GietzenerKmillienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1957 Freitag, -en 2. April Nummer 25 Der «SieOlin Roman von Theodor Fontane 18. Fortsetzung. Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach, auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgslehnt, da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur Wahl gekommen war: der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei doch nun mal — und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht — der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er nun sprechen könne oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage handle, durchaus gleichgültig. Ueberhaupt, die ganze Geschichte mit dem „Sprechenkönnen" sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache, daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn, sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch das schade nichts. Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten Zählen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den götzenhaften Alten-Frie- sacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: „Wahres Glück, Katzler, daß der Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat: sonst, so bei veau en tortue, — vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht —, mürb ich der Sache nicht gewachsen sein." Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: „Meine Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen." Und während der Alte, das Gesagte bestätigend, mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner alter-eZo-Rolle verbleibende Baron Beetz hinzu: „Seine Majestät der Kaiser und König lebe hoch!" Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den'auf einer Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte man an der Slanzen Tafel hin das „Heil dir im Siegerkranz" an, dessen erster Vers tehend gesungen wurde. Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas, an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht, der, der sich mit Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgangs zu beschäftigen hatte. Wer sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach und war eigentlich froh, als es mit einem Male hieß, Gundermann werde sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht stünden, aber man tröstete sich, je mehr er scheiterte, desto besser. Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem die Rolle der Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf Sieben- chählen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter: „Ruhe, Ruhe!" riesen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas geklopft und nun auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und begann, während er mit affektierter Nonchalance feine Linke in die Hosentasche steckte: „Meine Herren. Als ich vor soundsoviel Jahren in Berlin studierte" („na nu"), „als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne Hinrichtung ..." „Alle Wetter, der fetzt gut ein." ..... war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn. Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte, ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte, weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen. Sozusagen mit nem Ausschnitt." „Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann." „Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen Refen- dare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ..." „Keine Verspottung unsrer Referendare ..." „... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage .uns1, weil sie mich auch ansah) und sagte: ,3a, ja, meine jungen Herren, bat kommt davon ...' Und sehen Sie, meine Herren, dieses Wort, wenn auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann, muß einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und ich sage dann auch, ganz wie die Alte damals sagte: ,3a, meine Herren, bat kommt davon'. Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen'dis Sozialdemokraten?" „Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!" „Es gibt da nichts Neues. 3ch kann nur bestätigen, vom Fortschritt kommt es. Und wovon kommt der? Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn es meinetwegen ohne das große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden muß — und ohne Geld, meine Herren, geht es nicht" (Zustimmung: „ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf") —, „nun denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was fallen wir, auch unter derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo Herr von Stechlin gewählt werden soll,' und wo sein Kutscher Martin, der ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit. 3ch nenne es Unsinn, und viele tun desgleichen. 3ch denke mir aber, gerade diese Wahl, in einem Kreife, drin das alte Preußen noch lebt, gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen. 3ch sage nicht, welche Auqen." „Schluß, Schluß!" „3ch komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen als die .glorreich Besiegten' bezeichnet hätten. Ein stolzes und nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir, glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir find glorreich Besiegte. Wir haben eine Revanche. Die nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: Herr von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!" Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten, und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu dem neben ihm sitzenden Katzler: „Weiß der Himmel, diefer Gundermann ist und bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst befchreibt er uns die Frau mit nem Kropf, und dann will er das große Haus ab- schaffen. Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr haben, haben wir gar nichts: das ist noch unsre Rettung und die beinah einzige Stelle, wo wir den Mund, (ich sage Mund) einigermaßen auftun und was durchsetzen können. Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch das noch nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und die Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von .Ständen' kann hier eigentlich nicht die Rede fein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit dazu. Seine Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch immer vor." Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war, flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, Me Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn er mal faß, faß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzufchließen, und unter den Klängen des „Hohenfriedbergers" — der „Prager", darin es heißt: „Schwerin fällt", wäre mit Rücksicht auf die ©efamtfituation vielleicht paßlicher gewesen — kehrte man in die Parterreräume zurück, wo die Majorität dem Kaffee zufprechen wollte, während eine kleine Gruppe von Allertapferften in dis Straße hinaustrat, um da, unter den Bäumen des „Triangelplatzes", sich bei Sekt und Kognak des weiteren bene zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz und van Peerenboom: Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis dahin mit der Feft- mufit betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Thor- metjers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken, die jenseits aller „Pflicht" tagen), und neben ihm, was beinahe noch mehr überraschen konnte, saß von der Nonne. Molchow und Thormeyer führten das Wort. Don Wahl und Politik — nur über Gundermann fiel gelegentlich eine spöttische Bemerkung — war längst keine Rede mehr, statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus der Grafschaft heranzuziehen. „Ist es denn wahr", sagte Kraatz, „daß die schone Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird, oder richtiger, der Vetter die schone Lilli? .Vetter?" fragte Peerenboom. ' Ach Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile hier, als die Lilli-Geschichte spielte." Peerenboom lieh sichs gesagt fein und begrub ,ebe weitere Frage was er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war, daß der, der das Lilli-Thema herausbeschworen, über kurz ober lang ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch. „Ja, diese verdammten Kerle", suhr von Kraatz fort, „diese Lehrer! Entschuldigen Sie, Lutkhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt alles anders, und der, der hier ne Rolle spielt, war ja natürlich bloß ein Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder. Und eines Tages waren beide weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach England. Es rann einer noch jo dumm sein, aber von Gretna-Green hat er doch mal gehört ober gelesen. Und da wollten sie denn auch beide hin. Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna-Greensche darf nicht mehr trauen. Und [o nutjtnen sie denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung. Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging." „3a, das kennt man. ... „Und da tarnen sie denn alfo wieder. Das heißt, Lilli kam wieder. Und sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen. „Und der sprang nu ab?" „Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli tft sehr hübsch und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch. Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus mög'.ich. Ja, er soll dabei von Purgatorium gesprochen haben." „Mißfällt mir, klingt schlecht", sagte Molchow. „Aber was er vorher gesagt, .Entsühnung', bas ist ein schönes Wort und eine schone Sache. Nur das ,Wie', — ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen — will mir nicht recht einleuchten. Als. Christ weiß ich natürlich lso' schlimm steht es am Ende auch nickt mit einem), als Christ weiß ich, baß es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr." Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack; seiye Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch glatter. „Ja", sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte, „so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so was gibt. Denn die arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden, einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und dann auch wegen des Anklangs; aber es gibt eine Puri- fjkation. Und das ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheits- Wiederherstellung. Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's hier handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach Restitution überall, und namentlich im Orient — aus dem doch unsre ganze Kultur stammt — finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese Tatsache." „Ja, ist es eine Tatsache?" „Schwer zu jagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und bas ist ebensogut. Blut sühn t." „Blut sühnt", wiederholte Molchow. „Gewiß. Daher haben wir ja auch unsere Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der Hauslehrer ist drüben in England geblieben, wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht satisfaktions- fähig. Wäre er Reserveoffizier, fo Hütt ich das längst erfahren ..." „Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv, naturwüchsig, das fogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht immer das Blut des Uebeltäters selbst zu sein. Bei den Orientalen ..." „Ach, Orientalen ... dolle Gesellschaft ..." „Nun denn meinetwegen, bei saft allen Volkern des Ostens sühnt Blut überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung — ich kann das Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, ich muß immer wieder darauf zurückkommen — nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her." „Na, hören Sie, Rektor!" „Ja. es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß fo obenhin bestätigt, sondern beinahe großartig bestätigt. Und noch dazu aus Siam." „Aus Siam?" „Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig, und ich wundere mich ost, daß sie die Predigt bis zu Ende mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ..." „Erzählen, Direktorchen, erzählen!" „Nun denn, aus Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine ...Da war alfo, und es ist noch gar nicht lange her, ein König von Siam. Die Siamesen haben nämlich auch Könige." „Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht." „Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte eine Tochter." „Klingt ja wie aus’m Märchen." „Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so daß man doch »uch hie» wieder an den Kandidaten erinnert wird) — dieser Nachbarfürst raubte die Prinzessin und nahm sie mit In feine Heimat und seinen Harem, trotz alles Sträubens." "s^'wenigstens wird berichtet. Ader der König von Siam war nicht der Mann, fo was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg gegen den Nachbarfursten, schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk war wie von Sieg unb Glück berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig. „Sann ich mir denken. Wollte wieder weg." „Nein, ihr Herren. Wollte nicht zuruck. Denn es war eine sehr feine Dame, die gelitten hatte ..." "Die gelitten'hatt« und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung lebte, dem Gedanken, wie das„ Unheilige, das Beruhrtsein, , wieder von ihr genommen werden könne." .Geht nicht. Berührt is berührt." ,, „ . , „Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschast wurde heran- qezooen und hielt, wie man hier vielleicht sagen wurde, einen Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder was dasselbe lagen will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginitat beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten Buchern), daß sie in Blut gebadet werden müsse." ''.Und' zu diesem Behuse wurde sie bald danach in eine Tempelhalle geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr und eine von weißem Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das Bad bereitet unb bie Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet hatten, flieg in das Büffelblut hinab, und der HohepriAter nahm ein heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin. „Eine starke Geschichte; bei Tisch hätte ich mehrere Gange passieren lassen. Ich find es doch entschieden zu viel." Ick nicht", sagte der alte Zählen, der sich inzwischen eingefunden unb" feit ein paar Minuten mit zugehört hatte. „Was heißt zuviel ober zu stark. Stark ist es, soviel geb ich zu; aber nicht zu stark. Daß es stark ist das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fand ich es ohne weiteres zu stark; es muß immer ein richtiges Verhältnis da fein zwischen Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie, ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn doch ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt so viel von .großen Mitteln'. Ja, meine Herren, auch hier war nur mit großen Mitteln was auszurichlen. „Igni et ferro“, bestätigte der Rektor. „Und", fuhr der alte Zählen fort, „soviel wird jedem einleuchten, um den Teufel auszulreiben (als den ich diesen Nachbarfürsten und seine Tat durchaus anjehe), dazu mußte was Besonderes getoeßn, etwas Beelzebick- artiges. Unb das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich find es n i cht 3U Thormeyer hob fein Glas, um mit dem allen Zählen anzustoßen. „Es ist genau fo, wie Herr von Zählen sagt Unb zuletzt geschah denn auch glücklicherweise das, was unsre mehr auf Schönheit gerichteten Wunsche — denn wir leben nun mal in einer Well der Schönheit — zufrieden- stellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne stieg die Prinzessin m »le Marmorwanne, drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre Heimstätte hatten, unb alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen aufs neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über bie Prinzessin, und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all das wieder aufbluhte, was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen. Und zuletzt schlugen bie Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße Gewänber unb führten sie bis an ein Lager unb fächelten sie hier mit Pfauenwebeln. bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Unb ist nichts zurückgeblieben, unb ist spater die Gattin des Königs von Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil Frankreich schon feit einiger Zeit in feinem Lande herrschte. „Hoffen wir, baß Lillis Vetter auch ein Einsehen hak. „Er wird, er wirb." , ' m ... Darauf fließ man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits vorgefahren unb standen in langer Reihe zwischen dem „Prinzregenlen und dem Triangelplatz. „ Auch der Stechliner Wagen hielt schon, unb Martin, um sich die Zeit zu vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor unb begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn herantrat unb um Entschuldigung bat, baß er habe warten lassen. Aber ber Obersärster fei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt, das auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, bie Rückfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen. Dubslav lachte. „Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zu viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch wahrscheinlicher der neuzuftndende Name. Werde wohl recht behalten ... Und nun vorwärts, Martin." Damit ging es über das holperige Pflaster fort. In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf ber ßanbftraße tarn man an großen und kleinen Trupps von Häuslern, Teerfchwelern und Glashüttenleuten vorüber, bie sich einen guten Tag gemacht hatten unb nun fingenb unb johlenb nach Haufe zogen. Auch Frauensvolk war dazwischen unb gab allem einen Beigeschmack. So trabte Duslav auf den als halber Weg geltenben Nehmitzsee zu. Nicht weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichsofen, und als Martin jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze Herumbiegen wollte sah er, baß wer am Wege lag, den Oberkörper unter ©ras und Binsen versteckt, ober bie Füße quer über bas Fahrgeleise. (Fortsetzung folgt.) Landschaft ohnegleichen. Von Erwin Seddin g. Ein Bauer streut den goidnen Samen des Roggens aus wie eine Spende. Der Tag um feine frommen Hände ist leuchtend blau und ohne Ende. Die Bilder Gottes haben keinen Rahmen. Es mögen tausend harte Schuhe durch tausend braune Furchen gehen —: zur Freude, ihnen zuzusehen wie Kinder, die am Feldweg stehen, verloren wir den Sinn und alle Ruhe. Doch unter irgendwelchen Zeichen, ob es schon traumverwischte waren, lebt auch in uns dies Bild seit Jahren mit seinem starken, wunderbaren Erdduft der Heimat: Landschaft ohnegleichen. Frühling und Dichter. Von Paul Friedrich. Frühling, Jugend und Poesie sind im Grunde eins. Das in den langen nordischen Wintermonaten fast bis auf ein Nichts herabgedrückte Licht der Sonne steigt, und je länger es scheint, desto mehr erwärmt es die vereiste Erde und ruft das in einen Winterdämmerfchlas versenkte Leben in allen Keimen wach. Auch der totgeglaubte Baldur, der Adonis der Alten, erwacht und kehrt nach Asgard heim. Der mürrische Winter weicht erst nach heftigen Stürmen und Schnee- und Hagelschauern dem holden Knabentanz, der mit Veilchen im Haar den Anger und die Hecken grünen und von den Jubelliedern der heimischen und aus dem fernen Süden heimkehrenden Vogelschar begrüßt wird. Die monatelang ans Zimmer gefesselte Jugend treibt es mit Macht hinaus ins Freie, die ersten warmen Sonnenstrahlen locken sie zu den uralten Spielen: Ballspiel, Murmeln, Haschen, Ringelreihen. Und die in die Reife tretenden Jünglinge und jungen Mädchen lockt der Frühling zu Wanderungen in die Natur, wo sich ihr unverstandenes Sehnen mit dem allgewaltigen Sehnen der ganzen Schöpfung verbindet, das die enge Brust weit dehnt und das Gefühl einer allesum- armenden Liebessehnsucht wachruft. Und dieses mächtige, drängende Gefühl will nicht stumm bleiben, es macht sich Lust in Volks- und Wanderliedern oder in Uh land s ewig jungem „Frühlingsglauben": Die linden Lüfte sind erwacht, Sie fäufeln und weben Dag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden. D frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weih nicht, was noch werden mag. Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muh sich alles, alles wenden. In diesen schlicht-beseelten Versen hat das deutsche Gemüt seine knappste Formung des Frühlingssehnens gesunden. Aber das ist uns allen bekannt, bekannt wie die herrlichen Volkslieder wie „Es siel ein Reif in der Frühlingsnacht", oder „Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün", oder die unsterblich in Schuberts Melodien sortlebeuden Müllerlieder des allzufrüh dahingegangenen Wilhelm Müller. , .. Da nun aber der Frühling die ureigentliche Domäne der Poesie ist, könnte man leicht auf den Gedanken kommen: Na ja! Frühling ist eben Frühling, die Bäume werden grün, die ersten Krokusse, Schneeglöckchen, Märzenbecher und Himmelsschlüssel sprießen, die Finken, Drosseln, Stare Een und singen — es ist immer dieselbe Litanei nach einem lustigen . pt: „Minna, wie schön scheint der Mond!" Vorzüglich, sogleich in den Kasten! „Wenn das das Blättchen nicht nimmt — heiß ich nicht Hinz oder Kunz! Gewiß! So sang der blutige Dilletantismus aus tausend Kehlen so unentwegt, daß der Gast sich mit Grausen wendet, wenn er ein Frühlingslied liest. Und doch, sehen wir uns doch ein klein bißchen in dem Blumengarten um, der so viel verschiedene Frühlingsfarben hat und so verschieden sehen auch die berufenen Künder des Worts den ewigen Lenz. Bis ins 18. Jahrhundert hatte der Deutsche, dem doch einst nicht nur Herr Walther von der Vogelweide sein unsterbliches „Tan- daradei", sondern auch Herr Konrad von Kirchberg ein wunderholdes Frühlingslied sang: , v . Mai ist kommen in das Land, Der der Sorgen uns entband. Kinder, Kinder, seid ermahnt. Schaut die Wonne mannigfalt. Auf der lichten Heide breit, Da hat als ans ausgestreut Manche schöne Blümlein weit, Kam auch in den grünen Wald ... Bis ins 18. Jahrhundert hatte der Deutsche die ewige herrliche Natur über dem theologisch-scholastischen Bücherwust vergessen, wie Faust in verräucherten Studierstube. 1749 ließ Ewald Christian von Kleist sein idyllisches kleines Ethos „Der Frühling" erscheinen und erregte mit diesen gutgemeinten Miniaturausschnitten aus der ländlichen Natur, die sich nur selten über den plattesten „Realismus" erhoben, ein ungeheures Aufsehen, weil den meisten diese Naturnähe ganz fremd war. Eine 1910 erschienene Literaturgeschichte rühmt Kleist im Gegensatz zu dem strohledernen Gottsched und Brockes „kleinlicher Naturmalerei". Brockes, der biedere Hamburger Ratsherr, der 1721 sein „Irdisches Vergnügen in Gott" herausgab, war ein dichterischer Riese neben Ewald von Kleist. Er steht in der ungemeinen Feinheit der Naturbeobachtung nicht hinter den Japanern, diesen unübertroffenen Meistern der Blüten- und Zweigdarstellung zurück — ein malerischer Poet von hohen Graden. Wer konnte anno 1721 so etwas nur sehen wie er eine „Kirschblüte bei N a ch t": „Ich sah mit betrachtendem Gemüte Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, In kühler Nacht beim Mondenschein. Ich glaubt*, es könne nichts von größrer Weiße sein. Es schien, ob wär' ein Schnee gefallen. Ein feber, auch der kleinste Ast Trug gleichsam eine schwere Last Von zierlich weihen, runden Ballen. Es ist kein Schwan so weiß! Da nämlich jedes Blatt — Indem daselbst des Mondes sanftes Licht Selbst durch die zarten Blätter bricht, — Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat." Oder wie malt dieser andachtsvolle Maler ein „Bett voll Hyazinthen"! ... Obgleich die meisten blau, war es doch unterschiedlich. Wenn jene dort recht wie Ultramarin Im Dunkelblauen glänzt und schien, So wies die Nachbarin ganz sanft und niedlich Ein helles Himmelblau. Und die bei dieser stand Halt' ein schön Purpurkleid, ein rötlich-blau Gewand..." Man sieht: hier ist nichts von Schablone, kein albernes Gereim von „Sonne — Wonne — Liebe — Triebe", worauf man Dehmels Strophe münzen möchte: „Aber die Liebe, ist das Trübe ..." — Blieb das 18. Jahrhundert noch in der Reflexion stecken, so bringt uns der junge Goethe das hymnisch-reine Naturgefühl: Wie im Morgenglanze Du rings mich anglühst, Frühling, geliebter!" („Ganymed".) Oder in der prachtvollen Fauststelle: „Vom Eis befreit sind Strom und Bäche ..." Das 19. Jahrhundert gibt die seelische Spiegelung in den verschiedensten Brechungen des Lichts. Der geistreiche Jean Paul schafft die vielsagende Sentenz: „Der Frühling macht die Bäume grün und die Menschen — schwarz". Am überraschendsten schildert Christian Grabbe in seinem „Herzog Theodor von Gothland" drei verschiedene Einstellungen zum „Frühling". Ganz im Stil der Rousseauschwärmerei sagt der Königssohn: „... Aurora streute Goldstaub auf Die grünen Matten — sehnsüchtig dämmerte Des Horizontes duftgewobne Bläue, Die Wälder knospeten, die Rosen schwellten — I ch s a h e s nicht — des Hains Gefieder sang, Ich hört' es nicht — da schwebte eine nie Gesehene grüßend mir vorüber — es war Selma. Ich sah sie — und zum ersten Male härt' ich Die Nachtigallen schlagen, • Sah ich die Rosenbüsche blühn. Nur wer geliebt hat, weiß es, was Der Frühling i st." Hier sind Frühling, Liebe, Jugend eins. So sieht des männlichen Königs „Frühling" aus: Sieh! Der Schnee am fernen Hochgebirge ist zerrönne«, Des Jahres erste Schwäne wiegen Sich voller Wonne in der Frühlingsluft. Allüberall in dunklen Schluchten und Auf ftifchbegrünten Hügeln sprudeln eis- befreite Quellen, schallen Stimmen der Erwachten Flur. Der Buchenwald Hat schon sein junges, dichtgedrängtes Laub Entfaltet — Vogelschlag und Waldesrauschen Enttönen seinem Innern — tausendfältig Mit seiner Blätterpracht sich selbst Um(d)attent), steht er da, ein Frühlingsschloh, Und über ihm, und all Den Hügeln, Fluren und Gebirgen ringsumher Rust wie 'ne dustge blaue Blumenglocke Das unermeßliche Gewölk, des Himmels. Und wie sieht der enttäuschte Gothland schließlich den Frühling? Sieh, die gelbe Morgensonne ist emporgestiegen Und saugt die Dünste der und ver- und Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, »In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden,zu Gärten Und blühen wieder ... Der Frühling ist ewige Jugend. Er hat immer neue Farben Töne und ist kein abgeleierter Gassenhauer. Eine ewig neu sich jungende Melodie ist er, dem Menschen so nötig wie Jugend, Liebe fein tägliches Brot. Morastgen Wiesen und der Sümpfe in Die Höhe. — Auch beginnt der Frühling Sich überall zu zeigen: Regenwürmer, Die seiner lauen Witterung Sich freuen wollen, kriechen aus der Erde, Und südlich an dem Horizonte kommen Die Schwäne und die wilden Gänse lärmend Ins Nordland heimgeflogen. Es scheint, Daß wir 'nen schönen Sommer — Ich bm doch Recht müd und schläfrig ... — Um die Jahrhundertwende heißt es in einem „Bilde": Hart und kalt in schwarzen Regenlachen Spiegelt sich das grelle Frühlingslicht. Reine Miniaturmalerei, eigentlich Federzeichnungen eines Einswerdens mit Rispe, Dolde, Blütenblatt und Käfer, gibt Johannes Schlaf in seinen Prosagedichten „Frühling" (1893), die das Entzücken der naturalistischen Schule waren. ..... , Zum Schluß ein hinströmendes Auferstehungsgluck des Mainsranken Dauthendey: Ein Kind ist zu Gast. Bon Helene Boigt-Diederichs. Der Umzugmorgen ist da. Nixis Mutter hat eingewilligt, die Gemeinschaft zwischen sich und dem Kinde für einen vollen halben Tag zu zerreißen. Sie will den Jungen selber mit in die Wohnung bringen, damit der Abschied an der Stelle seines neuen Wirkens getätigt wird. Da ich dieses Wirken des Anderthalbjährigen des öfteren im elterlichen Wohnzimmer miterlebt habe, bin ich mir der Verantwortung bewußt. Heute nacht, als ich, vom Kommenden bedroht, wach lag, formte sich der Plan zu einem in der Säuglingspflege immerhin neuartigen Verhalten. Laß die Mutter nur erst draußen sein. Alsdann wird Nixi, fern von Brennöfen, Reißbüchern, Fensterstürzen und Kurzschlüssen in der Mitte des Zimmers auf einen Teppich geschüttet ... Hier schaltet sich das Bild der Heuldecke ein (mausegrau mit feuergelbem Saum), die in der Kinderstube meiner Mutter Üblich war. Freilich, daß der Sträfling auf ihr verharrte, ja, bei ihrem bloßen Anblick schon die Massen streckte, ward doch nur durch den sittlichen Zwang bewirkt, der im Falle Nixi einigermaßen versagen würde. Folglich: Ersatz der Moral durch einen mehr widerstandsfähigen Gegenstand. Sagen wir einen Besen. Mit diesem bewehrt werde ich mich neben Nixi stellen und seine aufrührerischen Glieder unentwegt auf die Teppichinsel zurückfegen. Dann kann auf keinen Fall Schlimmes entstehen. Den Besen als Nothelfer im Sinn schlafe ich ein, erwache unsicher ins nüchterne Frühlicht. Die Schränke im Zimmer werden angewackelt; sie bewähren sich fast auf ihren Beinen, ohne Hang zum Ueberkippen. Schlüssel werden abgezogen, Tischdecken hochgefaltet, der Ofen mit Kohlenkästen verschanzt, das Pedal des Klaviers, die Klunker der Vorhänge auf Grünspan untersucht. Alles klar zum Gefecht. Der größte Teil des Vormittags entweicht, ohne daß Mutter und Kind sich melden. Ich werde unruhig, vergegenwärtige mir ein gewisses schwarzseherisches Mienenspiel, das mein Angebot etwa begleitet Haden könnte. In diese Abrechnung hinein klingelt es. An der Tür stehen die bänglich Erwarteten. „Darf er wirklich kommen?" fragt die Mutter. Nur der Kenner vernimmt den Unterton von Ehre, der dem fremden Dache bevorfteht. Nixi wird aus Pelz und Mütze geschält. Die Mutter mustert das Zimmer, teilt Ersatzhöschen und Winke zu jedweder Behandlung aus. Vor allem müsse das Kind jetzt schlafen, hierfür sei das Zimmer gänzlich zu verdunkeln, dazu gehöre noch ein Schirm vors Fenster. Undenkbar, daß Nixi die Augen schließe beim kleinsten Spalt Tageslicht. Die Mutter erlebt noch, wie im Winkel, zwischen Schrank und Klavier, ein Lager geschichtet wird. Sie schwankt, ob sie dem Abschied aufrecht begegnen ober still verscheiden soll, entschließt sich heldenhaft für das letzte. Hinter der Glastür des Flurs bewegt sich ihr lauschender Schatten. Ich gönne ihrer Zärtlichkeit das erste jähe Herzwimmern des betrogenen Knästleins, erwarte Rückstürzen, vernehme mit Staunen fluchtartiges Treppab. Ich bin allein mit dem Kinde, das plötzlich schweigt. Etwas schüttert über fein Gesicht, sein Körperlein bebt, bereitet sich auf den Ausbruch der Naturgewalt. Selbsterhaltungstrieb brennt auf. Blitzartig folgert der Verstand: dies ist ein Kind. Nicht mehr und nicht weniger. Ein kleines fremdes Kind. Alles hangt davon ab, daß es nicht erst auf den Gedanken kommt, es fei anderes als ein beliebiges, meinem Haushalt zugewtefenes Gerät. Ich packe den kleinen warmen. Leist und stopfe ihn mit einer klugen Mischung von Beiläufigkeit und Nachdruck auf das Bodenlager. „Da Nixis Nest!" Angehaltenen Geistes kümmere ich mich keineswegs darum, wie er diese Vorstellung aufnimmt. Nixi stößt nicht, trampelt nicht, tut den Mund zum Schreien nicht auf, nur die Augen zum Staunen. Begreift langsam, diese Nische hier ist das Winkelchen Dasein, dem er und das ihm fortan eigentümlich zugehört. Das fremde Weltenwirbelzimmer draußen, das geht ihn nichts an. Aber hier, Kiffen und Decke, weiß und glatt, mit ihnen laßt es sich heimatlich verkehren. Kleine friedliche Schwatzlaute gurgeln auf. Der Zustand überwältigt mich. Ich werde schwach, zucke aus meinem Nichtvorhandensein heraus, werfe Nixi einen Abreißkalender mit dem letzten vergessenen Silvestek- stlatt zu. , , , Bücher — die einzige Angelegenheit im elterlichen Wohnzimmer, bet deren Handhabung einige Warnung?- ober Schmerzensschreie des Vaters fällig sind. Nixi lauscht rund — niemand mengt sich ein. Herzliches Plappern und Klatschen. Aus dem Röhren, Mampfen und Kosen formt es sich: bitter, bitter, bitter. Schaben an der Wand, Knistern von Papier, Lutschlaute — es überläuft mich: die Tapete ist mit grüner Farbe gestrichen — schutzengellinde schleiche ich heran. Alles in bester Ordnung. Nixi spielt nicht mehr. Er scheuert in den Augen, Hände und Gesichtlein werden schwer, verdumpfen. Sinken, halb aufbegehrend noch, ins Kissen. Und nun schläft er wirklich, ohne Dunkel und tzensterschirm, fest und einfach, zwar mit wunderlichen kleinen Schluchzern, die wie Träume von Schmerzen find. Ich sitze da, voller Andacht vor so viel Wehrlosigkeit. Ein kleines fremdes Kind, auf Tod und Leben in meine Hand gegeben. Ich erfinde Geschenke für den Augenblick seines Erwachens. Den großen Schlüsselbund. Den Papierkorb. Die Weckuhr. Die Tasten des Klaviers. Nixi rührt sich nicht, schläft, nachgerade beängstigend. Schläft weiter bis in die Dämmerung. Und wenn nun feine Mutter kommt, und ich muß gestehen, daß er in dem gastlichen Hause weder Naß noch Trocken bekommen hat? Ueberaus peinlich. Ein Griff nach dem Lichtschalter — da, willkommen blinzelt der Schläfling, stört hoch, kullert beschwichtigend zurück. Ich zehen- schlängle davon, Milch aus der Küche zu holen. Wehjammern heiser! mir nach. Ich rase zurück, finde Nixi an der Tür; wiefelflink trappt er, gestillt von meinem Wiederdasein, in sein Nest. Bald hocke ich, leutselig angegrinst, neben ihm. Nixi schmatzt an der Milchtasse, klopft sich aufs Bäuchlein, läßt sich kleine Brocken Honigbrot zwischen die lieblich warmen Lippen schieben. Hinterher entspinnt sich, durch Blick und Schelmerei, zagseliger Tausch auch von geistigen Freundlichkeiten. Nixi denkt nicht daran, sein Ställchen zu verlassen. Er feiert Wiedersehen mit bitter — bitter, wühlt und schwimmt, liegt bäuchlings, vergewissert sich der Beine von Schrank und Klavier. Dabei gerät ihm eine Hand aus dem Dunkel ins Licht hinaus; er entdeckt den Schatten an der Wand, fingert, grabbft stürmisch zu, wartet verdutzt dem Entschwundenen nach. Ich bereichere seine Welt, indem ich aus freier Herzensfreude den Schlüsselbund stifte. Lautreiche Wechselwirkung zwischen Holz und Metall. Meine Kühnheit wächst; ich habe nicht die geringste Angst mehr vor diesem kleinen Lebewesen, taschenspiekere geradezu mit der Gefahr ... Mittendrin steht die Frage: wenn nun niemand kommt, das Kind zu holen? Heute nicht, in acht Tagen nicht, nie mehr? ... Gott lohn's ihm! Nichts hindert uns zwei, ohne jeden Anhang ein neues Leben anzufangen. * Unerwartet, in keinem Falle mehr erwünscht, klingelt es. Böser Ahnung voll, wende ich mich trotz des Aufbegehrens hinter mir gegen den Flur. Als ich, notgedrungen, die Mutter ins Zimmer führen will, tastet es von innen an der Tür. Blau vor Empörung steht Nixi da. Starren, sekundelang; Bilderwechfel in feinem Blick. Bier Arme breiten sich. Urlaute, Mutter und Kind sinken einander ans Herz. Endlich erholen die Gesichter sich, finden Besinnung für die dritte Person, stoßen nach mir, blauer Anklage voll für mein halbtagelanges Dazwischenstehen. Neues Versinken, Schmeicheln — Gutmachen durch eine Flut von Schokoladentäfelchen. Schließlich werde ich — die Mutter ist eine Dame von Welt — höflicherweife ins Gespräch gezogen. Nixi unterdes stößt vor zum Angriff auf meinen Schreibtisch, ergattert eine halbmeterlange Papierschere, die er zunächst gegen sich, darauf gegen seine Mitmenschen richtet. Ich mische mich nicht in das Spiel von Aufklärung und Abwehr, das zwischen Mutter und Sohn erfolgt. Nein, es soll sich keiner einbilden, daß mir an allergeringsten an dem kleinen Unhold liegt. Ganz im Gegenteil — ich schiele auf die Uhr — es wird nachgerade Zeit, daß die Mutter ihre Pflichten selber übernimmt. Ihr zierliches Lob beim Abschied erstaunt mich. Weit mehr gerechtfertigt erscheint es, daß Nixi jede Abschiedshand sowie das mütterlicherseits empsohlene Küßchen weigert. Gute Nacht und nochmals Dank; Klappen von Tür und Stufen. Was ist? Nichts, als daß ein Fremdling, ein kleiner aufgedrungener Gast mich verlassen hat. Ich bin allein in meinem sanften ruhigen Zimmer. Ein paar Handgriffe — jedwede Freiheit, Ordnung und Ruhe ist her- gestellt. Beim Aufräumen findet sich am Boden ein kleiner schwarzer Lederring. Von Nixis Gürtel. Noch könnte man die Treppen hinab den Scheidenden nachspringen. Doch ich denke gar nicht daran. Nicht daß ich mich bereichern will an anderer Leute.Eigentum. Die Rückgabe morgen ist beschlossene Sache. Ader heute ist heut. Die Lacklederschlaufe mit der zärtlichen Schmierfingerspur bleibt den ganzen Abend neben mir auf dem Disch. Verantwortlich 0r Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'jche Llniverlitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Gange, Gießen.