Nummer 58 Zreitag, den 5(. Juli Jahrgang 1956 schrift beiseite legte. der Fremde. „Weni Ich, mein Herr",, fuhr der Geistliche fort, „bin ein Einsiedler ein hrter. ein Geickövs. das sich in einer Umgebung von Tmtenflaschen Sietzener Zamilienbliitter Unterhattungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Aus seinem Heimwege kaufte Rolles ein Werk über Edelsteine und mehrere Gaboriausche Romane. In diesen letzteren las er eifrig bis spat in die Seicht; aber obgleich sie ihn zu manchem neuen Gedanken anregten konnte er doch nirgends entdecken, was einer mit einem gestohlenen “■SKSÄ'm bl. mm» «*»»" romantische Erzählungen emgehullt waren, statt emfach klar uM deutlich mitaeteilt zu werden, wie man es in wissenschaftlichen Handbüchern findet Er zog daraus den Schluß, daß der Schreiber, weim er auch viel über diese Gegenstände nachgedacht hätte, von erzieherischen Methoden nicht das geringste verstände. Dem Charakter und den Fähigkeiten Lecoqs mußte er allerdings seine volle Bewunderung zollen. Er war wirklich ein groher Mann, dachte Rolles bei sich. Er kannte die Welt wie ich Paleys Beweisstellen kenne. Es gab nichts, das er, Nicht mit eigener Hand und unter den ungünstigsten Voraussetzungen zustande 3U bringen wußte. Ja, du lieber Himmel! rief er plötzlich laut, ist dies nicht die richtige Lehre für mich? Muß ich nicht einfach selber lernen, wie man Diamanten schneidet? . h»- Es tom ihm vor, wie wenn auf einmal alle seine Ungewißheiten beseitigt wären: es fiel ihm ein, daß er persönlich einen Juwelier kenne, einen gewissen B. Macculloch in Edinburgh der gern bereit sein werde, ibn ausmbilden Ein paar Monate, vielleicht sogar ein paar Jahre unangenehmer 'LeU - und er würde die nötige Geschicklichkeit besitzen, den Diamanten des Radschahs zu zerschneiden, und er wurde die Ge- schäftsknisfe kennen, um die Stücke vorteilhaft zu verkaufen. War dies geschehen, so konnte er wieder zu feinem Studium zuruckkehren, em Im Lesezimmer sah er viele Landgeistliche und einen Archtdiakonus drei Journalisten und ein Philosoph, der über höhere Metaphysik schrieb, spielten eine Partie Kegelbillard; und im Speisesaal erblickte er nur die Alltagsgesichter der gewöhnlichen Verkehrsgäste des Klubs. Kemer von diesen dachte Rolles, würde von gefährlichen Dingen mehr verstehen als er selber, also könnte wohl auch keiner ihm einen Fingerzeig geben, wie er ihn augenblicklich brauchte. Schließlich fand er im Rauchzimmer einen stattlichen Herrn, der mit studierter Einfachheit angezogen war; dieser rauchte eine Zigarre und las die Fortnightly Review. Sein Gesicht hatte einen eigentümlich behaglichen und frischen Ausdruck und m feinem ganzen Gehaben lag etwas, was zu Vertrauen aufforderte und gleichzeitig Ehrerbietung heischte. Je länger der ,unge Geistliche dieses Gesicht beobachtete, desto fester wurde er Überzeugt, daß er lemanden gefunden habe, der ihm den richtigen Rat geben könne. Mein Herr", sagte er, „Sie werden entschuldigen, daß ich Sie so ohne weiteres anspreche; aber ich ziehe aus Ihrer Erscheinung den Schluß, daß Sie eine hervorragende Stellung in der Welt emnehmen. „Ich habe allerdings beträchtliche Ansprüche auf diesen Vorzug , an - wartete der Fremde, indem er halb überrascht, halb belustigt seine Zeit- Der Diamant öes Raöschah Don Robert Louis Stevenson Copyright bt) Detkfl Albert Langen z Georg Müller, München 3. Fortsetzung. Die Schönheit des Steines tat den Augen des jungen Geistlichen wohl; der Gedanke, daß der Wert unschätzbar sein müsse, überwältigte ihn. Er wußte, daß dieses Ding, das er in seiner Hand hielt, mehr wert war als das Einkommen eines englischen Erzbischoses für viele Jahre; daß man für das Geld seines Wertes Dome erbauen könnte, die herrlicher und stattlicher wären als die Dome in Köln und in Ely; daß der Mensch, der ihn besäße, für immer von den Folgen der Erbsünde befreit wäre und ohne jede Sorge oder Uebereilung seinen eigenen Steigungen nachgehen könnte. Und als er den Stein plötzlich umdrehte, sttahtte er in einem neuen unerhörten Glanze, der ihm in die innerste Seele zu bringen schien. „ Entscheidende Handlungen werden ost in einem Augenblick vollzogen, und ohne daß die Vernunft eines Menschen dabei ein Wort mUspricht. So ging es jetzt dem jungen Rolles. Er sah sich hastig um, erblickte, wie Raeburn vor ihm, weiter nichts als den von der Sonne beschienenen Blumengarten, die hohen Baumwipsel und das Haus mit seinen geschlossenen Fensterläden; und in einem Nu hatte er das Kästchen geschlossen und in seine Tasche geschoben und eilte mit schnellen Schritten eines Schuldbewußten in fein Studierzimmer. Der Ehrwürdige Simon Rolles hatte den Diamanten des Radschahs gestohlen. * Schon am frühen Nachmittage erschien die Polizei, von Harry Hartley S. Der Baumgärtner, der vor Angst ganz außer sich war, gab ällig seinen Schatz wieder heraus; und die Juwelen wurden in Gegenwart des Sekretärs ausgezeichnet. Rolles zeigte sich dabei von der größten Bereitwilligkeit; er teilte freimütig alles mit, was er wisse, und bedauerte nur, daß er weiter nichts tun könne, um den Beamten bet der Erfüllung ihrer Pflicht zu helfen. , , ., , . „Ich henke jedoch", setzte er hinzu, „daß Ihre Aufgabe wohl so zlem- tld) Durchaus" nickst!" antwortete der Herr von Scotland Nord. Und er erzählte den zweiten Raubansall, dessen unmittelbares Opfer Harry gewesen war; dabei beschrieb er dem jungen Geistlichen die bedeutenderen Schmuckstücke, die noch nicht aufgefunden worden seien, und unter diesen ganz besonders den Diamanten des Radsckahs. Der muh ja ein Vermögen wert fein', bemerkte Rolles. "Zehn Vermögen! Zwanzig Vermögen!" rief der Polizeibeamte. Je mehr der Diamant wert ist", sagte Simon Rolles mit schlauem Vorbedacht, „desto schwieriger wird es fein, ihn zu verkaufen. Solch em Stein hat gewissermaßen seine Physiognomie, d e man nicht verstellen kann, und ich möchte meinen, man könnte eben o leicht unsere Pauls- Kathedrale verschachern." „ Oh, gewiß!" sagte der Beamte; „aber wenn der Dieb bloß ein bißchen Der stand hat, wird er aus dem großen Diamanten drei oder vier kleinere machen und auf diese Weise wird er immer noch ein sehr reicher Mann werden." „ ,,, .,, , Besten Donk", sagte der junge Geistliche, „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr mich Ihre Mitteilungen interessieren." Worauf der Geheimpolizist zugab, in seinem Beruf wisse man gar manche merkwürdigen Dinge. Gleich darauf empfahl er sich. Simon Rolles ging wieder in fein Zimmer. Es kam ihm kleiner und ober als für gewöhnlich vor; die Hilfsmittel, die er für fern großes Werk brauchte, waren ihm niemals so gleichgültig gewesen und mit einem verächtlichen Blick sah er auf seine Bücher. Er nahm verschiedene Kirchenväter herunter und sah einen Band nach dem andern durch; aber sie enthielten nichts, was seinen Zwecken dienen konnte. Diese alten Herren, dachte er bei sich, sind ohne Zweifel sehr tüchtige Schriftsteller, aber mir scheint, vom fiebert verstehen sie gar nichts. Hier sitze ich, gelehrt genug, um ein Bischof sein zu können, und weiß ganz einfad) nicht, wie ich einen gestohlenen Diamanten verwerten kann Von einem gewöhnlichen Polizisten bekomme ich eine Anleitung, aber.alle meine Foliobände nützen mir nichts, um diese praktisch zu verwerten. Ich muß sagen, ich bekomme von unserer Hochschulbildung eine sehr Hieraus stieß er sein Büchergestell um, setzte feinen Hut auf, verließ das Haus und eilte in den Klub, dessen Mitglied er war. An einem solchen Ort, wo so viele Weltleute verkehrten, hoffte er lemanden zu finden, der das fieben kannte und ihm einen guten Ratschlag zu geben wußte. er ein Schriftsteller ist, den Fürst Bismarck gerne lieft, |o roeroen tote im schlimmsten Falle Ihre Zeit in guter Gesellschaft verlieren. Mein Herr, ich bin Ihnen für Ihre liebenswürdige Auskunft unendlich dankbar", sagte der junge Geistliche „ „Sie haben Sie mir bereits mehr als reichlich vergolten. "Durch? die Ungewöhnlichkeit Ihrer Fragen", antwortete der fremde Herr- bann machte er eine höfliche Handbewegung, wie wenn er um Erlaubnis bäte, und las weiter in seiner Fortnightly Remew. Gelehrter, ein Geschöpf, das sich in einer Umgebung von Tmtenflaschen und alten Foliobänden bewegt. Neuerdings hat ein gewisser Vorfall mir klar und deutlich vor Augen gebracht, daß eine solche Lebensweise tortdjt ist, und ich wünsche nun, etwas vorn wirklichen Leben zu lernen. Unter Leben' verstehe ich nicht Thackerays Romane, sondern die Verbrechen und geheimen Möglichkeiten, innerhalb unserer Gesellschaft urst> die Grundsätze, nach denen man sich gegenüber außergewöhnlichen Ereignissen mit angemessener Klugheit benimmt. Ich bin ein geduldiger Leser; kann man so etwas aus Büchern lernen?" „ . „Sie stellen mir ba eine schwierige Frage , sagte ber Fremde. „Ich aestehe daß ich von Büchern nicht viel Gebrauch mache, außer etwa auf einer Eisenbahnsahrt mir die Zeit zu vertreiben Doch glaube ich, es gibt etliche sehr sachverständige Abhandlungen über Astronomie, Landwirtschaft und die Anfertigung künstlicher Blumen, lieber ble memger in die Augen fallenden Teilgebiete des menschlichen Ledens werden Sie, fürchte ich, nichts Zuverlässiges finden. Doch warten Sie mal — haben Sie Gadoriau gelesen?" . .... Rolles gestand, er hätte niemals auch nur den Namen gehört. „Gadoriau kann Ihnen vielleicht einige Begriffe vermitteln", sagte ~ qftens bringt er einen auf manche Gedanken, und da ist den Fürst Bismarck gerne liest, so werden Sie im ~ " i guter Gesellschaft verlieren." für Ihre liebenswürdige Ar reicher, von allem Luxus des Lebens umgebener Gelehrter, von allen Menschen beneidet und hochgeachtet. Goldene Traumbilder erfüllten seinen Schlummer, und als die Morgensonne aufging, erwachte er neugestärkt und mit leichtem Herzen. Raeburns Haus sollte an diesem selben Tage polizeilich geschlossen werden. Dadurch erhielt er einen guten Vorwand, aus London abzureisen. In fröhlicher Stimmung packte er seine Koffer, schaffte sie nach dem Bahnhof Kings Croß, wo er sie auf der Gepäckniederlage abgab, und ging dann wieder in den Klub, um über den Nachmittag hm- wegzukommen und dann zu Abend zu essen. „Wenn Sic heute hier speisen, Nolles", sagte ein Bekannter zu ihm, „können Sie zwei der bemerkenswertesten Männer Englands sehen: den Prinzen Florizel von Bohemia und den alten John Vandeleur." „Von dem Fürsten habe ich gehört", antwortete Rolles, „und General Vandeleur habe ich sogar in Gesellschaft getroffen." „General Vandeleur ist ein Esel. Nein, John Vandeleur, sein Bruder, ist der größte Abenteurer, der beste Kenner von Edelsteinen und einer der schlauesten Diplomaten Europas. Haben Sie niemals von seinem Zweikampf mit dem Herzog de Val b’Drge gehört? Von den Heldentaten und Greueln, die er vollbrachte, als er der Diktator von Paraguay war. Von seiner Geschicklichkeit, mit der er Sir Samuel Levis Schmucksachen wieder zur Stelle schaffte? Nicht von seinen Diensten während der großen indischen Rebellion — Dienste, die die Regierung sich zunutze machte, aber nicht öffentlich anzuerkennen wagte? Was nennen wir eigentlich Ruhm? Und was nennen wir Verruchtheit? John Vandeleur kann die höchsten Ansprüche auf beide erheben! Gehen Sie hinunter, Rolles, setzen Sie sich an einen Tisch in ihrer Nähe und halten Sie Ihre Ohren offen. Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie nicht einige merkwürdige Geschichten hören würden." „Aber woran soll ich sie denn erkennen?" fragte der junge Geistliche. „.Woran Sie sie erkennen sollen! Na, der Prinz ist der schönste Gentleman in Europa — der einzige lebende Mensch, der wie ein König aussieht; und wenn Sie sich Odysseus im Alter von siebzig Jahren und mit einer Säbelschmarre quer über das Gesicht vorstellen können, so haben Sie John Vandeleur in eigener Person vor sich! Woran Sie sie erkennen? Wahrhaftig, Sie würden sie an einem Derby-Renntag auf den ersten Blick aus der Menge herausfinden." Rolles beeilte sich, in den Speisesaal zu gehen. Sem Freund hatte recht gehabt: es war unmöglich, die beiden von ihm genannten Herren nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Der alte John Vandeleur war offenbar von gewaltiger Körperkraft, ein Meister in allen körperlichen Hebungen. Man konnte nicht sagen, daß er die Haltung eines Fechters oder eines Seemanns »der eines Reiters hätte; aber er hatte etwas von allen dreien an sich, und man sah auf den ersten Blick, daß er in diesen Künsten geschickt sein müsse. Er hatte scharfe Züge mit einer Adlernase; der Ausdruck seines Gesichts war hochmütig und raubvogelmäßig; in seiner ganzen äußeren Erscheinung war er ein behender, heftiger, von allen Gewissensbedenken freier Mann der Tat; und fein dichtes weißes Haar sowie die tiefe Säbelnarbe, die über feine linke Schläfe und durch seine Nase lief, verliehen seinem schon an und für sich bemerkenswerten und drohenden Kops eine ganz besondere Note von Wildheit. In seinem Tischgenossen, dem Prinzen von Bohemia, erkannte Rolles zu seinem Erstaunen den Herrn wieder, der ihm Gaboriaus Romane empfohlen hatte. Ohne Zweifel hatte Prinz Florizel auf John Vandeleur gewartet, als Simon ihn den vorhergehenden Abend anredete; übrigens besuchte der Prinz nur selten den Klub, dem er, wie den meisten anderen großen Klubs als Ehrenmitglied angehörte. Die anderen Besucher des Speisesaals hatten sich bescheiden in die Ecken zurückgezogen, so daß das berühmte Paar gewissermaßen isoliert saß; der junge Geistliche ließ sich jedoch nicht durch ein Gefühl von Ehrerbietung zurückhalten, sondern ging kühn in die Mitte des Saales und setzte sich an den nächsten Tisch. Die Unterhaltung der beiden Herren war allerdings etwas Neues für die Ohren des jungen Gelehrten. Der Exdiktator von Paraguay gab manches außerordentliche Erlebnis in allen möglichen Teilen der Welt zum besten, und der Prinz gab dazu Erläuterungen, die für einen nachdenklichen Menschen noch wertvoller waren, als die Ereignisse selbst. So wurden zwei Formen von Lebenserfahrung miteinander zusammengestellt und dem jungen Geistlichen zur Schau geboten: der todesverachtende Mann der Tat und der geschickte Lebenskünstler; der Mann, der rücksichtslos von seinen eigenen Taten und Gefahren sprach, und der Mann, der wie ein Gott alles zu wissen und nichts gelitten zu haben schien. Das Benehmen jedes der beiden Herren entsprach seinem Charakter. Der Diktator war brutal in Worten und Gebärden; seine Faust öffnete und ballte sich und fiel mit schwerem Schlag auf die Tischplatte; und seine Stimme war laut und polternd. Der Prinz dagegen erschien als das wahre Vorbild weltmännischer Liebenswürdigkeit und Ruhe; die geringste Bewegung, die leiseste Betonung hatte bei ihm eine gewichtigere Bedeutung als alles Schreien und Gestikulieren seines Tischgenossen; und wenn er irgendeine persönliche Erfahrung zu schildern hatte, was natürlich häufig der Fall war, so tat er das so geschickt, daß es nicht im geringsten aufsiel. Schließlich kam das Gespräch auch auf die letzten großen Diebstähle und auf den Diamanten des Radschahs. „Es wäre besser, wenn dieser Diamant auf dem Meeresgründe läge!" bemerkte Prinz Florizel. „Da ich ein Vandeleur bin", versetzte der Diktator, „so können Euer Hoheit sich wohl vorstellen, daß ich in dieser Hinsicht anderer Meinung bin." „Ich spreche vom Standpunkt der öffentlichen Wohlfahrt aus", fuhr der Prinz fort. „So wertvolle Juwelen sollten ausschließlich für die Sammlung eines Fürsten oder für den Staatsschatz einer großen Nation vorbehalten sein. Wenn man sie in den Händen gewöhnlicher Menschen läßt, so setzt man damit einen Preis aus ein Vergehen gegen das Gesetz aus; und wenn der Radjchah von Kaschgar — der, wie ich höre, ein lehr aufgeklärter Fürst ist — sich an uns Europäern rächen wollte, so hätte er sich kaum etwas Wirksameres für diesen Zweck aussetzen können, als uns diesen Apfel der Zwietracht zu schicken. Einer solchen Ver- suchung zu widerstehen, ist keine Ehrenhaftigkeit stark genug. Ich selber, :)er ich manche besondere Pflichten und dafür auch manche besondere Vorrechte habe — ich selber, Herr Vandeleur, würde mit diesem berauschenden Kristall wohl kaum längere Zeit umgehen können, ohne dabei Schaden zu nehmen. Und von Ihnen, der Sie nach Beruf und Neigung ein Diamantenjäger sind, glaube ich nicht, daß es im Kalender ein Verbrechen gibt, das Sie nicht vollbringen würden — ich glaube nicht, daß Sie einen Freund in der Welt haben, den Sie nicht ohne Bedenken verraten würden. Ich weih nicht, ob Sie Familie haben, aber wenn Sie eine haben, so behaupte ich: Sie würden Ihre eigenen Kinder opfern! Und dies alles — wozu? Nicht etwa, um reicher zu werden, um mehr Bequemlichkeiten auf der Welt zu haben oder eine größere Achtung bei den Menschen zu genießen, sondern ganz einfach, damit Sie ein paar Jahre lang, bis Sie sterben, sagen können: .dieser Diamant ist mein!', und damit Sie ab und zu einen Geldschrank ausschliehen und den Stein betrachten können, wie man sich ein Gemälde ansieht." „Es ist wahr", antwortete Vandeleur; „ich bin als Jäger hinter dem meisten hergewesen, was es auf Erden gibt: von Männern und Frauen bis herab zu Moskitos; ich habe nach Korallen getaucht; ich habe Walfische und Tiger verfolgt; und ein Diamant ist die größte Beute, die es Überhaupt gibt. Solch ein Diamant hat Schönheit und Wert; er allein vermag auch für die hitzigste Verfolgung zu entschädigen. In diesem Augenblick bin ich ihm auf der Spur, wie Eure Hoheit sich wohl vorstellen können. Ich habe ein unfehlbares Auge, eine sehr große Erfahrung; ich kenne jeden wertvollen Stein in meines Bruders Sammlung, wie ein Schäfer seine Schafe kennt; und ich will des Todes sein, wenn ich nicht jeden einzelnen von diesen Edelsteinen wieder zur Stelle schaffe! „Sir Thomas Vandeleur wird große Ursache haben, Ihnen dafür dankbar zu fein", sagte der Prinz. . „Das weiß ich nicht so gewiß", antwortete der Diktator mit einem lauten Gelächter. „Einer von den Bandeleurs wird jedenfalls dankbar fein. Thomas oder Johannes — Peter oder Paul — Apostel sind wir alle." „Ich habe Ihre Bemerkung nicht ganz verstanden", sagte der Prinz, offenbar etwas' peinlich berührt. In demselben Augenblick meldete der Kellner Herrn Vandeleur, daß seine Droschke vor dem Hause warte. Rolles warf einen Blick auf feine Uhr und sah, daß es auch für ihn Zeit war aufzubrechen: dieses Zusammentreffen machte auf ihn einen unangenehmen Eindruck, denn er wünschte von dem Diamantenjäger nichts mehr zu sehen. * Der junge Geistliche war durch vieles Studieren etwas nervös geworden und hatte sich daher angewöhnt, auf recht luxuriöse Art zu reifen; so hatte er auch diesmal ein Abteil im Schlafwagen belegt. „Sie werden es sehr bequem haben", sagte der Aufwärter; „Sie haben Ihr Abteil ganz für sich allein und an dem anderen Ende ist nur ein einziger alter Herr." Unmittelbar vor der Abfahrt, als bereits die Fahrkarten gezwickt wurden, bemerkte Simon Rolles seinen Mitreisenden, den mehrere Gepäckträger in sein Abteil begleiteten; gewiß gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen, den er nicht lieber gesehen hätte — denn fein Reisegefährte war der alte John Vandeleur, der Exdiktator. Die Schlafwagen der Great Northern - Linie hatten drei Abteile — eins an jedem Ende für Reisende, und in der Mitte eins, das als Waschraum eingerichtet war. , , Eine Schiebetür trennte die beiden Abteile auf jeder Seite des Wafch- raumes; da aber weder Schloß noch Riegel vorhanden war, so waren tatsächlich die beiden Abteile und der Waschraum ein Ganzes. Nachdem Rolles dies alles untersucht hatte, mar es ihm klar, daß er schutzlos war. Wenn es dem Diktator beliebte, ihm im Lause der Nacht einen Besuch zu machen, so würde ihm nichts anders übrig bieiben, als ihn zu empfangen; er verfügte über keine Verteidigungsmittel und war einem Angriff ausgefetzt, wie wenn er in offenem Felde gelegen hätte. Diese Lage erfüllte ihn mit einiger Sorge. Er erinnerte sich der prahlerischen Erzählungen, die sein Mitreisender am Eßtisch zum Besten gegeben hatte und seiner Bemerkungen über Moral, die schon den Prinzen offenbar angewidert hatte. Ferner erinnerte er sich, gelesen zu haben, daß gewisse Menschen einen besonderen Wahrnehmungssinn für die Nähe von edlen Metallen ober Juwelen haben: man sagt, daß sie jedenfalls das Vorhandensein von Gold durch dicke Mauern hindurch und auf beträchtliche Entfernungen zu wittern vermögen. Konnte dasselbe nicht auch mit Diamanten der Fall fein? Und wenn dies der Fall war, dann war gewiß von keinem mehr anzunehmen, daß er von diesen übersinnlichen Kräften Gebrauch machen würde, als von einem Mann, der feinen Beinamen „Der Diamantenjäger" als einen besonderen Ruhmestitel ansah. Es war ihm klar, daß er von einem solchen Mann alles zu befürchten hatte, und er wartete daher sehnsüchtig auf den Anbruch des Tages. Mittlerweile vernachlässigte er keine Vorsichtsmaßregeln: er versteckte feinen Diamanten in der innersten Tasche des Rockes, den er unter mehreren Mänteln trug, und empfahl sich mit frommem Gebet der Vorsehung. Der Zug sauste mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit dahin, und die halbe Strecke der Fahrt war bereits zurückgelegt, als endlich der Schlaf die Unruhe in der Brust des jungen Geistlichen besiegte. Eine Zeitlang widerstand er noch seiner Müdigkeit; aber diese wurde immer stärker und stärker, und kurz vor dem Bahnhof von York war er doch froh, sich auf einer der Sitzbänke ausftreden zu können; er flbloß feine Augen und fiel fast tn demselben Moment in einen tiefen Schlaf. Sein letzter Gedanke galt seinem gefährlichen Nachbarn. (Fortsetzung folgt.) Dom Echo. Von Ruth Schaumann. In den Gärten singen sie Meiner frühen Liebe Lieder, Wie auf eines Schwans Gefieder Führt der Tag die Melodie. Kirschen, die ich einst gepflückt. Sie um sanften Mund zu tauschen, Stehn in eigner Wipfel Rauschen lieber schwere Tracht verzückt. Um des Friedhofs Kirchenknauf Storch und Schwalbe kreisend wandern. Und ein Hügel nimmt vom andern Meines Lebens Echo auf. Lob der Stadt Augsburg. Von Wilhelm Hausen st ein. Ein altes Sprichwort sagt: „Wenn Nürnberg mein wär', wollt' ich's zu Bamberg verzehren". Ich unterschreibe; denn die Herrlichkeit Barm bergs, die nie genug gekannte, verdient einen so hohen Preis. Und ich würde hinzufügen: „Wenn München mein wär', wollt' ich s zu Augsburg verzehren". Ich sage es den törichten Lästerern zum Trotz die da behaupten, das Beste an Augsburg sei der Schnellzug nach München. Ach — ich bin mehr als hundertmal in der Laune gewesen, die Lästerung umzukehren Run will ich freilich niemand drängen, mein Sprichwort über Augsburg und München allzu wörtlich zu nehmen. Aber wie jeder, der in der Jahreszeit der Reifen von Norden nach Süden um Nürnbergs willen Bamberg versäumt, unverzeihlich, sich selbst beraubt, so möge eben dieser jedermann mein Wort von München und Augsburg zum allerwenigsten als Lehrfabel nehmen: das heißt, er möge nicht versäumen, jene kaum einstündige Fahrt von München nach Augsburg zu machen, die zu den besten Chancen der bayerischen Hauptstadt gehört. Schon auf der Anfahrt empfindet man etwas vom Wesen der „überaus glanzvollen Hauptstadt Raetiens", die Tacitus rühmte. Das hochstrebende Profil der Stadt hat den Charakter des zugleich Bedeutenden und Eleganten, des ebenso Freien wie Gewichtigen, der den Städten von weltweiter Geltung eigentümlich ist. Wohl geht auch hier die Einreise zwischen einem Friedhof und einem Brikettlager durch, und ich müßte lugen, wenn ich weqstreiten wollte, daß der erste Eindruck in der Stadt drinnen der einer dichten Provinzialität ist. Allein das Provinziale ist von heute oder gestern, und vom Bilde der Erhabenheit, der Wucht und der Grazie der alten Stadt wird es durchgetragen, aufgesogen wie nichts! Es bleibt einzig das Wunder dieser begeisternden Stadt. Es bleibt der würdige und heitere Schimmer einer Stadt, die vormals ebensowohl wie Venedig und Antwerpen eine Hauptstadt der Erde gewesen ist. Es bleibt dieser triumphale Glanz, und wo ein Schatten auf ihn fällt, ein Schatten nämlich aus unserer Zeit, ober wo der Glanz nur noch die Pracht eines mürben Stoffes ist, da gewinnt er noch die Tiefe des Traurigen, des Rührenden hinzu, die an aller irdischen Schönheit das Allerköstlichste ist. Wie von einem Magneten wird man zuerst unfehlbar von der bürgerlichen Mitte der Stadt angezogen: dem Rathaus, das Elias Ho l l im Anfang des Dreißigjährigen Krieges vollendet hat. Welch ein Bau! Welche Größe und Freiheit im Norden! Mit dieser mächtigen Unbefangenheit erheben sich sonst nur die Paläste des Südens, wie Andrea Palladio fte qebaut hat. In sieben Fensterreihen schichtet der Mittelbau sich empor. Mit einer weißen Diskretion treten die beiden Türme zurück, um dem emporqetriebenen Giebel die ganze Ueberlegenheit der Wirkung zu lassen. Ist es möglich, den Auftrieb dieser in aller Einfachheit pompösen Senkrechten die gleichsam der Maßstab der Größe dieser Stadt ist, noch zu steigern so geschieht es auf der Rückseite dieses Palazzo mumcipale schwäbischer Bürger. Dort ist das Rathaus noch um einige Stockwerke höher; dort fliegt es auf — fast steht es nicht mehr; auf dieser Seite ist es nämlich tiefer angefetzt, denn das Gebäude ist an einem Abhang errichtet, der auf der Rückseite des Hauses ein viel tieferes Parterre ergibt Man ist versucht zu sagen, das schöne Augsburg liegt wie im räumlichen, so auch im zeitlichen Sinne diesseits und jenseits des Rathauses. Elias Holl, der zwischen 1600 und 1630 Augsburg sozusagen ein zweites Mal erbaut hat, ist in Italien gewesen. Er hat gewußt, was die Namen Sansovino und Palladio bedeuten. Doch nicht, daß er in Italien war, ist das eigentlich Bemerkenswerte, sondern das Wesentlichste ist die ganz besondere Natürlichkeit, mit der die Verbindung zwischen dem großen schwäbischen Baumeister und der italienischen Baukunst sich vollendet! Wir alle haben so oft das Fragwürdige des Begriffs „deutsche Renaissance verspürt Wir alle empfanden fo oft das Unorganische, das lediglich Modische an diesem Begriff. Aber hier, in Augsburg, am Rathaus Holls, zeigt sich frei eine vollkommene Natürlichkeit der Verbindung zwischen nordischer Initiative und südlicher, römischer Ueberlieferung Diese Bte- naissance ist selbstverständlich. Wie kommt es? Ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich die These wage: die Natürlichkeit dieses antiken Stils wird erklärt durch die römische Herkunft der Stadt selbst. Augrista Vindelicorum ist eine Tatsache der großen römischen Geschichte, «me Tatsache, die so alt ist wie das kaiserliche Imperium; eine Tatsache auch, tue so alt ist wie das Christentum — doch davon nachher. Im BUit der Augusta ist der römische Trieb. Die Hauptstadt des romiidjen Raetien enthält das Blut der Legionäre. Die Brunnen, die in den Zeiten der Blüte eines niederländischen Romanismus, in den Zeiten der Adriaen de Vries und Huberg Gerhard, im siebenzehnten Jahrhundert aus den Plätzen der internationalen Stadt dem Herkules, dem Merkur, dem Kaiser Augustus ausgestellt worden sind, bedeuten mehr als eine humanistische Floskel; sie sind Erinnerungen eines römischen Geistes in dieser Stadt. Warum denn zittern wir im Innern, wenn wir in Augsburg auf einem römischen Grabmal die steilen und klaren Buchstaben römischer Epigraphik lesen? Wir ahnen: Hier ist der Ursprung dieser Stadt ... Das Rathaus ist ein Denkmal starker Bürgerlichkeit. Aber um diese Bürgerlichkeit und ihr Denkmal ganz zu bezeichnen, möchte man zu einem Gleichnis greifen, das über das Bürgerliche hinausgeht: es ist ein kaiserliches Bürgerhaus! Oh, das Kaiserliche dieser ganzen Stadt! Es ist vom Geist des Augustus gesetzt, und die deutsch-römischen Kaiser des Mittelalters, der beginnenden Neuzeit haben hier nur eine Ueberlieferung aufnehmen müssen. Ich will sagen: Wenn Kaiser um Kaiser in diese Stadt zu Gaste kam, die eine Freie Reichsstadt war, fo traf die Würde der Kaiser mit jener geborenen Kaiserlichkeit des bürgerlichen Gemeinwesens zusammen, die eine römische Mitgift war. Und waren die Fugger, Barchentweber zu Beginn, dann Großhändler und Bankiers, am Ende nicht Bürger über den Kaisern? Anton Fugger verbrennt dem Kaiser Karl dem Fünften, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, einen Schuldschein in einem Feuer von edlem Holz aus den Tropen. Wer ist mehr Kaiser? Augsburg sei auch — so wurde vorhin angedeutet — ebenso alt wie das Christentum. Und in der Tat: Fühlt man in dieser freien Bürgerstadt den Sinn von Worten wie „römischer König" oder „römisches Reich deutscher Nation", so fühlt man vollends den Sinn des Wortes vom „heiligen" römischen Reich deutscher Nation. Hier hat 30/ nach Christus die heilige Afra den Martertod erlitten, und dem Namen der Heiligen bleibt das Gedächtnis der Stadt bis auf diesen Tag treu. Hier hat im zehnten Jahrhundert der Bischof Ulrich, fromm und streitbar, den Hunnen gewehrt. Hier steht der älteste romanische Dom Deutsch- l a n d s, und ob man ihn auch in der Weise der Gotik überbaut und umgebaut hat — wahrlich, man fühlt ihn. Steigt man in die dunkle Krypta, so betritt man den Boden des frühen Christentums selbst; und verweilt man, zäh angezogen, vor der Bronzetür, die gegen das Jahr 1000 entstand, so ist man in Augsburg den ältesten kirchlichen Ueberlieferungen so nahe wie vor San Zeno zu Verona, ja wie in Rom oder Byzanz. Diese Tür! Ich habe Stunden meines Lebens vor ihr verbracht, und ich will bekennen: Spricht das Rathaus mein Pathos an und auch meine Bewunderung sür die Klarheit des klassischen Begriffs, so spricht diese Erztür eine Empfindung in mir an, die mehr ist als Pathos und Vernunft zusammen — die überzeugte Ergebung ins Göttliche, die stumm ist. Es kommt ein gotisches Augsburg, und es ist schön. Am Bauwesen gedieh es am schönsten in den Jahren, in denen die Steinfiguren des nördlichen Turmes gemeißelt wurden. Steinbilder zur Geschichte der Geburt Christi. Möge der Schmuck des Tores bleiben, wie er ist, möge seiner das Herz zutiefst rührenden Verwitterung kein Erneuerer helfen wollen! Möge der schweflige Stein, der graue, gelbe, mürbe, mit den Jahrhunderten vergehen, die an ihm alt geworden find. Möge man die bannende Schönheit dieses Verfalls nicht stören. Doch, wenn ich vom gotischen Augsburg rede, so muh ich mich noch jener Barne erinnern, die im Dom auf einem Bilde des älteren Holbein das Kindlein Mariae baden will. Sie ist mit einer rosenroten Robe und weißen Haube völlig damenhaft nach dem Begriff des 15. Jahrhunderts; ihre Haltung ist die Idee der gotischen Eleganz. Die Dame seht einen elfenbeinernen Fuß in den Badezuber, um die Wärme des Bades für das Kindlein zu versuchen. In Abständen stehen, sitzen, liegen die Gestalten. Das Bild ist still und nachdenklich. Die Verführung, die davon ausgeht, hat die Macht des Metaphysischen. Dies alles liegt jenseits des Rathauses — im Raume wie Zeit. Diesseits liegt das barocke Augsburg: die unabsehbare Girlande der barocken Häusergiebel; die Menge der schlanken Kirchtürme mit den grün- spanigen Zwiebelkuppen — dieser schlanken Türme, die aussteigen wie Minarette. Man sieht sie überall; allenthalben scheinen sie von einem raffinierten Bewußtsein ins Ziel der Perspektiven gestellt; der Plan ist geschickt auf Wirkung gerichtet, wie in einem meisterlich angeordneten Thcaterprospekt. Am souveränsten, am wirksamsten erhebt sich nach diesem Typus der Turm des U l r i ch s m ü n st e r s. Die immer gleichen und wie aus einer einzigen Absicht heraus über die Stadt verteilten Türme! Sie sind in ihr, was die Reimsilben in einem Gedicht sind... Und noch gibt es in dieser Stadt, die in jeder europäischen Epoche eine Blüte trieb, den reizenden Scharm des R o k o k o. Das ist das Mohrenhotel des Münchners Gunetsrainer von 1722; da ist das Palais der Freiherrn Schäz - ler. dort die im 18.Jahrhundert angebaute Residenz der augsburgischen Bischöfe. War diese Stadt bürgerlich und kaiserlich, war sie auf außerordentliche Weise protestantisch, so hat ihr Umfang auch Platz für eine breite fürstliche Katholizität und für eine ausgedehnte kleine Klerisei. Vom Dom hin breitet sich versteckt das „Pfaffenviertel". Fromme, stille Gassen winden sich in mannigfacher Krümmung zwischen hohen Mauern hin. aus denen im Frühling die liebten Blüten, im Herbst die roten und gelben Früchte den Obstbäumen überschauen; in den abgeschlossenen Obstgärten stehen kleine Häuser wie im Märchen. Oh, welche Eremitagen wären in dieser Stadt möglich, die dort am schönsten ist, wo sie ansing, sich zu vergessen ... Drunten, hinter dem Rathaus, verirrt der Schritt sich noch in eine kleine Stadt, die mitten in Augsburg eine eigene Gemeinde zu fein scheint. So sind die Beginenhöfe in Flandern. Ein altes Weibchen erklärt mir, was dies ist: die F u g g e r c i. Im Jahre 1521 hat ein Triumvirat von Fuggern mitten in der Stadt, der kaiserlichen, bürgerlichen, klerikalen, noch einmal ein kleines Augsburg ür die rechtschaffenen Armen unter den Bürgern gestiftet. Noch heute wohnen dort die kleinsten Bürger; gegen einen Zins von 4 Mark und 12 Pfennigen für eine Ganze, von 2 Mark und 6 Pfennigen für eine i halbe Wohnung — im Jahre. Ewiges Augsburg. Oer Sänger. Von 3. W. von Goethe. „Was hör' ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unserm Ohr Im Saale widerhallen!" Der König sprach's, der Page lief; Der Knabe kam, der König rief: „Laßt mir herein den Alten!" — „Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen." Der Sänger drückt' die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen. „Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern! Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen. Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt' ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen." Er fetzt ihn an, er trank ihn aus: „O Trank voll süßer Labe! O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe! Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk Euch danke." Kranz Liszt. Zum 50. Todestage am 31. Zull. Von Dr. Hermann Ohrenschall. „Das Genie verpflichtet!" Diese Worte, die Franz Liszt aussprach, als der große „Geigerkönig" Paganini die Augen für immer geschlossen hatte, standen auch über dem Leben des größten aller Klamer- künstler selbst. 50 Jahre sind vergangen, seit er von uns ging. Aber der Zauber seines Wesens umfängt uns heute noch wenn wir feine Schöpfungen hören, und ein Ahnen steigt in uns auf, wie unerhört und gewaltig fein Spiel gewesen sein mutz, wenn er solche Werke schuf. Im Lebenswege Franz Liszts stoßen wir oft auf eine rätselvolle Dunkelheit, und wir stehen vor Wandlungen seines Wesens, die uns unfaßbar scheinen. Die gegensätzlichsten Elemente sind in ihm verbunden. Scheint uns zunächst manches überraschend und unbegreiflich, bei näherem Kennenlernen feines Wesens offenbart sich die Einheit feines Lebens von feinen ersten Tagen bis zum letzten Atemzuge. Lifzt wurde am 22. Oktober 1811 in dem Dorfe Raiding in Ungarn geboren. Seine Eltern gehörten einer alten, aber verarmten Familie an. Sie lebten in einfacher 'Bürgerlichkeit ein ruhiges Beamtendafein. Der Vater, Adam Lifzt, war ein gebildeter und strebsamer Mann, dem fein Amt als Rechnungsführer des Fürsten Esterhazy längst nicht die volle Befriedigung gewährte. Alles was er selbst durch die Mißgunst des Schicksals nicht zu erreichen vermocht hatte, wollte er seinem Sohn zukommen lassen. Früh erkannte er das musikalische Talent seines Sohnes, und er gab ihm selbst den ersten Klavierunterricht. Die Liebe des Jungen zum Klavierspiel steigerte sich bald zu einer Besessenheit. Rach dreijährigem Unterricht trat der Knabe zum ersten Male an die Oessentlichkeit in der Kreisstadt Oedenburg und kurz darauf auch in Pretzburg. Der Beifall war über die Matzen groß. Die kunstbegeisterten Adligen veranstalteten eine Sammlung, die dem Wunderknaben eine sechsjährige Studienzeit ermöglichen sollte. Die heftigen Widerstände der Mutter, die ihren einzigen heißgeliebten Sohn nicht einer ungewissen Künstlerlaufbahn preisgegeben sehen wollte, überwand der Knabe selbst mit zukunftssrohen gottoertrauenben Worten. In Wien erfuhr Franz die beste Unterrichtung durch Czerny, Salieri und Randhartinger. Das größte Erlebnis jener Zeit aber war die Begegnung mit Beethoven, der ihn auf eigenen Wunsch empfing. Die anfeuernden Worte, die ihn an die Heiligkeit seines Berufes erinnerten, wiesen ihm die Richtung für fein ganzes Leben. Und als Lifzt am 13. April 1823 fein erstes öffentliches Konzert in der Kaiferstadt gab, war ihm die Anwesenheit Beethovens mehr als der brausende Beisall des begeisterten Publikums. Eine Reise durch Süddeutschland brachte ihm neue Triumphe. Die Zeitungen begrüßten den jungen Virtuosen als einen „zweiten Mozart". Die höchsten Erwartungen aber hatte der Vater Liszts auf Paris gesetzt, wo C h e r u b i n i das Konservatorium leitete. Aber trotz eines treng'en Examens wurde Franz nicht in die Akademie ausgenommen. Lherubini hielt sich dem jungen Künstler gegenüber völlig zurück. Die Enttäuschung war sehr groh, und alle Hoffnungen schienen begraben, als sich dem jungen Meister plötzlich die Pariser Salons öffneten. Paer und Reicha, zwei Musiker von großer Bedeutung im damaligen Paris, hatten dem Vater Liszts treulich zur Seite gestanden Der Herzog von Orleans, der spätere König Louis Philipp, sorgte selbst für weiteste Verbreitung seiner Erfolge. Und nun wurde Liszt der Held des Tages, der gefeierte Liebling des Pariser Publikums. Reisen nach England, wo er vom König Georg IV. ausgezeichnet wurde, und nach der Schweiz in den Jahren 1824 bis 1827 verbreiteten seinen Ruhm in ganz Europa. Da traf ihn am 28. August ein furchtbarer Schlag: fein geliebter Vater starb ganz plötzlich. Der Sechzehnjährige rief die Mutter aus der ernen Heimat zu sich und gab ihr feine ganzen Ersparnisse, die über 100 000 Franks betrugen, sodaß die Mutter vor jeder Sorge geschützt war. Der Schmerz um den Verlust des Vaters wurde noch erhöht durch den Verzicht auf ein geliebtes Mädchen, bas wegen der Ungunst der Verhältnisse keine Verbindung mit ihm eingehen konnte. Verzw lt zog sich Liszt in die Einsamkeit zurück. Selbst seine Kunst vernachlässigte er, so daß in Paris bereits die Kunde von seinem Tode verbreitet wurde. Seine Seele war nur noch der Religion hingegeben, er vertiefte sich ausschließlich in geistliche Schriften. Da erschien Paganini in Paris und berauschte mit feinem Spiel die ganze kunstliebende Welt. Er riß auch Liszt aus seiner Weltabgeschiedenheit. Sein so lange Zeit zurückgedrängter Genius entfaltete ich zu neuem Leben. Er beschäftigte sich jetzt mit philosophischen und allgemeinen Schriften und entwickelte feine Kunstanfchauung, Seme Gedanken gingen dahin, die „Kunst zu popularisieren" und „sie in ihre Rechte an der Kultur der Menschheit" einzusetzen. Alle Virtuosität erschien ihm nur als ein Mittel, nicht als Endzweck. Er gab einer nach allen Richtungen ausgebildeten Technik eine innere Bedeutung, die zu einem höheren Zwecke diene. In die Jahre 1835 bis 1839 fällt Lifzts Verbindung mit der geistig hochstehenden, auch als Schriftstellerin bedeutenden Gräfin d ' A g o u 11, aus der drei Kinder erwuchsen; eine Tochter wurde später Cosima Wagner. In dieser Zeit lebte Liszt völlig zurückgezogen zunächst in der Schweiz, seit 1837 in Italien, wo er zwei Jahre blieb. Neben feinen Konzerten widmete er sich ganz dem Studium der Kunst. Gerade die Universalität seines Geistes bewirkte den unwiderstehlichen Zauber seines Wesens und gab ihm eine zwingende Macht über alle, die in feine Nähe kamen. Seine Liebenswürdigkeit und feine Hilfsbereitschaft zu jeder Zeit machten ihn ebenso berühmt wie seine Virtuosität. 1839 kehrte Liszt zum ersten Male wieder in seine Heimat zurück, wo er die größten Triumphe seines bisherigen Lebens erntete. Den Ertrag sämtlicher Konzerte stellte er mildtätigen Zwecken zur Verfügung. Die Ungarn sahen in Liszt nicht nur den gefeiertesten Vertreter ihrer heimischen Kunst in der Welt, sondern auch ein Vorbild ihrer ideellen Bestrebungen. Er wurde zum Liebling seines Volkes. 1840 verließ er feine Heimat wieder und trat feine Reise durch Deutschland an. Schumann schreibt begeistert von dem Künstler, in Berlin hatte ein Taumel die künstlerisch gebildete Welt ergriffen. Die große Volksmenge huldigte Franz Liszt als einem Wohltäter der Menschheit. Nach einem unvergleichlichen Siegeszug durch fast alle Lander Europas zog sich Liszt ganz piötzlich von der Stätte seiner bisherigen Triumphe, dem Konzertpodium, zurück. Und nun begann zum Erstaunen aller Welt Liszts zweiter großer Lebensabschnitt, in dem er als Dirigent und Komponist wirkte. 1847 folgte er dem Ruf des Großherzogs von Weimar als Hofkapellmeister und ließ den Ruhm der alten klassischen Musenstadt zu neuem Leben erwachen. So unumstritten Liszt als Virtuose war, so heiß umkämpft wurde er als Komponist. Gegen den Begründer der „Neudeutschen Schule" stand fast die gesamte damalige musikalische Welt, und nur die Jugend scharte sich in Begeisterung um den Meiller. Jetzt schuf er feine Klavierkonzerte und feine Etüden, seine „Ungarischen Rhapsodien", in denen er die Leiden und Freuden feines Volkes, feine Melancholie und seine unbezähmbare Seihen- chaft ergreifend gestaltet hat, und die völlig neuen „Symphonischen Dichtungen", in denen er die gewohnte Form der vi«r- ätzigen Symphonie in einen Satz verwandelte und nur durch die Verarbeitung verschiedener Stimmungen auf das Alte hinweift. Lifzt war eine „poetisch-musikalische Doppelnatur", die Musik war ihm verklärte Poesie. Diese Anschauung aber rief die erbitterte Gegnerschaft hervor. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen sah er eine wichtige Mission in der Aufführung und Verbreitung junger Komponisten. Er hat das Verdienst, Wagners Werke dem deutschen Geist nahegebracht zu haben. Und auf Liszts Bitten wurde ihm die Heimat wieder geöffnet. 1859 legte Lifzt fein Amt in Weimar nieder. Die Intrigen, die m ganz Deutschland damals gegen die neue Richtung gesponnen wurden, hatten auch in Weimar Einlaß gefunden. Lifzt ging nach Italien und zog sich nun völlig vom öffentlichen Leben zurück. Sein tief religiöses Wesen und der mystische Zug, die sich schon in Jugendjahren gezeigt hatten, ließen ihn in den Dienst der katholischen Kirche treten. Am 25. April 1865 empfing er in Rom die Priesterweihen. In Stille und Abgeschiedenheit lebte Liszt nun und widmete sich ganz kirchlichen Kompositionen, von denen die bedeutendsten das Oratorium „Die f) eilige Elisabeth" und der „C h r i st u s" sind. Seit 1869 kehrte Liszt jährlich wieder mehrere Monate in Weimar ein und nahm auch wieder öffentlich an Konzerten teil. Unvergeßlich aber ist er uns auch als tätigster Förderer des Bayreuther Gedankens. Er war auch der erste, der den Proben und Aufführungen des Bühnenfestspiels 1875 und 1876 in Bayreuth mit beiwohnte. Dort schloß der greife Meister, von allen Freunden und Verehrern tief betrauert, am 31. Juli 1886 die Augen. Ein reiches Leben war zu Ende. Beranttoortlid); Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Tlniverfitats-Duch. und Steindruckeret. R. Lange, Gießen. SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1956 Zreitag, den 5. Juli Nummer 50 Oie ^ahrt nach öer Ahnfrau i Erzählung von Paul Fechter Colour & Grey Control Chart Red Grey 4 der Herr ’uJK üfiicffeiyr In Königsberg b(elbcn wollte. Es würde doch wohl auf ein beiderseitiges Schreiben hinauslnufen müssen. Als Meinungsäußerung bedeutete dies eine Enttäuschung für den Doktor: er sollte nicht nach Insterburg. Als Mitteilung erfreute es ihn: was sollte er schon In dem langwelligen Nest, wenn sic »lebt da war. Seine Phantasie aber zeigte ihm eine Gemeinsamkeit der Ahncnsuchc, die angenehm gegen die bisherigen rein männlichen Phasen seines llnternchmens von Malletke bis Iuschkat abslach, und so hatte er gegen die Vorstellung einer schriftlichen Erledigung einiges elnzuwenden lieber diesen Erwägungen aber überhorte er nicht die halblaute Bemerkung des Professors, der nickend die Richtigkeit der schwesterlichen Einwände bestätigte: „SItnunt — Ste fahren ja nach Nidde» zu Frau Endrulnt. Da geht cs allerdings nicht." Er ahnte nicht, das? Im gleichen Augenblick dem Doklor Ebener völlig klar wurde, wie es dach ging. Er sagte nichts, ober er erhob lein Glas mit ausrichtigem Dank gegen seinen Gastgeber und stellte fest, das; es nun aber für Ihn die höchste Zelt sei, nach Königsberg zurück- zukehre». Der Professor widersprach mit der erforderlichen Liebenswürdigkcil: aber zugleich zog er seine Uhr und stelllc sclncrsells fest, das? der Gast, falle er nicht bis morgen bleiben wollte, In der Tat nicht viel Zelt zu verlieren hatte In einer Viertelstunde ginge der lef?tc Zug Der Abschied des Doktor Ebener war kurz aber herzlich. Die Schwesler Regina kam zuletzt an die Reihe: er sagte thr ntcht nur Lebewohl, sondern dankte ihr für die Aussicht aus eine endliche Lösung seiner Ausgabe, die sie ihm eröffnet hätte. Er würde Ihr von Königsberg aus sofort die Daten schreiben und wäre Ihr sehr verbunden, wenn sie feflslellen könnte, ob er mit ihr verwandt fei oder nicht. Daß er dabei ihre Hand bei jedem Abschnitt feiner Rede von neuem leicht drückte, versteht sich von selbst. Ebenso aber, das? er mit feiner Silbe verriet, wie fest entschlossen er mar, von Dienstag ab jeden Morgen, wenn es fein musste, ebenfalls nach Nidden zu fahren. 13 14 15 16 17 18 19 20 Green Grey 2 Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 Blue White Ein Klingelzeichen — allerhand verdächtige Hantierungen der Mannschaft am Ausgang und an den zum Schuf, der Schönheit des Dampfers ausgehängten Holzrollen und Prellballen. Der Doktor atmete Hef und resignierte. Er muhte eben wieder mit der Natur vorliebnehmen und für die fröhliche Hoffnung seiner Regentage büf?en. Er stieg auf das Oberdeck, sand nicht weit vom Schornstein einen - * 111 » > ' t—, । .......... ............ Doktor eine Melle Im Barkhotel, das ihm für fl vor kam, sah zu, wie ole Leute zwischen den iflte sich, ob er wohl mit der Schwester Regina, gern tanzen würde. Er schüttelte unwitlkürttch den irrtet Neigung dazu. Dies tonr ihm srernd ge- Melt nach dem Kriege, und es schien ihm hier " bald heimging und in der Stille seines Hospizes strunk zu sich nahm. » sonst, aber doch ungeweckt, am Dienstag erhob ____öffnete, sal) er in einen graue« aber trockenen Tag. Die Bäume wehten In leichtem Mtud, der Htmmel zeigte helle Streifen: es bestand die Möglichkeit, das? das Wetter sich besserte. Und wenn nicht — aus dem Dampfer gab es ja Kajüten: da war es auch gleichgültig. Der Zug war nicht eben voll, und die meisten fuhren nach Eranz. Der Dampfer tag klein und unansehnlich in der grünen, regensrischen Land- schast: fein Qualm wurde vom Winde rasch zerieilt und zum Wald hin übergeweht: über die sumpfige Wiese daneben wanderte langsam, gravitätisch nickend, ein Storch. Der Doktor ging mit den andern Fahrgästen In jenem beschleunigten Tempo zum Dampfer, das die Vorsiellung von ersehnten und gerade eben von andern besetzten Plätzen In Reisenden und Auoslüglern auto- matisch zu erzeugen pslegt. Er |ud)le unter den Milwandernden eine ersehnte Gestalt aber vergeblich. Wahrscheinlich war sie bereits aus dem Schiss. Er löste seine Karte, fleflerle auf den kleienen Dampfer, der ziemlich hoch aus dem breiten, flußähnltchen Wasser ausragte, in dem er lag: er wanderte nach vorne, wanderte nach hinten, stieg hinauf, stieg hinab und sand niemanden. Die besten Plätze aus dem kleinen Oberdeck dicht beim Kapitän waren längst vergeben: der Doktor Ebener zog ruhelos durch die Gänge, kontrollierte die Ankommenden — mit negativem Ergebnis. Das Herz seiner Hoffnung sank in Regionen, In denen es schon beinahe nicht mehr tiefer fallen konnte. Der Dampfer sandle, nach mehreren vergeblichen Ansätzen, einen mißtönenden Schrei in den grauen Morgen: er kündete auch der Ferne feine bevorstehende Abfahrt an. Dem Doktor Ebener schnitt der Ton In die Seele: er [ah dem Schicksal, dem er (eit Rauschen blind vertraut halle, aus einmal in die höhnisch unbarmherzigen Augen. Magenta Black blickte lange aus den Fenstern über die regenglänzenden Dächer hinüber nun Pregel und zum Hass, bummelte wieder die menschenleere Langgasse hinab, as> bei Jüncke zu Mittag freute sich, das, die Speisekarte immer noch eine Schiefertafel mar, auf die die jeweils neuen Delikatessen aus geschrieben wurden, und das? Immer noch die netten, srmmdltchen binnen Käser bedienten. Am Raehmiltag schrieb er mit Lust und Ausdauer seine IZHmenuacb welle unb Auszeichnungen über Regina Katharina Müller für fanblc sie Ihr mit einem sehr sargsältlg und mit trief nach Insterburg. Dann schlief er ausgiebig, Bett, freute sich am Montag, das» e» wieder isstcht auf Besserung am Dienstag um so größer >n einen Tag früher nach Nidden zu fahren, um Ankunft des Dienstagdampfers am 5>afen zu « trr yarre scmrrr inrHrmmiinri ,. it uiiu vumitiMu v.» gnügte Stadt: er pfiff vor sich hin, manchmal fummle er fogar eine Melodie, jo flut fein wenig musikalisches Herz sie hergab. Er sah vor sich ein sonniges großes Wasser, und aus dem Wasser einen hübschen Dampser, und auf Dem Dampfer ein hübsches Mädchen — und er hatte seftgeftellt, daß nach Nidden überhaupt nur ein Dampfer morgens um neun von Eranzbeek möglich war. Es mußte also glücken. Und diele Aussicht ließ Ihn mit Fassung und Gleichmut das naffe Wetter und die nasfc Stadt ertragen. Er verflieg sich sogar ins Museum, kletterte im Schloß die Treppen hinaus, defah sich die alten Schränke und die alten Bilder, l Doklor notierte alles tellnahmfos, menschenfeindlich in feinen ’jvmmei und seine Einsamkeit gehüllt — bis er aus einmal alle Menschenselnd- llchkeit veraas? und mit stierem Blick ein junges Mädchen in grauem Mantel anstarrte, das langsam und nnbcsangen, in der befchatteten Stirn zwei leicht angedeutete Falten, die Treppe zum Oberdeck hinausgestiegen kam. Es war kein Zweifel: während er hier saß und mit Gatt und der Welt zerfallen grollte, war das Ziel seiner Sehnfucht unbemerkt dach auf das Schiff gestiegen und war jetzt ebenso erstaunt beim Anblick de Doktor Ebener wie der bei dem Ihrigen.