Jahrgang 1937 Montag, -en 1. November Nummer 85 er und ,meine noch so n Slot einmal Malei besitzen. !i keine »le sich ae aber is Bad der den Ihle für nbegrifs er aus, ert di« Sofort gab Nonon ihrer Herrin den Arm, dasselbe tat (Eugenie, aber nur mit unendlicher Mühe konnten sie sich nach oben in ihr Zimmer Hingen, denn bei jeder Stufe drohte sie ohnmächtig zu werden. Gründet Hieb allein. Jedoch nach einigen Minuten stieg er sieben bis acht Stufen hinauf und schrie« „(Eugenie, wenn die Mutter im Bett ist, kommst du herunter." „Ja, Vater." Sie kam ohne zu zögern, nachdem sie ihre Mutter beruhigt hatte. „Tochter", sagte Grandet zu ihr, „du wirst mir sagen, wo dein Schatz ist." „Vater, wenn Sie mir Geschenke machen, über die ich nicht völlig Herrin bin, nehmen Sie sie zurück", antwortete kaltblütig (Eugenie, holte len Napoleon vom Kamin und hielt ihn hin. Gründet riß den Napoleon an sich und ließ ihn in seine Tasche (leiten. „Ich glaub's wohl, daß ich dir nichts mehr schenken werde. Nicht » viel!" sagte er und knipste mit dem Daurnennagel gegen seinen Eck- phn, „Du verachtest also deinen Vater? Du hast kein Vertrauen zu hm? Du weißt also nicht, was ein Vater ist? Wenn er nicht alles für !ich ist, ist er nichts. Wo ist dein Gold?" „Vater, ich liebe Sie und achte Sie trotz ihrem Zorn« aber in aller Bescheidenheit mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich zweiundzwanzig fahre alt bin. Sie haben mir zu oft gesagt, daß ich mündig bin, als iaß ich es nicht wissen sollte. Ich habe mit meinem Geld getan, was Air beliebte, und feien Sie sicher, daß es gut angelegt ist • „Wo?" „Das ist ein unverbrüchliches Geheimnis. Haben Sie nicht Ihre Ge- leimniffe?" „Bin ich nicht das Oberhaupt der Familie? Dars ich nicht meine Geschäfte haben?" „Das ist auch mein Geschäft." „Das muß ein übles Geschäft fein, wenn du es deinem Vater nicht I- gen kannst, Fräulein Grandet." . „Es ist ein ausgezeichnetes Geschäft, und ich kann es meinem Vater icht sagen." „Wenigstens, wann hast du dein Gold weggegeben?" Eugenie schüttelte den Kopf. „Du hattest es noch zu deinem Geburtstag, was." Eugenie, die durch ihre Liebe so schlau geworden war, wie ehr Vater d«rch (eine Habgier, wiederholte ihr Kopfschütteln. „Aber hat man je einen solchen Eigensinn, einen solchen Diebstahl 8 sehen?" sagte Grandet mit Krescendo-Stimme, die schließlich durch das ginze Haus tönte. „Was! Hier in meinem eigenen Haus, bei nur, soll Ifinanb dein Gold genommen haben, das einzige Gold, das es hier gob, und ich sog nicht wissen, wer? Das Gold ist eine kostbare Sache. Die aiftänbigften Mädchen können Fehltritte begehen, ich weiß nicht, was, b»geben, das kommt bei den Aristokraten vor so gut wie bei den Burgern; "'er Gold hingeben! Denn du hast es doch jemandem gegeben, was? Eugenie blieb ungerührt. . »Hat man je eine solche Tochter gesehen! Bin Ich dein Vater oder M)t? Wenn du es angelegt hast, hast du eine Quittung bekommen ... . „Stand es mir frei, ja oder nein, damit zu machen, was mir gut Wien? Gehörte es mir?" --Aber du bist ein Kind." »Ein großjähriges." in einer Brüssel all uni iter, bas npsehle« ‘ - di« Gegenteil zesarderl eteiligen, ter sein« lielmek teert sei Denn di« und di« als da- ach meist ms, dein inmal sa eilig «"I Verblüfft von der Logik seiner Tochter, erbleichte Grandet, stampfte mit den Füßen, fluchte; dann, als er endlich die Sprache wiedergefunden hatte, schrie er: „Verwünschte Schlange von einer Tochter! du schlechter Same, du weißt, daß ich dich lieb habe, und mißbrauchst es. Sie erdrosselt ihren Vater! Bei Gott, du wirst am Ende unser Vermögen diesem Barfüßler in Safran- schuhen vor die Füße geworfen haben. Beim Winzermesser meines Vaters I Enterben kann ich dich ja nicht! aber ich verfluche dich, dich, deinen Vetter und deine Kinder. Du wirst sehen, daß nichts Gutes aus all dem herauskommt, hörst du? Wenn es Charles wäre, der... Aber nein, das ist nicht möglich. Was, dieser elende Windbeutel sollte mich ausgeplündert haben?" Er sah seine Tochter an, die stumm und kalt blieb. „Sie rührt sich nicht, sie zuckt nicht mit der Wimper, sie ist mehr Grandet, als ich Grandet bin. Du hast doch wenigstens nicht dein Gold für nichts weggegeben. Was, sag' doch?" Eugenie warf ihrem Vater einen ironischen Blick zu, der ihn verletzte. „Eugenie, du bist in meinem Haus, bei deinem Vater. Du mußt dich, wenn du hixr bleiben willst, meinen Befehlen fügen. Die Priester befehlen dir, mir zu gehorchen." Eugenie senkte den Kopf. „Du kränkst mich in dem, was mir am teuersten ist", fuhr er fort, „und ich will dich nut sehen, wenn du dich mir fügst. Geh in dein Zimmer. Du wirst da bleiben, bis ich dir erlaube, herauszukommen. Nanon wird dir Brot und Wasser hineinbringen. Du hast mich verstanden. Marsch." Eugenie brach in Tränen aus und flüchtete zu ihrer Mutter. Nachdem er ein paarmal rund um seinen verschneiten Garten gegangen war, ohne die Kälte zu bemerken, argwöhnte Grandet, daß seine Tochter bei seiner Frau wäre; und da es ihn reizte, sie bei der Uebertretung seiner Befehle zu ertappen, erklomm er die Treppe mit der Behendigkeit einer Katze und erschien im Zimmer von Frau Grandet, als sie gerade Eugeniens Kops streichelte, die ihr Gesicht in den mütterlichen Schoß gelegt hatte. „Tröste dich, mein armes Kind, der Vater wird sich beruhigen." „Sie hat keinen Vater mehr", sagte der Böttcher. „Ist ein so ungehorsames Kind, wie das da, wahrhaftig von Ihnen und mir, Frau Grandet! Eine nette Erziehung und besonders eine sehr religiöse. Was? Du bist nicht in deinem Zimmer? Marsch, marsch ins Gefängnis, mein Fräulein." „Wollen Sie mir meine Tochter rauben, Herr Grandet?" sagte Frau Grandet und wandte ihm ein vom Fieber gerötetes Gesicht zu. „Wenn Sie sie behalten wollen, bringen Sie sie weg, räumen Sie mir alle beide das Haus. — Donner, wo ist das Gold? Was ist aus dem Gold geworden?" Eugenie erhob sich, warf ihrem Vater einen stolzen Blick zu und ging in ihr Zimmer zurück, das der Alte abschloß. „Nanon", rief er, „lösch' das Feuer im Saal." Er setzte sich auf einen Sessel in eine Ecke am Kamin seiner Frau und sagte zu ihr: „Sie hat es ohne Zweifel diesem verdammten Verführer Charles gegeben, der es nut auf unser Geld abgesehen hatte." Frau Grandet fand bei der Gefahr, die ihrer Tochter drohte und in ihrer Liebe zu ihrem Kind so viel Kraft, daß sie dem Anschein nach kalt, stumm und taub blieb. „Ich weiß nichts von alledem", antwortete sie und drehte sich im Bett nach der Wand zu, um nicht die funkelnden Blicke ihres Mannes ertragen zu müssen. „Ich leide so seht infolge Ihrer Heftigkeit, daß, wenn mich meine Ahnung nicht täuscht, ich dies Lager, die Füße vorneweg, verlassen werde. Sie hätten mich in dieser Zeit schonen können, Gründet, die ich Ihnen doch niemals Kummet gemacht habe, denke ich wenigstens. Ihre Tochter hat Sie lieb; ich halte sie für unschuldig wie ein neugeborenes Kind; also tun Sie ihr nicht weh, nehmen Sie Ihren Befehl zurück. Die Kälte ist sehr streng, Sie könnten schuld an einer ernsten Krankheit werden." „Ich will sie weder sehen noch sprechen. Sie wird in ihrem Zimmer bei Wasser und Brot bleiben, bis sie ihren Vater zufriedenstellt. Zum Teufel! Ein Familienoberhaupt soll doch wohl wissen, wo das Gold in seinem Haus hinkommt. Sie besaß die einzigen Rupien vielleicht in ganz Frankreich, außerdem Genueser, holländische Dukaten ..." „Grandet, Eugenie ist unser einziges Kind, und selbst wenn Sie sie ins Wasser geworfen hätte ..." „Ins Wasser!" schrie der Alte. „Ins Wasser! Sie sind toll, Frau Grandet. Was ich gesagt habe, dabei bleibt's, das wissen Sie. Wenn Sie Frieden im Haus haben wollen, so nehmen Sie Ihre Tochter ins Gebet, ziehen Sie ihr die Würmer aus der Nase; darauf verstehen sich Frauen untereinander besser als wir. Was sie auch immer getan hat, ich werde sie nicht fressen. Hat sie Furcht vor mir? Wenn sie ihren Vetter vom Kopf bis zu den Füßen vergoldet hat, er ist ja auf offnem Meer, nicht? Wir können nicht hinter ihm her rennen ..." „Nun also, Grandet..." Mit geschärftem Blick, infolge der nervösen Krise, in der sie sich befand, oder infolge des Unglücks ihrer Tochter, das ihre Liebe und Klugheit noch >° btt 'ttsan. ibietit liebet, »laich kamen Snfet. »r bi« n van feinem °>° sie Weitaus a ihm lufjerlt naßem nallen, denen iten (i« durch frühe, ffe bat, chl den Beno „Grandet, dein Zorn wird mein Tod sein", sagte die arme Frau. „Ta, ta, ta, ta, ihr sterbt alle nicht so schnell in eurer Familie. Eugenie, was hast du mit deinen Goldstücken gemacht?" schrie stürzte auf sie los. „Herr Vater", sagte Eugenie, die neben Frau Grandet kniete, Mutter leidet sehr ... wie Sie sehen ... töten Sie sie nicht. Gründet bekam einen Schreck über die Blässe, die den eben gelben Teint seiner Frau überzog. „Nanon, hilf mir ins Bett gehen", sagte die Mutter mit schwacher Stimme, „ich sterbe ..." Eugenie ©raubet ROMAN von Honore de Balzac 14. Fortsetzung. „Guter Heiland! guter Gott! sehen Sie Maidame an, sie wird kreideweiß", schrie Nanon. (Jlanten? , jonbern >rburM n Mrd nerlannl ier5 M einanöeu wer nw en, unter dekin-nan u'gendf ber * ierül)* irro * es w iirden da iener » dem in H "hall- w* eher •vL » einen “ wird i»1 en M« . und - (öiefjeiier^ainilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger lassen, Papa ©raubet." . „Das wirb sich siuben", antwortete ber Winzer zerstreut. Alle wünschten einen Guten Abenb. Als bie Cruchots aus ber Straße waren, sagte Frau des Grassins zu ihnen: „Es gibt irgenb etwas Neues bei ben Granbets. Die Mutter ,st sehr krank, ohne es selbst zu wissen. Die Tochter hat rote Augen, wie lemanb, ber lange geweint hat. Sollten sie sie gegen ihren Willen verheiraten wollen? Als ber Winzer zu Bett gegangen war, kam Nanon auf Strümpfen nut leisen Schritten zu Eugenie unb brachte ihr eine in ber Pfanne gemachte Pastete. , „Hier, Fräulein", sagte bas gute Mäbchen, „Cornoiller hat nur einen Hasen geschenkt. Sie essen so wenig, baß biese Pastete gut acht Tage für Sie vorhält; unb burch bie Sülze kann sie nicht verderben. So sitzen Sie wenigstens nicht bei trockenem Brot. Denn bas ist gar nicht gesunb. „Arme Wanon", sagte Eugenie unb brückte ihr bie Hand. „Ich habe sie sehr gut unb sehr schmackhaft gemacht, unb er hat md)t8 bavon gemerkt. Den Speck, bas Gewürz hab' ich alles von meinen sechs Franken gekauft, über bie hab' ich boch zu bestimmen." Dann lief bie Magb fort, benn sie glaubte ©raubet zu ljoren. Währenb einiger Monate besuchte bet Winzer stets ?ü verschiedenen Stunben bes Tages feine Frau, ohne ben Namen feiner Tochter auszu- sprechen, sie zu sehen ober bie geringste Anspielung aus sie zu machen. Frau ©raubet verließ bas Zimmer nicht, unb von Tag zu Tag verschlimmerte sich ihr Zustand. Nichts brachte ben Böttcher zum Nachgeben. Er blieb unerschütterlich, rauh unb kalt wie ein Fels von Granit. Er sührte sein Leben {ort, wie et es gewohnt wat; aber et stotterte nicht mehr, sprach weniger unb war in Geschäften schroffer als je zuvor. Manchmal unterlief ihm ein Irrtum in feinen Rechnungen. „Irgenb etwas ist bei ben Granbets losgewefen", sagten bie Cruchotisten unb Grassinisten. , „Was ist benn im Haus ©raubet passiert?" so lautete bie Frage, bie man sich burchweg in allen Abendgesellschaften in Saumur stellte. Eugenie ging zu ben Gottesbieiisten unter bet Bebeckuug von Nanon. Wenn am Ausgang bet Kirche Frau bes Grassins ein paar Worte an sie richtete, antwortete sie ihr ausweichenb unb ohne ihre Neugierbe zu be- ftiebigen. Dennoch ließ sich nach Ablauf von zwei Monaten unmöglich weder erhöht hatte, bemerkte Frau ©raubet eine schreckliche Bewegung der Geschwulst ihres Mannes, im Moment, wo sie antworten wollte, bähet anbette sie ihren Gebankengang, ohne ihren Ton zu änbern. . „. Nun also, Granbet, hab' ich mehr Macht als Sie über das Kind. Mit hat sie nichts gesagt, Sie ist von Ihrer Art." Donnerwetter, haben Sie heut aber ein Mundwerk I Ta, ta, ta, ta, Sie verhöhnen mich, glaub' ich. Sie stecken vielleicht unter einer Decke mit ihr." Er sah seine Frau fest an. Wahrhaftig, Herr Grandet, wenn Sie mich töten wollen, brauchen Sie'nur in diesem Ton fortzufahren. Ich sage es Ihnen, ©raubet, und wenn es mir das Leben kostet, ich wiederhole es noch einmal: Sie siubim Unrecht gegen Ihre Tochter, bie vernünftiger ist, als Sie ftnb. Das Gelb gehört ihr, sie kann es nut zu einem guten Zweck gebraucht haben, unb Gott allem hat bas Recht, um unsre guten Werke zu wissen. Granbet, ich flehe Sie an seien Sie toieber gut mit Eugenie. Daburch würden Sie bte Wirkung bes Schlages mildern, ben Sie mit burch Ihren Zorn beigebracht haben unb nur vielleicht bas Leben retten. Meine Tochter, Granbet, geben Sie mit meine ^Jch^teiße aus", sagte er, „mein Haus wird unerträglich. Mutter und Tochter halten große Reden unb sprechen, wie wenn... butt I Puhl Du hast mir ein grausames Neujahrsgeschenk gemacht, Eugenie , schrie et. „Jawohl, weine nur! Was bu getan hast, barüber kriegst bu noch Gewissensbisse, verstehst bu mich? Was nicht es, daß bu ben Leib bes Herrn sechsmal in drei Monaten ißt, wenn bu heimlich bas Gold bemes Vaters einem Faulenzer gibst, bet bein Herz verzehren wirb, wenn bu ihm sonst nichts mehr herzuschenken hast. Du wirst noch sehen, was dem Charles wert ist mit seinen Schuhen aus Saffian und ferner Miene Rührmichnichtan. Et hat weder Herz noch Gewissen, wenn er es wagt, ben Schatz emes armen Mäbchens ohne Zustimmung der Eltern wegzuschleppen. Als die Haustür ins Schloß fiel, kam Eugenie aus ihrem Zimmer und ging zu ihrer Mutter. , „Du hast soviel Mut für deine Tochter bewiesen , sagte sie zu ihr. „Siehst du, mein Kind, wohin uns verbotene Dmge fuhren. — Du hast mich dazu gebracht, eine Lüge auszusptechen." „Ach, ich will Gott bitten, nur mich bafür zu bestrasen. Jst's wahr", sagte Nanon unb kam verstört angelaufen, „unser Fräulein soll ben Rest ihrer Tage bei Wasser und Brot zubringen?" „Was schabet bas, Nanon", sagte Eugenie ruhig. „Was! Zu denken, daß ich Butterbrot esse, wahrend die Tochter des Hauses trocken, Brot ißt.. - nein! nein!" „Kein Wort mehr darüber, Nanon", sagte Eugeme. „Ich rühre keinen Bissen an, Sie werden's schon sehen. . Grandet aß allein zu Mittag, bas erstemal fett v,erunbzwanz,g Jahren. „Run ,inb Sie also Witwer, Herr", sagte Nanon zu ihm. „Das muß sehr unangenehm sein, wenn man Witwer ist mit zwei Frauen im Haus. „Ich spreche nicht mit bir, bu! Halt dem Maul ober ,ch Jag Mfort. Was hast bu in beinet Pfanne, bas ich auf dem Herbe brobeln höre? „Das ist Fett, bas ich auslafse ..." „Es kommt Besuch heut' abenb, mach' Feuer an. Die Cruchots, Frau des Grassins unb ihr Sohn kamen gegen acht Uhr unb waren sehr erstaunt, Weber Frau Gründet noch ihre Tochter zu sehen. „Meine Frau ist ein wenig unwohl; Eugenie ist bei ihr , antwortete der alte Winzer, dessen Gesicht keine Bewegung verriet. Nach einer Stunde, bie mit belanglosen Gesprächen hingmg, kam Frau bes Grassins herunter, bie nach oben gegangen war, Frau ©raubet zu besuchen, unb jeher fragte sie: „Wie geht es Frau Granbet?" „ ,, . . . , „Aber ganz unb gar nicht gut", sagte sie. „Ihr Zustand scheint mir wirklich besorgniserregend. In ihrem Alter muß man bie größte Vorsicht toalten vor ben drei Cruchots noch vor Frau beS GrassmS bas Geheimnis der Haft Eugeniens verbergen. Es kam eine Zeit, wo die Vorwände fehlten, ihre beständige Abwesenheit zu entschuldigen. Ohne daß man sagen konnte, durch wen das Geheimnis verraten worden war, wußte plötzlich bie ganze Stabt, baß seit dem Neujahrstage Fräulein Grandet auf Befehl ihres Vaters bei Wasser und Brot in ihrem Zimmer ohne Feuer emgeschlossen gehalten wurde; daß Nanon ihr Leckerbissen kochte und sie ihr nachts brachte; unb man wußte sogar, baß bas junge Mäbchen selbst ihre Mutter nur sehen und pflegen konnte, solange ber Vater von Hause fort war. Daraushm würbe das Benehmen Granbets sehr streng verurteilt. Die ganze Stabt tat ihn sozusagen in Acht unb Bann, erinnerte sich an ferne Verratereien unb ferne Härten unb toanbte sich von ihm ab. Wenn et öorübergmg, zeigte man auf ihn unb tuschelte. Wenn bie Tochter bie getounbene Straße herabkam, um zur Messe ober zur Vesper zu gehen, in Begleitung von Nanon, stellten sich alle Einwohner ans Fenster und beobachteten mit Neugier die Haltung der reichen Erbin und ihr Gesicht, auf dem fich eine engelhafte Schwermut und Sanftmut malte. Ihre Haft, der Unwille ihres Vaters bedeuteten nichts für sie. Sie hatte ja doch ihre Weltkarte vor Augen, bte kleine Bank, ben Garten, bas Mauerstück unb schmeckte immer von neuem auf ihren Lippen ben Honig, ben bie Küsse ber Liebe ba gelassen hatten. Sie wußte eine Zeit- lang nichts von ben Gesprächen in ber Stabt über sie, ebensowenig rote ihr Vater barum wußte. Da sie vor Gott fromm unb rein war, halfen ihr em gutes Gewissen unb bie Liebe, gebulbig bie väterliche Wut unb Rache zu ertragen. Aber vor einem tiefem Schmerz mußten alle anbern Schnwrzen schweigen. Ihre Mutter, bieses sanfte unb liebreiche Wesen, das sich burch ben Glanz verschönte, den ihre Seele auf dem Wege zum Grabe ausstrahlte, ihre Mutter siechte von Tag zu Tag mehr dahin. Oft machte sich Eugenie Vorwürfe, die unschuldige Ursache der schlimmen schleichenden Krankheit geworden zu sein, die ihre Mutter verzehrte. Diese Gewissensbisse, bte zwar von ihrer Mutter beschwichtigt wurden, verknüpsten Eugeme nur noch fester mit ihrer Liebe. Alle Morgen, sobald ihr Vater ausgegangen war, kam sie zum Bett ihrer Mutter, und dahin brachte ihr Nanon ihr Frühstück. Und die arme Eugenie, die bei ihrer eigenen Betrübnis noch so unter ben Leiden ihrer Mutter litt, wies Nanon auf deren Gesicht mit einer stummen Bewegung hin, weinte und wagte nicht, von ihrem Vetter zu sprechen. Frau Grandet mußte als erste fragen: „Wo ist er benn? Warum schreibt et nicht? Mutter und Tochter hatten keine Ahnung von den Entfernungen. „Wir wollen an ihn denken, Mutter", antwortete eugeme, „aber nicht von ihm sprechen. Du leidest ja, dein Leiden ist wichtiger als alles. Alles, das war er. „Kinder", sagte Frau Grandet, „ich sehne nnch nicht nach dem Leben. Gott hat mir Gunst erwiesen, weil er mich mit Freuden dem Ende meinet Leiden entgegensetzen läßt." Alle Worte dieser Frau waren tjethg und christlich. Wenn ihr Mann beim Verzehren seines Frühstücks in ihrem Zimmer aus unb ab ging, hielt sie ihm in ben ersten Monaten bes Jahres immer die- selben Reben, bie sie mit einer engelhaften Sanftmut wreberholte, aber auch mit ber Festigkeit einer Frau, bie beim herannahenden Tod den Mut sinbei, ber ihr während ihres Lebens gefehlt hat. „ „Grandet ich danke Ihnen für Ihr Interesse an meiner Gesundheit, antwortete sie ihm, wenn er eine höchst banale Frage danach getan hatte, „aber wenn Sie bie Bitterkeit meiner letzten Augenblicke mildern und meine Schmerzen erleichtern wollen, nehmen Sie unsre Tochter wieder m Liebe auf; zeigen Sie sich als Christ, Gatte und Vater. Wenn Grandet diese Worte hörte, setzte er sich an das Bett seiner Frau, so wie ein Mann, der einen Platzregen kommen sieht und sich ruhig unter ben Schutz eines Torwegs begibt: er hörte schweigen!» seine Frau an uns antwortete nichts. Wenn sie ihn auf bie rührenbste, mntgfte frömmste Weist angefleht hatte fagte er nur: , „ „Du bist heut' ein bißchen bläßlich, meine arme Frau. Auf seiner ehernen Stirn, auf feinen zusammengepreßten Lippen schi^: geschrieben zu stehen, daß er feine Tochter öollftänbig vergessen hatte. U. würbe nicht einmal burch bie Tränen gerührt, die bei feinen unbestimmte"! Antworten, bie kaum in ihrem Wortlaut wechselten, über bas bleiche Gesicht. 'C,ne®öge Gott Ihnen verzeihen", sagte sie, „wie auch ich Ihnen verzeihe. Sie werben einmal Nachsicht nötig haben." Seit ber Krankheit feiner Frau hatte er nicht mehr gewagt, fein fäte£ liches „ta, ta, ta, ta" hören zu lassen, aber ebensowenig würbe fe,n Despot- mus von biefem Engel an Sanftmut entwaffnet. Die Haßl>chkeitb>efell Frau verschwanb immer mehr hinter bem Ausbruck ihrer seelischen Eigen schäften, bie auf ihrem Gesicht aufzublühen begannen. Sie War ganz «eei . Der Geist bes Gebets schien selbst bie gröbsten Züge ihres Gesichts zu remig unb zu milbern unb ließ es von innen heraus leuchten Wer hat nicht sch°m bas Phänomen einer solchen Verwandlung auf heiligen Gesichtern beobach A auf benen zuletzt bie Eigenschaften ber Seele über bte noch fo ungeftoltetrti Züge ben Sieg davontrugen unb ihnen bie eigentümliche Beseelung vci liehen, bie ben Abel unb ber Reinheit erhabner Gebanken entfprmgt? ® Schauspiel bieser Umformung, bie vollkommen Würbe durch bas Lew, o° bie irbischen Hüllen biefer Frau verzehrte, wirkte, wenn auch ^wa©, " ben alten Böttcher, besten Sinn fest blieb. Wenn er letzt nuf)t mehr Be schätzige Worte sagte, so verharrte er tiorWiegenb in u"erschüttei»-Y Schweigen, wodurch er feine Ueberlegenheit als Familienvater rett r Seiner getreuen Nanon kamen, wenn sie auf bem Markt erschien, P‘°v ■_ allerhanb Schmähungen unb Angriffe auf ihren Herrn S» Ohren, ° wenn bie öffentliche Meinung ben Vater Granbet frei heraus verdamm so verteidigte ihn die Magd aus Stolz für das Haus. „Na", fagte sie zu ben Verleumbem bes Alten, gerbenwir m©t m härter, wenn wir älter werben? Warum soll grab der Mann nicht em bißch,^ verknöchern? Seid doch still mit euern Lügereien. Mein Fräulein levr eine Königin. Wenn sie allein ist, na ,a, das ist ihr Geschmack. Im uong hat meine Herrschaft ihre guten Gründe." (Fortsetzung folgt.) Das Buch. Don Josef Weinheb««. All unsrer Jrdischheit ein tief Gefäß; hoch über Raum und Zeit Gott Geist gemäß. Des Größten, das uns ward, der Sprache Schrein. Darinnen aufbewahrt ihr Sinn und Sein. Prophetendunkler Mund und Siegel alt, den Normen Ankergrund, dem Recht Gestalt. Schicksal zu leiden, da, selbst schicksalhaft. Bewahrend, was geschah, mit stiller Kraft. Und so wie selber wir tn Glück und Schmerz, bewohnt von Reu und Gier und Haß und Herz, mit Hoffnung anzusehn, und auch zuletzt leisem Verlorengehn stumm ausgesetzt. Geformt von uns, hindann uns formend auch. Geschaffnes ist daran und Schöpferhauch, und Gnade, da du bist, uns zu erhöhn. Und dieses Wissen ist erschütternd schön. Lichtes Aotgüttigerz. Eine Erzählung von Georg von der Bring. RenS Laporte, unser Gast aus Frankreich, erzählte von seinem ersten Aufenthalt in Deutschland. Ms ich dreizehn Jahre alt war, tat ich in der Schule mcht gut. Wir wohnten in der Nähe von Etain, in der Woevr«, und ich besuchte in dem Städtchen die Schule. Mein Vater, ein Mann, der immer sofort zupackte, entschloß sich damals, mich in ein Pensionat zu geben. Ich weih, daß chm dieser Entschluß nicht leicht 'iel, denn wir Zwei verstanden uns ganz besonders gut. Ich habe zwei wesentlich altere Bruder, sie waren damals schon von zu Hause fort und leiteten >eder eme eigene "°Jch muß hier einschalten, daß meine Familie evangelisch ist Mein Vater verfiel auf den ungewöhnlichen Gedanken, mich nach Deutschland zu geben. Ich kam in ein Pfarrhaus im Schwarzwald. Vater brachte mich $u dm Leuten und reiste wieder ab. . „ , . Anfangs litt ich sehr unter der Trennung von meinem Vat r Es war, als sei drinnen in mir ein Nerv zerrissen; irgendwo> schmerzte es immer. Ich kann wohl sagen, daß ich damals wie auf Messers «chneide gelebt habe, in steter Erregung, wie vor großen En Mugm Die Pfarrersleute waren rührend gut zu mir Ich lernte rasch deufich Aber, stellen Sie es sich vor: Das stille Pfarrhaus drinnen rm Wald, die veränderte Landschaft, keine Spielkmneraden den ,, zehn bis zwölf Pensionäre waren noch in den Ferien und wurden rs in vierzehn Tagen zurückerwartet — all das trug dazu bei, meine Stimmung noch kritischer zu machen. sra„m(>f mar Zu meinem Glück gab es dort den Herrn Wenzel Herr Wenzel war der einzige Sohn der Pfarrerslmte, ein Bergstudent. Er war in Öen Ferien daheim. Er studierte auch in den Ferien leine Berg g Sein war auf die Berge gerichtet, und sein Aeußer sp ch ebenfalls. Er hatte die Gestalt einer dicken zähen Baumwurzei. ^enn ich seine Hosenbeine ansah, so war ich felsenfest d „mde^lick'keine es unmöglich sein würde, diese Hose zu bügeln; s wurde sich kem^ Bügelfalte darin halten, denn die starken Deine dies g. un$ m,t ihre Rohre vollständig aus. So war es auch mit b lafdie dem Rumpf. Sein Anzug besaß überaus viele Tafch u*lb Gummi hatte ihre besondere Bestimmung. Eine war für ® i Leinere steine, bestimmt, eine zweite für das Tagebuch, eine dritte f rge das die er unterwegs fand, eine vierte für den Hummer, f ästigen Messer, und so weiter. Sein Kopf aber war der Kopf eines zukunliigen H^err Wenzel wurde mein Retter. Er nahm mich rmt^ ^u^den Speicher. Und dort in der kühlen Stille zeigte er m r - noch nicht kannte, er zeigte mir Steine. kineinlckauen. Sie war Er öffnete eine mächtige Kiste und ließ mich hineinlchauen. ungefüllt mit lauter verschiedenen Steinen, großen und schweren Stücken, die der Bergstudent gesammelt hatte. Ich werde nie den Eindruck vergessen, den es auf mich machte. Aus der Kiste kam ein Geruch, als müßte so das Innere der Erde riechen; dazu schlug eine Kälte gegen mein Gesicht, als schaute ich in einen Schacht, in die ungeheuren Tiefen eines Bergwerkes hinunter. Herr Wenzel nahm verschiedene von den Steinen heraus, trat mit Ihnen ans Speichersenster und erklärte mir, was es mit so einem Gestein auf sich hätte. Er nannte mir auch die Namen. Damals hörte ich zum erstenmal den Namen „Lichtes Rotgültigerz". Von diesem Namen habe ich oft geträumt. So könnte eine Prinzessin heißen, dachte ich damals. Ich war ein kleiner Franzose, und ich erlebte den ganzen deutschen Schwarzwald, sobald ich dies eine Wort aussprach: Lichtes Rotgültigerz. Da der Student merkte, daß mein Herz vor den fünf oder sechs großen Kisten mit Steinen Feuer gefangen hatte, nahm er mich auf feinen Tageswanderungen mit. Ich lernte ein Bergwerk kennen, die Grube Wenzel, die aus der Zeit jenes böhmischen Königs stammte; von ihr hatte der Student seinen Vornamen, und ich dachte oft, daß er in ganzer Person aus ihr ans Licht getreten [ein müßte. Wir trugen ganze Rucksäcke voll Steine heim. Es war eine schöne Zeit, und ich vergaß meinen Kummer. Das Glück dieser vierzehn Tage endete, als Herr Wenzel zur Universität abreiste, und die anderen Knaben aus den Ferien eintrafen. Ich mar ein kleiner Ausländer, nicht wahr, und also war es nicht leicht für mich. Die Reibereien entstanden nun nicht dadurch, daß ich ein Franzose war, o nein; es gab dort unter den Jungen ein seltsames Nebenregiment, von dem die braven Pfarrersleute nichts ahnen mochten, eine Teilung, wie es sie in der Kaserne gibt: zwischen alten Leuten und Rekruten. Es tobte sich ba etwas aus unter den jungen Burschen. Das war Ehrensache: wenn ein Rekrut nicht gehorchte, so wurde er verprügelt. Auch ich sollte Prügel bekommen. Dazu war Voraussetzung, daß ich mit den anderen in den Wald hinaufging; die Pfarrersleute durften natürlich nichts davon erfahren. Sie schickten uns jeden Sonntag mit etwas Geld in der Tasche auf eine Wanderung. Das Ziel war dann immer ein Dorfgasthof, wo sich die Burschen in den Garten setzten und Bier tranken. Ich mochte damals kein Bier trinken, der Mund wurde so klebrig davon, und das klare Wasser der Quellen war so viel besser. Ueberdies fingen die Burschen schon an, Studenten nachzuahmen: sie kranken einander ganz studentisch mit ihren Biergläsern zu und sagten: Zum Wohle! Ich fand es abgeschmackt. Und als man mir dann ankündigte, daß ich deswegen Prügel bekommen sollte, beschloß ich, die Wanderungen nicht mehr mitzumachen. Am folgenden Sonntag blieb ich im Pfarrhaus zurück. Ich saß auf der obersten Treppenstufe und langweilte mich sehr. Mein Herr Wenzel war fort. Im Treppenhaus brummten die Fliegen. Der Pfarrer schlief in seinem Zimmer. Seine Frau lag im Liegestuhl hn Garten und las. Sie mußte dann wohl gemerkt haben, daß ich zu Hause geblieben war. Sie kam herauf, fand mich und fragte, warum ich nicht mitgegangen wäre. Ich sagte ihr, ich hätte keine Lust gehabt. Als sie wieder fort war, kam mir ein Gedanke. Ich stieg in den Speicher hinauf, öffnete die Kisten und nahm mir ein paar Exemplare vom Lichten Rotgültigerz heraus. Nach und nach, Sonntag für Sonntag, trug ich die schönsten Stücke in mein Zimmer hinunter. Auch ich besaß eine Kiste mit Steinen, sie stand unter meinem Bett. Herr Wenzel hatte sie mir geschenkt, und enthielt alles Gestein, das ich selbst heimgebracht hatte. Von nun an empfing meine Kiste all die schönen Erze, an denen mein Herz hing. Sie füllte sich an mit Schätzen. Das war etwas aus dem Schoß der Erde, etwas aus dem tiefsten Geheimnis Heraufge- hobenes, etwas Kühles, Festes, ein langsam gewachsenes Feuer. Ein be- stimmter Stein hieß „Ruinenmarmor", auch davon gab es manches Exemplar. . , Drei Stücke Rotgültigerz ... Als dies alles m meiner Kiste lag, gab ich mich zufrieden. Don da ab war das Unheil gebannt. Beim Zubettgehen waren es die Steine, auf denen mein letzter Blick ausruhte; in der ersten Frühe kehrte er froh zu ihnen zurück. Es mochte mir gefjen wie jenem Riefen im Märchen, der erst feine volle Kraft gewann, wenn sein Fuß auf Erz trat. Auch ich gewann viel Kraft, und es gelang mir, mich unter den Kameraden zu behaupten. In den Herbstferien war dann der Herr Wenzel wieder du, ganz kurz; im Winter kam er nicht heim. Ostern wurde ich dort im Schwarzwald konfirmiert. Im darauffolgenden Sommer rief mein Vater mich plötzlich Zurück. Sein Entschluß kam überraschend. Ich würde mich beeilen müsien, die Steine, die ich vom Speicher geholt hatte wieder an ihren Ort zurückzubringen. Ich trug sie, sobald das Obergeschoß des Hauses leer war, nach und nach an ihren Platz zurück. Als ich abreiste, stellte es sich heraus, daß noch drei Steine vom Lichten Rotgultigerz in meiner Kiste geblieben waren. Ich nahm sie mit. Den Studenten Wenzel sah ich damals nicht mehr. Aber in der Heimat, in Etain, dachte ich oft an ihn. Ich machte nur tlar daß ich ihn um drei Steine bestohlen hatte, aber ich schämte mich, es ihm zu schreiben und zu gestehen. Es war keine gute Zeit für mich. Dann, zu Weihnachten, bekam ich von meinem Großvater, dem man mittlerweile von meiner Passion für die Steine berichtet hatte, einen herrlichen, schwebend ausgebildeten Bergkristall geschenkt. Er war mit Asbestnadeln durchsetzt und besaß zwei Spitzen, die wie deutsche Burg- türme ausschauten. Großvater hatte dies Prachtstück in früheren Jahren oom Sankt Gotthard mitgebracht. .... . Wer kennt die Gedanken, die im Kopfe eines Vierzehn,ahngen wachsen! Eines Tages schrieb ich einen Brief an den Studenten Wenzel, und ich tat den Bergkristall in einen Karton und schickte beides an ihn । ab. Das geschah in großer Heimlichkeit, niemand durste davon wissen. Als ich ihn abgeschickt hatte, atmete ich aus. Ich war letzt kein Dieb mehr. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Universitätsdruckerei R. Lange, Sieben. Kopenhagener Eindrücke. Bon Margarete von O l f e r s. Glück -er Trennung. Von Hedwig Forst reute i. Zu sehn, wie im Gespräch dein Antlitz lebt. Wie der Gedanke reifend sich gestaltet. Das Licht des Auges glänzt, ein Lächeln bebt Und Güte freundlich über allem waltet, Dies war ein Glück, das dankbar ich genossen. Wenn Glück und Wehmut auch Zusammenstössen, Denn Trennung schwebte schon, das ernste Bild, Gleichnis des Todes, mahnend über allem, Wohl deshalb schien uns Tag um Tag so mild Und war ein Glanz auf jedes Wort gefallen: 0 holde Zeit, zu bald dahingeschwunden, Ganz makellos wie Perlen alle Stunden. Doch auch der Sehnsucht noch entsteigt ein Glück, Sehnsucht des Geistes, wieder dir zu lauschen, Hält Arbeit mich am Tag — zur Nacht zurück Trägt mich der Flug, im Traum Gespräch zu tauschen. Wird beim Erwachen auch der Traum kein Leben, So war mir doch ein Hauch von dir gegeben. licht ist wie Kopenhagen. Ein sonnenreicher Sommer uno aucy [egt oer Herbst bringen das besonders zum Ausdruck. Das Meer ist wie Seide von sanftem und köstlich lichtem Blau um die Stadt mit den vielen patinagrünen eigentümlich geformten Türmen und Dächern gebreitet. Gerade Kanäle durchqueren, sonnenglänzenden Lichtwegen gleich, Kopenhagen und die hin- und herfahrenden Motorschiffchen versehen den Dienst einer Trambahn. Die eigentliche Stadt mit ihren Erinnerungen an die uralte und stolze Geschichte des dänischen Bolkes ist nicht groß, ihr charakteristisches Gesicht ist rein erhalten, die modernen Vorstädte aber erstrecken sich weit hinaus. Vielleicht gibt es keine zweite Stadt in der Welt, die so heiter und Kopenhagen. Ein sonnenreicher Sommer und auch letzt der tch war überzeugt, daß mein Bergkristall die drei Erze oufn^gen roüröe Aber ... wer kennt die Gedanken eines Knaben ... ich habe diesen Waldwurzelmann aus dem grünen Schwarzwald wohl sehr geliebt und wollte ihm am liebsten mehr schenken, als er mir jemals geschenkt haben würde. Und seine Antwort? Ja er gab mir Antwort. Er bedankte sich herzlich für den prächtigen 'Bergkristall. Aber von all dem, was ich ihm über meinen Diebstahl geschrieben hatte, wollte er nichts wissen Er schrieb — und es war ganz die besondere Art, wie man dort im deutschen Pfarrhause dachte und sich auszudrücken pflegte — er freue sich, daß es ihm gelungen fei in mir die Lust zu den Tiefen der Erde zu wecken. Mit diesem Gewinn dürfte ich „das Andere" gern in Kauf nehmen. Es wurde ms Reine kommen. Es sei schon im Reinen. Dieser Brief ist meine schönste Erinnerung an Deutschland geblieben. Ich habe mich, als ich in der deutschen Kriegsgefangenschaft lebte, brieflich nach meinem Wenzel erkundigt. Der alte Vater hat, mir geschrieben, daß er in den Karpathen begraben liegt. Semen schonen Gelehrtenkopf hat eine Kugel durchschlagen. Hier im Innern der Stadt konzentriert sich alles Leben, und welch ein Leben! Dem Reisenden muß es erscheinen, als hätten die Dänen nichts anderes zu tun als heiter und sorglos durch die Straßen zu flanieren oder im Cafe bei ihrem ausgezeichneten Kaffee, Tee und Kuchen zu K. Es scheint, daß sie unendlich viel Zeit haben und immer freudig gt unterwegs sind. Im Sommer sind die Dampfer, die nach den an der mit uralten Buchenwäldern bestandenen Küste gelegenen Badeorte stündlich abgehen, immer überfüllt. In Kopenhagen lebt man eben im Sommer fast immer nur an, im oder auf dem blauen Oeresund! Die Hausfrauen, statt am Vormittag in der Küche zu stehen oder seufzend über dem Stopfkorb zu sitzen, scheinen in Kopenhagen bloß am Strand zu liegen oder sich im Wasser zu tummeln. Denn die näher gelegenen Badeanstalten sind dann auch am Vormittag übervoll. Sie sind des flachen Ufers wegen weit ins Meer hinausgebaut und durch Holzwünde in Abteilungen geordnet und gegen die Blicke der Menschheit geschützt. Nach dem Schwimmbad nehmen die Däninnen, ganz unter sich natürlich, in erstaunlich unbekümmerter Weise ihr Sonnenbad auf den Brettern hingelagert, braun gebrannt, oft sportlich schlank, oft aber auch, wenn älteren Jahrgangs, von Rubensscher Fülle. Ost sitzen sie auch in Gruppen zusammen, fleißig handarbeitend — ihr Geschick und ihr künstlerischer Geschmack in Handarbeiten ist berühmt — und ihre kleinen Kinder umspielen sie. Für diesen stundenlangen Aufenthalt sind sie reichlich mit dem beliebten Smörrebroed ausgestattet und mit Kaffee oder „Sodavand" versehen. Heber ihnen lacht der blaue Himmel, und am Horizont des Meeres ziehen große Segelschiffe und Dampfer des Weges, denn der Oeresund ist die Hauptschiffahrtsstraße der Ostsee. Das empfindet man auch im Hasen, wenn es herausgeht zur „Langen Linie" oder weiter noch in das offene Meer, wenn man im Segelboot vorbelgleltet an den gewaltigen Körpern der Ueberfeedampfer. Flaggen aller Länder flattern in der Abendsonne und immer wieder taucht auch unsere deutsche auf, freudig von jedem Deutschen begrüßt. Vor allem aber sind natürlich die Flaggen der nordischen Lander vertreten: Island, Finnland, Norwegen und Schweden. Da sind Schisse mit kräftigen'aber schlanken Leibern, die ihren Weg durch die Eisschollen nach Grönland nehmen und gewaltige Riesen, aus deren Bullaugen die braunen Gesichter der indischen Bedienung sehen und die südwärts ziehen werden. Das Segelboot gleitet an den dunklen Schiffsmassen im Hasen vorbei und hinaus auf den seidenblauschimmernden Oeresund. Unzählig sind die Schiffchen mit den schlohweißen Segeln, die mit uns in den Abend ziehen, oft nur noch wie eine spitze Möwenschwinge sichtbar am Horizont. Der Abglanz der sinkenden Sonne liegt auf dem Wasser. Kopenhagen steht mit feinen Türmen und Kuppeln roie eine dunkle Silhouette gegen den flammenden Himmel. Der so eigentümlich gewundene Turm der Erlöser-Kirche, der so charakteristisch für dieses Stadtbild ist, leuchtet wie eitel Gold. Wie schön ist dieser Blick auf das ferne und ferner werdende Kopenhagen! Wenn wir zurückkommen, wird der Mond scheinen, werden die großen Schiffe vielfältig illuminiert fein und auf den strahlend erleuchteten Hauptstraßen der Stadt das Leben fluten, als gäbe es hier nicht so etwas wie Schlaf und Nachtruhe. Es fiel mir eines Abends ein, noch spät den berühmten „runden Turm" zu besteigen, der wegen eines dort befindlichen Observatoriums auch in sternklaren Nächten geöffnet ist. Dieses ehrwürdige Gemäuer, das keine Treppen hat und auf dessen breit sich emporwindenden Aus- gang Peter der Große vierspännig hinaufgefahren sein soll, liegt em wenig abseits und ist nur durch schmale und stille Straßen erreichbar. Aus den höchsten Höhen des Turmes hat ein Astronom feine romantische Wohnung und ebenso romantisch sieht der etwas schwerhörige Gelehrte selbst mit seiner merkwürdigen schwarzen Kappe aus. Geduldig richtet er bas große Fernrohr den Verehrern der Himmelsgestirne zurecht und muh unzählige Male dieselben Fragen beantworten und dieselben Ausrufe des Erstaunens hören. Mich interessierte in diesem Augenblick weit mehr als die nähere Betrachtung der Gestirne die Aussicht von der Hohe des Turmes auf das nächtliche Kopenhagen, das sich tief unter uns wie eine lichtglanzende Märchenstadt ausbreitete. Tivolis bunte Lichtfülle schimmerte rot und grün und blau. Lichtreklamen flammten auf und erloschen, bis in die weiteste Ferne flimmerten Lichter. Ueber all der Pracht aber stand sanft und gütig der Mond. Ich habe eine Stunde dort oben verbracht in dieser köstlichen, vorn Salzgeruch des Meeres erfüllten Nachtluft. Näher heran waren die Giebel uralter Häuser, es schimmerte hinter kleinen Fenstern hin und wieder ein bescheidenes Licht. Die Straßen waren schmal, alte Laternen standen neben verschnörkelten Hausportalen und brannten trübe. Fast kein Auto tarn hier des Weges und die Schritte der seltenen Fußgänger klapperten über das bucklige Pflaster durch die nächtliche Stille. Ich sah lange in diese alten Gassen hinab. Märchenstadt! Ja, dies hier ist die Heimat Hans Christian Andersens. Durch diese alten Gassen ist er gewandelt und in solch einem bescheidenen alten Haus hat er gewohnt! Hinter dem kleinen Fenster eines hohen Dachgiebels hat feine Lampe oft zu fo später Stunde gebrannt, wenn er saß und schrieb und dichtete, cm Unbekannter in der großen Stadt! Und derselbe gute und sanfte Mond hat köstlich in das hagere Gesicht des Dichters geschienen, der hungrig und sorgenvoll zu ihm aufsah, Hans Christian Andersen, den dann schließlich jedes Kind Dänemarks kannte und liebte und den nun jedes Kind in der ganzen Welt kennt! Ich habe Andersens Grab auf dem Assistens-Kirchhof ausgesucht. Altmodische Sommerblumen blühten darauf, und süß duftete der Heliotrop, um den die Bienen summten. Eine freundliche Hand hatte einen großen roten Rosenstrauß auf das Grab gestellt und die Gänseblümchen hatte gewiß ein Kind dem „Märchenmann" gebracht. Auch ich habe ihm meinen Dank gesagt — Ich habe dann noch das Grab eines anderen großen Dänen besucht, das sich auch auf diesem Kirchhof befindet. Es liegt hinter dem Gitter eines Erbbegräbnisses von dunklem Efeu umsponnen, das Grab des Mannes, der inmitten der sonnigsten und heitersten Stadt der Welt so unsagbar schwermütig sein konnte — Kierkegaard. Es fügte sich, daß ich in Kopenhagen eine alte Schwedin kennenlernte, Krankenpflegerin von Berus, die einst die Frau in ihrer letzten Krankheit gepflegt hat, die Kierkegaard das Liebste auf dieser Erde gewesen ist, seine Braut, Regina Olsen, der er dann entsagen zu müssen glaubte, weil sein grüblerisches Wesen sie zu sehr belastete ... Er erreichte es, daß sie einen anderen heiratete, er selbst aber hat sie nie vergessen, alle seine Werke sind ihr gewidmet! Wie sie denn gewesen sei, diese Braut des großen Philosophen, die bann den reichen Herrn Schlegel heiratete? fragte ich die alte schwedische Krankenschwester mit dem hellen Gesicht. Ach, noch im Alter von 80 Jahren sehr schön, wußte sie zu berichten, klein und zierlich wie ein Porzel- lanfigürchen, und sie habe vor ihrem Tode immer nur von Kierkegaard gesprochen und sein Bild an ihrem Bett gehabt. Sie habe ihn geliebt bis zuletzt, und das habe auch der reiche Herr Schlegel gewußt und sich damit abgesunden. Und noch etwas anderes erzählte die Schwedin von der uralten Braut Kierkegaards, nämlich daß sie „die reizendsten Hände der Welt gehabt hat, wie modelliert und wie Lilien und Rofen, fo rveiß und rofig..." Die Pflegerin habe ihr am ersten Tage Wasser zuin Waschen der Hände an ihr Bett gebracht, aber die Kranke hat das sehr energisch abgelehnt. Oh, nein! ihre Hände habe sie nie mit Wasser gewaschen, immer nur in einer selbstbereiteten Essenz von Milch und Rosenwasser. Und davon wollte sie auch jetzt nicht abgehen. Und die alte Frau habe sehr liebevoll ihre Hände betrachtet, die wie die eines ganz jungen Mädchens waren, genau so zart und weiß und rosig wie zu der Zeit, da Kierkegaard sie in den seinen gehalten und geküßt hatte.