Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1937 Zreitag, den Oktober Nummer 76 Eugenik Hrandei ROMAN v'on Honore de Balzac 5. Fortsetzung. „Mir diesen schönen Staat geben!" sagte sie zu sich selbst im Weggehen. „Er träumt schon, der Herr." „Gute Nacht." „Gute Nacht, Nanon." „Was soll ich bloß hier machen?" dachte Charles im Einschlafen. „Mein Vater ist kein Narr, meine Reise muß einen Zweck haben. Pah! ,Auf morgen die ernsten Geschäste', sagte irgendein griechischer Kunde." „Heilige Jungfrau, wie hübsch ist mein Vetter", sagte Eugenie zu sich selbst und unterbrach sich in ihren Gebeten, die an diesem Abend nicht beendet wurden. Frau Gründet dachte gar nichts, als sie sich schlafen legte. Sie hörte durch die Verbindungstür, die in der Mitte der dünnen Wand war, den Geizhals in seinem Zimmer auf und ab gehen. Wie alle furchtsamen Frauen, hatte sie den Charakter ihres Gebieters studiert. So wie die Möwe das Gewitter Voraussicht, hatte sie aus unmerklichcn Anzeichen den inneren Sturm geahnt, der Grandet bewegte, und, um einen Ausdruck von ihr zu gebrauchen, in solchem Fall „stellte sie sich tot". Grandet blickte auf die innen mit Blech beschlagene Tür, die er zu seinem Kabinett hatte machen lassen, und dachte bei sich: „Welch seltsamer Gedanke von meinem Bruder, mir sein Kind zu vermachen. Nette Erbschaft, das. Ich habe nicht zwanzig Taler zu verschenken. Und was wären zwanzig Taler für diesen Gecken, der mein Barometer beguckt hat, als wenn er damit Feuer machen wollte." Als er an die Folgen von diesem Testament des Schmerzes dachte, war Grandet vielleicht aufgeregter als sein Bruder in der Stunde, da er es niederschrieb. „Ich soll diesen goldenen Rock. . .?" sagte Nanon und schlief ein, mit ihrer Altardecke bekleidet und träumte von Blumen, Stoffen, Damast zum erstenmal in ihrem Leben, so wie Eugenie von der Liebe träumte. In dem unschuldigen und einförmigen Leben der jungen Mädchen kommt eine zauberhafte Stunde, wo die Sonne ihnen ihre Strahlen ins Herz schickt, wo die Blume ihnen Gedanken ausdrückt, wo das Klopsen des Herzens dem Kopf seine heiße Befruchtungskraft verleiht und die Gedanken in einen unbestimmten Wunsch hinschmelzen. Tag von unschuldiger Trauer und lieblicher Fröhlichkeit! Wenn die Kinder ansangen zu sehen, io lächeln sie; wenn das junge Mädchen das Gefühlsleben in der Natur erkennt, lächelt cs, wie es als Kind lächelte. Wenn das Licht die erste Liebe des Lebens ist, ist dann nicht die Liebe das Licht des Herzens? Der Augenblick, wo ihr die irdischen Dinge klar wurden, war für Eugenie gekommen. Da sie wie alle jungen Mädchen in der Provinz Frühaufsteherin war, erhob sie sich zeitig, verrichtete ihr Gebet und machte sich an ihre Toilette, eine Beschäftigung, die von jetzt ab Sinn bekam. Sie kämmte zuerst ihre kastanienbraunen Haare, legte ihre dicken Zöpfe mit der größten Sorgfalt um den Kopf, achtsam, daß sich kein Härchen aus den Flechten löste, und gab ihrer Frisur eine Symmetrie, die die schüchterne Treuherzigkeit ihres Gesichts erhöhte, weil sie die Einfachheit des Zubehörs mit der kindlichen Liebenswürdigkeit der Hauptlinien in Uebereinstimmung setzte. Während sie sich tüchtig die Hände in klarem Wasser wusch, das ihre Haut rauh und rot machte, betrachtete sie ihre hübschen runden Arme und fragte sich, was ihr Vetter nur anstellte, um so weiche weiße Hände und so schön gepflegte Nägel zu bekommen. Sie zog neue Strümpfe und ihre hübschesten Schuhe an. Sie schnürte sich sorgfältig, ohne ein Schnürloch auszulassen. Und da sie zum erstenvial im Leben den Wunsch hatte, vorteilhaft auszusehen, wußte sie das Glück zu schätzen, daß sie ein neues Kleid hatte, das hübsch war und ihr gut stand. Als ihre Toilette beendet war, hörte sre die Uhr der Pfarrkirche schlagen und zählte zu ihrer Verwunderung nur sieben «chlage. Um ja die nötige Zeit zu haben, sich sorgfältig anzuzichen, war sre zu früh aufgestanden. Da sie die Kunst nicht kannte, zehnmal eine Haarlocke wieder in die Hand zu nehmen und ihre Wirkung auszuprobieren, verschränkte Eugenie ganz einfach die Arme, setzte sich ans Fenster und blickte auf den Hof hinaus, auf den engen Garten und die hohen Terrassen, die ihn überragten; eine melancholische, eng begrenzte Aussicht, der aber nicht die geheimnisvolle Schönheit der einsamen Orte und der ungepflegten Natur sehlte. In der Nähe der Küche befand sich ein Ziehbrunnen mit steinernem Geländer, dessen Rolle von einem Arm aus gebogenem Eisen gehalten wurde, um den sich ein Weinstock mit verwelkten, roten, vom Sommer versengten Ranken schlang; von hier aus erreichte das gekrümmte Rebenholz die Mauer, zog sich dort herauf, lief am Haus entlang und endigte auf einem Holzstall, in dem das Holz so exakt aufgestellt war wie Bücher eines Bibliophilen. Das Pflaster des Hofes wies seine schwärzlichen Flecken, die mit der Zeit durch Moose, durch den Mangel an Verkehr entstanden waren; die dicken Mauern zeigen ihr grünes Kleid, das mit langen braunen Spuren gestreift war. Und die acht Stufen, die sich int Hintergrund des Hofs befanden, waren jede für sich unter hohen Pflanzen verhüllt, wie das Grab eines Ritters zur Zeit der Kreuzzüge, den seine Witwe begraben hat. Hebet eine Schicht von ganz ausgehöhlten Steinen erhob sich ein Zaun von verfaultem Holz, der vor Alter halb verfallen war, an dem sich aber Kletterpflanzen in Hülle und Fülle umschlangen. Zu jeder Seite der weitlückigen Tür streckten zwei verkrüppelte Apfelbäume ihre krummen Zweige vor. Drei parallele, mit Sand beworfene Wege, die voneinander durch viereckige, mit einem Buchsbaumrand eingefaßte Beete getrennt wurden, bildeten diesen Garten, den unten an der Terrasse ein Dach von Linden abschloß. Auf der einen Seite Himbeersträucher, auf der andern ein ungeheurer Nußbaum, dessen Zweige bis zum Kabinett des Böttchers herabyingen. Ein klarer Morgen und die schöne Sonne der Herbsttage an den Ufern der Loire begannen die Lasur zu zerteilen, mit der die Nacht die malerischen Gegenstände, die Mauern, die Pflanzen überzogen hatte, die diesen Garten und den Hof ansüllten. Eugenie fand ganz neue Reize in dem Anblick dieser Dinge, die vorher so gewöhnlich für sie gewesen waren, Tausend verwirrte Gedanken entstanden in ihrem Herzen und nahmen dort innen in dem Maße zu, wie draußen die Strahlen der Sonne. Am Ende verspürte sie eine Regung unbestimmter, unerklärlicher Lust, die das geistige Sein einhüllt, wie eine Wolke das körperliche Sein einhüllen könnte. Ihre Betrachtungen klangen zusammen mit den einzelnen Tönen dieser sonderbaren Landschaft, und die Harmonien ihres Herzens schlossen einen Bund mit den Harmonien der Natur. Als die Sonne ein Stück der Mauer erreichte, wo Frauenhaar in dicken wie Taubenhälse schillernden Blättern herabfiel, da befeuchteten himmlische Strahlen der Hoffnung für Eugenie die Zukunft, und sie liebte es von jetzt ab, dies Mauerstück zu betrachten, seine bleichen Blumen, seine blauen Glocken, seine verblühten Gräser, mit denen sich eine Erinnerung vermischte, anmutig, wie die an die Kindheit. Das Geräusch, das in diesem widerhallenden Hof jedes Blatt hervorbrachte, das sich von seinem Zweig löste, antwortete auf die geheimen Fragen des jungen Mädchens, das dort den ganzen Tag hätte sitzen können, ohne das Fliehen der Stunden zu merken. Plötzlich wurde ihr Herz stürmisch bewegt. Sie erhob sich ein paarmal, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich, wie ein ehrlicher Schriftsteller sein Werk betrachtet, um sich zu kritisieren und sich selbst zn schelten. „Ich bin nicht schön genug für ihn!", das war Eugeniens Gedanke, ein demütiger Gedanke, der Leiden schuf. Das arme Kind wurde sich nicht gerecht; aber die Bescheidenheit, oder besser gesagt, die Scheu ist eine der ersten Tugenden der Liebe. Eugenie gehörte wohl zu diesem kräftig gebauten Typus, den man bei den Kindern der kleinbürgerlichen Kreise findet, dessen Schönheiten gewöhnlich scheinen. Aber wenn sie der Venus von Milo ähnelte, so waren ihre Formen durch die Milde des christlichen Fühlens und Wollens geadelt, das die Frau läutert und ihr eine Besonnenheit verleiht, von der die alten Bildhauer nichts wußten. Sie hatte einen sehr großen Kopf, die männliche, aber sein gebildete Stirn des Jupiter von Phidias, und graue Augen, aus denen ihr keusches Leben, das sich ganz in ihnen aussprach, hell herausleuchtete. Die Züge ihres runden Gesichts, das früher frisch und rosig gewesen war, waren etwas angeschwollen nach den Blattern, die milde genug aufgetreten waren, um keine Narben zu hinterlassen, die aber die Sammetweiche der Haut zerstört hakten; immerhin war ihre Haut noch so zart und sein, daß der reine Kuß^hrer Mutter vorübergehend einen roten Fleck auf ihr abzeichnete. Ihre Nase war ein bißchen zu stark, aber sie paßte zu einem kirschroten Mund, der strahlte vor Liebe und Güte. Ihr Hals besaß eine vollendete Rundung. Ihr voller Busen, der sorgfältig verhüllt war, zog den Blick an und beschäftigte die Phantasie; doch fehlte ihm gewiß etwas von der Anmut, die der Kleidung zu verdanken ist. Aber für Kenner mußte die Straffheit biefer hohen Büste ihren Reiz haben. Eugenie war groß und stark und besaß nichts von der Hübschheit, die der Menge gefällt. Aber fie war schon von dieser Art deutlicher Schönheit, die nur die Künstler lieben. Der Maler, der hienieden einen Typus der himmlischen Reinheit der Maria sucht, der von dem ganzen weiblichen Geschlecht die bescheiden stolzen Augen verlangt, die Raffael erraten hat, die jungfräulichen Linien, die oft den Zufällen der Empfängnis verdankt werden, die aber nur ein christliches und züchtiges Leben bewahren und erwerben kann; der Maler, der in ein fo seltenes Modell verliebt ist, hätte aus einmal in Eugenies Gesicht den angeborenen Adel gefunden, der von sich selbst nichts weiß; er hätte hinter einer ruhigen Stirn eine Welt voll Liebe erkannt und im Schnitt der Augen, in der Haltung der Lider etwas Göttliches. Ihre Züge, die Umrisse ihres Hauptes, die der Ausdruck der Lust noch nie entstellt ober ermüdet hatte, glichen den Linien des Horizonts, die in der Ferne von stillen Seen sanft abgefchnitten werden. Diese ruhigen, frischen Gesichtszüge, um die ein Schimver war, wie um eine hübsche, aufgeblühte Blume, ließen die Seele ausruhen, osfenbarten den Reiz des Gemüts, das sich in ihnen widerspiegelte und beherrschten den Blick. Eugenie besand sich noch an dem Ufer des Lebens, an dem die kindlichen Illusionen blühen, wo die Gänseblümchen mit Glücksgesühlen gepflückt werden, die man später nicht mehr kennt. Und so sagte Sie, als sie sich im Spiegel erblickte, ohne noch zu wissen, was Liebe ist: „Ich bin zu häßlich, er wird mich nicht beachten." Dann öffnete iie die Tür ihres Zimmers, die zur Treppe führte, und steckte den Kopf heraus, um auf die Geräusche im Haus zu hören. Er ist nicht auf, dachte sie, während sie das morgendliche Husten von Nanon vernahm und, wie das brave Mädchen ging und kam, den Saal kehrte, Feuer anmachte, den Hund an die Kette legte und mit ihren Tieren im Stall sprach. Flugs ging Eugenie herunter und lief zu Nanon, die die Kuh melkte. „Nanon, liebe Nanon, mach' doch Rahm zum Kaffee für meinen Vetter. „Aber Fräulein, man hätte ihn gestern aufstellen müssen", sagte Nanon und brach in schallendes Gelächter aus. „Ich kann nicht Rahm machen. Ihr Vetter ist niedlich, niedlich, aber wirklich zu niedlich. Sie haben ihn nicht in seinem Schlafröckchen aus Seide und Gold gesehen. Aber ich, ich hab' ihn drin gesehen. Er trägt so seine Wäsche wie das Chorhemd vom Herrn Pfarrer." „Nanon, dann mach uns weißes Milchbrot." „Und wer gibt mir das Holz für den Backofen, Weißmehl und Butter?" sagte Nanon, die in ihrer Eigenschaft als Premierminister von Grandet manchmal eine ungeheure Bedeutung in den Augen von Eugenie und ihrer Mutter bekam. „Man soll wohl den Herrn bestehlen, um Ihren Vetter zu feiern? Bitten Sie ihn doch um Butter, Weißmehl und Holz, er ist ja Ihr Vater, er kann es Ihnen geben. Halt, da kommt er gerade herunter, um nach den Vorräten zu sehen." Eugenie flüchtete vor Schreck in den Garten, als sie die Treppe unter dem Schritt ihres Vaters zittern hörte. Sie empfand schon die Wirkungen der tiefen Scham, des besonderen Glücksgefühls, das uns glauben läßt, vielleicht nicht mit Unrecht, unsere Gedanken seien uns auf die Stirn ge- fchriehen und sprängen den andern in die Augen. Jetzt erst wurde sie die kalte Blöße des väterlichen Hauses gewahr, und da empfand das arme Kind eine Art von Verdruß, es nicht in Harmonie bringen zu können mit der Eleganz ihres Vetters. Sie fühlte das leidenschaftliche Bedürfnis, irgend etwas für ihn zu tun; was? das wußte sie nicht. Kindlich und wahr überließ sie sich ihrer engelreinen Natur, ohne ihren Eindrücken oder ihren Gefühlen zu mißtrauen. Der bloße Anblick ihres Vetters hatte in ihr die natürlichen Neigungen der Frau aufgeweckt, und sie mußten sich um so lebhafter entfalten, als sie im Alter von dreiundzwanzig Jahren in der Vollkraft ihrer Intelligenz und ihres Begehrens stand. Zum erstenmal empfand sie Furcht im Herzen beim Anblick ihres Vaters, da sie ihn als Herrn ihres Schicksals ansah, und sühlte sich eines Vergehens schuldig, weil sie ihm ein paar Gedanken verschwieg. Sie begann ihre Schritte zu beschleunigen und verwunderte sich, eine reinere Luft zu atmen, die Sonnenstrahlen belebender zu fühlen und eine seelische Wärme aus ihnen zu schöpfen, ein neues Leben. Während sie auf eine List sann, um Weißbrot zu erlangen, erhob sich zwischen der langen Nanon und Grandet ein Streit, der bei den zweien etwas so Seltenes war wie Schwalben im Winter. Bewaffnet mit seinen Schüsseln war der Alte herabgekommen, um die für den Tagesverbrauch nötigen Lebensmittel abzumessen. „Ist Brot von gestern übriggeblieben?" fragte er. „Nicht ein Krümchen, Herr." Grandet nahm ein großes, rundes, schön mit Mehl bestäubtes Brot heraus, das in so einem flachen Korb geformt war, wie sie in Anjou zum Backen benutzt werden, und wollte es durchschneiden, als Nanon zu ihm sagte: „Wir sind heute sünf, Herr." „Richtig", antwortete Grandet, „aber dein Brot hier wiegt sechs Pfund, es wird noch was übrigbleiben. Uebrigens, diese jungen Leute aus Paris, du wirst sehen, die essen kein Brot." „Die essen wohl nur die ,Frippe'", sagte Nanon. In Anjou versteht man unter Frippe, einem Wort der Volkssprache, den Ausstrich aufs Brot, von der Butter angefangen, die auf die Schnitte gestrichen wird, der gewöhnlichen Frippe, bis zum Pfirsicheingemachten, der allerfeinsten Frippe; und alle, die in ihrer Kindheit die Frippe abgeleckt und das Brot liegengelassen haben, werden die Bedeutung dieses Ausdrucks verstehen. „Nein", versetzte Grandet, „die essen weder Frippe noch Brot. Sie sind gewissermaßen wie die heiratsfähigen Töchter." Zum Schluß wollte der Alte, nachdem er knickerig das Menü des Tages bestimmt hatte, sich in seinen Obstkeller begeben, nicht ohne die Schränke seiner Speisekammer abzuschließen, als Nanon ihn anhielt, um ihm zu sagen: „Herr, dann geben Sie mir doch Mehl und Butter, ich will für die Kinder ein Weißbrot machen." „Willst du nicht noch das Haus ausplündern, meines Neffen wegen?" „Ich hab' an Ihren Neffen nicht mehr als an Ihren Hund gedacht, nicht mehr, als Sie selbst an ihn denken ... Da haben Sie mir doch nur sechs Stück Zucker 'rausgeholt, ich will acht." • „Na nu, Nanon, ich hab' dich ja noch nie so gesehen. Was fällt dir denn ein? Bist du die Herrin hier? Du bekommst nur sechs Stück Zucker." „So, und womit wird Ihr Neffe seinen Kaffee zuckern?" „Mit zwei Stücken, ich . . . ich verzichte dafür." „Sie werden aus den Zucker verzichten, in Ihrem Alter! Eher würde ich Ihnen welchen aus meiner Tasche kaufen." „Kümmere dich um deine Sachen." Trotz seinem niedrigen Preise war der Zucker in den Augen des Böttchers immer noch die kostbarste Kolonialware, für ihn kostete er immer noch sechs Franken das Pfund. Der während des Kaiserreichs bestehende Zwang, mit ihm zu sparen, war ihm zur unerschütterlichen Gewohnheit geworden. Alle Frauen, selbst die einfältigsten, wissen eine List zu gebrauchen, um zu ihrem Zweck zu gelangen. Nanon ließ die Zuckerstage fahren, um das Weißbrot zu bekommen. „Fräulein", rief sie durchs Fenster, „nicht wahr, Sie möchten Weißbrot haben?" „Nein, nein", antwortete Eugenie. „Mso komm, Nanon", sagte Grandet, als er die Stimme seiner Tochter hörte, „da nimm." . Er öffnete den Kasten, in dem das Mehl war, gab ihr dann em Maß voll und fügte einige Unzen Butter zu dem Stück hinzu, das er schon abgeschnitten hatte. „Ich brauche Holz, um den Backofen zu heizen", sagte die unerbittliche Nanon. • „Na ja, du kannst dir soviel nehmen, wie du brauchst", antwortete er melancholisch, „aber dann mache uns einen Obstkuchen und koche das ganze Essen im Backofen, dann brauchst du nicht zwei Feuer anzuschüren." „Pahl" rief Nanon aus, „das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen." Grandet warf seinem treuen Minister einen fast väterlichen Blick zu. „Fräulein", rief die Köchin, „wir bekommen Weißbrot." Der alte Grandet kam mit seinem Obst beladen zurück und machte einen ersten Teller voll auf dem Küchentisch zurecht. „Sehen Sie nur, Herr", sagte Nanon zu ihm, „die hübschen Stiefel, die Ihr Neffe hat. Was für Leder, und wie gut das riecht! Womit soll ich das denn putzen? Soll man Ihre Eiwichse dadraus schmieren?" „Nanon, ich glaube, das Ei verdirbt solches Leder. Uebrigens, sag' ihm doch, du weißt nicht, wie man dies Maroquin ... ja, es ist Maroquin, wichsen soll. Er wird dann selbst in Saumur etwas kaufen und es dir geben, um seine Stiesel zu putzen. Ich habe sagen hören,, daß man Zucker unter solche Wichse mengt, um sie glänzend zu machen." „Ei, schmeckt das gut?" sagte die Magd und hielt sich die Stiefel unter die Nase. „Seh einer an! Das riecht ja wie Eau de Cologne von Madame. Ach, ist das komisch!" „Komisch", sagte der Hausherr. „Du findest es komisch, für die Strefel mehr auszugeben, als der wert ist, der sie trägt?" „Herr", sagte sie beim zweiten Gang ihres Gebieters, der den Obstkeller abgeschlossen hatte, „nicht wahr, wir werden wohl ein- oder zweimal wöchentlich einen pot au feu haben, wegen Ihres? ..." ,Sa." .Dann muß ich zum Schlächter gehen.' „Keinesfalls; du kannst uns Bouillon von Geflügel kochen; die Pächter werden dich nicht damit sitzen lassen. Aber ich will Cornoiller sagen, daß er mir Raben töten soll. Dieses Wild gibt die beste Bouillon von der Welt." „Jst's wahr, Herr, daß Raben Leichen essen?" „Du bist wohl dumm, Nanon. Sie essen, wie jedermann, das, was sie finden. Leben wir nicht von Leichen? Was ist denn eine Erbschaft fonft?*^ Da Vater Grandet weitere Befehle nicht zu geben hatte, zog er seine Uhr heraus, und als er sah, daß er noch über eine halbe Stunde vor dem Frühstück verfügen konnte, nahm er seinen Hut, ging seine Tochter zu begrüßen und sagte zu ihr: „Willst du einen Spaziergang zu meinen Wiesen am Loireufer machen? Ich habe da etwas zu tun." Eugenie setzte ihren geulten mit rosa Tast abgesütterten Strohhut auf, bann schritten Vater und Tochter die krumme Straße bis zum Platz hinab. „Wohin stürzen Sie denn so stüh am Morgen?" sagte der Notar Cruchot, der Grandet in den Weg lief. „Etwas ansehen", erwiderte der Alte. Wenn der alte Grandet etwas ansehen ging, so wußte der Notar ans Erfahrung, daß man immer etwas von ihm profitieren konnte. Daher begleitete er ihn. „Kommen Sie mit, Cruchot", sagte Grandet zum Notar. „Sie gehören ja zu meinen Freunden, da will ich Ihnen mal zeigen, was das für eine Dummheit ist, Pappeln auf guten Boden zu pflanzen." „Dann rechnen Sie wohl die sechzigtausend Franken für nichts, die Sie für die aus Ihren Wiesen an der Loire in die Finger gekriegt haben?" ries der Notar aus und riß seine Glotzaugen auf. „Was Sie da für Glück gehabt haben! Ihre Bäume just in dem Moment zu fällen, wo man in Nantes kein weißes Holz hatte, und sie zu dreißig Franken zu verkaufen." Eugenie hörte zu, ohne zu wissen, daß sie dem ernstesten Augenblick ihres Lebens nahe war und der Notar im Begriff stand, die Verkündigung eines väterlichen und oberherrlichen Ratschlusses über sie hervorzurusen. Grandet hatte die prächtigen Wiesen erreicht, die er am Loireuser besaß, wo dreißig Arbeiter damit beschäftigt waren, die Stellen, wo stüher bie Pappeln gestanden hatten, auszuräumen, zuzuschütten und einzuebnen. „Da sehen Sie, Cruchot, wieviel Platz eine Pappel einnimmt", sagte er zum Notar. — „Jean", rief er einem Arbeiter zu, „me ... me... miß mit dem St ... Stab in allen R ... R ... Richtungen." „Viermal acht Fuß", sagte der Arbeiter, als er fertig war. „Zweiunddreißig Fuß Verlust", sagte Grandet zu Cruchot. „Ich hatte in dieser Reihe dreihundert Pappeln, nicht wahr? Oder d ... d... dreihundertmal zweiundd ... dreißig F ... Fuß f... f ... fraßen mir s... fünfhundert Heu weg; rechnen Sie zweimal so viel aus den Seiten dazu: sünfzehnhundett, die in der Mitte wuchsen, ebensoviel. Mso, w ... h>... wollen wir sagen tausend Bündel Heu." „Nun ja", sagte Cruchot, um seinem Freund zu helfen, „tausend Bündel Heu sind ungefähr sechshundert Franken wert." „W w ... wollen wir z... z zwölfhundert sagen wegen der drei- bis vierhundett Franken für das Grummet. Nun schön, b ... b ... berechnen Sie, was zwölshundert Franken jährlich, w ... w ... während vierzig Jahren g geben, z ... z ... zusammen mit den Z ... Z - • • Zinsen, die Sie ja w wissen." „Sagen wir sechzigtausend Franken." „Es ist mir recht! das m... m... mögen nur sechzigtausend Franken fein. Na schön", fuhr der Winzer fort, ohne zu stottern, „zweitausend Pappeln in vierzig Jahren würden mir nicht fünfzigtausend Franken einbrmgen. Das ist Verlust. Ich hab' das herausgefunden, jawohl", sagte Grandet vou Stolz. ^Fortsetzung folgt.) Oer Baum im Odenwald. Volksweise. Es steht ein Baum im Odenwald Der hat viel grüne Aest, Da bin ich schon vieltausendmal Bei meinem Schatz gewest. Da sitzt ein schöner Vogel drauf, Der pfeift gar wunderschön; Ich und mein Schätzlein lauern auf, Wenn wir mitnander gehn. Der Vogel sitzt in seiner Ruh Wohl aus dem höchsten Zweig, Und schauen wir dem Vogel zu. So pfeift er alsogleich. Der Vogel sitzt in seinem Nest Wohl auf dem grünen Baum; Ach Schätze!, bin ich bei dir gwest, Oder ist es nur pin Traum? Und als ich wiedrum kam zu dir, Gehauen war der Baum; Ein andrer Liebster steht bei ihr — O du verfluchter Traum 1 Der Baum der steht im Odenwald, Und ich bin in der Schweiz; Da liegt der Schnee und ist so kalt. Mein Herz es mir zerreißt. „Wieso — ist er krank.. .7* fragt der Oberförster besorgt. _ baä gerade rächt!" bibbert Anne: „Aber er kann Debet und Kredit nicht ausemanderhalten und sitzt jetzt mit Fieber im Lehnstuhl — so rst ihm der Fall zu Kopf gestiegen. . .!" „Na ... !" schmunzelt der Oberförster: „Dann komm' mal rein, Anne — bann muß rch bir den schwierigen Fall wohl auch nochmal auseinander« puhlen...!" Gütig und wohlwollend setzt der alte Oberförster der rundlichen Anne denn auch noch einmal den Unterschied zwischen Debet und Kredit aus- e'nander. „Sieh mal — und wenn das Jahr herum ist...!" spricht er abschließend: „Dann zieht ihr ganz einfach Debet von Kredit ab; und was dann unter dem Strich steht — das habt ihr bann verdient...! Klar, 4nne .. - ? „Aber natürlich, Herr Oberförster — das ist doch ganz einfach! Ich versteh' meinen Harke gar nicht!" strahlt Anne: „Dann ziehen wir Kredit von Debet ab — und das haben wir denn verdient!" o, »Ach, du großes Halali...!" seufzt der Oberförster: „Umgekehrt, Anne — Debet müßt ihr von Kredit abziehen!" „Jawoll, Herr Oberförster — Kredit von Debet — ich hab' doch ganz recht...!" wiederholt Anne weinerlich, weil ihr diese Wortspalterei lana- sam ebenfalls zu Kops steigt. „Anne Eystrup, Anne Eystrup — wenn euch bloß der Forstkrug nicht über den Kopf wächst!" seufzt der Oberförster: „Du machst es ja schon wieder verkehrt!" Aber erst, als Oberförster Friesoyte statt „Debet und Kredit" „Soll und Haben" auf die ersten beiden Seiten im Kontobuch geschrieben hatte — und, als es auch damit noch nicht ging: „Einnahmen und Ausgaben" — da erst war Harke Eystrups ausgesandte Frau im Bilde: „Jawoll, Herr Ober« forster! hat sie mit eines wieder gestrahlt: „Einnahmen sind, wenn einer fem Glas Bier bei uns bezahlt — und Ausgaben sind, wenn wir das Bier an die Brauerei bezahlen müssen. Das eine Mal kommt Geld zu uns ins Haus — und das andere Mal holen sie es von uns weg ...!" „Na also — warum nicht gleich so ...?" Und sachte hat der Oberförster die strahlende Anne nach diesem nächtlichen Privatunterricht in Buchführung wieder nach Hause komplimentiert. Ein Uhr nachts war es darüber geworden ... Ob Anne Eystrup ihrem Harke die Eigenheiten des Kontobuches nun ihrerseits wieder beigebracht hat, steht dahin. Jedenfalls hat Anne von Stund an jeden Abend die Eintragungen gemacht. Anne hat sogar jeden Abend sein säuberlich einen Strich gemacht und Debet von Kredit abgezogen, um ganz sicher zu gehen. Und wenn Anne mit Federhalter und Tinte mit dem dicken Kontobuch beschäftigt war, hat Harke lieber einen letzten Rundgang im Hofe des Forstkruges angetreten. Erst, wenn Anne das Fenster aufriß und zu ihm herausrief : „Harke — es ist gut gegangen — wir haben heute wieder was über... I" dann erst hat auch Harke sich zu der Buchführung eingefunden und schmunzelnd die Groschen nachgezählt. War aber nichts über, dann hat Anne Eystrup ärgerlich das Kontobuch zugeklappt und ist mürrisch zu Bett gegangen. Und mürrisch ist der vergeblich auf den üblichen Zuruf wartende Harke ihr gefolgt. Aber wenn Oberförster Friesoyte nun vielleicht gedacht hat, daß seinem ehemaligen Waldarbeiter der Forstkrug über den Kopf wachsen würde, so hatte er sich getäuscht. Im Gegenteil: langsam, aber sicher ist es mit Eystrups vorangegangen. Und loenn im ersten Jahre nur Bier und Korn im Nieholter Forstkrug zu bekommen waren, so hat im zweiten Jahre bereits eine hübsche, selbst gepinselte Tafel in der kleinen Gaststube des einsamen Waldkruges gehangen. Darauf hat gestanden: „Empfehle meinen verehrten Gästen auch meine ff. kalte Küche: Brot mit Schinken............60 Pf. Brot mit Wurst..............60 Pf. Brot mit Käse (Harzer)..........30 Pf. Schokolade, Tafel........... . 25 Pf. Und jeden Sonnabend: Knackwurst mit Salat......... . 50 Pf. Knackwurst ohne Salat..........25 Pf." — w — Das vornehme „pp" hat Harke Eystrup darunter gesetzt, weil er es so bei Gastwirt Hansing in Leheloh gesehen hatte. Gastwirt Sansing hatte es wieder bei Gastwirt Picherow in Uchta erblickt. Wo Gastwirt Picherow es seinerseits her hatte, verliert sich im Dunkeln. „Harke Eystrup — was heißt das ,pp' eigentlich?" hat Oberförster Friesoyte eines Tages gefragt. „Das ,pp' da ...?" hat Harke sich verwundert: „Das weiß Herr Oberförster nicht? Das kann meines Erachtens nur ,prima-prima' heißen!" Und geradezu beleidigt ist der neue Forstkrüger gewesen, als sein Oberförster sich daraufhin den Bauch vor Lachen hielt. „Nicht ,prima-prima', sondern ,prämissis prämittendis' heißt das!" hat der Oberförster erläutert und anschließend auch des langen und breiten erklärt, was es mit „prämissis prämittendis" auf sich hatte. „Meute und Mufflonbock — das ist aber ein schweres Wort!" hat Harke gestöhnt. Und nachdem er dreimal vergeblich versucht hatte, es nachzusprechen, ist er kurz entschlossen auf einen Stuhl gestiegen und hat das ver- deubelte „pp" mit dem Taschenmesser aus dem schöngepinselten Plakat geschnitten. „Aber Harke Eysttrch — das hab' ich ja gar nicht verlangt — du sollst bloß wissen, was es heißt!" hat der Oberförster vor Lachen gebrüllt. Aber da hat Harke seinem Obersörster nur vielsagend in die Seite gepuckst und pfiffig gemeint: „Ich geh lieber aufs Ganze, Herr Oberförster! Es könnte sein, daß mich noch mal einer nach dem Worte fragt, und bann sitz' ich bamit an! Dem setzt man sich nicht gerne aus! Unb barum sage ich: weg damit!" Unb durch keinerlei Zureden ist er beim auch dazu zu veranlassen gewesen, bas „pp" toieber an bie Preistafel anjutleiftern. Nächster Tage hat er sich lieber einen passenden Streifen aus Pappe geschnitten, „prima — prima" barauf gemalt unb hiermit bie Schnittstelle in ber Preistafel fein säuberlich wieder überklebt. Seitdem heißt „pp" hierzulande „prima — prima" und nichts anderes. Sott und Haben. Zwei Anekdoten aus dem ZRünflerlaub. Bon Bruno Nelissen Haken. Von Harke Eystrup zu Nieholte, der früher einmal Waldarbeiter war und dann den Nieholter Forftkrug pachtete, erzählen sie sich weit und breit die lachhaftesten Geschichten. Darunter sind zwei: wie Harke Eystrup mit „Debet und Kredit" nicht fertigwerden konnte — und wie er „pp" auf seine Preistafel gemalt hat... Wenn ein früherer Waldarbeiter unter die Gastwirte geht, so muß er schwitzen. Und man kann schon sagen, daß es eine lange Zeit gedauert hat, bis Harke das Handwerk gelernt hatte. Als er seinerzeit auf der Oberförsterei Kontratt über den Pachtkrug machte, hat Oberförster Friesoyte geschmunzelt und seinem unternehmungslustigen Waldarbeiter wohlwollend auf die Schulter geklopft: „Also du willst wirklich und wahrhaftig unter die Gastwirte gehen, Harke — ob dir das nicht über den Kopf wächst... ?" hat er gemeint. „Was 'n richtigen Waldarbeiter aus dem Münsterland ist, Herr Oberförster — der kann auch Bier zapfen — is 'n Klacks!" hat Harke mit Ueber- geugung gesprochen. „Das kann ich mir denken!" hat der Oberförster gelacht: „Aber das Bierzapsen ist ja nicht das einzige! Du mußt z. B. auch Buchführen, Harke Eystrup... !" „Watt... ? Wieso, warum ... ?" hat Harke erstaunt zurückgefragt. „Hier... !" hat der Oberförster da aber nur gesprochen und seinem neuen Pächter als Angebinde für den heutigen Tag der Pachtübernahme ein nagelneues, dickes Kontobuch mit schwarzem Leinenrücken überreicht: »Paß mal auf, Harke!" hat er erläutert: „Dies hier ist ein Kontobuch — weißt du, was eip Kontobuch ist... 7‘ „Jawoll, Herr Oberförster ... !" hat Harke mit wissender Miene gestrahlt. „Gut... !" hat der Oberförster verkündet: „Dann weißt du also auch, daß ein Kontobuch immer eine Debet- und Kreditseite hat...?" „Jawoll, Herr Oberförster ...!" hat Harke mit Nachdruck erklärt. „Gut...!" hat der Oberförster weiterhin gesprochen: „Da mußt du «Iso jeden Abend sauber mit Tinte drin eintragen, was du über Tag eingenommen bzw. ausgegeben hast!" «Wird gemacht, Herr Oberförster!" hat Harke zurückgegeben. „Gut!" ist ber Oberförster fortgefahren: „Und wenn du das jeden Tag f«gelmäßig gemacht hast und das Jahr ist herum — bann machst bu fein öuberlich einen Strich mit Lineal und Tinte und ziehst Debet von Kredit «b — was tust du, Harke Eystrup ...?" „Zu Befehl, Herr Oberförster — ich ziehe Kredit von Debet ab!" hat harke mit Hackenzufammenklappen rapportiert. „Verkehrt — verkehrt...! Debet von Kredit mußt du abziehen, Harke — tetftanben?" »Zu Befehl, Herr Obersörster!" „Gut—! Und was dann unter dem Strich steht, das hast du bann terbient! Ist das klar, Harke Eyitrup ...?" „Jawoll, Herr Oberförster — das hab' ich bann berbient!" hat Harke lsstrahlt. Zu Hause, in seinem neuen Forstkrug, ist bem neuen Pächter bas Strahlen lann aber noch selbigen Tags vergangen. Als Oberförster Friesoyte biefen Abend zu Bett gehen will und schon mne Langschäftigen am Stiefelknecht abgestreift hat, klopft es nämlich »-ötzlich an§ Fenster und eine zitternde Stimme fragt aus dem Dunkeln, ■ö Herr Oberförster wohl noch einmal zu sprechen sei. „Nanu, so spät — wo brennt's beim...?" meint der Oberförster und °'ugt sich aus dem Fenster. „ . Naja — und ba steht also Eystrups Anne, Hartes rundliche, kleme Ehe- rau, mit bem dicken Kontobuch unter dem Arm und will von Herrn Ober- hrster erklärt haben, was es mit den verschiedenen Seiten in diesem Buche c*f sich hat: „Herr Oberförster, Herr Oberförster — was haben Sie bloß "nt meinem Harke ausgestellt?" jammert Anne: „Der Mann ist heute w'enb ja reineweg durcheinander — er schnackt schon ganz konfus.. .1 nickte wiederum. r. ,r. Und wenn du wieder ein Faß Tran am Hafen liegen Jte 1) t — Gebt mir die Trommel mit, Meister! bat Jochen Kluth. Man muß o Kunst immer bei der Hand haben, wenn sie einem nützen soll. Alles ist allen, sagte der Meister Markrabe. Nimm d,e Trommel <->' ist mein, aber sie ist auch dein — so lange sie dir Hilst, ein guter Mensch S» sein. _ Derantwortttch: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühlschr Universitätsdruckerei 2t. Sange, Sieben. Meister Markrabe. Von Otto Anthes. ou Lübeck lebte in alten Tagen ein Diener der Stadt, der hieß Meister Markrabe nnb verwahrte dem Rat die Uebeltäter, die in den Kammern über dem Marstall am Burgtor gefangengehalten wurden. Er war aber ein eigener und merkwürdiger Diebeshüter. Denn wahrend die Leute seines Handwerks in jenen rauhen Zeiten die rauhesten waren und mit einem ihrer Hut besohlenen Missetäter nicht anders umgingen als wie mit einem Stück Holz, fuhr er gar sänstiglich mit seinen ^e angcnen Er nannte einen jeden seines Verbrechens ungeachtet „mein lieber Bruder , er tat lange Sprüche vor ihnen voll gütlichen Ermahnens, er brachte ihnen das Essen in sauberen Näpfen und allezeit wohlgemessen und nahm allabendlich I einen um den andern an seinen eigenen Tisch, damit er sähe, wie es m emem ehrbaren und frommen Leben zugeht. Aber all dies hätte ihm nicht so viel Erfolg an seinen Pfleglingen eingebracht, als ihm m Wirklichkeit zuteil wurde. Sein stärkstes Mittel war noch anderer Art. Er war namlich tn seinen jungen Jahren ein Spielmann gewesen, und tn dem Gedächtnis dieser fröhlichen und klingenden Vergangenheit lehrte er alle seine Hehler und Stehler eine gar seine Musik. Der eine muhte die Sackpfeife fpftlen, der andere die Fiedel, ein dritter war Zinkenist und em vierter wieder rührte die Handtrommel. An den Markttagen, wenn die Bauern tn Scharen von draußen kamen und auch die Stadtleute alle auf den Bemen waren, saß er dann mit feinen Pflegebefohlenen aus der Bank vor dem Torhaus und ließ sie ausspielen. Ulib nicht nur, baß bie Vorübergehenden dadurch ergötzt unb heiteren Hetzens würben, auch alle Spitzbuben, die durch das Tor in die Stadt wanderten, sühlten sich unwiderstehlich ungezogen, so daß sie von selber kamen und ihre Missetaten bekannten. Er aber besserte sie tn kurzer Zeit durch seine Musik. Die schlimmsten Buben wurden zahm und milde bei ihm: und wenn einer nach seiner Entlassung etwa rückfällig wurde, brachte mau ihn schleunigst wieder zu ihm, daß er ihn von neuem behandle. So war er bei Rat und Bürgerschaft gleich wohlgelittcn und trug in seinem Herzen das srohe Gewissen, daß er mehr als Richter unb Henker bet atmen, von Bosheit geschüttelten Menschheit von Nutzen wäre. , Eines Tages aber ging es itjm wunberlich, so baß et in seiner Zuversicht aus bie Stärke der eblen Kunst schier irre werben wollte. Zwei Stabtknechte brachten ihm ben Jochen Kluth, ben er gut kannte, weil er ihn schon mehrmals im Marstall gehabt hatte. , . Als er ihn nun zwischen ben Knechten baherkommen sah, ward et traurig in seinem Gemüt unb sprach: Mein lieber Bruder Jochen, bist du schon wieder da? Ja, Meister, sagte Jochen Kluth und hob ein wenig die Schultern, das soll wohl so sein. Meister Markrabe schüttelte den Kops. Was war es denn diesmal, Jochen? fragte er bekümmert. Diesmal war es ein Faß mit Tran, erwiderte Jochen. Und wo hast dn es gestohlen? , _ ,, , Gestohlen? sagte Jochen Kluth vorwurfsvoll. Gestohlen habe ich es nicht. Bei mit ist das ein eigen Ding. Meine Hände müssen tun, was mem ^Ünd"was sagte dein Kopf, als du daS Faß mit Tran sahst? Er sagte: Das Faß ist bem Saufmann, bas ist wohl richtig. Aber ebenso gut ist es auch mein. Denn — unb hier erhob Jochen Kluth die Stimme — alles ist allen, sagt die Schrift. . Meister Markrabe kannte die Schrift ebensowenig wie Jochen Kluth und konnte ihn daher ebensowenig widerlegen, wie jener die Stelle in der Schrift hätte angeben lünnen, wo das stand, darauf er sich berief. Darum brach der Meister vorerst die Unterhaltung ab, wies bem Jochen fein Wemadj G . . Ulm bie tSanbtrommel hinein, die jener ichon bei feinen früheren Aufenthalten im Marstall gefpielt hatte. Am Abend aber faß er lanye stumm nnf hpr mnn( vor der Tür und zerbrach sich den Kopf, wie es wohl >n Wahr beit um Rochen Kluth stünde unb was man tun könne, um ihn zu bessern. Kiett Mer: man mußte es anders mit ihm anfangen als mit denen, Ne aus Trotz unb Gewalttätigkeit den Gesetzen der Stadt zuwiderhandelten Er war ein sanfter und Begonnener Dieb und bedurfte nicht der mildernden Krait der Musik, die sich an jenen wirksam erwies. Indessen, so dachte der Meister Markrabe weiter, die Kunst hat so viele wunderbare und geheime Stärken daß man noch nicht verzweifeln soll. Vielleicht daß ihre Heilkraft lick dock' an biefer sanften Bosheit bewährt, wie sie es so oft an bet harten unb Übermütigen getan hat. Er soll einstweilen seine Hanbtrommel wieder spielen. Kommt Zeit, kommt Rat. . , So geschah es eine lange Weile, ohne daß f'ch'st 3vchen Kluths Sinn eine Besserung verspüren lieft. So oft vielmehr Meister Markrabe sich mit , ihm in ein Gespräch einlieft, um ihn auf feine innere Verfassung zu prüfen Jochen Kluth blieb bei seinem Satze, daß alles allen sei. Und wenn etwas am Hasen liege, dann fei es fo gut fern wie ftdes andern, der die Hand barauflegen mochte. Darüber kam ein Markttag im spaten Juni heran. Es war ein Tag, wie er selbst in diesem Monat selten ist in Lübeck. Die Sonne lag auf den Backsteinmauern, bafi sie wie von innen heraus erglühten i>, hunhen Rot' durch das offene Tor fah man das leuchtende Grün weit hinaus ins Land den klaren Himmel widerspiegelte. Und als ob die bunte Pracht auch den letzten Menschen aus seiner Hohle hervorgelockt hätte so war ein Treiben das Burgtor herein und hinaus, wie es kaum gewe en war damals, als Kaiser Karl IV. zu Besuch m der Stadt geweilt hatte. Bor dem Torhaus auf der langen Bank saßen Meister Markrabes Pfleglinge unb fpielten, was das Herz hergab und die Instrumente halten wollten. Der Meister felbst in ihrer Mitte, em kurzer dicker Wann, ^1119 mit beiden Händen den Takt auf feinen Knien, und die Zunge lief ißm bot tiefen Wonnen unermüdlich norm Munde hm unb her wie ein Hofhund vor feiner Hütte, wenn bet Herr nach Haufe kommt. So wie es noch letzt, in Holz geschnitzt, über dem Tor zum Marstall zu sehen ist. Jochen Kluth aber spielte bie Hanbtrommel so unvergleichlich, baß alle Welt stehen blieb I Unb ihm zuhörte. Et rührte sie so sein unb lieblich, daß ihr zärtliches Gebrumm ben jungen Mäbchen als ein Zittern burch bie ©hebet lief. Dann wieder schlug er sie so fest und tapfer, baft ben Burschen sich bie Muskeln strafften unb sie trotzig unb kühn umherblickten, ob trgenbloo einer sei, der ihnen nicht alle Ehre antäte in seinem Herzen. Und als er zuletzt die beiden Schlägel m tollem Wirbel übereinander herfallen ließ tote betrunkene Bauern, die sich auf den Heimweg machen, da lachte ringsum das Volk wie besessen und hielt fich die Bäuche vor unbändigem Vergnügen. Jochen Kluth merkte wohl, wie seine Musik alle Welt bezauberte, unb indem er sich dadurch nur immer mehr anspornen lieft, zog eine stolze Freude in sem Herz, daft er so mächtig war und sich alle untertan machte mit seinen Gaben. Als es nun gegen ben Abend ging unb bie Musikanten toieber in ben Marstall einkehrten, weil sich bas Volk verlaufen hatte bie Sp,c er auch mübe waren unb hungrig, ba nahm Meister Markrabe, der alles wohl gesehen hatte, ben Jochen Kluth mit auf feine Stube. Setz dich, faßte er freunblich zu ihm, hebet Stuber Jochen Kluth, ich ^Jochen'setzte ^ich auf bie Ofenbank unb sah ben Meister fröhlich an. Jochen Kluth, Hub bet Meister an, bist du zufrieden mit dir heute? Ja, sagte Jochen aus Herzensgrund. Und warum bist du es? fuhr jener fort. Ja, warum? sagte Jochen nud krähte ha) den 8tops. Ich will birg sagen, sprach beinahe feierlich bet Meister. Alles 'st allen, das ist dein Satz. Heut hast bu ben wahren Sinn davon verspürt. Was du in bemem Herzen hattest an zärtlichen ©ebanten unb an tapferen unb hifti« gen, bas hast bu nicht für bich behalten. Alles ,st allen, hast du bedacht und hast es auf die Strafte geworfen, daß es die Leute aufhöben und trugen es davon als ihr eigenes. Nicht damit ich nehme, was ich sah, ist alle» allen, sondern damit ich gebe, was ich habe. Das hast du heut erfahren. Jochen Kluth fah eine Weile gar stolz barem bei diesen lobenden unb freundlichen Worten des Meisters, und eine helle Freude färbte fein blaffe hageres Gesicht. Dann aber fiel ein bedenkliches Sinnen darüber her, rote wenn dünne graue Wolken über bie klare Sonne gehen, unb zuletzt zog es wie ein klägliches Mitleib mit sich selbst burch seine Züge. Ja, bas ist alles ganz schön, sagte er, unb feine Stimme war ohne Ton, aber zuletzt, ba haben sie mich boch ausgelacht, daß ich so gab und gab, was in mir war. Verachtet haben sie mich im letzten ©tnnbe, weil ich s« bumm war, mich für sie zu schinben auf bet Trommel. Der Meister besann sich ebenfalls ein Weilchen, ehe er werter sprach. Unb als ers tat, geschah es auch mit leiser Stimme. Lieber »ruber Jochen, sagte er, bu kannst wohl recht haben bann . Aber siehst bu, das gehört auch dazu. Wenn man dem Volk sein Hetz gibt, dann schasst das dem Geber nicht nur Freude, sondern auch Weh. Unb ba» soll so (ein. Alles — bas ist Freude unb Leib, Lachen unb Wernen, Stotz und Verachtetsein. Alles aber ist allen, sagt bie Schrift. Warum wolltft' I du nut einen Teil bavon haben? Jochen Kluth saß unb ließ ben Kopf hängen unb nickte. Liebet »ruber Jochen, fuhr bet Meister fort, foll ich einem wohledlen Rat morgen octmelben, baft bu bich gebeffert hast und daft man dich woy auf Treu und Glauben entlaßen könne? . Jochen Kluth hob den Kopf, fah dem Meister tief tn bie Augen uno (Sin Vttarim. Von (Sonrab Ferdinand Meyer ’s ist im Sabinetland ein Kitchenlot — mit wat ein Reifejugenblag erfüllt — ich faß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harfcher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: „2)a sitzt ein Pilgerim und Wandersrnannl Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, unb wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte rief ich barm: „3d) bin ein Pilgerim unb ffianbersmann! Es war am Corner- ober Langenfee, auf schlichter Tiefe trug bas Boot mich hm entgegen meinem ero’gen stillen Schnee mit einer anberen lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus bem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, unb es betrachten!), seufzt' icß leis unb sann: „Du bist ein Pilgerim unb Wanbersmann! Mit Weib unb Kinb an meinem eignen Herb in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert. So ist es gut! So follf es ewig fein ... Jetzt fällt bas Wort mir plötzlich in ben Sinn bet kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, bas nimmer ich vergessen kann: Da sitzt ein Pilgerim unb Wanbersmannl