SietzeimZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1937 Montag, den 4. Oktober Nummer 77 Eugenie Hrandet ROMAN von Honore de Balzac 6. Fortsetzung. „Jean", suhr er fort, „schütte die Löcher zu, ausgenommen die längs der Loire, da Pflanzt du die Pappeln hin, die ich gekauft habe. Wenn man sie an den Fluß setzt, nähren sie sich auf Kosten der Regierung", fügte er an Cruchot gewandt hinzu, und machte mit dem Geschwür auf seiner Nase eine kleine Bewegung, die einem Lächeln voller Ironie gleichkam. „Das ist klar: Pappeln sollte man nur auf magern Boden pslanzen", sagte Cruchot, verblüfft über Grandets Berechnungen. „Aller—dings, mein Herr", versetzte der Böttcher ironisch. Eugenie, die den Anblick der herrlichen Landschaft der Loire genoß, ohne den Berechnungen ihres Vaters zuzuhören, spitzte schleunigst die Ohren bei den Worten Cruchots, als sie ihn zu seinem Klienten sagen hörte: „Na, Sie haben sich einen Schwiegersohn aus Paris kommen lassen; in ganz Saumur ist nur von Ihrem Neffen die Rede. Da hab' ich bald einen Kontrakt aufzusetzen, was Vater Grandet?" „S... S ... Sie sind f... f... früh aufgestanden, um m ... m ... mir d ... das zu sagen", erwiderte Grandet und begleitete diese Betrachtung mit einer Bewegung seines Geschwürs. „Nun gut, mein alter Kamerad, ich will offen sein und Ihnen sagen, was Sic w w ... wissen w ... w ... wollen. Ich möchte lieber, sehen S ..'. Sie, m ... m ... meine To ... Tochter in die Loire w ... w ... werfen, als sie ihrem V ... V ... Vetter g ... g ... geben. Sie t... t.... können das v ... verkünden. Aber was, lassen Sie die W ... Welt schwatzen." Diese Antwort rief einen Schwindel bei Eugenie hervor. Die fernen Hoffnungen, die in ihrem Herzen zu keimen begannen, blühten plötzlich auf, nahmen Gestalt an und bildete» ein Büschel von Blumen, die sie abgeschnitten und am Boden liegen sah. Seit dem vorigen Abend fühlte sie sich mit Charles durch alle die Bande des Glücks verbunden, die die Seelen vereinen; von nun ab begann das Leid sie zu befestigen. Liegt das nicht auch in der edlen Bestimmung der Frau, daß sie näher berührt wird von den ernsten Aufzügen der Leiden als von den Freuden des Glücks? Wie konnte nur das väterliche Gefühl im Herzen ihres Vaters erlöschen? Welchen Verbrechens war Charles denn schuldig? Geheimnisvolle Fragen! Schon wurde ihre eben geborene Liebe, selbst ein so tiefes Geheimnis, in Geheimnisse verwickelt. Sie kam mit zitternden Knien wieder zu sich, und als sie an der düstern alten Straße anlangten, die ihr so fröhlich erschienen war, fand sie den Anblick traurig, atmete sie die Meloncholie dieses Ortes ein, die ihm Zeit und Dinge ausgeprägt hatten. Sie lernte alle Stadien der Liebe kennen. Einige Schritt vor dem Hause ging sie ihrem Vater voran und wartete auf ihn an der Tür, nachdem sie geklopft hatte. Denn Grandet, der in der Haud des Notars eine Zeitung noch unter dem Kreuzband sah, hatte zu ihm gesagt: „Wie stehen die Renten?" Und der Notar hatte geantwortet: „Sie wollen nicht auf mich Horen, Grandet. Kaufen Sie schnell, man kann noch zwanzig Prozent in zwei Jahren daran verdienen, außer den Zinsen, zu einem ausgezeichneten Zinsfuß, fünftausend Franken Rente für achtzigtausend Franken. Die Renten stehen achtzig und einen halben Franken." „Es wird sich finden", sagte Grandet und rieb sich das Kinn. „Mein Gott!" sagte der Notar, der seine Zeitung geöffnet hatte. „Nanu, was gibt's?" rief Grandet, als Cruchot ihm die Zeitung mit den Worten unter die Augen hielt: „Lesen Sie diesen Artikel." , , , . „ ., ,, , „Herr Grandet, einer der angesehensten Geschäftsleute m Paris hat sich gestern erschossen, nachdem er wie gewöhnlich auf der Börse erschienen war. Er hatte beim Präsidenten der Deputiertenkammer seine Entlassung e>n- gereicht und gleichfalls sein Amt als Richter am Handelsgericht medergelegt. Der Bankrott der Herren Roguin und Souchet, seines Wechselmaklers und seines Notars, haben ihn ruiniert. Die Achtung, die Herr Grandet genoß und sein Kredit waren dennoch so, daß er zweifellos Hilfe am Pariser Geldmarkt gefunden hätte. Es ist zu bedauern, daß dieser ehrenwerte Mann dem ersten Augenblick der Verzweiflung nachgegeben hat... usw. „Ich habe es gewußt", sagte der alte Winzer zum Notar. Dies Wort ließ Cruchot erstarren, dem es trotz ferner Unempfindlichkeit als Notar kalt über den Rücken lief beim Gedanken, daß der Pariser Grandet vielleicht vergeblich die Millionen des Grandet in Saumur angesleht halte. „Und sein Sohn, gestern so vergnügt..." »Er weiß noch nichts", antwortete Grandet mit derselben Ruhe. „Adieu, Herr Grandet", sagte Cruchot, der alles begriff und den Präsidenten von Bonfons beruhigen ging. Zu Hause fand Grandet das Frühstück bereit. Frau Grandet saß schon auf ihrem erhöhten Sitz und strickte sich Pulswärmer für den Winter. Eugenie fiel ihr um den Hals und umarmte sie, bewegt von ihrem geheimen Kummer, mit überquellendem Herzen. „Sie können frühstücken", sagte Nanon, die die Treppe heruntersprang, „der Junge schläft wie ein Engel. Wie hübsch er ist, wenn er die Augen zu hat. Ich bin 'reingegangen und hab' ihn angerufen. Ja, Kuchen, nichts rührt sich." „Laß ihn schlafen", sagte Grandet, „er wacht früh genug auf, um böse Neuigkeiten zu erfahren." „Was ist denn los?" fragte Eugenie und legte die beiden kleinen Stücke Zucker in ihren Kaffee, die kaum ein paar Gramm wogen; der Alte vergnügte sich damit, sie in seinen Mußestunden selbst abzuzwicken. Frau Grandet, die nicht gewagt hatte, diese Frage zu stellen, blickt« ihren Mann an. „Sein Vater hat sich erschossen." „Mein Onkel?" ... sagte Eugenie. „Der arme Junge!" rief Frau Grandet aus. „Ja, arm", wiederholte Grandet, „er besitzt keinen Pfennig." „Ach Gott, er schläft, wie wenn er der Herr der Welt wäre", sagte Nanon mit Rührung im Ton. Eugenie hörte auf zu essen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, wie das Herz sich zusammenkrampft, wenn bei dem Unglück dessen, den man liebt, zum erstenmal das Mitleid emporquillt und den ganzen Körper einer Frau durchströmt. Das junge Mädchen fing an zu weinen. „Du hast deinen Onkel nicht gekannt, warum weinst du?" sagte ihr Vater und schleuderte ihr einen Blick wie ein hungriger Tiger zu, so einen Blick, wie er ihn ohne Zweifel auf seinen Goldhaufen warf. „Aber Herr Grandet", sagte die Magd, „wer wird denn kein Mitleid mit dem armen jungen Manu haben, der wie ein Brett schläft und nicht weiß, was ihm blüht." „Ich habe nicht mit dir gesprochen, Nanon, halt den Mund!" Eugenie begriff in diesem Augenblick, daß die Frau, die liebt, immer ihre Gefühle verbergen muß. Sie antwortete nicht. „Bis zu meiner Rückkehr werdet Ihr ihm gar nichts erzählen, wünfche ich, Frau Grandet", sprach der Alte weiter, „ich muß fort, um den Graben für meine Wiesen an der Straße abstecken zu lassen. Ich werde um zwölf zum zweiten Frühstück zurück sein und mich bann mit meinem Neffen über seine Angelegenheiten unterhalten. Was dich betrifft, mein Fräulein, wenn du etwa dieses Stutzers wegen weinst, Schluß damit, mein Kind. Er wird allerschleunigst nach Ostindien abreisen. Du wirst ihn nie wieder sehen." Der Vater nahm seine Handschuhe vom Rand seines Hutes, zog sie mit seiner gewohnten Ruhe an, strich sie herunter, indem er seine Finger zwischeneinander steckte und ging fort. „O, Mama, ich halte es nicht ans!" rief Eugenie, als sie mit ihrer Mutter allein war. „Ich habe noch nie so gelitten!" Frau Grandet sah, wie ihre Tochter blaß wurde, sie öffnete das Fenster und ließ sie die frische Lust atmen. „Mir ist besser", sagte Eugenie nach einem Augenblick. Diese Nervenerschütterung bei einer Natur, die bis dahin dem Anschein nach ruhig und kühl war, ging Frau Grandet zu Herzen; sie sah mit diesem feinfühligen Verstehen, mit dem die Mütter für ihre zärtlich Geliebten begabt sind, ihre Tochter an und erriet alles. Zudem konnte wahrhaftig das Leben der berühmten ungarischen Schwestern, die ein Versehen der Natur aneinander geschmiedet hatte, keinen innigem Zusammenhang gehabt haben, als das von Eugenie und ihrer Mutter, die immer in der einen Fensternische zusammensaßen, zusammen zur Kirche gingen und beim Schlafen die gleiche Luft einsogen. „Mein armes Kind!" sagte Frau Grandet und umfaßte den Kopf von Eugenie, um ihn an ihr Herz zu drücken. Bei diesen Worten hob das junge Mädchen das Gesicht, sah ihre Mutter forsckend an, erspähte ihre geheimen Gedanken und fragte: „Warum ihn nach Indien schicken? Wenn er im Unglück ist, sollte er bann nicht hier bleiben? Ist er nicht unser nächster Verwanbter?" „Ja, mein Kinb, bas wäre ganz natürlich. Aber der Vater hat seine Grünbe, wir müssen sie achten." Mutter unb Tochter setzten sich schweigend hin, die eine auf ihren erhöhten Stuhl, die andere auf ihren kleinen Sessel, und alle beide nahmen ihre Handarbeit vor. Ueberwältigt von Dankbarkeit für das wunderbare Herzens- verständnis ihrer Mutter, küßte ihr Eugenie die Hand und sagte: „Wie gut du bist, meine geliebte Mama!" Bei diesen Worten blühte das alte mütterliche Gesicht auf, das in langen Leiden welk geworden war. „Findest du ihn nett?" fragte Eugenie. Frau Grandet antwortete nur mit einem Lächeln; dann sagte sie nach einer Pause mit leiser Stimme: »Ich, ausgezeichnet." „Sic werden Hunger haben, Vetter", sagte Eugcme, „kommen ©te zu Lisch" „Aber ich frühstücke ja nie vor zwölf Uhr, gerade wenn ich aufstehe. Indessen, ich habe so schlecht unterwegs gelebt, daß ich nicht abgeneigt bin. Uebrigcns ..." Und er zog die entzückendste flache Uhr heraus, die je Bröguet gemacht hat. „Nanu, cs ist eis Uhr, bin ich aber früh ausgestanden l" „Früh?" sagte Frau Grandei. „Ja, aber ich wollte meine Sachen auspacken. Nun gut, ich wiU gern etwas essen, eine Kleinigkeit, ein bißchen Geflügel, ein Rcbhühnchen ..." „Heilige Jungsrau I" schrie Nanon, die diese Worte hörte. „Ein Rebhuhn", dachte Eugenie bei sich, und hätte ihre ganzen Ersparnisse für ein Rebhuhn hergebcn mögen. „Kommen Sie, sehen Sie sich", sagte die Tante. Der Dandy ließ sich aus den Armstuhl nieder, so wie eine schöne Frau sich aus ihren Diwan sinken läßt. Eugenie und ihre Blutter rückten ihre Stühle heran und setzten sich neben ihn vor das Feuer. „Leben Sie immer hier?" fragte Charles, der den Saal am Tage noch häßlicher sand als bei Licht. „Ja, immer", antwortete Erigenie und sah ihn an; „außer während der Welnernie; da Helsen wir Nanon und wohnen alle in der Abtei von NoyerS." „Gehen Sie nie spazieren?' „Manchmal am Sonntag nach der Vesper, wenn sckönes Wetter ,st, sagte Frau Gründet, „gehen wir auf die Brücke oder sehen zu, wie daS Gras gemäht wird." „Haben Sie ein Theater?' „Ins Theater gehen!" ries Frau Gründet aus, „Komödianten ansehenl Aber wissen Sie nicht, daß das eine Todsünde ist?' „Sehen Sie, mein lieber Herr", sagte Nanon, die bte Eier hereinbrachte, „wir servieren Ihnen die Hühner in der Schale." „Ach, frische Eierl" sagte Charles, der wie alle an Luxus gewöhnte Leute schon nicht mehr an sein Rebhuhn dachte. „Aber das ist köstlich. Hütten Sie wohl Butter, wie, mein liebes Kind?" „Was, Butter! Dann wollen Sie also kein Weißbrot?" „Aber bring' doch Butter, Nanon", ries Eugenie aus. Das junge Mädchen beobachtete ihren Vetter, wie er sich seine Brot» schnittchen zurechtmachte und fand daran soviel Vergnügen, wie das gefühlvollste Nähmädchen von Paris, das ein Melodrama spielen sieht, in dem die Unschuld triuinphiert. In der Tat hatte Charles, der von einer anmutigen Mutter erzogen worden war und von einer Frau von Welt den letzten Schliff bekommen hatte, so kokette, elegante, zierliche Bewegungen wie ein Dämchen. Das Mitleid und das zärtliche Gesühl eines jungen Mädchens besitzen einen wahrhaft magnetischen Einfluß. Daher konnte Charles, als er sah, wie aufmerksam Tante und Cousine zu ihm waren, dem Einfluß der Gefühle nicht ividerstehen, die aus ihn zuströmten und ihn sozusagen über- fluteten. Er wars Eugenie eine« vor Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit strahlenden Blick zu, einen Blick, der zu lächeln schien. Als er Eugenie be- trachtete, nahm er die außerordentliche Harmonie der Züge dieses reinen Gesichts wahr, ihren unschuldigen Ausdruck, die bezaubernde Klarheit ihr^ Augen, in denen die jungen Liebesgedanken schimmerten, aber der Wunsch die Lust noch nicht kannte. „Wahrhaftig, liebe Cousine, wenn Sie in der großen Loge und in großer Toilette in der Oper säßen, versichere ich Sie, daß die Tante ganz recht hätte, Sie würden viele Sünden des Begehrens bei den Männern und der Eifersucht bei den Frauen Hervorrusen." Bei diesem Kompliment zog sich Eugeniens Herz zusammen und smg vor Freude an zu klopfen, obwohl sie kein Wort davon verstand. „Ach, lieber Vetter, Sie wollen sich über eine arme Kleinstädterin lustig machen." t ... „Wenn Sie mich kennen würden, liebe Cousine, würden Sre wissen, daß ich den Spott verabscheue; er vertrocknet das Herz, mordet alle Ge- fühle ..." Und er schluckte sehr anmutig seine Butterschnitte herunter. „Nein, ich habe vermutlich nicht genug Geist, nm mich über andre lustig zu inachen, und dieser Fehler schadet mir sehr. In Paris hat man eine ge- wisse Art, einen Menschen zu erledigen, indem man von ihm sagt: Er hat ein gutes Herz. Dieser Satz bedeutet soviel wie: Der arme Junge ist dumm wie ein Rhinozeros. Aber da ich reich und dafür bekannt bin, daß ich eine Puppe beim ersten Schuß aus dreißig Schritt Entfernung mit jeder Art von Pistolen und auf freiem Felde treffe, nimmt sich der Spott vor mir in acht." „Was Sie da sagen, lieber Reffe, verrät em gutes Herz. „Sie haben einen sehr hübschen Ring", sagte Eugenie, „darf man Sie bitten, ihn ansehcn zu lassen?" Charles streckte die Hand aus, indem er den Ring abnahm, und Eugenie errötete, als sie mit ihren Fingern leicht die rosigen Nägel ihres Vetter« berührte. „Sieh mal, Mutter, die schöne Arbeit." „Ei, der hat schtveres Gold", sagte Nanon, die den Kaffee hereinbrachte. „Was ist denn das da?" fragte Charles lachend. Und er zeigte auf einen länglichen Topf aus braunem Ton, der lackiert und ans der Innenseite von Steingut war; ein Kranz von Asche umgab ihn; der Kaffee stieg vom Boden des Topfes zur Oberfläche der siedenden Flüssigkeit aus. „Das ist kochender Kaffee", sagte Nanon. „Nun, meine liebe Tante, ich werde wenigstens einige wohltätige Spuren meiner Durchreise hier zurücklassen. Ihr seid sehr zurück! Ich werde Ihnen beibringen, guten Kaffee in einer Kaffeemaschine ä la Chaptal zu ,,m Unb er versuchte, das System der Kaffeemaschine ü la Chaptal zu erklären. „Oje! wenn es so umständlich ist", sagte Nanon, „muß man gleich sein ganzes Leben draus verwenden. Nie werd' ich so Kaffee kochen. Na, das wäre so was! Unb wer würde für unsre Kuh das Futter machen, während ich den Kaffee mache?" „Dann werde eben ich ihn machen", sagte Eugenie. „Kind l" sagte Frau Grandet und sah ihre Tochter an. Nach diesem Wort, das den schon fast vergessenen Kummer über den unglücklichen jungen Mann wieder wachrief, schwiegen die drei Frauen still und sahen sich mit einem mitleidigen Ausdruck an, der ihm aufsiel. „Was haben Sie denn, Cousine?" „Schi!" sagte Frau Grandet zu Eugenie, die antworten wollte. „Du weißt, mein Kind, daß der Vater es übernommen hat, mit dem Herrn zu sprechen." „Sagen Sie Charles", sagte der junge Grandet. „Ach, Sie heißen Charles? Das ist ein hübscher Name", rief Eugenie auS. Die schlimmen Vorahnungen treffen fast immer ein. Schon hörten Nanon, Frau Grandet und Eugenie, die mit Zittern an die Rückkehr des alten Böttchers dachten, einen Hammerschlag, dessen Ton ihnen wohlbekannt war. „Das ist Papa!" sagte Eugenie. Sie nahm die Untertasse mit dem Zucker weg und ließ nur ein paar Stücke auf dem Tischtuch liegen. Nanon trug den Eierteller fort. Frau Grandet stand auf wie ein verschrecktes Reh. Es entstand eine panische Furcht, über die Charles sich wunderte, ohne sie sich erklären zu können. (Fortsetzung folgt.) „Du Nebst ihn aNo schon? DaS ist schlimm." „Schlimm!" erwiderte Eugenie, „warum? Er gefällt dir, er gefallt Nanon, warum darf er mir nicht gefallen? Weißt du, Mama, wir wollen den Tisch für sein Frühstück decken!" Sie warf ihre Arbeit hin, ihre Mutter tat dasselbe nut den Worten: „Du bist ja toll.“ Aber es gefiel ihr, die Verrücktheit ihrer Tochter zu rechtfertigen, indem sie sie mitmachte. Eugenie rief Nanon. „Was ist denn los, Fräulein?" „Nanon, du hast doch wohl Rahm gegen Mittag?' „Ja, gegen Mittag wohl", antwortete die alte Köchin. „Sehr schön, mach' ihm also sehr starken Kaffee, ich habe gehört, wie er zu Herrn des Grassins sagte, daß man in Paris den Kassee sehr stark macht. Nimm viel!" „Wo soll ich ihn aber hernehmen?" „Kauf' welchen!" „Und wenn der Herr mich trifft?" „Er ist auf seinen Wiesen." I „Dann renne ich. Aber Herr Fessard hat mich schon gefragt, ob die heiligen drei Könige bei uns eingekehrt sind, als er mir das Wachslicht gab. Die ganze Stadt wird unsere Ucppigkeit erfahren." „Wenn dein Vater irgend etwas bemerkt", sagte Frau Gründet, „ist er imstande, uns zu schlagen." „Meinetwegen soll er uns schlage», bann nehmen totr seine Schlage auf ben Knien entgegen." Frau Grandet hob statt aller Antwort die Augen zum Himmel. Nanon setzte ihre Haube auf und ging. Eugenie legte reines Tischzeug auf, sw holte ein paar von den Weintrauben, die sie zum Zeitvertreib an der Trockenleine auf dem Boden aufgereiht hatte. Sie ging mit leisen Schritten den Flur entlang, um ihren Vetter ja nicht zu wecken, und konnte sich nicht enthalten, an der Tür auf seine Atemzüge zu lauschen, die in regelmäßigen Zwischenräumen von seinen Lippen kamen. „Düs Unglück wacht, während er schläft", dachte sie bei sich. Sie nahm die grünsten Blätter der Reben, baute ihre Traube so zierlich auf, >vie ein alter Küchenchef sie hätte anrichten können, und trug sie voll Stolz auf den Tisch. In der Küche stibitzte sie die von ihrem Vater gezählten Birnen, und ordnete sie pyramidensörmig zwischen Blättern an. Sie ging, sic kam, sie lief, sie rannte hin und her. Sie hätte am liebsten ihres Vaters ganzes Haus ausgeräumt, aber er hatte alles unter Verschluß. Nanon tarn mit zwei frischen Eiern heim. Beim Anblick der Eier war Engenw draus und dran, ihr um den Hals zu fallen. „Der Pächter von Lalande hatte welche in seinem Korb. Ich habe ihn drum angekriegt, unb aus Gefälligkeit für mich hat er sie mir gegeben, der gute Mann.'' Nach zweistündigen Mühen, während welcher Zeit Eugenie zwanzigmal von ihrer Arbeit wcglief, um den Kassee kochen zu sehen, um zu horchen, ob ihr Vetter schon oufftaub, war eS ihr gelungen, ein Frühstück herzurichten, das sehr einfach war, sehr wenig kostete, das aber in erschreckender Weise von den eingewurzelten Gewohnheiten des Hauses abwich. Das Zwölf- Uhr-Frühstück wurde im Stehen abgemacht. Jeder nahm ein bißchen Brot zu sich mit etwas Obst oder Butter oder ein Glas Wein. Beim Anblick des Tisches, der ans Kaminfeuer gerückt war, des einen Armstuhls vor dem Gedeck ihres Vetters, beim Anblick von den beiden Fruchtschalen, dem Eier- becher, der Flasche Weißwein, dem Brot und dem auf eine Untertasse auf- gehäuften Zucker, zitterte Eugenie an allen Gliedern beim bloßen Gedanken an die Blicke, die ihr Vater ihr zuschleudern würde, wenn er unversehens in diesem Augenblick heimkäme. Und sie warf oft einen Blick auf die Wanduhr, um sich auszurechnen, ob ihr Vetter noch vor der Rückkehr des Alten gefrühstückt haben könnte. „Sei nur ruhig, Eugenie, wenn der Vater kommt, werde ich alles auf mich nehmen", sagte Fran Grandet. Eugenie kamen Tränen in die Augen. „O du gute Mutter!" ries sie aus, „ich habe dich nicht lieb genug gehabt!" Nachdem Charles vor sich hinsummend hundertmal in seinem Zimmer hin und her gegangen War, kam er endlich hernntcr. Gott sei Dank, es war noch nicht ganz elf Uhr. Der echte Pariser! Er hatte so schmucke Toilette gemacht, wie wenn er sich aus dem Schloß der vornehmen Dame befunden hätte, die in Schottland auf Reisen War. Er kam mit dieser liebenswürdigen und heiteren Miene herein, die der Jugend so gut steht, und die Eugenie mit einer schmerzlichen Freude erfüllte. Er Hütte den Zusammensturz seiner Lustschlösser von der lustigen Seite genommen und wnndte sich in bester Laune an seine Tante: „Haben Sic gut geschlafen, liebe Tante? und Sie, Cousine?' „Sehr gut, lieber Reffe, und Sie?" sagte Fran Grandet. Giernstunde. Von Hans Thyriot. lieber deinem Scheitel steht zuweilen Jenes Sternbild, silbern und sehr fiar, Welches wirkte und berufen war. Dir dein kleines Schicksal zuzuteilen — Einst, als deine Mutter dich gebar. Und du brauchtest nur den Blick zu heben, Einen Herzschlag lang es anzusehn. Um alsbald getröstet heimzugehn, Denn du weißt: in deinem ganzen Leben Kann dir künftig nichts geschehn, Was nicht gut und voll Bestimmung wäre (schiene es dir auch gering und schlicht) — Wer sein Sternbild sand, vergißt es nicht: Alles, auch das scheinbar Ungefähre, Hat in unserm Leben sein Gewicht. Oer Glückliche. Von Wilhelm von Scholz.*) Was anders war es. Prügeleien oder Prüfungen ter Krempe, den der Junge Das Wiedersehen von Jugendfreunden in gereisten Jahren bringt in der Seele vielleicht am stärksten das Gefühl der Lebenskürze, des Gealtertseins und jener seltsamen Unfestigkeit des Daseins hervor, die das Kind und der Heranwachsende Mensch nicht ahnen, ein Gefühl, das dem nachträglich bewußt werdenden Erschrecken über eine schon lange verborgen vorhandene Ursache gleicht. Solche Zusammenkünfte alter Knaben — das ist hier das treffendste Wort! — die den Höhebogen ihres Weges, wenn auch nur um ein kleines Stück, überschritten haben, sind nie innerlich heiter und fröhlich, wenn die Gesellen auch lachen und lärmen, sind immer eine stille Abrechnung, die jeder im Anblick und Anhören der anderen mit sich, seinem Leben, seinen Hoffnungen, seinem Errungenen vornimmt. "... _____ _j, daß der Abbe Gaspard Daubignac den Grafen Henri de Monterlan daran erinnerte: feine Mitschüler hätten ihn, Henri, stets den Glückspilz genannt, und diese Bezeichnung scheine seinem Aussehen nach auch jetzt noch gültig? Das hieß doch: er, Daubignac, war mit sich und seinem Erreichten nicht so zufrieden, wie er das, freilich nach dem äußerlichen Eindruck, bei Monterlan mutmaßte! Es waren sechs einstige Schüler eines vornehmen Jesuitenstifts in Paris, die sich wiedergetroffen hatten, Männer um die Mitte der fünfzig: ein Hofmann, zwei Offiziere, ein Gesandter des Königs, einer, der als Gutsherr auf seinem Schloß saß, und eben Daubignac, der, aus Ueber- zeugung einst Priester geworden, jetzt doch eine von einem Stellvertreter versehene Landpsründe innehatte und in Paris seinen wissenschaftlichen und literarischen Liebhabereien lebte. Gaspard übrigens hatte die kleine Gesellschaft, fast die letzten eines Trupps, der zu dreißig einst in die Lebensschlacht gezogen war, zusammengetrommelt und bewirtete sie in seiner wohlhabenden Junggesellenbehausung. Als er den einen der beiden Offiziere, den Obersten Grafen Henri de Monterlan, der unter den Mitschülern immer der Glückspilz geheißen, gerade daran erinnerte, wie neben dessen sprichwörtlichem Gluck bei all und jeder Gelegenheit, ob es sich um Prügeleien oder Prüfungen handelte, ein altväterischer Hut mit sehr breiter Krempe, den der Junge damals oft aufgehabt, wohl mitgewirkt habe, diesen Spitznamen zu schassen, erwiderte der andere Offizier, ein Marquis Favavd, für seinen Kameraden, der nur halb geschmeichelt, halb abwehrend lächelte: »Das ist schon auf der Schule auffallend gewesen? Dann ist es eine nun säst idurch zwei Menschenalter bewährte Eigenschaft unseres lieben Monterlan! Denn ohne ihm den erwähnten oder einen anderen Uebernamen zu verleihen, haben feine Vorgesetzten, seine Kameraden und Untergebenen von nichts so viel Wunderdinge erzählt wie vom Gluck diests Offiziers, der für die Geschosse des Mars unverwundbar war; dem ider Zufall immer half, zur rechten Zeit da zu sein, wenn man jemanden für eine ausgezeichnete Stelle suchte, und fort zu sein, wenn es UP< angenehme Dinge gab; dessen Waffe in jedem Zweikamps, dessen Würfel bei jedem Spiel siegreich blieben; der jetzt als kaum leicht ergrauter, doppelt genießender Mann in den besten Jahren eine der reizendsten, lliebenswürdigsten Frauen von Paris geheiratet, durch sie Herr große Güter, eines Palais in der Hauptstadt, eines selbst für einen alten 'Spieler nicht leicht erschöpfbaren Vermögens geworden ist und heule, kaum drei Wochen nach der Hochzeit, ungehindert bis Mitternacht im -8'rkel feiner alten Mitschüler verweilen kann. " . Die anderen hatten schon während dieser Lobrede Favards wie auf Verabredung zu den Gläsern gegriffen und tranken »eretnt 'Gepriesenen zu, der ernster dreinschaute und über sein behauptetes G ^,Es°mag sich^das für andere so ansehen", .erwiderte^er der Anrede, ».auch man selbst wird, wenn man so, wie ich letzt durch euch aus sdrücklich aufmerksam gemacht, sein Leben zuruckdenkt, bemerken müssen 'daß ihr recht habt. Aber ich stelle es mit einem gew ssen Erstaunen fest, weil es mir in aller Zeit kaum aufgefallen ist; well ich selbst mich Wahrscheinlich gar nicht glücklicher gesuhlt habe, als ich es bet den 'onbern voraussetzte. Höchstens, daß ich mir in einem gewissen Lebens !° ter die Sorgen und Befürchtungen abgewohnte und mir nnmer a^ Hft bisher alles geglückt, wird es weiter gut gehen! Aber ich gla *) Aus dem neuen Erzählungsbuche "Di? Gefährten vont ®il- !)eitn von Scholz, das demnächst im Paul List Verlag, Leipz g, Ich nicht, daß ich mich deshalb auch nur einen Deut glücklicher gefühlt habe als ihr euch, wie chr da zusammensitzt, und daß es deshalb Unsinn ist, mich den Glückspilz zu nennen. Denn es kommt doch nur auf das Sichglücklichsiihlen an. Und das war, ich wiederhole es, bei mir sicherlich nicht weiter her, als bei euch oder bei meinen Waffenkameraden, die stets genau so vergnügt, trink-, kampf-, liebeslustig waren wie ich und ebenso ihr Leben genossen." ,,Du bist deshalb doch der Glücklichste von uns, mein Lieber", ließ sich der königliche Gesandte vernehmen, „schon allein in Ansehung von Madame." „Schon allein in Ansehung der Güter, die du erheiratet hast, die den verhältnismäßig höchsten Abgabe- und Pachtvertrag bringen, den ich kenne", ergänzte der Gutsherr, Herr von Voisenon, der sonst schweigend trank und nur insoweit an der Unterhaltung teilnahm, daß seine Augen jeweils von dem, der einen Ausspruch beendete, zu dem, der einen solchen anfing, aufmerksam doch ohne sichtbares Zeichen von Verstehen, Nichtverstehen, Billigung, Mißbilligung hinüberglitten. „Und in Ansehung der sichern, beweglichen, schlanken Kraft und Gesundheit, die dein Beruf dir bewahrt hat, mit der du jetzt noch einen Kavalier nicht nur für das Jeu, sondern für die Frauen abgibst, während wir anderen .. Das hatte der durch seine behagliche Lebensweise zu Fett und Kurzatmigkeit neigende Abbe zu äußern gehabt, der jedes Jahr mühsamer die Palasttreppe zum geistreichen Salon seiner einstigen Geliebten, der Marquise von CalprenÄe, zu der seine Beziehung nur noch ein Bonmot war, hinaufstieg. Der Hofmann und Favard bestritten lebhaft das „während wir anderen", pflichteten im übrigen der Behauptung, daß Monterlan der Glücklichste von ihnen allen sei, rückhaltlos bet. Sonst war die Unterhaltung der sechs Herren an dem Abend nicht ergiebig. Das rührte wohl daher, daß sie alle sechs dasselbe bewegte, eben dies Zurückblicken über ihr bisheriges Leben, was immer ein wenig empfindsam und traurig macht; was aber wieder nicht sehr zum Sprechen drängte, weil man dem Nachbar und dem Gegenüber die Gedanken und Gefühle, die man selber hatte, schon von der Stirn ablas, sie auch einfach voraussetzen konnte, so daß es töricht geklungen hätte, erst noch davon Aufhebens und Worte $u machen. Der Kammerherr schlug zur Belebung ein Spielchen vor, das gewiß die Absicht dieser Zusammenkunft nicht gewesen war, aber allgemeine, nur beim Hausherrn leicht zögernde Zustimmung fand. Die "farbigen Kartenbilder, groß, nahe am Licht und nicht fern vom Auge gehalten, im Schein der Kerzen, die neben den Spielern standen: der König, die Dame, die Troßdube, die roten Herzen, die schwarzen Treffkreuze, neben denen freilich Karo und Pik keine Deutung ihrer Sinnform aufdrängten, mochten an diesem Erinnerungsabend den Herren mehr als sonst von der Welt und dem Leben spiegeln. Wenigstens nahm der Hofmann, als ihm der Bube des Abbes den König stach, das zum Anlaß, geheimnisvoll einiges Unbefriedigende über den König zu erzählen. Und Monterlan wies feinen Waffenkameraden auf die Same, die er, Henri, gerade ins Spiel warf, und fragte Fovard, mit wem das Bild Aehn- lichkeit habe? Der Gefragte rief lachend einen Namen, der einer einstigen Geliebten Monterlans gehört haben mochte, worauf der Frager nickte. „Sie grüßt dich", sagte Fovard, „ich weiß es, daß sie dich sehr geliebt. Aber sie verläßt dich trotzdem." Er nahm die Dame mit dem As. Monterlan gewann lange Reihen des Spiels, obschon er ohne Anteilnahme setzte und mehrere Male in der Absicht, für sich einen ausgleichenden Verlust herbeizuführen, besonders leichtsinnig und gegen alle Klugheitsregeln spielte. Er gewann dennoch und hörte von den Freunden wieder: daß er ein Glückspilz sei! Da erhob er sich schließlich, tief Atem holend, mit seinem Glas, trat vom Tisch an den Ofen zurück, an dessen Rundung er sich lehnte, sagte langsam und sehr bestimmt: „Ihr habt recht. Es ist so, ich bin der Glücklichste von euch. Aber seid so gut, hört jetzt auf, davon zu sprechen! Ihr wißt ja doch nicht, wie sehr ich es bin. Als ich es bestritt vorhin, das war nicht ehrlich. Prosit!" Er teerte das frisch gefüllte Glas auf einen Zug, schloß, noch an den weißen Kacheln lehnend, die Augen und sank langsam neben dem Ofen um. Die anderen sprangen zu, obwohl sie an einen Schreckspaß dachten, weil das Umfinten wie die Uebung eines gewandten Turners ausgesehen hatte, bei der nicht einmal das in der Hand den Boden berührende Glas zerbrochen war. Aber der Glückspilz war tot. Ein Herzschlag schien sein fieben beendet zu haben. Als ein van dem ausgesandten Diener rasch herbeigerusener Arzt, der den Tod festgestellt hatte, wieder gegangen war und nun ein Wagen ben Toten in sein Palais bringen sollte, unterhielten sich die Wartenden weiter von dem stumm neben ihnen liegenden Genossen. „So haben wir doch zu viel von seinem Glück gesprochen", meinte in Erschütterung der Marquis Fovard. Der Gesandte schüttelte den Kops: „Es ist nicht euer Emst, daß das eingewirkt haben könnte! Das ist Aberglaube." „Welcher Tag ist heute?" Der Hausherr wies in einem Kalender den 30. Juni: „Monterlan ist am 1. Juli 1734 geboren. Wir feierten seinen Geburtstag stets mit den schönen Dingen, die ein Bote seiner Mutter zu dem Tage brachte. Er hat jetzt also gerade fünsundfünfzig Jahre vollendet. Unsere These ist umgestoßen. Sind wir nicht alle glücklicher, da wir noch leben und er tot ist?" Als der Abbe aber ein paar pfeilschnell verflogene Jahre spater die Guillotine besteigen mußte, auf der die Köpfe der anderen vier Tischgenosscn dieses Abends schon gefallen waren, da beneidete er den damals jo jäh Gestorbenen wieder. Nur wird es dem Glückspilz — sagte der zum Fallbeil Verurteilte zu sich — so wenig wie bisher bewußt geworden sein, daß er glücklicher war als wir. Aber wir hätten stutzig werden sollen, als er starb; daß war das Zeichen, daß es fein großes Glück mehr sein möchte, weiter zu leben! Oer Lindenbaum. Volksweise. Am Brunnen vor dem To?e Da steht ein Lindenbaum, Ich träumt in seinem Schatten So manchen süßen Traum; Ich schnitt in seine Rinde So manches liebe Wort, Es zog in Freud und Leide Zu ihm mich immerfort. Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht, Da hab ich noch im Dunkeln Die Augen zugemacht; Und seine Zweige rauschten, Als riefen sie mir zu: Komm her zu mir, Geselle Hier findst du deine Ruh. Die kalten Winde bliesen Mir grad ins Angesicht, Der Hut flog mir vom Kopfe, Ich wendete mich nicht. Nun bin ich manche Stunde Entfernt von jenem Ort Und immer hör ichs rauschen: Du fändest Ruhe dort. Öer große Canon. Ein Versuch in Landfchasismorphologie. Von Josef Ponten. Es gibt einige geographische Begriffe, die alle gebrauchen, und geographische Individuen, die alle kennen, obgleich im Verhältnis wenige sie gesehen haben, zum Beispiel der Niagara, der Gran Canon. Canon, das ist ein Dal mit steilen Wänden, deren Schichten waagrecht liegen. Ein Canon muß nicht eng und tief sein, er ist meist nur in seiner Jugend eng und tief wie der Große Canon, er kann auch breit sein mit wenig hohen Wänden wie der Chaco-Canon der nahen Navajo- wüste und zahlreiche andere. Die waagrechte Schichtlagerung vereint mit senkrecht wirkenden Kräften bedingt das Architekturartige, das die individuellen Formgebilde der Canonwände haben, denn Architektur arbeitet mit waagrecht und senkrecht. Im Canon sind die Formen in gewissem Grade berechenbar, und wenn auch zahllose Formen möglich find, so sind sie alle sozusagen von einer Familie, sie tragen verwandte Züge. Hinzu kommt, daß wir den Begriff Canon an Tälern des trockenen Klinias gebildet haben. Weil da die Wände ganz oder fast ganz nackt find, ist die Tektonik so vor- und die Architektur so aufdringlich. Much im feuchten Klima kann es den Canon geben, auch in Europa haben wir Canons, aber nur wenige. Wenn es den Canon im feuchten Klima geben soll, so müssen die Wände des Tales so steil sein, daß sie entgegen der Bestrebung des feuchten Klimas, alles mit Grün zu überziehen, vegetationslos find und die Struktur nackt zeigen. Mit seiner Neigung zu senkrechten Klüften kommt der Kalk dieser Forderung entgegen, und sind seine Bänke dann noch waagrecht oder fast waagrecht gelagert, so entsteht der Neckarcanon im Muschelkalk zwischen Cannstatt und Marbach oder der des Jskers in Bulgarien, der schönste mir bekannte europäische Canon. Im trockenen Klima bedarf es des Kalkes nicht. Obgleich Kalk auch an der Bildung des Großen Canons teil hat, so baut sich dieser in der Hauptsache aus Sandsteinen oder doch kalkhaltigen Sandsteinen, aber auch aus Schiefern auf. In China gibt es Canons im Löß, weichem Stoff, dec im dortigen trockenen Klima steinhart wird und wie der Kalk senkrecht klüftet. Ist die Zusammensetzung des Schichtpakets, in dem der Canon liegt, einfach und einförmig, besteht es zum Beispiel aus Kalk oder Löß, so ist auch der Canon ein einfacher und einförmiger, mit wenig gegliederten Wänden, d. h. an der Grohform des Gran Canon gemessen, ein uneigentlicher. Oder besser gesagt: der uneigentliche ist nur eine Teil- oder Unter» form, ein Stadium des eigentlichen. Er findet sich überall dort, wo das Erosionstal erst eine einheitliche Schicht durchschnitten, noch nicht das Paket uneinheitlicher Schichten durchfallen hat. Nirgendwo auf der Erde finden sich einheitliche Schichten von beliebiger Mächtigkeit, Artwechsel zeigt sich meist, und sinkt das Erosionstal in die Schicht einer anderen Art, so ergibt sich die Bildung der anderen Art, doch immer innerhalb des Gesetzes des Formtypus.'Das wichtigste für das Zustandekommen des idealen Falls ist der Wechsel von Hart und Weich. Wir wollen schrittweise vorgehen: der Fluß schneidet sich durch eine Kalkplatte von hundert Meter Dicke, seine Erosionskrast kann nicht viel nach den Seiten wirken; jetzt trifft er auf eine Schicht weichen Schiefers, er schneidet sie schnell ein, spült aber auch seitwärts und bis unter den Kalk den Schiefer aus, vom vom Kalk sinken kubische Blöcke, weil jetzt ohne Unterlage, ab, der Fluß bricht, obschon mehr in der Kalkschicht fließend, von diesen mächtigen Brocken ab, das Tal erweitert sich. Der Fluß hat nun die weiche Schicht durchfallen, von ihr bleibt naturgemäß ein flacher Böschungswinkel zurück, im Gegensatz zum steilen oder gar senkrechten der harten. Welch ein Architekturelementi Wir denken diesen Rhythmus durch drei Körte Wechsel wirksam, ein sehr tiefes und oben breites Tal ist da mit änden deutlicher Stackwerke, Tiefe und Steilheit sind bedingt durch das Harte, Breite und Rhythmus durch das Weiche des Aufbaus. Da es nun natürlich Grade des Harten und Weichen gibt und innerhalb von Hark und Weich die Schichten verschieden konsistent, auch gewöhnlich ver chieden mächtig sind — oben mag der Kalk 100, der Schiefer 50 darunter der Kalk 50, der Schiefer 100, weiter darunter der Kalk 50, der Schiefer 10 Meter dicht sein —, so ist für Abwechslung in der Regel, für Spiel im Gesetz, das die Aesthetik fordert, von Natur gesorgt. Der große Fall setzt nun auch voraus, daß das langsame Atmen der Erde nicht unterbrochen wird durch heftiges Umwälzen in der Rinde bei Gebirgsbildung oder gar -faltung. Die Erosionstätigkeit des von oben arbeitenden Flusses muß eine ungestörte, säkulare, endlose fein. Klima, änberungen können das Zustandekommen der beabsichtigten Form ver. eiteln. Und nun: Ein Fluß schneidet sich kräftiger ein, wenn der Block, den er durchsägt, sich langsam ihm entgegen aufwärts bewegt. Alle diese Gunstfaktoren hat es im Falle des Großen Canon einmal zusammen gegeben. Sie haben das eigenartigste Erosionstal der Erde erzeugt. Hier ist der unterste Sandstein „Tontosandstein", braun, darüber folgen, immer von Schieferanlagen durchbrochen, die Massen des „Red> wall-Sandsteins" aus einem früheren, weit strengeren Wüstenklima, als es heute um den Caäon herrscht, und die weißen des „Kokonino"- bis hinauf zu denen des „Kaibad"-Kalkes. lieber taufend Meter tief ist dieser ebenmäßig gebaute Teil des Tales. Unter ihm hebt sich ein unterirdisches granitisches Urgebirge heraus, ganz und gar nicht zum oberen Schichtgebirge gehörend, in dessen runden, abgehobelten Kops dort, wo die meisten den Canon sehen, die unterste Flußschlucht noch fast 500 Meter eingeschnitten ist. Diese Schlucht ist dunkel bis schwarz, man denkt an den Kölner Dom, dessen Sockel schwarze Lava bildet. Ganz zu unterft sieht man den Coloradosluß seine trüben Wassermassen wälzen. Und wenn der Wind nicht in den Gell» liefern oben auf den Randebenen rauscht, hört man aus der Tiefe den Fluß ganz fern, ganz fein brausen. —■ So liegt dieser Canon da, bestaunt von aller Welt. Man gehl über die weite Hochebene — ganz plötzlich tritt man an den scharfen Rand, und fast jeder Ankommende schrickt wohl im ersten Augenblick zurück. Was da aus drei geometrischen Elementen: Ebene (hier Terrasse), Böschung und Steilwand, aus einer Haupt- und Längserosion und vielen Seitenerosionen an stufenpyramidenähnlichen Hauptgebilden zustande kam, das läßt sich nicht beschreiben. Hier läßt dich Mutter Erde wie nirgendwo sonst, gleichsam vergessen aller Aengstlichkeit und Scham, einen Blick tief in ihren Körper tun. Der Canon zieht über das unterirdische Granitgebirge ostwestlich hin. Oestlich außerhalb des Granits ist das innerste Tal keine enge Schlucht, sondern eine Mulde — weicher Stoff steht an, der Fluß erodierte auch in die Breite. Die Schichttafeln sind entgegen einigem Augenschein nicht gleichmäßig dick. Ueber dem Granitgebirge ist die tiefliegende weiche Tontosandsteinschicht dick — das ergab Seitenspiel der Erosion und sehr flache Böschung am Fuß der Architekturgebilde, die außerordentlich schöne Tontoterrasse. Weiter ab nach Westen dünnt diese Schicht sich aus, in der Erosion ergibt sich eine schmale Leiste; aber eine ziemlich oben liegende Schicht von Hermitschiefer schwoll an, es ergab sich die flach, geböschte breite Terrasse der sogenannten Esplanade. Am schönsten fand ich den Canon nach Sonnenuntergang oder am bedeckten Tag, wenn ein blaues, mystisches Licht ihn erfüllte. Der Canon ist ein offener Riß in den Schalen der Erde. Aber mit Katastrophen hat sein Werden nichts zu tun. Nein, zum Erlebnis gehört das Staunen über die Größe der Langsamkeit und der ununterbrochenen Dauer der Wirkung. Die Zahl Million ist keine Phrase. Und doch ist der Canon erst im Quartär entstanden, unter den Augen der Menschen, Und doch ist es schon so lange her, daß die grauen Eichhörnchen hüben und drüben Zeit sanden, verschiedene Arten zu entwickeln. Und nun sei verraten, daß auch dieser ideale Fall kein absoluter ist. Die Canonschichten gehören alle der alten Steinkohlenformation an, die einst darüberliegenden des Mittelalters und Tertiärs find weggefährt worden. Seitab, nicht im Canonbild wirksam, stehen einige Zeugen, wie der Cederberg, in der Wüste am kleinen Kolorado. Im absolut idealen Fall, im Besitz auch der jüngeren Schichten, wäre der Canon wohl um ein Drittel tiefer. Ein Unglücksfall ist vermieden worden. Das Schichtpaket sank mit dem Südflügel. Der Kolorado hätte auf der schiefen Ebene sozusagen abrutschen oder sich ein anderes, südwärts gerichtetes Bett suchen können. Aber die Schichtsenkung ist offensichtlich jünger als der Talbeginn, sie konnte Fluß und Tal nichts mehr anhaben. Und wie es so geht, daß ein verhütetes Unglück sich nachträglich in ein Glück verwandelt: Ohne die leichte Schiefstellung der Ebene von Nordarizona würden beide Talflanken gleichmäßig ausgebildet worden fein; jetzt ist die südliche niedrigere Flanke steil, unter ihr sind wenig Zwischengebilde bis zum nahen Fluß, die nördliche höhere, flußfernere aber ist durch die Senkung der Südseite und die ihr zuzuschiebende Belebung der lokalen Quererosionen der Nordseite zerlappt, zerteilt und in vielen Zwischenbildungen plastiziert. Die Hauptbedingungen für das Entstehen des Canons war das fast ungestörte ebene karbonifche Schichtpaket. Ueberall im Boden des ungeheueren Nordarizona liegt das Schichtpaket und ist die Bedingung gegeben — dort unter dem 36. Grad nördlicher Breite wurde Arizona und die Erde vom Formgeist, der Rechenschaften verschmäht, geküßt. Und auch dies Bekenntnis: mich hat der Canon enttäuscht. Ich hatte viel über ihn gelesen, ich hatte im Geist ein so ungeheueres Bild von Größe, Tiefe, Weite, Glanz und Zauber, in das die dingliche Wirklichkeit vergebens hinaufzuwachsen suchte. Dasselbe enttäuschende Erlebnis haben wir, wenn wir die Landschaft unserer Kindheit in späterer Zeit besuchen. Aber so, wie nach der Enttäuschung langsam das frühere phantastische Bild sich vor und über das spätere reale schiebt und es ersetzt, so geht es mit dem Bild von jenem Tal der Erde mir, nachdem ich den Kanon verlassen. Das Schönste ist, was wir bei einiger Einbildungskraft nicht sehen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlfche UniverfitätSdruckerei R. Lange, Gießen.