SiehenerKmilieMWer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den l.März Nummer \T Der Giechtin ORoman von Theodor Fontane 11. Fortsetzung. „Hast ganz recht, Ieserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen ?**; ^nb 'ch ffeue rnich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast. Du hast so was von nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?" „Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer Silber putzen muß." „Ja, Ieserich, das hilft doch nu nid), davon kann ich dich nicht freimachen .. ." „Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin ja auch fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ,man gehört so halb wie mit dazu/ — dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man is doch am Ende auch ein Mensch ..." „Na höre, Ieserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen." „Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is es doch damit..." 12. Kapitel. Waldemar — wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte — verkehrte feit Ausgang des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles rog,r es, was ihn da fesselte, voran die beiden Samen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten, selbst in der äußeren Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert. Es hieß da unterm achtzehnten April: „Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er von dem Haufe gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie scharmant, und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles Charakter ober, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit, Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennengelernt, noch dazu bloß als Bllhnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da sich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem Landvogt so mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard! Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Gras! Wie ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein Rittersdiastsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am .Stechlin' — unfern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem, die Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Ieserich nennen, »der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmo- Iphäre, das Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen — er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus —, und doch kenne ich keinen Menschen, der innerlich so frei wäre, wie gerade mein guter Alter. Zu- ßeben wird er's freilich nie und wird in dem Glauben sterben: .Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe.' Das ist er auch, aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon. Er Hai keine Spur von Teldstsucht. Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf. Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt bann den Unterschied und das Uebergewicht. Er weiß — was sie hierzulande nicht rvijsen oder nicht wissen wollen —, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und mitunter noch ganz andre." * Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von ssllem, was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von HMS und Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach [einem ersten Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie gewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Sorten teilte sich in zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre be- vndern Annexe hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene pittoreske Hof- und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher Herr Imme, residierte, während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedriae Souterrain gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig selbst, dessen Frau sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich nur zeitweilig, und zwar immer nur dann, wenn sie was aller- öings ziemlich häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war Die Wirtin des Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heileres, quickes und sehr anstelliges Dmg war und manches besaß, was die Schickedanz mit ver Ungehörigkeit bes ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte. _ Die schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im Herbst funfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben war, „drei Tage vor Weihnachten" ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in feiner Leichenrede beständig hmgewiefen und die gewollte Wirkung auch richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne bemerkt hatte: „Ja, Hartwig, da liegt doch was drin." Hartwig selber indes, der, im Gegensatz ZU den meisten seines Standes, humoristisch angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung von „drei Tage vor Weihnachten" nicht das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die Bemerkung dafür gehabt: „Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran , — worauf die Frau jedoch geantwortet hatte: „Ja, Hartwig, das sagst du so immer; aber wenn du dran bist, bann re bst bu anbers." Der verstorbene Schickebanz hatte, wie der Tob ihn ankam, ein Leben hinter sich, bas sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die unbedeutende Hälfte halte lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er, als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war, in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah, daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben, und behaupteten: Schickedanz sei nicht bloß - ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur. Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber daß war sicher, daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutschenglische Hageloersicherungsgesellschaft Pluoius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig fein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hieß er nur noch so ganz obenhin „Herr Versicherungssekretär", war aber in Wahrheit über diesen seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits bas schöne Haus am Kronprinzenufer. Er hatte sich bas leisten können, weil er im Laufe ber letzten fünf Jahre zweimal hintereinanber ein Viertel vom großen Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches Verbienst angerechnet unb auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann jeher, bas große Los gewinnen kann nicht jeher. Unb so blieb er benn bei ber Versicherungsgesellschaft lebiglich nur noch als verhätscheltes Zierstück, weil es barnals wie jetzt einen guten Einbruck machte, Personen ber Art im Dienst ober gar als Teilnehmer zu haben. An ber Spitze muß immer ein Fürst stehen. Unb Schickebanz war jetzt Fürst. Alles brängte sich nicht bloß an ihn, säubern seine Stammtischfreunbe, bie zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen hatten, drangen sogar ein Zeitlang ihn ihn, die Lotterielose für sie zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich einen Umschlag schuf und einzelne von „bösem Blick" und sogar ganz unfinnigerweife von Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es für klug, ihr Uebelwollen zurückzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, ber jedem, wenn er wollte, Deckung unb Stütze geben konnte. Ja, Schickebanz' Glück und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem Jubiläumstage. Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Drben tarn nicht, was denn auch von einigen Schickebanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt würbe. Besonbers schmerzlich empfanb es bie Frau. „Gott, er hat doch immer so treu gewählt", sagte sie. Sie kam aber nicht in bie Lage, sich in biesen Schmerz einzuleben, da schon bie nächsten Zeiten bestimmt waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war bas Jubiläum gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf bem Notizenzettel, ben man barnals bem Kandidaten zugestellt hatte, hatte dieser dreimal wiederkehrende „einundzwan- zigste" gefehlt, was alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil, entgegengesetztenfalls die „drei Tage vor Weihnackten" entweder gar nicht aManbe gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung abgeschwächt worden waren. Schickedanz war bet voller Besinnung gestorben. Er ruf, kurz vor seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: „Riekchen, sei ruhig. Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht gemacht. Es gibt doch bloß immer Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt em Briefbogen, drauf hab ich alles Nötige geschrieben. Diel wichtiger ist mir das mit dem Haus. Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ,Da wohnt Frau Schickedanz/ Hausname, Straßenname, das jft überhaupt das Beste. Straßenname dauert noch länger als Denkmal." „Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an. Ich will es ja alles heilig halten, schon aus Liebe ..." „Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum bitte ich dich, vergiß nie, daß es meine Puppe war. Du darfst bloß vornehme Leute nehmen; reiche Leute, die bloß reich sind, nimm nicht; die quengeln bloß und schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran. Ueberhaupt, wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. Und der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt wird, soll er hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf freu ich mich fchon. Und auf dem Jnvaüdenkirchhof will ich begraben sein, wenn es irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind, trotzdem Luchterhand immer sagte: ,Richt so nah ran/ Sei steund- lich gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist ein bißchen zu sparsam) und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen. Denn treu warst du, das sagt mir eine innere Stimme." Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, die leer stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt, trotzdem sich viele Herrschaften meldeten. Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung, die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt hatte. Herbst fünfundachtzig kamen dann die Barbys. Die kleine Frau sah gleich: „ja, das sind die, die mein Seliger gemeint hat." Und sie hatte wirklich richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem verflossen waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten gekommen, mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber auch kaum mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoß und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden, — Hartwig war einfach der alter ego, der mit Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte. Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie „viel" war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden war) eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde. Riekchen empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als „Macht gegen Macht". Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung hat, noch überhaupt haben will. Der autochthone „Kellerwurm", wenn er fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht, bildet — auch wenn er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist, — eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernsthaft, jenen Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt regieren. So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in der Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später für ein Weihzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn sie rückblickte, wie ein Märchen vor, J>rin sie die Rolle der Prinzessin spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber stark, mit einem Hochgefühl,das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies sich, fnmeit ihre historische Kenntnis das zuließ, einen ganz bestimmten Platz an: Fürst Dolgoruki, Herzog von Devonshire, Schickedanz. Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr zum Kult. Die Vormittagsstunden jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank an, drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen: ein großer Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein Album mit photographischen Ausnahmen aller Sekenswürdigkeiten von Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, mehrere Lieder in Prachtdruck, (darunter ein Kegelklublied mit dem Resrain „alle Neune"), Riesensträuße von Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee herrührend, in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis vor Paris gebracht hatte Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzfäule, stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte. Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen Ueberzügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war Überhaupt, feit das Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines Reinemachen, auch bei Wind und Kälte. Dies war immer ein Tag größter Aufregung, weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgeftoßen wurde. Das blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, die sich einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem Punkte schaffte. Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und Riekchen war um so glücklicher darüber, als Hartwigs Nichte, wenn sie mal wieder den Dienst gekündigt hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und mit immer neuen und oft sehr intritaten Geschichten ins Feld zu rücken wußte. Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause zufrieden zu fein. Nur eines störte, das war, daß jeden Mittwoch und Sonnabend hie Teppiche geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde, wo der alte &r«f leine Nachmittags ruhe halten wollte.. Das verdroß ihn eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis kam: „Eigentlich bm ich doch selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die Hinter- tube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier ich wieder and denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch noch mal versuchen." Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu haben, er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange er darin wohnte, war es ihm gut ergangen, nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und das sagte er sich jeden neuen Tag. Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne durchschnittsmäßig verlausen, ganz so wie das Leben eines preußischen „Magnaten" (worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es gibt doch auch andre) zu verlaufen pflegt. Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten war der Gras aus einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Guter geboren worden. Auf eben diesem Gute — das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten Administration unterstand — vergingen ihm die Kinder- jähre' mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie, mit achtzehn in das Regiment Gardeducorps, drin die Barbys standen, solang es ein Regiment Gardeducorps gab. Mit dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Auf einem in der Nahe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen, ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta der ihn alsbald auf feine Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nahe lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an. Hier blieb er langer als erwartet, und als er das schön gelegene Bergschloh wieder verlieh, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war eine große Neigung, was sie zusammenfllhrte. Die junge Freiin drang alsbald m ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, feine gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließ. Noch im selben Jahre ging er nach London, erst als Attache, wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit Er hing sehr an London. Das englische Leben, an dem er manches, vor allem die geschraubte Kirchlichkeit, beanstandete, war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die aroet Töchter, — beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner Tage geboren — teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben. Aber ein harter Schlag warf alles um, was der Graf geplant: die Frau starb plötzlich, und der Aufenthalt an der ihm so lieb» gewordenen Stätte war ihm vergällt. Er nahm in der ersten Halste der achtziger Jahre feine Demission, ging zunächst auf die Plantaschen Guter nach Graubünden und dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft, die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles tat ihm hier wohl, und er fühlte, daß er genas, soweit er wieder genesen konnte. Glückliche Tage brachen für ihn an, und fein Glück schien sich noch steigern zu sollen, als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus, und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, feit einem Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen halt» Sich auf das eine ober andere seiner Elbgüter zu begeben, wider- stand ihm auch jetzt noch, und so tarn es, daß er sich für Berlin ent« chied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich, einem Hause, seinen Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von Freunden, Darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren, versammelte sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise Hof- Prediger Frommei, Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten. An Wolde- mar hatte man sich rasch attadjiert, und die freundlichen Gefühle, denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete, wurden von allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs interessierten sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der Portierloge vorüder- kam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen und sagte: „So einen, — ja, das lass' ich mir gefallen." 13. Kapitel. Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen, seinen Besuch recht bald zu wiederholen. Ader was war „recht bald"? Er rechnete hin und her und sand, daß der dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war „recht bald" und doch auch wieder nicht zu früh. Und so ging er denn, als der Abend dieses dritten Tages da war, auf die Hallefche Brücke zu, wartete hier die Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber, bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein Paket Kneippfchen Malzkaffee zu präsentieren. An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen. (Forffetzung folgt.) Gturmnacht. Von Theodor Storm. Im Hinterhaus, im Fliesensaal, lieber Großmutters Tisch und Bänke, lieber die alten Schatullen und Schränke Wandert der zitternde Mondenstrahl. Vom Walde kommt der Wind Und fährt an die Scheiben, Und geschwind, geschwind Schwatzt er ein Wort, Und dann wieder fort Zum Wald über Föhren und Eiben. Da wird auch das alte verzauberte Holz Da drinnen lebendig; Wie sonst im Walde will es stolz Die Kronen schütteln unbändig, Mit den Aesten greifen hinaus in die Nacht, Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd, Mit den Blättern im Uebermut rauschen. Beim Tanz im Flug Durch Wolkenzug Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen. Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken, Den Rokokofuh will das Kanapee strecken. In der Kommode die Schubfächer drängen Und wollen die rostigen Schlösser sprengen; Der Eichschrank unter dem kleinen Troß Steht da, ein finsterer Koloß. Traumhaft regt er die Klauen an, Ihm zuckt's in der verlorenen Krone, Doch bricht er nicht den schweren Bann. Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne Und fährt an die Laden und rüttelt mit Macht, Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht, Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster, Klitschend gegen die rasselnden Fenster. Die glupen dumm-neugierig hinein — Da drin steht voll der Mondenschein. Aber droben im Haus, Im behaglichen Zimmer, Beim Sturmgebraus Saßen und schwatzten die Alten noch immer. Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang, Wie ein Klang war erwacht, Aus der lautlosen Nacht, Der schollernd drang lieber Trepp' und Gang, Daß drin in der Kammer die Kinder mit Schrecken Ausfuhren und schlüpften unter die Decken. Schnepfenstnch. Von Dr. Ludwig Roth. Der März, der Lenzing, ist für den Jäger der Schnepsenmond. In Ihm bewahrheitet sich immer wieder der alte Jägerspruch: „Aus fremden Landen her Kommen sie übers Meer, Kommen seit Ewigkeit Zur rechten Zeit." Diese rechte Zeit ist etwa der 8. März. Drei Jahrzehnte hindurch habe ich in dem schönen Revier, in welchem mein Vater schon zwanzig Jahre gejagt hatte, den Schnepfenstrich ausgeübt: an der Nordfeite des Taunus, lieber den Verlauf des Schnepfenstrichs habe ich stets genaue Aufzeichnungen gemacht und als Ergebnis festgestellt, daß die langgeschnäbelten Frühlingsboten etwa am 8. März bei uns eintreffen. Meist drei Tage nach der Ankunft ist der Strich besonders lebhaft, was sich aber nur auf ein oder zwei Abende erstreckt. Dann flaut die Sache ab, der Strich wird zu einem gewöhnlichen Durchgänge. „Der Vogel mit dem langen Gesicht" zeigt sich dann nur hin und wieder und wird auch nur hin und wieder erlegt. Etwa vierzehn Tage nach dem Eintreffen der „Ersten" wird der Strich recht lebhaft, meist ist das um den 22. März der Fall. Diese beste Strichzeit in meiner nassauischen Heimat dauert etwa drei Tage, dann wird es merklich ruhiger. Nach etwa sechs Tagen kommt dann nochmals ein größerer Nachtrupp, und etwa am 31. März ist der Strich zu Ende. lieber den Beginn des Schnepfenstrichs liegen auch Aufzeichnungen vor, die dreißig Jahre lang von 1856 bis 1886 von Dr. Julius Hoffmann in Stuttgart und gleichzeitig von Dr. Q u istorp in Greifswald niedergeschrieben worden sind. Die Durchschnittsrechnung aus diesen dreißig Jahrgängen hat für Stuttgart als mittlere Ankunftszeit den 8. März, für'Greifswald den 12. März angegeben. Häufig trifft das bekannte Berschen Okuli, da kommen sie, Lätare, das ist das Wahre, Judika sind sie auch noch da, Palmarum, Tralarum zu. Aber nicht immer! Das hängt von der Beweglichkeit des Oster- fcftßs ab. Einstmals war der Schnepfenstrich viel besser als heute. Was muß das einst an milden Märzabenden ein „Gequorre" und „Puitzen balzender Schnepfen am Taunus gewesen sein! Scheinbar war in der Gegend der Saalburg und in den Revieren um Homburg v. d. HR>e einst das reine „Schnepfenparadies"". Wer von den Bürgern Homburgs v. d. H. einhundert Schnepfen auf dem Frllhjahrsftrich schoß, war abgabenfrei. Heute ist das eine phantastische Zahl; die Waldschnepfe hat derart abgenommen, daß viele weidgerechte Jäger und Naturfreunde sogar dafür eingetreten sind, die Waldschnepfe im Frühjahr ganz zu schonen, also weder beim Strich noch beim Buschieren mit dem Vorstehhund zu schießen, sondern nur im Herbst die Jagd auf den Vogel „mit dem langen Gesicht" auszuüben. Die „Königin der Niederjagd" kündet chre bevorstehende Ankunft durch „Herolde" und „Vorläufer" an. So pflegt z. B. die weiße Bachstelze bei uns acht bis zehn Tage vor der Waldschnepfe einzutreffen. Ein untrügliches Kennzeichen, daß die Ankunft der Waldschnepfe bevorsteht, ist das Eintreffen der Singdrossel. Sie kommt einzeln gewöhnlich vier bis sechs Tage vor der Waldschnepfe an und zur Zeit, wo der Schnepfenflug seinen Anfang nimmt, ist gewöhnlich des Morgens und namentlich des Abends schon ein vielstimmiges Singdrosselkonzert im Walde zu hören. Der Seidelbast steht nun in warmen Waldungen schon in voller Blüte. Das Hausrotschwänzchen kommt in vielen Jahren gleichzeitig mit der Waldschnepfe oder nur wenige Tage später als die letzteren, an und man kann mit großer Sicherheit behaupten, daß die ersten Schnepfen angekommen sein müssen, wenn man die ersten Hausrotschwänzchen gesehen hat. Auch das Ende des Schnepfenstrichs künden einige Vorboten an: namentlich der kleine Girlitz und der Gartenrotschwanz. Der „kleine Girlitz" trifft gewöhnlich in den letzten Tagen des März oder in den ersten Tagen des April ein. Wenige Tage nachher fangen in Durchschnittsjahren die Gebüsche zu grünen an und wenn der melodische Schlag des Schwarzplättchens aus dem Garten erschallt und das eintönige Lied des Wendehalses in den Baumgärten vernommen wird, wenn der Weißdorn „pfenniggroße" Blättchen getrieben hat und die sonnigen Wiesenhänge mit den goldstrahlenden Blüten der Kuhblume (Taraxacum offi- cinale) besät sind, dann ist der Schnepfenstrich gewöhnlich zu Ende. Durchschnittlich beginnt der Abendstrich der Waldschnevfe nicht mit der ersten Dämmerung, sondern etwas später, in Süddeutschland in der ersten Hälfte des Mörz etwa zwischen 6% bis 7 Uhr. Vei bedecktem Himmel beginnt der Strich gewöhnlich etwas früher als bei hellem Himmel. Ausnahmsweise, besonders bei düsterer Regenstimmung, kommt es auch vor, daß einzelne Schnepfen vor dem Beginn der Dämmerung ihren Balzflug beginnen. Namentlich wurde schon oft beobachtet, daß Schnepfen, welche gegen Abend rege gemacht wurden, sofort in den Balzflug übergingin, wenngleich die normale Zeit hierfür noch nicht eingetreten war. Interessant war es mir einmal in nächster Nähe zu beobachten, wie sich eine Schnepfe zum Balzflug erhob. Ich hatte meinen Stand vor einer dichten Fichtenkultur eingenommen und war etwas früh am Platze. Wohl zehn Minuten stand ich dort still, als ich plötzlich, etwa zehn Schritte entfernt, eine Schnepfe geräuschvoll aufstehen hörte, welche auch sofort, etwa zwei Meter über dem Boden, ihr „Quog — psiep, Quog — psiep" hören ließ. Amseln, Drosseln und Rotkehlchen haben gewöhnlich schon ihre frischen Frühlingslieder angestimmt und sich zu lebhaftem Chor vereinigt, bevor der quarrende Baßton der streichenden Schnepfe hinzukommt. Das erste Flimmern des Abendsterns „des Sirius" — des „Schnepfensterns" — wie er auch dann und wann genannt wird, kann als Wahrzeichen gelten, daß nun der Zeitpunkt, wo die Schnepfen sich zum Balzflug erheben, K* immen ist. An trüben Abenden stellten die Singvögel ihr Lied oft zeitig ein, weit früher, als die Schnepfe zu streichen aufhört; an warmen, köstlichen Frühlingsabenden aber fingen einzelne Drosseln so lange in die herabsinkende Nacht hinein, daß ihre letzten abgebrochenen und träumerisch erlöschenden Strophen auch dem bis zuletzt ausharrendem Jäger zurufen: Frieden für heute, geh zur Ruh'. Noch einige Winke für die junge Jägerschaftl Lebhafter Vogelgesang und milde Luft, das summende Geräusch schwärmender Rostkäfer und der Anblick zahlreicher Dämmerungsfalter (Eulen und Spanners sind gute Anzeichen für den Strich. Herrscht dagegen winterliche Stille im Wald, sieht man den eigenen Hauch als leichten Nebel vor sich und erstarren gar die Hände infolge der abendlichen Kühle, dann sind die Aussichten bedeutend ungünstiger, wenn auch noch lange nicht hoffnungslos — vorausgesetzt nämlich, daß überhaupt Schnepfen in der Gegend liegen. Am 28. März 1899 habe ich bei Schneegestöber sogar eine „Doublette" auf Schnepfen gemacht, am anderen Tage hatten wir allerdings Südwestwind, warmes Wetter und bedeckten Himmel. Aber immerhin hatten die beiden Langschnäbel ihren Balzflug im Schneegestöber angetreten. Für zwecklos halte ich es, bis zur völligen Dunkelheit auf dem Stande stehen zu bleiben. Ist die Dämmerung so weit vorgeschritten, daß die feinen Zweigspitzen der Bäume auf zwanzig Schritte Entfernung von einem scharfen Auge nicht mehr klar zu unterscheiden sind, bann ist auch eine etwa vorüberstreichende Schnepfe nicht mehr deutlich genug zu erkennen, um einen Schuß anzubringen, der einige Anwartschaft auf Erfolg hat. Nur heller Mondschein verlängert die Aussicht, auch in später Dämmerung noch einen glücklichen Schuß zu tun. Eine wichtige Rolle bei der Ausübung des Schnepfensttichs spielt die Wahl des Standes. Vor allem sind es junge Schläge und Stangenhölzer, über welche die streichenden Schnepfen gerne hinziehen; auch Waldwiesen, Kreuzpunkte breiter Waldwege, ja selbst Waldränder bieten hier und da günstige Anstandsplätze. Ich Hobe beinahe vierzig Jahre einen lichten Platz oberhalb einer Waldwiese, hinter mir alte, hohe Eichen, beim Schnepfenstrich innegehabt. Meist tarnen die Schnepfen aus dem Wiesengrund in Richtung des hohen Eichenwaldes gestrichen, oder sie strichen den Rand des Eichwaldes entlang. Das lag daran, daß der Holzbestand in der nächsten Umgebung dieses Platzes sich nicht grundlegend änderte. Ueberhaupt bleibt der Platz, welchen die streichenden Waldschnepfen erfahrungsgemäß mit Vorliebe passieren, häufig viele Jahre hindurch gleichgünstig für den Anstand. Aber mit einem Male hört bisweilen ein solcher Platz auf, von den streichenden Waldschnepfen bevorzugt zu werden; dabei wird nicht immer der Nachweis der hierbei wirkenden ' Ursache mit Sicherheit geliefert werden können. Btrcmberung der Holzbestände In größerer oder geringerer Nahe mag dabei eine Hauptrolle spielen, häufig genug aber bleibt dieses Nachlassen eines früher sehr günstigen Anstandsplatzes ein unlösbares Rätsel. Hat man einen bestimmten Stand als gut erkannt, so wird man wohl daran tun, denselben dauernd ruhig beizubehalten und sich durch das schlechte Ergebnis von einem oder zwei Abenden nicht irre machen zu lassen. Es gibt Jäger, die an jedem Abend einen besseren Stand zu finden hoffen und bei diesem beständigen Suchen und Wechseln nur selten zu Schuß kommen. — Der „Waldschnäpff" ist ein geheimnisvoller Vogel, der auf alle Naturfreunde und Jäger eine große Anziehungskraft ausübt. Möge die Freude an den schönen Vorfrühlingsabenden manchen Naturfreund veranlassen, mit einem befreundeten Weidmann zusammen die Geheimnisse des Vogelzuges zu beobachten und zu erforschen. Weidmannsheil! Mit allen Ehren. Von Otto Anthes. Es war im April 1798, daß die Franzosen, zum vierten Male in den Kriegsläufen des Jahrzehnts, sich zur Belagerung der Feste Ehrenbreitstein anfchickten. Da sie aber vorerst noch nicht das nötige Geschütz zur Stelle hatten, so sah der Kommandant der Festung, der kurtrierische Obrist Faber, keinen Grund, weshalb er nicht seinen Namenstag festlich begehen sollte, wenn auch nur im kleinsten Kreise. Diesen Kreis bildete mit ihm sein Neffe Adelbert, ein blutjunger Bursch von achtzehn Jahren, der als Fähnrich unter ihm diente, und den er nicht hatte ausschließen können, weil er um den Namenstag wußte: und leine vertraute Freundin, eine junge adelige Witwe aus dem „Thal", *roie das Dorf Ehrenbreitstem zum Unterschied von der hohen Feste kurzweg genannt wurde. Der Obrist wäre längst mit dieser Freundin verheiratet gewesen, wenn ihr nicht ein Hausgesetz für den Fall der Vermählung an einen Bürgerlichen mit dem Verlust ihres Vermögens gedroht hätte. Und zu solchem Verzicht konnte sie sich nicht entschließen, lebenslustig und vergnügungssüchtig wie sie war. Der Obrist aber war ihr dessenungeachtet mit der ungeminderten Glut seines alten tapferen Herzens ergeben und hätte sein Fest nicht ohne sie feiern mögen. Und sie, ein wendiges und verwegenes Frauenzimmer, hatte auch den Weg auf die Festung hinauf gefunden trotz der Belagerung, die allerdings auf der Rheinfeits noch keinen allzu engen Ring hatte schließen können. So saß das seltsame Dreiblatt in der Wohnung des Kommandanten nah beisammen und war bei gutem Wein bald nur um so fröhlicher, als die Zukunft dunkel und Ungewiß war. Ein alter und ein junger Soldat um ein schönes und zuversichtliches Weibswesen — es konnte nicht ausbleiben, daß die Stimmung und der Ton immer kecker und freier wurde. Und auch das war nicht verwunderlich, daß der Fähnrich bald dasselbe Feuer fing, das der Obrist schon längst gefangen hatte. Immerhin hatte er soviel Rücksicht für den Onkel, daß er seine Bewerbungen heimlich anbrachte. Der schönen Sophie machte das einen unbändigen Spaß, und sie tat nichts, um den vielversprechenden Anfänger der Liebe abzu- fchrecken. Aber sobald sie den Obristen ein paar Minuten für sich allein hatte, erzählte sie ihm unter Lachen alles, was sich inzwischen begeben hatte. Der Obrist lachte ebenfalls, gutmütig und auch ein wenig geschmeichelt, daß seine Liebste bei der grünsten Jugend noch Eindruck machte, und war weit davon entfernt, ihr etwa größere Zurückhaltung anzubefeblen. So ging das Spiel weiter, und als der Obrist seinerseits ein wenig hinausgegangen war, fiel der Neffe, kühn und toll gemacht durch seine vermeintlichen Erfolge und im Sturm des Weins, der Sophie zu Füßen und beschwor sie, ihm an einem der nächsten Tage eine Liebesstunde zu schenken. Die Sophie hatte Mühe, sich das Schreien zu verbeißen, das sie innerlich schüttelte; aber sie war ausgelassen genug, dem feurigen Bestürmer ihrer Tugend eine Zusage zu erteilen, mit Tag und Stunde, die sie ihm schenken wolle. Zuletzt, als ihm des Getändels denn doch zuviel wurde, verabschiedete der Obrist den Neffen, der auch im Taumel seines Glücks keine Einwendungen machte, sondern wie ein Sieger davonging. Und wiederum gab die Sophie, als er fort war, dem alten Anbeter das ganze Geheimnis des jungen preis. Es kam nicht dazu, daß der Fähnrich bei feinem Versuch, den Onkel zu betrügen, die Erfahrung hätte machen müssen, wie sehr er zum Narren gehalten war. Denn am Tag nach dem Fest des Obristen schon rückten die Franzosen mit ihrem schweren Geschütz von Montabaur über den Westerwald heran, brachten ihre Kanonen in Stellung und begannen die Festung zu beschießen. Und damit verbot sich für die Festungsinsassen jede Unternehmung außer den kriegerischen von selbst. — * Nun war der Ehrenbreitstein vom Rhein her so gut wie uneinnehmbar, zumal er auch vom jenseitigen Ufer aus mit den damaligen Geschützen nicht wirksam zu beschießen war. Die schwache Stelle war auf der Landseite, wo die Berge des Westerwalds sich allmählich zur Höhe des Felsens emporschoben, auf dem die Festung lag. Diese Sachlage war den Franzosen wohlbekannt und wurde von ihnen weidlich ausgenützt. Ein Äilßmwerk, das notdürftig und in Eile an diesem verwundbaren Punkt angelegt war, mußte denn auch bald von der Besatzung ausgegeben werden. Dahinter bestand der hauptsächlichste Schutz der Festung in einer hohen Schildmauer mit einem kurzen dicken Turm. Aber auch die Mauer widerstand nicht lange den französischen Kanonen, und die Lage der Eingeschlossenen wäre überaus bedenklich geworden, wenn nicht der Turm gewesen wäre. Der trotzte mit seinen ungeheuer dicken und eisenfesten Wänden allen Kugeln, und in ihm sammelten sich daher die Kräs^ der Verteidigung. In tiefen, in den Felsen gehauenen Kellern wartete die Mannschaft das Ende des Gefchützfeuers ab, dann eilte sie in die Stockwerke des Turms hinauf und besetzte die Schießscharten, um den nun zu envartenden Sturm des feindlichen Fußvolks abzuwehren. Der Obrist, selbst ein Gewehr in der Hand, war mitten unter ihnen, fein Neffe, der Fähnrich an seiner Seite. Nun lagen sie beide in der nach außen auf einen schmalen Spalt hin abgeschrägten Nische, im Schutt des Mörtels und der Steine, die unter der Erschütterung durch die französischen Kugeln von Decke und Wänden fielen, und lauerten auf die Ankunft der Stürmenden. „Du! Adalbert!" sagte der Obrist da plötzlich, „was meinst du, wenn jetzt einer von unseren Kerlen, vielleicht bloß weil ihm die bunten Uniformen der Franzosen so gut gefielen, uns von hinten her erledigte?" „Onkel!" schrak der Fähnrich zusammen. „Hältst du es für möglich, daß sich solch ein Verräter unter unseren Leuten fände?" Der Obrist zuckte die Achseln. „Kein Mensch weiß, was die andern hinter seinem Rücken treiben." Hier wurde das Gespräch jäh unterbrochen. Denn aus den Deckungen des Vorgeländes tauchten die Franzosen auf und setzten zum Sturmlauf an. Unter solchen Umständen hatten die Flinten allein das Wort, und sie führten es so kräftig, daß der Feind bald ablassen und unter schweren Verlusten in seine Stellung zurückgehen mußte. Ein paar Tage herrschte Ruhe auf und um den Ehrenbreitstein. Nur der Fähnrich hatte keine. Sobald er die Erregung des Kampfes überwunden hatte — er war zum ersten Mal im Feuer gewesen — kam ihm das seltsame Wort des Onkels wieder in den Sinn und verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl. Obwohl er noch nicht im Ernst daran dachte, daß jener von den Quersprüngen des Namenstags etwas wisse. Dann Hub eines Morgens das Kanonengebrüll von neuem an. Als sie tief drunten in ihrem Felsengewölb saßen, der Onkel und der Neffe, sagte der Onkel, wie damals ohne den Neffen anzusehen: „Ein merkwürdiges Gefühl, hier unten zu sitzen. Man denkt, man ist in vollkommener Sicherheit. Und derweil kann es über uns den Turm in Trümmer schmeißen, und wir sind verratzt. Der stärkste Turm und der nächste Mensch — man kann keinem trauen." Der Fähnrich hatte solche Reden von dem Onkel früher niemals gehört, und darum war es ihm nun klar, daß eine sichere Absicht dabei vorlag. Und was für eine, darüber konnte er sich kaum mehr täuschen. Die grimmige Scham aber, die ihn davon überkam, stachelte ihn wie ein böses Tier, das hinter ihm war, in den Kampf hinein. Kaum daß das Geschütz der Franzosen verstummt war, raste er wie ein Besessener die schmalen Steinstufen hinauf, fiel, raffte sich auf und war der erste an der Schießscharte, wo es ihm glückte, mit dem ersten Schuß den Anführer des feindlichen Sturmtrupps, der feinen Leuten zehn Schritt vorauflief, niederzustrecken und damit die Kraft des Angriffs von vornherein zu lähmen. Eine Viertelstunde später war kein Franzose im Vorfeld mehr zu sehen. Der Obrist sagte kein Wort des Lobes zu dem Jungen, sah ihn nur mit einem langen Blick an und nickte dazu. — Wieder verging eine Zeit, in der die Franzosen keinen neuen Angriff wagten. Statt dessen schoben sie sich mit ihren Deckwerken immer näher an die Festung heran. Zumal das eroberte Außenwerk bauten sie so schon und sicher aus, daß der Obrist eines Tages sagte: „Jetzt ist es richtig so, daß wir es gebrauchen könnten." Und forderte Freiwillige vor, die sich beim Unternehmen widmen wollten. Wieder war der Fähnrich der erste, der sich meldete. — „Gut, Adelbert", sagte der Obrist. „Du wirst den Stoßtrupp führen. Aber paß auf: als ob du einem die Liebste wegnehmen wolltest, so mußt du das machen. Schnell, frech und ohne Bedenken. Hast du verstanden?" „Sehr wohl, Herr Obrist", entgegnete der Fähnrich in dienstlicher Haltung und wurde blaß bis in die Ohrläppchen. Das Werk wurde durch windschnelle Ueberraschung genommen, die Franzosen, die darin saßen, entweder niedergemacht ober gefangen und die ganze Kampfeinrichtung schleunigst nach der anderen Seite umgekehrt. Den Fähnrich brachten einige Leute schwer verwundet in die Festung zurück. Als der Obrist ihn auf seinem Fieberlager besuchte, drückte er ihm die Hand und sagte: „Gut hast du das gemacht, mein Sahn. Und daß du dabei Pech gehabt hast — ja, darauf muß man gefaßt sein." — „Onkel!" stammelte der Verwundete und sah ihn um Verzeihung flehend an. „Schon gut, mein Junge", sagte der Obrist. „Wir wissen nun Bescheid voneinander. Und wenn du wieder in Ordnung bist, ist altes in Ordnung." Der Fähnrich wurde auch wieder leidlich gesund, ehe das Ende kam, wenn er auch den Arm noch in der Binde trug. Die Franzosen nämlich, da sie die Unmöglichkeit einer Erstürmung einsahen, beschränkten sich darauf, die Festung aufs engste einzuschließen, um sie auszuhungern. Und nach drei Vierteljahren war es so weit: der letzte Gaul war geschlachtet und aufgezehrt, das letzte Brot gegessen, obgleich zuletzt der Mann nur ein Mundvoll am Tage bekommen hatte — da ließ sich der Obrist auf Unterhandlungen ein. Die Franzosen, der langwierigen Belagerung müde, griffen bereitwilligst zu und waren auch einverstanden, als der Obrist freien Abzug mit allen Ehren forderte. Nur das klingende Spiel wollten sie ihm zunächst nicht zugestehen. Aber er bestand daraus mit solcher Festigkeit, daß sie schließlich nachgaben. So zog die tapfere Besatzung am 27. Januar 1799 mit Sack und Pack, mit Flinte und Seitengewehr, mit flatternder Fahne und klingendem Spiel aus der Festung den Berg herab und durch das „Tal". Die Einwohner säumten den Weg und hielten alle Fenster besetzt. Auch die schöne Sophie schaute zu ihrer Wohnung heraus. Als er sie erblickte, drehte sich der Obrist nach dem Fähnrich um, der als fein Adjutant zwei Schritte seitlich hinter ihm marschierte, den Arm in der Binde, und schrie ihm durch den Lärm der Musik hindurch zu: „Siehst du, Adelbert, es kommt alles darauf an, wenn man schon abziehen muß, daß man mit allen Ehren abzieht. Das haben wir nun geschafft, wir zwei." Dann grüßte er mit dem Degen nach hem Fenster hinauf. Und die schöne Sophie streute Blumen von oben herab, auf beide. — Beran «wörtlich: Dr. AanS Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindr uckerei. R. Lange, Gießen.