GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <937 Zreitag. -en S.Zebruar Nummer <0 Dee Giechlin Vornan von Theodor Fontane 4. Fortsetzung. 3a, diese von der neuesten Schule, das sind Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und mit dem -alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das überlieferte behandeln sie despektierlich." „Kann ich Ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien Sie gut, Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das Ueber- lieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch sehr reparaturbedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann wie dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus der Brettscheidebranche, so sind die meisten. Phrase, Phrase. Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres." „Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berührt eine große Frage, bei der man doch aufpassen muß. Und so mit dem Messer in der Hand, da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann. Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern, brauch ich bloß zuzuhären. Sie haben ihr ja bei Tisch nen langen Vortrag gehalten." „Ja. Unb noch dazu über Ratten." „Rein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch lieber über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten ist man nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen, dann bitt ich um die Geschichte, bei der wir heute früh in Ckemmen unterbrochen wurden. Es schien mir was Pikantes." „Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe Ja, hären Sie, Rex, das regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am Ende gleich, ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe." Fünftes Kapitel. Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, über Spuk und Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war nicht nötig, nichts war da, was sie hätte stören können. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg, einen der wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin verfügte. Dazu bot Cngelke den Herren einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schonen Tag, und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum. So war es denn auch. Waldemar war schon gleich nach sieben unten im Salon erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wußte, daß er ein Frühauf war, ein Familiengespräch über allerhand diffizile Dinge zu führen. Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen, sondern: alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten. Und darin sah er sich auch nicht getäuscht. „Ah, Waldemar, das ist recht, daß du schan da bitt. Nur nicht zu lang im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen Knacks. Es können aber sanft ganz gute Leute fein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis n-un." , Nein Papa, der gerade nirf><-, W"r wie Rex ist kann sich das nicht gönnen. Er hat nämlich einen Verein aegriindet für Frübgattesdienste, abwechs lnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist nach nicht perf->kt geworden." . Freut mich, daß es nach hapert. Ich mag so was nicht. Der alte Wilbttm hat -war seinem Valke die Religian wiedergeben wallen, was ein schönes Wart non ihm war — alles, was er tat und sagte, war gut — aber Rsligwn und L-mdvartie, daaegen bin ich dach Ich bin überh-nint gegen all- falschen Mischungen. Auch bei den Meirichen. Die reine Rass?, das ist das eigentlich Legitim«. Das andre, was sie nebenher nach Legitimität nennen, dos ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie steh- es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich meine." , 3a, Papa ..." Nein, nicht fo; nicht immer bloß Ja, P.-va'. Sa fängst du jedes- maf an. wenn ich auf dies Thema komme Da liegt fchon ein halber Refus drin, ober ein Hinausfchieben. ein Abmartenwollen. Und damit kann ich mich nicht befreunden Du bist jetzt zweiunddreißig ober doch beinah, da muß der mit der Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih den Kalauer, ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr für Handlungsreifende), also du fackelst, sag ich, und ist kein Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir außerdem sagen, deine Tante Sanctissima drüben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig. Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt; wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, mit der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer ihr Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundfiebzig, fo erfänd ich mir eine Geschichte dazu." „Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon ganz gewiß." „Gnädig machen? Ja, Waldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht >ch, es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle Familiengefühl haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht, unb ich kann umgekehrt ber Versuchung nicht widerstehen, eine richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus. Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel ist gewiß, ohne sie wäre es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil sie das gerade so gut weiß wie wir, ober vielleicht noch ein bißchen besser, gerabe deshalb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was vom Weiberstandpunkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und wenn man will, kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Cs ist und bleibt ein Heroismus. Wer Xante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich die Tapfer- keitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich fein wollte, fo sagte ich das Eiserne Kreuz." „Ja, Papa ..." „Schon wieder Ja Papa'. Nun, meinetwegen, ich will dich schließlich in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber bekenne mir nebenher — denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt —, liegst du mit was im Anschlag, hast du was auf dem Korn?" „Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge." „Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir's nicht übel, Waldemar, das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin nicht fürs Poetische, das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Gärbersdorf müssen (bloß, daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung .sich beschäftigen', das ist mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke wie über Poesie, bloß das Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) — wenn es sich um Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ,ich habe mich damit beschäftigt'. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann sie sich ganz und gar begraben lassen, und da macht ich denn doch etwas von dir hären, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht ja nicht gleich was Schreckliches zu fein. Aber so ganz ohne Stimulus, wie man, glaub ich, jetzt sagt, so ganz ohne fo was geht es nicht; alle Menschheit ist darauf zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das ist doch alles bloß etwas, gestellt, und wo's einschläft, ist fo gut wie alles vorbei. Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns, aber das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, aber auch immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf, daß die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, in aeternum. Ewig weiterleben: ich räume ein, es hat ein bißchen was Komisches, aber es gibt wenig ernste Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten ... Also dich .beschäftigen' diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf wen haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?" „Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen gebraucht habe, die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich kann dir aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur darf ich es noch nicht Und dann weiß ich ja auch, daß du selber einen abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man sich sein Glück verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon spricht." „Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer von neidischen und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt, und wenn wir renommieren ober sicher tun, dann lachen sie. Und wenn sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer eignen Kraft ist nichts getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den ich hier ausreiße. Demut, Demut ... Aber trotzdem komm irh dir mit der nnioen Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es was Vornehmes, was Pikfeines?" „Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß." einen richtigen Revolutionär, der gleich mitrumort, wenn irgendwo was los itt Und cs ist auch wirklich so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was lieber nicht sagen. Das sind so Geistteichigkeiten, die leicht übel vermerkt werden. Ich persönlich lass es laufen. Es gcht nichts, was mir so verhaßt wäre wie Polizeimahregeln oder einem Menschen, der gern ein freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnuren. Ich rede selber gern, wie mir der Schnabel gewachsen ist. „Und verplauderst dich dabei", sagte Woldemar, und vergißt zunächst unter Programm. Um spätestens zwei müssen wir fort, wir Haden also nur noch vier Stunden. Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit und kostet uns wenigstens die Hälfte davon. Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke mir die Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumganae) Besteigung des Aussichtsturmcs, — noch eine Anlage von meinem Vater her, die sich, nach Ansicht der Leute hier, vordem um vieles schöner ausnahm als letzt. Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und alles was man sah, sah rot oder blau ober orangefaroen aus. Und alle Wett hier war unglücklich, als ich diese bunten Glaser wegnehmen ließ- Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung. Grün ist grün, und Wald ist Wald ... Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei Knp- penstapel und die Schule; Nummer drei die Kirche samt Kirchhof. Pfarre schenken wir uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich em Glasindustrie befindet. Und bann wieder zurück, unb zum Abschluß em weites frühstück, eine altmobischc Bezeichnung, ine nur aber trotzbem unmer besser klingt als Lunch. .Zweites Frühstück hat etwas ckusge- svrochen Behagliches unb gibt zu verstehen, daß man em e^tes schon hinter sich hat ... Waldemar, dies ist mein Programm, das ich dir, als einem Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja ober nein. Natürlich ja, Papa. Du triffst bergleichen immer am besten. Ich meinerseits mache aber nur bie erste Hälfte mit Wenn mir m der Kirche fertig finb muß ich zu Lorenzen. Krippenstapel kann muh la wehr als | Wen unb in Globsow, weiß er all unb jedes. Er spricht, als ob er I ®ta3Sfr tJ-h'gäbe was drum", sagte Czako, „wenn setzt der Hahn zu krähen al1'"sUie kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig bleiben und" hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes mehr stir Sie als die roten Ziegeldächer, bie sich zwischen dem Waldrand und dem See wie ans eimm Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow Da wohnen die Glasbläser. Unb dahinter liegt die Glashütte Sie ist , noch unter bem alten Fritzen entstanden und heiht die ,grüne Glashütte. Die grüne’ Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen. 'IN aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich so, weil man da grünes Glas macht, allergewöhnlichstes Flaschenglas. An Rudinglas mit Goldrand dürsen Sie hier nicht denken. Das ist nichts für unfre Unb bannt kletterten sie wieder hinunter und traten, nach Passterung des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz hinaus, an dessen einer Ecke die Schule gelegen war. Es mußte die Schule sein, das sah man an den ossenstehenben Fenstern und ben Malven bavor, und als die Herren bis an den grünen Staketenzaun heran waren, horten sie auch schon den prompten Schulgang da drinnen, erst bie scharfe, kurze ftraae des Lehrers und bann bie sofortige Massenantwort. Im nächsten Augenblick unter Dorantritt Dudslavs, betraten alle ben Flur, und weil ein kleiner weißer Klöster sofort furchtbar zu bellen ansing, erschien Krippenstapel, um zu sehen, was los sei. (Fortsetzung folgt.) Februar. Von Joses Weinheber. Die Dohlen überm Baumschlag schrein. Es fegt der Wind den Himmel rein. Der Schlitten schellt, das Tannicht rauscht, die Magd aus stiller Kammer lauscht. Der Knecht fährt mit dem Holz zu Tal, viel Narren hat der Karneval. Schon färbt sich rost der Haselstrauch, am Fenster friert der Atemhauch. Was Matheis und Sankt Peter macht, das bleibt noch so durch vierzig Nacht. Der Riegel knirscht — o Heimlichkeit! Jetzt ist der Frühling nimmer weit. Gchitterbildniffe. Von H a ■ Bilder, die Schillers Wesen und Aeußeres völlig wiedergeben, tunen wir, wenn wir aufrichtig fein wollen, nicht. Gerade bei diesem lichter können wir beobachten, daß feder etwas von dem, was er i: dem Dichter sah, in ihn, in sein Bild hineintrug. Dagegen sind ttir in unserer Zeit unserer Vorstellung von Schillers Aeußerem ziem- kch nahegekommen, wohlgemsrkt nur ihr, nicht der gewesenen Wirk- lhkeit, in die sich hineinzusehen es vieler Liebe bedarf. Schiller war tineswegs schön, das ist ja bekannt. Aber in seinen Augen leuchtete unser Schiller, der gute Geist der Deutschen. Wenn Goethe im Jahre 1825 vom Aeußeren seines Freundes sagte: „Alles übrige an ihm »ar stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft", fo vergißt er öis Feuer, das in ihnen an Schöpfertagen brannte, oder die lodernde Elut, die Krankheit in sie versenken mochte. Schiller war ein Mensch d-r inneren Leidenschaften, wir wissen es, nicht jener sanfte Träumer, dichtende Jüngling, den man auf Bildern und Kupferstichen um die Litte des vergangenen Jahrhunderts sehen kann, sondern ein Mann, der ße Tat kannte, der die Tat auch nicht sürchtete, wie ja seine Flucht t; beweist. Schiller war auch kein Mensch, der zögerte, dazu war er viel selbständig und zu tätig, wie schon sein Lebensbeschreiber Eugen ssühnemann sagt; er war eine Persönlichkeit, „eine Persönlichkeit sän heißt: mit freier Selbständigkeit das Leben gestalten im Dienste einer angeborenen Berufung". Diese Persönlichkeit muß im Bilde Schillers zum Ausdruck kommen. Pie schwer ist das und wie wenigen Malern ist es Nur annähernd gelungen! Vollständig befriedigend wohl keinem! Unter den zahlreichen Schillerbildnissen ist der größte Teil — ich möchte sagen — langweilig, e- fesselt nicht. Das gilt besonders für die Bildnisse nach seinem Tode. Tie zu seinen Lebzeiten gemacht worden sind, erwecken stärker Urtiere Anteilnahme, denn schließlich bei langer Betrachtung. Der« enigt sich unsere Einfühlungskraft doch stets so weit, daß wir durch Verzechen ein lebendiges Bild unseres Dichters aus ihnen gewinnen. An der Spitze der nach dem lebenden Schiller gefertigten Bilder steht nicht als das beste, aber als das älteste Höflingers Gemälde, das 1781 für Dalberg gemalt wurde. Es gibt uns den jungen Schiller, den lichter der „Räuber", der sich als solcher noch nicht zu bezeichnen wagte, d nn ohne Verfassernamen erschien das Drama in Buchform. Höflinger ligt uns einen ganz fremden Menschen, erst allmählich sehen wir uns hinein, finden wir Züge aus jüngeren Bildnissen wieder, ein etwas söttischer Zug um den Mund fällt auf. Schiller hat ihn bald verloren, er wich dem der Güte und des Leidens. Schon das Bildnis, das dem Stuttgarter Bildnismaler I. Fr. W e ck h e r l i n (1761 bis 1815) zuge- förieben wird und auch in der Manhneimer Zeit entstand, hat chn licht mehr, dafür aber erhalten wir ein Bild von Schiller, dem Stürmer und Dränger. Man sieht, es wogt von Gedanken, Entwürfen mb Träumereien in diesem unruhig-kraftvollen Kopfe, um den die rot« bionden Haare ungeordnet wallen. Die scharfe Wlernase ruht stark her- eastretenb über den eckigen Backenknochen, die Augen schauen zukunfts- kihn hinaus, sie suchen die Ferne. Von Verträumtheit nichts zu sehen, der Wille beginnt sich zu klären und beginnt zu herrschen. Erst sechs Jahre später, 1787, bietet sich uns wieder ein Bild von Schiller in eigenartiger Auffassung: die Silberstiftzeichnung von Dora Stock, die bis 1905 nur durch den Stich von Schreyer bekannt war, bann aber im „Marbacher Schillerbuche" des Schwäbischen Schiller- oereins vervielfältigt wurde. Dora Stock schuf emen mehr weiblichen Schiller, wenigstens ist diese Seite seines sonst so männlichen Wesens mehr betont: auf den dunklen, von starken Brauen überschatteten Augen rcht der Nachdruck; ein wenig Unruhe, Verzagtheit, aber auch etwas Liebes, Sanftes und Zutrauliches. Nicht Schiller, der Dichter, sondern Schiller, der Mensch, der Bräutigam, möchte ich (agem Der Sturmer u ib Dränger ist verschwunden: das Haar geordnet im Zopf geflochten, en tadellos geschnittener Rock mit sorgfältig geglättetem Kragen. Im ganzen ernster, gereifter, aber nicht vertiefter — dem Bilde nach. In Wirklichkeit war es anders. Das weiß uns Anton Graffs Bildnis u sagen, das im Körner-Museum zu Dresden aufgehoben wird und für ins beste von allen Schillerbildnissen gilt, die nach dem Leben gemalt vorden sind. In der Tat, es tritt dem Beschauer als erstes naher es erwärmt Herz und Sinn. Graff hat ein wenig ver chont, aber auch den Ausdruck gefunden, der Schillers g e i st i g e s Wesen mehr wiedergibt °ls alle Werke zuvor. Und bann ist Leben in dem D-lde: das lei e Lächeln des Spottes hat sich gewandelt in gütiges .Gewahrenlas en, die graublauen Augen schauen uns nachdenklich, aber nicht träumerisch 3 - los, sondern fest an; er scheint uns zu prüfen. Wir alle kennen dies Mb, es gehört zu Schillers Werken. Ein anderes folgt Zwanzig Jahre darauf: das von Qubovike Simanowicz, geb. Reichenbach U?59 bis ii 1-127). Es ist im Winter 1793 auf 1794 entstanden, als Schiller in Lub- im mal unb öfter. Doch genug der Gegenüberstellungen. Will man den ganzen Schiller im Bilde haben, fo besitzen wir als unmittelbarstes Zeugnis die Totenmaske, die der Bildhauer Ludwig flauer am Tag nach dem Ableben des Dichters vorn ganzen Haupte abgoß. Sie ruft mit dem Adel, den sie ausstrahlt, unsere ganze Verehrung wach, unb wir sollten sie stets Gedächtnis tragen unb neben alle vorhandenen Schillerbilder halten. wigsburg weive, wo dar Gatte der Malerin, die viel In Schillers Familie verkehrte, als Leutnant stand. Sie gibt uns den kranken Schiller: wehmütig ist seine Stimmung, er fühlt sich nur halb gerettet, sanft blicken deshalb seine Augen: „Er hatte früh das strenge Wort gelesen, Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut." Aber trotzdem, er liebt das Leben noch, des Mundes Zucken verrät es. Die Malerin fand das Bild nicht ganz gelungen, sie schuf ein zweites, wo sie unnötig verschonte; es ist bekannter als bas erste; dieses aber ist wertvoller. Den Zug des Leidens hält die weiteren Kreisen noch unbekannte, erst im März 1804 begonnene Formung der in der späteren Ausführung allgemein bekannten Schillerbüste von I. H. Dannecker fest, die sich in Weimar befindet. Fehlen uns hier auch die lebensvollen Augen, so lassen uns doch die Formen das Gesicht zum Erlebnis werden. Die eingesallenen Wangen, der etwas vorstehende Mund, die scharf« Nase, wir fühlen beim Sehen noch mehr, was hinter solchem Aeußeren gelebt haben muß. Damit sind wir mit den bedeutendsten, zu Schillers Lebzeiten an gefertigten Bildern am Ende. Wie bietet sich uns nun das Bild des Dichters dar? So haben sich schon viele Maler gefragt unb so auch Leo Sam« berget und Karl Bauer, die nach langem Forschen uns bas Ergebnis ihrer Arbeit in mannigfachen Abbilbungen vorlegten. Und es ist merkwürbig, sie finb zu manchen Aehnlichkeiten in Auffassung und Wiedergabe gelangt: das ist das Wesentliche an Schillers Aeußerem. Bei (Bamberger wächst der Kopf aus dem Dunkel heraus, die Augen liegen tief in schattendüfteren Hohlen, die von Krankheit zu erzählen wissen, der eigenwillige Mund geschlossen, in starker Selbstzucht an eigener Kraft sich aufrichtend der Kopf, stolz, starr, ein wenig nach rückwärts gelehnt, so schaut er in die Ferne, so sucht er die Hohen des Lebens: ein großer Mensch. — Samberger gibt zuerst eine wirkliche geschlossene Persönlichkeit, aber das mehr nach dem Innern, dem Geistigen. Karl Bauer tut dasselbe mehr nach dem Aeußeren, der malerischen Erscheinung; Samberger will das Wesen des ganzen Schillers, des inneren wie äußeren Menschen und Dichters geben, Bauer das Wesen des äußeren Dichters, der zugleich auch noch ein kranker Mensch ist. Deshalb ist Bauer den Formen nach deutlicher und leichter erfaßbar, in (Bambergers Schillerbild muß man sich erst hineinsehen. Samberger hat Schiller zweimal gemalt, Bauer drei- Die schwarze Perücke. Eine Erzählung von Hans Franke-Heilbronn. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war in England viel die Rede von einem Prozesse, bei dem fast ein Unglücklicher sich in den Maschen der Justiz verfangen hätte, wenn nicht der eigentliche Täter des Verbrechens, ein Straßenräuber, durch einen schlauen Einsal! ihn und sich selbst vom Galgen errettet hätte. Ein solcher Straßenräuder ober „highwayman“, wie man biefe Sorte von Menschen, bie burch Ueberfälle auf harmlose Reisenbe, auf ßanbpfarrer unb Geschäftleute ihren Lebensunterhalt erwarben, bamals nannte, setzte eines Tages einem reichen Wollhänbler in einer einsamen Gegenb unweit Liverpols bie Pistole auf bie Brust unb zwang ihn, nicht nur ein paar Guineen guten Golbes, fonbern auch eine runbe Tasche mit Banknoten unb Wechseln herauszugeben. Bei biefem UeberfoU, ber sich als sehr lohnenb erwies, trug ber Räuber eine schwarze Perücke, bie burch ihre Lockenfülle auch einen guten Teil bes Gesichtes verbarg. Als nun ber Räuber lachenb feinen Raub unb sich selber in Sicherheit wußte, wars er bas schwarze Ungetüm mit einem Grinsen in ben Graben und sprengte davon. „ . Der Zufall wollte es, daß der einzige Sohn eines Esquires em roenig später auf diesem Nebenwege geritten tarn. Als er nun diese Haarhaube liegen sah, spießte er sie mit ber Reitgerte auf, unb babei kam ihm ber Gebanke, sich einen Spaß zu machen. „Wie wäre es", fo dachte er, „wenn ich dieses Scheusal aufsetzte; sicher würde man mich nicht erkennen, selbst meine eigene Schwester würde mir die Tür meines Vaterhauses vor der Nase zuschlagen." Der junge Mann setzte also die Perücke auf und ritt weiter. Ehe er aber zu dem ansehnlichen Grundstück seines Vaters gelangte, muhte er an einem Zollhäuschen und einem Schlagbaum vorüber. Er tat es unbekümmert wie je in feinem Leben, konnte er doch nicht ahnen, daß unter den zahlreichen Männern, die dort umherstanden und heftig gestikulierten, sich auch der überfallene Wollhändler befand, der in dem Augenblicke, ba er bes jungen Mannes ansichtig würbe, mit lauter Stimme schrie: „Da reitet ber Sieb! Haltet ben Räuber! Ergreift ihn, ergreift ihn!" Ehe ber ahnungslose junge Mann es sich versah, war er umringt, vom Pferbe pertssen unb ben herbeieilenben Polizisten übergeben, so sehr auch ber Zolleinnehmer selbst — ber bie Familie bes Esquires, also auch ben jungen Herrn gut kannte — bagegen Einspruch erhob. Der Csquire selbst unb seine juristischen Sachwalter boten alles auf, bie Schulblosigkeit bes bald barauf unter Anklage Stehenben zu beteuern unb zu beweisen. Wahl hatte er burchweg einen guten Lcumunb, aber über bie verbächtige Mertelstunbe konnte er keinen Zeugen aufbringen, dazu blieb der Wollhänbler bei allen Gegenüberstellungen strikte babei baß bieser junge Mann, angetan mit ber schwarzen Peruke unb fein anderer ber Täter gewesen fei, ja, er legte barauf einen rtb ab; bas Geld unb bie WertMcke mochte er vergraben ober einem unbrtannten Komplicen zugesteckt haben. So kam es, daß die zwölf Geschworenen bald darauf in der Hauptverhandlung das fürchterliche „Schuldig" über den armen bedauernswerten Jüngling aussprachen. Der Spruch lautete auf Tod durch den Strang, wollte man doch mit der Härte dieses Urteils der Landplage der Wegelagerer einmal energisch zu Leibe gehen. In dieser Hauptverhandlung nun, die, wie alle Verhandlungen in England, öffentlich stattfand, befand sich auch der eigentliche Täter. Von Beginn bis zum Schlüße der Vernehmungen war er Zuschauer und Zuhörer gewesen: aber er hatte wohlweislich geschwiegen, bis nun die Geschworenen ihren Spruch gefällt hatten. Dann trat er kühnlich hervor, wandte sich an den dichter und sprach: „Dieser Prozeß ist sicher mit aller Unparteilichkeit geführt worden. Eine Verletzung des Gesetzes kann ich nirgends erblicken. Und doch glaube ich daß in der Beweisführung von Kläger und Gericht zuviel Gewicht auf die Perücke gelegt worden ist. Wenn es erlaubt ist, so will ich das sofort durch ein schlagendes Beispiel erörtern." Der öffentliche Ankläger, der nichts sehnlicher wünschte als den unbescholtenen jungen Mann vor dem Galgen zu retten, willfahrte nach einer kurzen Beratung dieser Bitte und ließ dem Fremden die Perücke reichen, die während der ganzen Verhandlung auf dem Richtertlsche gelegen hatte. Der Räuber nun stürzte sich die wollige Haube rasch über den Kopf, wobei er wohlweislich hinter den Wollhändler getreten war. Dann aber wandte er sich mit einer plötzlichen Gebärde gegen den durch diesen Ueberfall ehrlich Erschreckten, und mit eben dem Tone, eben dem Gehaben, die er damals angewendet hatte, schrie er ihm zu: „Deine Börse, du Elender'" Der Wollhändler war von diesem Dakapo seiner schrecklichen Stunde so überrumpelt, daß er ohne Besinnen rief: „Gott verdamme mich, ich habe mich geirrt! Dies hier muß der wahre Täter fein!" Aber ebenso rasch, wie er sie aufgesetzt hatte, riß der kluge Räuber die Perücke wieder von seinem Kopfe, lächelte arglos zu dem Richter und den Geschworenen hinüber und sagte artig: „Euer Herrlichkeit sehen nun, was alles diese Perücke ausmacht: kaum hat der Kläger mich erblickt, als er auch bereits seinen schon beschworenen Standpunkt aufgibt. Bei Gott, ich glaube, er würde auch Euer Herrlichkeit, Herr Richter, beschuldigen, der Täter zu sein, wenn Ihr dieses Ungetüm aufgestülpt hättet! Nur dieses wollte ich beweisen!" Und mit bescheidener Anmut trat der Räuber wieder aus seinen Platz zurück. . Es war klar, daß der Kläger seinen Eid widerrufen hatte. Nach englischem Gesetze jener Tage galt über diesen Punkt keine Frage mehr. Und ebensowenig konnte der Wollhändler nach einem schon geleisteten Falscheid noch einen neuen schwören oder irgendeine Klage gegen einen mutmaßlichen Täter erheben. Der junge Mann wurde freigesprochen. Den klugen Sachwalter seiner Interessen, den Fremden, aber suchte man am Schluß der Verhandlung vergeblich. Keinem freilich fiel es ein, an der Redlichkeit dieses bescheidenen Mannes zu zweifeln. Eroberung einer Gestatt. Von Günther Birkenfeld Die Dichtkunst ist die freieste von allen Künsten. Weder kann man sie lehren noch sie erlernen. Gewiß besitzt auch sie ihre Grundgesetze und Regeln. Aber sie stehen niemals im vornherein klar und allgemeingültig fest, sind vielmehr einzig durch das Schreiben selbst erfahrbar und sind mit jedem Werke neu zu erproben und zu erweisen. Dies gilt auch für alle einzelnen Probleme des dichterischen Schaffens. Zum Beispiel für die heute durch die Fülle historischer Romane und Biographien besonders lebhaft gewordene Frage: auf welche Weise und durch welche Mittel eigentlich eine historische Persönlichkeit zur dichterischen Gestalt wird. Wie bereitet der Dichter sich vor? Und was ist zuerst da? Ist es eine langgehegte Idee, die man eines guten Tages in einem Giordano Bruno, in einem Hutten eindrucksvoll vorgelebt findet? Ist es eine einmalige, unvergeßliche Haltung, eine ergreifende Gebärde? Oder Fülle und Farbigkeit einer Gestalt, die abenteuerliche Buntheit eines kraftvoll gelebten Lebens? — Alles dies und manches andere noch kann der erste Anlaß sein, die Keimzelle. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist einzig durch Berichte der Schaffenden selbst zu klären und zu begrenzen. Im Falle meines „Augustus" (®. G. Cotta), wie meines Gutenberg-Romans „Die Schwarze Kunst" (Paul Neff,Berlin), war zu allererst eine allgemeine Idee da, ein geistiges Verlangen, das. — in beiden Fällen durch einen glücklichen Zufall —. zur rechten Stunde auf die rechte Gestalt traf. Seit dem Jahre 1932 fvürte ich immer heftiger die Nnotwendigkeit, die großen Bewegungen und Wandlungen unseres Zeitalters in ihren wesentlichen Bs- dingungen, in ihrer schick'alhaften Gesetzlichkeit an einem abgeklärten, umfals-nden Ebenbilde auizuzeigen. Eines Tages sprach meine Mutter von d">n Standbilde des Augustus im Alten Museum in Berlin. Im . da der Nome fiel, wußte ich. daß Augustus die Gestalt war, die ich >o unablästig suchte. Noch ungefährer wurde der Gutenberg mir zuget>^"'n. durch einen befreundeten Verleger nämlich, der mich mit leisem 'N^rwurf fraote, weshalb noch niemals ein Dichter die Lebens- tragöb"' d'eses größten deutschen Dichters dargestellt habe. Eine erste zögernde Durchsicht der lieberlieferung ergab nicht nur die Möglichkeit, die ewm wiederkehrende Tragödie des Erfinders zu versuchen, gewährte oielm darüber hinaus noch die Verwirklichung der lange gehegten Absi-'u den unversöhnlichen Kamps des Genies im Geiste mit dem Genie im irdischen Machtbereich, die scheinbare Unterlegenheit des Geiltia'n auf Zeit und seinen endlir'nn Sieg auf Dauer darzustellen. B h-nivn Plänen erkannte ich innerhalb der allgemein gestellten dichtwi'chm Aufgabe soo'-ich noch eine besondere und besonders reizvolle. Die ältere Augustus-Philologie, die heute noch ziemlich tonangebend ist, wurde mit einem Bruch, mit einem dem Anschein nach unvereinbaren Zwiespalt im Wesen des Augustus nicht fertig. Streng an die Tatsachen gebunden, wie Philologie zunächst immer sein muß, berichtete sie, daß Octavian während der Kampfzeit von kaltem Ehrgeiz und von brutaler Grausamkeit beherrscht war, während er sich nach dem Machtantritt, als weltgebietender Augustus, stets gütig und zum Verzeihen bereit bezeigte. Unbefangen, als erster Dichter der Gestalt nahend, sagte ich mir: wenn jemand in der Machtfülle, die ihm jegliche Willkür und Roheit gestattet, nur immer milde ist, so kann er von Natur her während der Kampfzeit nicht herrschsüchtig und grausam gewesen sein, vielmehr müssen es dann erbarmungslose Umstände und erbarmungslose Gegner gewesen sein — ich erkannte den gefährlichsten, zum Befremden meiner englischen Leser, in Marcus Antonius —, die den siebzehnjährigen Erben Julius Caesars wider sein besseres Selbst zu jenen erbarmungslosen Handlungen gezwungen haben. Ich durchforschte daraufhin die Quellen und sehr eingehend auch sämtliche Überlieferte Köpfe des Augustus. Meine Folgerung wurde mir im vollen Umfange bestätigt, und ich gewann ein gänzlich neues, eignes Augustus-Bild in dem erschütternden Lebensschicksal eines Jünglings, der von seinem siebzehnten bis zum drei- unddreißigsten Jahre im Gehorsam gegen die Götter herzloser als seine vielen gewaltigen Widersacher nur immer sein eigentliches Ich zu bekämpfen und zu verleugnen hatte, der, vom Wesen her ein friedwün- schender, aller Schönheit hingegebener Apollo, nach außen hin den waffenklirrenden Mars spielen mußte. Während es für Augustus galt, die Fülle überlieferter, einander widersprechender Tatsachen zu dem überzeugenden Bilde eines Menschen von Fleisch und Blut zusammenzufassen und zu vereinfachen, war für Gutenberg von seinem Wesen wie von seinem Leben nur derart Bruchstückhaftes und Aeußerliches feftzuftellen, daß feine Gestalt eigentlich erst erschaffen werden mußte, — die Gestalt eines begnadeten Erfinders, der, wie die karge lieberlieferung andeutete, im gleichen Maße ein standes- bewußter Junker vor den Menschen und ein demütiger, werkbesessener Goldschmiedemeister vor Gott war. Auch die Personen seines Schicksals waren nur so knapp, oft nur mit dem Namen angedeutet, daß sie durch Rückschlüsse aus den größeren Zusammenhängen, die die Akten des Straßburger und des Mainzer Prozesses vermittelten, in ihren Charakteren festgelegt und in allen eigenen Zügen erdichtet werden muhten. Nachdem für beide Bücher die geistige Absicht und der Verlauf der Handlung ausführlich niedergeschrieben worden war, folgte jedesmal ein Jahr des stillen Studiums, ein Jahr erfüllt von jener reinsten Freude, der Vorfreude. Nun wird man Nudent und "id Grübler, Kombinator und oft auch schon Detektiv in einer Person. Hinter jeder Angabe, die eine wichtige Einsicht vermuten läßt, setzl man lui) mit der Zähigkeit eines'Spürhundes auf die Fährte. Eine jede Quelle verweist auf jo und fo viele andere, neue. Mitunter erschrickt man vor der Fülle des Materials, vor der Weite der Gebiete, die noch zu durchforschen sind, und sieht kein Ende mehr. Solche Anwandlungen der Verzagtheit, auch der Ermüdung, werden doppelt ausgewogen durch jene Augenblicke, in denen eine Aeußerung einer der Gestalten einen wichtigen Wesenszug hinzufügt oder eine aus der Phantasie geschaffene Vorstellung bestätigt. Dann wieder trifft man auf Nachrichten, die einander heftig widersprechen oder ein mühsam zusammengesetztes Bild ernstlich gefährden. Zweifel nagen, wen nicht gar Verzweiflung. Sieht man jedoch feine Menschen wesentlich genug, so wird sich stets eine gerechte Lösung finden lassen. So enthüllte sich mir beispielsweise manches böse Wort über Augustus als Stoßseufzer eines kaiserfeindlichen Autors der späteren Zeit, der im Herzen Republikaner geblieben war. Da eine historische Gestalt nur innerhalb ihres Zeit- und Lebensraumes überzeugende Lebendigkeit wiedergewinnt, so muß der Dichter nach meiner Meinung alle wichtigen Stätten aus eigener Anschauung kennen. Ueberbies wird er zum Sachverständigen von Trachten und Speisenfolgen, von Möbeln und Geschirren und von allen nur irgend in Betracht kommenden Szenerien und Gegenständen werden. Und jedesmal werden sich durch die Betrachtung der Landschaften und Räume völlig neue, unvermutete Gesichtspunkte zeigen, die weitere Monate des stillen Studiums in den Bibliotheken und im eigenen Arbeitszimmer erzwingen. Für den „Augustus" habe ich mehr als zweihundert Werke, zu oft vier und mehr Bänden, in sechs Sprachen durchgelesen und habe in Italien, vornehmlich in Rom, alle erhaltenen Reste bis auf das geringste Stuckornament betrachtet. Allein für den berühmten Friedensaltar habe ich volle zwei Wochen verwandt, — km Roman später konnte die Ara Pacis nur in einer einzigen Zeile erwähnt werden. Für die „Schwarze Kunst" zählt meine Liste einhundertundfünf Werke. Reisen nach Nürnberg, Mainz, Frankfurt und zum Deutschen Museum in München belebten die Kenntnis des literarisch wie bildnerisch so spärlich bezeugten ersten Teils des 15. Jahrhunderts. Das Gesicht der mittelalterlichen Städte, Räume und Menschen veranschaulichte ich stur außerdem noch durch die Holzschnitte und Gemälde von Burgkmair und Grünewald bis zu Dürer. Für beide Bücher konnte etwa der zwanzigste Teil der erworbenen Kenntnisse bei der Niederschrift verwandt werden. Ich halte dieses Verhältnis für notwendig und richtig. Das Gutenberg-Studium im besonderen wurde sehr erschwert durch die heftig widersprechenden Meinungen der Gelehrten über die Entwicklung der Erfindung sowie über die Drucke Gutenbergs und seiner Schüler. Noch dem Abschluß dieses gesamten Studiums nahm ich in der Preußischen Staatsbibliothek die Gutenberg-Bibel zu zweiundoierzig Zeilen in meine Hände und bereitete mir eine der stillsten und unvergeßlichsten Andachtsstunden meines Hebens. Aus eigener Erfahrung wiederhole ich das schöne Wort Jean Pauls, daß es noch ein schöneres gebe, als ein Buch zu schreiben, nämlich: eins zu entwerfen und auszudenken. »et aniwottlich' Dr Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühl'fcheUniversitäts-'Duch» und Hteindrucker ei, R. Lange, Gieße».