GiehenerZamilienblAter Unlerhaltungrbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1956 Montag, den 3L August Nummer 67 S FELIX TIMMERMAN Die Delphine EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig 3. Fortsetzung. „Es macht mich ganz glücklich, das für Sie tun zu können! .. .aber nur für die einfache Kaufsumme", antwortete Anna-Marie. „Ihre Liebe zu Adelaide hat mich drüben immer wehmütig gestimmt." „Sie find ein zweifacher Engel!" jubelte Pirruhn, „ich könnte Sie . ich könnte Sie gleich, ich weih nicht was ..und erfatzte ihre Hand und küßte sie dreimal. . m , . .. „Schneller!" rief Pirruhn dem Kutscher zu, „im Galopp, wie die Feuerwehr!" , m. , . Aber da waren sie schon an Adelaides Haus angelangt. Pirruhn und Anna-Marie stiegen die Freitreppe hinauf. Pirruhn klingelte, und Adelaide machte auf. Ihre Beine zitterten, ihre Knie schlugen vor Schreck aneinander. „Ja", sagte Pirruhn, „das ist Fräulein Anna-Marie, tue es nicht unterlassen wollte, Sie zu begrüßen." „Sie hätten mich wenigstens davon benachrichtigen können, Herr Pirruhn", sagte sie kühl, „dann wäre ich vorbereitet gewesen, um das gnädige Fräulein gut zu empfangen." . m r , Sie war böse auf alle beide, wollte es aber nicht zeigen. Dieser Besuch traf sie wie ein eiskalter Strahl auf die Brust. „Ich begrüße Sie, gnädiges Fräulein, es ist mir eine große Ehre ... treten Sie ein", sagte fte mit herablassender Freundlichkeit. Sie öffnete ein Tür und zündete eine Kerze an die ein kleines, sauberes Zimmer erleuchtete, mit einem roten Stein« fußboden und einer Strohmatte, auf der ein runder Tisch stand; an Der Wand hingen ein paar Teller und ein kleines Gemälde, das das „Einhorn" darstellte. Auf dem Kamin standen zu beiden Seiten des Kruzifixes zwei Madonnenbilder. „Und Sie wollen hier nun ein Jahr wohnen? fragte Adelaide von oben herab, als alle Platz genommen hatten. Ich muß wohl schon", meinte Anna-Marie mit einem schüchternen, freundlichen Lächeln, „es ist eine große Veränderung in meinem ßebcn ... „Ich glaube es gerne, bei all diesen kleinen Leuten hier , versetzte Adelaide, die gefalteten Hände in ihrem Schoß. . Eine lange peinliche Stille trat ein. Pirruhn betrachtete Anna-Marie und wartete ungeduldig darauf, was sie über das „Einhorn sagen würde. Es dauerte ihm zu lange, und plötzlich äußerte er: „Sie hat gluck- literweise das .(Einhorn*." Adelaide war es wie ein Stich ins Herz. Was? Das in Anna-Maries ^^Sie^erhob sich, ließ ihr Taschentuch fallen und bückte sich danach, um ihre Entrüstung zu verbergen. , ..,, Aber dann sagte Anna-Marie schüchtern: „Auf das .Einhorn verzichte ich Sie sollen es zurückerhalten, Herr Pirruhn. Es kommt mir nicht zu. Mein Vater hätte sich nie diesen Scherz erlauben sollen ... „Ich nehme es an!" jubelte Pirruhn und sah zu Adelaide hinüber, als wollte er sagen: „Nehmen Sie es nun auch aus meinen Händen an.... Adelaide blickte starr vor sich hin; Pirruhn wandte sich an Anna-Marie: „Sie können es solange benützen, bis ... das hängt von anderen ab. Und siehe! Plötzlich ergriff Adelaide Anna-Maries Hand und fragte zärtlich: „Erzählen Sie mir, bitte, ist Italien wirklich so schön?" Und Anna-Marie erzählte ... Der Verzicht auf das „Einhorn" hatte Adelaides Groll weggefegt. Jetzt, wo das Gut nicht mehr den Egmonts gehörte, war Anna-Marie ihr eine liebe Freundin, und auch der Groll gegen Pirruhn hatte sich gelegt Aber ihre Rache, ihn zu einem erneuten Antrag zu bringen, würde sie deshalb nicht fallen lassen, jetzt nicht mehr megen Anna- Maries sondern wegen seines eigensinnigen Schweigens. Adelaide hatte glänzende Laune. Und Pirruhn hüllte sich, grunzend vor Wohlbehagen, in den Rauch seiner Pfeife, wie Jupiter in seine Wolke. Die Huldigung. Als Pirruhn den kleinen Saal des Delphins wieder betrat, faß Kuckuck für sich an einem Tisch, bei einer Kerze, und schrieb ein Gedicht. „Wie findet ihr diesen Hauptvogel?" rief Pirruhn mit stolzer Freude. „Sie verdient einen Tempel mü goldenen Säulen!" erklärte X,minus voller Begeisterung. „Ich habe nie gewußt, daß es so etwas gäbe. Mir ist ein Gedanke gekommen. Ich werde sie malen! Das wird ein Kunstwerk, vor dem Tizian den Hut ziehen müßte!" „Male du deine Grain b’Dr!" schnauzte Pirruhn. „Sie hat einen Mund wie der Bogen Amors", meinte Kuckuck mitten zwischen zwei Reimen, „sie ist wie Hoboenmusik im Mondenschein." Traumverloren sagte Corenhemel: „Ihre ganze Schönheit liegt in ihren Augen- sie hat dieselben wunderbaren zarten Augen wie Katinka. Und das macht mich so glücklich! Diese Augen, so wie Anna-Marie, so wie Katinka sie hat — denn mein Herz sagt mir, daß sie noch lebt — das sind Augen, die man nie mehr vergißt, bei denen man aber alles andere vergessen kann. Die Liebe fällt durch die Augen wie durch Fenster m unser Herz. Es sind die Augen allein, diese seelenbetäubenden Augen Ka- tintas, die mich mehr als alles andere nach Rußland ziehen. Und jetzt hat Anna-Marie dieselben Augen. Das macht mich so glücklich! Es ist, als wäre nun etwas von Katinka in dieser kleinen Stadt. in Pirruhn zuckte verächtlich die Achseln. „Wahrhaftig", meinte der zarte Schwan mit seinen weißen Haaren, „sie ist bezaubernd schön, ich beglückwünsche dich, Pirruhn, daß du sie hierher gebracht hast!" Darüber freute sich Pirruhn sehr. ... „ . m „Ich habe schon viele Frauen gesehen , sagte der dicke Vmi de Rast, aber unter Tausenden gibt es nicht eine wie diese. Ich würde schon einen kleinen Umweg machen, um ihr zu begegnen. Und du, Pirruhn, was denkst du von ihr?" „Ich? ... Als ich sie sah, war ich wie zerschlagen. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre und Adelaide nicht kennte, dann müßte sie die „Der Dichter sitzt so oft im stillen, tiefen Wald, Vergißt beim Murmeln eines kühlen Baches bald Die ganze Welt und träumt sich in ein Reich hinein, Wo ero’ge Jugend herrscht und ero’ger Sonnenschein. Dann steigt vor seinem Dichterauge Bild um Bild Aus längst vergangnen Zeiten, adlig schön und mild; Helena tritt hervor, die Trojas Schicksal war, Gefolgt von Aphrodite, die das Meer gebar Auf Jupiters Geheiß, gar lieblich anzufchauen; Da geht mit muntrem Schritt Diana durch die Auen, Hier kommt sehr würdevoll Minerva stolz vorbei; Dort tanzt der Nymphen Schar bei Flöte und Schalmei, Die Sonne hüllt sie in ein wunderbares Licht, Klar wie der junge Tag erstrahlt ihr Angesicht. Und wenn der Dichter nun, von Schönheit ganz befangen, Die Arme breitet aus, mit himmlischem Verlangen, Dann löst sich plötzlich auf der Dunftgeftalten Reigen Und hängt wie Nebel nur zerfließend in den Zweigen. Du aber, edle Magd, so schön wie die Gestalten, Die Hellas' hoher Geist der Nachwelt hat erhalten, Du bist, den Göttern Dank, kein Trugbild und kein Wahn, Du bist lebendig Fleisch, das unsre Augen sahn Und deshalb ruht auf mir die strenge Seelenpflicht, Aus meiner Harfe dich zu preisen im Gedicht." Die Männer saßen alle schweigend da. Plötzlich klopfte Pirruhn dem Sohn aus dem Schnupftabaksladen auf die Schulter und sagte: „Das muh sie lesen!" Jawohl, jawohl!" riefen nun alle. Corenhemel schreibt es ab, ßioinus malt ein paar Blumen, Liebes« götter und Delphine ringsherum, und wir alle unterzeichnen!! ... fugte P'^neschöne Huldigung!" sagte Schwan, und alle stimmten ein. Pirruhn war ganz gerührt. Er schob sein Bierglas beiseite, erhob sich, stemmte die Fäuste aus den Tisch, als mache er sich bereit, eine lange Rede zu halten und sprach: „Wir müssen dafür sorgen, daß das Jahr, wo sie hier bleibt, das glücklichste Jahr ihre- Lebens werde! S.e darf hier keine grauen Haare kriegen! Das wollte ich nur sagen! (Fr übte' sich und stand gleich wieder auf. „Heute ist ein großer Tag. Ein Delphinentag von reinstem Wein! D-r Blüte Italiens zu Ehren, der schönsten Frau zu Ehren, die wir lemals> m unferem Leben gesehen haben, werden wir die Kronen aufsetzen und mit Bacchus, unseren Freund, den Olymp besteigen! Er klatschte in die Hände und gab damit das Zeichen zum Beginn des Fes^ „Gäbe es nur viele Anna-Marien! lachte Van deNast und rieb sich das Bäuchlein. Kuckuck erhob sich und zeigte fein Gedicht. Er strich feine schwarzen Locken hinter die Ohren, hustete und las feierlich mit einer piepsenden Stimme, woran die Genossen sich schon gewöhnt hatten. Pirruhn hörte mit geschlossenen Augen zu, ßioinus legte den Kopf die Hände, und VandeNast guckte in sein Bierglas. Dos Lied von Katinka. Es wurde frischer Wein gebracht, und der Tabaksqualm wurde dichter. Kuckuck spielte eifrig auf der alten Mandoline, deren Seele längst gebrochen war, aber sein feuriger romantischer Geist wußte ihr noch melodische Funken zu entlocken. Die Delphine sanden sie ausgezeichnet, eine alte gemütliche Freundin, die ihre Freude und ihren Schmerz stets mit summenden Tönen begleitet hatte, und sie hätten sie niemals gegen eine neue eingetauscht. Da ihnen jedoch heute, wie Pirruhn sagte, die schönste Frau ihres Lebens begegnet war, fühlten sie sich so froh und ausgelassen, daß sie das Bedürfnis hatten, ihrer Begeisterung viele Klangflügel anzubinden. Und weil sie hier keine Musikinstrumente zur Verfügung hatten, weder Geige noch Spinett, weder Flöte noch Klarinette, nur eine alte Mandoline, machten sie sich selber welche. Barbara schleppte alle Kämme herbei, die sie im Hause finden konnte. Die Delphine hielten ein Stück Butterbrotpapier davor und sangen drauflos. Es klang wie das Summen von Bienen, und durch die Zweistimmigkeit wurde es fast wie eine Orgel in der Kirche. Und mit Begleitung dieser Musik von Kämmen und einer verstimmten Mandoline sang Corenhemel das Lied von Katinka, das er von ihr gelernt hatte, als der Mond sich über die dunklen Wälder erhob. Es war das Lied, mit dem er seine Sehnsucht dorthin benetzte und betaute, das ihm wie ein Psalmgebet war, wie eine ferne Verehrung für seine kleine Russin, die vielleicht schon lange tot war. Er stand aufrecht an die Wand gelehnt, in seiner schlanken Gestalt, mit seiner sorgfältig gepflegten Kleidung und der silbernen Krone auf den weichen blonden Haaren. Sein glattes, blasses Gesicht wurde mager beim Singen, feine Nasenflügel zitterten, und seine Augen starrten auf etwas Schönes, das sich ihm langsam näherte. Schleppend und übermäßig traurig weinte dos Lied, das die Männer mit ihren Kämmen umsummten wie etwas sehr Zartes und Köstliches. In Corenhemel stieg die Unruhe, der Wunsch, drüben in der wilden Natur der Steppe mit seiner Katinka die große Liebe von früher von neuem zu erleben. Durch diese Sehnsucht hindurch traf ihn, wie eine scharfe Nadel, der Gram um seine Frau, die ihn durch ihre langwierige Krankheit ausschälte wie ein Ei. Corenhemel hatte nie viel gebraucht, um in diese Stimmung zu kommen: ein trauriges Lied, eine hübsche Frauenhand, einen einsamen Bogel, der gen Osten flog. Und jetzt waren es die schönen Augen Anna- Maries. Es war schon lange her, daß seine Freunde ihn so gesehen hatten in seiner Sehnsucht, die gewöhnlich schlummerte wie ein Teich am Sonntag. Aber jetzt hatte sie sich wieder erhoben und strömte mit dem Lied über die Ufer seines Herzens. Die Heiligenbilder. Sie waren nach und nach trunken geworden, hatten heiße Gesichter und verwirrte Gedanken, so daß sie nicht mehr wußten, in welcher Provinz sie wohnten. Der sanfte Schwan hatte sich, wie immer, beizeiten weggeschlichen; Kuckuck spielte immer noch auf der Mandoline, ohne daß ihm jemand zuhörte. Livinus erzählte von Gemälden und Heiratspapieren, die nicht kämen, er verwechselte Anna-Marie mit Grain d'Or und Grain d'Or mit Anna-Marie. Die seltene Schönheit dieser Frau hatte sein empfindliches Gemüt erschüttert, so daß er am Ende nicht mehr wußte, welche er nun heiraten sollte. Corenhemel zeigte eine traurige Miene und sprach mit Pirruhn Über Kotinka, und Pirruhn sagte zwischen jedem Satz: „Dieses Jahr noch heirate ich Adelaide, und Anna-Marie muh dabei sein." VandeNast war mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen; er gab dabei ein Geräusch von sich wie ein kleines Ferkel am Euter seiner Mutter. Zwanzigmal hatte Barbara die Männer schon gebeten, nach Hause zu gehen, da es bereits viel zu spät war; aber niemand kümmerte sich darum, und bann löschte sie einfach die Lampe aus, so daß sie ihren Wein nicht mehr finden konnten. „Wir wollen Anna-Marie unter ihrem Fenster ein Ständchen bringen!" schlug Livinus vor. „Aus—gezeichnet!" rief Pirruhn. „Gut!" sagte Corenhemel. „Wir holen unsere Instrumente." Sie zogen ab, aber Barbara rief sie zurück; denn sie hatten Van de Nasi uergeffen. „ßegt ihn auf einen Schubkarren, wir bringen ihn nach Hause", stotterte Pirruhn. Kuckuck und Livinus holten aus dem Stall einen Schubkarren, warfen den gekrönten VandeNast darauf und fuhren singend mit ihm weg; sie vergaßen ihre Hüte, aber sie trugen die glänzenden Lorbeerkronen auf dem Kopf. Barbara schloß hinter ihnen das Tor. Der Marktplatz lag still, leer und dunkel da. Das Rattern des Schubkarrens schlug seltsam widerhallend gegen die Giebelwände der schlafenden Häuser. Kuckuck wollte anfangen zu singen, aber Corenhemel versetzte ihm einen Stoß; erst wenn man an seinem Hause vorbei war, konnten sie machen, was sie wollten. Mit vorsichtigen Schritten, den Schubkarren langsam vor sich hinschiebend, während der Nachtwächter auf dem Turm sein „Schlaft ruhig!" in die Stille hinausblies, schlichen sie an dem reichen Hause Corenhemels vorbei. Die große Madonna der Sieben Schmerzen in ihrem Glasschrank wurde von einer runden Laterne beleuchtet, die sich im schwachen Winde wiegte. Eine gespenstische Helle tanzte auf dem traurigen Antlitz der Mutter Gottes, spiegelte sich in den goldenen Blumen der Porzellan- vafen neben ihr wider und glitzerte in den sieben Blechfchwertern, die in ihrem Mutigen Herzen steckten. Hinter den Fenstern des ersten Stockwerkes brannte ein schwaches Licht. Es war das Zimmer, wo die Kranke in ihrem jämmerlichen Elend lag. Die Männer guckten etwas ernüchtert hinauf und schwiegen. Corenhemel kannte dieses Licht, das ihn jede Nacht so vorwurfsvoll anstarrte. Er schloß die Augen davor, seufzte und verachtete fein trauriges Leben. Als sie an dem Haus vorbei, um die Ecke, in die Storchstraße ein- gebogen waren, fingen sie mit dem Schubkarren zu laufen an, so daß er auf den holprigen Pflastersteinen schüttelte und rüttelte, und sie sangen: „Hü! Pferdchen hü!" Dort, der efeubewachsenen Mauer des Beginenhofes gegenüber, stand, mit nach vorn überhängendem spitzen Giebel, das bescheidene Haus des Holzschneiders und Glockenspielers Van de Nast. Vor der Tür hielten sie an. Livinus flüsterte: „Also meine Herrschaften, ihr könnt ja machen, was ihr wollt, aber ich bleibe nicht hier stehen; denn es ist schon erbärmlich spät, und wir haben alle Aussichten, daß seine Frau uns einen Eimer Wasser auf den Kopf schüttet. Armer Van de Nast, dir wird es ja wieder dreckig gehen." „Ich bleibe auch nicht hier", sagte Corenhemel. „Wir wollen klopfen und uns dann aus dem Staube machen", meinte Livinus. „Ein guter GedankeI" piepste Kuckuck. „Ich werde nicht wanken und weichen, und wenn sie das ganze Meer über mich ausschüttet!" erklärte Pirruhn. Er drückte sich die goldene Lorbeerkrone fester auf den Kopf. Als er gerade im Begriff war, an der Messingklinke zu rütteln, faselte der schlafende Van de Nast: „O Nachtigall, o edles Tier ..." „Er will die Nachtigall hören", sagte Pirruhn. „Das soll er auch! Auf ins Feld!" Livinus fuhr mit dem Schubkarren weiter in der Richtung auf die Felder zu. Während die anderen sich entfernten, blieb Pirruhn zurück. In der nächtlichen Stille klang von weitem der leierige Gesang feiner Freunde. Er kam am Gefängnis vorbei und hörte hinter armstarken Eisen- ftäben das Schnarchen eines schlafenden Gefangenen. Da fiel sein Blick auf einen mageren Sankt Rochus, der hinter einem Eifengitter in einer Nische stand und von einer kleinen qualmenden Lampe beleuchtet wurde. Der Heilige zeigte dem Himmel die Wunde seines hölzernen Knies, und feine Augen blicken starr und traurig. Das flackernde Licht warf einen hellen Schein auf Pirruhns goldene Krone. Da las Pirruhn mit lauter Stimme, was auf einem kleinen Holzbrett geschrieben stand, das unter der eisernen Opferbüchse an die Wand genagelt war: „O Mensch, geh achtlos nicht vorbei Und bete zu dem heil'gen Mann Zwei Vaterunser oder breit Und wer es möglich machen kann. Der opfre, was er übrig hat, Damit aus unsrem frommen Land Und unsrer guten treuen Stadt Die Pest für ewig sei verbannt." Plötzlich fielen Pirruhn die Worte Ioo Pastors ein: „Dieses Jahr wird ein Unglücksjahr." Ihm war, als fühle er plötzlich den Tod um sich. Die Angst legte sich ihm wie Feuer ums Herz. Das war wahrhaftig noch nie bageroefen. Er schlug mit seinem Stock nach einem unsichtbaren Etwas. „Weg! Weg!" brummte er und schob durch den mit Spinnweben überzogenen Schlitz der eisernen Opferbüchse neun Frankstücke; er wollte gerade ein zehntes Frankstück hineinstecken, zog es aber plötzlich zurück. „Genug, du Nimmersatt!" schimpfte er, steckte den Franken wieder ein und schritt durch die Nacht nach Hause. Er hatte seine Kameraden vergessen. Er hotte seinen Schlüsiel aus der Tasche, und obwohl er noch straßenweit von seinem Haus entfernt war, hielt er ihn ausgcftrerft in der Hand, um ihn ins Schlüsselloch zu stecken. „Dieses Jahr noch heirate ich Adelaide ... und Anna-Marie muß dabei sein!" murmelte er ununterbrochen vor sich hin. Die Mainacht hing wohlig kühl mit ihren glänzenden Sternen über der kleinen 6'abt. Die Menschen frfiliefen, und die Nachtigallen fangen in den duftenden Gärten. An den Straßenecken hinter ihren armfeligen Lichtern bewachten die Heiligenbilder die Wett, um sie vor drohenden Gefahren, vor Unheil und Elend zu schützen. Das Blaue Haus. Cs war ein sehr altes Haus, das einen Dornübergeneigten, mit Stufen verzierten Giebel hatte, der einst gekalkt war, dann aber durch die Feuchtigkeit lange blaue Streifen und Flecken bekommen hatte. Die beiden Geländer an der fiebenftufigen Treppe stellten zwei eiferne Schlangen dar, die einen Apfel aus Messing im Maul hielten, und über der weißen Tür mit dem großen Messingschloß war an einem Stein ein Becher ausgehauen, den Regen und Wind fast roeggefreffen hatten. Die hohen Fenster waren klosterähnttch in kleine petroleumfarbige Scheiben eingeteilt. Auf dem Lindendeich war es still, sehr still. Die Nethe floß hier schmal und ruhig vorbei. Am Ufer standen flach beschnittene Lindenbäume, in denen viele Spatzen wohnten, und drüben erhoben sich unmittelbar aus dem Wasser die feuchten Mauern einer Klosterschule. (Fortsetzung folgt.) Das Wunder im Kornfeld. Von 21 u g u ft Kopifch. Der Knecht reitet hinten, der Ritter vorn, Rings um sie woget das blühende Korn ... Und wie Herr Attich herniederfchaut, Da liegt im Weg ein lieblich Kind, Bon Blumen umwölbt, sie sind betaut, Und mit den Locken spielt der Wind. Da ruft er dem Knecht: „Heb' auf das Kindl" Absteigt der Knecht und langt geschwind: „O, welch ein Wunder! — Kommt daher! Denn ich allein erheb es nicht." Absteigt der Ritter, es ift zu schwer: Sie heben es alle beide nicht! „Komm, Schäfer!" — sie erheben's nicht! — „Komm, Bauer!" — sie erheben's nicht! Sie riefen jeden, der da war. Und jeder hilft: — sie hsben's nicht! Sie stehn umher, die ganze Schar, Ruft: „Welch ein Wunder, wir heben's nicht!" Und das holdselige Kind beginnt: „Laßt ruhen mich in Sonn und Wind: Ihr werdet haben ein fruchtbar Jahr, Daß keine Scheuer den Segen faßt: Die Reben tropfen vom Most« klar, Die Bäume brechen von ihrer Last! Hoch wächst das Gras vom Morgentau, Von Zwillingskälbern hüpft die Au; Von Milch wird jede Gölte nah. Und jeder Arme hat genug im Land; Auf lange füllt sich jedes Faß!" So fang das Kind da — und verschwand. Oer Nachtwächter. Von Nikolaus Schwarzkopf. Den Nachtwächter bekam ich fetten zu Gesicht, weil der Mann bei Tag zumeist schlief, und ich in der Nacht, da er umging, weder im Wirtshaus noch auf der Gaffe mich Herumtrieb. Er hieß der Tambour, weil er dereinst beim Militär dies gewesen. Er wohnte bis zu meinem funs- ten Jahr dicht neben uns im Erbseneck, weshalb ich aucf)- heute noch em so braver Mensch bin. Damals brannte sein Häuschen ab und man kann sagen: anderen hat er Haus und Hof bewahrt, sich selber aber nicht; ich weih noch, wie er mich, als fein Häuschen schon voll in Flammen stand, aus dem Bett ritz und auf feinen Armen an den Flammen vor- übertrug, denn unser Haus stand in Gefahr. Er legte miet;) m emem ferner stehenden Haus puf einen Strohsack, aber von dort aus stchich noch die Flammen. Am Giebel kletterte em alter Iraubenftorf empor der bis auf einen Stumpf niederbrannte und dann von Lehm und Stein völlig verschüttet ward Als mein Vater, der die Brandstätte kaufte, auf- räumte, hackte er den Stumpf ab, aber im Frühjahr kam der Traubenstock wohlbehalten mit frischen Trieben wieder hervor^ Der Tambour baute sich ein Haus ans Ende des Dorfes, und er brachte über den vier Fenstern Sprüche an: Der Eine bedachts! Der Andre machts! Der Dritte verlachts! Aber was machts? Der Nachtwächter ging gleich dem Polizeidiener mit einem Farren- schwanz bewaffnet in den Dienst, das ist der Schwanz eines Farren oder Stiers einen halben Meter lang, am einen Ende in Knochen und verknorpeltes Fett verdickt, eine unheimliche Waffe. Der Farrenschwanz hing unsichtbar unterm Mantel und deutete sich durch einen Wulst m den Mantelsalten kaum erkenntlich an. In der einen Hand hielt der Nachtwächter die winzige Laterne, in der anderen bas Horn. Das war em Kuhhorn. Das Dorf war des Abends völlig dunkel; Lichtbundel, die aus einem Fenster fielen, erhellten spärlich da und dort ein Viereck, aber wenn der Mond am Himmel stand, dann waren die geschwungenen Gassen mit den spitzen Giebeln zauberisch schön. Der Mond legte jeden Giebel herunter aufs Pflaster, und da auf vielen Dachnasen Heine Männlein aus Ton sahen, lagen auch die auf dem Pflaster. Am Rand des Dorfes flackerten bald da, bald dort, die Flammen der Häfner, wenn die Häfner „brannten", d. h. wenn sie in ihren Brennöfen Feuer hatten. Da züngelte das Holzfeuer aus den niedrigen Schornsteinen heraus und beflackerte Baum, Werkstatt und Holzreihe, aber bis ins Dorf herein reichte der Schein nicht. Weil das Häfnerfeuer 30 bis 40 Stunden lang brennen mußte, gab es keine Nacht, die das Dorf von außen her nicht irgendwie angehellt hätte. Die Häfnersburschen, die da beim Feuer zu wachen hatten machten dem Nachtwächter viel zu schaffen. Sobald sie „aufgelegt" hatten, b. t). sobald sie etliche Arme voll ihres gespaltenen Holzes ins «churloch eingeschoben hatten, konnten sie für eine halbe Stunde schlafen oder um- yerschweifen, und sie schweiften lieber umher. Sie trafen sich mit ihren Mädchen, sie stahlen auf den Feldern einen dicken Kürbis, höhlten ihn aus, schnitten ein Gesicht in die Rinde und stellten ein Licht hinein, daß eine gräßliche Menschenfratze teuflisch hervorgrinste. Häfner wähnen sich gern dem Schöpfer verwandt, dem lieben Gott, weil der liebe Gott die Menschen aus Häfnerton geknetet hat, und sie erlauben sich, auf diese handwerkliche Verwandtschaft zu sündigen. Es gab auch Burschen, die begnügten sich nicht, bei jungen Mädchen die süßen Früchte zu stehlen, die liefen, wenn sie von dem biblisch verbotenen Apfelbaum genascht hatten, hinaus ins Feld und stahlen den Bauern die Äepfel. Der Tambour war besonders scharf auf die biblischen Näscher. Wenn er an einer der langen Reihen Brennholz vorüber kam, die da hinter den Werkstätten aufgesetzt waren, bann merkte er schon am Quaken der Frösche ober am Duft bes Wiesenheus ober an einem funkelnben Stern, baß ba hinterm Holz ein Pärchen sich aufhielt, unb oft kannte er auch bas Pärchen. Er brauchte ba nur mit bem Farrenschwanz an bas Hotz xu rühren, unb sogleich schwirrte auseinanber, was zu früh beisammen war. Hinter bem Mäbchen ging ber Tambour sachte brem, er wollte hören, wie bie Haustür ins Schloß knackte, unb wenns noch so leise war. Sonntags wars besonbers toll. Da trug bie ganze Jugend ihre Minne umher, ba war man fein gekleidet, da hatte man einen Schoppen getrunken, an den man nicht gewöhnt war, ba bufteten b>e Akazien heftiger, bie Sterne funkelten heller, bie Musikanten hockten irgenbwo beisammen unb spielten, im Verein würbe von Lieb und Leib gelungen, unb ba schlugen bie Herzen höher. Sonntags gabs auch Hanbel hin unb her, weil bie Fässer rascher fließen, unb weil bann bie Wirtshäuser nicht leidit zu säubern sinb. Aber um ein Uhr in ber Nacht mußten die Wirtschaften geschlossen werben, und um zwei Uhr durfte niemand mehr auf der Gasse sein. Der Tambour trug eine Katze unterm Arm, rote es hieß, unb er sah alles. Gar manches Brautpaar hab ich am Altar stehen sehen, das burchs Mester zusammen kam. Gar manchmal bin ich am TOon ag früh in bie Kirche gegangen, unb auf ben blauen Pflastersteinen lag Blut Unb einmal, vor vierzig Jahren, als bie Pont,k unterm kleinen Volk einzog, lieferten bie Roten ben Schwarzen eme voll ausgewachsene Schlacht in der Neujahrsnacht. Und well Pflastersteine die bilUgsten Ge choste sind, hatte mein Vater, der Pflasterer war eme ganze Woche lang zu tun, das Pflaster wieder herzustellen. Bei dieser Schlacht war kein Tambour zu sehen, kein Polizeidiener unb fern Bürgermeister, benn gegen Pflastersteine kommt ein Farrenschwanz nicht auf. Der Nachtwächter blies auch noch bie Stunben aus. Da er gleich allen Urberachern mit Musik gesegnet war (ich hab es schon oft gefaxt .baß bies damit zufammenhängt, daß ber hebe Gott ein ^°pfer war vielleicht ein Urberacher), ließ er in ,eme Hornstohe allerlei Geschnorkel ein- strömen, wie ers beim Kirchenlieb lernte, bas bamals noch nicht gereinigt war, und bie Urberacher geheimnisten noch mancherlei bazu. .Mein Lieschen braucht neu neuen Hut, Hut, ^ut! fang seine eintönige Weise, unb weil bamals bie Hüte noch lange Schleifen hatten, hielt er ben letzten Ton miheimlich lang an, bis bte Schleife heruntergewachsen war an bie Absätze. Süße Gifte rührten den Nachtwächter nicht. Süße Gifte rühren keinen ausgereiften, wackeren Mann. Ein Frember, ber im Dorf wellte bte Häfnerei zu erlernen, ein Frankfurter Tunichtgut der nebenbei em Künstler war, formte einst aus Erde den gediegenen Kopf unseres Nachtwächters und dieser Frankfurter Zeiljäger betörte ben aufrechten Mann unb machte ihn oft betrunken. Damals riß Unsitte über Unsitte im Dorf ein, ber Polizeibiener würbe täglich betrunken gemacht — obg(ei$ ein börslicher Polizeibiener bamals, bem Monbe gleich, nur alle wer Wochen einmal voll fein bürste, ber Bürgermeister lernte rote man städtisch zecht, selbst ber Lehrer ließ sich verführen, und nur ber Pfarrer blieb stand- haft. Ich seh den guten Mann noch auf der Kanzel stehen und wettern, und bitten unb flehen unb bie Hölle heizen, umsonst: ber Zeiftager laberte selber Hölle, burch bie alten Gassen unb trug seinen Branb von Haus zu Haus. Was solch ein räudiges Schaf, zumal, wenn es ein Künstler ist und die Gabe der Verführung tm Blut hat, alles anrichten kann unter ber Herbe, bas geht auf keine Kuhhaut, w,e man fo fagt 2lber ich hab mir vorgenommen, ben Burschen, ber noch lebt unb noch lodert eines Tages an seinem schwarzen Schopf herauszuheben aus ber dörflichen Gemeinschaft, bie er verdorben hat unb überhaupt ben groß- städtischen Herrschaften einmal gründlich die Leber zu schleimen. Es ging noch so einer aus der Großstadt ab und zu tn meinem Dorf kern Kunst, ler, aber ein Hochgebildeter, dem werd tchs auch einmal zu stecken haben. Der in sträflichem Uebermut gezeugte Kopf des Tambour steht heute als Dachnase auf dem neuen Haus des Nachtwächters, und wer ihn sehen will, der komme einmal. Im Winter werfen die Buben mit Schneeballen „ach ihm, aber er trotzt, Gott sei Dank, durch die Jahre sedem Angriff. Ich freue mich, durch gefährliche Jahrzehnte hindurch meine Liebe zum Tambour bewahrt zu haben unb zu aller geheiligten Orbnung. Er war ber letzte Nachtwächter alten Schlags. Heute sind bie Nachte hell aeroorben aber bas Laster hat nicht abgenommen. DieKirchenuhrght falfcbi" sagt heut jeber Lausbub, wenn ber Stunbenfchlag einmal em paar Setunben Später kommt als ber Gongschlag des Funks, unb viele setzen gleich hinzu: „Ich glaube daß man auch auf den Herrn Pfarrer selber sich nicht mehr so recht verlassen kann! Nachtwächter, Feldschütz und Polizeidiener haben die gleichen Schutz- vairone- ben heiligen Georg, ben Ritter, unb ben heiligen Florian, ben mit bem ichsüchtig verkleinerten Horizont, ber mein Haus verschonen und das bes Nachbars anzünben möge. St. Georg, E" kennt ihm ben „ töter steht mit hochgeschwungener Lanze bei Tag und Nacht aus oen Mar'ktvlätzen und das Wasser rauscht ringsum zu seinen Fasten. Er hat nufier so kleinen Leuten auch noch andere zu beschützen, große Herren, bi? Herren ber Welt unb ber Weltgeschichte. Er ist Derant.ro°rtI,(~’, oielerlei unb wer ba annehmen wollte, er fei nur so nebenbei ber Schutz herr ber kleinen Leute, ber kennt sich schlecht aus '»der himmlischen Rang- orbnung. In der himmlischen Rangordnung stehen Nachtwachter, Feldschutz : und Polizeidiener hinter keinem König zurück. Von Hans Brandenburg. Erzähl' wasl Erzähl' was!" riefen die Kinder, die fremden und die eigenen, und riefen die Erwachsenen, Mutter und Tante. Denn niemand konnte erzählen wie der Vater, nichts aus seinem Leben schien er vergessen zu haben, und alle Menschen, selbst unbekannte, vertrauten ihm ihr Leben an. Aber am liebsten hörte man das schon Gehörte, ja, um so lieber, je öfter man es schon gehört hatte. Wie bei jedem echten Erzähler wurde es jedesmal ein wenig anders, auch lag die Wahrheit in der Uebertreibung, aber wie zur öffentlichen Anerkennung, daß in beiden die eigentliche Erzählkunst besteht, wünschten sich die Zuhörer gerade am meisten des Erzählers Aenderungen und Steigerungen, auf denen sie ihn zwar wie auf einem Schwindel ertappen wollten, aber nur um sich dem Zauber dieses Schwindels um so heiterer hinzugeben. Und wie das Publikum einen Vortragskünstler auf seinem Repertoire festhält und ihm zuruft, was es im Augenblick von ihm verlangt, erst find die Wünsche verschieden, und jeder scheint seine besondere Lieblingsnummer zu haben, bis sich allmählich alle auf ein und denselben Wunsch einigen, so war es auch hier, und alle riefen nach kurzem Auseinandergehen in der Frage, von was der Vater erzählen sollte, einmütig: „Von Bad Ems!" und ahmten dabei mutwillig die Aussprache des Vaters nach: „Batt Ehms!" Der Vater ließ sich nicht lange bitten: „Da ist mein Feldzugskamerad, der Maler und Anstreicher Louis Ouambusch, hier in Hiddringshausen. Er war einer meiner tüchtigsten Leute und erhielt auf meinen Vorschlag das Eiserne Kreuz 1. Klasse, ein seltener Fall im Mannschaftsstand, denn er hatte durch seine Tapserkeit als einzelner ein Gesecht zu unseren Gunsten entschieden. Doch davon ein andermal. Nachher tm Zivilleben tat er es nicht so gut wie manche solcher Mordskerle. Vor allem trank er gerne einen, und auch über den Durst. So kam es, daß er eines Tages etwas verbrochen hatte. Was es gewesen ist, darüber schweigt die Weltgeschichte — jedenfalls mehr eine Torheit aus Leichtsinn als eine Gemeinheit, immerhin etwas, was gegen das Strafgesetzbuch verstieß. Ich weiß ja, was es war, aber da es vergessen werden und ihm nicht für immer angehängt werden soll, denn gerade darum handelte es sich für uns, feine Kameraden, darf ich es nicht verraten. Genug: er wurde verdonnert und sollte sitzen. Und genug, Senug; wir wollten es verhindern. Er wäre dann bestraft gewesen, hätte üne Kundschaft verloren und wäre noch mehr an den Suff gekommen und noch tiefer in feine Dummheiten und märe am Ende wohl mit Weib und Kindern ins Elend geraten; dabei war er im Grunde ein braver Mensch und fleißig und ordentlich in seinem Handwerk. Wir wollten uns für ihn verwenden, doch nur, wenn er auf Mannesehre Besserung gelobte; er tat es und hat sein Versprechen bis heute gehalten. Ich machte eine Eingabe an das kaiserliche und königliche Privatkabinett in Berlin mit der untertänigsten Bitte, daß Seine Majestät die Ritter des Eisernen Kreuzes aus unserer Stadt als Bittsteller für einen ihrer Kameraden aUergnäbigft in Audienz empfangen möchten. Es kam eine Antwort mit der allergnädigsten Bewilligung; ich, der Urheber und Aussetzer jenes Gesuches wurde zum Führer und Sprecher jener Deputation gewählt, der alle unsere Träger des Eisernen Kreuzes angehören sollten — außer natürlich Louis Ouambusch, der aber plötzlich gern in den Kasten und damit in die Schande gegangen wäre, wenn er nur mit uns vor das Angesicht seines geliebten und verehrten Obersten Kriegsherrn hätte treten dürfen." „Dieser unser nun seliger, siegreicher, greiser König und Kaiser Wilhelm weilte damals zur Kur in Batt Ehms" — Kinder und Erwachsene kicherten, der Vater wußte nicht warum, ließ sich jedoch nicht stören —, „und dorthin wurden wir beschieden. Wir sollten uns morgens auf der Brunnenpromenade einfinden, dort Aufstellung nehmen und warten, bis der hohe Herr des Weges käme und fein Adjutant uns meldete. Wir brauchten nicht lange zu warten — pünktlich mjt dem Schlage der Uhr trat die Majestät ihren Gang an, soldatisch ungebeugt, trotz der Last ihrer weit mehr als biblischen Altersjahre, und hielt ihr Trinkglas in der Hand, von welchem sie von Zeit zu Zeit einen Schluck durch das gläserne Röhrchen nahm. Ich ließ meine Kameraden sich ausrichten, die zum Teil schon stattlichen Bäuche einziehen — Ordensbrust heraus! und Front zur Allee nehmen. Der hohe Herr näherte sich — Stillgestanden! Ich trat, Hände an der Hosennaht, drei Paradeschritte vor." Der Vater war aufgesprungen und wiederholte, was seine Rolle 'anbetraf, während des Erzählens die unvergeßliche Szene von damals. Er hatte das Stichwort für die üblichen Zwischenrufe feiner Kinder gegeben und erwartete sie, hatte aber nicht länger zu warten als die zwei, dr-i Sekunden, die sie in der Atemlosigkeit ihres Lauschens brauchten, um Luft zu fassen. „Und hattest du nicht Herzklopfen?" riefen sie wie einftubicrt in der gewohnten Weise. „Herzklopfen? Stimme zittern?" rief der Vater. „Wo ich das Glück und die Freude erlebte, zum erstenmal meinen Obersten Kriegsherrn, unseren König und Kaiser von Angesicht zu Angesicht zu sehen und mit ihm zu reden, die Brust geschmückt mit der Auszeichnung, die er mir verliehen hatte? Angelacht hätte ich ihn, wenn der Moment und unsere Sache nicht so ernst gewesen wären!" Und er blitzte unter seinen buschigen Brauen mit feinen blauen Augen die kleinen Hörer an, als feien sie die Majestät, die sich überzeugen sollte, daß diese Soldatenwimpern auch vor einem Kaisergruh nicht zuckten. Mit plötzlicher veränderter milder Stimme fuhr er fort: „Was wollen diese Leute?" wandte sich der Kaiser an feinen Begleiter, der ihm mit einer leisen Erklärung unsere Angelegenheit ins Gedächtnis zurückrief. Er war sogleich im Bilde, trat huldvoll an uns heran, las Die angesteckten Schlachtenschildchen neben unseren Auszeichnungen, reichte jedem von uns die Hand und fragte ihn über Einzelheiten über die von ihm miterlebten Kampfhandlungen, über die er sich bis ins Oeinfte unterrichtet zeigte, und wo und wie er sich das Kreuz verdient In militärifdjer Haltung trug ich mit lauter Stimme unser Bittgesuch vor und schloß: Wie wir im Felde zusammengestanden und einer den anderen, wenn es nottat, heraushaute, so wollen wir auch im Lebensgefecht für einen strauchelnden Kameraden einstehen. Er hat sich ein einziges Mal vergangen, aber sonst gut geführt, und wir meinen, daß fein Verdienst um Kaiser und Vaterland, für die er sein Leben in die Schanze zu schlagen bereit war, größer ist als feine Schuld, und daß ein Ritter des Eisernen Kreuzes Verzeihung erflehen und erhoffen und nicht mit den ©einigen um Brot und Ehre kommen darf. Wir bitten daher Eure Majestät, unseren Obersten Kriegsherrn, den ehemaligen Füsilier und jetzigen Maler und Anstreicher Louis Ouambusch begnadigen zu wollen." Der Kaiser lächelte und befahl seinem Adjutanten, sowohl die Gerichts- wie die Regimentsakten über den pp. Ouambusch einzusordern und ihm vorzulegen. Zu uns sich kehrend, sagte er gütevoll, daß der Fall von ihm freundlich geprüft und erwogen werden solle, ich kommandierte wieder .Stillgestanden!', und der liebe alte Heldenkaiser" — der Vater dämpfte und verlangsamte die Stimme immer mehr — „schritt militärisch grüßend weiter. — Die Begnadigung erfolgte bald darauf." Hundertfünfzig Jahre „Italienische Reise". Don Adolf Peter Paul. Man muh schon diesen kalten regnerischen Sommer unseres Mißvergnügens erlebt haben, um ganz zu verstehen, was den Sachsen- Weimarer Geheimrat Goethe vor 150 Jahren nach Italien trieb. Gewiß war [eine Sehnsucht nach dem gelobten Lande, dem er schon zweimal so nahe gewesen, groß, die Alten riefen ihn über die hohen Berge, „die Sehnsucht von 30 Jahren ist gestillt!" schreibt er dicht vor Rom. Gewiß war fein Verhältnis zur Frau von Stein ihm gerade damals in mehr als einem Belang eine Quelle der Pein geworden: Aber kein geringerer Anlaß zur Flucht aus Karlsbad war für Goethe das ihn abstoßende Klima des „Nordens". „Unter diesem ehernen Himmel", seufzt er, oder er schreibt von Italien: „Wir Cimmerier im ewigen Nebel und Trübe wissen kaum, was Tag sei... Denn welcher Stunde können wir uns unter freiem Himmel erfreuen!" Und: „Es ist mir, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfang, zurückkäme." Und von den Wolken, die er in Tirol sieht, sagt er: „Das zieht nun alles nordwärts und wird euch trübe und kalte Tage machen." Und es ist in der Tat dasselbe, was jeder Italien- reisende heute noch empfindet: der ungeheure Unterschied des Klimas, des Pflanzenkums, das Erlebnis der Fülle und des Segens, schlechthin das Gefühl der Wärme auf allen Gebieten des Lebens. Und wenn Goethe am Schluß der Reife feinem Herzog schreibt, die Gründe zu feiner Reife feien die gewesen, „mich von den physisch - moralischen liebeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten, und den heißen Durst nach wahrer Kunst zu stillen", so ist mit dem ersteren im wesentlichen neben den seelischen Nöten („ich finde, daß der Verfasser des Werther übel getan hat, sich nicht nach beendigter Schrift zu erschießen", Juni 1786) der klimatische gemeint. Und wie sehr ihn das Land, wo die Zitronen blühen, beglückt hat, ergibt sich aus mannigfachen Aeußerungen: „Ich fange nun erst an zu leben" ... „Ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiederkunft an dem Tag, wo ich Rom betrat" ... „Ich finde hier die Erfüllung aller meiner Wünsche und Träume." Rom ist für ihn der Ort, der für ihn allein auf der ganzen Erde zum Paradies werden kann. Wir hatten vor kurzem Gelegenheit und das Glück, mit Goethes „Italienischer Reise" in der Hand, seinen Weg von Mittenwald über Innsbruck, Brenner, Bozen und den Gardasee (mit seinem gefährlichen Erlebnis in Malchesine), über Verona, Vicenza, Padua nach Venedig zu verfolgen und müssen sagen, daß wir an Goethes Führung einen sehr hohen Genuß gehabt haben; nicht nur, daß er uns — wie sonst der Baedeker — auf so viele Dinge aufmerksam machte, auf die man als Reisender nicht immer achtet, nicht nur auf die Kunst, sondern auch auf Geologie, Steinkunde, Pflanzenkunde, Volkstum und Volksleben, Wind und Wetter, Theater und Musik feiner Zeit, nicht nur, daß feine herrliche Sprache uns die Dinge, die wir sahen, verklärte und schöner machte, sondern auch das ist von großem Zauber: wenn er selbst sich beglückt fühlt, etwa den Gardasee durch eine einzige Zeile Vergils veredelt zu sehen, wenn ihn die Antike, die aus dem Antlitz der Landschaft ihn anblickt, so entzückt, daß er ihr Erlebnis in die unbeschreiblich schönen Worte faßt: „Der Wind, der von den Gräbern der Alten herweht, kommt mit Wohlgerüchen wie über einen Rofenhügel", so dürfen um fo eher noch wir die Stätte, die der edle Mensch betrat, eingeweiht finden, daß nach hundert Jahren, es sind heute 150 geworden, sein Lied den Enkeln fortklingt: Tirol mit seinen Augen sehen, den Gardasee nunmehr von ihm „veredelt" finden, in Verona und Venedig usw. die Stätten doppelt genießen, auf denen fein Auge geruht. Cs hat sich ja im Grunde nichts verändert, denn die Kunst und die Natur, sie waren zu Goethes Zeiten „fertig", es ist nichts Neues hinzugekommen, was des Genießens wert wäre. Die antiken Mauern, die Dome und Paläste stehen heute noch; die Landschaft zeigt „ungeheure Dinge" wie damals; der See lacht ober stürmt wie zu Zeiten Catulls, Vergils oder Goethes. Und wenn sich Goethe in Venedig mit großer Begeisterung die Komödie le Barufte Chiozotte von dem großen Goldoni angesehen (dessen Denkmal auf der Merceria steht), fo war es bedeutsam, daß in diesem Sommer in Venedig die Anschlagsäulen und Straßenecken voll waren von der Einladung zur Festaufführung eben desselben Stückes. Goethe sah noch den Dogen am Hochamt in St. Justina teilnehmen, wir erlebten einen Schwarzhemdenaufmarsch im Klang der Giovinezze auf dem Markusplatz — an dem, was groß und wahr und ewig ist, hat sich nichts geändert, vor dem Antlitz der Kunst und der Landschaft sind 150 Jahre nur ein kurzer Tag. Drrantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'fchr UniverfitätS-Duch- und Eteindr uckerei, R. Lana«. Sieben. GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 59 Montag, den 3. August Jahrgang 1936 Colour & Grey Control Chart Blue 'tlg „Was wollen Sie hier? 4 3 2 Z £ t7 S 9 L 8 6 trotzdem Diadem hielt er anderen oanes. picta genügte dem jungen Mann. Er gefährlichen Augenblicken schnell kühn wie möglich zu handeln. Leben aufs Spiel setzte, war er dauerte es eine ziemliche Zeit, bis er ein großes Brillanten- aus dem Aermelfutter zum Vorschein bringen konnte. Dieses hoch und betrachtete es einige Sekunden, bevor er es zu den Edelsteinen in die Hutschachtel legte. irl it- eie nb M )re tat ich MO in im bie tes ¥ •it t> er 4t ch- r> er 'z er er r Er zog seinen Mantel aus, der ihn in seinen Bewegungen hätte hindern können, ging in den Waschraum und blieb dort stehen, um zu horchen. Wie er erwartet hatte, war nichts anderes zu hören als das Rattern des Zuges. Er erfaßte den Knopf der anderen Schiebetür und zog sie vorsichtig um etwa sechs Zoll zur Seite. Und dann entfuhr ihm unwillkürlich ein Ausruf der Ueberrafchung. John Vandeleur trug eine Reisepelzmühe mit Ohrenklappen; diese, in Verbindung mit dem Donnergerassel des Zuges, verhinderten ihn vielleicht, von dem Besuch des Herrn Rolles etwas zu bemerken. Jedenfalls blickte er nicht auf, sondern fuhr in einer seltsamen Beschäftigung fort. Vor ihm stand eine offene Hutschachtel; in der einen Hand hielt er den Aermel seines Pelzmantels, in der andern ein langes Messer, mit welchem er soeben das Futter dieses Aermels aufgeschlitzt hatte. Rolles hatte davon gelesen, daß manche Menschen Gold in einem Leiboürtel trügen; da er aber in seinem Leben nur Kricket-Gürtel gesehen hatte, so hatte er sich niemals eine richtige Vorstellung machen können, wie so eine Geldkatze aussähe. Jetzt aber erblickte er etwas noch viel Sonderbareres: John Vandeleur trug allem Anschein nach Diamanten in dem Futter seines Aermels, denn der junge Geistliche sah einen blitzenden Brillanten nach dem andern in die Hutschachtel fallen. Unfähig, eine Bewegung zu machen, blieb er auf dem Fleck steben und sah dem Diktator bei seiner eigentümlichen Beschäftigung zu. Die ]r Rolles eine Erleuchtung: er erkannte in ihr so- Schatzes, den der Strolch dem unglückseligen t hatte. Hierüber konnte kein Zweifel obwalten: sie : der Geheimpolizist sie lhm beschrieben hatte! Da e, da der große Smaragd in der Mitte, da die ieten Halbmonde und die birnenförmigen herab- die das Diadem der Lady Vandeleur so besonders Zeitraum war nicht lang, aber er war einer von den Menschen, die in denken können, und er beschloß, so Und obwohl er fühlte, daß er sein der erste, der das Schweigen brach. Mitteln." Mit diesen Worten zog er in aller Ruhe das Kästchen aus der Tasche, zeigte dem Diktator einen Augenblick den Diamanten, steckte ihn wieder ein und sagte: „Er gehörte stüher ihrem Bruder." John Vandeleur fuhr fort, ihn mit einem beinahe schmerzlichen Erstaunen anzustarren; aber er sprach kein Wort und machte keine „Ich bitte um Verzeihung", sagte er. Der Diktator zuckte zusammen, und seine Stimme war heiser, als er fragte: en ng. ter len er u- ne( gte 12 13 14 15 16 17 18 19 20 9 10 5 6 7 8 yis phe, iller unb mar stauch aber ische ifter. seine reiben- ni- oier- bie Liszt oer- iaft itige Er rächt flnet ie >n tben, unb Ä -zeigt Am unb K°m- lich jiihr- liebek । aU au-h 1875 eW- 16 ch C cm 1 Der Diamant öes Raöschah von Robert Louis Stevenson „Ich interessiere mich ganz besonders für Diamanten", antwortete Rolles mit vollkommener Ruhe und Selbstbeherrschung. „Zwei Kenner sollten Bekanntschaft miteinander machen. Ich habe selber eine Kleinigkeit hier, die vielleicht dazu dienen mag, die Bekanntschaft zu ver- Schachtel gedeckt. Eine halbe Minute lang starrten die beiden Männer schweigend einander an. Dieser ungeheuer erleichtert: der Diktator war in den so verwickelt, wie er selber — keiner durste den diesem Glllcksgefühl stieß der junge Geistliche einen md da ihm in den vorhergehenden Stunden der en geworden war, so folgte diesem Seufzer ein stickte auf; eine wilde Leidenschaft verzerrte sein waren weit aufgerissen, und in einem Erstaunen, ^/6 V^. klappte sein Unterkiefer herunter. wui einet inei-maßigen Bewegung hatte er den Mantel über die Diamanten waren größtenteils klein und fielen weder durch Größe noch durch Feuer auf. Plötzlich schien dem Diktator ein Hindernis zu begegnen; er mußte beide Hände zu Hilfe nehmen und beugte sich dabei vorneüber; Green Grey 2 Magenta Black Yellow Grey 3 Red Grey 4 Cyan Grey 1 _ . ___J — n... ...» —— |v.M»yv »H/ IWHIVIIIVHV wieder ein Wort gegen den Talar sagen!" „Sie schmeicheln mir", sagte Rolles. „Verzeihen Sie mir", versetzte Vandeleur, „verzeihen Sie mir, junger Herr! Sie sind kein Feigling, aber wir müssen erst noch sehen, ob Sie nicht vielleicht der allergrößte Dummkopf sind. Vielleicht", fuhr er fort, indem er sich auf seinen Platz zurücklehnte, „vielleicht würden Sie so freundlich sein, mir noch einiges zu sagen. Ich muß annehmen, daß Sie bei der erstaunlichen Frechheit Ihres Vorgehens einen gewissen Zweck verfolgten, und ich gestehe, daß ich neugierig bin, diesen kennenzulernen." „Er ist sehr einfach", antwortete der Geistliche; „er erklärt sich durch meine große Unerfahrenheit in allen Dingen des Lebens." „ „Es wird mich freuen, wenn Sie mich davon überzeugen", antwortete Vandeleur. , , „ Hierauf erzählte Rolles ihm die ganze Geschichte, wie er mit dem Diamanten des Radschah in Verbindung gekommen war. Von dem Augenblick an, da er ihn in Raeburns Garten gefunden hatte, bis zu dem Augenblick, da er im „Fliegenden Schotten" London verlassen hatte. Er schildert« in kurzen Worten seine Gefühle und Gedanken während der Reise und sagte zum Schluß: , , ,21(5 ich die Tiara erkannte, da wußte ich, daß wir beide uns in der gleichen Lage der Gesellschaft gegenüber befinden, und es erfüllte von einem Dutzend verschiedener Angstgefühle gequält. Der alte am anderen Ende des Wagens erschien ihm in den furchtbarsten Gestalten, und wie er auch zu liegen versuchte, der Diamant in seiner Tasche verursachte ihm ein fühlbares, körperliches Unbehagen. Der Stein brannte, er war zu groß, er drückte auf feine Brust, daß ihm die Rippen schmerzten, mehrere Male fühlte er eine blitzschnelle Versuchung, den Stein zum Fenster hinauszuwerfen. Während er so dalag, ereignete sich etwas Seltsames. Die Schiebetür zum Waschraum bewegte sich ein kleines Stückchen und dann noch ein kleines Stückchen und wurde schließlich so weit zurück- aeschoben, daß eine Spalte von ungefähr zwanzig Zoll entstand. Die Lampe im Waschraum hatte keinen Schirm, und in der hellen Oefsnung, die infolgedessen entstanden war, konnte Rolles den Kopf des alten Vandeleur bemerken, der mit gespannter Aufmerksamkeit in sein Abteil hineinspähte. Er fühlte, wie der Blick des Diktators auf seinem eigenen Gesicht lag, und das triebmäßige Gefühl der Selbsterhaltung veranlaßte ihn, seinen Atem anzuhalten, ohne jede Bewegung seine Augen geschlossen zu lassen, um unter den Wimpern hervor seinen Besucher zu beobachten. Nach einem kurzen Augenblick wurde der Kopf zurückgezogen und die Schiebetür wieder geschlossen. Der Diktator war nicht in der Absicht gekommen, einen Angriff Lu machLü. sondern. Lu_ beobachten.: es war offenbar nickt leine Abfickt. trtntor