SiehenerZaimIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1957 Montag, den l.Zebruar Nummer 9 Der SieO -in Vornan von Theodor Fontane 3. Fortsetzung. Das zweite Paar, bas sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren Waldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen Leidende, fand es überall zu heiß und wies, als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende Tür. „Es ist ein so schöner Abend, Herr von Stechlin; könnten wir nicht auf die Veranda hinaustreten? „Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns abfen- tleren, wollen wir auch alles Gute gleich mitnehmen. Enaelke, bring uns die kleine Kiste, du weiht schon/' „Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlagt nieder, besser als Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar daran gewöhnen müssen, und spricht höchstens mal von .paffen' (na, das is nicht anders, dafür is man eben verheiratet), aber in einem fremden Haufe, da fangen denn doch die Rücksichten an. Unser guter alter Kortlchädel sprach auch immer von .Dehors'." Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die Veranda hinausgetreten, bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen auf den kleinen Wasserstrahl, der auf dem Rundcll aufsprang. „Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe", fuhr Gundermann fort, „muß ich wieder an unfern guten alten Kortschüdel denken. Is nu auch hinüber. Na, jeder muß mal, und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat, der hat ihn. Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die Knochen. Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und hat mit seiner Schwatzerei dem Staate kein Geld gekostet; aber er wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe Sachen von ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, solchen kriegen wir nicht wieder ..." „Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum nicht ein Mann wie Sie ..." „Geht nicht." „Warum nicht?" „Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich zurückstehen. Ich bin hier ein Neuling. Und die Stechlins waren hier schon ..." „Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was das Kandidieren meines Vaters angeht — ich denke mir, es ist noch nicht so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, und jedenfalls wird er schwanken. Aber nehmen wir mal an, es sei, wie Sie vermuten. In diesem Falle träfe doch gerade das zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt habe. Mein Pater ist in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse Kortschädels, und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren? Die Lage bleibt dieselbe." „Nein, Herr von Stechlin." „Nun, was ändert sich?" „Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich, und Ihr Herr Vater läßt mit sich reden ..." „Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so wäre, so wäre es doch ein Glück ..." „Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt, ist nicht stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und Schwäche (die destruktiven Elemente haben dafür eine feine Fühlung), Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie." Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan. In der einen Fensternische, so daß sie den Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten, saßen Lorenzen und Frau von Gundermann. Die Gundermann war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, die sie war, reden können. „Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal Gelegenheit finde. Gott wer Kinder hat, der hat auch immer Sorgen. Ich möchte wegen meines Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines Arthur. Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun jetzt eingesegnet, und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus roie’n Plakat. Und diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt, und da mahnt es ihn immer." „Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts zu sagen." „Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat ja doch was Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn er hat zwei Tage dran gesessen. Ader wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gehöhnt er sich dran. Und dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da. Gott, daß man gerade immer über solche Dinge reden muß; noch keine Stunde, daß ich mit dem Herrn Hauptmann über unfern Volontär Vehmeyer gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder mit Ihnen, Herr Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht anders. Und dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele." Lorenzen lächelte. „Gewiß, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?" „Ach es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine recfjt ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unferm Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein hübsches Balg, rotbraun unb ganz kraus, und Brandt wollte, sie solle bei uns angelernt werden. Nun, wir sind kein großes Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und rumpräsentieren, und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt sie am Ende doch." „Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut; die wurde jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie Sie sagen, ein allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt, ein bißchen zu sehr. Sie will zu Ostern nach Berlin." „Wenn sie nur erst da märe. Mir tut es beinahe schon leid, baß ich ihr nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer." „Ist denn was vorgefallen?" „Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst sechzehn und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; der hat sich auch erst rausgemausert, feit er grau geworden. Was beiläufig auch nicht gut ist. Und da komme ich nun gestern vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen, daß er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob Krammetsvögel da sind, und die Tür steht halb auf, was nach das beste war, und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze raussteckt; so was van spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung. Und als ich nu dazwischentrete, da kriegt ja nu der arme Junge das Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte, ging ich bloß hin und klappte den Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand, und sah ihn scharf an. Und da wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte." „Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist jo; Jugend hak keine Tugend." „Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen ..." „Ja, Damen ..." Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd in Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte, hatte sich Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit einem Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt aufgeklapptem Likörkaften, aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern herausnahm. „Jetzt, wenn man von Tisch kommt, muß es immer ein Kognak sein. Aber ich bekenne Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode nicht mit; wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs Süße. Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damen- schnaps, davon kann keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, Cura?ao, das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch empfehlen." „Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer, und bann bekenne ich Ihnen offen, Herr Major .. Sie kennen ja unsere Verhältnisse, fo’n bißchen Gold heimelt einen immer an. Man hat feins unb dabei doch zugleich die Vorstellung, daß man es trinken kann — es hat eigentlich was Großartiges." Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für Czako, bann für sich selbst, und sagte: „Bei Tische hab ich die Damen (eben lassen und Frau von Gundermann im speziellen. Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen's. Diese Rattengeschichte .." „Vielleicht war es ein bißchen zu viel." „I, keineswegs. Unb bann, Sie waren ja ganz unschulbig, bie Gnäb'ge fing ja baoon an; erinnern Sie sich, sie verliebte sich ordent- lich in die Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und wie sie draus rumgetrampelt, bis bie Ratten rauskamen Ich glaube sogar, sie sagte .Biester'. Aber bas schabet nicht. Das ist so Berliner Stil. Unb urckre Gnäb'ge hier (beiläufig eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin." „Ein Wort, bas mich doch einigermaßen überrascht." all VsrgMyrn MtzerspannHMii MMch kritisch ftarj. Der a«e Dubslav nnhm indessen non alledem nichts wahr und fuhr fort. „Und seyen Sie, lieber Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen >un«en L^ihre auck noch erlebt und vielleicht noch em bißchen besser, denn, Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, daß tote mir zustimmen wenn ich Ihnen mein Sprüche! erst ganz hergesagt ha^n werde Da haben wir ja nun .jenseits des Niernen, wie manche Gebildete jetzt sagen, die .drei Alexander' gehabt, den ersten. den zweiten und den dritten, alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme Leute, oder doch beinah fromm, dies gut mit ihrem Volk und mit der Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber in dies Alerandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert aus- lüllt da schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, und °hn^ khnen .u nahe treten zu wollen, der war doch der Häupter. Und das war unser Nikolaus. Manche dummen Kerle haben SpoMieder aus ihn gemacht und vom schwarzen Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann graulich Machthaber war das ein Mann' Und dieser selbige Nikolaus, nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, auch ein Regiment, und das waren die Nikolaus-Kurassiere, oder sag ch lieber: das sind die Nikolaus-Kürassiere, denn wir haben sie, GottJe Dank noch Und sehen Tie, lieber Czako, das war mein Regiment, dabei hab ich gestanden, als ich noch ein junger Dachs.^r, und habe dann den Abschied genommen; viel zu früh; Dummheit, hatte lieber dabei wackelt." s Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man aus und die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, dann die Gun- dermannsche Chaise: Martin aber, mit einer Stal aterne, leuchtete dem Pastor über Vorhof und Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz irn Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde zuruck und stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe hinaus, bis aus den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. „Es bleibt also dabei, Rex, Sie logieren sich in dem Rokokozimmer ein — wir wollen es ohne weiteres so nennen — und ich nehme das Himmelbett hier m Zimmer Nummer eins. Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben CS Und^während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf den Flur hinaus, schloß ab und legte sich nieder. Rer war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus der er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. „Sie müssen nuch entschuldigen, Czako wenn ich mich noch ein Diertelstündchen hier bei Ihnen aufhalte. Habe' nämlich die Angewohnheit, mich obends zu rasieren, und der Toilettentisch mit Spiegel, ohne den es doch nicht gut geht, der steht nun mal hier an Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also stören Mir sehr recht, ttotz der Müdigkeit. Nichts besser, als noch em bißchen aus dem Bett heraus plaudern können Und dabei so warm eingemummelt. Die Betten auf dem Lande find überhaupt das beste. Nun Czako, das freut mich, daß Sie fo bereit finb, mir Quartier 3U gönnen Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen, so müssen Sie sich die Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was dann hinterher immer ganz schändlich aussieht. Uebrigens muß ich erst Schaum schlagen, und so lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und links habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt Zwar (alle diese dünnen Silberleuchter wackeln), aber .wenn gute Reden sie begleiten ... Also strengen Sie sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns? Sonderbare Leute — haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört? „Ja. Aber das war in .Waldmeisters Brautfahrt'." Richtig- so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau! Der einzige, der "sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein Kararnbolespieler ersten Ranges. Uebrigens Eisernes Kreuz." „Und dann der Pastor." . , Nun ja, auch der. Eine ganze gescheite Nummer. Aber doch ein wunderlicher Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er gehört. Er halt zu Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings nicht jeder tut; aber der neue Luther', der doch schon gerade bedenklich genug ist — Maiestat bat ganz recht mit seiner Verurteilung —, der gebt ihm gewiß nicht weit genug Dieser Loren,zen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren als einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß d«r Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir davon erzählt. Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt. | (Fortsetzung folgt.) immer greulich finde." "Was"meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte: Da war also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während derselben eine Rolle gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich Wilhelms IV. Und als nun — sagen wir ums Jahr fünfzig — der Zufall es fugte, daß dem zur Jagd hier erschienenen König das Kopermtzer Frühstück, ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über tue Maßen gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin, am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam hm m die königliche Küche zu liefern. Und das ging fo durch Jahre. Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all die gute Gabe zu revanchieren, und als wieder Weihnachten war, traf in Köpernitz em Postpaket em, Inhalt: eine zierliche, kleine Blutwurst! Und zwar war es ein wunderschöner, rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen: .Wurst wider Wurst'." "Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch. Und es denken auch heute noch viele so." . . , . . , , < .. Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, und bet dein Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, sind meine persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der Minorität bleiben." , . . _ „Werden wir. Aber Bernunst ist immer nur bei wenigen. Es wäre das beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte regulieren könnte. Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge. Die haben wir aber noch in unserm Adel, in unsrer Armee und speziell auch in Ihrem Regiment." Während der Alte diesen Trumps ausspielte, kam Engelke, um em paar neue Tassen zu präsentieren. , „Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell nur hin ... In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako; schon sein Name bedeutet ein Programm, und dieses Programm heißt: Rußland. Heutzutage darf man freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen, Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum die .russische Kirche' und das .russische Haus' gebaut wurden, und als es immer hin und her ging zwischen Berlin und Petersburg. Ihr Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von den alten Beziehungen, und ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem wenn ein russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich wenn das Regiment Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag des hohen Chefs, oder wenn sich'- auch bloß um Uniformabänberungen handelt, beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten Stehkragen) — und wie dann der Kaiser alle begrüßt und zur Datei zieht und so bei sich denkt: .Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich "" Czakochttckte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil er, trotz seiner vorher versicherten „Sympathien", ein ganz mod e r ner, p o l i ti s ch stark angekränkelter Mensch war, der, bei strammster Dienststchkeit, zu Profite Dubskav schelmisch tntt dem Finget, „Ich verstehe. Sir I ftn^WS ich"mch7sprechen>^A^r wir von S‘ fe Ä feSWÄÄÄÄ’&SS.'Ä halttich'e Madam. Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf >Zbrer Ackilelklavve glücklich entdeckt und damit den Anmarsch aus die Münzstrahe^ gewonnen hatte. Was es dach alles für Lokalpatr>ottsmen 6ibtl2ln dem unser Regiment teilnimmt ober ihn mitmacht. Die Welt um ben Alexanderplatz herum hat übrigens, so ihren eigenen Zauber, schon um einer gewissen Unrestdenzlichkeit willen. Ach sehe nichts, lieber als die große Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen rmt fünfhundert Aalen in die Netze gegoßen werden. Etwas Unglaubliches von @ed,S'e' mid) ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und Alexanderkaferne samt allem, was dazu gehört. Und so brech ich denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach einem Ihrer ftnheren Regimentskommandeure zu fragen, dem liebenswurmgen Obersten ^ j jner den ich noch persönlich gekannt habe. Hier unsere Srechttner Gegend ist nämlich Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz, eine reizende Besitzung, draus die Zeunersche Familie schon m friderizianischen Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun freilich schon Zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal mit der Frage: Haben tote den CHerr$ Mastr Er war schon fort, als ich zum Regiment kam. Aber ich 'habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz, weiß aber freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhänge." „Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben, sonst müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich und besonders auch ein Grabstein, unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt, eine geborene von Zenner, die sich m früher Jugend schon mit einem Emigranten am Rheinsberger Hoß mit dem Grafen La Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der ich Ihnen erzähle, wenn ich Sie mal wiederfehe Nur eins müßen tote heute schon mit anhören, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafür. „Für alles, was Sie erzählen." .. , Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien, was ich, selbst wenn es hübsche Menschen sind (ein Fall, der übrigens selten zutrifft), bleiben sollen." m „ (Tinfn nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem ®olbroaner. Untere Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie, wie sie sind! Ich mochte sagen in dem Regiment lebt noch die heilige Alliance fort, die Waffenbrüderschaft von Anno dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir mit den Russen zusammen durchgemacht haben, '""ner nebeneinander im Biwak, in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zett Großer als die setzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn s beinah schief geht wenn man jeden Augenblick fürchten muß: .Jetzt ist alles vorbei. Da zecht sick^s Courage ist gut, aber Ausdauer st besser. Ausdauer, das ift bie Hauptsache Nichts im Leibe, nichts auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man so in ber naßen P"tsche li^ß und böckiltens nen Kornus (Kognak, ja haft bu was, den gab es damals taum) und so die Nacht durch, da konnte man Jesum llchrifttim erkennen lermn Ich sage das wenn ich auch nicht mit dabei gewesen Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die richtige 'Ißaffenbruber- schäft- jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft ber Orgeldreher und der Mausesallenhändler. Ich bin für Rußland, für Nikolaus "sib Alexander. Preobraschenfk, Semenow, Kaluga, — da hat man die richtige Anleh nung; alles andere ist revolutionär, und was revolutionär ist, das Oed auf einen Apfel. Don Wilhelm Schüssen. Aus dem blaugedeckten Tische Liegt er da in Glanz und Dicke, In der ganzen vollen Frische Und berauscht die Augenblicke. Ward geküht von Sommers Gluten, Und das Gold muh man noch schmecken. Wo die hübschen Tupfen bluten, Sind auch ein paar Leberflecken. Brauchst nicht so verliebt zu winken! Bald wird unser kleiner Bube Deinen Sommer auszutrinken Jauchzend stürmen in die Stube. Erziehungswerte der Sprache. Von Joachim Lautenschlager. Wenn man sich bisher im Streit der Meinungen über die Pslege fremder oder alter Sprachen unterhielt, fo waren als ausschlaggebende Gesichtspunkte neben denen einer rein technisch erfaßten Zweckmäßigkeit jene anderen in den Vordergrund gerückt, die den Wert der Erkenntnis der alten und fremden Kulturen aus der Kenntnis der Sprache heraus begriffen. In der Sprache und durch die Sprache, die ja im Grunde nur als Mittel zum Zweck in Betracht komme, liege das Erlebnis einer fremden, noch lebenden oder schon für alle Zeiten dahingegangenen Welt verborgen ..... , Das mag in allgemeinen richtig und durchaus zutreffend fein. Homer wirkt in der Ursprache anders als in der besten Uebersetzung, und Horaz kann im Lateinischen besser und beredter zu Worte kommen als bei allen denen, die sich bereits um ihn bemüht haben. Das ist kein besonders wesentliches Merkmal der alten Sprachen. Bei jeder der lebenden und toten Sprachen wird man ähnliche Betrachtungen machen können. Wer fähig ist, z B das Nibelungenlied oder die Edda in der Urform zu lesen, wird von einem größeren Genuß erwartet als der, der sich mit einer Uebersetzung in die Sprache unserer Zeit zufrieden geben muh. Diese Momente können daher nicht als aus das notwendige oder nicht notwendige Studium der alten Sprachen hinleitend oder gar diese Frage entscheidend gewertet werden. Man wird aber ebenso wenig eine erforderliche Kenntnis irgendwelcher Begriffe der Alten hierfür anfuhren können. Der Kernpunkt der Frage, ob und in welchem Umfange auch heute noch den alten Sprachen das Wort gebührt, liegt vielmehr auf einer anderen Ebene- auf der erzieherischen Wirkung der Sprache. Die Sprache ist wohl der größte Schatz, den ein Volk besitzt. Sie zu pflegen, sie klangreich und klangrein zu gestalten, muh daher das Bemühen jedes einzelnen fein. Es ist erstaunlich, wie wenig die geistige Bedeutung der Sprache erkannt und gewürdigt wird. Und doch hat die Sprache gewaltige geistige Umwertungen herbeigeführt und mit ihrem Wesensinhalt getragen. Man denke nur an die Reformation, an die Zeit der Klassiker, an Richard Wagners sprachschöpferische und sprachgestaltende Leistungen, an Nietzsches hinreißenden Rhythmus und die heroische Formung, die sie im Munde des Führers erfuhr. . Die Beherrschung einer Sprache setzt die Erkenntnis ihrer ureigensten Werte voraus Diese Erkenntnis aber herbeizusühren, können die alten Sprachen wertvolle Hilfsmittel bilden. Es ist überflüssig, den Wohllaut der griechischen Sprache besonders hervorzuheben. Wesentlich aber ist es, daraus hin,zuweisen, dah es Schiller gelungen ist, in seinem sprachlich schönsten Stück, in der „Braut von Messina", den Beweis zu erbringen, wie edel die deutsche Sprache zu züchten ist, wenn ihre Werte den Menschen nur bewußt sind. Der Wohlklang des Griechischen kann hier bei- spielhakt wirken, kann dem Schüler für alle Zeiten den Dienst an der Sprache als Dienst an seinem Volk einprägen. Auch das Lateinische ist eine klingend schone Sprache. Aber sie ist nicht schlechthin schön, wie die heitere Sprache der Götter Griechenlands sie ist entsprechend dem Charakter des Römers eine Sprache des gemeisterten Lebens der Energie und der Tatkraft, der wesentlichen Persönlichkeit. Sie ist" nicht nur von Wert, um Begriffe und Geistigkeit der römischen Welt zu erschließen, sie öffnet darüber hinaus den Weg zur Personlich- keit, zum Charakter. , r ... .. . . Dabei ist weniger die Lyrik als vielmehr die Prosa für die erzieherische Wirkung bedeutsam. Die Möglichkeiten, die sich angesichts der Sie sprachen lange miteinander, der Spielzeugschnitzer und der Pasche» Draußen war es still geworden. Der Sturm hotte sich gelegt. Das Schnee» treiben war vorüber. Weiß und still lag die Landschaft, weih und still lag der Wald am Berge. Der Pascher nahm eine Schaufel und kroch zum Fenster hinaus. Bis zum Mittag arbeitete er, bann war die Tür freigelegt. Sie atzen zu Mittag Rauchfleisch und Brot. Und tranken heitzen Kassee dazu. Der Alte konnte sich schon im Bett aufrichten. Er dankte dem anderen, als der feinen Rucksack nehmen wollte, um seiner Wege zu gehen. Er sagte: „Nimm die Bretter! Sie stehen im Hausflur! Du kannst nicht ohne Bretter weitert Willst du jetzt noch ins Böhmifche?" „Nein!" jagte der Pascher. „Ich geh nimmer verbotene Wege!" Der Alte seufzte. Er schien zufrieden mit dieser Antwort. „Ich mache nicht mehr lange“, flüsterte er mit seltsamer Stimme. „Da liegt meine Arbeit, da ist der Leimtopf und die Drehbank. Das soll nun alles aus sein? Du gehst also nicht mehr paschen?" „Nein!" „Siehst du", suhr der alte Würssel fort, und richtete sich noch höher in feinem Bett auf. „Hier wäre ich nun eingeschlasen, wenn du nicht wärst und mein Hund! Ich will die Drehbank noch einmal surren hören. Kannst du Reisen drehen, Pferdchen, Kühe, Elefanten?" Der andere nickte nur. Des alten Schnitzers Augen leuchteten. „Ich mochte die Drehbank surren hören, kannst du das verstehen?" „Ja, soll ich dir einen Reifen drehen?" ,£), bitte", kam es froh zurück. Der Pascher legte seinen Rucksack wieder ab. Er setzte sich vor die Dreh» bank, spannte einen Reifen ein und nahm ein geschweiftes Eifen in die Hand. Hei! Nun flogen die Späne! Nun furrte die Drehbank! Und der Alte faß aufrecht im Bett und hielt den Atem an vor Freude über das Lied feines Lebens. Der Hund lag neben dem Arbeitenden. Und auf dem Holzreifen formte sich der Umriß eines Tieres. Es war eine Meisterarbeit. Als der Fremde damit fertig war, zeigte er sie dem Alten. Die beiden Männer blickten einander stumm in die Augen. Die alte Uhr tickte ihr heimliches Ticktack in die warme Stille dieses Augenblicks. Das Haus im Schnee. Von G. A. Dcbemann. Ein Schneesturm heulte über den Kamm. Die Fichten trugen weihe Last und glichen geheimnisvollen Gestalten. Schnell kam die Nacht daher. Sie machte den Wald so tief und verlöschte die matten Höhenzüge der Waldberge. Ein Mann kam mühsam die Waldlehne herauf. Er trug einen Rucksack und trotzte mit vorgehaltenem Kopse dem Sturm. Schritt für Schritt kämpfte er sich durch den Schnee, der tiefer und tiefer wurde, je weiter der nächtliche Wanderer den Berg hinaufftieg. Manchmal blieb er schnaufend stehen, murmelte einige unverständliche Worte, trank aus einer Flasche wärmenden Kornschnaps. Dann ging er weiter. Tiefer sank sein Fuß in den weichen Neuschnee; es war eine Rastlosigkeit in diesem Menschen, der sich mit verzweifelter Energie vorwärts- tämpfte. Der kalte, singende Ost fauchte in den Fichten, die Gewalten lachten über die Tollkühnheit des Mannes, der nun schon bis über die Knie im Schnee versank und dennoch den Kamps nicht aufgab. Würde er das Ziel erreichen, das Dorf im Böhmischen? Sollte er lieber umkehren? Aber das war nun wohl gleichgültig, ob zurück ober vorwärts! UeberaU war biefe weihe, fürchterliche Grunblosigkeit, überall war bies mühevolle Tasten und Versinken und mühselige Herausarbeiten! Vorwärts oder zurück, das spielte nun keine Rolle mehr. — Der Rucksack war so schwer. Unaufhaltsam wirbelte der Schnee hernieder; das war, als wollte der Himmel die ganze Erde zudecken mit feinem Leichentuch. Die Bergfichten steckten unheimlich tief im Schnee. Nur die Wipfel ragten noch ein wenig oben heraus wie Ertrinkende. Der Wanderer fror trotz feiner Anstrengungen. Er trank. Er wurde müde. Eine grenzenlofe Gleichgültigkeit überfiel ihn. Er legte den Rucksack ab und setzte sich daraus. Er schlief. Diese lähmende Müdigkeit, dies sanfte Hinüberträumen in eine andere, bessere Welt, das war wohl der weiße Tod? Alles körperliche Empfinden entschwand dem Ruhenden. Er hatte den Kopf in die Arme gestützt und schlief. Manchmal schreckten ihn seltsame Geräusche auf. Das war nicht der Sturm das war wie das Winseln eines Hundes! Der Wanderer horchte mit müden Sinnen dem fernen Saut. Dann erschreckte ihn wieder em anderer Laut, ein Geräusch wie das Klirren einer Fensterscheibe. Nun schlief er wieder. Und schreckte wieder auf. Hundegebell! Immer naher kam der heisere Ruf. Nun war der Mann ganz wach, er richtete sich auf in seinem Schneeloch, blickte um sich, schrie, schrieb vor Freude. Ein schwarzes Wesen kämpfte sich durch den Schnee, ein Hund! Der Hund winselte und stemmte die Vorderpfoten gegen die Brust des Mannes. Der streichelte ihm das Fell, drückte den warmen Hunde- körper gegen feine Brust, die Hand tastete dankbar über das Tier, tue Lippen murmelten zärtliche Namen. Und plötzlich erschrak der Mann. Er fühlte Blut an feiner Hand, klebrig warmes Blut Nun war wieder Leben in dem Wanderer. Er folgte dem Hunde, der mit schlagender Rute vorausstapfte und mit öfterem Wenden des Kopfes zu schnellerem Kommen aufzufordern schien. Hinter den Fichten war nut einmal die weiße Silhouette eines Hausdaches sichtbar. Das Haus war eingeschneit, nur der kleine Giebel ragte noch über den Schnee und em Stück Fenster, bas zerbrochen war. Der Mann tastete mit der Hand in bas Scherbenloch und öffnete ben Riegel von innen. Dann kroch er hinab in bie Stube des «tten Holzschnitzers. Der Hund folgte ihm. Im Winkel ftanb ein Bett. D g der alte Würffel mit rotem Fieberkopf. Der Fremde kraufette ihm em paar Löffel Kornschnaps in den Mund und rieb ihm auch die Stirn damit ein. Der Alte röchelte leise. Der Hund schmiegte sich an den Fremden und beobachtete jede seiner Handreichungen. rtr«mh»n Nun wurde Feuer gemacht ... Immer war der Hund um den Fremden herum und beschnupperte ihn mit blutender Schnauze Im Oft" knisterte das brennende Holz, eine wohlige Wärme füllte die Herne S^be. Dann riß der Mann schmale Streifen vom Bettzeug und wusch dem Tier die Wunden aus, sprach mit ihm wie mit einem Menfchen und verband die ^"Der^Pascher hatte Fleisch und Butter und Brot in feinem fRucffarf. Er teilte treulich mit dem Tier und steckte dem Alten saftige Dissen zu. Die Stunden vergingen. Die Wärme im Raum schlug bas Fieber bei dem alten Schnitzer ein wenig zurück. Er schlug die Augen auf. Da faß nun ein Fremder neben ihm auf bem Bettrand ""d ftm Hund, fern eigener Hund lag mit verbundener Schnauze auf dessen Fußen ... SHmg etwa Casars 'ergeben, können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Distanz des Feidherrn und Staatsmannes zur eigenen Tat ist bei- spielhast. Die fast an Nüchternheit grenzende Sachlichkeit seiner Darlegungen ist von großartiger Wirkung. Die strenge und kurzgefaßte, absolut auf das Wesentliche beschränkte Sprache ist als eine regelrechte Schule männlicher Aufrichtigkeit und überlegener Charakterfestigkeit anzusprechen. Solche erzieherischen Werte der alten Sprachen freizumachen, ist eine Aufgabe der Schule, die nicht vernachlässigt werden sollte. Wer die Schönheit des Griechischen, die Strenge und Sachlichkeit des Lateinischen in sich ausgenommen hat, der kann — wofern nur der Unterricht in einer Weise erfolgt, die einer aus dem Geist des fremden Volkes entspringenden „Schachtelei" vorbeugt — sich einer Haltung nicht mehr entziehen, die ihn zwingt, sich der Schönheit der deutschen Sprache zu widmen. Entsetzlich ist, was auch heute noch, trotz vieler und nimmer rastender Bemühungen auf dem Gebiete des Kaufmannsdeutsch geleistet wird. Schwülstige und umständliche Ausdrucksweise, Schnörkeleien und Verzierungen, die an die „Comptoirs" der Gründerzeit gemahnen, in denen sie üppig gepflegt wurden, feiern hier noch ihre Feste. Auch heute noch gibt es Kausleute, die an den anderen die Aufforderung richten: „Haben Sie bitte die Freundlichkeit", indem sie gleichzeitig den „Empfang des Geehrten bestätigen" und „ohne mehr für heute verbleiben". In der heutigen Zeit, die so sehr am „Mangel an Zeit" leidet, wäre mehr Wesentlichkeit angebracht. Man kann dieselbe Sache in drei Sätzen und auf drei Seiten erörtern, wie man denken und gedankenlos schwätzen tarnt Schwätzer aber leisten weder der Sprache noch dem Volk einen Dienst Sie zeigen nur, daß sie, bei allen sonstigen Kenntnissen, ihre eigene Sprache nicht beherrschen. Die Schönheit der Sprache, gehört sie nicht auch zur Schönheit der Arbeit? Hören wir auf, die deutsche Sprache zum Aschenputtel herabzuwürdigen, sie zur Magd der Gedankenlosigkeit und Gedankenarmut zu machen, die schwätzen muß, um ihre Hohlheit zu verbergen. Die Sprache ist eine Königin, die alle Gebiete des Lebens beherrscht, die den Menschen begleitet und seinen Gedanken ihr Gewand leiht. Lernen wir von den Alten, dieser Königin zu dienen, zu begreifen, daß ihr Dienst zugleich ein Dienst am deutschen Volke ist. Johann Balthasar Neumann. Zum 250. Geburtstage des großen deutschen Barock-Baumeisters. Von Jürgen Rauch. An einem Juniabend gehen wir über die alte Würzburger Brücke, an den wsltfrohen zwölf Heiligen vorbei mit ihren heiter gebauschten Gewändern, hinüber zur Würzburger Residenz. Eine festliche Menge hat sich im Kaisersaal zu den alljährlich dort stattfindenden Mozartspielen versammelt, und während im Kerzenlicht warm und tief das Gold der Stukkatur und der matte Glanz des Marmors aus dem Halbdunkel aufleuchten, erklingt Musik des 18. Jahrhunderts. Die Fenster müssen geöffnet sein, denn in die Musik tönt nächtlicher Vogelruf und leises Plätschern der Fontänen aus dem Park. Wie trunken stehen mir danach unter dem Glitzern des Kronleuchters in dem wunderbaren Treppenhaus und glauben den Junihimmel über uns gespannt, so täuschend hat ihn T i e p o l o s Pinsel da hinausgezaubert. Die weite Welt ist dargestellt: Bier (!) Erdteile und das unendliche Firmament, belebt von graziösen Putten und dem ganzen Aufgebot olympischer Götter — und dies alles zur Huldigung des Bauherrn! Zu dessen Füßen ist auch er ju entdecken, der Schöpfer des steinernen Wunders einer Residenz: Johann Balthasar Neumann in der Galaunisorm eines Obersten der fränkischen Kreisartillerie, auf einem Kanonenrohr sitzend, neben ihm seine große gelbe Dogge. Es klingt paradox, daß der Mann, dem wir die traumhaftesten Schöpfungen des deutschen Barock, ja, der deutschen Baukunst überhaupt verdanken, Soldat war und zeitlebens mit technischen Ausgaben aller Art amtlich beschäftigt: mit Straßen- und Brückenbau, mit der Konstruktion von Maschinen, Pumpwerken, Wasserleitungen, mit dem Bau einer Glasfabrik ... Zu den amtlichen Eigenschaften gehörte auch die Verwaltung des für ihn an der Universität Würzburg geschaffenen Lehrstuhls für Zivil- und Kriegsbaukunst. Zum eigentlichen Kunstbau kam er verhältnismäßig spät — mit 33 Jahren — getrieben einzig und allein von feinem Talent, das er mit unerhörtem Fleiß ausbildete. So hören wir schon von einem Zeitgenossen aus der Vaterstadt Eger, wo er am 30. Januar 1687 — rund 50 Jahre nach Wallensteins Ermordung — geboren wurde und seine Jugend- und Lehrzeit verbrachte, daß „sein großes Talent für alle Gattung von Bauwesen sich bey Zeiten in dem niedrigen Stand eines Glockengießers entwickelte". Dieses Handwerk, genauer das Glocken- und Geschützgießen, das Büchsenmacher- und Feuerwerkerhandwerk, erlernte er bei seinem Oheim Balthasar B l a tz e r, danach kam er als Soldat weit herum, machte auch einen Feldzug gegen die Türken mit und beschließt seine militärische Laufbahn in Würzburg als Oberingenieur und Oberst der Kreisartillerie. „Im Umgang mit gebildeten Männern aus dem Artilleriekorps sammelte er manche Kenntnisse aus der mathematischen Wissenschaft und benutzte seine Feierstunden zur Erlernung dieser Wissenschaft. Daneben übte er sich im Zeichnen sowie im Entwerfen seltener Instrumente und der Anfertigung eigener Erfindungen", erzählt ein anderer Zeitgenosse von dem unablässigen Streben des jungen Universalgenies. Iw Jahre 1719 war er in Würzburg mit dem Ausbau der Feste Marienberg beschäftigt. Im gleichen Jahre besteigt Johann Philipp aus dem kunll- und prochtliebenden Geschlecht der Schönborns (man könnte sie die deutschen Medici nennen) in Würzburg als Fürstbischof den Stuhl Kilions. Die Mitglieder des ursprünglich aus dem Westerwald stammenden Ritteraeickilechtes führten eine kluge Macht- und Familienpolitik: in ganz Siiddeuftckland saßen sie als geistliche Fürsten und Herren: in Mainz und Trier, in Speyer, Bamberg und Konstanz — und vor allem in Würzburg. Unter Johann Philipp entfaltet sich ein flutendes geistiges Leben, das ebenso funftfreubig und weltoffen wie tolerant war. (Philosophen, Dichter und Künstler lösten einander ab. Protestantische Räte gehörten zu den engeren Mitarbeitern des Fürstbischofs.) Der Satz, daß sich unter dem Krummstab in Franken gut leben lasse, ist auf die Regierung der Schönborns gemünzt. Diesem glänzenden Hofleben fehlte ein würdiger äußerer Rahmen: eine Residenz. Man war bei Hofe und in der ganzen kunstverständigen Welt nicht wenig erstaunt, mit dem Bau der fürstlichen Residenz einen gänzlich unbekannten deutschen Jngenieur-Ofsizier und nicht einen der berühmten italienischen oder französischen Barockbaumeister betraut zu sehen, üleumann war erst ein einziges Mal im Kunstbau hervorgetreten. Zwar läßt diese erste künstlerische Arbeit, die Gestaltung der Treppe zu Kloster Ebrach im Jahre 1716 schon den Könner ahnen: die nach dem Vorbild von Pommersfelden entworfene Treppe ist mit soviel Geschick und genialer Konstruktion dem ganz anders gestalteten Grundriß des Klosters eingefügt, daß der wirklich kunstverständige Fürst wohl schon hier die „Klaue des Löwen" erkannte. Und wenn es wirklich Zufall war, was die beiden zusammenführte, so war es ein Zufall, den man anbeten muß, um mit Novalis zu reden. Denn ohne diesen Zufall würden heute nicht die Werke Neumanns in all ihrer Pracht und Ueberirdifchkeit wie eine Kette leuchtender Steine in der Reinheit der fränkischen Luft schimmern. Neumann entwarf kühne Pläne, und fein fürstlicher Herr war, nach feinem eigenen Wort, so sehr vom „Bauwurmb" besessen, daß er sogar nachts „mit dem Zirkul über den Plänen brütete". „Ein erstelle in area"* verhießen ihm die großartigen Ideen feines „Hauptmann", der kurz vorher noch Fähnrich und „Gemeiner" gewesen war. Dennoch wurden die führenden — vorläufig noch führenden Barockkünstler der Zeit, der berühmte Hildebrand in Wien, Erbauer des Belvedere, ebenso wie die Pariser Meister G. de Boffrand, R. de Gotte und natürlich der Oberbaudirektor seines Mainzer Oheims, M. von Welsch, zur Mitarbeit herangezogen. Bald bildete die geplante Würzburger Residenz das Tagesgespräck) von Wien, sogar der Kaiser und Prinz Eugen ließen sich die „Risse" Hildebrands oorlegen. Und die Herren in Paris? Neumann hatte nach Paris reifen müssen, um sich mit den beiden Hof- architekten (einer durfte von der Mitarbeit des anderen nichts wissen) über den Bau zu besprechen! „Viel auf italienisch monier und etwas teutsches dabei", so urteilte de Gotte, wie Neumann in einem Bries nach Würzburg berichtet, aber im großen ganzen tarnen den beiden die Pläne recht merkwürdig vor, und sie wußten nichts Rechtes damit anzu- fangen. Neumann aber hat bei seinem Pariser Besuch gewiß viel gesehen und gelernt, aber was er aus all diesen Anregungen machte, das setzte die „Kollegen", die bisher allein den Begriff Barock bestimmt hatten, bei ihrem Gegenbesuch in Würzburg in nicht geringes Erstaunen. Das war zwar auch Barock, aber neben dieser leidenschaftlichen Beschwingtheit und jenseitigen Anmut, neben dieser himmelstürmenden Kraft bei aller äußeren Ruhe und Klarheit, mußten die von ihnen angefertigten Gegen- pläne, wären sie zur Ausführung gekommen, doch nur als kalte und monotone Pracht erscheinen. Ja, jetzt gab es einen deutschen Barock von europäischem Rang. Mit Neumann haben Joh. Michael Fischer, Andreas Schlüter, die Gebrüder As am, Pöppelmann den deutschen Barock seinen Weg gleichsam nach innen geführt, ihn wahrhaft beseelt und die deutsche Kunst zugleich auf einen ihrer höchsten Gipfel geführt. Sind auch die Barock- Anfänge zweifellos im katholischen Kirchenbau zu suchen — man hat ihn Ausdrucksmittel der gegenreformatorischen Religiosität genannt — in diesen vollendetsten Schöpfungen ist er jedoch von so erhabener Frömmigkeit, daß er beide, die protestantische und katholische Welt, großartig überwölbt. Eine solche Schöpfung ist Neumanns Wallfahrtskirche zu Vierzehnheiligen. Wo gibt es einen Jnnenraum wie diesen: von der rätselhaften Mischung von Weichheit und Strenge, von Zartheit und Uebergeroalt, von Jenseitsinbrunst und strahlender Weltlichkeit wie hier bare Schöpferkraft des Meisters offenbaren. Alles Technische ist in einem in dieser Kirche über dem Main? Balthasar Neumanns Jnnenröume sind es vor allem, die „erschütternd großartig", wie D e h i o sagt, die wunderbare Schöpferkraft des Meisters offenbaren. Alles Technische ist in einem beglückenden Spiel aufgelöst, das sind keine Räume mehr, sondern einfach Wunder kühner, kaum nachrechenbarer „Berechnung" und großzügiger Aufbau. Ob man sich nun im Innern der Klosterkirche von Neresheim im Württembergischen oder in der Schönbornkapelle am Dom zu Würzburg befindet, alles fließt da in einer komplizierten, vielfach gebrochenen, nirgends eine gerade Wand zulassenden höchsten Einheit zusammen. Und seine Treppen gar sind allein schon ein einzigartiges Denkmal herrlichster deutscher Kunst, die in Frankreich oder Italien nichts Aehn- liches neben sich finden, es sind brandende Wellen, über die man nicht ohne Verzückung emporgetragen wird. Die schönste Neumannsche Treppe ist wohl die eigenartig elliptische im Schloß zu Bruchsal, aber auch die im Brühler Schloß erscheint kaum weniger eindrucksvoll. Bei beiden Bauten hat man Neumann erst später hinzugezogen, als sich die Spannweite seines Schaffens von Würzburg und den „Schönbornfchen Landen" auch über Süddeutschland, vom oberen Rhein bis Trier (Paulinuskirche), vom Bodensee bis Köln, von Bruchsal bis Wien erstreckte. Aber am vollsten klingt der Akkord Neumannschen Barocks wohl in Würzburg: vom „Käppele" den Main herüber zur Schönbornkapelle und zur Residenz! Hier muß man die barocken Meister der Töne hören, um erst recht inne zu werden, wie sehr die Neumannsche Kunst der Musik verwandt ist, der „Ueberfinnlidjften unter den Künsten". Bei Mozarts göttlich-heileren Klängen, bei der deutschesten und tiefsten Musik eines Bach und Händel, fällt einem beglückend das Wort ein von der Baukunst des Barock als der „steingewordenen Musik". * area: in der (Beometrie: Ebene. ^cron,wörtlich Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei.». Lange, Gieße«.