Kindes annimmt. Das Bereich des Märchens ist das Elementare, es schildert nur das naturhaft einfache Gefühl, im Guten wie im Bösen. Im „F u n d e v o g e l" ist es der Förster, also ein Mann, der sich des Findelkindes annimmt, während die Köchin das Kind töten will. Höchstens die Amme, also eine Frau, mit der das blutsfremde Kind doch körperlich verbunden war, hilft ihm manchmal, wie im Märchen vom „L ämm- ch e n und Fischchen". Diese Unfähigkeit, dem blutsfremden Kinde Mutter zu fein, ist auch der tiefere Grund, warum das Stiefmuttermotlo im deutschen Volksmärchen einen so breiten Raum einnimmt. Für die ungebrochene Gefühlswelt, aus der das Märchen stammt, ist ein Kind von aller Welt verlassen, wenn es die Mutter verloren hat. Nichts kann die Liebe der Mutter, die der natürliche Lebensgrund des Kindes ist, ersetzen. Vereinfachend und die Unmittelbarkeit der Wirkung dadurch steigernd, wie es das Märchen gerne tut, geht es in feiner Darstellung nicht komplizierten Neid- und Haßgefühlen durch alle verschlungenen Pfade nach, sondern zeichnet Stiefmütter und Schwiegermütter als absolut boshafte Wesen, die ein für allemal die Kinder, die nicht aus ihrem Blute stammen, hassen, quälen und verstoßen. Für das Elend solcher wahrhaft „stiefmütterlich" behandelter Kinder findet das Märchen erschütternden Ausdruck: „Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage — wenn das unsere Mutter wüßte —". Das Märchen gibt mit der Eindringlichkeit einer musikalischen Sequenz den gleichen Vorgang oft mit den gleichen Mitteln wieder, und [o rufen auch die drei Blutstropfen der „Gänfemagd": „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen!" Als Aschenputtels Vater sich eine andere Frau nahm, „da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an". In der „W e i ß e n und der schwarzen Braut" tritt das Motiv des Neides klar hervor: „Als die Stiefmutter fah, daß sie und ihre Tochter kohlschwarz und häßlich war, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher und sie hatte nichts anderes im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könne". In dem Märchen „Die wahre Braut" wird die gleiche Aussage durch einen eigenartig fchönen, bild- haften Ausdruck noch verdeutlicht: „Die Stiefmutter tat ihr alles gebrannte Herzeleid an". Das Märchen „2 er liebste Roland" verkehrt in grausiger Weise das Muttergeslihl ins Dämonische mit allen tragischen Folgen: Die Stiefmutter will die schöne Stieftochter toten und trifft die eigene häßliche Tochter. * Tritt in all diesen Märchen die Frau als Mutter uns entgegen, so zeichnet das schöne dänische Märchen „Die Sßfarrersfrau" den Fluch, der die Frau trifft, die nicht Mutter fein will: „Es gibt andere Frauen, die sich Sorgen machen, wenn sie keine Kinder bekommen, aber die Psarrersfrau fürchtete sich immerfort davor, Laß sie Kinder bekommen könne". Eine Hexe hilft ihr, aber der Pfarrer entdeckt in einer Mondnacht, daß seine Frau keinen Schatten mehr hat und verstößt sie nach ihrem Geständnis gnadenlos. Wundervoll drückt hier der Volksmund das Leere, nur noch Ichbezogene der schuldhaft kinderlosen Frau aus: Eine Frau, die keine Kinder wollte — ein Mensch, dem kein ^Erleben ^wir hier, zu welchem Wert das Volksmärchen das Mutter- tum erhebt, bann verstehen wir auch den Sinn des dänischen Märchens Der starke Hans": „Es war einmal ein Mann, dem gebar seine Frau einen Sohn, und da er gehört hatte, daß Kinder, die man lange an der Brust behält, besonders stark werden, so ließ er diesen Sohn zehn volle Jahre bei seiner Mutter trinken". Hier findet der Glaube an die nährende mütterliche Kraft großartigen und einmaligen Ausdruck. Die Stärke des Kindes wächst, je länger und unmittelbarer es mit dem mütterlichen Blutkreis verbunden bleibt. Zu tieferer Bedeutung erhebt sich uns heute der Sinn dieses Märchens: Je unmittelbarer unser Volk mit seinem mütterlichen Urgrund, seinem Volkstum, verbunden bleibt, desto reinere Kräfte wird es aus ihm fangen. Es wird stark genug werden, den Troll, der, wie tn dem Märchen, manchmal noch umgeht in seinen Träumen, zu besiegen, rote es dem starken Hans gelang. Und wie in dem Märchen werden tn seinem Bereich dann auch verzauberte Wälder — schlummernde Kräfte — wieder zum Leben erwachen. Eine Mutter kommt auf Besuch. Von Ernst K r e u d e r. Eines Tages kommt eine Karte mit den lieben, altmodischen Schriftzügen, mit Schlingen, Bogen und Schnörkeln, eine Mäüchenschrift aus den vergangenen neunziger Jahren. „Meine Lieben! Vielen Dank für Eure liebenmZeilen, sie haben mich sehr erfreut. Gott sei Dank geht es mir wieder besser und hoffe ich, daß ich nächsten Samstag die Reise zu Euch in den Odenwald antreten kann." Meine Frau, deren Eltern nicht mehr leben, freut sich fast noch mehr darüber als ich. Aber nun werde ich erst noch einiges durchmachen müssen, bis die Mutter am Samstagnachmittag glücklich hier angekommen ist. Vorerst muß ich mal wieder erzählen, was sie alles gern ißt. Dann wird der Küchenzettel gemacht, obwohl ich weiß, daß sie wieder eine Menge Sachen mitbringen wird. Mit dem Bestellen des Bratenstücks werden wir deshalb bis ganz zuletzt roarten. Außerdem ist es ja immer fo: wenn plötzlich Besuch kommt, ist die Wirtschaftskasse da angelangt, wo sie am wenigsten widerstandsfähig ist. Ich weih nicht, woran es liegt, daß ich heute, es ist erst Donnerstag, schon ein Gefühl wie vor Ferien habe. Ein Gefühl wie vor Feiertagen, und noch ganz anders. Und sie ist schon über sechzig. Am nächsten Morgen muß ich in meinem Arbeitszimmer frühstücken. Denn das ganze Wohnzimmer steht bereits draußen auf dem Gang. Unser Mädchen ist früher als sonst gekommen, ich sehe nur noch zwei weibliche Gestalten mit weißen Kopftüchern und weißen Schürzen abwesenden Blicks umherstürzen. Mit der ländlichen Stille, mit dem Frieden, mit der ganzen Behaglichkeit des Landlebens ist es mit einem Male aus. Habe ich hier gewohnt? Ich winde mich zwischen Wassereimern, Scheuerbürsten, langen Besen, aufgestapelten Stühlen und gerollten Teppichen hindurch, um die Zeitung aus dem Briefkasten im Hof zu holen. Als ich zurückkomme, tobt die Schlacht bereits in meinem Arbeitszimmer. Jetzt ist nichts mehr da, wohin ich meinen Fuß noch fetzen könnte. Jetzt ist jener Zustand gekommen, wo man plötzlich mit völlig blutleerem Gesicht einen verstaubten Koffer vom Schrank reißt und blindlings packt. Aber da man einen bescheidenen philosophischen Zug besitzt, nimmt man nicht den nächsten Zug, packt man nicht und sagt höchstens, vielleicht etwas belegt: „Ich geh mir ein paar Zigaretten holen". Jedes wettere Wort wäre eine Brandfackel in den Pulverturm. „Um eins wird gegessen!" hört man noch, dann geht man den Feldweg zwischen den grünen Wiesen hinunter, über den Bach zum „Felsen- keller", dessen Wirt O'Reilly heißt und der aus Saarbrücken stammt. Auch solche Tage gehen vorüber. Am nächsten Tage steht das Wohnzimmer wieder im Wohnzimmer, alle übrigen Zimmer sind ebensalls zurückgekehrt, es ist alles wie früher, nur spiegelblank, und man geht vorsichtig über die gewachsten Böden. Aber es ist noch etwas anderes da, in der Luft, hinter den Türen: die Erwartung. In der Küche wird noch eifrig gebacken. Nach dem betont spartanischen Essen, Linsengericht, fahre ich ins Dorf, um noch einiges zu besorgen. Jetzt wird es langsam ernst. Mit der Tram um Viertel nach Drei wird die so ungeduldig Erwartete endlich ankommen. — Die Tram taucht in der Straßenflucht auf, klein, gelb, es ist eine Ueberlanbtram, mein Rad lehnt an der Mauer, dann bremst sie plötzlich neben mir und hält. Ich geb einer kleinen, verängstigt lächelnden Frau die Hand und helfe ihr beim Aussteigen. Sie trägt einen Klemmer ohne Rand, mit einem dünnen, vergoldeten Kettchen, das immerzu schwingt. „Guten Tag. liebe Mutter, jetzt bist du endlich da, war es sehr anstrengend?" Wie durch Zauberei bin ich mit -tinemmal aller Last ledig Und froh wie als Junge an meinem Geburtstag. Die Gute, die Liebe, jetzt ist sie endlich da. Und der schwere Koffer, den ich ihr abnehme und aufs Rad stelle, ist so verheißungsvoll. Es ist kein richtiger Koffer, wir sagen nur so. Ich hörte einmal in jungen Jahren, mit heißen Wangen und ernster Miene bei Professor C. in Frankfurt Philosophie. Er begann die erst« Vorlesung im Semester jeweils mit folgenden Worten: „Meine Damen und Herren! Was ist Philosophie? Philosophie ist das Streben nach letzter Klarheit!" Er hatte nie gebügelte Hosen an, trug auf dem Weg zur Universität eine Ballonmütze und eine Handtasche, wie sie die Fußballspieler Sonntags tragen, und wie sie jetzt auf dem Gepäckträger meines Rades liegt. Zuerst sind wir beide etwas verlegen, und so stellt man lauter unwichtige und sinnlose Fragen. Wieviel Weihnachtsgänse Frau Zink dieses Jahr ausziehen wird, und ob es heute Morgen auch zu Hause geregnet hat? Dann kommen die Neuigkeiten, Frau Zimmermann ist gestorben, und sie war noch gar nicht so alt „Hoffentlich hast du nicht wieder so viel mitgebracht", sage ich, „das sollst du doch nicht." Dabei bin ich voll eitler Hoffnungen. „Nein, gar nichts", antwortet sie lächelnd, „du hast ja geschrieben, ich soll diesmal nichts mitbringen. Geh bitte nicht so schnell, du weißt, ich bin keine zwanzig mehr." Am liebsten ginge ich jetzt gar nicht mit ihr nach Hause. Ich müßte auch kein Fahrrad haben, sondern in einer stillen Seitengasse stünde ein neuer, blauer, geschlossener Wagen. Und ich würde mit ihr hingehen und die Wagentür öffnen und sagen: „Steig ein, liebe Mutter, wo soll die Reise hingehen? Was kennst du noch nicht? München, Weimar, Dresden, oder zum blauen Tegernsee?" Denn sie hat von allem noch nichts gesehen, sie hat in ihrem arbeitsreichen Leben nicht viel gesehen ... Aber ich glaube, sie würde doch lieber mit mir nach Hause gehen. Diese kleine Reise von drei Stunden ist jetzt schon eine große Reise für sie. Und sie ist auch etwas müde. Natürlich muß gerade in dem Augenblick, wo wir endlich da find, die Hausfrau fort fein. Was ist das für eine Begrüßung? Später erscheint sie, strahlend, mit frischen Blumen aus dem Garten. Der Kaffeetisch ist gedeckt und mit Blumen geschmückt, es ist wie am Geburtstag, festlich. Selbst im Kuchen steckt ein kleiner Strauß. Nun fitzt die Mutter endlich. Sie muß sich auf der Kautsch erst ein wenig ausruhen, dann reden drei Leute eine Zeitlang ununterbrochen und so lebhaft, daß das ganze Zimmer summt. Die geheimnisvolle Handtasche steht neben dem niedrigen Kautschtischchen. Noch ist es nicht so weit. Dann fetzt sich die Mutier wieder auf, nimmt die Gläser mit dem vergoldeten Kettchen ab und sagt, daß sie jetzt mal auspacken wolle. Sie hätte uns doch eine „Kleinigkeit" mitgebracht. Die Spannung ist aufs Höchste gestiegen. Bevor sie aber die verdächtige Handtasche öffnet, sage ich: „Halt! Das muß feierlich begangen werden". Und dann stelle ich drei Gläser auf das Tischchen und öffne die Flasche „Feiner alter Malaga, Gold", denn den trinkt sie am liebsten. Was nun kommt, ist eigentlich etwas für Kinder. Aber die sind wir inzwischen wieder vor der Mutier geworden. Ich fülle die Gläser: „Erst ein Wtilkommensschluck! Prost, liebe Mutter!" „Prost ihr Kinder!" sagt die Mutter und ist ganz rot vor Aufregung und Freude. Und wir sind es wohl auch. Dann wird ausgepackt. Eine Schachtel Pralinen kommt zum Vorschein und ein Freudenschrei meiner Frau ertönt. Dann fünf Schachteln Zigaretten und zehn Zigarren! Da ich das Zeremoniell liebe, trinken wir darauf alle einen Schluck Malaga. Dann kommen wunderbare und so „nützliche" Sachen. Eine ganze große Hartwurst! Eine Dose Gänsefett! Zwei große Dosen Oelsardinen. Jedesmal wird ein Schluck getrunken. Briekäse, das Beste vom Besten. Ein halbes Pfund feinster Kaffee. Dann ist eine Pause. Stürmische Dankrufe. „Das ist aber wirklich zuviel. Mutsch!" „Das hättest du wirklich nicht tun sollen!" „Jetzt wollen wir aber Kaffee trinken!" „Ich glaube", sagt sie vergnügt, „da liegt noch was ganz unten drin." Und nun kommt etwas ganz Schweres zum Vorschein, das sich kühl und weich anfühlt. Wir reißen die Hüllen auf. Es sind zwei zarte, junge Hähnchen! „Du wolltest doch immer mal ein Hähnchen ganz allein effen", sagt sie vergnügt zu mir, von den Küssen meiner Frau unterbrochen. „Prost! Das ist ja das reinste Weihnachtsfest!" Und 3um Schluß zieht sie noch eine kleine Flasche Kognak heraus. Dreistem. „Zum Verdauen nach den Hähnchen." Ich weiß nicht, wer von uns dreien sich am meisten freut. Und so schenken kann nur eine Mutter, denn sie kennt die kleinsten Wünsche. Aber ich weiß auch, daß sie lange dafür gespart hat ... Nun wird aber Kaffee getrunken. Wir befinden uns alle in einem eigenartigen Taumel, Freudentaumel, vergessen ist alle Bitternis, alles Schwere, was die Jahre brachten, was sie immer wieder bringen werden, die Sorge ums tägliche Brot, die Sehnsucht nach Reisen, nach einem eigenen, kleinen Häuschen am Fluß mit einem großen Garten und alten Bäumen, die Zukunft ist jetzt nur noch wie ein großer, goldgelber Kuchen mit einem Blumenstrauß darin, denn die Mutter ist auf Besuch gekommen. Liebe, gute Mutter, ich weiß, daß dir diese ganze freudige Aufregung gar nicht so gut bekommt, und daß du auch deine Baldriantropfen für die Nacht mitgebracht hast. Aber bis dahin werden wir noch manches Glas Malaga trinken, und auch den Dreistem probieren. Ich weih, daß du schon sechzig bist und noch sehr rüstig, aber wir beide sind erst in den Dreißig, und bis wir erst so weit sind, bann werden wir wohl einmal nicht mehr wie Kinder vor deiner Handtasche sitzen, sondern nur noch davon erzählen können, wie von der guten, alten Zeit, als du noch einst auf Besuch zu uns kamst ... Bernntwörtlich. Dr. Hans Thyrtot. — Druck und Derlag: Drühl'sche UntversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehe«.