« ftört, uf ben Ifynben Jnb bie dunkeln lt trägt, A, L' vir Q[g enflipfel ug oben !r Weg vu unb ochivalb kn wit mtelfjeit r Hütte !. (teilen öhe an» Baum- g« über nb bald ns, bas et«, batz r gegen S)unbe 1 brang ne Kuh tird) bie auf ben itögeren len Seimen in en Der» heibel- lonblicht fferchen, chernber tonblicht rzen bes tonnte; aus ben frischer lammen, der Zeit Gestalt, ren bes Jahren zeigten, tnen ab» , immer kam die hundert i fallen; beraubt m Fuße Stunde n Nebel war ein ms war big »er» gelang ierenben bie letzte kenhaus, iten. ■nn man sieht mit Häusern! bene mit ren. ®« eie, eine gleit, em ” Städte tenhüüe, -chweres ieht un alle und i; Fetze« n leide«' jllenffl«; lend un R'ßd' en 6*$ ML uen ®'t s W'l ;ehnu«« na t°«'' -s Kieße^ Siebener Samilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Zreitag, den 4. Juni Nummer 42 Dev G n Fingerzeig und muß respektiert werden." „Ich bin aber doch für abschälen", sagte Engelke. „Wenn man so °iht, was mitunter alles dran ist ..." ! „Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich ’it noch ganz altmodisch. Und bann glaub ich nebenher wirklich, daß in pi Wachs die richtige, ,gesamte Heilkraft der Natur' steckt, fast noch «i hr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so furcht- gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel die '^t der gesamten Heilkraft'. Aber so sein wie du is er doch noch lange fifjt, darauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er sich ene Birne schält." In dieser guten Laune verblieb Dubslcw eine ganze Weile, sich mehr mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern k'ug eigentlich hätte spuren können; „denn wenn alles drin ist, so st doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut oder wie Sponholz sagt: ,Die Digitalis'. Engelke freilich wollte von diesen Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: „Und dann, Engelke, macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache kommt Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von Krippenftapel. Das heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist unb hinter ben Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das kannst du mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben, unb roenn mir Lorenzen feine Patsche gibt, so ist bas ganz was anders, wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche weichen Finger und auf dem vierten einen großen Ring." „Aber er is doch ein Superintendent." „3a, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. Und wenn £5 "ad) der Prinzessin geht, wird er Papst. Unb bann wollen mir uns Ablaß bei ihm holen; aber viel geb ich nicht" Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß Agnes wi« gewöhnlich am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, unb so wenig sie davon verstand, so verstand sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde Sie hatte schon so vieles in ihrem Leben gehört unb war wohl bazu bestimmt, noch viel, viel andres zu hören. Ihr Gesichtsausbruck blieb benn auch derselbe. Sie träumte bloß so hin, unb baß sie dies Wesen hatte, das war es recht eigentlich, was den alten Herrn fo an sie fesselte. Das Auge, womit sie die Menschen ansah, war anders als das der andern. Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen; etn Heller Schein fiel von der Veranda her durch bie Balkontür unb gab dem etwas buntlen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu haben pflegte Dubslav hielt bie Kreuzzeitung in Hänben und schlug nach einem Brummer, der ihn immer und immer wieder umfummte. „Verdammte Bestie", und er holte von neuem aus Aber ehe er Zuschlägen konnte, kam Engelke und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe. „Uncke, unser alte Uncke?" „Ja, gnäbger Herr." „Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Menschen zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo: Demokratennest ausgenommen. Agnes horchte. Verhaftung! Demokratenneft ausgenommen! Das war doch noch besser als ein Märchen „vom guten und bösen Geist". Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür blieb er stehen' und grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm zu: „Nein, Uncke, nicht da. So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme erst recht nicht Und ich denke doch, Sie bringen was. Was Reguläres. Also ran hier Und wenn es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da." Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl unb sagte: „Herr Major wollen entschuldigen. Ich komme so bloß ... Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt, unb die alte Buschen hat mir erzählt ..." „Ach so, von wegen meiner Füße." „Zu Befehl, Herr Major." „Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich, wenn wieder ein Neuer kommt, ,nu wird es'. Aber es will nicht mehr; es hilft immer bloß drei Tage. Die Buschen hilft nicht mehr, unb Krippenstapel hilft nicht mehr, unb Sponholz hilft schon lange nicht mehr; ber kutschiert fo in ber Welt rum. Bleibt also bloß noch ber liebe Gott." Uncke begleitete bies Wort mit einer Kopfbewegung, bie feine respektvolle Stellung (aber boch auch nicht mehr) zum lieben Gott ausbrücken sollte. Dubslav sah es unb erheiterte sich Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort: „3a, Uncke, wir haben so manchen Tag miteinander gelebt. Denke gern daran zurück — sind noch einer von ben Alten. Und der Pyterke auch Was macht er benn?" „Ah, Herr Major, immer noch tüchtig ba; schneidig", unb babei rückte er sich selbst zurecht, wie wenn er bie überlegene Stattlichkeit seines Kollegen wenigstens anbeuten wolle. Dubslav verstand es auch so unb sagte: „Ja, ber Pyterke; natürlich immer yoch zu Roß. Unb Sie, Uncke, ja, Sie müssen laufen wie'n Land- briefträger. Es hat aber auch fein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig, zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Unb überhaupt, Gebrüder Beeneke is schon immer bas Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen. Aber jeber will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt bie .Signatur ber Zeit' nennen. Haben Sie ben Ausdruck schon gehört, Uncke?" „Zu Befehl, Herr Major." „Und bie Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich fo. nicht so?" , , „ „Nun, es kommt sicherlich nicht so, „Sind Sie dessen sicher? ' „Ganz sicher." , ... „ „Dann sagen Sie mir, wie es kommt, aber ehrlich. Nun das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen, als Sie gleich anfangs von .König und Kronprinz sprachen. Dieser Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhaltnissen Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgendeinem .Kronprinzen' aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre: der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, halt nie das, was man von ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen- in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als Neuaestalter aufzutreten, und holt ein Bolksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. .Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachern -Uni) nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen uno Geleise ein." , , „Und so wird es Woldemar auch machen? ' So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken. Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues Christentum." , . „Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach, dies neue Christentum ist gerade das alte." „Glauben Sie das? ,5,ä) glaube es. Und was besser ist: ich suhle es. | (Fortsetzung folgt.) Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: „Gewiß kommen andre ■Beiten Aber man muh mit der Frage, was kommt und was wird, nicht 3U früh anfangen. Ich seh nicht ein, warum unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in den Stechlin zu wersen, damit hat es noch gute Wege. „Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da, mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, geh ich nun auch grade ins Siebenundsechzigste, und wenn ein nichtiger Stechlm ins Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch m Tod und Grab. Das is so Familientradition. Ich wollte mir hatten eine andre. Denn der Mensch is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern "^.Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes L^Nm w°eun'es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso denken. Und die bringen mich wieder auf mein Hauptthema. Das^laut^et- ^Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen'." .Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute..." Saaen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon, all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel vorzu- schieben, kommen den Torgelowschen auf halbem ®ege entgegen u sagen: ,3a, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht, oder, was noch schlimmer ist: ,3a, ja, 3ochem, wir wollen mal nachschlagen. „Aber, Herr von Stechlin." „3a, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen es ist hoch so Die ganze Geschichte wird au einen andern Leisten gebracht, und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann sährt der Woldemar, rum und erzählt überall, Katzenstein sei der rechte Mann. Oder ^endem ai dre . Aber das ist Mus und Mine; — verzeihen Sie den etwas fortgeschrit tenen Ausdruck. Und wenn dann ine junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz genau saßen wer I dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber renoviert sein wird, I antritt Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von langer Hand her eine wahre Wut auf den allen Sachsenwalder hat, unb eröffnet d e P°l°n°'e mit Armgard Und dann ist da ein Profeffor, Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen wich und führt eine Adelige, init kurzgeschnittenem ^ar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille. Und dann bewegen sich da noch em Afrika rasender, ein Architekt und ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen, dann stellen sie em lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird, °der sie fuhren em französisches Stück auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokaten frau gefeiert wird weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat. Und dann gibt es Musikstücke, bet benen der Klavierspieler mit seiner langen Mahne über bie Tasten hmfegt, unb in einer Nebenstube sitzen andere unb blättern m einem Album mit lauter Berühmtheiten, obenan natürlich ber alte Wilhelm unb Kaiser Friebrich unb Bismarck unb Mottke, unb ganz gemütlich bazwischen Mazzini unb Garibaldi und Marx und Lassalle, die aber wenigstens I fgf (inti und daneben Bebel und Liebknecht. Unb bann sagt Woldemar. Sehen Sie da den Bebel. Mein politischer Gegner, aber em Mann von Gesinnung unb Intelligenz.' Unb wenn bann ein Adeliger aus der Rest- denz an ihn herantritt und ihm sagt: ,3ch bin überrascht, Herr von Stech, (in — ich glaubte den Grasen Schwerin hier zu finden', bann sagt Wolbe- mar: ,3ch habe bie Fühlung mit diesem Herrn verloren. Der Pastor lachte. „Und Sie wollen sterben? Wer so lange sprechen kann, der lebt noch zehn 3ahr." „Nichts, nichts. 3ch halte Sie sest. Kommt es sy ober kommt es Ausnahmefall." ........ , , „3ch will es gelten lassen unb mich auch gleich legitimieren. Haben Sie benn in 3hrer Zeitung gelesen, wie sie da meulich wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist." . „Auch meiner nicht. Aber, er sei, rote er sei, er ist doch em Exzelsior- Mann. Und wer Hierlandes für ein freudiges ,excelsior' ist, der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) van vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht, findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Unb bringt einer irgendein Opfer, so heißt es bloß, baß er bie Wurst nach der Speckseite werfe." Dubslav lachte. „Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd. Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (benn weitab davon finb Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen, ich hab auch mein Steckenpserb, und bas heißt: König und Kronprinz ober alte Zeit unb neue Zeit. Unb darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir: .Was du tun mußt, tue bald'." rant Dina will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden I sann retten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er benn eigentlich. Ich meine Torgelow. Sinb benn unsre kleinen Leute jetzt m h 5Ufrieben mtt ihm?^, ^ch nicht zufrieden mit ihm. Er wollte' da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Gras Voiadoroskn gesagt Und bas is so bumm gewesen, baß es bie anbern geniert hat. Unb da haben sie ihn bebeutet: .Torgelow, nu bist bu still, ° 8Ja"^lachte° Dubslav, „unb roo ber nu steht, ba sollte ich eigentlich Heben Ader es is boch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, baß er nichts' kann. Und bie andern auch. Unb wenn sie's alle gereigt haben na bann sind mir vielleicht wieder dran unb kommen noch mal oben auf, unl ieber kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natur- Uncke schmunzelte unb legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe. I Vorläufig aber müssen wir abroarten und den sogenannten .Ausbruch' verhüten unb bafür sorgen, daß unsere Globforoer 3uJrieben sind Und wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nickt auch, Uncke, baß es kleine Mittel gibt?" „ „Zu Beseht, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat s schon. "Und welche meinen Sie?" „ Musik Herr Major, und verlängerte Polizeistunde. '',3a", lachte Dubslav, „so was hilft. Musik und neu Schottschen, dann UnV^b^ätigte Untfe, „wenn bie Mädchens zufrieden sind, Herr ma{l°nctebbattefljnu[agetIn mästen,°mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht dazu weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Bon Besuchern wurde keiner mehr angenommen, unb nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er kam meist nur, wenn er gerufen wurde. „Sonderbar", sagte der Alte, während er in den Frühlingstag hm- ausblitfte, „dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und s beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei. Wellttcht ts es aber auch noch was andres, und er weih am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert, wett ich Mir irmner sagte: 3a, solch Talar- und Beffchenmann, ber muh es boch schließlich wissen; er hat so seine brei Jahre studiert unb eine Probepredigt gehalten, unb ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingejegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt: .Nun geht hin und lehret alle Heiden'. Und wenn man das so hort, ja, ba verlangt man benn auch, baß einer weiß, roie’s mit einem steht. Is gerabe roie mit ben Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, bie einem ehrlich sagen: .Horen Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abroarten'. Der gute Spanholz, ber nun wohl schon an ber Brücke mit bem Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah so einer, unb Lorenzen is nu schon ganz gewiß so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, unb noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man das von einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre ..., ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende Herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, und wenn auch, was ber liebe Gott ba oben gesagt Hat, das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig geblieben; bu sollst, bu sollst, unb noch öfter, ,du sollst nicht. Unb Hingt eigentlich alles, roie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen ^Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. „Engelke, du konntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken — ich lieh ihn bitten." , . ., Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alken eette. „Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müßen nämlich wissen, baß ich mich heute schon ganz eingehenb nut Ihnen beschäftigt unb Ihr Charakterbild, bas ja auch schwankt, wie so manch andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würbe mir bas Sprechen wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande, gegen mich selber in eine Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszu- plauöern was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen, ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und Kortschädel, ber sich im übrigen burch französische Vokabeln nicht aus- zeichnete, hat mich sogar einmal einen .Causeur' genannt. Aber freilich schon lange her, unb jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus." „Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den Don Kaken. Von Theodor Storm. Vergangenen Maitag brachte meine Katze Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen. Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchenl Die Köchin aber — Köchinnen sind grausam, Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche — Die wollte von den sechsen fünf ertränken, Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen Ermorden wollte dies verruchte Weib. Ich half ihr heim! — Der Himmel segne Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen, Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem Erhobenen Schwanzes über Hof und Herd; Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah, Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster Probierten sie die allerliebsten Stimmchen. Ich aber, wie ich sie so wachsen sähe. Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. — Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen, Und Maitag ist's! — Wie soll ich es beschreiben, Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet! Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel, Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchenl Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen, In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen, Die Alte gar — nein, es ist unaussprechlich, Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette! Und jede, jede von den sieben Katzen Hat sieben, denkt euch! Sieben junge Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen! Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers; Ersäufen will sie alle neunundvierzig! Mir selber! Ach, mir läuft der Kopf davon — O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren! Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen! — Oer Türmer des Daniel. Eine Novelle von Alfons von Czibulka. Selbst von den fernsten Orten im Donauries sieht man den schlanken, schön gegliederten Bau des hohen Turmes der Sankt Georgskirche in Nördlingen, den sie den Daniel nennen seit altersher. Wie der Zeiger einer mächtigen Sonnenuhr steht er im Mittelpunkte dieses fruchtbaren Landteils, und die Türmer des Daniel blicken von ihrer wolkennahen Höhe bis zu den blauen Waldbergen, die um das Donauries aufsteigen und es abfchliehen gegen die übrige Welt. Heute hat der Türmer von Sankt Georg wenig zu tun. An die früheren Zeiten erinnert nur noch der seltsame Ruf „So, G sell —Jo , den er allabendlich aus einem Fenster seiner Türmerstube über Nördlingen aussingt. Damals aber, als dieser Ruf entstanden ist und noch die Deutschen gegeneinander zogen, haben oft zwei Augen auf dem Rundgang der Türmerstube die alte Reichsstadt vor Kriegsnot, Brand und Plünderung bewahrt. Das war auch zweimal während der vielen Fehden geschehen, mit den die Oettinger Grafen die einst reiche Stadt Überzogen. Ein junger Gesell war damals Türmer des Daniel. Man nannte ihn nur den Gesellen Johannes, weil niemand seinen Vatersnamen tonnte. Er war erst vor einem Jahre zugewandert und hatte beim Gerber Wölflein Arbeit gefunden. Von seiner Herkunft wußte man mir, daß er aus Hamburg oder Bremen war, was feine Sprache verriet, tar war ein nicht großer, aber breitschultriger Bursch von unbändiger Kraft, zu der sein oft seltsam scheues Wesen nicht passen wollte Den Grund dafür meinte man aber zu kennen, weil Johannes nämlich die Tochter des Gerbers liebte, der alte Wölflein aber sagte, daß er sie einem Lano- remden nicht geben wolle. Das war eine Ausrede, denn auch der Magister Antonius, den der Gerber gern als Schwiegersohn gesehen hatte, tammte nicht aus der Stadt. Welcher Kunst Magister er char, vermochte niemand zu sagen. Er selbst behauptete ein Astronom zu sein. Die meisten aber hielten ihn für einen Goldmacher, weil er nicht arbeitete und dennoch nicht hungerte. Allen aber war er unheimlich, wenn er in seinem^ schwarzen Mantel klein und dürr, nicht jung und nicht alt, durch die Gassen fajltd). Darum nannten ihn die Nördlinger nur den Teufel tm aRagifterroa. Das focht aber den Meister Wölflein nicht an, denn der Magister hatte Geld und rühmte sich, daß er noch einmal die Ratsherrenkette tragen werde. Eine Weile sah es auch wirklich so aus, als wollte sich die hübsche Gerberstochter dem Willen ihres Vaters fügen. Doch als der alte JiSolt- lein den Gesellen Johannes eingestellt hatte, wurde es anders. Uno als der Magister eines Abends das Mädchen mit dem Johannes Hano in Hand auf dem Wehrgange sah, wußte er, daß der Geselle ihn aus- gestochen hatte. Seither hätte er ihm für fein Leben gern den Hal umgedreht, hätte sich nur eine Gelegenheit ergeben. Für den jungen Gesellen war aber dennoch wenig erreicht, weil der Alke seinen Segen nicht gab. Darum meinten die Stadtväter, daß die [eltfame Traurigkeit, die manchmal seine Augen verschleierte, wohl zu verstehen sei. Sie hatten ihn nach dem Tode des alten Türmers um [o lieber auf den Daniel gestellt, als man diesen Augen nachrühmte, sie könnten noch auf dem fernen Kirchturm von Wallerstein eine Taube erkennen. Darin täuschten sie sich auch nicht. Zweimal mußten die Oettinger mit blutenden Köpfen abziehen. Der Türmer Johannes hatte das Blitzen ihrer Sturmhauben schon so früh-, zeitig gesehen, daß, als die Gräflichen kamen, die Scharten und Schießlöcher von Armbrüsten und Hakenbüchsen starrten und die Reichsstadt einem zornigen Igel glich. Da nannten die Nördlinger den Gesellen nur „das Auge des Daniel". In einer Dezembernacht, in der die Oettinger Grafen heimlich zu einer neuen Fehde rüsteten, kam der Türmer in seinem von Schnee überschütteten Pelz in die Stube. Weil man draußen auf dem steinernen Rundgange ohnehin nichts sah, wollte er sich seine Suppe vom Ofen holen. Da hörte er Schritte in der Tiefe des Turms und sah gleich darauf das gelbliche Gesicht des Teufels im Magisterrock aus der Falltüre tauchen. Der Geselle lachte: „Ihr könnt wohl nicht schlafen, Herr Magister, daß Ihr zur Nachtzeit auf den Daniel geistert? Und was will der Herr?" „Nach den Sternen ausschauen, wenn es erlaubt ist", antwortete der Besucher und steckte seine Fackel in den Ring. „Erlaubt wird es wohl fein. Aber sehen werdet Ihr nichts." Eine Sturmböe rüttelte am Turm.' Vielleicht erschrak der Magister Antonius darüber. Er stolperte fo heftig über die Schwelle, daß aus feinem Gürtel etliche Goldgulden über die Dielen rollten. Der Türmer schloß lachend die Türe: „Also seid Ihr doch ein Goldmacher?" Dann bückte er sich nach dem Golde. Erst als er die Goldstücke auf den Tisch legte, gab der Magister Antwort: „Gibt mancherlei Art des Goldmachens. Ihr kennt keine. Sonst säßet Ihr nicht hier auf dem Turm." Eine Weile betrachtete der Türmer den Goldgulden, den er noch in der Hand hatte. Brauchen könnte man die Kunst! Er legte ihn zu den andern, trat ans Fenster, das gegen Dettingen sah und spähte hinaus. Als er sich umwandte, saß der Teufel im Magisterrock auf der Ofenbank, hatte seine Katze geteert und schichteten Goldstücke zu kleinen Türmchen. Kopfschüttelnd holte sich der Geselle die Suppe vom Ofen. Der Magister schob die goldenen Türmchen zu einer Reihe und sagte: „Gerade hundert Goldgulden! Gefallen sie Euch?" Gleichmütig löffelte der Türmer feine Suppe. Der Besucher fuhr fort: „Wenn Ihr die hättet, könntet Ihr Euer Mädel freien. Dann wäret Ihr auch dem Alten recht. Der liebt doch das Gold". Die Augen des Johannes blinzelten in fröhlichem Spott: „Hat Euch das Gold was genützt, bei der Jungfer? .... Doch jetzt muß ich auf den Rundgang. Dem Oettinger Gelichter ist nicht zu trauen." Der Magister kniff ein Auge zusammen: „Ihr solltet vorsichtiger von den Gräflichen sprechen!" „Hab' keine Angst vor ihnen." „Sonnt’ doch sein, daß die Oettinger hier einmal die Herren sind." „Nicht, solange das Auge des Daniel über Nördlingen wacht!" Der Magister beugte sich lauernd über den Tisch: „Fragt sich nur, wie lange es noch wachen wird, das Auge des Daniel ... Denn die Welt ist voller Vorurteil, Gesell!" Der Blick des Türmers wurde scheu. Was wußte der andere? Magister Antonius nickte befriedigt. Er fchob fein Gesicht dicht an das des Gesellen und flüsterte höhnisch: „Manchmal weiß man nämlich auch in Nördlingen, was einer in Bremen getan." Ueber die Hände des Türmers lief ein Zittern. Sein Gesicht wurde weiß. Der Magister lachte: „Brauchst keine Angst zu haben, Gefell! Ick; verrate dich fchon nicht Nur einen kleinen Pakt wollen wir schließen.' Er lehnte sich zurück und deutete auf die goldenen Türmchen: „Diese hundert Goldgulden gehören übermorgen dir, wenn morgen Nacht dein Horn schweigt ..." Verständnislos starrte ihn der Türmer an. Der Magister stieß die Türmchen um: „Viel Geld! Was? Und hat uns heute schon einmal das gleiche gekostet, damit auch das Wassertor offen bleibt morgen Nacht ... Nun, wie ist's?" Der Gefelle Johannes schüttelte den Kopf. „Nicht? — Ist es dir also lieber, wenn morgen auch die Ratsherren wissen, daß du der Sahn des Henkers von Bremen bist?" Stöhnend barg der Türmer seinen Kopf in die Arme Der Magister lachte spötttsch: „Hast du denn wirklich geglaubt, mir nicht dafür zahlen zu müssen, daß du mir bei der Gerberstochter ins Gehege kamst? ... Es gibt keinen Ausweg." — Eine Weile noch sah der Teufel im Magisterrock auf ihn nieder dann schob er das Gold in feine Katze, legte ihm die Hand auf die Schulter, lachte auf und sagte: „So, G'sell — so!" Dann nahm er die Fackel aus dem Ring und ging. Am nächsten Tage stand der Geselle Johannes dreimal vor dem Hause des Bürgermeisters. Aber er brachte es nicht übers Herz, zu reden. Um ehrlich zu werden vor den Menschen, war er aus Bremen geflohen. Und nun würden ihm, wenn er redete, die Ratsherren einen Beutel mit Geld vor die Füße werfen und bann den Henkersfohn durch den Henker aus der Stadt jagen lassen, in der er eine neue Heimat zu finden gehofft. Seufzend stieg er immer wieder zur Türmerstube hinauf. Doch auch oben litt es ihn nicht. Friedlich tag das verschneite Nördlingen unter ihm. Freundlich stieg der Rauch aus den glitzernden Giebeln. Schon meinte er den Brand in den Dächern zu sehen, das Lärmen der Waffen in den Gassen zu hören, das Schreien der Frauen. Da ging er wieder zur Stadt hinunter. Es hämmerte schon. An der Ecke des Marktes kam ihm der Bürgermeister entgegen. Der mar ein gütiger Mann und dankte freundlich, als der Türmer sich tief vor ihm neigte. Nur ein (eifer Vorwurf tag in feiner Stimme, als er sagte: „Es wird Abend, Johannes. Was tust du noch in der Stabt? Nördlingen kann nicht schlafen, wenn bas Auge des Daniel nicht wacht". Verantwortlich. Or. Hans Tbhrivt. — Druck und Derlag: Brühl',ch« Universitäts-Buch- und Steinüruckerei. R. Lange, Gieße». War es die gütige Stimme des Alten oder der Waffenlärm, den er schon zu hören meinte? Der Türmer richtete sich auf, gab flüsternd zur Antworte „Auch wenn ich mache, wird Nördlingen heute Nacht nicht schlafen können, Herr!" Forschend senkte sich der Blick des Bürgermeisters in seine Augen. Eilig ging er mit dem Gesellen zum Rathaus. Als der Geselle Johannes eine Stunde später wieder seine Türmerstube betrat, stand der Bürgermeister, der auf den Stadthauptmann und die Ratsherren wartete, an seinem Fenster. Er sah lächelnd zum Daniel hinaus. Er hatte dem Türmer versprochen, daß sie ihn ehrlich machen wollten, wegen dreimaliger Errettung der Stadt. Die Bürger und Stadtknechte zogen nicht in den Wehrgang. Auch die Pforte am Wassertor blieb offen. Keine Armbrüste und Hakenbüchsen drohten diesmal aus Scharten und Schießlöchern. Wehrlos waren die Mauern, als die Oettinger kamen. , Nur der Platz vor dem Ratsgebäude starrte plötzlich von Spießen, als die Gräflichen einrückten. An der verschneiten Treppe des Rathauses standen, wie es sich zum Empfange so hoher Gäste geziemt, in schwarzen Mänteln mit weißer Krause und goldener Kette die Ratherren und der Bürgermeister. Neben ihm der Scharfrichter, dessen rotes Kleid im Fackellicht glühte. . Der erste, den der Henker ergriff, war der Magister Antonius, der neben dem Hauptmann der Oettinger ging. Das sah droben von seinem Turm der Geselle Johannes. Und weil der Bürgermeister ihm auch versprochen hatte, daß dann die Stadt selber ihrem Erretter die Hochzeit rüsten werde mit der Gerberstochter, war er so übermütig vor Glück, daß, als der Scharlachrote die Hand auf die Schulter des Magisters legte, er dessen gestrige Worte wiederholte und jauchzend hinunterrief: „So, G'sell — so!" Wie es noch heute der Türmer des Daniel allabendlich ausftngt über die einst freie Reichsstadt im Ries. b a ch auch den Kunstfreund Konrad Fiedler kennen, der ihm ein Leben lang, auch wenn er ihn nicht immer verstand, in treuer Freundschaft zugetan blieb und ihn fortan vor den größten materiellen Sorgen bewahrte. Rein äußerlich ähnelt sein Schicksal dem Feuerbachs, dem Ueber- empfindlichen, der maßlos unter der fehlenden Anerkennung litt. Auch Marses blieb unverstanden, aber fein unbeirrbar innerer Weg. seine angeborene Vornehmheit ließen ihn schweigend über alle abfällige Meinung und Kritik hinwegsehen. Gewiß hat es ihn schmerzlich berührt, daß schließlich auch Böcklin, der anfangs bewundernd von feiner „mythischen Bindung" sprach und die höchste Meinung von seiner Kunst hatte, ihn fast verächtlich abtat, aber auch dies hat ihm die Gewißheit seiner Sendung nicht geschwächt. Weltfremd und in sich gekehrt, oft von grüblerischen Zweifeln heimgesucht, zerstörte er häufig nach Monaten angespanntester Arbeit vollendete Werke, oder er übermalte sie immer und immer wieder, bis sie schließlich vollkommen entstellt waren. Nicht Schrullenhaftigkeit oder gar Wahnsinn ließen ihn sein Werk immer wieder von neuem beginnen: für Marses waren diese Bilder keine Verkaufsobjekte, sondern nur Stationen aus dem Weg zu größerer Vollendung, zu größerer Klarheit. Seine „Welt der Erscheinungen, das fortwährende Fühlen und Ahnen des Göttlichen in der Schöpfung", die er auf feine Bilder zu bannen versuchte, ist nichts anderes als die Natur. Eine Natur freilich nicht im Sinne des vordergründigen Naturalismus, sondern die von ewigen göttlichen Mächten beseelte Natur, für die auch Hölderlin fein Leben verzehrte, um sie den Deutschen noch einmal in seinen Strophen und Hymnen zu schenken. Hatten sich die Menschen nicht durch die Zivilisation viel zu weit von der Natur entfernt? Nur die Menschen der Antike besaßen noch jene heitere Leichtigkeit und Natürlichkeit, jenen unschuldigen Naturzustand, dessen Abglanz noch über allen Kunstwerken der Antike liegt. Die Antike und ihre Mittlerin Italien waren auch für Marees der Schlüssel zur Schaffung einer neuen Kunst. Er gab seinen Menschen wieder das fast mythische Einssein mit der Natur, nie sind sie äußerlich der Landschaft eingefügt, sondern eben ein Teil davon und schimmern hell aus dunkler Umgebung hervor, unbewegt oder gemessen die Glieder regend. So in den monumental-dekorativen Freskenbildern der deutschen zoologischen Station in Neapel. Dieses Kunstwerk hat er 1873 in der kurzen Zeitspanne von drei Monaten vollendet; er, der die meisten Gemälde unvollendet ließ und deshalb der Schrecken seiner wenigen Auftraggeber war, hat nie [ein Können und seine hohe Kunst reiner geoffen- bart. Die nackten Ruderer dort, wohl sein bekanntestes Bild, arbeitende Männer, ein Orangenhain mit ruhenden und pflückenden Frauen — all das find schlichte Motive, und doch sind diese Menschen mit ihren edlen Gebärden überzeitlich schön, sie könnten ebensogut in der Antike wie im deutschen Mittelalter gelebt haben. Dabei brauchte er nicht nach Modellen zu arbeiten, denn durch fein ungewöhnliches Formengedächtnis war er, sobald er den Pinfel oder Stift zur Hand nahm, „inwendig sovoll Figur, daß ihm das Höchste gelang. Ohne hemmende Zweifel vollendete er diese Fresken, die ein wirkliches „Kunstwerk" wurden im Sinne Hebbels, vor dem man nur sagen kann: „so muß es sein" Aus einem dieser Wandgemälde ist Marses auch selbst zu sehen, zusammen mit seinem Freund und bedeutendsten Schüler Hildebrand: Marses Kopf mit der hohen Stirn über einem schmalen Gesicht mit fast harten Zügen, aber weichen verträumten Augen. Ein früheres Selbstporträt, das Doppelbildnis Lenbach-Marses, zeigt ihn hingegen jugendlich-übermütig, in einem Moment erfaßt, wie wir ihm in späteren Selbstbildnissen nie mehr begegnen. Aber selbst hier in diesen improvisierten Köpfen noch aus der Münchener Zeit ist schon der neue Stil Marses' angebeutet, hell schimmern die Köpfe aus dunkler Umgebung hervor; so auch auf dem Bild „Pferdeführer mit Nymphe", wo die helle Figur des Mannes besonders plastisch vor dem Dunkel des Pferdeleibes hervorkritt. Ohne es zu wollen oder gar zu wissen — denn nie war er ein Nachahmer — war er Rembrandt nahegekommen. Rembrandt und die Antike, nordische Kunst und Geist von Hellas, diese scheinbar unüberwindlichen Gegensätze, hat er in einem tragisch gespannten Lebensbogen zu einer Einheit zusammengesührt und damit zugleich einen neuen deutschen heroischen Stil angebahnt. Hebbel sagte einmal, daß „in der geistigen Sphäre hin und wieder an gewissen Punkten mit Notwendigkeit ein Uebergangsgeschöpf hervortreten müsse, das der Idee nach einer höheren Gattung angehört, als es durch feine noch mangelhaften Organe zu realisieren vermag". Uebergangsgeschöpf, auch darin Nietzsche verwandt, Vorläufer und Künder und Wegbereiter. Vieles ist unvollendet geblieben, aber in den Werken in der Münchener Neuen Staatsgalerie — „Werbung", „Abschied" — und vor allem der kurz vor seinem Tode vollendete „Ganymed" und anderen in Berlin und Bremen, ist es ihm doch gelungen, sein hohes Wollen zu „realisieren". Daneben hat er in Rom (wo er am 5. Juni 1887 starb), einem begeisterten Kreis junger, begabter Künstler (Hildebrand, Tuaillon, Volkmann, Pidoll u. a.) den entscheidenden Weg gewiesen. Heute, fünfzig Jahre nach seinem Tode, sieht man feine Bedeutung auch darin, daß er erkannte, innerhalb welcher Grenzen die Antike für uns nutzbar zu machen fei. Das ersehnte Ziel von ihm: unter Führung der Antike einen neuen deutschen Stil zu finden — so wie man in Italien unter Führung der Antike zur Renaissance gelangte. Es gehört zur Tragik dieses großen deutschen Menschen, daß erst ein Franzose so ganz das typisch Deutsche dieser Kunst gu erfassen vermochte. Rodin drückt das Wesentliche aus, wenn er sagt: „Das faustisch- heroische Ringen, das Marses' Bilder widerspiegeln, ist der Ausdruck seines deutschen Charakters. Er hat sich mit seinem schweren deutschen Gemüt tief in die Antike versenkt, sie nachgefühlt und neu geschaffen, wie nur wenige unserer größten Franzosen. Marses erscheint mir wie der ringende deutsche Faust". Hans von Marees, ein deutsches Künstterfchicksal. Zum 50. Todestage des Malers am 5. 3uni. Von Jürgen Rauch. „Es ist etwas in mir, was mich immer und immer wieder über jeden traurigen Zustand erhebt. Und dieses Etwas ist nichts anderes als meine unmittelbare Beziehung zum Reiche der Erscheinung, wenn auch nicht, im Verstehen, so doch ein fortwährendes Fühlen und Ahnen des Göttlichen ober wie man’s nennen will, in der Schöpfung. Darinnen kann ich auch, und wenn die ganze Welt den Kopf darüber schüttelt, still und geduldig meinen Weg gehen, und es deucht mir wohl der Mühe wert zu fein, daß auch einmal einer fein ganzes volles Dasein diesem Nachgeben hingebe. Die Gunst der Ungunst der Zeit kommt dann gar nicht mehr in Betracht .. " Diese Stelle findet sich in einem Brief Marees an seinen Freund Konrad Rebler. Wie sehr Marees alle Ungunst der Zeit und des Schicksals zu ertragen hatte, zeigt zum Beispiel das Urteil eines damals maßgeblichen Kritikers, der in Marses' Figuren voll unerhörter Ausdruckskraft und Freiheit der Gebärde nur „nichtssagende, träge Gestalten mit greulichen Proportionsfehlern ohne die geringste Luftperfpek- tive" sah und ein Urteil darüber überhaupt nur vom pathologisch- psychiatrischen Standpunkt aus für möglich hielt! Hatte man je von einem Maler gehört, der sich zur schöpferischen Anregung mit der Philosophie Schopenhauers herumplagte? „Unzeitgemäß im schönsten Sinne" war Richard Wagner von Nietzsche genannt worden, sicher nicht nur wegen seiner Vorliebe für Schopenhauer. Auch Marses war solch ein großer „Unzeitgemäßer". Adelig von Geburt, seine Vorfahren gehörten dem französischen Uradel an, der erste Ritter von Marees war 1096 im Turnier gefallen. Adelig vor allem aber von Gesinnung, von einer Charaktergröße, die wohl ein Teil jener Glaubensstärke ist, beretroegen seine Familie (eine der ersten protestantischen überhaupt) schon im 16. Jahrhundert über Holland nach Deutschland ausgewandert war. Fast gleichgültig hat Maries sein äußeres Schicksal auf sich genommen, „einsam auf gletscher- kalter Gipfelhöhe", ähnlich dem andern „Unzeitgemäßen" seiner Zeit, Friedrich Nietzsche, ringend um das Ewig-Gültige. Hans von Marees wurde am 25. Dezember 1837 zu Elberfeld geboren, aber schon in seinem zehnten Lebensjahr zogen die Eltern nach Koblenz, wo fein Vater Kammerpräsident geworden war. Sehr früh zeigte er ein starkes Maltalent und einen ungewöhnlichen Formensinn. Der Vater legte seinem Drang zur Kunst nichts in den Weg, und so bezog er zuerst die Berliner Akademie, wo er es aber nur ein Jahr aushielt; doch sind auch die folgenden acht Münchener Jahre, ziemlich spurlos an ihm vorübergegangen. „Sehen lernen ist alles", wiederholte Marees immer wieder. Und wo konnte das ein Maler besser als in der reinen Luft des Südens. Das größte Erlebnis in Marees' Leben war die Ueberfieblung nach Italien und die Begegnung mit der Antike — auch darin unseren großen Deutschen verwandt. Hatte nicht Hamann, der „Magus des Nordens", schon der deutschen Kunst diesen Weg gezeigt — war nicht Goethe durch die italienische Reise, von allen Zeitströmungen getrennt, ins Zeitlose gezogen, erst zu einem deutschen Stil gelangt? Schon in feiner Münchener Zeit hatte Gras Schack ein Bild des jungen Marees für seine Galerie erworben und ihn — zusammen mit Lenbach — nach Florenz und Rom geschickt, um ihn dort Werke der großen Meister kopieren zu lassen. Graf Schack hat die höchsten Erwartungen, und die Arbeiten Marees' erfüllen sie, aber weitere Kopierarbeiten lehnt Marees ab — obwohl er sich dadurch größter Armut aussetzt. Aber Armut war eben etwas, was man bei einer solchen Berufung achselzuckend als nicht zu änderndes Uebel ertragen mußte. In Rom lernt er neben den andern Deutsch-Römern Böcklin und Feuer-