GieheimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang 1937 Freitag, den 5. November Nummer 86 Eugenie Hrandet ROMAN von Honore de Balzac 15. Fortsetzung. Schließlich, eines Abends, gegen Ende des Frühjahrs, vertraute Frau Gründet, die sich noch mehr durch den Kummer als durch die Krankheit verzehrte, da sie trotz ihrem Flehen Eugenie nicht mit dem Vater versöhnen konnte, ihre geheimen Schmerzen den Cruchots an. „Ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren bei Wasser und Brot einsperren!" rief der Präsident von Bonfons aus, „noch dazu ohne Grund! Aber das bildet ja eine widerrechtliche Mißhandlung; sie kann Protest erheben dagegen und ebenso dagegen, daß.. „Na, Neffe", sagte der Notar, „laß deinen Gerichtsjargon. — Beruhigen Sie sich, Frau Grandet, ich werde dafür sorgen, daß diese Gefangenschaft morgen zu Ende geht." Als sie von sich sprechen hörte, kam Eugenie aus ihrem Zimmer. „Meine Herren", sagte sie und näherte sich in stolzer Haltung, „ich bitte Sie, sich nicht mit dieser Angelegenheit zu befassen. Mein Vater ist Herr in feinem Haus. Solange ich in seinem Haus wohne, muß ich ihm gehorchen. Sein Benehmen braucht sich nicht um die Billigung oder Mißbilligung der Welt zu kümmern, er schuldet Gott allein Rechenschaft davon. Ich fordere von Ihrer Freundschaft das tiefste Stillschweigen über diesen Punkt. Meinen Vater tadeln, hieße unserm eignen Ansehen zu nahe treten. Ich weiß ^hnen Dank, meine Herren, für das Interesse, das Sie mir bezeugen, aber Sie würden mich noch mehr verbinden, wenn Sie die beleidigenden Gerüchte zum Schweigen bringen wollten, die in der Stadt umlaufen und von denen mich ein Zufall unterrichtet hat." „Sie hat recht", sagte Frau Grandet. „Fräulein, das beste Mittel, die Welt am Klatschen zu verhindern, ist. Ihnen die Freiheit wiederzugeben", antwortete ihr respektvoll der alte Notar, der von der Schönheit überrascht war, die Eugeme dilrch ihre Zurückgezogenheit, Schwermut und Liebe gewonnen hatte. „Ach ja, Kind, überlaß es Herrn Cruchot, diese Sache zu vermitteln, da er sich für den Erfolg verbürgt. Er kennt deinen Vater uno weiß, wie man ihn nehmen muß. Wenn ich glücklich sein soll während der kurzen Ze: t, die mir noch zu leben bleibt, müßt ihr, dein Vater und du, iun jeden P> Am nächsten Morgen machte der alte Grandet em paar Runden durch seinen kleinen Garten nach einer Gewohnheit, die er seit der Haf g - angenommen hatte. Er wählte für diesen Spaziergang die 3 , ä Engcnie kämmte. Wenn der Alte beim großen Nußbaum ankam, verbarg er sich hinter dem Stamm des Baumes und blieb da einige um die langen Haare seiner Tochter zu betrachten, und schwankte angensche n ich hin und her in den Gedanken, die ihm die Halsstarrigkeit seines Wesen, und der Wunsch, seine Tochter zu umarmen, emgaben. rff,nrleS Oft blieb er auf der kleinen Bank aus verfaultenl Holz sitzen, wo Eharle. und Eugenie sich ewige Liebe geschworen hatten, wahrend auch sie ihren Vater ansah, heimlich oder in ihrem Spiegel-Wenn er aufs ' ' unb Spaziergang von neuem begann, setzte ie sich wEahrlg ? lu0 betrachtete das Mauerstück, über das die schönsten Blumenheraohmgen,, zwischen den Rissen Frauenhaar hervorsproßte, Winden und em es Pflanze, gelb oder weiß, eine sogenannte Fetthenne, dre ,ei;r yam g den Weingärten von Saumur und Tours vorkommt. Winker Der Notar Cruchot kam früh am Morgen und fand den aNe» Wmz« an einem schönen Junitag auf der kleinen Bank sil ' .., . Mitte der Mauer gelehnt, den Blick auf eine Tochter gerichtet „Was steht zu Diensten, Herr Notar?" fragte er, als er Cruchot say. „Ich komme in Geschäften." , ... irflo« „Sieh an! haben Sie etwas Gold gegen Taler s J ^hre Tochter "Nein, nein, es handelt sich nicht um Geld, sondern um Ihre -vocyrer Eugenie. Alle Welt spricht von ihr und Ihnen. „ „Was mischt mau sich da hinein! Jeder istJ&erl begehen oder, „Zugegeben; jeder hat auch das Recht, Selbstmord zu begeyen was schlimmer ist, das Geld zum Fenster herauszuwerfen. „Was soll das heißen?" . ■ « nb. Sie müssen r „Was! Nun, daß Ihre Frau sehr krank rst^mem logar Herrn Bergerin konsultieren, sie ist in Lebe 3 f ) • . sein, ohne die gehörige Pflege gehabt zu haben, wurden Sie nicyr ru- v "“■«X <«, »inen. <"> me>"° S““ *" Aerzte einmal den Fuß ins Haus gesetzt haben, kommen lie fünf» oder sechsmal am Tag." „Kurz und gut, Grandet, machen Sie, was Sie wollen. Wir find alte Freunde; niemand in ganz Saumur nimmt ein größeres Jntereife als ich an allem, was Sie betrifft; daher mußte ich Ihnen das sagen. Und jetzt, komme was da wolle, Sie sind großjährig, Sie wissen, wie Sie sich zu benehmen haben, damit gut. Außerdem ist das nicht das Geschäft, das mich herführt. Es handelt sich um etwas, was für Sie vielleicht noch ernster ist. Im Grunde haben Sie ja nicht Lust, Ihre Frau zu töten, sie ist Ihnen zu nützlich. Denken Sie doch an die Lage, in der Sie Ihrer Tochter gegenüber sein werden, wenn Frau Grandet sterben sollte. Ihre Tochter hat das Recht, die Teilung ihres Vermögens von Ihnen zu fordern, Froidsond verkaufen zu lassen. Mit einem Wort, sie tritt den Nachlaß ihrer Mutter an, die Sie nicht beerben können." Diese Worte waren ein Donnerjchlag für den Alten, der in der Gesetzeskunde nicht so stark war, wie er es im Geschäftsleben sein konnte. Er hatte nie an eine Subhastation gedacht. „Daher rate ich Ihnen, sie gut zu behandeln", schloß Cruchot. „Aber wissen Sie, was sie getan hat, Cruchot?" „Was denn?" sagte der Notar, voll Neugier, vom alten Grandet etwas anvertraut zu bekommen und den Grund des Streits zu erfahren. „Sie hat ihr Gold verschenkt." „Na, gehörte es ihr?" „Das sagen sie mir alle!" sagte der Alte und ließ mit einer tragischen Bewegung die Arme hängen. „Aber gehen Sie doch", fuhr Cruchot fort, „wegen einer Lappalie Hindernisse für die Konzessionen zu schaffen, die sie Ihnen beim Tode ihrer Mutter machen soll." , , „Was, Sie nennen sechstausend Franken in Gold eine Lappalie? , Ra, mein alter Freund, wissen Sie, was die Aufnahme des Inventars und die Teilung der Erbschaft Ihrer Frau kosten wird, wenn Eugenie sie fordert?" ,Was?" "Zwei- oder drei- oder vierhunderttausend Frauken vielleicht. Mail muß doch subhaMieren und verkaufen, um den wirklichen Wert festzustellen, während, wenn Sie sich darüber verständigen..." , Beim Winzermesser meines Vaters!" schrie der Winzer, setzte sich hm und'wurde ganz blaß, „das wird sich noch finden, Cruchot!" Nach einem Augenblick des Schweigens und bet Todesangst sah der Alte den Notar an und sagte zu ihm: Das Leben ist sehr hart. Es bringt viele Schmerzen! Cruchot , fuhr er feierlich fort, „Sie wollen mich doch nicht täuschen, schwören Sie mir auf Ehrenwort, daß das, was Sie mir da vorschwatzen, rechtlich begründet ist! Zeigen Sie mir das Gesetzbuch, ich will das Gesetzbuch sehen." „Armer Freund", antwortete der Notar, „versteh' ich mein Handwerk •Xi 9