Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den ^.Januar Nummer I Klick aus dem Spielzeugladen Roman für das große und kleine Volk Von Friedrich Schnack Copyright by 2nsel-Verlag zu Leipzig 7. Fortsetzung. Das Gemüse sah zerzaust aus. Peter sagte, mit der Ringelnatter könne er ihn natürlich nicht zusammenlassen; er hätte ihr schon einmal einen Hieb versetzt, ohne sie aber tödlich zu verletzen. Peter war rechtzeitig dazugekommen. Die Ringelnatter wohnte jetzt in einem kleinen, von Peter gezimmerten, rot gestrichenen Häuschen, unter einem engmaschigen Drahtnetz. Nach Peters Angaben war sie ein kluges und reizendes Tier, das meistens in einem Bett von Holzwolle zusammengeringelt schlief. „Was ist das für eine kleine Glocke über ihrem Schlupf?", fragte Klick, auf eine Klingel deutend, die über dem Eingang hing. „Ihre Hausglocke. Wenn ich läute, kriecht sie heraus." „Bitte, läute!", bat Klick. Peter riß am Bindfaden, das Glöckchen schlug an. Nichts geschah. Er klingelte noch einmal — wer kam heraus? Nicht die Ringelnatter. Ein grüner Wasserfrosch tat einen Satz in den Sand, das Klingeln mochte ihn erschreckt haben. Mit Ueberraschung wurde er gesichtet. „Heute früh hab ich ihn an den Elbwiesen gefangen und hineingesteckt. Sie scheint nicht hungrig zu sein", sagte Peter. Armer Kerl, bedauerte Klick bei sich, es war vielleicht sein Sterbegeläut. Peter zerrte noch ein paarmal an dem Bindfaden und klingelte, umsonst. Die Ringelnatter folgte ebensowenig dem Glockenton, wie das Krokodil dem Lockruf: Ali Baba. Befriedigt von diesen unbefriedigenden Zähmungsversuchen seines Schulfreundes ging Klick nach Hause. Er ries sogleich Ali an. Aber sie meldete sich nicht. Da begab er sich, im Umweg durch die Küche, wo er ein Stück Brot mitnahm, in den Laden des Hustenonkels. Aber der Hustenonkel erschien nicht. „Hallo!" „Hallo!", antworteten die Papageien. Pong schmetterte die Futterschale im Käfig wie einen Ball. Die Nachbarn lachten ihn aus und warfen mit Schimpfwörtern um sich, die Springmaus raschelte im Käfig, ein schwarzes Eichhörnchen, neuer Bewohner des Tierladens, zuckelte auf feiner Stange unermüdlich hin und her, das Gezwitscher und Schlagen der Singvögel schwoll zu einem Lärm von Tönen und Lauten. Auch die madegassischen Strahlenschildkröten, die hochgebuckelten Tiere, die so lange geschlafen hatten, waren munter; sie zischten und fauchten. Ali kam aus der-kleinen Stube neben dem Laden, die der Junggeselle bewohnte. „Pst!", machte sie. „Onkel ist krank. Fieber. Ich pflege ihn." Sie sah besorgt aus. Klick ging mit ihr ins Zimmer und sah nach dem Kranken. Der lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren, und schnaufte. Sein spitzes Gesicht glühte. Auf die Stirn war ihm ein kühler Umschlag gelegt. Er schien zu schlafen. „Sehr krank?", fragte Klick erschrocken. „Er hat vierzig Komma zwei — Schüttelfrost." „Erkältet? Immer fror ihn. Die Tropensonne hat ihn verwöhnt." Der grüne Regenschirm hing am Fenstergriff, auf dem kleinen Sofa lag der schwarze Filzhut. „Sollten wir nicht lieber den Arzt rufen?", meinte Klick. „Er hat es untersagt, als ich ihn ins Bett schickte. Es sei nicht schlimm. Tabletten hat er geschluckt." Auf dem Nachttischchen stand ein Glasfläschchen mit Tabletten. „Chinin!", las Klick. „Klar! Einen Malaria-Anfall hat er, Tropenfieber." Schwelte nicht über dem Kranken geheimnisvolle, fremdartige Glut? Am Fenster schlang der Christusdorn, eine ausländische Stachelpflanze, die langen Ranken, und feuerrote Blumen trieben aus ihnen hervor. Lange Pflanzenfäden rieselten von oben aus einer Blumenampel — einem Dickicht glich das Gewirr, einer Tropenwildnis, darin unbekannte Krankheiten und Gefahren nlltcten. Für Klick hatte die Webergasse plötzlich etwas Abenteuerliches. Tropengeist wohnte in ihr, ein grünverschossener Troven- sonnenschirm hing am Fenster, und draußen im Laden schnurrte der Affe. Der Tierjäger und Sammler aber, niedergeworfen von einem tückischen Anfall, fieberte auf seinem Lager. Ali erneuerte den kühlen Umschlag. „Du bist eine tüchtige Pflegerin ...", jagte Klick, und Ali tat, als hätte sie es nicht gehört. Säuglingspflege und Krankenpflege, war es nicht ein und dasselbe? Hilflos wie ein kleines Kind lag der Onkel in seinen Kissen vergraben, und seine Augen waren geschlossen. „Ich werde heute für dich die zweite Ausgabe beim .Anzeiger' holen", sagte Klick zu seiner Freundin. Die Ladentür ging. Er rannte in den Laden und vertrat die Stelle des Tierhändlers. Einen Feuersalamander mit schönen, sieberischen Feuerflecken verkaufte er an einen alten Herrn. Vier Wochen später war der Hustenonkel längst wieder gesund. Nach einem Tag Bettruhe hatte er das Fieber ausgeschwitzt. Anopheles nannte er die Sumpfmücke, die ihn einst auf seinen Tierjagden in den heißen Zonen gestochen hatte. Wie eine leibhaftige Uebeltäterin beschimpfte er sie in seinen Erzählungen. Früher, als die Zeiten besser waren, hätte er sich manchmal einen Anophelesstich leisten können. Aber jetzt ... Er hustete auf die Gegenwart. Aber gegen diesen Hustenreiz schien es in seiner Dose kein Bonbon zu geben. „Einmal", erzählte er, „hatte mich Hagenbeck zum Großtierfang eingeladen. Monatelang weilten wir in Afrika und fingen Elefanten und Straußvögel. Ich brachte aber immer nur kleine Tiere mit nach Hause. Und das war gut. Denkt euch, ich hätte eine Giraffe mitgenommen. Wohin mit ihr? In meinen Laden hätte ich sie doch nicht einstallen können „Warum nicht, Onkel?", meinte Klick. „Du hättest eben das ganze Haus mieten und die Decke durchbrechen sollen. Wie lustig, wenn die Giraffe aus den Fenstern des zweiten Stocks in die Webergasse hinuntergeblickt hätte! Und wie viele Käufer für deine Fische und Vögel hättest du mit ihr angelockt!" „Eine Giraffe zu halten, kann einem doch niemand verwehren?", bemerkte Ali. „Giraffen sind gute Tiere", sagte Klick. „Wenn sie nicht gerade mit einem Tritt die Wand durchfeuern wandte der einstige Tierjäger ein. Die Ladenglocke bimmelte. Ein dicker Herr trat aufgeregt ein. „Was steht zu Diensten?" „Ich möchte einen stubenreinen Papagei." Klick und Ali blickten einander besorgt an: hoffentlich kaufte er nicht den roten Ricka, den sie so liebten. „Meine Papageien sind stubenrein", versicherte der Tierhändler gekränkt. „Noch nie hatte ich so wohlerzogene Vögel." „Aber er soll auch Liebe zu Frauen haben", wünschte der Herr. „Versteht sich. Darüber können Sie beruhigt sein. Meine Papageien hegen eine ausgesprochene Liebe für Frauen. Es sind ja auch männliche Vögel." „Wissen Sie", sagte der Kunde, „mit meiner Frau ist es nicht zum Aushalten. Jahrelang hatten wir einen Papagei, Lora hieß er, schöner Name, nicht? Lora war so verständig und schlau, beinahe wie ein Mensch. Gesprochen hat er wie ein Frauenzimmer, unaufhörlich ... vor vier Wochen ist er gestorben." Der dicke Herr führte sein Taschentuch an die Augen. „Im Garten haben wir ihn begraben und einen Kürbis auf fein Grab gepflanzt. Kürbiskerne fraß er so gern. Und nun ist mit meiner Frau nicht mehr auszukommen. Seitdem sind alle Vorhänge zugezogen, niemand darf ein lautes Wort im Haufe reden, auf der Stiege muß ich meine Schuhe ausziehen, sie geht nicht weg, zeigt sich nicht, hak etwas Schwarzes umgehängt, liegt im Bett und trauert. Ist ja verständlich. Der Vogel gehörte eben zur Familie; wie ein Kind war er, so anhänglich. Wir haben nämlich keine Kinder ..." „Versteht sich!", sagte der Hustenonkel. Natürlich habt ihr keine Kinder, dachte Klick, sonst wäre die Frau nicht so überspannt. „Dummer Kerl!", rief Ricka und schnatterte ein halbesdutzendmal den Namen Klick. Verstohlen nickte Klick ihm zu, und Ali machte ihm schöne Augen. „Und so, habe ich mir gedacht", fuhr der Mann der trauernden Papageienfrau fort, „ist es am besten, ich kaufe einen neuen. Neue Sachen wirken immer bei Frauen, das kennt man. Wahrscheinlich vergißt sie dann den alten und kommt wieder ins Geleise." „Kirr! Prrtzl", schnalzte Ricka. Der Tierhändler stellte die Papageienbauer auf den Ladentisch. Die Vögel hielten die Köpfe schief und betugten aufmerksam ihre Umgebung. Dann brach Ricka in ein mörderisches Gelächter aus, indes der Zahnarztvogel sich als ungehobelter Bursche zeigte: wütend riß er an den Stäben, schrie gellend und warf Sand und Unrat heraus. „Geld regiert die Welt!", krächzte Ricka. Der Kunde war von ihm sogleich begeistert. Wie eine Ziehharmonika legte sich sein Gesicht in lauter Falten. Und er gurgelte los: „Sehr richtig. Meine Frau sagt das auch immer. Man meint wahrhaftig, fo(rh ein Vogel wär ein Mensch. Den nehm ich!", entschied der Mann und fragte aus, ,Tag, Käptens, sagte Klick nach einer kleinen Welle. ,Hch wußte gar nicht, daß Sie die kleinen Fische angeln. Es ist doch schade um Aquarium- Schelmisch blitzte er dem erfolglosen Angler zu. Der war wie unsicher. Na, weil du es durchaus wissen willst", brummte Sassafraß. „Es ist nur" noch ein einziger Fisch drin, der größte. Der hat alle die anderen aufgefressen. Zur Strafe wird er geangelt. Ist aber ein schlaues und genäschiges Biest, nicht mal an Hühnerfleisch geht er." Alle gefressen? Niederträchtig. Und sie waren gar nicht billig. Und so reizend. Sie sind wohl schon den ganzen Nachmittag nach ihm Nachmittag!", murrte der Angler. „Heute, gestern, vorgestern, eine halbe Woche schon, seitdem du nicht wieder hier warst. Ich krieg ihn aber noch. Hab schon andere Teufel aus dem Wasfer herausgefischt. Stör mich aber nicht noch einmal beim Angeln!" „Wir sind ganz leise gekommen, Käpten. Dort ist Ali. Der Kapitän richtete, sich umwendend, seine blauen Seemannsaugen scharf und freundlich auf Ali. . „ „Sie fürchtet sich, Käpten", flüsterte Klick. ,Zst halt ein Mädchen. „Ei sieh dal", rief Sassafraß, wie ein Menschenfresser und Seeräuber feinen Knebelbart streichend. „Sie fürchtet sich? Was nicht gar! Well ich so losschimpfte? Hat sich doch noch keine menschliche Seele vor mir geflirtet." Er lachte, sein starkes Gebiß glänzte. . . .. „Komm ran, Mädchen, rasch beigedreht! , lud er ein. „Bist eine nette, kleine Deem!" ... Zierlich und schüchtern kam sie herbe,. Ihr blondes Haar schimmerte, und ihre grau-blauen Augen leuchteten lieblich. Sie war froh, daß der Zorn des Kapitäns verraucht war. Er gab ihr die Hand, sie knickste und sagte: „Guten Tag, Herr Kapitän, Klick hat mich mitgenommen. „Recht hot er getan, Fräuleinchen. Wie heißt man denn?" „Ali Bonholz heiße ich." „Wieso Ali?", fragte der Kapitän. .. „Eigentlich heißt sie Alme ...", schwatzte Klick dazwischen. „Aber jeder sagt Ali. Ist auch viel kürzer und schöner. Ihre Eltern leben nicht mehr, sie wohnt bei ihrer Tante Mittwoch, der Zeitungsfrau vom Postplatz. „Und ihr seid miteinander befreundet?" Ali bejahte. , , . ... „Wir sind Nachbarsleute", erklärte Klick, „wohnen einander gegenüber, haben zusammen ein Kindertelephon und stehen uns mit Herrn Drasecke in der Webergasse gut." Erschöpfende Auskunft", meinte der Kapital,, mit väterlichem Wohlwollen Ali betrachtend. „Setz dich, Klick!", forderte er auf, „mich nehmt in biC Da"ahen sie zu dritt, die Freunde und der Kapitän, angesichts der vorgetäuschten Ostsee, darin sich der Fisch verloren hatte. „Ali möchte gern die Muschelsammlung sehn , sagte Klick. „Sie freut sich an so was." „Soll sie sehn", antwortete der Kapitän. „Nachher." „Dann hat sie einen feinen Plan .. ", verriet Klick, den der Kapitän kürzlich an einem leicht regnerischen Nachmittag, als die Tropfen durch die Blätter tropften und auf das Deck der Fregatte fielen, zum Steuermann ernannt hatte. , v „ „Ach, Klick!", wandte Ali ein. „Schweig doch. „Nun soll ich plötzlich meinen Mund halten, und sie hat sich doch so große Mühe mit der Sache gegeben." „Womit? Heraus mit der Sprache! Offene Worte unter Seeleuten, keine Geheimniskrämerei und auch kein Zieren!", befahl der Kapitän. Ich hob ihr von unseren Seefahrten erzählt, und daß wir auf unserem Schiff keine Besatzung haben und keine Fahrgäste. ,Da müßt ihr eben ein paar Püppchen an Bord nehmen', hat sie gemeint, -Schiffsiungen und Seeiunqfern*. Ein guter Einfall, nicht wahr, Käpten? Mal was anders. Und da sagte ich zu ihr: .Versuch'-, Mi!' und brachte ihr sechs Püppchen, die ich mir von Frau Trockenhut ausbat. Sie waren aber alle unangezogen, I man wußte nicht, find das Buben ober Mädels. Und da hat Ali Hosen und Jacken genäht, kleine Mützchen dazu, weiße und blaue, hat sie em- aekleidet, und nun sind es drei Buben und drei Mädchen. Stirnrunzelnd hörte Sassafraß zu. Er blickte bald aus fernen Steuermann, bald auf die kleine Ali, die am liebsten in ihr blaues Fähnchen hineingekrochen und darin verschwunden wäre; nur von der Seite wagte sie einen verstohlenen Blick auf den feegegerbten Sassafraß. Sie sind wirklich hübsch", fuhr Klick fort, „natürlich Landratten. Aber waren nicht alle Seekadetten einmal Landratten, wenn sie nicht gerade auf Schifssplanken geboren wurden?" . . ’ Ei der Tauß!", sagte Sassafraß. „Laß mal die Gesellschaft sehn, AU. Wenn sie mir gefällt, nehme ich die ganze Bande an Bard. Ali nestelte aus ihrer Tasche eine rosa verschnürte kleine Schachtel. „Hoffentlich sind die Anzüge nicht zu sehr verdruckt! , sagte sie besorgt. "^^WahrhaftE Bügelsatten in den Hosen!", rief Sassafraß, als die kleinen Buben und Mädels in feinen Händen lagen wie in breiten Booten, Inder linken die blauhostgen Puppenbuben, in der rechten die weißbehosten Mädchen. „Schmuck hast du sie angezogen, Alll, lobte er. ,^ch nehme dich zur Schifssschneiderin, eine bessere kann ich nicht finden, und ich muß doch so dringend eine haben." Er lachte sie an, und ANs Blicke strahlten ihm entgegen. „Säuglingsschwester will sie werden", plauderte Klick aus. Ist besser als Zeitungen schleppen", sagte der Kapitan. „Aber hier gibt's auch Säuglinge, Schiffssäuglinge, sechs auf einmal. Ins Schiff damit!", befahl er und pfiff auf feiner Trillerpfeife. „Sie sind angeheuert. Steuermann, Schiffsbesatzung melden!" Mikk fprang auf, legte die rechte Hand soldatisch an die rechre Schlafe und schrie wie ein Seerabe: „Fregatte .Anastafia': ein Kapitan, ein Steuermann, eine Schitfsschneiderin, sechs Mann Besatzung!" 1 (Fortsetzung folgt.) nach dem Preis. Der Hustenonkel nannte die Summe. Ricka war um I einige Mark teurer als der andere. Aber der Herr nahm den Zuschlag mit i in Kauf, den er wohl für berechtigt hielt, wett Ricka so fchon fprechen ' tOns?e Freunde erschraken. Sie richteten flehende Blicke aus den Hustenonkel, doch der Tierhändler tat, als bemerke er sie nicht. Rohen Herzens, wie Klick empfand, verkaufte er den Papagei. „Ich werde ihn gleich mitnehmen", fagte der Käufer. Der Tierhändler stülpte eine Haube über den Käfig, und derart vermummt, wurde Ricka fortgebracht. Keinen Laut gab er. ,, Der zurückbleibende, der grüne, aber plärrte: „Adieu! Es tut nicht weh. Als der Kunde gegangen war und die Kinder kein Wort sagten, nur den Onkel vorwurfsvoll anblickten, sagte der: „Wär ich ein Bauer und hätte ein Kalb an einen Metzger verkauft, tät mir mein Geschäft lew Der Papagei aber wird es gut haben, besser als bei mir in dem dusteren Laden Eine liebevollere Pflegerin als diese verdrehte Frau kann er gar nicht finden. Seine pfiffigen Eigenschaften werden ihn im Leben voran- © eine Zukunft wird fein, gemästet zu werden und an Verfettung zu krepieren", zog Klick los. ,Zch kenne diese Tierfreunde!" Am liebsten möchten sie aus jedem Vogel einen Menschen machen und"aus jedem Dackel eine Preßwurst!", schrie Ali empört Der Hustenonkel hob den Arm rote ein Verkehrsschutzmann und besänftigte die aufgeregten Gemüter. . ~. , Liebe Kinder!", fagte er, „was tobt ihr so? Soll ich meine Tiere behalten? Ich muß sie verkaufen, von ihrem Erlös lebe ich. Dann, denkt daran daß das Leben ein beständiges Abfchiednehmen ist. Man bleibt nicht dauernd beisammen. Noch aber haben wir unfern Galgenstrick Pong, den andern Papagei, den Husarenstar, Sittiche, Prachtfinken und all die anderen kleinen Gesellen, die Schildkröten, das Chamäleon, von dem neuen Eichhörnchen, den Fischen, Laubfröschen und Feuersalamandern, den Gelbrandkäfern und Purpurschnecken ganz zu schweigen. All das ist Leben. Hängt eure Herzen nicht zu sehr an vergängliches Gut, es fliegt fort wie die Pögel " ' „Gut!", sagte Klick. „Leb wohl, Ricka! Man muß sich abfinden. Von heute ab aber bekommt der uns verbliebene Papagei deinen Namen. Hat mich einmal der eine benannt", wandte er sich an den Hustenonkel, „so kann auch ich dem andern einen Namen geben." „Einverstanden!", sagte der Onkel. „Die beste Losung. Der Vogel ist fort, aber Ricka bleibt Ricka." DasSchifferhältBesatzung. Klick hatte vom Kapitän die Erlaubnis bekommen, die Freundin AU mit nach Loschwitz zu bringen. Sie eilten miteinander durch die Baumgasse auf das Haus des Seemanns zu. Ali hatte ihr blaues Sommerfähnchen angezogen, das zwar schon recht verwaschen war, ihr aber gut stand und, nach Klicks Wort, zum Wasser paßte. Noch nie war sie in Loschwitz gewesen. Die Büsche kamen ihr wie geputzte Leute vor und die Bäume sonntäglich. Aufgeregt klopfte ihr Herz. Immer wieder strich sie ihr Kleidchen glatt. Ader Klick mit feiner alten, kurzen Hose tat gleichgültig. „Sassafraß frißt dich nicht, er ist kein Haifisch", sagte er. „Auch die feinen Häuser sind ganz ungefährlich. Ueberhaupt gibt es nichts Gefährliches auf der Welt, wenn man sich nicht fürchtet. Was ist schon solch ein gepflegter Rasen? Auch nicht viel anderes als ein gebügeltes Hemd. Beide können dreckig werden." , Er drückte auf den weißen Klingelknopf. Die Wirtschafterin erschien. Klick zog die Mütze, und Ali machte einen Knicks. Sie wurden eingelassen. „Sie sieht wie eine Dogge aus", flüsterte Klick der Freundin zu, als sie auf dem Plattenweg um bas Haus bogen, „ist aber gutmütig. Man muß sie lassen ,roie sie ist." Sie gewahrten den Kapitän. Regungslos hockte er an fernem Teich. | Heute hatte er ein moosgrünes Jäckchen an. Wie immer, rauchte er. Schräg über den Wasserspiegel hielt er einen Stock. „Ich glaube", meinte Klick, „Sassafraß angelt gar. Er wird doch nicht etwa die kleinen Fischchen braten wollen, die er vor einigen Wochen beim Hustenonkel gekauft hat. Wir wollen ihn beschleichen." Er ließ sich nieder und kroch. Mi ging in Hockstellung, sie hatte Sorge um ihr Kleidchen, und hoppelte. Unter ihren Füßen knirschte der Gartenkies. „Unmöglich!", wisperte ihr Klick zu. „Das nennst du beschleichen? Steh lieber auf, sonst merkt er uns." Sie stand auf und bemühte sich, leise aufzutreten. Klick hatte bereits einige Schritte zurückgelegt. Winkend gebot er ihr Halt. Er aber gelangte unbemerkt zum Angler. Unbewegt war das Seemannsgesicht, in das die Stürme ihre Hiebe gefetzt und das Meer die Schärfe feines Salzes gebeizt hatten. Der Knebelbart schien wie auf ein Ereignis zu warten, starr waren die Augen auf den roten Schwimmkork gerichtet, die Schnur tauchte in die Tiefe. An den Schnabel eines Seevogels erinnerte die Nasenform des Kapitäns. Wann hackte sie los? Wann biß der Fisch? Aber der Kork rührte sich nicht, lieber dem Weiher lag fühlbare Spannung. In diese Spannung war die Fregatte „Anastasia" an ihrem Haltetau mit hineinverwirkt. Klick wurde von der Spannung ersaßt, sie begann ihn zu stacheln und zu kitzeln. Wie freute er sich, den alten Seebären beschlichen zu haben! Keine Ahnung hatte der, daß sein Obermatrose bei ihm saß. Plötzttch zerrte ein Lachkrampf an Klick. Er preßte die Hände auf den Bauch. Unmöglich, den Anfall zu unterdrücken. Da prustete und kicherte er los. Das Seemannsgesicht zuckte herum, ein jäher Augenstrahl traf den Störer. Zugleich tat es einen Ruck an der Angel, der Kork tauchte ein und hüpfte wieder in die Ruhelage zurück. Die Nase hackte vor — aber nichts geschah weiter, der Fisch war ausgerissen. „Verwünschter Kerl!", schimpfte der Angler. „Gerade jetzt mußt du mir den Fttch vertreiben Er biß schon an. Was für Unfug, wie kommst du so plötzlich hierher? Wieder mal nichts. Der kommt nicht wieder." Klick hockte verdutzt auf dem Ostfeekies. Sassafraß war wirklich ärgerlich. Ali, die noch immer auf dem Weae ftanb, verging säst vor Derlegensein. Die Angelschnur wurde aus dem Wasser gerissen, aufgeroidelt, der Köder von der Angel gelöst. Januar. Von Josef Weinheber. Das Jahr geht an mit weißer Pracht, drei Könige stapfen durch die Nacht, das Rehlein scharrt den harten Grund, klar ziehn die Stern in ernster Rund. Der Weg verweht, das Haus so still, der Bauer liest in der Postill. Der Ofen singt, die Stund vergeht, nur sacht, wir kommen nie zu spät. Um Fabian, Sebastian hebt neu der Baum zu saften an, und an dem Tag von Pauls Bekehr ist halb der Winter, hin und her. Otto Ubbelohde. Zum 70. Geburtslage des Künstlers am 5. Januar. Bon Jürgen Rauch. Auf uns Kinder übten drei dicke grüne Bücher in der elterlichen Bibliothek einen mystischen Zauber aus. Zur Betrübnis besonders meines Vaters verschwanden die Bände regelmäßig von dem Bücherbrett, um dann erst in irgendeinem Winkel in den Händen eines weltvergessen darin vertieften Knaben wieder auszutauchen. Der Zauber schien zu wachsen, je mehr die äußere Gestalt der Bücher litt, und er erneuerte sich erst recht, als die viel jüngere Schwester ■— unter ähnlichen Symptomen — in diesen Bann gezogen wurde. Die drei Bände der Grimmschen Märchen mit den Zeichnungen von Otto Ubbelohde waren die Bücher unserer Kindheit, und ganz unfaßbar schien uns, daß es lemand auf Erden geben sollte, der die Märchengestalten da hineingezeichnet hatte. Als dieser Jemand gar öfter in unser Haus kam, sahen wir mit atemloser Spannung an dem hochgewachsenen und breitschultrigen Manne mit dem dunklen Vollbart empor, sicher, auch an ihm selbst das Wunderbare zu entdecken. Das war schon einmal die gar nicht herkömmliche Kleidung — der Schnitt der kurzen Schnallenhose und der weiten Rockschoße — ähnlich dem der Schwälmer Tracht — und mehr noch seine leuchtenden braunen Augen über der kühnen Adlernase. Beweis des Wunderbaren war es uns auch, wenn wir den Stift in Ubbelohdes Hand scheinbar mühelos über das Papier gleiten sahen, und aus Linien, die gar nicht endeten, erstand ein Wolkengetümmel wie ferne Gebirge ausschauend. Noch kurz vor feinem Tode saß er auf dem Balkon und zeichnete fo mit wenigen Blei- stiftstrichen die Kapelle auf dem Alten Friedhof, umgeben von den alten schönen Bäumen, und das sparsam aufgetragene Rot und Gelb der Buntstifte fing die ganze melancholische Pracht des Herbsttages ein. Wenn solche Erinnerungen an Ubbelohde aus unseren Kindertagen wieder aufwachen, dann sehe ich auch ganz deutlich das Haus unter den hohen rauschenden Bäumen vor mir mit dem ockerrot gefärbten Fachwerk und den kratzgeputzten Ranken, das noch bis ins kleinste Stuck der Ausstattung der Ausdruck seines Wesens war. Ganz nahe dabei die schwer zwischen steinigem Geröll dahinfließende Lahn und jenseits davon Hügel, Dörfer und Wälder. Hier im Goßseldener Tal bei Marburg lebte er 25 Jahre mit seiner Frau, die ihm gleichgestimmt war im Fuhlen und Denken. Hier, wo er den Wechsel der etwas schwertonigen Licht- und Luftstimmungen immer neu erlebte, dann in unserem Oberhessen sich erinnere nur an die Zeichnungen der Stadtkirche in Gießen, des Alten Gießener Rathauses, von Arnsburg, vom Büdinger Schloß, von den Burgen Gleiberg und Vetzberg), im Vogelsberg, an der Lahn, 'm Odenwald und im übrigen deutschen Vaterland erwuchsen seine Bilder, Radierungen und Federzeichnungen. Wie einer jener königlichen, nie unfreien niedersächsischen Bauern, so saß der Abkömmling niedersächsischer Bauerngeschlechter auf seiner eigenen Scholle, und vielleicht ist es aus feinen Vorfahren auf dem einsamen Gehöft „Up der Lode" heraus zu erklären, daß es ihm überall zu viele waren, und er erst in der Einsamkeit bei Goßfelden eine bleibende Wohnstatt fand. Otto Ubbelohdes beide Eltern stammen aus dem Hannoverschen, von der Mutter, einer Schwester des Radierers Unger, hat er wohl die bildkünktlerische Begabung mitbekommen. Am 5. Januar 1867 wurde der große Zeichner — vor 70 Jahren also — in Marburg geboren, wo sein Vater Professor der Rechte an der Universität geworden war. So ist es zu verstehen, daß sein ganzes Schaffen, die schier unermeßliche Fülle seiner Griffelkunst, seiner Zeichnungen und auch seiner zu Unrecht weniger bekannten Gemälde, ein einziger Lobgesang auf seine hessische Heimat ist, obgleich die Mittel seiner Kunst ganz norddeutsch sind, im besten Smn des Wortes nordisch. Nach der Marburger Schulzeit bezog Ubbelohde die Münchener Aka. demie. Daneben lernte er, zunächst von feinem Onkel, dem Wiener Grapbiker William Unger, dann von dem Münchener Radierer und Maler Men er (Basel) die graphischen Künste, besonders die Radierung. An den Kämpfen und Richtungsstreitigkeiten innerhalb des Münchener Kunft- lebens, wo die Diktatur Pilotys soeben von der ß e n bad) s abgelost war, nahm er so gut wie keinen Anteil. Eine Zeitlang schloß er sich Der Gruppe von Münchener Künstlern an, die wie Riemerschrnid u.a. von der Malerei zu einer vollkommenen Erneuerung der deutschen Kunstgewerbes kamen. Ubbelohde gehörte damals auch zu den Mitbegründern der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk (1897). Nur wenige Jahre hat er sich dieser Bewegung gewidmet, die nut der leblosen Stil« Nachahmung und unechten Verschnörkelung aufräumte. Eine Reihe von Entwürfen des Kunstgewerblers Ubbelohde befinden sich heute km Fletw» burger Museum. Dann schuf er auch damals die Wandteppiche, Wandschirme, die Möbel und überhaupt die ganze Innenausstattung seines Goß- seidener Hauses. Schon in dieser Frühzeit sind es heimatliche Motive, die ihn zur Gestaltung drängen: eine Schwälmer Gänsemagd, hochragende Kiefern ... Ein Wandschirm mit fliegenden Reihern über einer hessischen Landschaft, das im Breslauer Museum für bildende Kunst seinen Platz fand, kann man als eines der besten Werke Ubbelohdes überhaupt bezeichnen. Nach seiner Münchener Akademiezeit lebte der Künstler einige Zeit in Worpswede, der Künstlerkolonie nahe bei Bremen, wo ihn Heinrich Vogeler und besonders Otto Moder sohn, der naturnahe Landschafter mit der phantastifchen Märchenftaffage, anzog. Es war 1895, also gerade zu einer Zeit, als diese Malergruppe mit ihrer Rückkehr zur Heimatlichkeit stimmungsvoller Natur im Münchener Glaspalast ihren großen Erfolg errang. Jedoch schon kurze Zeit später schlägt er in Goßfelden endgültig fein Heim auf, einsam und weltabgeschieden, ein freier Mann auf eigener Scholle, der die Gesellschaft von Wolken und Wind und sturmgepeitschten Bäumen mehr liebt als die der Menschen. (Die Städte Marburg und Gießen und die Freunde darin waren weit genug und doch auch wieder nah, wenn ihn danach verlangte.) Nur einmal hat er, dem Drängen von wohlmeinenden Freunden nachgebend, kurze Zeit als Lehrer an der Karlsruher Akademie gewirkt. Aber schon bald kehrte er wieder nach Goßfelden zurück: Unterrichten lag ihm nicht, er wollte und mußte schaffen. Mit unerhörtem Fleiß und strengster Selbstzucht hat hier Ubbelohde 25 Jahre lang gearbeitet. Otto Ubbelohde ist in erster Linie durch feine Graphik bekannt geworden. Sein angeborener Sinn, feine persönliche Neigung ließen ihn eine solche Meisterschaft in der Kunst des Griffels erreichen, daß er scheinbar mühelos feinen Linien sowohl den Ausdruck heroischer Wucht, nordischer Strenge als auch märchenhafter Anmut und Zartheit geben kannte. Und die bleibende Wirkung wird wohl auch seiner graphischen Kunst vorbehalten fein. Deshalb war aber Ubbelohde doch ein Maler von Gottes Gnaden, der über feinen Gemälden in die göttliche Trunkenheit des echten Künstlers geriet und selbst glaubte, fein Höchstes und Bestes darin zu geben. Bestimmt ist der Maler Ubbelohde unterschätzt worden, das lag und liegt wohl daran, daß natürlich die Bilder weniger zugänglich sind Glücklicherweise besitzen wir in Gießen von ihm ein wundervolles Landschaftsbild, das die ganze Meisterfchaft des Malers offenbart. Es hing früher in der Städtischen Galerie und jetzt wohl im Kunstwissenschaftlichen Institut. Weitere Gemälde sind in der Kasseler Galerie, in der Darmstädter (eine Landschaft und ein Stilleben), Marburg besitzt zwei Landschaften. Ubbelohde wurde nicht müde, auch im gemalten Bilde immer wieder in erster Linie die hessische Heimat zu gestalten; da ist unser Gleiberg zur Zeit der Schneeschmelze, mit dem in feinsten Linientönen schwingenden Schneelufthimmel, oder seine heroischen Bilder, wo die Landschaft in große Formen geballt ist wie bei der „Mellnau" (in Gießen) oder dem „Meu- bokus", der merkwürdigerweise in der Kasseler und nicht in der Darmstädter Galerie zu finden ist. Am liebsten malte er einsame Natur ohne den Menschen, gern auch wellige Berglinien am Horizont, Vögel in der Luft und den unendlichen Wolkenreichtum am hohen Himmel. Wolken! Es war fein großer Wunsch, sie so zu malen, wie sie bisher noch niemand gemalt hatte, wenn sie drohend und schwermütig sich über der Heimatlandschaft ballen. Aber auch das ist ein echter Ubbelohde, wie er in der Wohnung meiner Eltern hangt: Leichte Schäferwölkchen, die ein morgenfrischer Wind über frühlingsfeuchte Felder jagt. Gerade in feinen Wolkenbildern lebt der Künstler feine Kunst am stärksten. Das urdeutfche Wollen bricht in ihm auch in dieser Wolken- fiebe durch, welche die von Nietzsche so verspottete echte deutsche Liebe zu allem Werdenden, zur ewigen Bewegung ist — nur darum verspottet, weil sie in Gefahr geriet, vom deutschen Philister gründlich mißverstanden zu werden. Romantisch hat man diesen Wesenszug auch genannt, und es ist kein Wunder, daß Ubbelohde in feinen letzten Jahren Eichendorfs so wesensgleich illustriert hat. Wie fünfzig Jahre vor ihm Ludwig Richter, so fand auch Otto Ubbelohde über das Märchen den Weg mitten ins Herz des Volkes. Es mag fein, daß Richter den Ton kindlicher Einfalt besser getroffen hat, Ubbelohde hat in feinen Märchenbildern erst zum Bewußtsein gebracht, wie deutsch unser Märchenschatz ist. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war die deutsche Märchenwelt noch ganz mit orientalischen Vorstellungen bevölkert. Indem aber der große Zeichner Ubbelohde die Märchenhandlung auf den hessischen Heimatboden stellt, der ja zugleich die Heimat der meisten Grimmschen Märchen ist, gibt er ihnen neues, unerschöpflich reiches Leben. Auf jeder Seite fast sind Anklänge an unsere engere Heimat zu finden: der Däumling reitet auf einem Taler von einem romanischen Palast in die Lande. Unverkennbar ist die romanische Burg Münzenberg. Oder ,enes hochgewölbte Säulenfenster, durch das „die Rabe" nach ihren verzauberten Brüdern schaut, jeder kennt es wieder, der einmal in der Gelnhäuser Kaiserpfalz war. Aber die Natur, die Landschaft, die Kunstwerke sind nie sklavisch kopiert. Die einzelnen Motive sind gewiß überall von einem liebevoll beobachtenden Auge herauszufinden, aber das Hessische ist in diesen Federzeichnungen zugleich so wesenhaft und überzeitlich deutsch, daß auch ein Niedersachse ober Ostpreuße, der nie die hessische Landschaft gesehen hat, sich heimisch und vertraut angesprochen fühlt. Daß die Reichsjugendführung vor einiger Zeit eine Neuauflage der Grimmschen Märchen mit den Zeichnungen von Otto Ubbelohde veranlaßt hat, zeigt, wie die deutsche Jugend und nicht nur die deutsche Jugend diese Märchen sehen soll: mit den Augen des großen deutschen Künstlers, dessen Kunst weiterleben wird als Geschenk an sein Volk. Oie ÜcKe nach Weißenfels. krzählung um Georg Friedrich Händel. Von Hans Gäfgen. Er war im Februar des Jahres 1692, als der Chirurgus Händel in Halle ein dringliches Schreiben seines Verwandten Georg Ehr,Man, Kammerdieners beim Herzog von Weißenfels, erhielt, mit der Aufforderung, nach der Residenz zu kommen, da ein erkrankter Hofherr sehr nach ihm verlange und feiner Kunst bedürfe. Zuerst schüttelte der Chirurgus ärgerlich den Kopf, denn es wollte ihm gar nicht paffen, in dieser kalten Jahreszeit zu verreisen. Zuweilen schneite es, dann wieder fiel Regen, wie es halt der Februar fo mit sich bringt. Der kleine Georg Friedrich, noch nicht ganz sieben Jahre alt, stand neben Mutter und Vater und weinte. Er hatte schon allerlei gehört vom Hof in Weißenfels, von der Musik und der Oper, die der kunstsinnige Herzog eifrig pflegte, und es war seit langem sein Herzenswunsch, einmal den Herrn Kammerdiener besuchen und womöglich ein Zipfelchen von all den Herrlichkeiten erwischen zu dürfen. Nun war die Gelegenheit da, aber der Vater wollte nicht. ,Das fehlte gerade noch", donnerte er eben wieder los, „daß man dir in der Residenz wieder mit Musik die Ohren vollflötet. Ich kann das Gedudel nun mal nicht leiden, du wirft einmal die Rechte studieren und ein gelehrter Herr werden, aber kein Hungerleider, wie die Musikanten es meist sind." Friedrich bat und bat. Vergeblich! Als am nächsten Tage der Wagen vorm Haus stand, mußte der Knabe zurückbleiben und allein fuhr der Vater in die Welt hinaus, nach Weißenfels, wo es Musik und Oper gab. Und feinen Geburtstag am 23. Februar mußte Friedrich auch zum erstenmal ohne den Vater feiern. Es war ein kalter Morgen. Der Chirurgus zog den Mantel fest an sich und sagte zum Kutscher: „Nun bin ich wirklich froh, daß ich den Friedrich zu Hause gelassen habe. Das ist kein Wetter für Kinder, das vertragen die Alten kaum, wenn sie nicht dann und wann einen tüchtigen Schluck nehmen." . Und schon langte der Arzt die Flasche aus dem Mantelsack und hielt sie dem Kutscher hin: „Stärk dich, Philipp, es ist kein edler Tropfen zwar, aber wärmen tut er exzellent!". Weil eines der Pferde plötzlich lahmte und ihm ein eingetretener Nagel ausgezogen werden mußte, gab es einen Aufenthalt. Als der Kutscher eben wieder ausstieg und zufällig rückwärts schaute, erblickte er einen Knaben, der sich in raschem Lauf dem Wagen näherte. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das der Friedrich!", rief der Philipp aus. Der alte Händel schnellte auf und erbleichte. Wirklich, der Friedrich kam angekeucht, atemlos und rief: „Vater, seid nicht böse, ich habe es nimmer ausgehalten zu Hause, nehmt mich mit!". „Prügel verdienst du, verstehst du mich?", antwortete der Vater, dessen Gesicht vom Zorn gerötet war, und es schien, als wolle er feine Drohung sogleich wahrmachen. Da bat der Philipp für den Knaben, allmählich legte sich des Vaters Zorn, aber plötzlich wurde er wieder nachdenklich: „Und die Mutter, wird sie sich nicht zu Tode grämen, wenn du verschwunden bist, Friedrich?". Schüchtern kam es von des Buben Lippen: „Die Barbara weiß, daß ich Euch nachgelaufen bin, Vater!". „So, so, die Barbara, die lacht ja stets zu deinen Streichen und entschuldigt dich, wenn es nur irgend geht. Heute aber ist es gut, daß sie Bescheid weiß, denn zurück können wir nicht, wir haben uns zu lange ausgehalten, so mußt du mitreisen, Friedrich. Sperr Augen und Ohren auf, Bub, daß die Fahrt dir zum Segen wird!" Am Spätnachmittag hielt der Wagen in Weißenfels beim Hofknopfmacher Leisetritt, einem Jugendfreunde des alten Händel. Hier sollte Quartier genommen werden. Sobald es aber anging und der Vater ins Schloß gerufen worden zu dem Patienten, lief Friedrich zum Kammerdiener Christian, der sich gleich fxei geben lieh, um dem Knaben die Sehenswürdigkeiten der Residenz zu zeigen. Das Schönste war das Schloß auf dem Berge, sonst war Friedrich ein wenig enttäuscht, denn es gab noch Strohdächer auf manchen Häusern, und das Straßenpslaster war auch nicht vom besten. Gleich aber war er wieder versöhnt, als der Verwandte vom Herzog Johann Adolf zu erzählen begann, von den Malern, die hier lebten, den Hospoeten Riemer, Linke und Neumeister. Richtig aufhorchen muhte der Knabe aber erst, als der Kammerdiener vom Hofkapellmeister Johann Philipp Krüger und seinen trefflichen Musikanten sprach, und dem Hoforganisten Edelmann, einem Meister auf seinem Instrument. „Und eine Oper gibt's hier auch, Herr Vetter?", fragte Friedrich. „Eine vorzügliche Oper sogar. Es trifft sich ausgezeichnet, denn morgen ist Vorstellung. Man wird das Trauerspiel mit Gesängen, betitelt „Nero, der verzweilelte Selbstmörder", ausfllhren, das solchen Beifall gefunden, dah das Publikum es zum fünften Male begehrt." Vom Rathaus wollte der Verwandte dann sprechen, dah es ein uraltes Haus und der Stolz der Stadt sei, aber Friedrich war und blieb bei der Musik, fragte, ob es wahr sei, daß es eine Sängerin hier gebe, die im Jahr fünfhundert Taler erhalte, und hatte gar kein Auge für das herrliche Gebäude, das da vor den beiden lag. „Ich werde dir", meinte der Vetter, „durch einen befreundeten Musiker einen Platz im Orchesterraum verschaffen, dann hast du Musik und Spiel in nächster Nähe." Friedrichs Augen leuchteten, und In der Nacht hatte er herrliche Träume, aber die Wirklichkeit am Abend übertraf sie dennoch. Ein richtiges Theater gab es in Halle nicht, da spielte man Puppenstücke im „Grünen Hof", aber hier in Weißenfels, da war die ganze Wunderwelt der Bühne aufgebaut, da mochte man hundert Augen haben, um alle die Herrlichkeiten zu sehen. Endlich erschien auch der Herzog und feine Familie in der Hofloge, der Kapellmeister nahm seinen Platz ein, das Spiel begann. Wie ein Mäuschen huschte der kleine Händel im Orchester umher, sah bald einem Geiger, bald einem Flötenspieler auf die Hand und gab acht, daß er von den Zuschauern nicht bemerkt wurde, auch nicht versehentlich an die große Baßgeige stieß, die, wenn sie umfiel, dröhnte, als ginge die Welt in Trümmer. Es war bald schön, bald schauerlich, und als Nero sich das Leben nahm, floß wirklich Blut, aber die Musiker erschraken gar nicht darüber, was Friedrich nicht begreifen konnte. Und als der Vorhang niedergerauscht war, packten sie die Instrumente ein und gingen gemütlich plaudernd hinaus. Wie bedauerte der Knabe den Vater, der während des Theaters in der „Goldenen Kanne" gewesen und eine Flasche Naumburger dem Spiel vorgezogen hatte. Am nächsten Tage, der ein Sonntag war, ging, wie der Kammerdiener erzählte, der ganze Hof zur Kirche. Friedrich hatte sich an der Tür des Gotteshauses aufgestellt, sah den Herzog und die Hofleute an sich vorüberschreiten und schlich sich bann, hinter dem letzten der dazu gehörte, in die Kirche und hinauf, wo Meister Edelmann seines Amtes an der Orgel waltete. Als nun der Knabe dem Orgelspieler aufmerksam auf die Finger sah, was Edelmann nicht leiden konnte, da es ihn störte und leicht aus dem Konzept brachte, räusperte er sich und suchte den Störenfried durch drohende Blicke zu vertreiben. Ms er aber einmal den leuchtenden Augen Friedrichs begegnete, fühlte er sich geheimnisvoll berührt, stieg während der langen Predigt zu dem Knaben herab und fragte ihn, wer er fei. „Georg Friedrich Händel heiße ich und bin mit meinem Vater zu Besuch in Weißenfels," ,Hast Freude an der Musik, Büblein?" „Ja, sehr, habe auch schon auf der Orgelbank gesessen in Halle bei Meister Zachau." „Einen Bären willst du mir aufbinden, BübleinI", lachte da Edelmann. „Mit Nichten, Meister, und wenn Ihr erlaubt, zeige ich Euch nach dem Gottesdienst, dah ich die Wahrheit gesprochen habe." Als der Schlußvers gesungen, erlaubte der Organist dem Buben, auf die Orgelbank hinaufzuklettern. Es war ein rechtes Wunder, so dünkte es Edelmann, als der Kleine nun in die Tasten griff, als habe er es schon viele Jahre getan. Aber auch der Herzog, der von seinem Platz zufällig nach der Orgel hinaufblickte, staunte, als er da ein Büblein sitzen sah und nicht Meister Edelmann. Am Nachmittag muhten Vater und Sohn aufs Schloß kommen. Der alte Händel wußte nicht recht, sollte er sich freuen über die Ehre ober sollte er traurig (ein, baß ber Bub nun boch roieber unter bie Herrschaft ber Frau Musika, ber ber Alte keineswegs gewogen, geraten war. Steif, bie einem Herzog gegenüber üblichen Worte gebrechselt vernehmen zu lassen, nahte sich ber Herr Chirurgus bem Fürsten unb seiner Gemahlin, inbes Friebrich kerzengerabe neben bem Vater einherging unb ben Blick frei auf bie herzogliche Familie richtete. Der Herzog, ber sich inzwischen genau über Hänbel unb seinen Sohn unterrichtet hatte, fragte ben Vater, was benn werben solle aus seinem Sohn, der schon mit sieben Jahren an der Orgel sitze und nichts als Musik im Kopfe habe. „Ein gelehrter Herr, Durchlaucht, einer, der die Rechte studiert unb angesehen ist im Lanbe." „Unb unglücklich, sehr unglücklich, lieber Chirurgus, weil er burch väterlichen Unverstanb nicht das hat werden dürfen, wozu ihn Gott bestimmt." „Zu einem Hungerleider, Durchlaucht, kann ich den Friedrich doch nicht werden lassen", wagte der alte Händel zu erwidern. „Nein, gewiß nicht, Händel, aber zu einem großen Meister, wie der alte Heinrich Schütz einer gewesen, der hier in Weißenfels gelebt und geschaffen hat." „Ja, Durchlaucht, ein Schütz wird nicht alle Tage geboren , meinte der Vater. „Ja, unb ein Knabe, ber mit sieben Jahren nur bie Musik kennt, ber feinem Vater nachläuft, nicht ber zu ermartenben Strafe achtenb, nur, um borthin zu kommen, wo es eine Oper gibt unb Musikanten, ein solches Kinb, lieber Hänbel, bas muh man hegen unb pflegen, baß es ein Meister wird. Versprecht Ihr mir, Herr Chirurgus, daß Ihr dem Knaben einen guten Lehrer geben wollt, der ihn geleitet in das Reich der Musik?" Der Vater nickte, unb so würbe bie Reise nach Weißenfels ein Wendepunkt im Leben des Knaben, der auffteigen sollte zu Ehren und Rubm, den Beethoven in seinen letzten Tagen ehrfurchtsvoll „Meister aller Meister" nannte. Verantwortlich: 0r. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Deühi'fche Univ er s itäts-Duch- unb Eteinbruckerei, R. Lange, Giehen.