Jahrgang 1951 Montag, den 5. Juli Nummer 51 SietzeimZamilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mutter. Aber sie hob den Kops nicht, sie reichte mir fei: blieben bei der Arbeit, harte, knöcherne Finger, die i nähten ohne zu zittern. Ich wußte schon, was ihre Haltung so versteinerte. Sie hatte sich in den Gedanken verwählt, daß es ein Strafgericht fei. eine gerechte Vergeltung für tausendfache Versündigung. Ich begriff, daß sie völlig mit dem Bruder einig war, mit diesem dickköpfigen und neiü- 6. Fortsetzung. Mein erster freudiger Gedanke war: das Bett ist leer! Dann ist Rosalba gesund! Sie wird mir jetzt von irgendwoher entgegenspringen! Aber gleich darauf raubte mir eisiges Entsetzen den Atem. Ich kannte die schwarze Mantille, an der Josepha nähte. Sie gehörte zu der Trauerkleidung, die sie immer trug, wenn uns eines der Kinder genommen worden war. Wankend hielt ich mich an die Türpfosten, meine Stimme röchelte: „Rosalba?" Bayeu kam auf mich zugewandelt, breit, mit gespreizten Beinen pflanzte sich vor mich hin, die Hände immer noch hinten unter den Rock- schößen. „Ja, ja, mein Lieber —" und er warf den Kopf zurück, eine Wendung über die Schulter und halb nach oben, die deutlich genug ausdrückte: fort, weg, aus, hinüber, anderswo, irgendwohin hinauf entrückt. „Ja, ja, wie ein Engel ist sie von uns gegangen." „Wann?" fragte ich mit erlöschendem Bewußtsein. „Wann? Gleich am Tag nach deiner Abreife." Mein Gehör war fort, aber ich las die Worte von seinen Lippen ab, und er bildete sie langsam und deutlich und, wie es schien, mit Genuß, als mache es ihm Freude, mich tödlich zu treffen. Ja, Rofalba war gestorben, gleich am Tag nach meiner Abreise. Sie war begraben worden, während ihr Vater auf seiner Reise gewesen war, auf dieser völlig unnützen Reise, mit der man mich vielleicht bloß zum Narren gehalten hatte. Es hatte wirklich den Anschein, als hätte man mich bloß fortgeschickt, damit inzwischen alles mögliche Unheil über mich hereinbrechen könne. Ich dachte an das trübe Lächeln der wissenden Kinderaugen, wie mochte die Seele des Mädchens nach mir gerufen haben, als die Schatten des Todes über sie herabsanksn! Bayeu stand vor mir, ein lebendiger Vorwurf. Aeußerlich Vorwurf, innerlich uneingeschränkte Genugtuung. Ich wußte was er dachte. Hatte er es nicht immer gesagt?. Ein leichtsinniger Patron, ein schlechter Gatte und Vater, alles andere war ihm wichtiger als Frau und Kind! Vom Krankenbett seines Kindes weg hatte er diese Reise angetreten, eine gänzlich überflüssige Reise, über deren Zweck und Ziel er nicht einmal Rechenschaft geben konnte. Während daheim sein Kind starb, jagte er vielleicht irgendeiner leichtfertigen Liebschaft nach. Da konnte man es sehen: man konnte von dem dummen Volk für den allergrößten Maler gehalten werden und dabei als Mensch ganz unzulänglich sein, unzulänglich und verächtlich. Und da saß ja auch Josepha: sie saß am Tisch und nahte schwarze Spitzen auf die Trauermantille, sie hatte den Kopf feit meinem Eintritt nicht wieder gehoben und mich nicht ein einzigesmal angeblickt. Ich ging langsam zu ihr hinüber: „Josepha!" Wir trugen ja am gleichen Leid, alle Kinder waren nun tot bis auf Francesco, Josepha war doch die ine Hand, ihre Finger immerfort Spitzen an- GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL erfüllten Greis. ,,, , „ r , „Ich habe auf Josephas Wunsch bei ihr geschlafen , sagte Bayeu, „weil sie nicht allein bleiben wollte." Schon gut! Mochte er es auch heute tun. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen. Hier war ich nur ein Schuldiger, beladen mit Lorwurfen, unerbittlichen Richtern ausgeliefert. Und ich brauchte eine Seele, in die ich meinen Schmerz ausströmen lassen konnte, ich brauchte jemand, der mich mitleidig freisprach, wenn ich mich selbst anklagte. .. Ich weitete die beklommene Brust durch ein paar tiefe Atemzuge. Zum Glück wußte ich eine solche milde Freundin, jemand^ der vor Seligkeit aufjubeln würde, wenn ich kam. Ich nahm meinen Mantel und ging ohne Abschied davon. Hier war ich ^fertig. Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Vor dem Haus in der krummen Calle de las Earretas lieh ich vergebens den Ruf des Zisgen- melkers ertönen. Kein wanderndes Licht gab mir das 3euf)en, datz ich gehört worden fei und eintreten dürfe. Vielleicht war Avila daheim. Vielleicht aber war Martina krank oder gar — und dieser Gedanke erfüllte mich mit Entsetzen — es war ihr bei dem Aufstand etwas zugestoßen. An der Mündung der Calle de las Carretas in die Plaza de San Andres hatte ich die Reste einer Barrikade gesehen. Es war hier gekämpft worden, und in der letzten Venta vor Madrid, wo ich Cids wegen Rast gemacht hatte, war mir von den Greueln dieser Straßenkämpfe erzählt worden. Die Spanier hatten sich von den Dächern der Häuser herab verteidigt, und die Franzosen hatten eines nach dem andern erstürmen müssen. Gewiß hatte Avila selbst den Ausstand nicht mitgemacht, das sah dem Mann nicht ähnlich, er verdiente ja an den Franzosen, aber hatte trotzdem nicht auch sein Haus zum Schauplatz eines mörderischen Ringens werden können, wenn es von Aufrührern besetzt war? Mein Fuß stieß an Mörtelbrocken und Trümmer von Ziegeln, es war jedoch zu dunkel, um zu sehen, ob Avilas Haus Spuren eines Kampfes trug. In der Angst, die mich befallen hatte, reifte ein Entschluß in mir, der, längst schon erwogen, bisher immer verworfen worden war. Ich war außerstande, diesen Zustand der Unsicherheit und der ständigen Sorge um unsere Liebe länger zu ertragen. Ich wollte mir Martina holen und wenn ich sie ihrem Gatten mit Gewalt entreißen mußte. Mit Rosalbas Tod war das letzte Band zwischen Josepha und mir zerrissen. Sie stand mit ihrem Bruder gegen mich zusammen. Gut! Mochte sie sich ganz an ihre Familie halten und mich ziehen lassen. Die Franzosen waren die Herren im Land. Was Spaniens Unglück war, das war mein Heil. Ihr Gesetz würde gelten und mir und Martina die Trennung unserer Ehe erleichtern. Nachdem ich mich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte, wurde ich ein wenig ruhiger im Gemüt. Es war, als dringe mit ihm in die Trauer um den Tod meines Kindes und die Angst um Martina ein Strahl von Licht. Wenn man nach langem Schwanken endlich weiß, welchen Weg man zu^gehen hat, dann will es einem scheinen, als seien Hindernisse und Schwierigkeiten schon halb weggeräumt. Gewiß würde ich mit meinem Entschluß nicht zu spät kommen, Martina würde nichts geschehen sein, das konnte das Schicksal nicht wollen, Gott würde gnädig sein. Und nebenbei begann ich plötzlich, da mir eben Martinas Amulett einfiel, trotz meines sonstigen Unglaubens auch eine starke Hoffnung auf dieses zu setzen. Gott und das Amulett! Ich meinte, Gott würde großmütig genug fein, mir zu gestatten, daß ich nebenbei auch auf das Amulett vertraute. Durch solche trostreiche Gedanken erleichtert, wanderte ich durch die Straßen und legte mir gefaßt die Schritte zurecht, die nun zunächst zu unternehmen waren. Mit einemmal stand ich vor Tiburcios Posada „Zum schwarzen Herrgott!" Die Tür war geschlossen, die Fenster waren verhängt, aber ich konnte nicht daran zweifeln, daß Tiburcio Gäste hatte. Plötzlich erfaßte mich eine Sehnsucht nach Menschen. Vielleicht konnte ich vorsichtig Erkundigungen einziehen und etwas über Martina erfahren. Mein Knöchel klopfte das Zeichen des Eingeweihten an die Tür. Sie öffnete sich nach einer Weile, der Mozo steckte den struppigen Schädel durch den Spalt, grinste und ließ mich ein. Die verräucherte Spelunke war voll von Gästen. Alle meine Bekannten waren da: und aller Blicke richteten sich bei meinem Eintritt auf mich. Aber es siel mir auf, daß sich kein Freudengeschrei erhob, wie ich es erwartet hatte, da ich mich nach längerer Abwesenheit wieder ein- fand. Ich las von den Mienen die verschiedensten Ausdrücke ab, Erstaunen, Verwunderung, Mißtrauen, Unwillen, bis zur gehässigen Bosheit auf Martinchos Gesicht, alles, nur kein fröhliches Willkommen, wie ich es sonst gewohnt war. Niemand begrüßte mich, niemand rückte wie fonst zur Seite, um mir Platz zu machen. Nur mein Freund Narvaez hob, beinahe widerwillig und fast wie verlegen, zwei Finger zur Stirn. Es war, als stände ich wie ein Wildfremder oder gar ein verdächtiger Mensch unter diesen Leuten, die mich sonst — bis auf Martincho — liebten oder wenigstens gelten ließen. Sie schienen, als ich eintrat, in einem heftig erregten Gespräch gewesen zu fein und wandten sich, nachdem sie mich eine Weile angeftarrt hatten, wieder der Pastrana zu. Die alte Hexe hatte ihren Platz an der Tür verlassen und schien zum Mittelpunkt der Gesellschaft emporgerückt zu sein. Alle drängten sich um das fcheußliche Weib, das ein Blatt in der Hand hielt, aus dem sie wohl vorgelesen hatte. Ich setzte mich, da ich keinen andern Platz fand, auf Tiburcios Herd, und der Mozo stellte einen schweren Rioja neben mich hin. Die Pastrana begann wieder zu lesen, aber ich sah, wie Larosa, dessen Kopf von einem blutigen Tuch umwickelt war, mit einem Seifenblick auf mich Vorsicht gebot. Was die Pastrana las, konnte ich nicht hören. In meinen Ohren war das dumpfe Saufen der Taubheit, einsam und ausgeschlossen saß ich unter den Menschen, deren verändertes Benehmen ich mir nicht erklären konnte. Ich sah nur, wie das, was die Pastrana las, auf die Hörer und die fremden Pflanzen dort ansgeriss->n, sie werden Spanien zugrunderichten, wenn sie es so weitertreiben. Hätte man nicht allen Grund, das Volk zu hassen? Es ist immer dasselbe, wenn es einmal irgendwo losbricht, dann kann man gewiß sein, daß immer das Dümmste und Ungeschickteste geschieht, was nur geschehen kann. — Aber was soll man tun? Wir gehören nun einmal dazu. Sein Schicksal ist auch unser Schicksal. Man möchte ihnen die albernen Schädel einschlagen, wenn sie einem nicht leid täten." Siebold hatte mich ruhig angehört. Dann sagte er: „Die Pastrana hat gegen dich gehetzt. Sie ist es gewesen, die den Leuten eingeredet hat, du seiest ein Verräter und Franzosenfreund. Wer Vernunft predigt und einen klaren Blick für das Unheil hat, das über Spanien heraufkommt, ist diesen Leuten ein Verräter. Die alte Hexe Pastrana aber ist em Weib nach ihrem Sinn. Als der Aufstand losbrach, war sie überall dabei,. wo es gegen die Franzosen ging. Sie war es, die das Volk aufgehetzt hat, das Lazarett zu stürmen und die wehrlosen Franzosen abzuschlachten. Du hast dir ihren Zorn zugezogen. Sie behauptet, man würde schon sehen, wie du zu den Franzosen stehst, du würdest gewiß noch die Ehrenlegion bekommen." Nun begriff ich, was die Bewegung der Celestina hatte bedeuten sollen: den Orden der Ehrenlegion, den ich angeblich erhalten sollte. „£fa, mein armer Freund", sagte Siebold, „es ist, als sei eine Kraft in dir, gegen die das Böse nicht viel auszurichten vermag. Darum mußtest tm aus Madrid entfernt werden, damit es sich entfalten kann. Und wirklich hat ja das Löwengesicht hier inzwischen gute Arbeit getan." Da war er wieder bei seinem Löwengesicht. Aber Löwengesicht oder nicht: war es nicht wirklich ss,.als hätte das Böse während meiner Abwesenheit hier die Macht an sich gerissen? Vielleicht hätte ich mich nie von Rosalbas Bett entfernen dürfen. Meine Gedanken schienen wie immer offen vor Siebold zu liegen. „Ich habe dem Kind nicht helfen können", sagte er leise. Mein Schmerz, den mich der Zorn über den Auftritt in Tiburcios Posada hatte vergessen lassen, brach neu hervor. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten und ließ mich, von Siebold halb abgewandt, zur Seite in die Polster des Diwans sinken, auf dem wir faßen. Siebold war aufgeftantien und zur Tür gegangen. Er mag wohl dort wieder an feinem Hebel gerückt haben, denn ich hörte wieder das Knistern über unseren Köpfen und gleich darauf fühlte ich mich wie von neuen Kraftströmen durchfloßen. „Du darfst dich nicht der Trauer hingeben, FrancescoI , sagte Siebold, indem er meine herab hängende Hand erfaßte, „wir müssen uns sehr zusammennehmen, um unserer Aufgabe gewachsen zu sein. Wer soll diesen Dämon bändigen, wenn nicht wir? Das Fieber deiner Kinder ... ich habe die letzten zwölf von ihnen sterben sehen. Es war fein Fieber, dem mit Medizinen und ärztlicher Kunst beizukommen war. Dein Fran- cesco ist am Leben geblieben, weil er dir am wenigsten gleicht. Die anderen hat dir das Löwengesicht genommen, Francesco! Und es ist darauf aus, auch dich zu vernichten. Mit deiner Taubheit hat es den Anfang gemacht. Nun hat es deinem Leben gegolten oder wenigstens deiner Freiheit." Ich hatte mich wieder gefaßt, klar standen die Vorgänge in Bayonne vor meinen Augen: „Du hast mich wieder gerettet, Andreas. Wie hast du das gemacht? Hast du den Brief vertauscht?" Siebold lächelte unergründlich, seine Augen wurden dabei immer ganz milchfarben wie die leuchtende Halbkugel an der Decke: „Wenn alles so leicht wäre, wie das, Francesco! Glaubst du, wir lesen immer, was wirklich geschrieben steht? Und muß ich nicht alles aufbieten, um meine Schuld zu verringern?" „Deine Schuld?" „Wessen Geschöpf ist dieses Löwengesicht, wenn nicht das meine? Meine Vermessenheit hat es ins Geben gerufen! Wollte ich nicht meinen Meister übertrumpfen und wagen, was er nicht gewagt hat? Nun hat sich mein Geschöpf gegen mich empört, und keine Feindschaft ist grimmiger als die eines Geschöpfes gegen feinen Schöpfer. Da hat sich die Singdogma nun den Fesseln entrissen und ihre abgründige Bosheit ist frei geworden. — Ist nicht die Welt voll Unheil, seit sie auf die Erde losgelassen ist? Das Blut auf den Schafotten der französischen Revolution, das Blut der Schlachten seit Jahrzehnten — alles ist ihr Werk. Das Unheil, das Spanien bevorsteht, wird sie nicht sättigen, sie wird über die Gehängten, Verstümmelten, zu Tod Gemarterten lachen und mehr Greuel begehren. Immer wenn ein großer Irrsinn über die Menschheit gekommen zu sein scheint, hat sich so ein Dämon von seinen Ketten losgemacht und schleudert geistige Stürme in die Welt. Zauberer und Magier in Tibet schaffen solche Wesen, und wenn die Menschheit der geistigen Führer, die Gutes wollen, nicht achtet, gewinnt das Böse Macht über die Seelen. Alle großen Zerstörer sind von solchen schweifenden Dämonen besessen. Vielleicht trägt auch Napoleon so einen Zerstörungsdämon in sich. Welche Macht ist in diesem beleibten, kleinen Mann, dessen Hirnanhangdrüse von einer Krankheit ergriffen ist, von der er noch nichts weiß, die ihn aber vernichten wird? Vielleicht ist es meine Belisa, die sich auch seiner als Werkzeug bedient." Während Siebold sprach, hatten meine Gedanken eine sonderbare, aber sehr bestimmte Richtung genommen. Mit einer mich selbst überraschenden, jähen Gier hatten sie ein Wort aufgegriffen, bas Siebold gesprochen hatte. Was hatte er von seiner Schuld gesagt, dadurch auf ficb geladen, daß ihm eine Singdogma entkommen war, ein Geschöpf feiner Einbildungskraft, und sich auf die Welt gestürzt hatte? Wie, wenn das Unheil, das mich betroffen hatte und insbesondere das gehauste Mißgeschick der letzten Zeit, gerechte Vergeltung einer Schuld war, die noch keine Sühne gesunden hatte... Meiner Schuld, die Unheil wirkte, hervorgerufen durch eine ganz andere Art von Löwengesicht, das kein Geschöpf der Einbildung war. Durch einen Schatten aus meiner Vergangenheit, durch ein Verbrechen, das ein Gespenst belebt hatte, die Gestatt einer versührten und verlassenen Braut Christi. Es waren vielleicht die letzten racheerfüllten Gedanken einer Sterbenden, die herumirrten und sich meiner zu bemächtigen suchten. (Fortsetzung folgt.) einwirkte, wie sie dazwischenschrien, wie Empörung und Wut ihre Gesichter verzerrte. Obzwar Larosa ihnen ossensichtlich aus einem mir unbekannten Grund Zurückhaltung empfohlen hatte, waren sie doch außerstande, sich zu beherrschen und brachen, als die Pastrana geendet hatte, in einen Lärm aus, der wie fernes Wogenbranden in mein Ohr drang. . - Dabei trafen mich verächtliche ober haßerfüllte Blicke, als hätte das, was die Pastrana gelesen hatte, irgendeinen Bezug auf mich und habe mich um ihre Zuneigung gebracht. Ich war es satt, mich von allen so mißbilligend anglotzen zu lassen, sprang vom Herd herab, trat rasch an die Pastrana heran und riß ihr das Blatt aus der Hand. । ufruf des Königs Karl an feine getreuen Spanier. Darin stand, daß der Prinz Ferdinand das Unrecht, das er begangen, eingesehen habe und von seiner angemaßten Würde zurückgetreten sei. Er aber, der dicke Karl, habe als rechtmäßiger König Spaniens auf seine Krone verzichtet und habe sie, in der Einsicht, daß kein anderer imstande sei, Spanien zum Glück, zum Ruhm und zur Größe zu führen als der Kaiser Napoleon, diesem übertragen. Er, der dicke Karl, beteuerte, daß dies nur aus unendlicher Liebe zu Volk und Land geschehen sei, und daß die Spanier sich eines solchen Opfers wert erweisen und ihrem neuen König mit Gehorsam und Vertrauen entgegenkommen sollten. Nun gut, es war geschehen, was hatte kommen müssen und nicht anders hatte kommen können. Napoleons Wille hatte gesiegt, sein Plan war gelungen; aber ich sah nicht, in welchem Zusammenhang das hier mit mir gebracht werden konnte. Als ich das Blatt sinken ließ, gewahrte ich, daß die Celestina mit spöttisch verzogenem Gesicht durch eine Bewegung des Kopfes nach mir hinüberdeutete und irgend jemandem ganz offensichtlich mit Bezug auf mich ein Zeichen machte: ihr Zeigefinger beschrieb einen kleinen Kreis über ihrer linken Brust. Jetzt war es mir unmöglich, länger an mich zu halten. Ich fpr-ang auf das Weibsbild zu, riß es am Handgelenk zu mir her und schrie es an: „Was soll das heißen? Seid ihr alle verrückt geworden?" Die Celestina sträubte sich wie eine wütende Katze, und im Augenblick sah ich nichts als lauter finfter drohende Gesichter um mich her. Alle nahmen gegen mich Stellung, ich hatte keinen einzigen Freund unter all diesen Leuten, selbst Narvaez hatte sich von mir abgewandt. Plötzlich erhielt ich einen Stoß vor die Brust, die Hand der Celestina wurde mir entrissen, und dann sprang Martincho zwischen mich und sie. Mit schäumendem Mund spie er mir einen Schwall von Worten ins Gesicht. Ich konnte ja nicht hören, was er sagte, aber ich bin gewiß, daß er mir keine Kosenamen gab. Wenn Martincho jo loslegte, so trug er wohl allen Unflat von Schimpfworten zusammen, deren die spanische Sprache sähig ist. Schon wollte ich die Faust heben, um ihn ins Gesicht zu schlagen, da sühlte ich meinen Arm ersaßt und herabgedrückt. Es war Siebold, der da neben mir aufgetaucht war und mich mit sich fortzog. Seine Macht über die Leute war so groß, daß man uns Platz machte und gehen ließ, obzwar es eben noch so ausgesehen hatte, als wollten sie alle zusammen über mich herfallen. Wir hatten nur ein kleines Stück zu gehen, um zu Siebolds Haus zu gelangen. Es lag in dem Winkelwerk hinter dem Rastro, dem Trödelmarkt Madrids, und stammte noch aus der Maurenzett. Hölzerne Gitter verschlossen die Fenster nach der Gassenseite, der Hof war von einem Säulengang umgeben, der eine Galerie trug. Auf dem Strahl des Springbrunnens tanzte eine gläserne Kugel, stieg und fiel und stieg wieder und glitzerte dabei im Mondlicht Im Erdgeschoß lagen die Räume, in denen Siebold seine rätselhaften Versuche vornahm. In den dürftig ausgestatteten Zimmern des ersten Stockwerks wohnte und schlief der Doktor. Er führte mich in eines dieser Zimmer, in dem nichts anderes war als ein längs den Wänden laufender Diwan. Kaum hatten wir den Raum betreten, so erhellte er sich durch ein sanftes mildes Licht. Seine Quelle war eine Halbkugel aus Milchglas, die an der Decke befestigt war, und dieses dem Mondlicht ähnliche sanfte Leuchten ausftrömen ließ. Diese Einrichtung war mir neu, und neu war mir auch das Netz von Drähten, das unter der ganzen Decke ausgespannt war und von dem eine Menge von eisernen Spitzen nach unten starrte. Der Doktor rückte an einem Hebel neben der Tür, und ein Schwarm von bläulichen Funken lief über das Netz hin, jeder von ihnen schien zu einer der eisernen Spitzen hinzueilen, wo er verlosch. Sogleich durchrieselte ein angenehmes Gefühl meinen ganzen Körper, ich verspürte eine Belebung aller meiner Sinne, und der dumpfe Druck des Saufens in meinem Ohr war von mir genommen. „Hörst du das Knistern?" fragte der Doktor. Er hatte offenbar ganz leise gesprochen, aber ich hatte ihn ttotzdem gehört, und nun hörte ich auch das Knistern, auf das er mich aufmerksam machte und das wohl von dem Netz über unseren Köpfen kam. Siebold rieb sich lächelnd die Hände, er schien mit sich zufrieden, und sah mich erwartungsvoll an. Ich verstand, daß er nun bereit war, die Fragen zu beantworten, die ich an ihn zu stellen hätte. Noch schwangen der Zorn und die Empörung über das Betragen der Leute in Tiburcios Schenke in mir. „Was war das mit den Leuten im .Schwarzen Herrgott'?", stieß ich hervor. „Sie sind aufgebracht gegen dich. Sie wissen, daß du in Bayonne gewesen bist, und nun glauben sie, daß du zu dem Ausgang beigetragen hast, den die Sache genommen hat." „Sie meinen?" „Sie meinen, daß du Ferdinand geraten hast, abzudanken. Sie sind überzeugt, daß du ein Freund der Franzosen und ein Feind des Volkes bist." „Diese Tölpel, diese Schafsköpfe ... meine Wandgemälde im Palast Godoys haben sie vernichtet, sie haben den botanischen Garten verwüstet Schlaflied. Bon Vera Wagenschein. Rittersporn und Rosen rot und weiße Lilien stehn, Grille klagt und Roggen reift, wenn Abendwinde gehn. Glühwurms grünes Feuer springt, schwer im Tau die Ranke sinkt, muß es überstehn. D u darfst schlafen, wenn die Nacht durch die Gräser geht, Gottes rätselvolle Pracht Baum und Tier durchweht. Zeltlager mit Cornelia. Eine Sommergeschichte von Ern st Kreuder. Es war jetzt zehn Uhr morgens und schon sehr heiß, der Sommer« i-immel über der wildnishasten Riedlandschaft war hoch und fern und ,»on einem wolkenlosen, durchsichtigen Blau. Nun mußte ich wohl erst mal das Zelt aufschlagen. Cornelia war »iniiber nach den Birken gegangen und jetzt sah ich sie nicht mehr. Ihr »rauner Koffer lag im Gras und glänzte in der Sonne. Ich warf meinen ichweren Rucksack daneben, klappte das große Taschenmesser auf und chnitt aus dem Weidenbusch die Pflöcke fürs Zelt. Dann brauchte ich »och drei lange, gerade Aeste, das gab die Zeltstangen. Cornelia lieh »ch noch immer nicht sehen. Wenn man gute Laune hat, wundert man »ch, wie schnell so ein Zelt dasteht. Zuletzt nahm ich einen Bogen Papier inb schrieb darauf: „Hier wohnt Cornelia. Was in der Welt gut ist, ft mit ihr verwandt". Mit einer Sicherheitsnadel heftete ich das Schild :.n den Zelteingang. Finden Sie es richtig, daß man sich lautlos durchs Gras heran chleicht und plötzlich hinter einem steht? Cornelia tat es. Sie las auch > en Zettel. Sie stand hinter mir und las den Zettel und ich hatte keine Ahnung. „Ganz schön", sagte sie unvermittelt in der tiefen Stille und so i interrücks, daß ich zusammenfuhr. Ich drehte mich um. Cornelia stand m nassen Badeanzug im Gras, sie war schon im Wasser gewesen. Ich mußte jetzt etwas sagen, damit sie nicht merkte, daß ich sie wie ge- ! lendet ansah. „Entschuldige, Cornelia, daß ich noch angezogen bin", sagte ich, ,chas Jett ist eben erst fertig geworden. Aber du siehst in diesem weißen Zadeanzug ganz wunderbar aus." Sie kam heran, der weiße Badeanzug roch nach nasser Wolle und Seewasser und feuchter Wärme. . „Du hast doch nicht etwa meinen Koffer ausgepackt?" fragte sie. „Rein", sagte ich, „ich habe ihn in dein Zimmer bringen lassen." „So", sagte Cornelia, „und jetzt mach bitte, daß du ins Wasser »rnrnft. Wiedersehn. „Wiedersehn", sagte ich und sah, wie Cornelia durchs Gras und urch den Sonnenschein ging, und dann dachte ich, der Himmel kann iah freuen, daß so etwas unter ihm herum geht. Ich sah ihr nach, sie es weder wie jenes edle Rennpferd noch wie jene niedliche, junge Saubtiertatje, sie stakte so ein bißchen und trudelte durchs Gras —, ;itb so was halten also die Augen aus, dachte ich, so was Schönes. Cornelia schwamm schon mitten int See, als ich kam. Das Wasier •«tte ein leichtes, luftiges Blau. Ich sprang hinein und kraulte zu ihr inüber und strengte mich ordentlich an und machte viel Wassergerausch. „Ahoi!" rief ich und dann tauchte ich unter ihr hindurch, dann zeigte ch ihr, daß ich Wasser speien konnte und dann fiel nur nichts mehr -in. Ich legte mich auf den Rücken und sah in den Himmel. Cornelia Hwamm ruhig heran und legte sich auch auf den Rücken. Die Sonne - rannte sehr heiß. „Kannst du zweistimmig fingen?" fragte ich Cornelia. „Ich kann", sagte Cornelia. Ich schlug „Drei Lilien, drei Lilien" vor und dann sangen wir d,e rrste Strophe zweistimmig. Es klang recht gut über dem Wasser des erlassenen kleinen Sees. Wir muhten beim Singen em wenig mit den d rinden paddeln, damit wir nicht untergingen. Dann schwammen mir ms Ufer zurück und legten uns in den trockenen, heißen Uferjanß. t-or« elia zog die weiße Bademütze aus und legte sie unter ihren stopp Nhr kurzes, hellblondes Haar war trocken und glanzte weich m der Sonne. . nr Ich sah noch einmal zu ihr hinüber und dann schloß >H die Augen mb versuchte, an nichts zu denken. Es ging natürlich nicht. Die Sonne '«rannte und stach wie mit tausend glühenden Klingen und es war 1 »ie im Wald. Ich hörte, wie Cornelia einmal tief atmete unO jicy !«bers legte. Ich wartete, und dann fah ich doch M 'hr hinüber und -wnn blieb mir das Herz beinahe stehen, als ich sah, wie« WA unD Hon Cornelia da lag. Ich streckte die Hand aus und legte sie auf Cor >«lias Hand. Ihre Hand blieb still im Sand liegen. Ich fühlte mein I < °rz klopfen, Cornelias Hand war kühl vorn Schwimmen und d e Haut Mt wie ein Buchenblatt, wenn es noch hellgrün ift. 3d) wunderte m ch, kß so was so schön sein konnte, es war fast nichts ustd war e ne ! f'eunbliche, stille Handlung, fast unbedeutend und doch einmalig! unb nicht in widerrufen. 3ch wandte den Kopf und im gleichen Augenblicksa hen »nr uns an. Cornelia sah mich ruhig an und ich suhlte, daß sie froh war. In diesem Augenblick kannten wir uns schon ein wenig, und das war etwas Wirkliches wie das Wasser und die Bäume am anderen Ufer, und war sehr schön. ,Lch hab so einen elenden Durst", sagte ich und nahm meine Hand fort. „3et) auch", sagte Cornelia und machte den Mund weit auf und wieder zu. Ich stand auf und klopfte den Sand ab und ging hinauf ins Zelt. Ich fühlte mich plötzlich auf eine taumelige Art ausgelassen, ich hätte das Zeit niederreihen können und die Sachen in die Bäume werfen und den Koffer in einem Acker vergraben und den Rucksack im See ertränken. Ich nahm die schattenkühle Selterswasserflasche und ging zurück zu Cornelia. „Die Becher hab ich vergefsen", sagte ich. „Wir trinken aus der Flasche", sagte Cornelia. Ihr Gesicht war rot und mußte sehr heiß sein. Ich drückte den Verschluß auf, es zischte und sprudelte, dann gab ich die Flasche Cornelia. Cornelia hielt die Flasche mit beiden Händen hoch und ihr Hals spannte sich, und dann sah ich es im Hals schlucken, und die ganze Zeit sah sie etwas eilig und blinzelnd und ohne etwas zu sehen in den Himmel. Sie gab mir die Flasche und ich trank und spürte, daß die Stelle warm war von Cornelias Lippen und angenehm warm schmeckte. Etwa eine Stunde lagen wir im Sand in der glühenden Sonne, als ich es nicht mehr aushielt. „Cornelia", sagte ich. „Was denn?" fragte Cornelia. „Was hältst du davon, wenn wir Kundschafter spielen, Cornelia?" Cornelia setzte sich auf. Ihr Gesicht war rot. „Hier ist das beste Buschgelände", fügte ich, „wer sich hier versteckt, den findet niemand." Cornelia nickte. „Deine Eltern wurden nachts aus dem Schloß geschleppt und hingerichtet und verbrannt. Du bist die Thronerbin und hast dich in die unwegsame Wildnis geflüchtet. Ich bin ein Getreuer und bringe dir Nachricht. Wenn du dich versteckt hast, rufst du dreimal „Uhu". Ich bleib so lange hier liegen. Wenn ich dich gefunden habe, frühstücken wir." „D u wirst mich nicht finden", sagte Cornelia. Sie stand auf, klopfte den Sand vom Badeanzug und von den Beinen und ging hinauf Unb verschwand. Es verging einige Zeit, und bann rief es von sehr weit dreimal „Uhu". Ich merkte mir die Richtung, aus der es gerufen hatte und dann schlug ich einen weiten Bogen um das Buschgelände herum. Es wäre ziemlich schwer gewesen, Cornelia hier zu finden. Ich näherte mich jetzt der Buschinsel von hinten und suchte mir einen Baurn aus. Ich kletterte an einer hohen Silberpappel hinauf und setzte mich auf einen Ast. Ich konnte von hier oben die ganze Buschinsel übersehen, die Büsche lagen still unter mir und die Blätter glänzten in der Sonne. Nichts regte sich und es ging kein Wind. Ich wartete auf dem Baum, und nach einer Biertelftunbe fah ich, baß sich bie Zweige eines Gebüschs leicht bewegten, etwa hunbert Meter von mir. Ich kletterte von bem Baum herunter unb schlich ein Stück aus einem schmalen Graspfad, und bann kroch ich auf bem Bauch lautlos an bas große Gebüsch heran. Ich konnte Cornelia im weißen Badeanzug durch die grünen Blätter sehen, sie hatte sich erhoben und bog die Zweige auseinander unb reckte sich unb spähte nach mir aus. Es war wie in einer sehr fpannenben Geschichte, wie in einem Film, wo bann plötzlich eine Stimme aus den Zuschauern dem Mädchen helfen will und warnend ruft: „Da ist er!" unb mit dem Finger auf mich beutet. Das Blut klopft mir im Hals, ich regte mich nicht, Cornelias Gestalt würbe nie mehr so schön aussehen. Es war ganz still in ben Büschen. Cornelia spähte noch immer. "Warum hatte ich jetzt keine Ziehharmonika mit bunklen Molltönen, ich hätte leise im Gras ein altes, trauriges Solbatenlieb gespielt. Dann kroch ich ganz nah heran, holte tief Atem unb sagte: „Es ist nicht schwer, Cornelia zu finben." Cornelia fuhr mit einem kurzen hohen Schrei, der wie ein Pfiff klang, herum unb stürzte sich gegen mich, unb ich sprang auf unb griff nach ihren Hauben unb hielt sie fest, ich sah, baß sie böse unb wütend war unb mich verhauen hätte. Sie zog unb wanb sich unb ich lachte, unb bann ließ ich ihre Hänbe los. Sie hatte eine rounberbare Wut. „Liebste Cornelia", sagte ich, „entschulbige, es gilt nicht. Ich habe dich nicht richtig gefunden. Ich saß auf einem Baum unb wartete, bis bein Gebüsch sich bewegte unb bann kroch ich hierher." Ich sah, baß sie sich freute, sie nickte unb war stumm. Ich hakte mich bei ihr unter und dann gingen wir aus den Büschen heraus und über das Gras nach dem Zelt. Plötzlich blieb Cornelia stehen. Sie ließ meinen Arm los und fah mich an, und ihr Mund war klein unb ganz scheu unb ihre Augen von innen her sehr weit unb von einem Glanz, ben man nicht richtig fah unb boch spürte. „Peter", sagte sie langsam und nicht sehr laut, „du bist so nett, Peter." Sie hatte blitzschnell ihre Arme um meinen Hals gelegt und küßte mich auf ben Munb unb trat schnell zurück. Ich stand da und sah sie an und hatte ein Gefühl, als würben meine Füße schweben unb die Wiese unter mir bahin fliegen, als wäre ich fürchterlich betrunken unb könnte nicht umfaUen. Aber bann nahm ich mich zusammen und rückte in eine leicht strafende Haltung und sagte langsam: „So. Was hast du jetzt getan, Cornelia?" Sie mußte über meine etwas mißglückte Miene furchtbar lachen, sie verschluckte sich unb hustete unb lachte unb schüttelte sich. „Geküßt habe ich bich, Peter", rief sie unb bekam glänzenbe, luftige Augen. „Aha", sagte ich, „unb bu denkst vielleicht, so was sei hier erlaubt, wie?" „Lieber Peter", sagte Cornelia und lachte wieder, unb ich ging zu ihr "hin und legte ben Arm um ihre Schulter unb zog ihren Kopf heran unb bann spürte ich, baß sie plötzlich zitterte. Sie hatte bie Augen geschlossen unb ihr Kopf lag etwas schräg, unb barüber war ber Himmel, unenblidj fern unb bas Blau sehr hoch unb hell, unb es war still ringsum unb heiß, ich buchte an gar nichts unb bann buchte ich burun, baß ich biefe Minute nie mehr vergessen wollte. Ich küßte Cornelia, und ihr Gesicht war heiß und ihr Mund war fest und zu, und dann küßte ich sie wieder, und dann waren ihre Lippen weich und wie im Schlaf. Wir gingen zum Zelt zurück und niemand sprach etwas, und setzten uns nebeneinander vor das Zelt und hatten keinen Hunger, und die Bäume und der See schienen jetzt noch stiller und wie verzaubert und wie in einem fremden Land. Oer Lieblingsbaum. Von Conrad Ferdinand Meyer. Den ich pflanzte, junger Baum, Dessen Wuchs mich freute, Zähl' ich deine Lenze, kaum Sind es zwanzig heute. Oft im Geist ergötzt es mich, lieber mir im Blauen, Schlankes Astgebilde, dich Mächtig auszubauen. Lichtdurchwirkten Schatten nur Legst du auf die Matten, Eh' du dunkel deckst die Flur, Bin ich selbst ein Schatten. Aber Haschen soll mich nicht Stygisches Gesinde, Weichen werd ich aus dem Licht Unter deine Rinde. Frische Säfte rieseln laut, Rieseln durch die Stille. Um mich, in mir webt und baut Ew'ger Lebenswille. Halb bewußt und halb im Traum lieber mir im Lichten Werd' ich, mein geliebter Baum, Dich zu Ende dichten. Fahrt nach Adelaide. Reisebericht aus Australien von Heinrich Hauser. Unser Mitarbeiter, der Dichter Heinrich Hauser, schickt uns von seiner Reise kreuz und quer durch den fünften Kontinent einen neuen Bericht. Ich mußte von Murray-Bridge nach Adelaide fahren und nahm statt der Eisenbahn zur Abwechslung einen der vielen Autobusse. Es ist erstaunlich: zwischen dieser kleinen Stadt von 5000 Einwohnern und Adelaide verkehren nicht nur drei Zugpaare am Tag, sondern noch mindestens ein halbes Dutzend Autobusse, so daß man fast zu jeder Stunde fahren kann. Die Autobusse — die kleineren sind einfach große amerikanische siebensitzige Personenwagen — befördern mehr Fahrgäste in Australien als die Eisenbahnen. Die Fahrpreise im Auto sind nur wenig höher als die der Bahn, und warum alle diese kleinen Fuhrunternehmer ihr Auskommen finden, das erkannte ich nach der ersten Fahrt. Der Fahrer war der Typ des alten, zuverlässigen Chauffeurs, ein Typ, den wir alle kennen. Mehrere ältere Damen wurden vor ihren Häusern abgeholt und mit viel Umstand und Sorgfalt in die Rücksitze placiert; dann ging es los mit der sanften Geschwindigkeit von 60 bis 70 Kilometer über erstaunlich gute Asphaltstraßen. An einem Farmhaus stoppte der Fahrer, ging zum Briefkasten, der, wie Üblich, auf einem Pfahl am Straßenrand stand, und holte einen Zettel heraus. „Woher wußten Sie, daß da ein Zettel für Sie war?" „Sahen Sie nicht die alte Zeitung auf dem Pfahl? Das war das Signal, eine Art Flagge. Es ist eine Öifte von Besorgungen, die ich für den Farmer machen soll. Ich bekomme eine Kommission dafür." Aehnliche Steps vor Farmen und vor kleinen Läden ereigneten sich mehrfach, und auf dem Rückweg war der Wagen bis über die Motorhaube mit Paketen überladen. Das ist ein großer Vorteil für den Kunden des Auto-Fuhrunternehmers; die Eisenbahn kann keine Besorgungen für ihn machen in der Stadt. In großen, sanften Wellen dehnte sich die Landschaft, eine Dünung des festen Landes. Von den Hügelkämmen hatte man einen sehr weiten Blick über graue Grassteppen und über abgeerntete Felder. „Das alles hier ist Weizenland", meinte ich, „man kann Weizen nicht jahraus jahrein auf dem gleichen Feld bauen. Was tut der Farmer, wenn der Boden erschöpft ist?" „Dann läßt er die Felder brach liegen; manchmal drei Jahre lang." Wir kamen durch ein Dorf, in dem viele Häuser leer und verfallen waren. Die Hügel ringsum waren von Gruben zerwühlt und am Orts- ausgang ragte die Ruine einer Fabrik. „Das ist eine alte Kupferstadt", erzählte der Fahrer; früher lebten ein paar tausend Menschen hier, die Fabrik war eine Kupferschmelze. Aber die oberflächlichen Erze erschöpften sich und der Kupferpreis fiel, so daß der Bergbau sich nicht lohnte. Früher gab es hier vier, fünf Hotels." (Die Zahl der Hotels ist hierzulande eine Art Maßstab für die Größe einer Ortschaft.) Wir kamen in die Berggegend des Hinterlandes von Adelaide; der höchste Berg der Kette, der „Mount Lofty", ist ungefähr so hoch wie der Feldberg im Taunus. Es war anregend zu sehen, wie die einzelnen Völkergruppen der Einwanderer typische Pflanzen ihrer Heimat mit in die neue Welt gebracht hatten. Ein Dorf, in dem vorwiegend Italiener wohnten, en kannte man an den Agaven, die als natürlicher Zaun um die Häuser wuchsen. Ein großes deutsches Dorf „Hahndorf" (benannt nach dem Kapitän des ersten deutschen Auswandererschiffs) machte einen ganj heimatlichen Eindruck mit feiner schönen alten Lindenallee, mit feiner Sauberkeit, mit seiner Kirche vom Friedhof umgeben, dessen Gräber j, reich mit Blumen bewachsen waren, daß er einen fast festlichen, heiterer Eindruck machte. So viele Deutsche leben in Südaustralien, daß ir Adelaide eine große deutsche Schule besteht, die einzige höhere deutsch. Schule in Australien. In vielen Kurven und Kehren von fast alpiner Bauart glitten wir ir die Ebene, wo im Dunst weit gebreitet, weiß, vor dem glitzernden Meer Adelaide lag. Wundervolle Bergtäler, luftig und weit, so wie ich die Wälder des antiken Griechenlands mir denke, begleiteten den ganzer Weg; leider auch zahlreiche Reklamefchilder von schlechtestem Geschmack Es gab auch recht wirkungsvolle Reklamen: Ein Autofriedhof hatte zum Beispiel zwei Autowracks hoch in die Wipfel einiger großer Kiefern hineingesetzt, wo sie wie enorme, unnatürliche Vögel wirkten. Das Paradox — Autos auf Bäumen — gab einen glänzenden Blickfang ab. Als ich meine Geschäfte abgewickelt hatte, blieb in den toten Stunden gegen Mittag nichts besseres zu tun, als zu frühstücken und ins Kiro zu gehen. (Die Kinos beginnen hier um elf Uhr mit den Vorstellungen.) Ich nahm den Lunch in einem der zahlreichen unterirdischen Restaurants (man findet sie auch vielfach in London), die hier den Vorteil haben, kühler zu sein als die oberirdischen. Man bekommt überall ein Essen mit drei Gängen für 75 Pfennig nach deutschem Geld. Tischletnen und Tischsilber sind durchweg von vorzüglicher Qualität. Gern hätte ich einen australischen Film gesehen. Seit einigen Jahren stellt man hier auch Spielfilme her. Man ist indessen zum Teil auf den englischen Markt angewiesen, der diese Filme abnimmt, um fein eigenes Einfuhrkontingent nach Australien zu erhöhen. Da gerade kein australischer Film lief, mußte ich „Den letzten Mohikaner", eine amerikanische Produktion nach Cooper, über mich ergehen lassen. Der Film war schlecht, aber gut waren die kleinen Jungen, die das Kino bevölkerten; Angstschreie ertönten, wenn Lederstrumpf am Marterpfahl stand, in bas wilde Kriegsgeschrei der Indianer stimmte man tapfer ein, und Triumphgeheul ertönte, wenn Chingachgok die Feinde mit dem Tomahawk zerschmetterte. Es war ein echter, alter Vorkriegs-Kintopp. In der Wochenschau wurden unter anderem die Leistungen eines deutschen, geländegängigen Autos gezeigt. Während aber fonft_ftet5 gesagt wurde, woher die Aufnahmen stammten, wurde in dieser Szene bin deutsche Herkunft verschwiegen. Dann schlenderte ich noch eine Stunde durch die Hauptstraßen. Die- Hitze ist so groß, wenn auch nicht drückend, daß man sich tatsächlich ungern schnell bewegt. An den hinteren Stoßstangen der Autos sah ich vielfach Wassersäcke hängen. Der Kühler muß in diesem Klima öfter nachgefüllt werden als bei uns. In den Buchläden war australische Literatur mit australischen Themen betont im Vordergrund; man spürt in der Literatur wie überall den kulturellen Ehrgeiz des jungen Kontinents. Rächst den üblichen englisch-amerikanischen „Thrillern" waren Bücher, die künftige Wellkriegskatastrophen prophezeiten, augenscheinlich besonders beliebt. Deutschfeindliche Bücher sah ich nicht. Ein Reisebüro überraschte mich durch Wintersportbilber vom „Mount: Buffalo“, dem höchsten Berg Australiens. Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß es in Australien Wintersport gibt. Wir fuhren heim. Zurückzufahren in eine schon bekannte Lanbschaft, zu schon bekannten Menschen, ist auch ein „Heimfahren" in gewissem Sinn. Die Pakete und die älteren Damen wurden nach und nach abgeladen. Die älteren Damen gaben mir tatsächlich Rätsel auf, vor allem, weil es zwei grundverschiedene Typen gab: Der eine Typ war stattlich, beherrschend, selbstbewußt und anspruchsvoll. Ehemänner, Sohne, Töchter kamen pflichtbewußt und eifrig ans Gartentor gelaufen, um diese .Königin-Mütter" mehr oder weniger aus dem Wagen zu heben. Dieser „Känigin-Mutter"-Typ ist bei uns seltener Art. Der zweite Typ der älteren Frauen überraschte mich noch mehr; das waren blasse, kränklich aussehende Frauen, die scheu und ängstlich ihre Tür nur einen Spalt weit öffneten, wenn der Fahrer ihnen die Pakete übergab. Sie taten kaum den Mund auf; da war kein Lachen, kein freundliches, heiteres Wort. Der Gegensatz zu den fast durchweg offenherzigen, geselligen, lebensfrohen Männern schien mir erstaunlich, und ich finde vorläufig keine Erklärung dafür. Ich vergaß von den Bars zu erzählen; in Adelaide und überall ist ihre Rolle groß. Das heiße Klima macht Durst, und es wird viel getrunken, unheimlich viel, obwohl man nicht viele Betrunkene sieht. Obwohl die Bar Treffpunkt und Diskuffionsplatz der Männerwelt ist, führt sie ein etwas verborgenes Dasein. Die Eingänge sind so eingerichtet, daß man auch bei offener Tür nicht hineinsehen kann. Das entspringt der alten englischen Idee, daß Trinken ein Laster sei, dem man, wenn überhaupt, im geheimen frönen müsse. Meist sind mehrere Ausgänge vorhanden, so daß man ungesehen in eine Seitengasse entweichen kann. Der Schanktisch in dem großen, halb- dunklen Raum, ist oft im Viereck aufgebaut, so daß der Barmann nach allen Seiten hin bedienen kann. Barstühle fehlen; man kommt zum Trinken, nicht zum Verweilen. Höchstens kann man sich mit seinem Glas auf eine der Bänke an der Wand zurückziehen. Eine Kampagne für australischen Weißwein mit Sodawasser wirb gegenwärtig geführt. Man sagt mit Recht, baß dies Getränk gesünder fei und billiger als der ewige Whisky-Soda. Oft habe ich auf Tropen- reifen gewünscht, es möge Moselwein mit Selterswasser geben, statt Whisky. Eine Kampagne für dies Jdealgetränk in Tropenländern, von Deutschland aus geführt, hätte sicher gute Aussichten, und wir würden eine „Schorle" zum halben Preise des Whisky-Soda liefern können... Verantwortlich Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Llniversitäts-Duch- und Lteindruckerei. 2l. Lana«, Gießen.