Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1957 Zteitag, den 5.vezember Nummer 94 Ja, liebe Kinder, für meine junge selbstsüchtige Kraft waren die drei Minuten der Twdesfolter viel stärker als — nach der Erlösung — irgendein Geschehen. Und wenn ein Gedanke in mir war, war es der: daß von uns beiden einer hatte tot sein sollen — und daß nun einer es war. Ich hatte den Tod geschmeckt — er halte ihn bekommen. Ich glaube nicht, daß ich das nun unterscheiden konnte: und so war in uns beiden die Ruhe. , Erst als ich meinem Oberst gegenüberstand und erklären sollte, ließ meine Kraft nach. Der Nachmittag, der Nachtmarsch — nun summierte sich alles. Er merkte, daß ich am Einschlafen war, und schickte mich gütig nach Hause. Dort schlief ich den Tag über und die Nacht, ohne einmal zu erwachen. V ä te r u n d Söhne. Zwei Nachspiele hatte das Ereignis für mich — ein schlimmes und ein sehr gutes. Am Nachmittag nach meinem langen Schlaf faß ich beim frühstück mit meiner kleinen Mutter, die — wie immer im schwarzen Kleid und dem Häubchen — ihren Sohn nicht anzusehn wagte, als mir gemeldet wurde, daß ein Mann mich zu sprechen wünschte. Der im halbdunklen kleinen Vorzimmer gebeugt Stehende in bäuerlicher Kleidung ließ sich sogleich erkennen als der Vater des von mir erschlagenen Ulanen, wenn er auch doppelt sa alt war, mit einem rötlichen Hängeschnurrbart. Er nahm erst Haltung, um anzudeuten, daß er gedient hatte: trug auch Ehrenzeichen am Rock. Dann sagte er, er wäre gekommen, um sich bei mir zu bedanken. Denn ich hätte, sagte er, seinen Sohn vor der Schande bewahrt, durch eine Kugel zu enden oder im Jrrenhause. Er streckte mir die Hand hin, und ich nahm sie, die hart und furchtbar groß war und leblos wie Holz oder Leder. Dann hatte ich noch die Kraft, eine Weile zu stehen, eine Hand auf seiner Schulter, bis er sich denn zur Tür wandte. Ihr werdet begreifen, daß ich zu Mutter hm- einstürzte und brüllte. „, . Aber es war doch auch gul; denn fo löste sich das zlergft& Der General Von Albrecht Schaeffer Copyright 1934 by Rütten und Loentng Verlag, Potsdam Schluß. Eine Stimme fragte: „Sind die drei Minuten bald um?" Da war der Mann und die Karabinermündung. Meine Lippen sagten: „Nein." Und nun eine lange Leere. Dann fiel mein Blick auf die Hosen des Mannes, zog entlang an der roten Biese; und auf einmal lockerte sich etwas; ich sagte: „Mann — weißt du — wer ich bin?" i „Zu Befehl — Fahnenjunker von Krosigk." t „Gut. Und du kennst die Kommandos?" T „Zu Befehl — kenne Kommandos." j Ich hob meine Stimme: „Achtung!" Uni) dann: „Hahn — in — Ruh!" „Gewehr---ab." Und klapp und klapp — so wie meine Kommandos flogen seine Hände und Griffe. Gerade aufgereckt stand der Soldat, und ick) sprang vom Fenster seitwärts zur Hauswand. Ulrike — Ulrike — mein Gott! Der Atemzug ging bis ins Morgenrot — über den Dächern glänzt" es. Allein im Raum drinnen polterte es und stampfte, und während ich das Haustor, Stimmen und Tritte und Sporen höre, stürzt der rasend gewordene Mensch über die Fensterbrüstung ins Freie, den Karabiner in der einen, den nackten Pallasch in der andern Faust und sieht mich und fällt mich an. Aber er war so viel kleiner und wie blind; ich hole aus mit der Rechten und schlage von oben auf seinen Kopf, daß er Mfamm*nstürzt. Ich batte chn totgeschlagen. Zwar — meiner Faust allein, zumal sie von oben traf, hätte sein Schädel gewiß widerstanden. Indessen wußte ich nicht, daß ich in all der Zeit, während ich vor ihm stand mit dem Tod im Auge, die Hände in den Rocktaschen und mit der Rechten ein Ding von Eisen umklammert hatte. Das war mein leiblicher Halt gewesen — mein großer Torschlüssel, fast spannenlang. Mit dem — und mit meiner Kraft — schlug ich zu; und beide vereint waren zu viel. Aber nun war in mir Ruhe. Das zweite Nachspiel war, daß ich zum Kaiser nach Berlin besohlen wurde, der einen persönlichen Bericht von mir wünschte. Es war noch der alte Kaiser, Wilhelm I.. der damals, im August 1887, ein halbes Jahr nach seinem neunzigsten Geburtstag, ein halbes Jahr vor seinem Tode stand. Daher betrat ich das Arbeitszimmer, in dem er mich empfing, mit begreiflicher Bewegung, daß der uralte Mann, hinfällig und von der gefährlichen Krankheit seines Sohnes erschüttert, noch Teilnahme aufbrachte für das Geschick eines Fähnrichs. Ich habe die fast eine Stunde währende Unterredung mit soviel Details, als ich beobachten konnte, gleich danach zu Papier gebracht, um sie als teure Denkwürdigkeit zu verwahren. Er sah an dem warmen Vormittag im leichten Dämmer der Sonnenvorhänge im Erker vor seinem Schreibtisch, meiner Tür gegenüber, aber so, daß ich ihn im Profil sah — zurückgelehnt im Armstuhl; das ausrasierte Kinn im weißen Bart ruhte auf der Brust. Er war in bürgerlicher Kleidung mit der weißen Weste; seine Hände lagen auf den auseinandergesunkenen Knien. Der Adjutant vom Dienst rief halblaut meinen Namen, warf mir noch einen mahnenden Blick zu und ging, während der alte Herr langsam den Kopf hob und drehte. Bei meinem Anblick schlug er die Hände zusammen. „Nein", sagte er, „nein — das ist ja nicht abzusehen. So jung — und bereits so lang!" Und er fragte nach meinem Alter. Da ich als Fähnrich nun nicht mehr der jüngste war, mußte ich von meiner haprigen Gymnasialzeit berichten; er wußte aber, daß ich auf Kriegsschule la war. Ein Aktenstück lag auf dem Schreibtisch. Ich saß dann schräg vor ihm, und ich erinnere mich noch seiner Handbewegung nach meinem Czapka, als ob er ihn mir fortnehmen wollte, worauf ich ihn unter den Stuhl stellte. Seine Hände lagen wieder auf den Knien: und da konnte ich ihn nun sehn, leibhaftig, der schon fast eine Sage war, neunzigjährig, aus einem vergangenen Jahrhundert. Seine geröteten Lider waren feucht von den Tränen des Alters, aber die Augen blickten klar und freundlich, wenn auch sehr müde. Hinter ihm stand unendlich die Dynastie von einziger Größe — ihm, der selber kein großer Mann war, aber als Herrscher und Mensch Eigenschaften vereinte, die ihn im Alter zu wahrhaft menschlicher Größe erhoben. Deren Blick standzuhalten und Rede zu stehn, war nicht leicht. Nach einigen Fragen von ihm und Antworten von mir, die den Bericht, den er erhalten hatte, ergänzen sollten, geriet ich in eine zusammenhängende Darstellung, die ich wohl richtig machte, die mir am Ende -aber doch den Schweiß aus der Stirn trieb, zumal es im Raum wirklich sehr warm war. Er ließ mir dann Zeit, aufzuatmen, indem er still mit bekümmertem, sanftem Blick vor sich hin sah. „Es wird Ihnen", sagte er endlich, „eine Genugtuung gewähren, daß für den armen Menschen dieses der beste Ausgang war." Ich schwieg sekundenlang, ehe ich die Erwiderung wagte: diese Genugtuung hätte ich noch in mir nicht finden können. „Nun, nun — lassen Sie sich Zeit. Ich verstehe wohl — aber der Mann war ein Mörder, — sein Opfer einer meiner schneidigsten und fähigsten Ofsiziere, soviel ich hörte." Den Mund öffnend, sprach ich doch nicht, wurde indes van ihm ermahnt, nur zu sagen, was mir auf dem Herzen liege. ,^Jhre Aufführung war ja musterhaft", sagte er. „Ich lege Wert auf Ihr Urteil." So begann ich mit einiger Mühe auseinanderzusetzen, daß er ohne Zweifel die Wahrheit erfahren habe: daß aber der Rittmeister, wie im Regiment seit langem bekannt — als Mensch ein andrer war denn als Offizier. Ueberfpringenb nach einer Pause, während er einen Zeigefinger warnend bewegte, fuhr ich fort: Ich wisse nicht, ob der Bericht enthalten habe, daß der Leichnam des Mörders zwei blutunterlaufene Striemen im Gesicht aufwies, die nur vom Schlag einer Reitpeitsche her- rllhren konnten. Die Untat, sprach ich weiter, fei zwar nachweislich um dreiviertel drei Uhr des Morgens geschehen, und der Tote habe auch ausgekleidet im Bett gelegen. Doch war er erst nach ein Uhr in der Nacht heimgekommen, und diesem Zeitraum entspreche die Frische der Striemen. Er war so gering — daß der Vorwurf überlegten ober nur vorsätzlichen Mordes kaum erhoben werden dürfe. Ein Gericht, schloß ich, das alles in gerechte Erwägung zog, die bis dahin musterhafte Führung des Mannes und eine Empfindlichkeit, wie sie »ft gerade die Besten im bäuerlichen Stande auszeichne — Er unterbrach mich: „Ach, ich sehe schon — wie gut Sie das aus- gedacht haben, viel zu gut — für Sie selbst, allzu gewissenhaft. Da denken Sie nun — milde Strafe, am Ende mein Gnadenrecht, und mit Ihrer — Ihrer Notwehrhandlung hätten Sie das —" Er stockte, fand vielleicht das paffende Wort nicht. In meiner Er- cegung stand ich auf und sagt« beinah »einend: .Hch habe zu hart geschlagen." , t , Der ruhreiÄe alte Herr — ich mußte mich wieder setzen, und er gab sich erdenkliche Mühe, mich von meiner Unschuld zu überzeugen, und daß ich für mein Alter allzu subtil empfände. „Etwas anderes", sagte er, „nimmt mich wunder, und das war es eigentlich, weshalb ich Sie sehen wollte. Nicht, daß in den fürchterlichen Minuten Ihre Besonnenheit Sie verlassen hat. Aber — Sie waren doch zu dreien auf Ihrem Heimweg; die beiden anderen Herren waren alter als Sie und Ihre Vorgesetzten Wie kam denn das, daß da Sie die größere Besonnenheit aufbrachten und Gewissenhaftigkeit, muß ich sagen. Diese Frage so schön sie die Genauigkeit seiner Teilnahme an dem Vorgang offenbarte, setzte mich in Verlegenheit — um so mehr als ich der Majestät strack und rascher zu antworten hatte, als ich gemeinhin dachte. Wenn er, wie es schien, nichts von dem heiteren Nebel wußte, in dem sich die Kameraden befunden hatten, so war ja kein Gedanke daran, daß ich sie verraten durfte. Leider etwas stotternd, brachte ich die Rechtfertigung vor, die wohl gelten konnte: Majestät wisse wohl, daß es seinen Offizieren nicht erlaubt fei, sich in zivile und verdächtige Dinge zu mischen. Da lächelte der Greis überlegen und sagte: ,,Ssth an — also die Herren handelten recht — und Sre verkehrt? '.Majestät, ich war in Zivil." „Um so schlimmer für Sie. Ein Fähnrich sollte noch gar nicht wissen, was Zivil ist. Aber dann haben Sie wohl diese — ganz besondere Aufmerksamkeit — auf dem Gymnasium gelernt?" , . Er sah mich gottväterlich an — und erinnerte mich doch an den scharfgeäugten Lehrer, über den ich den Tisch geworfen hatte. Welche Worte ich gebraucht habe, um diese Pennälerbeklommenheit abzuschutteln, weiß ich nun nicht; ich versuchte jedenfalls verständlich zu machen, daß hier von keiner Schulbankgewissenhastigkeit die Rede sein könne; daß ich mich vielmehr in einem außerordentlichen Zustand befand — einem Zustand der Klarheit und Lebensfülle, dem das Unreine, Tödliche schlechthin unerträglich war. „ „ ... Der Kaiser sagte nach einer Weile: „Ach so ... Und dann mit dem Ausdruck des Batertums und auch der Höflichkeit, den seine Züge indes angenommen hatten: . „Nun — wer ist denn die glückliche pinge Dame? Es gab in jenen Jahren ein Wort, das für Augenblicke wie diesen meinigen geprägt war. Das Wort hieß: „Tableau!" und sollte wohl andeuten, daß der Betroffene zur Bildsäule erstarrte. Jedenfalls tat ich es. Meine Verlegenheit war nun unbeschreiblich. So heilig das Band mir war, das Ulrike und mich verknüpfte — diese Heiligkeit ließ sich nicht aussprechen, sondern nur das Illegitime kam zutage. Sprach ich nur den Namen, den der Kaiser zweifellos kannte, so erklang auch die ganze Dissonanz — meiner Jugend, meines Standes, meiner Armut — zwischen ihr und mir. In Wirklichkeit war zwar sie es gewesen, die sich mir verband; aber um den Verdacht des Gegenteils von mir abzuwischen, konnte ich wohl nicht ihr — Taschentuch nehmen. — Glutrot sah ich da, völlig stumm, und der gute Greis fing an, sich zu wundern. , Da habe ich denn den Namen genannt und noch einige Zeit Worte hervorgestottert, die mir sofort wieder entfallen sind, und mit denen ich ungefähr das zu erklären versuchte, was mir not schien. Ich hörte auf — als er sich langsam dem Schreibtisch zuwandte — unter dem Eindruck, daß er genug gehört habe. Er saß sekundenlang nachdenklich, sagte aber nichts, sondern versenkte auf einmal seine linke Hand in die Hosentasche — während ich mich erhob und zurücktrat. Das sehe ich nun noch heute, wie ich es damals sah: Er förderte eine Anzahl Schlüssel hervor, unter denen er auf der stachen Hand, mit dem Zeigefinger der Rechten diesen und jenen antippend, einen auswählte und mit ihm die Mittelschublade auffchlvß. Aus der halb aufgezogenen nahm er wieder einen Schlüssel und öffnete, indem er sich bückte, die linke Schreibtifchtür. Die Fächer drinnen waren mit Etuis und Kästen gefüllt; er brachte nach langem Tasten, halb kniend und leife ächzend, einen Kasten hervor, der von exotischer Lackarbeit war, und stellte ihn auf die Tischplatte. Und er sagte nun, aus dem Kasten und aus Hüllen von gelber und blauer Seide ein Ding wie ein goldenes Zigarrenetui voller Blumen und Schriftzeichen schälend, mit hochgezogenen Krauen: „Hat mir — hm — der Kaiser von Siam verehrt. Aber das Ding ist so schwer — na, versuchen Sie mal — Sie können's am Ende heben." Und indes ich gehorchte, sagte er, zu mir aufblickend, verschmitzt und vertraulich: „Wissen Sie, was ich glaube? Unter dem Gold ift’s von Blei. So - schwer ist ja gar kein Gold — aber die waren so schlau: die haben gedacht, siamesisches Gold, das kann für uns gar nicht schwer genug sein. Da haben sie's denn zü schwer gemacht." Sein ernster gewordenes Auge ließ mich die Anspielung auf meinen ,zu starken Schlag' wohl begreifen. Ich küßte seine alte Hand und weiß heute nicht mehr, wie ich mit den Kästen und Tüchern, mit Czapka und Säbel zur Tür gekommen bin. Das Etui hat nachmals, am Spionstop, für die Kugeln der englischen Scharfschützen eine solche Anziehungskraft gehabt, daß sie zweimal hineinschlugen. Erhielt es dabei mein Leben, so kam doch auch zutage, daß der Kaiser recht geraten hatte: innerlich* war's von Blei. Einige Tage später erhielt mein Kommandeur zugleich mit dem Patent, das mich außer der Reihe zum Setonbeleutnant beförderte, einen Bries des Monarchen, der — um es kurz zu sagen — unsre Verlobung zur Folge hatte; unter der Bedingung freilich, daß wir — unserer Jugend wegen — uns zwei Jahre lang nicht sahen, auch keine Briese tauschten, um uns selber zu prüfen und uns und allen,-die es anging, die Dauerkraft unserer Neigung zu beweisen. Ich habe diese zwei Jahre nicht beim Regiment verbracht, sondern im Ausland. Die beiden Kommandos jener Nacht hatten eine Sprachstörung beim Kommandieren zur Folge, die mich dienstuntauglich machte, mit den Jahren jedoch verging, spurloser als das ganze Erlebnis, das wohl aus meinem Bewußtsein versank, aber indem es aufging in meinem Wesen. — Verschiedenen Botschaften atta- chiert, weilte ich die längste Zeit in Sofia und knüpfte damals die Der. binbungen, die mich fünfzehn Jahre später zurückführten. . Die zwei Jahre der Trennung hatte ich acht Jahre spater doch sehr zu bereuen, da ich meine Frau nur diese acht Jahre behalten durste. Sie starb nach kurzer Krankheit. Ein Vierteljahr darauf ging ich zu den Buren. Dort verlor ich meine Unke Hand, als ob ich die nun auch nicht mehr brauchte. Nun, Kinder, wir sind am Ende. Nachschrift aus dem Jahr 1930. Liebe Kinder — die Zeit eilt dahin, ich bleibe schon lange am Ufer zurück und weiß nicht, wie lange ich das Vorübergleitende noch betrach, ten darf. Ein Anfall meines kleinen Herzleidens, das der Arzt unbebenf- lieh nennt, das aber mitunter mich doch bedenklich stimmen muh, lieh mich dieser Tage in alten Scharteken kramen, wobei dies Manuskript sich einfanb. Ich las cs n>icber — mit Rührung zuerst, mit Erstaunen und mit Befremdung. Mit Befremdung — denn die Lebenswärme, die zu mir auffheg, traf ein kühleres Herz und einen Geist, der sich vom Persönlichen schon gelöst und entfernt hat und nur noch im Allgemeinen leise töitterno herumgeistert — wie so ein erledigtes Faltergeschopf m diesem Spat- herbst, das kein Haften und Verweilen mehr kennt, fonbern nur noch auf unb nieber schwimmt im Strome ber Wärme unb Kuhle. Teuer und heilig ist mir dies Allgemeine noch — mit vielen und ahndevollen Gedanken über das Werden und Geschehen des Volkes und Reiches, des gesamten und des besonderen Stammes im Norden, aus dem ich bin, — ber Stämme sollte ich sagen — ober spiegelt meine Herkunft aus niebersächsischem unb märkischem Blut mir eine Einheit ber betben nur vor? Gedanken, sagt ich, die fteilich zumeist unter ber Sphäre liegen, wo sie sich wörtlich fassen und nieberschreiben lassen Unb mit Erstaunen las ich, weil nun vor meinen Augen die einzelnen Stücke, die ich schreibend nach und nach aneinandersetzte, mehr dem Empfinden unb ber Erinnerung gehorchend als einem Ordnungssinn, sich zu einem Ganzen zusammenschlossen, bas von feinen Teilen feinen entbehren möchte. Ob ihr mir zubilligt, daß biefes Ganze, wie es ba nun ist, Sinn unb Bedeutung zur Schau trägt für seine Zeit und ihr so angehört, daß es sich in keiner anderen denken ließe? Dann konnte vielleicht wirklich ber Wert, den es erst nur für mich halle, zu einem Wert auch für euch werden. Freilich fehlt ber größere Teil meines Lebens bann — ober vielleicht nur ber längere —> eines Lebens, das im Jahr 70 immerhin all genug war, den Stolz und bas Aufgangsleuchten, unb im Jahr 18 noch nicht zu alt war, um Demütigung unb Untergang ju begreifen, eo umfaß ich sie beide — nicht kummervoll — denn das Reich muh uns boch bleiben —, aber doch mit der alten heimlichen Sorge. Denn ber in Anführungszeichen zu fetzende „Friede" Europas hat unferm Volk Einbußen auferlegt, wie kein Lebendiges sie lange ertragt; unb ich lefe in der Geschichte nirgends, daß Feber und Rede Ketten gebrochen ober Amputiertes regeneriert hätten. Aber ich habe auch bas ungeheuerlichste Kriegsgeschehen, das im vierten Jahr durch keine Kriegs- Handlung beendet wurde, schon in feinem ersten Jahr wirklich beendet gesehn — an der Marne. Dort lieh ein zu großer Sieg einen zu großen Plan mißlingen. Dars ich aber mitreden? Der Stratege bin ich nicht geworben, als den mein Jugendauge mich sah. Denn als jene Traume reiften, als Erfahrung und Wissen gestillt war und zugleich die große Weltstunde schlug, in ber sie zu brauchen gewesen wären — ba war es bereits zu spät. Da war mein Wissen, wenn ich so sagen darf, bereits transzen- dental Es wußte bas Geschehende bereits nichtig, die strategischen Möglichkeiten verbaut. Unb der Schicksalsgeist wußte es nicht anders. £) wohl — wohl — niemand kann mehr begreifen, als bestenfalls seine eigene Zeit; und ich will nicht für undenkbar erachten eine höhere Strategie in einer höheren Stunde der Völker. Doch weiß ich, daß — was mich nur Erfahrung und Logik lehrten —, daß sich barüber — aus Urwissen — Friedrich der Große und Moltke und viele andere erlauchte Geister einig waren mit Vater Homer: ber Krieg fei bas größte Uebel. Daß es darum nur einen Grund geben könne, ihn zu führen — nämlich um ihn fo rasch wie möglich zu endigen. Und daß es nur darum nötig sei, Stratege — und zwar der beste zu werden. Denn ber Beste, ber am raschesten siegt, bringt auch bas rascheste Ende. Aber das ist nicht ber, der zu stark schlägt. Das alte Deutsche Reich und das alte Preußen — mir einzig teuer und ehrwürdig, weil es durch eine immer mit ihm wachsende Dynastie aus sandiger Nichtswürdigkeit groß und glänzend erblühte —, diese sind hin. Nur Wibematur kann sich gegen die Grenze sträuben, die allem Lebendigen von der Natur gesetzt wurde. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit." Reich und Formen mögen zerfallen, allein die Mütter gebären, unb immer schält sich neues Leben — solange ber Volksgeist lebt — blank unb tapfer ans Licht. Fangt denn von vorn an zu bauen, von Grund auf zur Hohe, oie unerkannt in den Wolken der Göller schwebt — ein neues Preußen, ein neues Deutschland, in einer neuen Fügsamkeit, die höheren Bestaub verbürgt. Ich, der kein General, aber der auch zeitlebens kein Träumer war, will nun einen Traum — ober nennt es Hoffnung, ja, nennt es Glauben — aus meiner abendlichen in die morgendliche Dämmerung stiegen lassen: den Traum von einem Starken, ber so hoch ist in seiner Kraft — bah er sie nicht braucht, um zu schlagen. ♦ Die Erzählung „Der General" von Albrecht Schaeffer ist im Rüllen & Loening Verlag, Potsdam, in einer fchönen Ausgabe als Buch erschienen. Stimmen im Advent. Von Hedwig Forstreuter. Die Schritte der Einsamkeit gehen ums Haus, Man kann sie zur Nachtzeit hören; Durch Tunnensausen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus Und Stimmen von fernen Chören. Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen Und hört es mit Freude, wie jemand rief Mit sanfter Stimme, dringend und tief, O Stimme über den Sternen. O Stunde des Wartens, so fern aller Qual Verstummt vor dem ewigen Lauschen, Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weißt es im Herzen, dies war schon einmal. Und es kam wie mit Flügelrauschen. Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen Und ruft um die dunkelste Zeit im Jahr, weil dunkel immer das Heilige war. Die Stimme über den Sternen. Oer Zausterfink. Eine Geschichte von OttoAnthes. Josias Vrederloh, aus dem Braunschweigischen stammend und nach einem abenteuerlichen Leben nun kurpfälzischer Schlotzhauptmunn und Kommandant auf dem Hohen Dilberg am Neckar, war der jüngste nicht mehr und auch schon ziemlich mitgenommen von seinen Kriegsfahrten in ineler Herren Ländern und Diensten. Er war aber darum noch keineswegs gewillt, auf die großen und kleinen Vergnügungen des Lebens zu verzichten. Nun war der Hohe Dilberg in Kriegszeiten wohl ein wichtiger Aatz, weil er das Neckartal sperrte und damit die kurpfälzische Haupt- itadt Heidelberg deckte, im Frieden jedoch ein einsamer und wenig unterhaltsamer Sitz. Und also nahm sich Josias Vrederloh zu seiner Gesellschaft ein junges Weib. Es war ein Fräulein aus einem kleinen pfäl- jifchen Adelshaus, in dem es verzweifelt wenig zu brechen und zu ieißen gab, weshalb die Sippe allem Adelsstolz zum Trotz stoh war, !ie Tochter an den ältlichen und fremdstämmigen Kriegsmann loszu- verden. Die junge Frau fand sich auf ihre Art in den neuen Zustand, ndem sie nämlich den ganzen Tag auf der alten Feste herumschalt und inerte, weil ihr alles nicht gut genug war. Da dies aber, wie jeder Igürte, nicht einer Bosheit ihres Herzens entsprang, sondern nur eine Ablenkung ihres unbändigen Lebensdranges war, so nahm es ihr eigent- lch keiner übel, am wenigsten Josias Vrederloh, der nur krachend lachte, venn sie ihm zum so und sovielten Male am Tag den grauen Kopf rusch, daß es eine Art hatte. Er nannte sie mit einem aus seiner nörd- ichen Heimat mitgebrachten Scherznamen seinen „Zausterfink". Und weil tes Wort in ihrem pfälzischen Wörterbuch nicht vorkam, gab es ihr innrer wieder Anlaß, noch heftiger zu zaustern. „Du braunschweigischer Stockfisch", schalt sie, „du kannst nichts als lichen. Kein einziges vernünftiges Wort weißt du zu sagen." „Doch", erwiderte er. „Zausterfinkl" Und lachte noch krachender. Es Hang, als ob einer ein dickes Brett auseinanderbräche. Das ging fo eine ganze Zeit wunderschön, bis der Schloßhauptmann tines Tages merkte, daß eine Veränderung eingetreten roar: aus seinem Lausterfink war schier über Nacht ein kleines betrübtes Vögelchen ge» iwrben. Er staunte ein paar Stunden lang über dieses Naturereignis. Hann aber fragte er sie geradewegs: „Was hast du, mein Zausterfink? Lu zausterst ja nicht." Sie sah ihn aus vorwurfsvoll traurigen Augen an und antwortete: -Kch bin verliebt." Josias zerbrach zunächst einmal ein besonders dickes Brett, ehe er sichst vergnügt weiterfragte: „In wen denn?" „3n deinen jungen Seutenant." Da wurde der Schloßhauptmann ganz still. Er kratzte sich erst den «pf und dann das rechte Bein,'das schon manchmal Anwandlungen von pipperlein hatte, murmelte darauf: „Verflucht, verflucht!" und sand end- ch wieder festen Boden unter den Füßen. „Wie weit seid ihr denn schon miteinander?" erkundigte er sich und Jtö sich Mühe, feiner Stimme einen harten Klang zu geben. „So weit, daß jeden Augenblick ein Unglück geschehen kann", sagte sie Vor diesem Ton wurde er vollends ratlos. „ „Ja, was soll ich denn dabei tun?" sagte er, nun auch seinerseits »-glich. ,^hn fortschicken", riet sie mit einem Tränchen im Auge. .. Er starrte sie an wie ein Wunder. Dann nickte er gewaltig^ mit '!r«em bicken Schädel und sagte, erlöst und befreit: „Soll geschehen. , Selbigen Abends noch ritt der ßeutenant seelenvergnügt gen Heidel- •e,S) ab. Denn der Schloßhauptmann, der ein grundguter Kerl war, hatte M verraten, was in dem Briefe stand, den er ihm an die kurpfalzisch« "egskammer mitgab: daß es nämlich schade sei um den jungen tüchtigen ÜRann, wenn er auf dem Dilberg versauere. Man solle ihm einen Bosten geben, wo er mehr zu tun und heftiger zu leben hätte Indes — wenn Josias gedacht hatte, daß nun alles gut sei, dann batte er sich getauscht. Sein Weib ging weiterhin still und versonnen durchs Haus und kein kräftiges Wort kam aus ihrem Munde. Er fragte fte: „Tuts sehr weh, daß er fort ist?" a .. fa9fe„ f’c verächtlich. „Der hat ja übers ganze Gesicht ge» ftrarjlt, daß er wegkam. Nun ist er weg, auch aus meinem Herzen." „Ja dann —" zögerte der Schlaßhauptmann. Aber er vollendete nicht, |onöern ging in feine Stube und lief in tiefen Gedanken darin auf und ab. „Wenn sie nicht mehr in ihn verliebt ist und doch nicht wieder zauftert, dann ist es überhaupt darum, daß sie einen alten Mann hat." Er trat zum Spind, langte fein großmächtiges Reiterpistol hervor, das ihn auf all feinen Feldzügen begleitet hatte, und legte es vor sich auf den Tisch. 1 ' „Das hätte ich auch nicht gedacht", setzte er fein stummes Selbst- gefpracb fort, „daß ich mir mit diesem braven Schießeisen noch einmal selbst eine Kugel vor den Schädel brennen würde. Aber was soll man machen? Soll man ein junges Menschenkind kreuzunglücklich werden kiffen, weil man als alter Knabe noch so luftig ist, daß ‘man ein junges Weib haben mochte? Das will die Natur nicht, und.alfo muß die Schieß» kunst helfen. ' u Er war aber in eine so tiefe Mutlosigkeit seines sonst so tapferen alten Herzens verfallen, daß er noch eine Weile zauderte zu tun was er feft vorhatte Und plötzlich stand fein Weib in der Stube hinter ihm. Als sie das Pistol auf dem Tische sah, brach das Gezauster mit Macht über ihre Lippen. ’ „Du alter Kracher", rief sie, „was soll denn das bedeuten? Bist du etwa ganz verrückt geworden? Oder was fehlt dir sonst?" sie bas Pistol vom Tisch, schmiß es in das Spind zurück, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche, die sie am Gürtel trug. Uno Zeterte unaufhaltsam weiter: „Das wär mir ein rechtes Helden» stuckchen, daß du dich davon machtest, damit ich nachher gar keinen hätte. Glaubst du, es würde mir Spaß machen, als arme Witwe der Sippe auf dem Hals zu liegen? Denn hinterlassen tatst du mir ja auch nichts, außer deinen alten Wämsern, den Reiterstiefeln und dem Schießeisen da drin. Mit dem könnt ich dann ja wohl auf die Männerjagd gehen, bafe fu erft recht davonliefen. Du alter Esel, du gutes dummes Schaf! Nichts kannst du dir recht überlegen, und wenn ich nicht wär, machtest du nichts als Torheiten und Narrenstreiche." So ging es noch eine gute Weile weiter, und der Schloßhauptmann wurde immer fröhlicher dabei, er zerbrach ein Brett nach dem andern, bis es em ganzer Stapel war. Zuletzt fing er sich den wilden Vogel und erstickte mit seinem dicken Schnauzbart das Gezauster des schnellen'Schna» bels. Was allerdings auch auf die Dauer nicht glückte. Nun herrschte wieder wie vordem der fröhliche Krieg auf dem Hohen Dilberg, bis ein ernsthafter Krieg ihn abzulösen sich anschickte. Der Kur» fürst von der Pfalz, Friedrich der Fünfte, hatte sich zum König von Böh, men wählen lassen und damit den grimmen Zorn des Kaisers geweckt. Der warf ihn zuerst aus Böhmen hinaus, daß der arme Fürst flüchtig gehen mußte, und war nun drauf und dran, ihm auch fein angestammtes Kurfürstentum zu entreißen. Von zwei Seiten rückte der Feind gegen die Pfalz heran, vom oberen- Neckar der Tilly mit dem Heer der Liga, und von Süden die Spanier unter Spmola. Der Schloßhauptmann Josias Vrederloh hatte alle Hände voll zu tun, um feinen Dilberg in gut-n Verteidigungszustand zu fetzen. Und feine Frau war Tag für Tag und auch einen Teil der Nächte damit beschäftigt, die Keller und Vorratskammern mit Proviant zu füllen. Darüber wurde sie abermals still und in sich gekehrt. Josias fah es, und feine Gedanken fingen wieder an, die alten Wege zu gehen. „Sie denkt daran", sagte er sich, „daß mich hierbei der Teufel holen könnte und daß sie bann frei wäre." Aber es machte ihn nicht klein und traurig wie damals, dies zu vermuten. „Sie wird auf eine anständig? Art Witwe", sagte er sich befriedigt. „Und ganz so arm, wie sie meint, wirb sie auch nicht sein", fuhr er listig fort. „Ich hab heimlich drunten in Neckarsteinach ein hübsches Haus gekauft mit einem großen Garten, einem netten Weinberg und auch ein paar Aeckerchen mit Wiesen. Das ist ihr vermacht und verschrieben. Wenn sie dann so nachher ein bißchen etwas in die Milch zu brocken hat, wer weiß —? Jung ist sie noch immer und sehr ansehnlich auch —" Der Krieg nahm einen üblen Gang. Tilly schlug den Markgrafen von Baden, der für den Kurfürsten kämpfte, bei Wimpfen aufs Haupt und rückte vor den Hohen Dilberg. Josias Vrederloh wehrte sich wie ein Löwe, aber es half ihm nichts. Nachdem sie feine Mauern zufammen- geschoffen hatten, drangen die Feinde in die Feste. Josias verteidigte noch mit dem übriggebliebenen kleinen Häuslein seiner Leute, auf der Freitreppe stehend, feine Kommandantur. Da traf ihn eine Musketenkugel, und als er zur Erde sank, gaben auch die Letzten den Widerstand auf. Schon stürzten sich drei oder vier von den Tillyschen auf den am Boden -Liegenden und schickten sich an, ihm mit Piken und Säbeln den Rest zu geben. Da fegte wie ein Sturmwind aus der Tür des Hauses ein Weibs- wesen heraus und überschüttete die Kerle mit einem wahren Gewitter von Gezeter und Geschimpfe. Ob sie Christenmenschen oder wilde Tiere wären, schrie sie, daß sie einen alten wehrlosen Mann verhackstücken wollten, der bis zum Letzten seine Pflicht getan habe? Schämen sollten ie sich in ihre dreckigen Seelen hinein und sich alsbald zum Teufel cheren. Sonst ginge sie geradewegs zum Tilly selbst, der zwar ein Mordbrenner sei, aber doch auch ein Offizier, wie der da am Boden. — Die Tillyschen waren derart verblüfft ob solcher ungewohnten Behandlung von feiten eines Weibes, daß sie wirklich von dem Verwundeten abließen. Und da im selben Augenblick einer durchs Tor rief, daß der Feldherr eben einritte, so wandten sie sich und traten zur Seite. Die Frau aber kümmerte sich weiterhin weder um sie noch um den gewaltigen Tilly, der zu Pferd unterm Tor hielt und erstaunt auf das Schau- piel blickte, das sich chm auf der Freitreppe der Kommandantur bot. Oie Lesusgeschichte. Bon Hermann Claudius. wegseins Kopf: Derantwortltch: 0r. Han» Thyrio«. - Druck und Derlag: Drühlfche Universität» druckerei R. Lange, Vieh en. Kaum aber hatte ich aus dem engen Dunkel der Terrasse die Straße erreicht, wo bereits die ersten Laternen angesteckt wurden als em un- aeheurer Lärm von der Stadtseite her aufsprang und schnell naher kam Es ratterte und ratterte, und auf einmal erkannte ich an dem grellen Bellen der Klingel, daß es die Feuerwehr war, die dort herantollte. ,, . Da waren auch schon die ersten Wagen mit der Mannschaft in ihren schwarzen Schutzhelmen mit den blanken Raupen. Der, Lenker hielt w vorgebeugt die gelblederne Leine. Die herrlichen Tiere jagten im Galopp mit wehender Mähne dahin, als wühlen sie, warum. f)inter dem Lenker stand ein Behelmter und regierte die Schelle, wahrend der Mann m der Mitte des Wagens die schwelende Fackel hielt. Die übrigen Manner standen links und rechts längsseits oder sahen. Der Fackelschein huschte hin und her über ihre trotzigen Gesichter Danach kam d>e Dampfspritze mit dem Viergespann davor. Der dicke Kerl hinten stokerte ungeachtet der schnellen Fahrt geruhig in der roten Kohlenglut unterhalb des Kessels, dah einzelne Glutstücke auf das Pflaster sprangen. Zuletzt kam schwankend die grohe Leiter. Aber vor allem waren es die Pferde, die herrlichen blanken und schlanken Pferde, von denen ich kein Auge ließ und im Trabe nebenher rannte, damit ich sie desto länger betrachten konnte. Ich glaube, meine blohen Haare flatterten mit den Hellen Pferdemahne« um die Wette. Ja! Vier Mark und fünfunddreihig Pfennigs Der Mann 'legte feine Hand auf meinen Kopf und fugte: „S.eh m°L so genau weißt du das, Wie konntest du sie dann, nur verlieren? Dann langte er in seine Rocktasche und zog «me grüne seidene Bors« hervor, die genau so aussah, w,e meiner Mutter ihre 'Vt es dies« vielleicht?" — sagte der Mann und hielt mir die Bors« hin" Ich qrifs hastig zu und fühlte die knirschende Seide und suhlte die' einzelnen Geldstücke und fühlte es mir warm ums Herz kriechen und sagte glückhaft erschrocken: „Ja, das ist fiel „Dann halte sie nun aber besser fest - sagte der Mani ^ Und während ich noch immer leise ungläubig aus das Wieüervor bandene in meiner Hand staunte, war, als ich endlich aufsah, der Mann verschwunden. Ich blickte links und rechts die Straße hinauf und hinab aber ich sah ihn nirgends mehr. Ich hüpfte zum Kramer Paart und zahlte die Wochenschuld und vergaß, dah er stempeln sollte, und kehrte an d°r Tür wieder um und rief so laut, daß alle Leute mich ansahen: „Aber stempeln, Herr Poort, aber Quittung stempeln lHoppa^ Ich hüpfte mit den wenigen dazugekauften Dingen — Käse, Zucke und Schmalz - zur Mutter zurück, legte die Tuten aus den T.sch.und Börse auf ihren Schoß. Dann setzte ich mich aus einen Stuhl der Mutter gegenüber und sagte gar nichts. „Was siehst du nnch denn so seMam an Junge?" - fragte die Mutter - „es stimmt doch alles!" „Ja, Mutter" __ sagte ich und weiter nichts und den ganzen Abend nichts und den andern Tag auch nichts. Denn in mir war ein großes Streiten ausgebrochen und tobte durch meinen Kopf lauter als die Feuerwehr durch die Straßen getobt hatte. Wie war es gewesen? Hatte ich nicht den Himmel um em Wunder g beten? Ich hatte es nur leise getan, aber getan hatte ich s Und war der fremd« Mann mit dem schmalen Gesicht und den freundlichen Augen Ml», »n» Ich burft; d.. (. *■ mandem erzählen. Alle würden mich auslachen Es konrüe ,a nicht der Herr Jesus gewesen sein. Und das vom Jüngling zu Rain war d) bloß eine Geschichte und ewig lange her. Aber ich trotzdem nicht mit mir ins Reine und lies wie versessen in meinen Gedanken umher. baß Peter Arp sagte: „Mensch, was ist das mit brr? Habt ihr geerbt. Nein wir hatten nicht geerbt. Aber weiter verriet ich auch nicht. Zwei Tage später sagte Peter Arp und kniff dabei das linke Auge zu sammen: „Du - ihr habt doch geerbt." Ich sagte wieder nichts und muhte mir das schlimmste Wort bieten lassen, das es unter uns Knaben gab: „Du Feigling du!" — sagte Peter Arp und dabei spuckte er aus. Ich^aberlernte mU einer Lust und einem Eifer, die ich sonst nur im Zeichenunterricht aufbrachte, die Gleichnisse und Jesusgeschichten aus mcnbig. Und als eben vor Ostern die Geschichte vom Abendmah e zählt ward und die vom Garten zu Gethsemane war ich stitl und r chüg traurig, und auf den Judas Jscharioth hatte ich eine wirkliche Wut im ^^Erst^'viel^'später habe W an einem ruhigen Sommerabend als ich neben meinem Baler auf dem Sofa saß und 'nem Vater wieder s°m lanae Pfeife rauchte, von der verlorenen und wledergefundenen Bon erzählt und von dem Manne mit dem fchmalen Gesichte und den großen freundlichen Augen. Ob es Jesus Christus gewesen fein könne hab« ich dann meinen Vater gefragt und meinen Kopf an seine Schulter g legt und gewartet. Mein Vater hat lange Zeit ftillgeschwiegem Dann faate er an seiner Pfeife vorbei und ohne mich anzusehen: „Gewiß war es Jesus Christus! Gewiß war er es! Warum sollte er es mäst gewesen sein, der große Wundermann? Glaube es nur fest, aber rede usüsi b über. Man muß den Mund halten können, sonst ist es dahin. Dabe wa mein Vater mich fest an sich. Und der dicke Rauch aus seiner langen Pseif« fuhr mir wie eine Wolke über das Gesicht. Ich hielt still, obg es mir in den Augen brannte. «»dlick mußte ich stoppen. Das Feuer schien weit weg zu sem Mit trauer irn Henen sah ich die leuchtende lärmende Pracht um die E Ecke entschwinden. Meine Aufregung sackte. Der Kramer Poort - ja, ja, zu dem mußte ich nun zuruck. ass srsäk?»-!* ms ms= baü« wa? ick so klug oder so dumm wie vorher. Wie war es bloß ÄsCns» W? » (Fg half auch nicht. Die Börse blieb weg. auf Erden gewandelt hätte — als ich beinahe gegeneinen Mann an vlöklick am Wege stand und mich lächelnd ansah. je'S"£ war groß und Hage?und schmal von Gesicht Er trug feinen fiut Sein Haar und Bart waren hell und rote Wellen. Aber eigentlich sah ich nur seine großen sreundl’^ älugen Vas snnf ein weniges geneigt, auf mich niederblickte. Er fragte, „was stichft du' Denn Ser Da konnte ich'den Tränen nicht mehr wehren und schluchzte mein« große Not stotternd heraus. Der Mann sagte: „So, so. War denn sehr viel Geld m deiner Bors«. Als jemand einmal zu Hause über di« Gestalt Christi «ine werfende Bemerkung laut werden lieh, setzte mein Herr Vater lange Pfeife mit einem Ruck ab und sagte mit Zuruckgeworfenem Was einer nicht wisse, das wisse er eben nicht. Ihm aber sei fein Herr Jesus im Leben begegnet - und er könne wohl sagen: leibhaftig. Aber darüber rede man nicht. , x , Dieses Wort meines Vaters, ruhig und bestimmt gesprochen, horte ich mit heimlichem Erstaunen. Es schien mir rote der Anfang eines wunderickönen Märchens. Aber nach Knabenart vergaß ich es darauf bald Ld e7ft lang? danach sollte ich es am eigener, Lech« erfahrem Meine Mutter hatte mich zum Kramer Poort geichsüt. Es war an einem Samstag, wenn bezahlt ward, was die Woche über zu Buch geschrieben worden war. Die Mutter hatte nur deshalb ihre Börse mit' acneben einen Beutel mit zwei Zipfeln und einem mittleren Einschnitt, üb®räen Zwei hölzerne Ringe als Verschluß geschoben wurden. Diese Börse war ein Hochzeitsgeschenk der Eltern, das wußte ich- Sie wo au? grüner Seide gehäkelt, die seltsam zwischen den Fingern knirschte. Gib aut acht!" - hatte die Mutter gesagt - und nur die vier «Diart sünstmdd/eißig Pfennig genau vorgezahlt. ^Unddaherjade Duittuna stempelt!" — rief sie nur noch nach. „Ja, Mutter haue ich geantwortet und war damit schon die halben Treppen hinunter- DI« Frau war neben ihrem Josias niedergekniet und hatte seinen Kopf WbW S 88. «<£ ^'unNndem sie weiter Walt, daß er eben nie d°- Richtige zu sagen , ^Begrabtden Mann und laßt sie in Frieden!" sagte der Tilly. Oezemberabend. Von Georg Schwarz. Um der Laternen Flimmerkreis Tanzt Schnee wie weiße Mücken, Die Flockenschatten huschen leis We Mäuslein übers Linnenweiß Und schlüpfen in die Lücken. Weiß pudert Straße sich und Haus, Behaubt sich Dach und Giebel, Ein alter Mann trägt Tannen aus, Schneebärtig wie Sankt Nikolaus In einer Kinderfibel. Der frostige Dezemberwind Tanzt auf dem First und fächelt, Ein Mädchen träumt vom Himmelskind, Schaut in die Luft fchneezauberblind Und geht besternt und lächelt.