GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (957 Zreitag, den 2. Juli Nummer 50 GOYA UND DAS LÖWENGESICHT ROMAN VON KARL HANS STROBL 5. Fortsetzung. Aber nun hob der Kaiser den Kops und lächelte mit spöttischem Mund: „Merkwürdige Leute, Ihre Spanier ... sie haben den Wunsch, den großen geschichtlichen Augenblick im Bild zu verewigen." Napoleons Lächeln ließ keinen Zweifel, wie er über den großen geschichtlichen Augenblick — von Spanien aus gesehen — dachte. Der General Savary machte hinter Napoleon einen langen Hals. Er machte sich noch länger und dünner als er war, um seinem kaiserlichen Herrn über die Schulter zu sehen. „Da!" sagte Napoleon, indem er seinem General das Blatt reichte, „sehen Sie nur. Spanien sendet seinen größten Meister mit der Bitte, die königliche Familie in Bayonne malen zu dürfen. Vielleicht soll ich auch mit auf das Bild kommen? Diesen Brief hätten Sie nicht vor mir zu verstecken brauchen, Prinz Ferdinand! Welcher Blödsinn ist mir da hinterbracht worden? Murat ist ein Esel!" Ich glaubte nicht recht zu hören. Was war das? Stand das in diesem Brief? Nichts von Ausharren, von äußerstem Widerstand, von unbedingter Weigerung abzudanken, von Berufung auf die heiligen Rechte der Selbstbestimmung einer Nation? Deckte sich der Inhalt dieses Briefes mit dem, was bloß Borwand für die geheime Sendung gewesen war? Wozu dann das Ganze? Hatte man mich zum Narren gehalten, war ich einer Täuschung zum Opfer gefallen? Ferdinand war der Lage nicht gewachsen. Er war nicht geistesgegenwärtig genug, sein eigenes maßloses Erstaunen zu verbergen, seinen Mienen war anzusehen, wie verblüfft und überrascht er war. Zum Glück beachtete ihn der Kaiser nicht, er riß Savary den Brief aus der Hand, das höhnische Lächeln war von seinem Gesicht wie weggewischt, der Zorn war wieder da und sprühte mich an. „Eine Komödie! Wie? Jawohl, eine lächerliche Komödie, um mich in Sicherheit zu wiegen. Ich will annehmen, daß Sie nichts davon wissen, daß Sie nur ein Werkzeug sind. Sie würden sich sonst nicht dazu hergegeben haben. Spanien sendet seinen größten Meister, um seine königliche Familie hier zu malen und inzwischen..." „Inzwischen!?" Der Kaiser hatte sich unterbrochen. Er stand knapp vor mir, eine lodernde Flamme von Mensch. „Nun — Sie wissen nicht, was inzwischen in Madrid geschehen ist?" „Nein", sagte ich ruhig und bestimmt. Ich sah Napoleon an wie man das Messer in der Faust des Gegners anschaut, um dem nächsten Stoß zu begegnen. „Aufruhr ist in Madrid ausgebrochen. Französische Soldaten, meine Soldaten sind erschlagen worden, Straßenkämpfe, Barrikaden... Aufruhr gegen mich! Das ist der Dank Spaniens, weil ich es von diesen Leuten hier befreien will, die es zugrunderichten. Weil ich es davor bewahren will, sich in die Arme Englands zu werfen zu einer Knechtschaft, die ihm die Gurgel abschnürt. Ich bringe Spanien die Freiheit, und es empört sich gegen mich." 0 Das also war geschehen. Madrid in Aufruhr, Straßenkämpfe, Barrikaden, es ging wohl arg zu, bei solchen Tumulten kamen immer auch Menschen zu Schaden, die mit der Sache gar nichts zu tun hatten. Neugierige, Zuschauer, zufällig in den Wirbel Geratene — ob wohl Martina so vorsichtig gewesen war, das Haus nicht zu verlassen? Der Kaiser war inzwischen wieder ganz ruhig geworden, sein Zorn schlug nicht mehr in Flammen aus. „Gehen Sie nach Madrid zurück, Meister. Die Kunst ist mir heilig. Aber jetzt ist wohl nicht die Zeit, große Reprüsentationsgemälde einer königlichen Familie zu malen, deren Schicksal sich von dem Spaniens trennt. Gehen Sie, ich will annehmen, daß Sie nichts mit der Sache zu tun haben. Aber Spanien wird sich diesen zweiten Mai merken. Wir werden Ordnung machen. Jetzt habe ich genug von diesen Geschichten hier. Meine Geduld ist zu Ende. Wenn Sie, Prinz Ferdinand, bis Mitternacht nicht Ihren Äater als König anerkannt haben, so werde ich Sie wie einen Rebellen behandeln." Die Königin kreischte auf. Ihr Gesicht war verzerrt wie das einer keifenden Straßendirne: „Dieser Undankbare, dieser Heuchler, dieser Lump! Schicken Sie ihn aufs Schafott, Sire!" Der Kaiser sah Maria Luise eine Weile nachdenklich an. Dann wandte er sich zu Savary: „Welch eine Frau! Welch eine Mutter!" sagte er. Ich dachte, daß meine Anwesenheit hier weiter nicht nötig wäre, und ging, da niemand auf mich achtete, still davon. Auf dem Flur gesellte sich Escoiquiz zu mir. Vor einer halben Stunde hatte Murats Kurier die Nachricht von dem Aufstand gebracht, schon schwirrten aus der Militärkanzlei des Kaisers die Befehle an die Armeen. „Jetzt hat er den Vorwand", seufzte der alte Herr, „den er gebraucht Wt- Jetzt wird er die Maske abwerfen und keine Rücksicht mehr nehmen. Es kommen schwere Zeiten für Spanien. Aber er irrt, wenn er glaubt, daß es ihm leicht werden wird, uns seinem Willen zu unterwerfen." Schwere Zeiten für Spanien, gewiß. Aber nicht das war es, was mir als dünkte Angst auf der Seele lag. Es war dieses Unbestimmbare, Gestaltlose, mir selbst Drohende, das sich mit einemmal wieder vor mir erhoben hatte. 3n der Rebenlaube des Gasthofes „Zur Sonne von Austerlitz" ließ ich mir von dem geschäftigen Wirt Hammelbraten und Käse austragen und trank dazu einen roten Wein aus Bordeaux. Der Abend war golden und friedlich, trotz der Hornsignale von der Festung. Ich wußte wenig von dem, was ich aß, nur den roten Wein spürte ich, wie er durch meinen Körper flutete und das Hirn wach machte. Es war nötig, die Gedanken anzuregen, die zuerst wie betäubt waren und jetzt doch eine Menge zu tun hatten. Sie belebten sich, sie schossen durcheinander, sie suchten nach einem Sinn des Geschehenen. Wse war das nun mit dem Bries? Immer wieder kehrten die Ge- danken zu diesem Punkt zurück. Woher hatte Napoleon mit solcher Sicherheit um meinen Bries gewußt? Schaudernd sah ich in einen Abgrund von Gefahr. Wenn der Brief nun wirklich das enthalten hätte, was in ihm nach den Andeutungen der Auftraggeberin gestanden haben mußte? Ob Napoleon auch dann gegen die Kunst und den großen Meister Rücksicht geübt hätte? Ich konnte zu keinem Ende kommen. Vielleicht war es besser, schlafen zu gehen, diese Angst mußte in die Schleier des Schlummers gehüllt werden. Ich lag schon im Bett, da polterte es noch einmal die Treppe hinauf und trommelte an meine Tür. Der Wirt brachte eine Ordonnanz aus der kaiserlichen Kanzlei, und die Ordonnanz hatte einen Paß für mich und den Auftrag, morgen mit Tagesanbruch die Rückreise anzutreten. Gut. Morgen also, das stimmte genau mit meinem Wunsch überein, der meine Heimkehr möglichst beschleunigen wollte. Warum hatte man mich überhaupt hierher geschickt? Das war nicht herauszubringen. Und der Brief — wie war das doch mit dem Brief? Aber auf einmal, schon im Einschlafen, gab es einen Knacks in meinem Hirn, und wie durch ein Guckloch sah ich hell beleuchtet eine Bewegung, eine Stirn und eine Hand; einen Brief und die Bewegung, mit der die Hand den Brief an die Stirn legte. Der Doktor Siebold! Wieder ein Kunststück des deutschen Doktors? Er hatte wohl vorausgesehen, was kommen würde und hatte irgend etwas mit dem Brief vorgenommen. Vielleicht hatte er ihn mit einem andern vertauscht, es war unbegreiflich, wie er es gemacht hatte, Siebolds Kunststücke hatten ja immer etwas Unbegreifliches ... So mochte es wohl gewesen sein, dabei konnte man sich beruhigen. Plötzlich war jemand im Zimmer. Wann? Gleich darauf, Stunden später, um Mitternacht oder gegen Morgen? Ich wußte es nicht, aber jemand war da. Die Dunkelheit war an einer Stelle noch dichter und dunkler, sie war zu einem Körper zusammengeballt, einem Frauenkörper mit einem Löwenkops. Er kam näher, beugte sich über das Bett, das Löwengesicht fletschte mich an, eine fürchterliche Fratze, grinsend vor Blutgier. Ich schlug wohl mit dem Arm um mich, eine Wasserflasche klirrte zu Boden — Gott sei Dank, das Löwengesicht war fort. Dunkelheit, nur gute, nicht feindliche Dunkelheit, Behagen des Bettes für den ermüdeten Körper. Vielleicht war nur der Bordeaux etwas schwer gewesen — ... man mußte sich das merken, Bordeaux erzeugt Löwengesichter ... Es zeigte sich, daß die Uebersendung des Passes mehr gewesen war als eine übertriebene Zuvorkommenheit. Ohne den kaiserlichen Namenszug hätte ich wohl kaum Madrid erreicht, selbst mit ihm gab es alle Spannen lang Aufenthalte und Schwierigkeiten. Alle Straßen waren voll marschierender Truppen, Napoleons Armeen hatten sich in Bewegung gesetzt, um die Corps Dupont und Moncey, die schon im Land standen, zu verstärken. Wenn die Straße eine Anhöhe erklomm und man einen Ausblick hatte, dann sah ich ost weithin die Landschaft qualmen, das Maigrün der Felder und Vuschwälder war auf ganze Strecken durchzogen von Bändern von Staub, aufgewirbelt durch Taufende von Soldatenstiefeln und Pferdehufen und durch die Räder der Geschütze und Proviantwagen. Ich wurde immer wieder von Patrouillen angehalten und scharf nach Wer und Was, nach Woher und Wohin befragt, bis ich mich schließlich. hören konnte. Aber es war auch nicht nötig, ich hatte plötzlich begriffen, warum nicht Pablo das Pferd in Empfang nahm. . Ah, der treue Bursche gehörte zu den Opfern des 2. Mai, er war einer von denen, die gegen die Franzosen zu den Waffen gegriffen hatten und deren Hirn an irgendeiner Hausmauer verfpritzt war. Jetzt wollte Gabriel erzählen, er schlug seine Brust mit Fäusten er beteuerte irgend etwas, aber ich winkte ab, ich wußte schon, was geschehen war: Pablo war gefallen, er war eingetreten ins Reich der Dunkelheit und Nimmerwiederkehr. Ich überließ Cid der Fürsorge Gabriels und trat vor das Tor. „ , ... - Fast stolperte ich über ein Bündel Kleider, an das mein Fuß stieß. Ein Mensch hockte da auf der Straße, ein Gesicht hob sich mir schief entgegen, mit Mühe nur erkannte ich die alte Bettlerin, die Pastrana. „Daß Erzellenza nur wieder glücklich zurück sind , sagte dl« Alte Seltsam, ich vernahm das scharfe Flüstern der Pastrana deutlicher, als wenn sie mir ins Ohr geschrien hätte. Woher wußte sie, daß ich fort gewesen war? Wußte sie vielleicht auch um meine Sendung? Die Pastrana zuckte die schiefen Achseln, als hätte ich diese Fragen laut an sie gerichtet. „Die Hoffnungen der Patrioten begleiten Euer Exzellenz Schritte", sagte sie. „Sie rechnen darauf, daß Euer Gnaden ein Beispiel geben werden." _ „ ., „Was für ein Beispiel soll ich geben?" entgegnete ich erregt. „Soll ich vielleicht diesen Wahnsinn mitmachen?" „Ist es ein Wahnsinn, wenn sich cm Volk gegen die Knechtschaft ^Lch möchte, daß Spanien von den Greueln des Krieges verschont b!tlbUm den Greueln der Sklaverei ausgeliefert zu bleiben?" Die Pastrana hatte sich erhoben, sie lehnte schief und mit verdrehten Gelenken an der Wand, ihr Atem stieß warm in mein Gesicht: „Es ist viel Blut geflossen, Exzellenz, das war kein Kampf, es war Mord und Gemetzel. Ohne Gericht und Urteil hat man unsere Landsleute an die Wand gestellt und niedergeknallt." , , Ich hatte Napoleon gesehen, den gedrungenen, beleibten Mann in der schäbigen Uniform, ich hatte gesehen, wie er mit einer Familie umsprang der immerhin das Recht auf eine Krone zustand, ich hatte gesehen wie die Straßen unter den Tritten seiner Armeen qualmten, die sich auf seinen Befehl in Bewegung setzten. Das war nicht der Mann, der vor irgend etwas zurückschreckt«, wenn er seinen Willen durchfuhren wollte. „Was können wir tun?" erwog ich, „England wird es nicht zugeben, daß sich Napoleon dieses Landes bemächtigt." | England?" flüsterte die Pastrana und stieß mit dem Stock gegen das Pflaster, „und inzwischen läßt Napoleon oder Murat oder wer sonst seine Arbeit hier verrichtet, die Verdächtigen und Mißliebigen aus dem Weg räumen, erschießen oder in die Gefängnisse werfen. Wissen Sie, daß auch Ihr Freund Graf Fuentes verhaftet worden ist?" Ich erschrak. Fuentes war verhaftet worden. Fuentes? Fuentes der Freund, der Mensch, dem ich mich nächst Martina am engsten verbunden fühlte Es war ein Schmerz, der mich betäubte, der mir die Seele versengte wie mit glühenden Eisen. Die Pastrana wartete, vielleicht wollte sie ihrer Nachricht Zeit lassen, bis sie ihr Zerstörungswerk verrichtet hatte. „Die Dame, die Sie kennen", sagt sie nach einer Weile, „laßt bitten, sie wieder zu besuchen." Plötzlich schoß Zorn in mir auf. Diese Dame, Isabel — ,a damit hatte es begonnen! Isabel — sie hatte es zustande gebracht, daß ich Madrid verlassen hatte, um eine Sendung zu übernehmen, die mich hatte den Kragen kosten können. Sie hatte mich in eine Gefahr geschickt m der ich hätte zugrundegehen können, wenn sie nicht auf eine unbegreifliche Weise von mir abgewendet worden wäre. Und inzwischen war hier in Madrid allerhand geschehen, die Stadt hatte sich empört, Blut war geflossen, Pablo war gefallen, und jetzt erfuhr ich, daß auch mein Freund bedroht war. Ich sah zwar im Augenblick nicht, wie ich das alles hätte verhindern können, aber es war mir, als wäre ein Zusammenhang zwischen alledem, den ich nur noch nicht zu erkennen vermochte. , Plötzlich fiel mir noch etwas anderes ein. Ich wurde mir dessen mne, wie sinnlos es war, sich mit dieser Pastrana in ein Gespräch über all das einzulassen. Da stand ich und redete mit ihr, dieser Bettlerin, dieser alten Hexe über Spanien und Napoleon und England als wäre sie meinesgleichen. Ich verstand gar nicht, was mich dazu bewogen hatte. Sie war die Botin dieser Isabel. O — sie sollte nur nicht glauben, daß ich mürbe gemacht und so kleinmütig war, noch einmal zu gehorchen. „Bestell der Same", sagte ich, „daß ich mit ihr nichts mehr zu schaffen ^^Exzellenza", rief mir die Alte nach, „Exzellenza, hören Sie doch ..." Aber ich hörte nicht, ich wollte nicht hören, ich hatte meinen Zorn über alles geworfen, über die. Trauer um den treuen Diener, über die Sorge um den Freund, ich wollte jetzt nichts mehr als endlich Heimkommen. Ich wollte nichts als Heimkommen. Da war mein Haus, fest verschlossen, von Schweigen und Dunkelheit erfüllt wie alle anderen Häuser der Straße. Ich öffnete, ich ronrf heute keinen Blick in die Werkstatt, ich stieg gleich die Treppe zu den Wohnräumen hinauf ... Mein Schwager Bayeu war wieder bei Josepha, der unvermewmyc Banen Et ging im Zimmer auf und ab, die Hände unter den Schoßen feines Fracks, Josepha saß am Tisch und nähte schwarze Spitzen an eine sckiwarze Mantille. Sie erwiderten meinen Gruß nur durch ein kurzes Nickem sie taten, als käme ich nur von einem Gang in die Stadt zuruck und nicht von einer tagelangen Reise. . Ach was, es war ja auch nicht Josepha oder gar Bayeu, tue mir Das Heimkommen auf einmal so wichtig gemacht hatten, sondern etwas anderes, ein freudiges Aufleuchten in einem Kindergesicht, zwei magere Arme, Die sich mir entaegenftrerfen würden. 0 ! Ich stieß die Tür auf, das Zimmer war dunkel, aber von der Lampe auf Jofevhas Tisch fiel so viel Licht in den Nebenramn, um erkennen zu lassen, daß Rosalbas Bett leer war. (Fortsetzung folgt.) ergrimmt durch das Mißtrauen und den dem Landeskind von Fremden anaetanen Zwang, mit meinem Paß auswies. Die Franzosen schienen in jedem Reisenden einen Spion zu wittern, und ich mußte manches empörende Won über spanische Verräterei anhören, auf das ich nur mit Mühe die gebührende Antwort hinunterwurgte Hinter Alfaro wurde es auf der Straße nach Zaragoffa so arg, daß ich beschloß abzubiegen und den Weg über Tarazona und die Sierra del Moneayo zu nehmen. Das Sträßlein war einsam und beschwerlich, auf der Paßhohe mußte ich abfteigen und, das Pferd am Zugel, stundenlang durch tiefen Schnee waten. Ich hatte darauf gerechnet, in Villa- roya Unterkommen zu finden. Aber als ich ermüdet und hungrig mit der Dämmerung in die Nähe des Ortes tarn, wehte mir Brandgeruch entgegen. ., Villaroya war kein Ort mehr, sondern nur ein Haufen geschwärzter Trümmer. Erlöschende Feuergeister hockten noch in Aschenwinkeln, über verkohlte Balken liefen kleine Ketten von Flammchen Die Kirche inmitten der Ruinen hatte eingesch'agene Türen und geborstene Fenster, und die zwölf versengten Bäumchm, die sie umstanden, trugen adsonder- Il%s$töaren zwölf Bäumchen, und an jedem von ihnen hing ein Mann, ein Spanier. Einem der Gehängten halte man die 3unge ausgeschnitten und mit einem Messer an die Brust genagelt Ich stand noch, I von Ingrimm durchbebt, im rasch herabsinkenden Dunkel der Nacht da klappte ein seltsamer Zweitakt di« Dorfstraße herab, eine ungeheuerliche Gestalt, ein riesiger Schatten auf dünnen langen Beinen nähert« sich rasch Aus einem eingesunkenen Strohdach schoß eine befreite Flamme auf, unb ich sah einen Steljenläufer auf mich zukommen, einen Mönch ctuf StclAßn. „Hallohl" sagte ich, indem ich unter den Bäumen hervor und dem Läufer in den Weg trat. Im Augenblick war der Mann von den Stelzen gesprungen, die langen Hölzer klapperten hinter ihm in den Staub, das trichterförmige Rundmaul einer Pistole stieß gegen meine Brust vor „Tu deine Trompete weg", sagte ich ärgerlich, „ich will wissen, was es hier gegeben hat." .. , I Die Mönchskapuze war zurückgeglitten, dl« Flamm« des Strohdaches warf rote Glut auf ein hartes, finsteres Gesicht. „Was es hier gegeben hat Landsmann", sagte der Mann, indem er seine Masse in die Falten der Kutte versenkte, „du siehst es ja. Die Franzosen richten sich bei uns häuslich ein. Sie verbrennen unsere Dörfer, sie hängen unsere Manner, die den Mut haben, sich zu wehren, an die Bäume." Was es gegeben hatte? Nun, eine Abteilung französischer Soldaten, die in diesem Ort übernachtet hatte, war überfallen und niedergemacht worden. Und dies hier war das französische Strafgericht,, dem Alkalden hatte man wegen feiner besonderen Tücke und Bosheit die Zunge ausgeschnitten. „Was wollen diese fremden Bestien hier?" sagte der Mann erbittert, „haben wir sie gerufen?" „Und du, wohin gehst du?" , Es laufen Boten durchs ganze Land. Wir tragen das blutige Meffer von Dorf zu Dorf. Und auch du wirst nicht fehlen, Landsmann, wenn es soweit ist." Schon schwang er sich von einem geschwärzten Mauerchen aus auf feine Stelzen und schwankte mit langen Schritten in die Nacht. * In weitern Umkreis um Madrid wurden Gräben ausgehoben. Mindestens zehnmal mußte ich meinen Paß vorweifen, ehe ich in die Vor- ftadtstrahen einreiten konnte. Ich hing schwer und schlaff im Sattel, die durchwachte und durchhungerte Nacht in dem zerstörten Villaroya lag mir in den Knochen, die Stadt erheiterte mich nicht. Dieses strahlende Madrid empfing mich düster und dunkel, es war verboten, in den Zimmern der Gaffenfeite Licht zu entzünden, nichts vom fröhlichen Abendlärm der Straßen, von den Rufen der Wasserverkäufer, dem Gelächter zu den Balkonen hinauf und zu den Freunden hinunter. Es gab feine Spaziergänger, keine bummelnden Genießer der Kühle, es gab nur Soldaten, starke Posten an den Ecken, marschierende 2lbteilungen. Eine eroberte Stadt, deren Seele durch den Feind gelähmt war. Ich begegnete einem Trupp Gefangener. Sie gingen zu zweit, einer ans Handgelenk des andern gebunden, und alle zusammen an eine lange Eisenstange gefesselt, die zwischen ihnen durch lief. Sie gingen mit gesenkten Köpfen einem unbekannten Schicksal entgegen. Man hatte sie aus den Häusern geholt, man bracht« sie ins Gefängnis, vielleicht auch stellt« man sie einfach an die Wand und knallte sie nieder, wie man es am 2. Mai mit Hunderten von Spaniern getan hatte. Mein Kopf war voll von grauenhaften Gefchichten. Sie schwirrten durch das ganze Land, sie warteten in den Schenken, um sich auf den Reisenden zu stürzen. Je näher man Madrid kam, desto mehr wurden ihrer, desto genaueres wußte man von den Oreueltaten der Franzosen, von dem Blutbad, das sie angeridjtet hatten, weil die Hauptstadt Spaniens sich die letzten Mitglieder der königlichen Familie nicht entfuhren lassen wollte, die Kinder, die Napoleon noch gefehlt hatten, um das ganze Haus der Bourbonen in [einer Hand zu haben. Ich ritt nach meinem Stall. Das Tor war festungsmäßig verschlossen, und ich muhte lang gegen die Balken donnern ehe jemand kam. Es war nicht Pablo, mein Pferdewärter, sondern der alte Gabriel, der längst des Stalldienstes enthoben und zum Attersaustrag als Gärtner draußen im Landhaus eingesetzt war. „Wo ist Pablo?" fragte ich verwundert. Warum klemmte Gabriel einen Zipfel feines Kopftuches zwischen dw Zähne und duckte sich in den Schatten hinter dem Pferderucken? Was war es, was er da murmelte? Ich verstand ihn nicht, die Lust war ichwül und dick, nur gedämpft drangen die Geräusche der Welt in mein Gehör, meine Ohren waren heute schwer verpvlstert. „Was ist mit Pablo?" drängte ich. Jetzt tauchte Gabriels trauriges und scheues Gesicht aus Dem Schat- tm des Pferdes, die braune Runzelhand schlug zitternde Kreuz« über Stirn Mund und Brust. Er sagte auch etwas, so leise, daß ich nichts Das Kind. Von Willy Arndt. Du Wunder unsrer Wiederkehr, des Bundes Segen du und Sinn — vom Herzen Gottes kommst du her, ein Licht von seinem Feuermeer, geheimnisvoller Neubeginn. Dem Kranz, der ewig schwingt und ruht, fügst du dich wie ein Sternlein ein und willst mit Erde, Fleisch und Blut, mit Menschenangst und Menschenmut beladen und begnadet sein. In deinem Anschaun groß und rein stehn gute Geister im Gemach und werden dienend bei dir sein, bis du die Wege gehst allein und hängst dem Wunderbaren nach. Wenn du die Deinen einst verläßt, vollend« dein' und ihre Art: ein Feuervogel flieg vom Nest zu deines Daseins höchstem Fest, zu tiefer Schau auf großer Fahrti Oie chinesische Laterne. Eine Kindergeschichte von Karin Maria Wilde. In der krummen, mit dem spitzen Katzenkopfpflaster bedeckten Straße, die zum Meer hinabführte, stand ein Haus, hochgiebelig, vornehm, wie ein altes Patrizierhaus zu sein pflegt, mit immer geschlossenen Fenstern und zugezogenen Vorhängen, das mir in der seltsamen, aber schönen alten Stadt Reval am sonderbarsten erschien. Einmal, da die Sonne so besonders frühlingssüß nach dem langen, strengen, russischen Winter alles überflutete, nahm ich den großen Wolfshund Rasboika am Halsband und ging mit ihm friedlich, ein fünfzehnjähriges, blondes Ding, die buckelige, vom Regen blau und glänzend gewaschene vtraße langsam hinab ... Und siehe, während ich ernsthaft und eingehend alles betrachtete, blieb ich jäh stehen. Rasboika knurrte und stieß seinen dicken, zotteligen Kopf böse an mich. Er roch den feuchten, salzigen Meerwind, und dort, hinter der leichten Krümmung der Gasse, tauchte es ja auch schon auf, das im sonnenlicht wie ein metallener Spiegel weit, weit hinaus blinkende Meer, mit den flinken schaumgekrönten Wellchen, die an heiteren Tagen wie pielerisch gegen den Strand anliefen. Und Rasboika wollte im Wasser loben, und dann faul in der Sonne liegen, um sein nasses struppiges, m der Wärme dampfendes Fell zu trocknen, nachdem er sich wild in dem weichen, mehligen Dünensand gewälzt hatte. Aber obwohl er immer wieder seine Schnauze an meiner Hand rieb, «ulte, gähnte und die gelben Wolfszähne wies, stand ich wie festgewurzelt ior dem alten, feierlichen Haus, das mit seinem hohen spitzen Giebel finster m all der hellen Sonne die Reihe der übrigen, meist kleineren Häuser Unterbrach. Und doch machte es heute einen ganz anderen Eindruck als onst. Denn ein Fenster stand offen, mit den, wie in Reval üblich, sich iodj der Straßenseite öffnenden Fensterflügeln. Grüne, schwerseidene Vor- »änge blähten sich im Windzug und im Fensterrahmen hing, was meine Blicke und Sinne wunderlich erregte und festhielt: eine entzückend bemalte, in allen Farben schimmernde Laterne in lackschwarzer Fassung, mit chwarz getuschten, chinesischen Figürchen auf dem pastellfarbenen Grund, _ine chinesische Laterne! Sie schaukelte leicht auf und ab in dem steifen Beeroinb. Auf der mir zugewandten Seite tranken zwei zierliche Geishas m Kimono und mit der hochgebauschten Frisur Tee, sie tarierten vor einem Tischchen, und die eine schenkte mit anmutiger Bewegung Tee in die Täß- fjen. Die andere hielt ein dreieckiges Instrument im Arm, sie sah lächelnd ai der Tee-Einschenkerin aus und spielte und sang — ich hörte, wohl in reiner Einbildung die dünne, leise Stimme und das helle, zarte Zirpen i es Saitenspiels dazu . Sie Laterne schwankte auf und ab — auf und ab — schimmernd in 'jrer gläsernen Herrlichkeit und mit den zärtlichen Figürchen, ganz deutlich ■rflang die süße Musik, ich glaubte sie wirklich zu vernehmen und horte • e ganz nahe. Aus der Tiefe des Zimmers, hinter den schweren dunkev irünen Vorhängen, drangen in der Tat diese feinen, weichen Töne. Ich duschte, hatte meine kleine Hand in Rasboikas Fell vergraben, sah die Imnte Laterne an und rührte mich nicht von der Stelle. Nun war das alte, praue, unheimliche Haus doch verzaubert, wie im Märchen — ganj rote es mir immer hinter (einen feft verschlossenen Fenstern ausgebag)t !«fte, wenn ich auf dem Katzenkopfpflaster die enge Straße zum Meer Ünabtief, mit Rasboika am Halsband. Ser Hund knurrte wieder, seine grauen Rückenhaare sträubten sich, er •wr ein scharfer, böser Kerl, mit dem ich aber von Anfang an gut Freuno •»ar, wie es ja Kindern oft mit sonst unzugänglichen, bissigen Tieren er- l^hi ... Ich zog den schweren, grauen Kops am Halsband zu nur heran Jnb beugte mich herab zu ihm: „Aber Rasboika, es ist doch nichts, •iummer Serl, du fürchtest dich wohl schon am hellen Tag vor dem alten {aus da, schäme dich!" Aber weil er die braunen Augen drohend auf bas «mster richtete, hob auch ich wieder den Kopf — sanft schaukelnd hing • e chinesische Laterne im Fensterrahmen, ein leiser, bitterer Geruch nach rti fifcfjem Juchten und starkem Tabak strich aus dem Zimmer, ein dunkler, angenehmer Geruch, den ich nie mehr vergessen habe, und aus den Schatten in der Zimmertiefe trat ein Mann ans Fenster, der mich wohl schon eine ganze Weile beobachtet hatte und nun lächelte und bei diesem Lächeln blitzend weiße Zähne in seinem dunklen Gesicht zeigte. Ich erschrak. „Oh, verzeihen Sie bitte!", sprach ich auf estnisch, „ich war nicht neugierig — nur die Laterne hier, die wunderbare Laterne!" Der Mann, der eine kurze, englische Pfeife rauchte, schlug den Pfeifenkopf jetzt auf dem Fenstersims aus, dann sah er mich voll an mit seinen blauen Augen, die grell und abenteuerlich unter dem breiten, wirren, schwarzen Bogen der Brauen standen. Er sagte noch immer nichts, sah mich nur immer so an mit feinem merkwürdigen Blick, und weil er noch immer lächelte und ich nicht klug wurde aus diesem leicht spöttischen Lächeln, senkte ich verwirrt den Kopf. „Nun das ist doch nichts Schlimmes, wenn du neugierig bist, kleines Mädchen!" Er sprach deutsch, aber mit dem rollenden R der Russen in feiner weichen tiefen Stimme. Ich warf den Kopf zurück und funkelte ihn zornig an: „Ich war nicht neugierig, mein Herr, ich habe mir wirklich nur die chinesische Laterne angesehen und der Musik zugehört!" Er lachte. „Warte ein Weilchen!" Und er nahm die Laterne vom Haken und kam dann durch den kleinen Vorgarten zu mir auf die Straße heraus, die Laterne in der Hand haltend und unter dem Arm einen kleinen Kofferapparat „Du gehst wohl die Straße zum Meer hinab", meinte er näherkommend. Ich nickte nur und sah ein wenig ängstlich auf Rasboika, der aber zu meiner Verwunderung gar nicht mehr böse war, sondern im Gegenteil seinen dicken Kopf an den Fremden drängte, wie er es sonst nie tat. Langsam ging ich neben dem großen, schlanken Fremden die gewundene Straße hinab. Der Nachbar, vor feinem winzigen Laden stehend, grüßte respektvoll, und ich hatte mit einemmal alle Scheu und Angst vor dem Fremden verloren. Rasboika tobte in langen Sätzen voraus. Als wir zum Strand tarnen, stürzte er uns schon triefend naß entgegen. Eine ganze Weile stand der Fremde neben mir und blickte auf das Meer hinaus. Dann wandte er sich lächelnd nach mir um: „Ich heiße Wladimir, willst du mich so nennen?" Und weil er so freundlich mich ansah, schlug ich in die hingehaltene, breite Hand ein: „Ja, gerne!" Er fuhr mir leicht übers Haar: „Du gehst wohl gar nicht hier bei uns zur Schule?" „Nein, ich bin nur bei Onkel und Tante zu Besuch in Reval!" „So, aber nun will ich dir etwas zeigen, weil es dir soviel Spaß zu machen scheint!" Wladimir hatte die Laterne vorher in den Sand gestellt, und ich mußte voll Mühe den neugierigen Rasboika abhalten, sie aufzufressen oder als willkommenes Spielzeug in das Meer zu schleppen, wie er es sonst mit Holz und Steinen tat. „Geh weg, Rasboika!" schrie ich ihn an in meiner Aufregung und drohte ihm, bis er sich endlich trollte und schnaufend und prustend in den Sand einwühlte. Wladimir öffnete den schwarzen Kofferapparat und legte eine Platte auf: „Nun schau mal!" Er hob die Laterne auf, und nun sah ich durch das herrlich bemalte, im Sonnenlicht glitzernde Glas auf das filberfpie- gelnde Meer, das unruhig in kleinen Wellen an den Strand anlief. Hinter dem bunten Glas funkelte alles strahlend auf, auch die schwarz getuschten Figürchen schienen sich anmutig zu bewegen. Dazu tönte eine sehr helle, dünne Melodie aus lauter gläsernen Glöckchen, die der Seewind schmeichelnd aufnahm und auf das gleißende Meer entführte, das am fernen Horizont mit dem Himmel blau verschmolz. Ich war wie verzaubert. Die zärtliche Frühlingssonne, der weite blaue Himmel, der gelbe Strand mit dem im Wind knisternden, trocknen Strandhafer, Rasboika dort und neben mir Wladimir mit feiner bunten Märchenlaterne im farbig sich brechenden Spiel der Sonnenstrahlen, von der dünnen, fremden Melodie aus dem fernen Osten begleitet. Und Wladimirs eigentümlicher Geruch nach russisch Juchten und starkem englischen Tabak, der bei jeder Bewegung von ihm ausging, von seinen Händen, seinen Kleidern — der sanfte und fröhliche Blick feiner blauen Augen — dieses alles erfüllte mich festlich und geheimnisvoll. Und ich glaube, es war der glücklichste Tag meines Lebens, dieser Tag mit Wladimirs Freundschaft und dem bißchen Kinderglück einer bunten Laterne ... Ost gingen wir die krumme, katzenkopfgepflasterte Straße zum Meer hinab mit Rasboika am Halsband. Lautlos rollte bann und wann eine der hohen Kutschen auf ihren Gummirädern an uns vorbei — wie gut griffen die Pferde auf dem wie für sie geschaffenen holprigen Pflaster aus. Und der Nachbar, der kleine, dicke Kolonialwarenhändler in der cattuse pappi stand meistens vor feinem Lädchen und grüßte freundlich, hielt die rosigen Händchen über seiner weißen Schürze gefaltet und sah uns wohlwollend nach. Oder wir faßen in dem mit alter Pracht ausgestatteten Gemach, von Wladimirs Tante Cornelia, bei der er zu Besuch weilte. Dort lehnte man in den steifen geschnitzten Stühlen. Im silbernen Dreifuß brannte das Holzkohlenfeuerchen unter dem Samowar, der matt blinkte in der Dämmerung des düsteren Raumes. Die alte Dame war taub, aber sie nickte mir ab und zu freundlich zu, wenn sie nicht gerade in ein Buch vertieft war. Es gab immer wunderbar mürbes, russisches Buttergebäck und Pastetchen mit Fleisch oder Gemüse gefüllt ... Später reifte Wladimir nach Hongkong ab, wo er In einer russischen Firma tätig war. Wenn ich die chinesische Laterne ansehe, denke ich daran, daß jene enge gewundene Straße auch heute noch zum Meer hinabführt und die Luft genau wie damals nach salzigem Seewind und Fischen schmeckt — daß aber am Ausgang der Straße kein Wladimir mehr heftig drohend über mein Zuspätkommen die Laterne schwenkt und Rasboika ihn freudig bellend anspringt — und doch glaube ich, würde ich jäh den Gesuch spüren, wenn ich wieder dorthin zurückkäme, den starken, bitteren Geruch nach Juchten und Tabak, der die Erinnerung an diese halbe Kinderlr-undschaft wieder ganz wachrufen würde in mir, mit ein wenig nachdenklicher Traurigkeit gewürzt... Kinderlieb von den grünen Sommervögeln. Von Friedrich Rückert. Es kamen grüne Vögelein Geflogen her vom Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aeste, Und faßen da so feste, Als ob sie angewachsen sein. Sie schaukelten in Lüften lau Auf ihren schwanken Zweigen; Sie aßen Licht und tranken Tau, Und wollten auch nicht schweigen, Sie sangen leise, leise Auf ihre stille Weise Von Sonnenschein und Himmelblau. Wenn Wetternacht auf Wolken sah, So schwirrten sie erschrocken; Sie wurden von dem Regen naß, Und wurden wieder trocken; Die Tropfen rannen nieder Vom grünenden Gefieder, Und desto grüner wurde das. Da kam am Tag der scharfe Strahl, Ihr grünes Kleid zu sengen. Und nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu besprengen. Die armen Vöglein froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl. Da trat ein starker Mann zum Baum, Und Hub ihn an zu schütteln, Vom obern bis zum untern Raum Mit Schauer zu durchrütteln; Die bunten Vögel girrten, Und auseinander schwirrten; Wohin sie flogen, weiß man kaum. Auf den Großvenediger. Von Hermann Otto Bau bei. ' Diesmal erregte der erste Anblick der Berge nicht so sehr wie in den Jahren vorher immer wieder. Mag sein, daß wir stärker auf unser Ziel eingestellt waren, auf die Tat und die Leistung. Und so kamen wir erst hinter Zell am See in die richtige Stimmung, als wir in den spielzeug- haft zierlichen Wagen der „Lokalbahn" in den Pinzgau hineinfuhren. Blauer Mittagsdunst lag über dem Tale. Die kleine Lokomotive versuchte vergeblich mit ihrem Schnaufen das Rauschen des Flusses neben dem Bahndamm zu übertönen. Wie in einem der Panoramen, die wir als Kinder noch sahen, öffnete sich eines nach dem anderen der engen Seitentäler, tief eingeschnitten, zwischen himmelhohe Wände und im Hintergründe abgeschlossen durch fahl leuchtende Gletscher, die unter dichten Wolkenvorhängen lagen! — Wir wurden kräftig durchgeschüttelt, bis wir endlich Rosental im Pinzgau erreichten. Am späten Nachmittag stiegen wir noch zur Ruine hinauf, die über dem Orte am Hang hakt, und legten uns ins Moos. Gegenüber, auf der anderen Talseite, führten zwei enge Seitentäler zu den Gletschern empor, die im roten Abendlicht glühten, das Unter- und das Obersulzbachtal. Am nächsten Morgen schritten wir durch taufeuchtes Gras dem Obersulzbachtale zu. Langsam stiegen wir immer höher über den rauschenden Bach empor, noch immer im Schatten der gegenüberliegenden Wände. Wir kamen an großen Almen vorüber, die sich die Hänge hinaufzogen. Langsam rückte der vergletscherte Talabschluß immer näher, liebet Schutthalden und Felsabstürze stiegen wir dann mühselig in der sengenden Mittagssonne zur „Kürsinger Hütte" hinauf, die erst sichtbar wurde, als wir vor ihr standen. Unterwegs hatten wir Arbeiter überholt, die Balken zum Hüttenneubau hinaufschleppten. Sie hatten Lasten bis zu zwei Zentnern auf dem Rücken. Das war keine Kleinigkeit in dieser Mittagsglut. Dazu führt der Steig zur Hütte stellenweise in Felsstufen fast senkrecht empor und ist in seinem letzten Stück wegen seiner Ausgesetztheit durchweg mit Drahtseil gesichert. Oben auf der Hütte (2550 Meter) kamen wir gerade recht zum Schweineschlachten. Der Wirt war eben mit einem anderen Manne damit beschäftigt, dem Schwein mit einer Schöpfkelle die Borsten abzustreichen. Drüben aus dem Neubau hantierten die Maurer. Aber dieser Alltag wurde erdrückt durch den Hintergrund, vor dem er sich abspielte. Da verschwand alles vor der ewigen Gewalt des blauglänzenden Eises und dem weiten, reinen Weiß der Firnfelder. Tief unter uns breitete sich wildgezackt, den spitzen Giebelreihen eines mittelalterlichen Zeltlagers vergleichbar, der Gletscherbruch der „Türkischen Zeltstadt" aus. Ringsum aber glitten die unendlichen Eisströme von all' den stolzen Riesen der Venedigergruppe zu Tal. Fast mächtiger als die elegante Spitze des Großvenedigers wirkte von hier aus der gegenüberliegende „Große Geiger". Um 3 Uhr in der Frühe brachen wir von der Hütte auf. Der Himmel war sternklar in dieser Augustnacht. Ein frischer Wind kam uns von den Gipfeln her entgegen. Bei Laternenschein tasteten wir uns langsam über Geröllhalden zum Zwischensulzbachtörl hinauf. Allmählich wurde es heller, und wie konnten die Eisbrüche des Sulzbachkees in der Tiefe unter uns deutlicher erkennen. Die Sterne verblaßten immer mehr. Als wir auf dem Gletscher Seil und Steigeisen anlegten, färbte die Morgenröte den Horizont und die Wolken, die allmählich aufstiegen. Der hartgefrorene Schnee knirschte unter unseren Füßen. Der Gletscher hob sich zuerst langsam. Wir kamen ganz gut vorwärts, denn es gab nur wenige Spalten. Dann aber folgte ein steiler Firnhang, der zur Venedigerscharte emporleitete. Er war an und für sich ganz harmlos, aber uns fiel er schwer. Das Gepäck drückte stark, wir hatten Atembeschwebden, Ohrensausen und Herzklopfen. Die Bergkrankheit hatte uns gepackt. Langsam, ganz langsam stiegen wir aufwärts. Ein paar Schritte, und dann mußten wir wieder stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Von rechts her grüßte ganz nahe der wächtengekrönte Gipfel des Großvenedigers. Wilde Eisabbrüche, in den wundervollsten blauen und grünen Tönen leuchtend, zogen sich von ihm zu uns herüber. Der Berg sah auf uns hernieder wie ein grinsender exotischer Dämon. Wir nahmen noch einmal unsere ganze Kraft zusammen und standen dann eben auf der Scharte, wo uns der Wind um die Nase blies. Vergeblich versuchten wir ein paar Bissen zu essen. Wir bekamen nichts durch die Kehle. Wir liehen unser Gepäck an der Scharte zurück und stiegen langsam weiter zum Gipfel. Wir waren so schlapp, daß es uns selbst zuviel war, den Photoapparat mitzunehmen. Der Grat war zuerst breit und harmlos, dann verengerte er sich plötzlich. Wir maren froh, daß wir unsere Steigeisen hatten. Denn wir standen auf einem steilen Dache, das in die Unendlichkeit abzustürzen schien. Unterhalb des Gipfels mußten wir noch einen Augenblick warten, um eine absteigende Partie vorbeizulassen. Dann über eine schmale Firnschneide hinüber, und wir standen oben auf der überhängenden Gipfelwächte (3360 Meter). Ein paar Schritte vor uns lief ein tiefer Spalt durch den Firn. Nun wäre es an uns gewefen, uns zu freuen. Aber der Berg grollte uns hartnäckig. Er sorgte dafür, daß im Nu sämtliche Gipfel in der Runds sich in graue Wolkenfetzen hüllten. Nur der höhere Rivale, der Großglockner, hatte seinen eigenen Willen. Frei ragte seine spitze Pyramide über die Wolken hinaus. Schon blies uns der Sturm die ersten Schneeflocken ins Gesicht, und auch die Gipfel der nächsten Umgebung verschwanden im Nebel. Wir eilten zur Scharte, zu unseren Rucksäcken zurück. Und dann mit schnellen Schritten über das Gletscherfeld des Schlat- tenkees zur „Prager Hütte". Bei jedem Schritte sanken wir tiefer in den weichen Schnee. Spalten stellten sich uns entgegen, über die wir hinübersprangen. Der Nebel braute sich immer dichter zusammen. Doch wir hatten Glück. Etwas müde, aber froh, schnallten wir unsere Steigeisen am Ende des Gletschers ab und rollten das Seil ein. Ein paar hundert Meter entfernt, manchmal im Nebel verschwindend, stand in den Felsen ein schmuckes, hohes Haus, die „Neue Prager Hütte" (2810 Meter). Um die Mittagszeit lagen wir draußen unterhalb der Hütte zwischen den Felsen, vor dem Winde geschützt, und sahen dem Kampf des Nebels, des Sturmes und der Sonne zu. Tiefdunkelblau leuchtete Enzian überall zwischen dem Grau des Gesteins, lieber die Gletscherbrüche des Schlatten- kees' jagten bie Wolkenschatten. Die „Schwarze Wand" drüben wurde für einen Augenblick zum Teil sichtbar. Doch der Nebel siegte. Dicht und grau, alles verhüllend, alles verschluckend, zogen immer neue Massen heran. Schon fielen die ersten Tropfen. Am Nachmittag noch stiegen wir zu Tal. Wir gingen immer am Rande des Schlattenkees' hin. Jede Ecke bot einen neuen, eigenartigen Ausblick auf die gewaltigen Eisbrüche, die ins Tauerntal hinadstürzen. Der Nebel ließ immer nur einen Ausschnitt aus dem Ganzen frei und gab fo Bilder von stärkster Geschlossenheit. Bald brach der Gletscher in riesigen, senkrecht übereinander gestellten Stufen ab, bald spaltete er sich in wildzerklüftete Grate und Zacken. All' das aber war übergossen von den leuchtendsten grünen und' blauen Farbtönen, die nach gesteigert wurden durch das indirekte Licht, das durch den Nebel drang. Äm Ende des Gletschers gähnte eine haushohe, dunkle Höhle im Eis, das Gleticher- tor, aus dem der Gletscherbach hervorschoß, um donnernd über Fels- abstürze zum Talboden hinabzufallen. Gegen Abend, gerade als der Regen durch unsere Windjacken durchzudringen begann, (amen wir in Inner-Gschlöß, der obersten Almsiedlung im Tauerntal an. Dort übernachteten wir. Am nächsten Morgen hingen noch ein paar Helle, durchleuchtete Wolkenstreifen um die dunklen Massen der Berge, lieber uns aber strahlte die Sonne vom dunkelblauen Himmel. Der Bach rauschte. Die Glocken des Weideviehs klangen. Die Almhütten uns gegenüber leuchteten in sattem Braun. Vor ihnen spielten Kinder mit rosigen jungen Schweinen. Auf einmal riß der Wolkenvorhang im Hintergrund des Tales auseinander, und das strahlende, göttliche Weiß der Firnfelder lag breit und ruhig da, eingebettet in riesige Felshänge. Oben darüber aber stand die Tiefe des südlichen Himmels. Lange noch hatten wir diesen Blick, wenn wir beim Weitermarsch uns umwandten. — Nicht weit von Inner-Gschlöß lag seitab vom Wege ein seltsames Bauwerk. Einen haushohen Felsblock, der einmal mit Donnergepolter von einer der Talwände heruntergekommen sein mußte, hatte man ausgehöhlt, mit Fenstern versehen und den Raum zu einer Kapelle gestaltet. — Allmählich verbreiterte sich das Tal immer mehr und der Bach nahm immer ansehnlichere Gestalt an. Die ersten Siedlungen, die das ganze Jahr über bewohnt werden, lagen in den Wielen. Noch einmal mußte sich der Bach in einer Klamm zwischen steilen Fese- wänden hindurchzwängen, bann trat er in ein weites Talbecken ein. lleberaU verstreut hatten sich Höfe angesiedelt, bis hoch hinaus an den Verghängen. Oben noch zwischen dem starken Grün der Wälder und dem helleren der Matten leuchtete das dunkle Gold reifer Getreidefelder. Eine weiße Burg lehnte sich an den Berg. Die heiße Luft flimmerte über der Talweite und über den Häusern von Windisch-Matrei, dem Ausgangspunkt so vieler Fahrten in das Herz der Tauern. Beravctwörtlich. Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.