Gießener ZamilienlMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Hreitag, -en 5. März Nummer (8 Der Giervlin Vornan von Theodor Kontane 12. Fortsetzung. Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben Augenblick, wo Ieserich öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen, und so ließ er es geschehen, daß Ieserich ihn bet dem alten Grafen meldete. „Der Herr Graf lassen bitten." Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock gestützt, unter freundlichem Gruß entaegenkam. „Aber Herr Graf', sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzufllhren. „Ich fürchte, daß ich störe." „Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Außerdem hab ich strikten Befehl, Sie, coüte que coüte, festzuhalten: Sie wissen, Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches." Woldemar lächelte. „Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens), ist ein Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen mißtraute. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber was spreche ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so gut Bescheid weih wie Sie, wird nichts Ueberraschliches darin finden. Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben." „Ist sie mit bei der Baronin?" „Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange mehr dauern." „Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank? „Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor, sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die Musikstunden wieder ausgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer." „Musikdoktor? Gibt es denn die?" „Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muh. Er hat den Titel auch noch nicht lange. „Das klingt ja falt wie ne Geschichte." „Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist?" „Kaum. Und wenn kein Geheimnis ..." .... .. ... ,. „Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein ^^rer (denn er hat auch eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrfcho- witz, und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf feiner Vistten- kaite loszuwerden." „Und das ist ihm auch geglückt?" . . a glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit. In letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten Aber weit gefehlt. Die Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, ine die sogenannte heilige Musik machen." „Ich habe dergleichen auch schon gehört , sagte Woldemar „Aber was ist das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich em hübscher und ganz harmloser Name. Nichts Anzügliches drin." „Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels! Er litt, glaub ich, unter bleäläarn'lad)te. „Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens feinen Vater habe verklagen hören." „Genau so hier", fuhr der Graf in feiner Erzählung fort. „Wrschowitz' Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze, war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug. Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade- Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der Kirche, daß unser junger Freund, wenn er als ,Niels Wrschowitz' vorgestellt wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ,Niels? Ah, Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hocherfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen'. All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel wegzueska- motieren." Woldemar nickte. „Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe gens irrifabilis gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte, zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit eingedenk zu fein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er wittert Überall Verrat. Uebrigens, wenn man auf feiner Hut ist, ist er ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er anders ist wie andere." Der alte Graf behielt recht mit feiner Vermutung: Armgard hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach Ieserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Dee zu bitten, fanden diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangwelltsein und erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; auch Melusine werde gewiß bald da sein; sie habe noch zuletzt gesagt: „Du sollst sehen, heute kommt Stechlin." Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu, der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend: „Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin." Woldemar, seiner Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz, ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von Künstler und Hussitten gab. Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich, mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard, dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob den Kognak, „des Tees beffren Teil", mit einem humoristischen Seufzer beifeit und sagte, während er sich links zu Wrschowitz wandte: „Wenn ich recht gehört habe — so ein bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben —, so war es Chopin, was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ..." Wrschowitz verneigte sich. „Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen, vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und sogar Preuße bin." „Sehr roarr, sehr warr", sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als artig. „Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es unter anberm eine Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und mit so viel Passion gespielt wurde, wie später der .Erlkönig' ober die .Glocken von Speier'. Es war auch die Zeit vorn .Alten Feldherrn' und von .Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka'." „Jawohl Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und roarr mir immerbarr eine desonbere Lust zu sehen, wie bas Sentimentalle wieder fällt. Immer merr. Ich hasse bas Sentimentalle de tout coeur." „Worin ich", sagte Woldemar, „Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es auch dergleichen, und ich bekenne, baß ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war .König Renes Tochter' von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn ich nicht irre ..." Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte. „... .König Renes Tochter', ein lyrisches Drama. Aber schon feit lange wieder vergessen. Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoi und der Kreutzersonate." „Sehr warr, sehr roarr", sagte der rasch wleder beruhigte Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren. Woldemar, großer Tolstoischwärmer, wollte für den russischen Grafen eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute, war sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete hm- überzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien ihr m diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. ,,3d) weih wohl, daß ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch davon zu hören) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch einzelnes, das er öfter erzählt." „Einzelnes?" lachte der alte Graf, „meine Tochter Armgard meint .vieles'." „Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hören wir lieber von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt gewiß meinen Geschmack." » „Teile vollkommen." „Also, Herr von Stechlin", fuhr Armgard fort. „Sie haben nach diesen Erklärungen unters Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr, vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch ober doch beinah, und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren. Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grünewald, aber das eigentliche brandenburgische Land, das ist dach noch etwas andres. Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumps und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so?" „Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte Mecklenburgische Seenplatte." „Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst neulich versichert haben, hat auch seine Romantik." „Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosen- tid .. ." „Und dann glaub ich auch zu wissen", fuhr Armgard fort, „daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es soll fo viel Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern, sondern auch um Rheinsberg und den Orden de la generositä. Lebt das alles noch da? Spricht das Volk noch davon?" „Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, fein Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und fo hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweife die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber beklagenswert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist/ „Sehr warr, sehr warr", unterbrach hier Wrschowitz. „Er war sehr kritisch", wiederholte Woldemar. „Namentlich auch gegen feinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, deren es auch damals schon die Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum. Und dabei kommt immer was heraus." „Sehr warr, sehr warr ..." „Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweiUg, aber die Frondeurs, wenn d i e den Mund auftun, da kann man was hören, da tut sich einem was auf." „Gewiß", sagte Armgard. „Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und während sie sich über andre luftig machen, lassen sie selber viel zu wünschen übrig." „Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse", verbeugte sich Wrschowitz. „Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn ich trotzdem bin für Frondeur. Frondeur ist Krittikk, und wo (Buttes sein will, muß sein Krittikk. Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber gleich danach muh fein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution. Kopf ab aus Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is, is Kopf ab." Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als etwas verspätet seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard ihrerseits beeilte sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr, trotz des fatalen Zwischenfalls mit „Kopf ab", im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musik- gesprachen immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien. „Ich glaube", sagte sie, „neben manchem andern auch mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll — irre ich mich, fo werden Sie mich korrigieren — ein sogenannter Misogyne gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares." „Sehr sonderbarr", sagte Wrschowitz, während sich, unter huldigendem Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte. „Wie gut, lieber Wrschowitz/ fuhr Armgard fort, „daß Sie, mein Wort bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen eintreten. Es gibt immer nach Ritter, und wir sind ihrer fo sehr benötigt. Denn wie mir Meluiine «zählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz daraus, Weiberfeinde zu seln, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform. Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute kennen, wie denken Sie darüber?" „Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche." „Das ist recht." „Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, rote Komtesse schon ganz richtig ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker." „Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über das Thema zu sprechen?" „Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen, unter solchem Beistände will ich es doch wagen." „Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier." „Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert. Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren nur Prinzen. Eine der Passionen unseres Rheinsberger Prinzen — wenn man will, in einer Art Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde — war eine geheimnisvolle Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er sich zum Begräbnis zu Gast. Und eh der Geistliche noch da fein konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das Leben." „Aber das ist ja schrecklich", brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard hervor. „Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde nicht. Denn die müssen ebenso gewesen fein. Das ist ja Blasphemie, das ist ja Gräberfchändung, — ich muß das Wort ausfprechen, weil ich so empört bin und nicht anders kann." Der alte Graf fah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete fein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand fo was von Huldigung, bezwang sich aber und fah, statt auf Armgard, auf das Bild der Gräfin- Mutter, das von der Wand niederblickte. Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: „Komtesse, Sie gehen vielleicht zu weit. Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich dafür, ihm das in Rechnung zu stellen." „Bravo, Stechlin", sagte der alte Graf. „Ich war erst Armgards Meinung. Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel weiß ich noch von der Juristerei her, in der ich wohl oder übel, eine Gastrolle gab, daß man in zweifelhaften Fällen in favorem entscheiden muß. Uebrigens geht eben die Klingel. An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen. Es wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte, sie wäre von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem Make dazwischenfährt, ist selbst Melusine eine Störung." Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt zu haben, ins Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und schritt, während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den Tisch, um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen. „Ich seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben etwas Gefährliches gesagt worden ist. Also etwas über mich." „Aber, Melusine, wie eitell" „Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das wenigstens will ich wissen. Von wem war die Rede?" „Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert Jahre tot ist." „Da konntet ihr auch was Besieres tun." „Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er — nicht Stechlin, aber der Prinz — eine Misogyne war, so würdest du vielleicht anders sprechen." „Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch noch hören. Und wenn Sie mir’s abschlaaen, fo wenigstens was Gleichwertiges." „Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht." ,JDas ist gut, sehr gut, weil es fo wahr ist. Aber dann bitt ich um etwas zweiten Ranges. Ich sehe daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin selbst ober von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend. Und davon macht ich auch hören, wenn es auch steilich nicht an das andre heranreicht." „Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserem Stechliner Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen, der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberförster abgesehen, der eine Prinzessin, eine Jppe-Büchsenstein, geheiratet hat ..." „Aber das ist ja alles großartig ..." „Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen, eigentlich nur noch den ,Stechlin'. Der ginge vielleicht, über den ließe sich vielleicht etwas sagen." „Den .Stechlin?' Was ist das? Ich bin fo glücklich zu wissen" (und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), bin fo glücklich, zu wissen, daß es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist der Stechlin?" „Das ist ein See." „Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht gerade der Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische, durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was hat der Stechlin? Ich vermute Steckerlinge." „Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen, vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm." „Aber, Stechlin, Sie werben doch nicht den Empfindlichen spielen. Rittmeister in der Garde!" (Fortsetzung folgt.) Lied eines Mädchens. Von Eduard Mörike. Bist du, goldner Frühling, Wieder auf dem Wege, Wirst du wieder rege. Warme Lebenslust? Daß du, holder Knabe, Vor der Türe stehest, Linde mich umwehest. Spür' ich lange schon. Willst du erst mich necken, Dann mit schnellen Schwingen Mir entgegenspringen. Wie der Braut in Arm? Deine grüne Jacke Sah ich lange blitzen, Und aus allen Ritzen Flimmert sie hervor. Nur den alten Winter Laß sich nimmer regen! Laß dich nimmer legen In das Leichentuch! Sonst folg' ich dem Sieger Fort in alle Weite, Und im Flockenkkeide Kehr' ich nur zurück. Daß du beim Erwachen Kalt und starr mich findest Und beinah' erblindest Vor dem Flockenmann! Magst mit Rosen schmeicheln Und mit Blumenschmelze, — Ei, am weißen Pelze Steht die Blüte wohl! Glaubst mich zu erwärmen. Mir das Kleid zu rauben? — Wolltts ja gern erlauben, — Ach, so komme nur! Oie verfärbten Tauben. Von RobertSeitz. In einer itoinen Stadt, von der wir als Kinder sangen, daß der Himmel dort blau wäre und der Ziegenbock mit seiner Frau tanzte, lebte vor Jahren ein junger Mann, der eine Liebhaberei hatte: weiße Tauben, von denen er vier Stücke besaß, die hinter einer Bodenluke ihren geräumigen Derschlag hatten und Tag für Tag zur bestimmten Stunde über den Nach- bardächern kreisten, von dem roten Fähnchen des halb aus der Luke hängenden Besitzers gewissenhaft in gleichmäßiger Flugbahn gehalten. Außer dieser harmlosen Liebhaberei hegte der junge Mann, der übrigens Wermenthal hieß, eine weniger harmlose Liebe zu Helenen, der hübschen Tochter seines Vorgesetzten, des gestrengen Herrn Ebermann und seiner Gattin Sophie. Diese Liebe war schon so weit gediehen, daß Wermenthal das Mädchen zärtlich „mein Täubchen" nannte, denn wie hätte er sie anders rufen können als mit dem sanften Namen seiner weißen Lieblinge, und daß sie diese Ansprache ohne Umschweife von ihr mit „Wermenthal" erwiderte, manchmal sogar mit dem Ausruf „mein lieber Wermenthal", was ihn jedesmal veranlaßte, ihr zum seligsten Male ewige Treue zu schwören. Dieser glückliche Zustand sand eines Tages einen jähen Verdruß, als der junge Mann sich bei einem Stelldichein über jede Gebühr verspätete, weil seine Tauben, aus unbekannten Gründen das rote Fähnchen mißachtend, die gewohnte Flugbahn verlassen hatten und sich noch langem Suchen und Mühen endlich aus einem entfernten Doch wieder einfangen liehen. „Du liebst bloß deine Tauben", klagte Helene. Er widersprach aus das Heftigste, schon waren Tränen da und schließlich rief das Mädchen in Zorn: „Deine langweiligen weißen Tauben! Wenn es noch bunte wären! Ach, es gibt so schöne bunte Tauben. Aber du hast ja kein Gefühl für das Schöne! Wenn es nur blank und weiß ist, das genügt dir!" Der junge Wermenthal verbrachte den Abend in tiefem Nachdenken über Helenens Worte, aus benen ohne jeden Zweifel hervorging, daß sie sich ihm überlegen fühlte, ihn schon jetzt für einen langweiligen Menschen hielt, von dem man, was höhere Dinge an betraf, nicht allzuviel erwarten durfte: ja daß er im Grunde nichts anderes fei als ein bescheidenes Menschenblümlein, das dem Himmel schon dankbar wäre, weil seine Tauben em blankes weißes Gefieder hätten. Um die Mitte der Nacht hotte Wermenthal einen rettenden Einfall. Er wollte der klugen Jungfrau eine Lektion erteilen, wollte ihr an handgreiflichem Beispiel klarmachen, wie leicht es wäre, durch einen bunten Wirrwarr Gemüter, die allzu hoch hinauswollen, in Verwirrung zu bringen: er wünschte ihr zu beweisen, daß nichts leichter sei als Täuschung, nichts schneller zu bewirken als das Entzücken über das Scheinbare, das bar aller Wahrhaftigkeit ist. m In dieser erleuchteten Mitternachtsstunde kam Wermenthal auf den Gedanken, seine weißen Tauben mit Farbe anzustreichen, ihnen ein ande- I res, buntes Gefieder zu geben. Ja, er wollte der Natur ins Handwerk pfuschen und aus seinem Schlag die seltsamsten Vögel flattern lassen, um dann, wenn das Mädchen in Schreie der Bewunderung ausbrechen würde, klar und männlich zu erklären: „So betet die Eitelkeit den Schein an. Da sieh her, es sind noch immer die weißen Tauben!" Dann, daran zweifelte er nicht, würde Helene beschämt die Augen niederschlagen, er aber würde sie an (ein Herz ziehen und ihr verzeihen. Wermenthal konnte kaum den Morgen erwarten, lief in die Drogerie, kam mit Tüten und Flaschen zurück, und als die bestimmte Stunde kam, sah man seltsame bunte Vögel, zaghaft und ängstlich aus dem Schlag schlüpfen und aneinandergepreßt auf dem Gesims sitzen. Der erste, der vorüberkam und die sonderbaren Vögel entdeckte, war Herr Cbermann. Er blieb stehen, starrte hinauf, und bald sammelte sich ein Menschenschwarm um ihn, der gleich ihm in die Lust stierte. Wermenthal sah lächelnd aus der Luke. (Ebermann strengte seine Stimme an: „Woher haben Sie denn die Eichelhäher?" Der junge Mann rief fidel zurück: „Dos sind gewöhnliche weihe Tauben! Weihe Tauben! Hahaha!" Ebermann bekam einen roten Kopf, plusterte sich auf und schrie: „Wermenthal, wollen Sie mich zum Narren halten?" Damit schritt er davon unter dem Gelächter der Leute, schritt davon, als wäre er gestiefelt uni) gespornt. Klack, klack, klack ... Zu Hause sagte Vater Ebermann: „Ein unverschämter Mensch, dieser Wermenthal. Ich werde dafür sorgen, daß er versetzt wird." Helene erschrak und schluchzte. Mutter Sophie entging dieser Seufzer nicht, sie nickte bedeutsam und erwiderte laut und deutlich, denn sie war böse, daß sie in die Herzenssache nicht eingeweiht war: „Möglichst schon zum neuen Quartal." „Ich will es sofort beantragen", schloß Vater (Ebermann und erzählte die Geschichte, die ihm da unterwegs passiert war. „Seit wann sind weiße Tauben bunte, frage ich? Seit wann sehen Tauben aus wie Eichelhäher? Kenn ich mich nicht auch aus in der Natur? Habe ich Augen im Kopf? Antworte, Sophie! Weiße Tauben — haha — hätte auch sagen können schwarze Raben! Und das mir, seinem Vorgesetzten." _ Weiße Tauben? Bunte Tauben? Helenen durchzuckte eine Ahnung. Sie mußte Wermenthal auf alle Fälle sprechen. Was hatte er da angerichtet? Der kleine Verdruß von gestern weitete sich zu einer Katastrophe. Ja, das Schicksal war draus und dran, ihr mitleidslos ihren Wermenthal zu entreißen. — Helene ging eiligst zu ihm und fand den Unseligen bei bester Laune, zufrieden mit sich und seiner guten Idee. „Du willst auch die Eichelhäher sehen?" lachte er. „Jo, du hattest Recht, als du mir Vescheidenheit vorhieltest. Nun bin ich unbescheiden geworden, hab der Schöpfung ein Schnippchen geschlagen und mir selbst Vögel erschaffen." „Unglücklicher!" rief Helene, „weißt du nicht, was uns droht?" — und sie erzählte ihm, was Vater (Ebermann vorhatte. „Du lieber Himmel", erschrak Wermenthal. „Was tun wir da?" Alle Erziehungspläne, die er sich für Helenen zurechtgelegt hatte, waren ihm verflogen, er verwünschte seinen Einfall und klagte feine Schöpfung — die vier gefärbten Dauben — an. Die Liebenden wußten sich keinen Rat, ihre Herzen gerieten in Aufruhr, sie gaben sich Schwüre und Beteuerungen und versprochen einander, daß nicht einmal der Tod sie trennen könnte. Mit diesem Gelübde eilte dos junge Mädchen nach Hause, aber eine hohe Mondnacht war heraufgezogen, die Sterne strahlten in tausendfacher Verklärung, und alle düsteren Gedanken lösten sich vor diesem Überwältigendem Ansturm des Unendlichen in Schluchzen und Tränen. Stammelnd entdeckte Helene ihr Herz der besorgten Mutter, es gelang ihr, die Leichtgerührte zu gewinnen, und mit Tröstungen und neuen Hoffnungen Überließ sich das Mädchen endlich dem Schlummer. Der arme Wermenthal dagegen hatte eine andere schlaflose Nacht. Er begriff, daß die Liebe ein Opfer von ihm forderte: er ahnte, daß er sich von feinen ahnungslosen Tauben trennen müsse: daß nur über so schmerzlichen Verzicht der Weg zu einer Versöhnung des erzürnten Vorgesetzten ginge. Damals lebte am Rande der Stadt ein närrischer Mensch, ein alter Invalide, der Taubenkorl, der in einem Holzschuppen inmitten seiner gefiederten Freunde sein Leben verbrachte. Zu ihm trug am nächsten Tage der junge Wermenthal in einem Weidenkorbe seine ängstlich gurrende Schöpfung, gebrauchte einen rasch erfundenen Grund für seinen Entschluß und bat den Invaliden, ihm feine Zöglinge ohne (Entgelt abzunehmen. Dann — es war ein Sonntagmorgen — erschien der junge Monn im Hause feines Vorgesetzten, meldete sich bei dem gestrengen Herrn (Ebermnnn und entschuldigte sich in aller Förmlichkeit. „Ich habe mir bereits selbst eine Strafe auferlegt", gestand er. „Ich habe mich von den edlen Tauben getrennt. (Es ist mir schwer angekommen, denn sie hatten Recht, Herr Ebermann, es war eine besondere Taubenart, sogenannte Hähertauben —" Hier fiel ihm der Vorgesetzte ins Wort: „Hehe, Häher — was habe ich gesagt?" — und der junge Mann verbeugte sich vor der Kenntnis der Natur, die der verehrte Herr Ebermann da an den Tag gelegt hatte. „Er ist doch ein gebildeter Mensch, der Wermenthal. Ich habe es mir überlegt, ich will ihn hier behalten", sagte (Ebermann an der Mittagstafel zu Frau und Tochter, woraus Mutter Sophie der errötenden Helene wieder einen bedeutsamen Blick zuwarf, der dem verliebten Herzen biefesmal eine Verheißung nahenden Glückes zu sein schien. — * Monate später wünschte Herr (Ebermann seinem nunmehrigen Schwiegersöhne eine Freude zu bereiten, und weil er wußte, wie schweren Herzens der junge Wermenthal damals auf feine Tauben Verzicht geleistet hatte, wollte er ihm von neuem den Schlag füllen und fetzte sich mit dem närrischen Taubenkarl in Verbindung. Der Invalide weigerte sich lange, von seinen Tauben auch nur eine einzige abzugeben, schließlich verstand er sich Kachelofens kam der Blick gewiß nicht. Er lachte befriedigt und ging gelassen an etwas; der je, der aus seine Arbeit. Aber es war sonderbar; so ost et den Weg ging, fehlte Peinsipphos lag öde, weil keiner da war, so wie eh und , . geheimer Absicht gleichmütig über Berg und Tal starren konnte. Pretten- thaler lachte über'bie(e Gedanken und wollte sie vertreiben, aber er kam von ihnen nicht los. Und eines Abends, inmitten aller Grübelei, stellte Peinsipp krank sei und im Bett liege. Brettentbaler atmete einen Augenblick lang tief auf. Er knurrte zufrieden. So, der Haderlump der, jetzt soll er steif schauen! Weiter als über den Aufbau seiner Bettstatt, zu den grünen Patzen des zum Verkauf von vier Tauben, deren Gefieder Herrn Ebermann^zwar ein wenig murklig und unansehnlich erschien, die er aber dann doch erstehen mU!Eoas daraus überreichte er dem Schwiegersohn dieses Geschenk - jede Taube truq von Helenens Hand ein rotes Bändchen — und wahrend der iunae Wermenthal seine wiedergefundenen Lieblinge streichelte, sagte Herr Ebermann: „Es sind weder deine weißen Tauben von ehemals, noch deine berühmten Hähertauben von damals, ganz gewöhnliche Dachvogel sind es, aber dessen ungeachtet sind sie die Boten des Friedens und die Vogel der Liebe." März. Von Josef Weinheber. Die Wälder brausen nah und fern. Die Erde riecht, es regnet gern. Windröschen stehn im apern Grund, an Kunigund wird's warm von unt Die Kranich ziehn, bald blüht der Schleh: Um Benedikt den Hafer fä! Den Hering iß zu Okuki, das Licht zur Gleiche loscht Marie, Maria richt' die Reben auf, nimmt auch den leichten Frost in Kauf; und ist getan, was nötig war, so gebe Gott ein gutes Jahr! Oie Nachbarn. Von Paul Anton Keller. Es wußte keiner genau zu sagen, wann zwischen Nikolaus Peinsipp und Simon Prettenthaler die große Feindschaft aufgekommen war, die beide gegeneinander hegten. Sie bestand nun schon durch viele Jahre, sie blieb stet und äußerte sich in immer gleicher Kraft. Das Schicksal hatte es gefügt, daß sie einander öfter sehen mußten, als andere Dorfbewohner. Simon Prettenthaler hatte eine kleine Keusche an der Berglehne oberhalb Kainach. Nikolaus Peinsipps Gehöft lag eine halbe Stunde weiter drüben am gleichen Hang und war durch denselben Weg mit dem Ort verbunden. , . . Wahrscheinlich war es ein geringer Anlaß, aus dem der Hader entstanden war, aber stark und anscheinend unauslöschlich baute sich der Haß darüber auf. Es redete keiner etwas über den andern. Wenn ein Fremder etwa auf den Nachbarn hinwies, schwieg einer so gut wie der andere. Auch handgreiflich Böses taten sie sich nie; kurz gesagt, sie waren und blieben einander absichtlich fremd. Am Sonntag, wenn es an der Zeit zum Kirchgang war mußte Simon Prettenthaler am Nachbargehöft vorüber. Nikolaus Peinsipp richtete es dann immer so ein, daß er zu gleicher Zeit aus dem Hause trat und Gelegenheit hatte, über den andern mit einem steifen Blick hinwegzufehen. Aber der Zufall wollte es, daß Peinsipp eine Grundparzelle zwischen den Feldbreiten Prettenthalers hatte und so ost er, dort hinüberging, kam — wenn sich die Gelegenheit dazu ergab •— Simon Prettenthaler pfeifend hinter dem Hausgarten hervor und spuckte in weitem Bogen in seine eigenen Blumenbeete hinein. Da konnte keiner eine Beleidigung wahrnehmen, allein Nikolaus Peinsipp wußte, was damit gemeint war und kochte innerlich vor Wut; jedoch der Weg war da und band die beiden Gehöfte zusammen. Die Art und Zielfolge dieser Begegnungen hatte sich im Laufe vieler Jahre zu etwas Selbstverständlichem gefestigt. All dies war einfach nicht mehr fortzudenken, es gehörte schon zum Tag und zur Begegnung, und über die Gewohnheit dieses Tuns vergaßen beide die eigentliche, gewiß sehr geringe Ursache des ^Gines Tages geschah es, daß Simon Prettenthaler an seinem sonntäglichen Kirchgang, als er an Nikolaus Peinsipps Gehöft vorbeigmg, niemand begegnete. Ihm stockte das Herz. Er hielt den Schritt an und wartete einen Augenblick, allein es kam niemand. Der Gegner blieb unsichtbar. Er wanderte gedankenverloren und nicht ohne leise innere AufreMNg talwärts und versuchte im Gespräch mit anderen etwas über Peinsipps Fernbleiben zu erfahren. Aber keiner wußte etwas darüber zu fagen; später vertröstete er sich auf den kommenden Sonntag. Am nächsten Sonntag kalbte eine Kuh, und weil es hohe Zeit war, die Kirche zu besuchen, rannte er spornstreichs weiter und vergaß die heimlich nagende Frage. Als er an Peinsipps Gehöft vorüber war, blieb er überlegend stehen; er hatte das feste Gefühl, als hätte er etwas vergessen. Er klopfte die Taschen ab, da war alles in Ordnung. Der Hut saß auf dem Kopfe, den Regenschirm hielt er in der Hand, es fehlte also nichts. Plötzlich ward es ihm klar bewußt: es fehlte der starre, weithinschauende und jahrelang gewohnte Blick des Nachbarn ... Am Nachmittag sandte er die Saudirn heimlich hinüber, sie sollte horchen und trachten, etwas in Erfahrung zu bringen. Sie kam mit der großen und schweren Neuigkeit zurück, daß Nikolaus murmelte aus und dem Sie wie und starr ihre Blicke. Dem Prettenthaler war es, als käme der andere aus dem „Grabe heraufqestiegen; Nikolaus Peinsipp aber hatte das Gefühl, als wäre die Begegnung, die er solange vermißt hatte, nun irgendwie anders als vorher Seine Lippen glätteten sich wieder, Prettenthaler stutzte sich mit beiden Händen auf den Stock. Dem Peinsippbauern fiel die Hand von der Klinke, er murmelte etliche unverständliche Worte, wagte einige Schritte nach vorn und glotzte den andern stumm an. Sonderbares war geschehen. Sie konnten nimmer widerstehen, gehörten zusammen, dumpf fühlten sie, daß der Haß ebenso verbindet die Liebe. Oder war das ein und dasselbe? . Nun, im ersten Wiedersehen, hob Prettenthaler zögernd die Hand dem dichtbuschigen Bart heraus die Frage, wie es Peinsipp wohl ginge. Ob es ihm besser wäre? „3a , sagte Nikolaus Peinsipp. Das fiel wie ein Klotz von feinen Lippen. Und da wagte er wiederum einen Schritt; Prettenthaler kam ihm entgegen, sie standen beisammen, und Peinsipp lachte verlegen. Prettenthaler lachte auch „Nachdem is eh guat", sagte er mit etwas gesuchten Worten. Sie verharrten stumm und fühlten die bedeutsame Erleichterung, die über ihrem Wesen schwebte. Es war genau so, als wäre die Sonne noch einmal aufgegangen. Wie nun plötzlich die Kirchenglocken im Tale läuteten, gab es dem Prettenthaler einen Ruck. Er machte einen freundlichen Deuter und ging den Weg dahin. Einmal noch, von unten, spähte er zum Peinsipp zurück und der Peinsipp schaute beileibe nicht über über ihn hinweg, sondern mitten in sein Gesicht hinein. Prettenthaler nickte schwerfällig und schluckte. Er wußte: wenn der Peinsipp auch noch so oft zu seiner Grundparzelle kam, nie mehr würde er in den Hausgarten spucken. Als der Pfarrer in der Predigt die merkwürdigen Worte sagte, daß Gott viele Verschlingungen selber löse, ohne daß der Mensch es gewahr würde da glaubte Simon Prettenthaler etwas davon zu verstehen. Der Heimweg war ihm heute doppelt leicht, weil er wußte, daß der Nachbar nunmehr wieder zu sehen war. Damit war die quälende, drückende Kluft der letzten Wochen verschwunden. Ein Steg spannte sich darüber hin, aber die Art da drüben mar anders als vorher. Allein darüber war er auch nicht bös. Er wußte beiläufig, daß er und Nikolaus Pemsipp zusammen gehörten, auf Glück und Verderb nach Menfchenart. Das Schicksal sucht sich nur manchmal sonderbare Wege aus, um seine Gesetze wahr und erkennbar zu machen. er fest, daß er und Nikolaus Peinsipp weit Uber -in halbes Menschenalter in das Leben hineingefchritten waren; der Gleichklang der Tage und Stunden hatte ein Recht und wollte nicht unterbrochen fern. Jeder haßte, aber der Haß blieb ohne Widerspruch und wurde im Keime “"^ein, Simon Prettenthaler tarn aus diesem sonderbaren Kummer nicht heraus. * Inzwischen lag Nikolaus Peinsipp im Bett, war von Gicht geplagt unb raun te rnie ein Todkranker. Wenn es zum Kirchgang war, genau zu jener Stunde, die ihm unauslöschlich tm Blute festgebunden war hob er den Kopf, als vermöchte er den andern zu sehen. Aber da war die Stubenecke, war der Ofen und stand der Holzrahmen; über den die Magd ihre alten Strümpfe gehängt hatte. Und die Schritte draußen chluiten vorbei und verklangen ... Das war schwerer zu ertragen als Öie Allein^das Leid, das den Körper angefallen batte, übte feine Macht und beugte sich vor keiner fremden Absicht. Nikolaus Pemsipp war und blieb ans Bett gefesselt, viele Wochen lang. Eine große Einsamkeit kam über sein Gemüt, gleichermaßen wie über das des Simon Prettenthaler. Sie war selber wie eine Krankheit ohnegleichen und hockte einem trub- innig im Schädel herum. Nichts vermochte das Feh en der lahrelangen Gewohnheit zu ersetzen. Einmal raffte sich Prettenthaler aus der Zurückhaltung auf und sandte einen Boten zum Pemsipphof hinüber. Fragen ließ er wie es dem Bauern ginge, und der Bote brachte die Frage beiläufig so, als ob es bloß die Christenpflicht wäre, die den Bauern zur Gewißheit drängte und nichts anders sonst. Der Pemsipp, als er solches vernähme, krächzte ein wenig im Bett, bohrte den Kopf in die ißölfter und wollte den Boten abweisen lassen. Aber dann überlegte er es sich doch, sann ein wenig darüber hin und sagte der Magd, sie harte dem Boten die Antwort so zu geben, als käme sie von ihr selber. Der Prettenthaler war es hernach zufrieden. Er fragte nicht mehr; daher wurde es ihm auch nicht gewiß, als es sich mit der Krankheit des Nikolaus Peinsipp zum Besseren wendete. Das kam jach und schier unerwartet. Der harte Leid des Bauern hatte lange genug wider den Ansturm der Krankheit gestanden. Nun war die dose Kraft gebrochen. Seine ureigene Natur war stärker geblieben und stieg mit unheimlich rascher Gewalt wieder in die Kammern des Leibes em. Es geschah an einem der darauf folgenden Sonntage. Simon Prettenthaler war auf dem Weg zur Kirche und lugte, wie gewöhnlich, als er oorübergehen wollte, zum Nachbarhof hinüber. Aber plötzlich wurde dort die Tür aufgestoßen und Nikolaus Peinsipp trat heraus. Ein heißer Schlag fuhr dem Prettenthaler an das Herz. Er zuckte zusammen, malmte mit den Zähnen und fuhr mit der Spitze des Stockes unruhig am Wegrand hin und her. Aber dann raffte er sich aus und noch in der Empfindung, wie die faule Schwäche in die Knie hinuntersank und den festen Stand der Füße brechen wollte, wendete er den Kopf, wie er es sonst immer getan hatte, wenn der andere pfeilgerade über sein Haupt so grausam weit in die Welt geschaut hatte. Der Peinsipp — mit einer Hand hielt er sich noch an der Klinke fest, das Gesicht war fahl und schwammig — hob die Lider zur gewohnten wortlosen (Entgegnung. In diesem Augenblick trafen sich ungewollt, fest «eraniworiNch: vr. Hans Thhriot. - Druck unb Derlag: Brühl'sche UniversitStS-Buch. unb Steinbruckerei, R. Lanae. Gieße».