SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 195Z Montag, den 5. April Nummer 26 Der Gtechlin Vornan von Theodor Zontane 19. Fortsetzung. » Martin hielt an. „Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der alte Tuxen." „Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?" „Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is." Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und schüttelte den am Wege Liegenden. „Awer Tuxen, wat moakst dr denn hier? Wenn feen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaputt." „Ioa, joa", sagte der Alte. Aber nian sah, daß er ohne rechte Besinnung war. Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilslichen mit Martin gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam der Trunkene einigermaßen wieder zu.sich und sagte: „Nei, nei, Martin, nid) doa: pack mi lewer vörn upp’n Bock." Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun auch ganz still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn. Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: „Nu sage mal, Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein nid) lassen? Legst dich da hin: is ja schon Nad)tfrost. Nod) ne Stunde, dann warft du dod. Waren sie denn alle so?" „Mehrschtendeels." „Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?" „Nei, gnüdger Herr, vor Katzenstein nich." Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock unsicher hin und her schwankte. „Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß keinem den Kopp ab. Is and) alles egal. Also für Katzenslein nich. Na, für wen denn"" „Für Torgelow'n." Dubslav lachte. „Für Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt haben. Hat er denn schon was für euch getan?" „Nei, noch nich." „Na, warum denn?" „Ioa, se [eggen joa, he will wat för uns duhn un is so sjhr für de armen Liid. Un denn kriegen rot joa’n Stück Tüffelland. Un se (eggen ook, he is klöger, as de annern sinn." „Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid. Habt ihr denn schon gehungert?" „Nei, bat grab nich." „Na, das kann auch noch kommen." „Ach, gnädiger Herr, dat wihrd joa woll nich." „Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsofen. Nu steigt ab und leht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. lind hier habt Ihr was. Aber nich mehr siir«cheut. Für heut habt Ihr genug. Unö nu macht, daß Ihr zu Bett fommt, und träumt von .Tüffelland'?' 3n Mission nach England. 21. Kapitel. Waldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß l»er sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, int Wahlkreise Uheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schluffe hinzu- sstzte, daß Dubslav eigenflid) Herzlid) froh über bett Ausgang fei. Wolde- ’iior war es auch. Er ging bavon aus, baß fein Baler wohl bas Zeug lade, bei Dreffel ober Borchardt mit viel gutem Menschenverstand und । od) mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische Dinge lunt besten zu geben: aber int Reichstage fach- und sachgemäß sprechen, ios tonnt er nicht und wollt er auch nicht. Wolbemar war so durch- irungen davon, baß er über die Borstellung einer Niederlage, bran er •Is Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch linroegfoin, pries es aber boch, um eben biefe Zeit mit einem Kommando 'ach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen tnn Berlin fernhielt. Kam er bann zurück, so waren Anfragen in biefer Äahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb I incs Regiments, in dem man sich, von ein vaar Intimsten abgesehen, ^gentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg. lind in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenuser, als •Uulbemar hier am Abenb vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um H) bei ber gräflichen Familie zu verabschieden. Es würbe nur ganz ■. Mntjin von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, 1 ein absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht auffiel, weil sich das Ge- fpräd) sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im Bar- byschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine hatte fid) durch den Besuch der Freunde durd)aus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr nicht entgangen war, was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin, die Schwäche beider ausmachte. „Wovon der eine zu wenig hat", sagte sie, „davon hat der andre zu viel." „Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?" „O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß int selben Augenblicke, wo die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet wurden, was denn — man ist bet solchen ersten Besuchen immer dankbar, an irgend was onfnüpfen zu können — unser Gespräch sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte. Da legitimierten fid) bann beibe. Hauptmann Czako, weil er ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen würde, gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von Rex in ber Tat nicht nur von dem .Ernst ber Zeiten' zu sprechen anfing, fonbern auch von bem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich erheiterte." 2ßo[bem bis an den Alexanderplatz. Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus " Rex war einverstanden. „Ein wahres Glück", sagte er, „daß- wir uns endlich einmal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir mm das Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist dock) immer die Hauptsache. Für Sie gewiß." „Ja, Rex, das ,für Sie gewiß', das sagen Sie so spöttisch und überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und für mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen !, was sagen es im stillen auch." s Rückkehr aus Ostpreußen, daß doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht inferior und9Zweitens klatschen Sie gerade so gern wie ich und vielleicht noch em bikchen lieber. Sie bleiben nur immer etwas stsiser dabei, lehnen meine Frivolitäten zunächst ab, warten aber eigentlich darauf. Im übrigen, denk ick wir lassen all das aus sich beruhn und sprechen lieber von der jMuptsache. Ich sinde, wir können unserm Freunde Stechlin nicht dankbar aenua dafür sein, uns mit einem st liebenswürdigen Hause bekannt aemackt zu haben Den Wrschowitz und den alten Malerprosessor, der vor dem Engel des Gerichts nicht loskonnte - nun die beiden schenk ich Ihnen (ich denke mir, der Maler wird wohl nach Ihrem Geschmack. fein), aber die andern, die man da trifft, wie redend alle rote Obenan dieser Fromme!, dieser Hofpreoiger, der mir am Teetstch fast noch beder gefällt als auf der Kanzel. Und dann Liese bayrischeBaronin. Es ist 9 od) merkwürdig, daß die Süddeutschen uns im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind, nicht von B'ldungs-, aber von glücklicher Natur wegen. Und diese glückliche Natur, das ist doch die "'"^Äch^Czako9 Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn Sie da so die Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni mit dem Maßkrug kommt, so sieht das nach was aus und ww kommen uns wie verhungerte Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was wir haben, doch das Höhere." Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren die Patriarchen e$anumert, oder Moses oder Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie was dabei herauskommt. Aber, um mehr in der Nahe zu bleiben, nehmen Sie den alten Grasen. Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen nach was; aber eigentlich ist er doch auch bloß em unexaminierter Naturmensch, und das gerade gibt.hrn seinen Charme Beiläufig, finden Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht? in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etroaigen Rivalen ans dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch nicht der Mann dazu, sich irgendwen ausreden zu lassen. Der kennt seine Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weih er, warum. Uebrigens, Dienst ist Dienst; man gehtnicht, weil man will, sondern weil man muh. Spricht er denn Gnglilch. Ich glaube nicht", sagte von Grumbach. „Soviel ich weiß, hat er vor kurzem damit aNgesangen, aber natürlich nicht wegen dieser Mission, die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niedersällt, sondern der Barbys wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren und sialb englisch sind Im übrigen hab ich mir sagen lassen, es geht drüben auch ohne die Sprache. Herbstfelde, Sie waren ,a voriges Jahr da Mit gutem Deutsck und schlechtem Französisch kommt man überall durch. . Ta" sagte Herbstfelde. „Bloh ein bißchen Landessprache muh doch noch daz'ukommen. Indessen, es gibt ja kleine Bademekums und da muh man denn eben nachschlagen, bis man s hat. Sonst sind hundert Vokabeln genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da ganz in un ter Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn, der - eh ihn die Gicht unter, kriegte — sich jo ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben hatte. Pro9 neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm mar er auch mal in Südruhland gewesen, von welcher Z-'/ ab -- und Zwar nack vorgängiger, vor einem großen Likorkaften stattgehabter Anfr.un- dung mit einem uralten Popen — er das Amendement zu stellen pflegte: .Hundert Vokabeln; aber bei nem Popen bloß fünfzig. Und das muh ich sagen, ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt gesunden. ,Mary, please, a jug of hot water, Jomel muß man »eg. haben, sonst sitzt man da. Denn der Naturenglander weih gar nichts. Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstselde? '/Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet" , Und sind Sie so ziemlich auf Ihr« Kosten gekommen? Einblick ins Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone? Herbstfelde nickte. . , s s „Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da st den meisten Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schisse, die großen Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem Cab vorübersahrt, sollen ja immer Rad neben einem Herzschlägen, und die Dienstmädchen, was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und Tändelschürze." Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auck) das Inter- I effantefte. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es Mietzt uberach von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles. „Na, natürlich Volk. Oberschicht überall em und dasselbe. Was da !°S ,Und "eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem, Omnibus aesefsen und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein bißchen gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man weiß nicht wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer noch ein Liebesverhältnis, was in Old-Wapping — jo hecht nämlich der Stadtteil an der Themse — nicht mal notig ist. Und bann, wenn ich zu Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel war es nicht. Denn die hundert Vokabeln, die dazu nötig sind, die hatte ich damals noch nicht voll." „Na, 's ging aber doch?" , So leidlich. Und dabei hott ich mal ne Szene, die war eigentlich das Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer kleinen stillen Querstriche von Oxford-Street. Und Mary war gerade bei mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit-dem hübschen Kinde zu verständigen suche ..." 9Borübet^" "IN demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster Iji.iein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte." „Wie war denn das aber möglich?" „Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alles mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da mitten auf dem Straßendamm. Und fo waren denn auch an enem Tage zwei Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um den Leib, und in der Oese dieses Gurtes steckte ne Stange, auf die der zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da oben war, war er gerade in Höhe meiner Beletage und sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich Mary klar zu machen. „Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn Sie wieder drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinaus. Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin in eine gleiche Lage kommen wird." „Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten." ,Jlnb noch mehr die Barbys." Zweiundzwanzigstes Kapitel. Waldemar von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürst« seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte trotzdem aber, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei Tage zur Verfügung. Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche zu machen, st bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend schon brieflich angemeldet hatte. ■ Dieser Abend war nun da. Di« Koffer standen gepackt um ihn her, er selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in seinen Schaukeiftuhl zurück, nochmals überschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt sagte er sich: „Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr'. Und dabei sah er nach der Uhr. Bis zu seinem am Kronprinzenuser angesagten Besuche war noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sm) vorher nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche : trat ein und meldete: .Hauptmann von Czako." i 1 (Fortsetzung folgt.) Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus glaubt gönnen zu können. Und der alte Dubslav, nun, der hat dafür das tm Leibe, was die richtigen Junker alle haben: ein Stück Sozi aldemokralle. Wenn sie gereizt werden, bekennen sie sich selber dazu." Sie verkennen bas, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei. Ja was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schone alte Fwel- vers'e die vor der Gesährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens warnen. Aber' Lassen wir Dubslav und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen, die Gräfin und die Komtesse. Welche wird es? Ich glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen, damals, als wir von Kloster Wutz her über den Gremmer Damm ritten. Viel Vertrauen ju Freund Waldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber ich sage trotzdem: Melusine." „ „Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es tm stillen auch. Es war zwei Tage vor Waldemars Rückkehr aus Ostpreußen, daß Rex und Czako dies Tiergartengespräch führten. Eine halbe Stunde später fuhren sie, wie verabredet, vom Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurück. Ueberatt war noch ein reges Leben und Treiben und Leben war frertn auch in dein aus bloß drei Zimmern verschiedener Grütze sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner. In dem zu- nächst am Flur gelegenen großen Speisestale, von dessen Wanden die früheren Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, herniederblickten, sah man nur wenig Gäste. Daneben aber lag ein Eckzimmer, das mehr Insassen und mehr flotte Bewegung hatte. Hier über dem schräg gestellten Kamin, drin ein kleines Feuer flackerte, hmg seit kurzem das Bildnis des „hohen Chefs" des Regiments, der Königin von England, und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete, daraus derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am 3. Juli auf der Höhe von Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur Attacke gerufen hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der Oberst mit ihm. Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte kleine Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei zusammengefunden hatten, unter ihnen die Herren von Wolfshagen, von Herbstfelde, von Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe. „Weih der Himmel", sagte Raspe, „wir kommen aus den Abordnungen auch gar nicht mehr heraus. Wir haben sreilich drei Sendens im Regiment, aber es sind der Sendbotschaften doch fast zuviel. Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei. Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen von der ihm zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte Gefühle haben. Uebermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajuftiert, und dann Hals über Kops und in großem Trara nach London. Und London ginge noch. Aber auch nach Windsor. Alles, wenn es sich um Schick handelt, will doch seine Zeit haben, und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger." ’ „Laß sie sehn", sagte Herbstfelde. „Wir sehen auch. Und Stechlin ist nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen. Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was, daß er da mit nach England hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt nicht jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin mache, gehört er zu diesen. Er sicht nicht gern unter der Devise, .nur über Leichen', hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die zweite Linie zu stellen. Und nun sieht es aus, als wäre er ein Streber." -„Stimmt nicht", sagte Raspe. „Für st verrannt kann ich keinen von uns halten. Stechlin sitzt da oben m Ostpreußen und kann doch unmöglich Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch derselbe Zwirn — Pardon für den etwas abgehaspelten Berolmismus. Und wenn Sie vielleicht an Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied. Der alte Graf ist lange nicht so liberal, und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich, wie's aussieht. Dieser Barby, dessen Familie, glaub ich, vordem zu den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch so was von .Gottesgnadenschaft' in den Knochen, und das gibt dann die bekannte ’_ ° rv-. ' < <. !i v.!. n j. S O.tltAvnftümiis nlnirnr ^ÖnilßTl JU Oer Morgen. Bon Jakob Kneip. Der frische Morgen weht ums Haus, Die dumpfen Träume fliehn hinaus. Die mich die Nacht bedrängten. Am Berge schon die Sonne steht. Die grauen Aengste sind verweht, Die mir das Herz beengten. Nun steigt die Welt zu neuem Laus, Und blaue Fernen tun sich aus, Es dampft im Wald, dem feuchten. Die Wiesen funkeln schon im Tau, Der Himmel glänzt im reinen Blau, Und Strom und Städte leuchten. Seufzend löste der Bursche die Geldkatze völlig. Wie er sie dem Räuber reichte, sagte er: „Du hast doch mit mir gegessen und getrunken, eine Liebe kannst du mir wenigstens antun. Hier lege ich meinen Arm auf den Baumstumpf. Schlag zu, schlag mir die Hand ab; dann glauben sie zu Hause, daß ich mich gewehrt habe." Der falsche Mönch antwortete lachend: „Wenn dir deine Hand nicht mehr wert ist, das will ich schon tun", und warf die Geldkatze aus die Erde. „Aber hole ordentlich aus, daß es eine glatte Wunde gibt; ich bin ein armer Kerl und kann keine Kurkosten bezahlen", fuhr der Fleischer fort. Da stand ein fester buchener Stumpf; der Baum war im Winter geschlagen und lag noch neben dem Wege. Auf den Stumpf legte der Fleischer den Arm, der Räuber trat zurück, hielt den Dussek mit beiden Händen und holte aus. Aber wie er niederschlug, nahm der Fleischer schnell den Arm zurück, und während der Säbel tief in das feste Holz eindrang, daß er durch kern Rütteln wieder herauszuziehen war, stürzte er sich auf den andern, griff ihn mit Untergriff, warf ihn krachend auf die Erde, daß ihm die Rippen knackten und kniete auf ihm. Dann faßte er in feinen Kober, den er gerade erreichen konnte, und holte einen Kälberstrick hervor. Mit dem schnürte er die Hände des Menschen zusammen; dabei rief er: „Keine Grütze im Kopf! Du willst einen Fleischergesellen für dumm verkaufen!" Der Kerl beklagte sich, daß er ihn zu fest schnüre. „Du sollst die Engel im Himmel pfeifen hören", erwiderte der Fleischer. „Denkst du, unsereiner ist so dumm wie Ihr und läßt einen wieder los, den er hat? Wir haben genug in den Kops zu nehmen in unserm Geschäft." Damit ging er von dem Menschen herunter, gab ihm einen Tritt und forderte ihn zum Ausstehen auf. Der Räuber stand auf, der Geselle ließ ihn vor sich hergehen und führte ihn an seiner Kälberleine. So ging er mit ihm zu der Stadt, wo er seine Zahlung zu machen hatte; dort brachte er ihn erst auf das Gericht und lieferte ihn ab, dann besorgte er fein Geschäft und machte sich auf den Heimweg. Der Räuber wurde verurteilt und hingerichtet. Die Kunst im Kämmerlein. Eine zeitgemäße Betrachtung über Earl Spihweg. Von Hans Reetz. Nirgends auf den Tafeln der Kunst der Vergangenheit gibt es ähnliche weihevolle Selbstunterhaltungen eines, dem von der weiten Welt und der großen Gottes- und Menschenordnung fast nichts übrig blieb als das einsame Kämmerlein des Privatmannes. Denn dies, das Private, die ganz und gar amt- und aufgabenlose und gewissermaßen sendungslose Existenz, das ist das, was man als das Besondere Carl Spitzwegs im Auge behalten muß. Er ist nirgends mehr Träger einer Ueberlieferung, keiner mehr von denen, die etwas empfangen haben, um es zu vererben. Er hatte keinen Lehrer und er hinterließ keinen Schüler. Was er zur Welt zu sagen hatte, geriet ihm nur noch in Monologen. Er ist der Privatmann unter den Meistern des 19. Jahrhunderts. Man wird versucht, zu Übertreiben und zu sagen: der absolute Privatmann; einer, der sich sozusagen hermetisch m der Kammer seiner Vorstellungen eingeschlossen hatte und dort die Welt, unabhängig vom Gange der Entwicklung, zu konservieren versuchte. Man lasse sich beileibe nicht durch seine moderne Maltechnik darüber hinweg- täuschen- ja, gerade dieses eifrige Bestreben, die Könnerschaft des flotten Pinsels, der sinnlichen Lichtwirkung und der momentan gesehenen Se= wegung zu beherrschen, verrät um so mehr den Versuch — zu täuschen; sich selbst zu täuschen und andere, nämlich über die Tatsache, daß die alte Welt untergegangen war, auch wenn sie zu seinen Lebzeiten, wenigstens äußerlich, noch zu Recht zu bestehen schien Dahin gehört vor allem auch sein fast manischer Hang zur Darstellung der Architektur. In vielen seiner Bilder verrät sich geradezu eme Art Ausschweifung eines von der Baukunst Trunkenen. Das leuchtet ein; denn grade an ihren, an die Gesetze der Natur gebundenen Werken, konnte er einen Halt gewinnen, den es sonst nicht mehr gab. In diesen „wirklichsten" Kunstwerken war die Welt scheinbar noch durchaus unangefochten und für immer da. Hier hatte sein einsames Herz den Glauben den es brauchte. Nie konnte er sich genug tun mit dem vielfältigsten Aufwand seines baumeisterlichen Herzens. Immer ist alles reich, bewegt, gestuft, gestaffelt, vielfach belichtet oder beschattet. Die Straßen fuhren aufwärts und abwärts, und immer irgendwo in die Unendlichkeit einer Ferne^ Und auch seitlich, rechts und links, haben sie nie ein Ende, führen sie in Gassen und Winkel, über steile Stiegen und breite gemächliche Treppen. Nirgends haben je Baumeister eine solche Vielfalt von vor- und zurücktretenden Fassaden erfunden, von gegliederten Giebeln, die hinaufstürzen, Balustraden, Erkern Vortritten und Konsolen, die sich kühn über die Straße brüsten, die das Rund ihrer spiegelnden Fenster dem Betrachter entgegendrehen oder die einen bescheidenen Fensterplatz verbergen. Da ist es Tag. Da durchwärmt die Sonne langsam das Gestein. Und unter ihrem Licht gleißen die Tünchen auf. Da wirken die Handwerker in den Gewölben. Da kräuselt der Rauch aus den Schornsteinen und da weht der linde Hauch die Mittags- gerüche herein. Oder es ist Nacht. Da fällt der Schein des Mondes in die Straßen herunter wie in Schluchten. Da zehrt die Bleiche die Farben auf. Da reißen die Schatten Klüfte ins Gestein. Da kommt die Kolofsal- Silhouette herunter und verlöscht alles mit der Schwärze des Unterganges. Einmal hat Spitzweg ohne weiteres das Gespenst gemalt, em Bild wider alles Vertrauen auf die fünf Sinne: Ein Anonymus begegnet in der nächtlichen Straße einem Anonymus. Der eine erscheint als wandelnde Nachtbehörde, der andere als X. Niemand wird je erfahren, wer die waren, die sich da begegnet sind. Aber man wird nach diesem Bilde wissen muffen, was sonst noch hinter diesem deutschen Kleinstädter zu suchen ist, nämlich Goya und Daumier; nämlich das selbstquälerische Nichts des freien Willens, die verschwiegene Tortur des in der Einsamkeit feines Kammer- dafeins Gemarterten. , ,, ,, . . Der Unterschied zwischen Daumier und Spihweg besieht dann, daß der eine nicht mehr hat, was der andere noch hat. Er beruht aber auch auf der besonderen geschichtlichen Lage und Sendung Frankreichs einerseits und Deutschlands anderseits. Was nämlich dort im Westen Umsturz und Oer Ouffek. Von Paul Ern st. Der Nierenwald gehörte am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts einem Grafen von Heym, der ein großer Liebhaber der Jagd war. Der Wald war durch räuberische Uebersälle verrufen. Es wurde dem Grafen wohl gesagt, er müsse Leute aufbieten und ihn säubern, aber der erwiderte dann immer, seinetwegen brauchten die Bürger nicht durch seinen Wald zu gehen, und er habe keine Lust, sein Wild vergrämen zu lassen. Ein Fleischergeselle übernachtete in einem Wirtshaus, das am Eingang des Waldes stand und erzählte dem Wirt, daß er am anderen Morgen früh aufbrechen müsse und durch den Wald gehen wolle; er habe für seinen Meister eine Zahlung zu machen. Dabei warf er eine schwere Geldkatze auf den Tisch und prahlte. daß sie an zweihundert Gulden enthalte. Der Wirt schüttelte den Kops und warnte ihn; außer den beiden war nur noch ein Mönch in der Wirtsstube; und der Wirt sagte, er solle froh sein, daß nur zuverlässige Leute feine Prahlerei gehört haben, denn im Walde sei es nicht geheuer, und man könne nie wissen, ob nicht die Räuber ihre Helfershelfer in den Wirtschaften am Rande des Waldes halten, die ihnen von Wanderern mit Geld Nachricht geben Der Mensch lachte und sagte, ihm sollte nur ein Räuber kommen, er wisse schon, wie er ihn ausnehmen solle. Dabei streichelte er seinen großen gelben Fleischerhund, der neben ihm lag; der Hund sah zu ihm hoch und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden. Der Mönch bat den Gesellen am andern Morgen, ob er sich ihm auf feinem Wege anschliehen dürfe, und der Mann antwortete lachend, wenn er sich vor so einem armen Kerl von Spitzbuben fürchte, der vor Hunger nicht ... könne, so wolle er ihn mit beschützen. Die Geldkatze war aus Leder, mit schönen grünen, blauen und roten Lederstückchen verziert, lustig bestickt, und mit blanken Messingbeschlägen versehen. Der Mönch sah die sich an und freute. sich über die fchone Arbeit und der Geselle erzählte, was sie gekostet hatte, denn ein ordentlicher Fleischergefelle hält darauf, daß er eine gute Geldkatze hat, damit er nicht bei feinem Meister zu borgen braucht. So tarnen denn die beiden ins Gespräch und gingen. Und nachdem sie einige Stunden im Wald gegangen waren, sagte der Geselle: „Nun ist es Frühstückszeit, der Magen will fein Recht". Die Beiden hetzten sich aus die trockenen Buchenblätter und jeder holte vor, was er in der Tasche hatte. Der Fleischer sah mitleidig auf den Schnappsack des Mönchs, dann hielt er ihm feinen Kober hin und sagte: „Iß, das ist fette Rotwurst, reines Gut, die kann jeder mit Appetit essen". Der Mönch machte Gegenworte, aber der Geselle schnitt ihm ein spannenlanges Stück ab, schnitt dazu einen Runken Brot und schob ihm beides auf der Klappe des Kobers zu. Die Beiden machten sich ans Essen; der Gesell zog einen Buddel Schnaps vor und sprach: „Aus die fette Ware gehört auch ein ordentlicher Schluck ; damit tränt er' dem Mönch zu; dieser nahm den Buddel, und der Fleischer fuhr ermutigend fort: „Davon kriegt einer keine Läuse in den Bauch'. Die Beiden aßen mit den Taschenmessern, indem sie von ihrem Brot abschnitten und die Wurst aus der Schale herausgruben. Der Hund tag zu ihren Füßen und paßte; wie der Geselle fertig war, warf der ihm die zusammengedrückte leere Schale zu, und der Hund schnappte sie in der Kamerad", sagte der Mönch, „du hast mir ja noch gar nicht gesagt was du machen willst, wenn Räuber kommen . „Mit zweien nehme ich es auf", erwiderte der Fleischergeselle. „Mein Hund stellt den einen, und für den andern habe ich meinen Dussek hier umgefchnallt. Der schlägt Knochen glatt durch. Willst du glauben ober nicht, wenn ich hier ein Kalb habe, dem schlage ich den Kopf ratsch ab mit dem Sabel. Der Mönch wollte den Säbel sehen und der Fleischer zog ihn aus der Scheide. „Der Dussek, das ist das Richtige für den Fleischergefellen .sagte er „Im Griff ist Blei. Schwing chn mal, wie der zieht. Der Mönch nahm den Säbel und schwang ihn; der Hund hatte sich auf die Hinterbeine gesetzt, der Fleischer lag behaglich, die Hande unterm Kopf, beide sahen dem Mönch zu, wie er den Säbel schwang. Plötzlich holte der Mönch weiter aus, machte einen Schritt auf den Hund zu und schlug dem mit einem Schlage den Kopf ab. _. . . ... Der Flei cher sprang auf. Der Mönch schrie ihn an: „Die Katze her! Der Geselle stand niedergeschlagen da, und die Tranen rollten chm aus den Augen. „Mach schnell!" schrie der Mönch und fchwang drohend den Dussek. Zögernd löste der Bursche die Schnallen. Plötzlich hielt er mne und sagt?: „Ich kann mich bei meinem Meister nicht Eder sehen lassen, denn der glaubt mir doch nicht, daß ich starker Ker!! mich mcht habe wehren können. Mein ehrlicher Name ist hm. Es tut mir nur um meine Eltern leid, die können ja nicht mehr auf der Straße gefjen iann zeigt jeder auf sie und sagt: .Das sind die Eltern von dem Spitzbuben, der mit dem Geld durchgegangen ift‘." . „Ja, unsereins kann ja manchmal vor Hunger nicht ..., aber Dafür haben wir Grütze im Kopf", sagte der Raiwer; „mit fo einem klugen Fleischergefellen werden wir immer noch fertig." Vernichtung der alten Wertordnung heißt, heißt hier im Reich Bewahrung, ja, Beschwörung der Vergangenheit, kurz: Romantik. Die Romantik Spitzwegs ist insbesondere Spät romantit; denn längst war aus der geistigen, religiösen und politischen Sehnsucht der Frühromantik nach dem Mittel- alter, als nach jener Zeit, da Reich und Christentum Europas Mitte waren, die bürgerliche Sehnsucht, ja, das kleinbürgerliche Heimweh nach der „guten alten Zeit" geworden. Spitzweg hat dieser Sehnsucht die besondere Form gegeben. Er hat noch einmal, wenigstens im Bilde, die alte Sehnsuchtsheimot des deutschen Herzens aufgebaut: die deutsche Kleinstadt. (Und es gab ja eigentlich nur deutsche Kleinstädte.) Er erlebte sie noch einmal mit allen Fasern eines liebenden Künstlerherzens: und durchaus mit dem düsteren Gefühl des absoluten Endes. Daher schwanken seine Bilder immer zwischen der Frische einer unmittelbaren Darstellung und dem spätromantischen Nachempfinden einer bereits nur noch als Bühnenwelt möglichen Wirklichkeit. Er vermochte darin sehr wohl zu unterscheiden: indessen geriet es ihm nicht mehr anders. Hier, aus dem nicht länger zu übersehenen Zwiespalt der alten Ideale und der neuen Wirklichkeit, entspringt auch die Quelle seines Humors. Er hat diese Kluft mit Resignation wahrgenommen, hat sie aber in dem hohen Bewußtsein des Herzens von der Allheit der Welt und also von der Unverbrüchlichkeit aller Schöpfung zu versöhnen versucht. Da ist z. B. „Der Porträtmaler": Das was einst Gewand, ja, Form wirkender geschichtlicher Mächte war, ist nun zum Paradier- und Renommierkostüm irgendeines gleichgültigen Privatmannes geworden, eines komischen Kauzes, der sich mit dem verschollenen Ruhm der alten Geschlechter schmückt, anstatt selber Geschichte zu machen: der deutsche Spießer. Da sind die „Mondscheinpolitiker": Das sind wirklich die deutschen Michel, die im heimeligen Ge- winkel debattieren, während die anderen den Union Jack, das Sternenbanner und die Trikolore über den Plätzen der Erde aufziehen. Vollends deutlich reden feine Soldatenbilder: Das sind nur noch Lebkuchenmänner, Figuren vom Kasperletheater, Karnevalsoldaten und Kinderschrecke: kurz: Nachtwächter des Krähwinkeler Nachtwächterstaates, in dessen Geschützlafetten getrost die Vögel nisten und vor dessen Geschützrohren die Spinnen ihre Netze aufhängen können. Da ist endlich „Der Bibliothekar": der da auf der schwankenden Leiter steht, die aus der verdämmernden Tiefe heraufraqt, ist eine völlig vernagelte Negistrataren-Existenz als symbolischer Diener des Geistes jener Wissenschaft, die am liebsten vor jede freie Tat ein Buch stellen möchte und die am Ende der Tage alle Geschichte in Museen und Bibliotheken konserviert. Eine fürwahr komische Welt- und Menschenordnung, in der die Pferde anstatt vor, hinter den Wagen gespannt werden, und in der der Mensch anstatt auf den Beinen, auf dem Kopf gehen soll. Damit ist durchaus auf die geschichtliche Lage des 19. Jahrhunderts gezielt, wo die Spannung zwischen der Geist- und Wertwelt und der Wirklichkeit allerdings außerordentlich groß war. Daher spielen die Aussichtslosen in Spitzwegs Welt eine so große Rolle, die die das Leben verpaßt haben und verpassen, und die darüber zu Sonderlingen und Käuzen geworden sind. Spitzwegs Bedeutung beruht auf dem Gehalt an Symbolik. Er hat es zuwege gebracht, mit den malerischen Mitteln der naturhasten Darstellung echte Sinnbilder und Bekenntnisse des deutsch-bürgerlichen Schicksals seiner Zeit zu prägen. Und deshalb sollte man sich freimachen von der unrichtigen Meinung, es handle sich bei ihm bloß um einen harmlosen Flötenbläser des Jdvlls, um einen Gsnremaler gemütlicher Zustände oder gar einfach um den Kauz in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts. Damit bleibt man an der Oberfläche. Er hat auf seinen Täfelchen durchaus Geschichte gemalt: und zwar einen erheblichen Teil der Geschichte des Unterganges der deutsch-bürgerlichen Herzenswelt. Denn auch er, so gut wie Goya und Daumier, hatte den apokalyptischen Blick. Oie unwahrscheinliche Giadt. Von Milana Jank. Noch vier Tage hatte ich Zeit, dann ging mein Schiff nach Alaska. Noch einmal fühlte ich in mir den Wunsch, das Wunder „Neuyork" zu schauen. Neuyork, das eine Welt für sich ist. Noch einmal hatte ich das Verlangen, den Zauber des Broadway, der Park Avenue, der Fifth Avenue, der Lexingion Avenue, der Riverside Drive, des Central-Parks, des Holland-Tunnels, der Grand Central Station und der Pennsylvania- Station, den Zauber der Wallstreet und der Stock Exchange in mich auf- zunehmsn. Nicht nur die Himmelslinie Neuyorks schauen, auch seine unterirdischen Welten wollte ich ein letztes Mal sehen. Noch einmal die Herrlichkeit be*- Straßen in mich aufnehmen, die den Staat New Jersey durchqueren. Noch einmal den Hudson hinunter zu den „Palisades“, die gleichsam das Hochland von Bayern sind für die Neuyorker. Noch einmal nach Queens, nach Brooklvn, nach Richmond. Noch einmal die Menschen in Coney Island tarnen sehen und als Gegensatz dazu die Stadt der Columbia-Universität. Noch einmal hinausgesagt sein nach dem klassischen West Point, um jene noch einmal zu sehen, die in den Western Mountains auf Skiern meine Freunde und Schüler waren. Nock, einmal die Stadt des Staates Neuyork sehen, des Staates, der das „Ercelfior" der Bergsteiger als Motto wählte, „Excelsior", immer aufwärts, ever upward. Den Glanz, den Schimmer, den Ruhm Neuyorks erleben und erfahren. Die pulsierende Kraft sehen, die glanzlosen und die matten Menschen, die leuchtenden, die prachtliebenden. Noch einmal das Konglomerat von Steinen sehen, die Menschen aller Rassen und Nationen der ('-he: die Rubine, Saphire, Smaragde, die Koralle, den gefleckten Türkis den lila Amethyst, den geschliffenen Diamanten, die schwarze Kohle u"h den Kiesel des Menschenstroms, den großen Strom, der aus der M-'-l^hett der qan>en Erde dort zulammenstießt. So-'U- Ferry: Menschen steigen ein in die Subway, Mensch Nummer eins »•■*» -wei, Menlch Wummer drei bis hundert, Mensch von Banken, von R"dereien, von Zollhäusern. Ihre Gesichter sind völlig unbeschrieben. Sie erzählen nichts von Nackenschlägen, nichts von Hieben, die brechen, die vernichten, die stark machen. Sie sind Menschen ohne Programme und ohne Problem«. Beaver-Street, Wallstreet, Fulton-Street, City Hall, Canal-Street, Houston-Street, Vierzehnte Straße hält die Subway wieder. Es kommen die Menschen der Banken. Scharf sieht man ihnen in die Augen. „Um wieviel schöner ist doch der Mann als die geputzte Frau", denkt man sich. „Er rasiert sich nur, reinigt die Zähne, zieht den Anzug an. Die Frau muß sich putzen, muß künstlich ihre Schönheit heben." Willensstärke Gesichter der Börsenmänner, der Brokers, die ihre Forderungen an das Leben stellen können. Menschen, die kluge Kinder in die Welt setzen, weil sie klug sind. Gigantisch pulst das Leben durch Neuyork, mit den U-Bahnen, den Hochbahnen, den Straßenbahnen, den Autobussen. Ich stehe das letztemal vor dem „Matterhorn" der Neuen Welt, dem Empire-State-Building, vor dem Matterhorn aus Stein und Stahl. In seiner Symmetrie gleicht es dem schönsten Felsendom der Alpen. Sensation wäre es, sich abzuseilen Über die glatte Mauer. Das Empire-State-Building könnte der wunderbarste Klettergarten der Stadt Neuyork fein, statt der „Palisades“ am Hudson. Am Fuß des Domes mit der eisernen Konstruktion, den Menschengeist errichtet hat, zieht der Broadway vorbei — die größte Straße aller Erdteile, die „Straße des Lichts": jener Broadway, der immer im magischen Licht erstrahlt, der mit dem Sinken der Nummer immer und immer unheimlicher wird. Dort sitzen die Menschen ohne Dichterphantasie, die Männer mit der scharfen Beobachtungsgabe für die Finanzangelegenheiten der Erdteile. Auf ihren Tischen ausgebreitet liegen die Landkarten der Welt, und neben der Mafchine der rasch denkenden Sekretärin steht der Globus. Wie ein Spielding mutet er an, — doch er ist Symbol für die Beherrschung der Meere und Kontinente mit — Geld. Im oberen Broadway, wo die „Sternenstraße des Lichts" beginnt, hinter Times Square, dort ist das Herz der Kunst, des Kabaretts, des Films, des Theaters. Dort werden Stars weggeholt nach Hollywood, und dorthin kehren neunzig vom Hundert wieder zurück, in ewigem Kreislauf. Abend ist es. Da gehe ich durch die Lichtflut zum letztenmal und quere hinüber zum Central-Park, von der Theaterstadt kommend. Dort greifen die Wolkenkratzer zum Himmel mit flammenden Lichtern, sie greifen hinein in den dunklen Horizont. Sinfonie: Licht, Finsternis und Burgen. Das Licht und die Burgen sind die Taten von Menschen — Menschen — Menschen, — die nur Gäste auf Erden sind. Das ist der Felsengrat Neuyorks, majestätisch, gleich dem Zug des Karwendels bei Innsbruck, durchschneidet er die Luft. Sehr teuer ist in diesen „Kastellen" selbst das einfachste Heim. Doch der Blick schweift über den Central-Park, ein Stück Natur zwischen den Burgen der Finanz, der Hotels, der Technik. Die Grand-Central-Station ist wohl der prächtigste Bahnhof aller U-Bahnen dieser Erde, die mit ihrem Labyrinth von Gleisen, über denen sich oberirdisch die größten Hotels und Bureauhäuser zum Himmel strecken. Hier arbeiten Hand in Hand die besten Ingenieure aus dem alten Europa mit den lachenden, den „ewig lachenden Menschen" von USA., den Kindern der.gewesenen Europa-Generationen. Die märchenhaften Unterwelten des Hudson-Tunnels, der Grand Central-Station, der Pennsylvania-StatDN sind die Eingangstore in den Kontinent, dessen siebzig Jahre alte Städte im Westen Universitäten haben und Städte geworden sind, wie Innsbruck und München. Man könnte glauben, daß es wirklich stimmt, wenn man sagt, „der denkt am schnellsten, der am schnellsten baut." Man wird mitgerissen, mitgerissen vom starken Puls- fchlag des strömenden Lebens. Nicht Genießen ist Amerika, sondern wuchtiges Miterleben. Es wachsen die Universitäten, die Städte, die Dörfer, die Industrien, die Plantagen, die Eisenbahnen, die Straßen. Wunderschöpfungen macht Amerika mit seinen deutschen, englischen und skandinavischen Ingenieuren, die sich Fisher, Smith, Baker und Johnson nennen. Nur Bayreuth fehlt ihnen noch und Weimar, doch von Kunst können 120 Millionen Menschen nicht (eben. Für USA. ift die Kunst und der beredjtiqte Stolz: die Himmelslinie der Manhattan Beach, die Silhouette des Central-Parks, der Riverside Drive, das Titanenwerk der Technik: die Washington-Brücke über den Hudson, die Radio-Stadt mit den kühnen Projekten, die erstaunlichen Konturen, die von großen Männern gezeichnet sind. Heute, morgen, vielleicht in tausend Jahren werden sie von Göttern vernichtet werden, die Wunderwerke der Technik. Ununterbrochen pulst das Geben der Erdbewohner in einem großen Strom durch den Broadway, die Fünfte Straße, die Park Avenue, die Lexington Avenue, über d-e Manhattan Bridge, die Brooklyn Bridge und in den Straßen um die City Hall. Kein „Memento mori“ warnt — jeden Tao ein neuer Strom Von den groben Pressea-häuden leuchten die rollenden Bänder mit: V,,ckistaben — Worten — Sähen — Berichten, hie Weltgeschichte rieht in Glühbirnen vorbei, jede Minute Gefch-Hen der W-E Das lebte Mal aeht es durch hie 42. Strahl y,in Times Sonare, kreuzend die Künste Strafte, jene Stroh- durch die die Zeitunasmentchen. die Ziegfeld Girls, die Millionäre und die schwarzen Neger strömen Wir wissen: Menschliche Liebe kann sterben, und Liebe stirbt. Wenn schwere Dinge, die Probleme der Sehnsucht waren, keimende, phantastüche Wünsche — wenn Träume Tat geworden sind, lebt auch die „Sehnsucht" nicht mehr. Doch die „Sehnsucht" nach Neuyork bleibt bestehen. ..The unbeüevable city“ ist das gewaltige Präludium für jene unglaubliche Welt, die in verklärendem Licht der „Gigantik technischer Wunder" immerbar leuchten wird. Und gebaut wurden diese Wunderdinge von den einzelnen Steinchen der Europarasien, vom Genius überragender europäischer Geister, von den einsamen Männern, die die Curopaschiffe brachten. Verantwortlich Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steinbruderei, 2t Lange, Gießen.