Gießener Kumlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |93Z Montag, den 3. Mal Nummer 3$ Der Stechlin Roman von Theodor Fontane 27. Fortsetzung. Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt, durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er auf. Und nun waren die beiden alten Geschwister allein. Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die X-iror» flaschen standen. Er wollte was sagen, traute sich s aber nicht recht, und erst als er zu zwei Cnraxaos auch noch einen Benediktiner hinzugefugt hatte, wandte er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und her zog. „Ja", sagte er, „jetzt sind sie nun wohl schon in Wollersdorf." Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde natürlich aus- hole'n lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren. Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid tun Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Komtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich mochte sagen, je verwöhnter sie sind ..." „Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.' „Nun, das ist nicht schlimm." .... _ .. Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken wollte." „Du hosfentlich auch." , Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern muhte. Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eme Dame war. Aber Engländer waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Bem- Neider umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eme B us und einen Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte, trotzdem sündundzwanzig Grad Warme waren. "UndZwischen'Ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognak und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, die sie blies. „ „Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben. * Unb ich verwette mich, biese Melusine raucht auch. .. "Ja warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine nicht rauchen?" . •“STÄ*. Ach. »«lh.lt., mir «6« so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du "Ährt nl* "Nd „»W. nur M « dessen du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine Borstellungen dabei) den Namen Melusine. „Kann ich beinah jagen." "3a Sch west«" du "hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und "" K'rchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelhe d«. Dao Schluß-,e' ist bei der schlechten Wirtschaft m unserrn Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht. "Warum? B«mscht^ist°^n ganz gutes Wort. Und ^h^ich^chon Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schonen Namen Unö als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem tz Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann vonl der Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Ade Heid wenn . ch d e m gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt M't Graf.n Melusine so hatt ich mir den Mann als eine halbe Bombe üorfteUen mu|l Brief- Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle,Bnef^ beschweret bloß .Kugelmänner': ne Flintenkugel oben und z 8 kugeln unten. Und natürlich ne Kartatschenkugel als Bauch m der Mitte. Das Feuerveijicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie'n Strich." „Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will." „Küss' die Hand ..." „Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlaß' es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person ..." „Ich bitte dich, Adelheid ..." „Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unfern armen Woldemar daneben denke! Der is jo. solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch grabe deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und -wiegen in t»n Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als Woldemar. Er sah sie immer an wie ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?" „ Hochzeit. 32. Kapitel. Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte. Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fuß, wie stets, wenn das Wetter umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte. , „Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und wo ist Woldemar?" Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte. „Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih, Melusine. Da möcht ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl erfahrungsgemäß ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn." Armgard lachte. „Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an, und der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so." „Bann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt." Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand. „Dann bin ich beruhigt", wiederholte der Alte. „Melusine gefallt fast' immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es gibt so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles, was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle beschränkten und ausgesteisten Individuen, alle, die eine bornierte Vorstellung vom Chri- stentum haben — das richtige sieht ganz anders aus —, alle Pharisäer und Gernegroße, alle Selbstgerechten und Eitlen fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat, bann lieb ich ihn schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen Uebrigens könnt es kaum anders sein. Der Apfel fallt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da? Ich meine, von Verwandtschaft?" „Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz", sagte Armgard. "Das ist die Schwester des Alten?" „Ja. Papa. Aeltere Schwester. Wohl um zehn Jahr alter und auch nur Halbschwester. Und eine Domina." „Sehr fromm?" „Das wohl eigentlich nicht." , , „ "Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben. 2inun° Melusine.^ dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber ""^,Fast könnte man’s sagen", antwortete Melusine. „Doch paßt es auch wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch." „Ah, ich versteh. Also komische Figur." „Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach zurückgeblieben, vorweltlich." Der alte Graf lachte. „Ja, das ist in allen alten Familien so, vor allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhaus«, drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich, einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo — der in dem Stück von Shakespeare vorkommt — aussah, und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hieß es': ,Ach, das ist ja Onkel Manchs«.' Solche Onkel Manasses gibt es überall, und sie können unter Umständen auch Tante Adelheid heißen." Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich, und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurde auch Armgard mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren, gewesen sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen. Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte. „Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten, sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung, beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine kluge Seele, denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann ich leben." Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh zurück, aber ihr Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort. glaube", sagte Armgard, „du legst zuviel Gewicht aus das, was du das Aests^hijche nennst. Und Waldemar tut es leider auch. Er läßt auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig, sei bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art geboren." „Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche, zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir, diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl hat, sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich ausausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser .dunkles Mittel- alter' — schönheitlich stand es höher als wir, und seine Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren gar nicht so schlimm." „Ich erlebe noch, lachte Armgard, „daß du nen neuen Kreuzzug oder ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich untereinander. Welche Gefühle?" „Darauf ist leicht Antwort gegeben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das muß, daran sind wir schuld, und daß kann sie uns nicht verzeihn." „Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht gar so eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Berstand." Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die meisten. Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht roeirig, und schließlich — ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen — ist diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz. Und nicht mal grün gestrichen." „Und der Alte? Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn." ,L> der; der ist hors de concours und geht noch über Woldemar hinaus. Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?" „Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles von dir gemeint ist. Uebermut und wieder Uebermut. Aber er ist doch am Ende noch nicht so steinalt. Und du, so lieb ich dich habe, du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten von Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und womöglich noch allerhand dazu, zu verlieben." „Jedenfalls mehr als in den, der diese Kompliziertheiten darstellt oder gar erst schaffen soll ... Also sei ruhia, freundlich Element." 33. Kapitel. Das war in den letzten Dezembertagen; auf End« Februar hatte man die Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst war aber dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht "ignen Lebhastigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie — ganz abgesehen von ihrem teuren Fromme! — die Berliner Garnisonkirche weil vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und ein Gotteshaus, drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin ständen, so doch andre, die kaum schlechter wären) — eine historisch so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys unferm Altar. Woldemar war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch- militärisch zu finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage nach .Verbleib oder Nichtverbleib' in der Armee durchgesprochen wurde, lachend erwidert hatte: „Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied; ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr noch für Major." Aus drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Bersicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen, als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienft, vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte. „Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?" „Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr." ' Fromme! traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß Neugierigen, die sich, ehe di« große Orgel einsetzte, die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Graf, was man ihm auch noch ansehe, fei in feinen jungen Jahren unter den Carbonoris gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sach« geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf auch recht gut gewußt habe), hab« er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof. Und Friedrich Wilhelm IV., der ihn sehr gern gemocht, hab« auch immer Italienisch mit ihm gesprochen. Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen en petit comifö, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der weitaus größte Teil der Gesellschaft fetzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. „Trösten wir uns", sagte Melusine mit einer sie kleidenden Ueberheblichkeit. Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein behufs Abschluß [einer landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer Regimentskamerad von Woldemar) und des weiteren ein Doktor Pusch gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten. Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise Schwiegerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte, so ließ Fromme! das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verkeilt waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar, am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher ange- freundet, und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging, sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren Prioatunterhaltung nicht weiter behindert. „Ihr Herr Sohn", sagte Frommel, „wovon ich mich persönlich überzeugen konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei ihm einlogiert haben?" „Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch bloß di« Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was immer das Beste bleibt, in einem Hotel untergebracht/ „Und Sie sind da zufrieden?" „Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich bin noch aus der Zeit von Hot«! de Brandebourg, an dem mich immer nur die Französierung ärgerte, — sonst alles vorzüglich. Aber solche Gasthäuser sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich noch Leutnant war, freilich lange her, mußten alle Witze von Glaßbrenner oder von Beckmann fein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte: ,da hat ja wieder der Beckmann ..so war man mit seiner Geschichte so gut wie raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. Alle müssen .Bristol' heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehen haben? Viele gewiß nicht, denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und Neuyork fahren, sind in unferm guten Berlin immer noch Raritäten. Uebrigens darf ich bei allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie fei mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht. (Sortierung folgt.) Handwerker. Don Josef Weinheber. Das Unsre ist zwar Werk der Hand, doch hat es, durch die Kunst, Bestand. Wer seine Sach von Grund auf kennt, mit Recht sich einen Meister nennt. Ein G'wölb, ein Schild, ein grober Sinn, da ist zum Bürger nicht weit hin. Der Kreis ist klein, der Ausblick schmal, doch reicht's noch wohl zum Original und gibt — wer groß ist, hat das kaum — der Menschenwürde füglich Raum. Nun läuft heut freilich nicht die Zeit auf Füßen der Zufriedenheit. Doch geht es karg und donnert's fern, wir haben unsre Lieben gern, den Winkel still, die kleine Stadt, wo gute Zunft noch Ehren hat. Gott geb, es geh mit Kunst und Fleiß ein’ Zeitlang noch im alten Gleis, eh daß uns, hilf Herr Jesu Christ, unrettbar die Maschine frißt. Das Mädchen Ursula. Von Josef Martin Bauer. Nun war den zwei Männern ihre Hilfe weggestovben, die Agache, die so grob wie anständig gewesen war. Magnus besah die angescheuerten Fußböden und trauerte ernstlich um die hilfreiche Frau, Florian spielte mit dem silberigen Lanzett vor dem toten Körper und bedachte den Fall chirurgisch, denn Agathe war an Krebs gestorben. Drei Tage später schrieb Florian einen Brief an seinen Bruder und fragte fo nebenbei, ob der Bruder keine neue Agathe wisse für den städtischen Haushalt. Magnus lehrte an einer großen Schule Latein, ein grobes Latein zwar ohne allen Schwung, aber ein solides Latein, denn er kam von den Bauern her. Florian kam aus demselben Dorf, und er war ein Chirurg geworden, dem man viel Können und eine wütende Arbeitskraft nachsagte. In der Stadt freilich hatten sie sich beide nie ganz zu- rechtgefunden. Mit ihrer bäuerlichen Zähigkeit schlugen sie sich bis zum Erfolg durch, aber vor den Menschen blieben sie hilflos und an den Frauen scheiterten sie völlig. Darum wohl kam es, daß sie mitten in der Stadt das Dorf wieder aufmachten: sie nahmen eine Wohnung mitsammen, das vereinsamte Leben mitsammen und die rauhe Agathe mitsammen, die ihre Wäsche bürstete und mit den Tellern mehr Lärm machte, als nötig war. Die Agathe hielt den Haushalt mit den zwei auseinanderliegenden Schlafzimmern straff zusammen. Vielmehr — sie hatte ihn zusammengehalten. Nun war sie tot. Und die zwei Männer, vor denen mancher Mensch in der Stadt den Hut zog, sahen armselig in Agathes Küche, wartend auf einen Bescheid des Bruders, der im Dorf draußen den Hof hielt, dem der Chirurg entstammte. Bis dahin aßen sie abends Brot mit sehr viel Butter darauf. An einem Vormittag kam der Bruder. Er fand die Wohnung versperrt und mußte den Bruder in der Klinik suchen. Hinter ihm, in einem demütigen Abstand, ging das Mädchen, das Ursula hieß und künftig den zwei Männern den Haushalt führen sollte. Der Mann hatte seine Finger leicht eingehakt in die Finger des Mädchens, .er kannte das Haus mit den weißen Türen, ging die Treppe hinauf und rief oben, wo er die Zimmer kannte, ungebührlich laut nach dem Bruder. Florian murrte über die Störung, aber als er in dem Schreier feinen Bruder erkannte, wurde er breit und gutmütig, der Schritt verlor feine Straffheit, und die Hände klopften auf die Schultern des verschüchterten Mädchens, so vielleicht, als wollten sie einen Kranken beruhigen, ober vielleicht so, als wollten sie nach dörflichen Brauch den Wuchs des Mädchens prüfen. Er sagte es dann auch, daß chm diese neue Agathe gefiel, mehr als die andere, die gestorben war. „So ein junges Ding sollen wir nehmen?" fragte Magnus, als man wieder in der gemeinsamen Wohnung war, als der Bruder Florians auch chm das Mädchen zuschob zum genauen Besehen. „Selbstverständlich!" nickte Florian. Und dessen Bruder aus dem Dorf stand mächtig groß im offenen Türstock: „Selbstverständlich nehmt ihr die Ursulal Sie ist nicht fo alt wie die frühere, aus dem Dorf ist sie auch, gelernt hat sie alles, was ihr braucht, und sie kann euch manchmal etwas erzählen von draußen. Es ist dock allerhand anders geworden m den Jahren her". Dann nickte auch der Lateinlehrer feine Zustimmung. Vielleicht konnte diese junge Agache, die Ursula hieß, alles Kleine und Nebensächliche so erzählen, wie er es hören wollte. Es war doch schon gewesen draußen, vor langen Jahren. Ursula wurde in die gemeinsame Wohnung ausgenommen und tat hier ihre Arbeit. Sonst war nichts anders geworden. Der Bruder des Arztes war wieder heimgefahren ins Dors, Florian schnitt und knüpft« wieder, was krank war in den todbleich hingelegten Körpern, Magnus lehrte wieder Latein, fein kantiges Bauernlatein, und Ursula werkte singend in der Küche. Das war nicht groß und nicht wichtig. Ursula nahm es dankend hin, wenn Florian nach dem Essen in die Küche kam und seine Hände aus ihre Schullern klopften, als wollten sie nach dörflichem Brauch den schonen Wuchs des Mädchens prüfen. Ursula freute sich darüber. Mehr als eine kleine Freude durfte es nicht fein, wenn Florian doch so ein großer Herr geworden war hier in der Stadt. Mehr als eine kleine Freude durfte es auch nicht fein, wenn Magnus öfter als nötig in der Küche nach etwas fragte, nach einem Glas Wasser etwa, oder nach einem Stück von dem übriggebliebenen Kuchen. Er brachte das immer ein wenig rauh und unwirsch heraus; aber es war nicht weniger Herzlichkeit in ihm, wenn im tiefen Bücken Ursulas faltenreicher Rock sich weit und reich um bas Stück Boden und bas Mädchen sich reihte, es wurde ihm sommerlich wohl zumute, wenn der schlanke Körper sich reckte, um hoch droben etwas nach dem Wunsch des Mannes aus dem Schrank zu nehmen. Gar nicht viel eigentlich war anders geworden, feit Ursula hier werkte. Die Arbeit hatten Agathens brüchige Hände auch ungefähr fo getan, und man war auch der Agathe manchesmal so begegnet, spät am Abend, wenn sie über den Gang kam. Ganz so traf man nun manchmal die Ursula, und wenn man ihr freundlich den Gruß sagen wollte zur guten Nacht, bann burfte man nicht lange zögern damit, denn Ursula ging eilig ihre Wege, sie ging noch eiliger, wenn sie sich zu dieser Stunde nur ein leichtes Stück Kleid schnell übergeworfen hatte. Florian sah dem Mädchen manchmal eine lange Weile nach, auch wenn der Gang langst wieder leer und die Tür zu Ursulas Kammer bereits geschlossen war. Ob sie draußen auf dem Dorf an ihm auch fo hastig und zag vorübergelaufen wäre? Florian wurde ernst und still dabei, er sah bas Mäbchen, er freute sich an dem Bild, und er bedachte, daß er doch weit weg gekommen war von dem Dors, von feinen Menschen und von seiner Art. Dann mochte es Vorkommen, daß Florian seine bäuerliche Ursula an einem Nachmittag mitnahm auf den Rummelplatz der Stadt, den bie- Dorfleute aufsuchten, wenn sie hereinkamen, und es mochte vorkommen, daß er das Mädchen mitnahm auf den hohen Turm des Toboggans und drängend hinter ihr abfuhr, daß er nur die Hände ein ganz klein wenig auszustrecken brauchte, um den vor ihm abgleitenden Körper zu umfassen. Es mochte vorkommen, daß er seine Hände dabei ertappte, wie sie nach dem Mädchen aus dem Dorf faßten. Und er muhte sie wieder zurücknehmen, diese Hände, die sich hier immer viel zu schwer auf Scheitel und Schultern der Mädchen gelegt hatten, so schwer und so bäuerlich, daß sie nun leer geblieben waren. Magnus war anders. Magnus lehrte ein brockenhartes Latein, weil er im Lehren so wie im Lieben nur schwer ringend sich das rechte, das einzige Wort abquälen konnte. Der konnte Ursula nicht mitnehmen aufs Toboggan. Der mutzte sich in seinem Arbeitszimmer an den Abenden hart vor bie Tür setzen, bie zum Gang führte, unb hier mußte er horchen auf die dünnen, luftigen Schritte, die um zehn Uhr über den Gang eilten. Fand er wirklich bann einmal ben Mut zum Aufstehen und zum Hinausgehen, um so eine Begegnung mit Ursula zu erzwingen, bann fand er nicht einmal bas rechte Wort zu tinem Gutenachtgruß. Es klang bann rauh unb unwirsch, gar nicht so, als hätte der Gruß sehr freunblich und ein wenig lieb sein wollen. Keiner der beiden Männer gestand sich ein, daß er dem schonen, dem unendlich schamhaften Mädchen aus dem Dorf in einer wirren Verliebtheit ergeben war. Florian wußte nur, daß er sich ganz tief und glücklich des Mädchenlachens freuen konnte, wenn Ursula mit fliegenden Rocken auf dem Rummelplatz tollte. Magnus bekam ein gutes Vater- geficht, wenn Ursula nun doch manchmal seinem werbenden Gruß auf dem langen Gang erlag und unter dem Türstock feines Arbeitszimmers eine lange Zeit erzählte vom Dorf draußen, von den Leuten, den Pferden, den Nächten. Das machte ihn froh. Und wenn er einmal mit Ursula in der Küche, bubenhaft auf dem Hocker sitzend, eine schone Flasche leertrank, immer hinhörend auf die Geschichten von daheim, da fand er bas leichte Wort wie von selbst, das dem Mädchen schmeichelnd sagen sollte, daß es schön und aller Liebe wert fei. Mehr war es nicht, und sie gingen glückselig schlafen, jedes in fein Zimmer. Florian hatte bislang keine Hand gehabt zum liebevoll werbenden Streicheln des Scheitels und der Schultern, weil die Stadt ihm die Sicherheit des Dorfes des Daheimseins genommen hatte. Und Magnus hatte seit den Jahren der Dorfjugend eine schwere Zunge gehabt, die der Liebe kein rechtes Wort formen konnte. Da war Ursula gekommen, und mit Ursula lauter neue Dinge. Oder — war es gar nicht Ursula, was die Hand des einen und die Zunge des andern löste, daß sie wieder Liebe zu werben versuchten bei den Menschen, denen sie mit ihrem Leben und ihrem Berus doch angehören mußten? Ursula hatte doch gar nichts getan. Sie hatte nur gedient und gelacht unb von den Dingen daheim manchmal gesprochen. Eines aber hatte sie doch getan: sie war wie eine Magd demütig neben den Männern gegangen und hatte ihnen das Dorf mit seiner Wärme und seiner Sicherheit in jeden Raum der gemeinsamen Wohnung getragen, daß sie daran, an dem kleinen Mädchen Ursula, wieder die sichere Selbstverständlichkeit des Daheimseins fanden. Als Ursula einmal in dem Anzug des Herrn Magnus etwas fand, was kein Mann schenkt, was nur von einer Frau geschenkt sein konnte, da heulte sie einen Vormittag lang, weil sie doch hie und da ein wenig an Liebe gedacht hatte. Sie meinte noch etliche Male in den zwei Jahren ihres Dienstes bei den zwei Männern, bann ging sie mieber ins Dorf zurück, weil die Männer sich trennten in eigene Häuser, zu eigenen Frauen, unb ihre guten Dienste nicht mehr brauchten. Weinen burfte sie ja, aber es war viel Schönes in ihrem jungen Leben, an dem die zwei Männer-wieder das eigene Geben unb bie Liebe gelernt hatten. Vielleicht kam der Florian unb der Magnus jeden Sommer einmal hinaus zu ben Bauern, zu ihr auch. Unb vielleicht waren bie schönen Frauen, die Florian und Magnus sich gesucht hatten, nicht so gut zu ihnen, wie sie, die Ursula, immer gewesen war. Aber — nein! Was sollten sie je einmal kommen? Sie war ihnen doch gar nichts gewesen, nur Magd, ein Mädchen aus dem Dorf. Als sie das bedachte, weinte sie zum letztenmal um bie Männer in ber Stadt. Pavia. Volksweise. Herr (Borg von Fronsberg, Herr Sorg von Fronsberg, Der hat die Schlacht von Bavia gewannen, Gewannen hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden gewunnen Land und Leut. Der König aus Frankreich, Der König aus Frankreich, Der hat die Schlacht vor Bavia verloren, Verloren hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden verlor er Land und Leut. Nun grüß dich Gott, du Königstöchterlein im ganzen Frankenreich! Euerm Vater hab ich abaewunnen in neunthalben Stunden Land und Leut. Ich hab's gewagt frisch unverzagt. Ich hab's gewagt frisch unverzagt, Euerm Vater hab ich abgewunnen in neunthalben Stunden Land und Leut. Im Blut mußten wir gähn, Im Blut mußten wir gähn, Bis über, bis über die Schuch: Barmherziger Gott, erkenn die Notl Barmherziger Gott, erkenn die Notl Wir müssen sonst verderben also. Lärmen, lärmen, lärmen, Lärmen, lärmen, lärmen, Tät uns die Trummel und die Pfeifen sprechenl Her, her, Herl Ihr frommen deutschen Landsknechte gut! Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn. Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn. Bis daß die Hauptleut sprechen: Jetzt wollen wir's greifen an! Reiter zum Pferd, Sattel und Zaum! Der Feind, der ist vorhanden. Gustav Adolfs Kampf um Pommern. IN ■ . " '' * m e r. Seit dem 11. Jahrhundert hatten in Pommern die Herzöge aus dem Greifengeschlecht geherrscht. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts aber schien die Kraft dieses Geschlechtes plötzlich gebrochen. Ohne sichtbaren Grund starben die Männer rasch nacheinander ohne Leibeserben dahin, so daß im Jahre 1625 der letzte überlebende Herzog Bogislaw XIV. nach langer Teilung noch einmal ganz Pommern in seiner Hand vereinte. Doch auch dieser Bogislaw war zu jener Zeit schon ein kranker Mann, und bald wurde es gewiß, daß auch er kinderlos bleiben, das alte Herzogshaus mit ihm erlöschen und das Erbe in die Hand eines Fremden gelegt werden würde. Bogislaw XIV. lebte bewußt auf seinen Tod hin. Sein ganzes Leben lang war es seine Sorge, für die kritische Stunde, wo er aufgehört haben würde, zu sein, dem Lande Ordnung, Sicherheit und Frieden zu gewährleisten. Es lagen alte und immer wieder neu beschworene Erbverträge mit Kurbrandenburg vor. Die Rechtslage war klar. Unklar, verworren, voller Gefahr und Spannung aber war die Zeit. In Böhmen war der Brand ausgebrochen, der sich mit erschreckender Schnelligkeit über das ganze Land verbreitete. Plötzlich waren die feindlichen Fronten enthüllt: die süddeutschen und rheinischen Fürsten standen in der katholischen Liga, die mittel- und norddeutschen in der protestantischen Union zusammen Die Herzöge von Mecklenburg drängten den pommerschen Vetter, sich der protestantischen Sache offen anzuschliehen. Bogislaw aber widerstrebte. Er wünschte nur eins: Frieden für sein Land und Neu- tralUät. Jahrelang bemühte er sich, den Krieg von den pommerschen Grenzen fernzuhalten. Vergebliche Anstrengung! Immer näher brandeten die Wogen, und im November 1627 endlich mußte zehn kaiserlichen Regimentern Quartier gegeben werden. Damit begann die Drangsal. Der Truppen wurden es in den nächsten Jahren immer mehr, und sie hausten in Pommern wie in Feindesland. Die Pommern empfanden die kaiserlichen Truppen als Landesseinde, und viele murrten über des Herzogs „Devotion gegen den Kaiser". Die habsburgischen Ziele hatte ja das Restitutionsedikt unzweideutig enthüllt: Rekatholisierung ganz Deutschlands. Aber auch der künftige Erbherr Brandenburg war vielen nicht recht. Dieses Fürstenhaus war zur reformierten Kirche übergetreten, und den strenggläubigen Lutheranern erschienen die Calvinisten fast ein ebenso großer Greuel wie die Papisten. So richteten sich viele Blicke sehnsüchtig nach Norden ... Eine pommersche Stadt war es, die sich, gegen den Willen ihres Landesherrn, zum Schicksals- und Wendepunkt in diesem Kriege machte, eigenmächtig dem Kaiser Trotz bot, nach dem Fremden die Bundeshand ausstreckte: Stralsund! Der unbesiegbare Wallenstein sogar mußte erfolglos die Belagerung abbrechen, während in der Stadt beliebig viele schwedische Truppen landeten und sich nach und nach dort häuslich einrichteten. Endlich, am 26. Juni 1630 erschien der Schwedenkönig Gustav Adolf selbst mit seiner Flotte vor der pommerschen Küste. Ungehindert besetzte er Usedom und Wollin. Beim Betreten pommerschen Bodens soll er ausgerufen haben, er würde hundert Jahr-« um Pommern kämpfen, bevor er dieses Land wieder hergeben würde. Und nach einem anderen Ausspruch leitete er sein Recht, in den deutschen Krieg einzugreisen, von dem Titel her, den der Kaiser Wallenstein verliehen hatte: „General des ozeanischen und baltischen Meeres". Denn dieses mare balticum nahm der Schwedenkönig für sich in Anspruch, die Umländer als mehr oder weniger unmittelbaren schwedischen Herrschaftsbereich. Tatsächlich ist die Gefahr einer endgültigen Zerreißung Deutschlands, di« Errichtung eines nordischen protestantischen Ostseereiches niemals so zum Greifen nahe gewesen wie in diesen Tagen. Allein Gustav Adolfs früher Tod mag die Ursache dafür sein, daß er sogar heute noch in weiten Kreisen als der selbstlose Beschützer und Retter des evangelischen Glaubens gefeiert wird. Tatsächlich wurde bei seinem Erscheinen in Deutschland der „Leu aus Mitternacht" von vielen mit Begeisterung begrüßt, voran von der lutherischen Geistlichkeit, zahlreiche Pommern traten freiwillig in sein« Dienste. Das erstrebte Bündnis mit Pommern kam jedoch nur mühsam zustande. Mit Sorge bedachte Herzog Bogislaw, wie er das Land bewahren sollte, treu seinem Lehnseid gegen den Kaiser, treu dem von den Vätern beschworenen Vertrag mit Brandenburg. Nur weil er buchstäblich in der Hand der Schweden und nicht Herr feiner Entschließung war, ließ er sich endlich den Vertrag «bringen, behielt aber ausdrücklich das Erbrecht Brandenburgs vor. Die Hoffnung Gustav Adolfs, daß Bogislaw sich vielleicht gegen eine hohe Entschädigung bewegen lassen würde, ihm die Regierungsgewalt zu übertragen, erfüllte sich nicht. Die Art, wie der König Pommern tatsächlich bereits als Eigentum behandelte und es seine Kriegslasten tragen ließ, dämpfte auch die Begeisterung für ihn nicht wenig. Dennoch löst« die Kunde von seinem Tode in Pommern Bestürzung und Trauer aus. Erschüttert grüßten die Pommern den Leichnam des Königs, als er in Wolgast zu Schiff gebracht wurde. An der Politik seines Königs hielt Schweden auch nach dessen Tode fest, nur noch unverhüllter traten di« schwedischen Besitzansprüche unter dem Kanzler Oxenstjerna hervor. Dazu kam, daß im Frühjahr 1633 ein Schlaganfall Bogislaws die Fruge der Erfolge in bedrohliche Nähe rückte. Das Recht lag bei Brandenburg, alle Macht bei Schweden, beide miteinander im Krieg. In dieser Not arbeiteten die herzoglichen Räte mit Genehmigung Bogislaws eine Jnterimsverfassung aus, nach der bet seinem Ableben die Regierung bis zum Abschluß des Friedens von den Räten weitergeführt werden sollte. Am 10. März des Jahres 1637 trat der lang erwartete und doch von allen gefürchtete Augenblick ein: der letzte Pommernherzog schloß seine Augen für immer. Pommersche Abgesandte weilten gerade beim Kurfürsten Georg Wilhelm, um feine Einwilligung zu der Zwischenregierung einzuholen, als die Kunde vom Heimgang ihres Herzogs sie erreichte, womit, wie der Chronist berichtet, „es nicht wol getreffen war". Der Kurfürst versagte sich dem Plan der Pommern und ließ im Gegenteil unverzüglich durch Trompeter seine Besitzergreifung Pommerns verkünden. Bis ans Ende seines Lebens vertrat er den schroffen Rechtsstandpunkt, und sein Kanzler Graf Schwarzenberg bezeichnete die Zwischenregierung als „hoch- schedlich und schimpflich" und eine, „die wol ewig bleiben würde". Die kurfürstlichen Bedenken gegen eine „selbständige" pommersche Regierung unter schwedischer Kontrolle, seine Sorge, daß sie als Herrschaft Schwedens enden würde, waren freilich nur allzu begründet. Dennoch führte seine Haltung gerade das herbei, was er verhindern wollte. Die Zwischenregierung hatte ja gerade den Sinn, eine gewaltsame Besitzergreifung Schwedens zu verhüten und das Land für Brandenburg zu erhalten, und trotz dem Einspruch des Kurfürsten wurde sie zunächst unter Duldung Schwedens in Kraft gefetzt, gewissermaßen als das lebende Recht des toten Herzogs. Aber dadurch, daß der rechtmäßig« Landesherr sie nicht anerkannte, fehlte ihr der eigentliche Rückhalt Schweden gegenüber, und sie mußte sich nach einiger Zeit auflösen. Damit lösten sich aber auch alle Bande staatlicher Ordnung, Verwaltung und Rechtsprechung. Schwedische, kaiserliche, brandenburgische Truppen rangen miteinander im Lande und sogen ihm das letzte Mark aus. Ungezählte Höfe und Herrensitze lagen verödet, die Bewohner waren tot oder ausgewandert. „Pommerland ist abgebrannt" singt der Volksmund noch heute, im Gedenken an diese Zeit. Die Einrichtung einer neuen schwedischen Regierung wurde endlich zur Notwendigkeit, sogar von vielen Pommern als solche bezeichnet. Wieder war es die lutherische Geistlichkeit, die hier voranging. Das Ansinnen, die schwedische Regierung als rechtmäßige anzuerkennen, lehnte Pommern zwar in aufrechter Lehnstreue ab, doch wie nicht anders möglich, wurde über den pommerschen Einspruch hinweg eine schwedische Regierung in Kraft gesetzt, die Pommern zur schwedischen Provinz machte. Der junge Kursürst von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, der spätere Große Kurfürst, der 1640 zur Regierung kam, bewies zwar von vornherein mehr Wirklichkeitssinn und staatsmännischen Weitblick als sein Vater, aber es war zu spät, noch unmittelbar zu helfen. Das Schlachtfeld, auf dem das Schicksal des Landes entschieden wurde, waren in den nächsten Jahren die Friedenskongresse von Münster und Osnabrück. Und auf diesem Boden rangen Brandenburg und Schweden mit leidenschaftlicher Zähigkeit um den Besitz Pommerns. Keiner wollte einen Fußbreit hergeben, wobei der eine sich auf sein verbrieftes Erbrecht, der andere sich auf das Recht der Eroberung, beide auf höhere politische Notwendigkeit beriefen. Das Reich und die ausländischen Mächte sprachen ihr Wort dazu, Pommern wurde zur europäischen Frage, an der das ganze Friedenswerk zu scheitern drohte. Unter der Vermittlung der Mächte mußten endlich beide nachgeben, vor allem aber Brandenburg, das nur das karge und hafenarme Hinterpommern erhielt, während das fruchtbare Vorpommern mit Rügen, Stettin, die Ober mit ihren drei Mündungen, die Insel Wollin und sogar einzelne Punkte und Kllstenstreifen von Hinterpommern an Schweden fielen. Nur mühsam und Schritt um Schritt gelang es den nächsten (Benerationen, bie Schweden aus Pommern wieder hinauszudrängen. Erst im Wiener Kongreß räumten sie ihr letztes Bollwerk im Lande — fast zwei Jahrhunderte, nachdem Gustav Adolf hier gelandet war. Verantwortlich vr. Hans Tbvrivt. — Druck und Derlag: Drühl'sche Untverlitäts-Buch- und Etetnbruckerei. 2L Lana«, Gieße».