SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 9 Zreitag. den 3b Januar Jahrgang |936 lSelM.16WHe.20Mn! Von Otto Folberth. Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München. 2. Fortsetzung. Sonst ist alles Gelände ringsum weit und kahl und unbegrenzt. Wohin man auch blicken mag, man kann es nur irrend tun, man gleitet immer wieder zurück, man findet keinen Ruhepunkt für das Auge außer an den düstern Umrissen des ragenden Meierhofs. Anders als zwischen den Grashügeln der Artilleriestellung ist hier alles bebaute Steppe. Breite Ackerstreisen zeigen den Strom der Arbeit an, der sich von einem Horizont zum andern über sie bewegt hat. Aus den Streisen stehen, soweit das Auge reicht, in regelmäßigen Abständen Kornkreuze, Tausende. Hunderttausende von Kornkreuzen. Ihre gelben Hausen sind wie Zahnreihen, unendlich viele Zahnreihen mit dunkeln Lücken und Zwischenräumen, sind wie Zinnen übereinander getürmter Mauern einer befestigten Stadt. Hier mag der Schnitt erfolgt sein, als die russische Front an der Zlota-Lipa zerbrach. Dömner, dem Bauern, dem Richtvormeister des Geschützes, gehen die Augen über. „So viel Frucht! Rein, so viel Frucht!" sagt er ein übers andere Mal. „Wie groß ist denn Ihr Acker zu Hause, Dömner?" „Mein Vater besitzt alles in allem neun Joch, Herr Kadett. Wir sind vier Brüder, die sie teilen sollen. Auf dem Stück, das wir voriges Jahr mit Weizen bebauten, hatten wir zwanzig Kreuze stehen. Mehr, glaube ich, haben wir überhaupt nie geerntet. Ja, wenn wir so viel Boden hätten als diese hier...!" Er wagt nicht zu sagen „Bauern", denn er weiß, daß die Bauern hier noch weniger besitzen als in Siebenbürgen. Alles, dieser ganze, unübersehbare Reichtum gehört ja dem Grundherrn. Möß wird nachdenklich. Vor drei Tagen also fuhren über diese Felder, über die jetzt die schweren Kolonnen unserer Geschütze fahren, hochgetürmte Erntewagen dem Meierhof zu. Gestern, vor dem Sturm der Ungarn, brannte seine letzte Scheune ab. Ihre Asche muß noch glimmen. Und heute? Heute gibt der Regen sich redlich Mühe, den Schleier der Vergessenheit über die Tage von Urlow zu breiten. Ist das also, heißt das also Krieg? Und doch, und doch ist an diesem Tränenmorgen noch nichts versunken, noch keine Wunde vernarbt, noch kein Schmerz überwunden. Zu deutlich hat sich dem Fleisch dieser Erde jede Phase des Kampfes eingeprägt, zu offen vor aller Augen reiht sich noch Fingerabdruck an Fingerabdruck seines Verlaufs. lieber diese breiten, abgemähten Ackerstreisen ging gestern der Todesweg der siebenbürgischen Regimenter. Vor und zu beiden Seiten des Meierhofs, in hochgelegener, das Gelände weithin beherrschender Stellung harrten die russischen Maschinengewehre, harrten in ihren tiefen Gräben die sibirischen Scharfschützen. Was über die Aecker lief, nahmen sie weither schon aufs Korn, knallten den geduckt eilenden Gestalten spritzende Kugeln um die Ohren. Die Siebenbürger suchten Deckung hinter den Strohhaufen des geschnittenen Weizens. Sie griffen buchstäblich nach dem rettenden Strohhalm. Gegen Sicht wenigstens mußten sie ja schützen, die Hausen. Und sie wußten, gegen Sicht geschützt zu sein, war schon viel, oh, konnte zuweilen sehr viel bedeuten in diesem Krieg. Außerdem — wie dufteten die hängenden Aehren heimatlich an den gelben Kreuzen! Alle, fast alle waren sie ja Bauern, hatten jetzt selbst ihre Kreuze stehen aus schmalem Stoppelfelde daheim. „Schweinerei!" hatte da einer ganz laut einmal gerufen, „die Halme zwei Spannen über dem Erdboden abzufchneiden! Zu uns müßten diese faulen Panjes in die Schule gehen " „Und glaubst du, hier sei im Frühjahr wenigstens richtig geackert worden", hatte sein Nachbar im gleichen entrüsteten Tone erwidert. ,,Zeu, cä nu! Bei Gott nichtl Wir wühlten uns mit dem Spaten hier sonst nicht so verteufelt schwer ein." „Diese Erde, Brüder, würde das Doppelte tragen in unsern Händen." Im nächsten Augenblick fanden sich die drei Stimmen schon nicht mehr. Das Hasten und Stieben von Haufen zu Haufen, bald rechtshin, bald linkshin hob schließlich alle Ordnung auf. Man geriet in immer neue Zusammenhänge, doch ehe man sich in ihnen halbwegs zurechtgefunden hatte, sprengte das Streufeuer der russischen Maschinengewehre auch sie wieder auseinanb»' So gab's manchen, der nach atemraubendem Sprung über das offene Feld klirrend zu Füßen eines Hausens niederstürzte, den Kops tief hineinwuschelte in feine strohige Fülle, und aus Schmerz oder Verzweiflung, aus Bauernweh oder -lüft — wer weiß? — oder einfach, um Augenblicke lang nichts anderes denken zu müssen, in die körnige Frucht biß. Denn der Meierhof mähte. Oh, rote er das Mähen verstandI Er war ja vom Schnitt her noch in Uebung. Gerade was den Siebenbürgern Rettung versprochen und sie in seinen Schutz gelockt hatte, gerade das wurde ihnen nun zu Gefahr und Verderb. Ralchelnd durchbohrten die Kugeln die lockern Kreuze, legten Ungarn, Rumänen und Sachsen zu den goldgelben Garben des galizischen Weizens. Seht, da liegen sie noch jetzt, das Gewehr im Anschlag, und lugen an den Haufen vorbei nach dem Meierhof. Wie auf dem Exerzierplatz liegen sie, mäuschenstill, als schreite eben ein strenger Vorgesetzter in ihrem Rücken die Front ab. Sie zucken nicht mit der Wimper „Auf!" möchte man ihnen zurufen. „Auf!" Aber das Wort erstickt einem in der Kehle, sobald man es denkt. Einige pressen nicht das Gewehr, sie pressen den kurzstieligen Spaten an die Brust. Drei, vier, fünf Stiche waren schon getan, den Strohschutz vor ihnen mit Erde zu verstärken. Dann muß plötzlich alles aufgehört haben. Auch sie rühren kein Glied mehr. Auch auf ihnen lastet der Bann eines Unsichtbaren. Richt einmal der triefende Regen vermag sie zur geringsten Bewegung zu verleiten. Und er riefelt ihnen doch unaufhörlich senkrecht in den Racken hinein. Einer liegt ganz nahe am Wegrand. Eine Gruppe von Kanonieren umsteht ihn. Aus jedem Geschützzug, der an ihm vorbeirollt, treten einige aus, vermehren den Schwarm der Gaffer. Möß reitet auf sie zu, wundert sich sehr, daß sie ein Grab schaufeln. „Was tut ihr? Warum gerade diesen da begraben?" „Es ist mein Bruder", antwortet einer der Kanoniere. „Ich habe ihn zufällig erkannt, als ich vorhin an ihm vorbeiwollte." Das ist der erste Tote, denkt Möß, in dessen glasige Augen ich in diesem Krieg blicke Und sein Bruder begräbt ihn Je weiter er reitet, um so verwüsteter ist das Feld. Kaum steht ein Kornkreuz unversehrt da. Manche sind völlig zerwühlt. Geschoßeinschläge haben die Erde tief verwundet. Sie ist übersät mit Ausrüstungsgegenständen: mit Patronentaschen, Gewehrkolben, Jnsanteriespaten, mit Mützen und Rucksäcken. Nie noch hat Möß ein so grauenerregendes Stück Erde gesehen. Daß die Zerstörung, von Menschen gewollt und ins Werk gesetzt, je solche Zerrbilder erstarrter Ohnmacht, zerkrampfter Qual schaffen könne, hat er nicht geahnt. Eine furchtbare Erkenntnis scheint in ihm aufzusteigen. Als werde er jetzt erst wissend, jetzt, in diesem Augenblick — ein Eingeweihter. Wie sich die Toten, je näher er dem feindlichen Graben kommt, auf dem Felde mehren! Nicht mehr einzeln, nein, zu zweit, zu britt liegen sie am Fuße ber sruchtfchweren Kreuze. Man spürt deutlich einen süßlich verpesteten Ruch über den Acker streichen. Man hält den Atem an und den Mund zu. Man möchte endlich einmal weg, weit weg fein von hier. * Im Meierhof haben Nahkämpfe ftattgefunben. Deutliche, allzu deutliche Spuren verraten es. Aber Möß blickt nicht mehr hin. Er hat genug gesehen. Er reitet auch nicht mit Gerö an die russischen Gräben heran, um die Wirkung ihrer Treffer festzustellen Er hört (lieber hätte er es nie vernommen!), sie sei entsetzlich gewesen, die Gräben müßten voll Menschen gesteckt haben. Er muß fortwährend an gestern und vorgestern denken, an die schwere Beschießung seiner Mulde, an bas unerhörte Glück, baß babei niemanb sein Leben ließ. Im einzigen Raum bes Meierhofs, ber noch ein Dach trägt, ist jetzt ein Hilfsplatz eingerichtet, ©tunbenlang hält bie Artilleriekolonne in unmittelbarer Nähe. Niemanb weiß weshalb. Um sich vor bem noch immer triefenben Regen zu schützen, tritt Möß unter das Vordach des Hauses. Stundenlang hört er das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten drinnen. Blut und Jammer und Qual steigt ihm bis an die Kehle. * Endlich setzt sich bie Kolonne roieber in Bewegung. Ein Vormarsch wie am ersten Tage ist es aber nicht. Das Wort hat seine Fröhlichkeit, sein hüpfenbes Herz, seinen Leichtsinn verloren. Als hätte jemanb einen Schleier über es geworfen. Es kommt ja kaum zu richtiger Kolonnenbilbung. Die Batterien fahren halb hinter biefem Dorf-, bald hinter jenem Waldrand auf, geben ein paar Schüsse ab, trollen sich fort. Man bleibt verloren im Ungewissen. Einmal, nach tagelangem Marsch durch den Dreck der aufgeweichten Feldwege, stößt man aus eine Straße, eine Straße mit hartem, richtig gewölbtem Schotterrücken. Aber auf dieser Straße trabt eilig srontwärts eine deutsche Division... Di« „Oesterreicher" dürfen sie nur gerade kreuzen. „Siehst du, das haben wir deinen Deutschen zu verdankenl" spottet Gerö, der übrigens zu jenen ungarischen Offizieren gehört, die verhältnismäßig selten über die Deutschen schimpfen. Möß nimmt kein Auge von den vorbeirasselnden Batterien. Zum erstenmal im Leben sieht er deutsche Artillerie. Sie haben plumpere Geschütze, schwerere Pferde als wir, stellt er fest. Alles ist einheitlicher, vorschriftsmäßiger, starrer als bei uns... Wirklich, mit diesen da verglichen sind wir das reinste Zigeunerpack.. Und nun nehmen sie auch noch die gute Straße für sich in Anspruch und lassen uns die Feldwege. Aber zu Gerö sagt er: „Wer weih, es könnte doch feine besonderen Gründe haben, daß ..." Einmal kreuzen sie auch einen Schienenstrang. Kreuzen ihn dicht an einem großen verbrannten Bahnhof. Eine Stadt muß also in der Nähe sein. Und schon wandert ihr Name von Mund zu Mund: Zborow. In Zborow gibt’s heute Nachtquartier, Jungens! Eine halbe Stunde später merken sie, daß die Straße wieder schmaler und dreckiger wird, die Hügel kahler. Die Dörfer heißen Manilowka, Jaroslawicze ... Einmal ... Einmal ... In Olejow hören sie Kanonenschüsse. Eigene oder feindliche? Achselzucken die Antwort dessen, der gefragt wird. Gerö läßt seine Leute im Schloßhof neben den verkohlten Stallungen Lager beziehen. Es ist schon dunkel, als er seinen Arm um Möß legt und mit dem Kopf hinüber nach dem Schloß winkt. „Gyerünk, kicsi szäsz! Komm, Kleiner!" Das Schloß ist nicht verbrannt. Es steht am Ende einer breiten, fürstlichen Allee und eines seiner Zimmer ist erleuchtet. Den Kadetten befällt eine Stimmung voll Süße und Weh, wie sie Arm in Arm unter den dunkeln Kastanien dahinschreiten. Es überfallen ihn Erinnerungen aus einer andern Welt, die doch keine Erinnerungen sind. Wird er jemals im Leben noch durch Alleen schreiten, durch Alleen, wo Frauen und Kinder ...? Nichts steht an diesem Abend zwischen Gerö und Möß. Man ist sich ganz nahe, ganz nur Mensch, ganz nur Freund. Deshalb sprechen sie kaum. Und wer schon von ihnen ein Wort sagt, flüstert es bloß. Jetzt gehen sie an dem erleuchteten Fenster lautlos vorbei und dann langsam auf geheimnisvollen, unwirklich sorghaft gepflegten Parkwegen rings um den Bau herum. Auf der gegenüberliegenden Seite finden sie den Eingang offen. „Gyere nö, gyere!" Gerö zündet drinnen, in der Finsternis der unbekannten Räume, ein Streichholz an. Auf einem Ecktisch steht ein dreiarmiger Leuchter. Sie stecken seine Kerzen an und nun erst können sie sich recht umsehen. Ja, jetzt merkt man: diese Zimmer sind fluchtartig verlassen worden. Noch ist alles durcheinandergewirbelt. Aber — oh — fein hat sich's hier schon einmal leben lassen! Da hängen Hirschgeweihe, prachtvolle Hirschgeweihe an den Wänden. Man tritt auf dicke, weichhaarige Felle, die über den Fußboden gebreitet sind. Ausgestopfte Tiere glotzen die behutsam Schreitenden an. Bor dem Bildnis einer jungen Frau bleiben sie gebannt, sprachlos, lange stehen. Möß hält den Leuchter ganz nahe heran, kann sich nicht trennen von dem schönen Antlitz. Auf einmal hören sie Musik aus dem Nebenraum. Ein Klavier! Wie vom Schlag gerührt bleiben sie stehen, löschen vor Schreck die Kerzen, lauschen dem Spiel. Den Kadetten überläuft es zugleich kalt und warm. Er schließt die Augen. Er taumelt. Wenn jetzt dort, hinter der Tür, die Dame...? Das Herz schlägt ihm bis an die Kehle, als das Stück zu Ende ist und Stimmen drüben laut werden. „Wer um des Himmels willen...?" fragt er flüsternd. Gerö gebietet ihm Schweigen, horcht gespannt hinüber. Nach einer Weile tastet er sich dann an Möß heran, führt ihn auf den Zehenspitzen zum Ausgang hin: „Das ist niemand anders, mein Lieber, als Oberst Gornbos, Kommandant der Brigade Clöre, und sein Adjutant Fejsrväry, ein guter Musiker. Ich habe sie an ihren Stimmen erkannt. Komm, lassen wir den Alten allein. Er hat Musik jetzt nötiger als wir ... wir zwei ..." ♦ ®’e Brigade Elöre besteht aus zwei Szekler Honvedregimentern. Es stecken aber auch viele Rumänen in ihnen, viele sächsische Unteroffiziere und Offiziere. Was tufs? In der Pranke ihres Führers ist auch diese Truppe zu einer einheitlich siebenbürqischen geworden, zu einem bewunderten Werkzeug infanteristischer Schlagkraft. Gerö hat schon früher einmal in ihrem Verbände gestanden. „Unter ihnen, Freundchen, fühlt man sich recht zu Hause. Das ganze obere Miereschtal und die kleine Kokel findest du in ihren Reihen die Holzknechte der Görgeny, die Flößer von Birk, die Hirten der Mezösäg. Sie dudeln Lieder und Weisen, die unsere Ammen fangen. Jede Kompanie fuhrt einige Zigeunergeigen mit. Gornbos hat den Unterführern ausdrücklich befohlen, es zu gestatten. Da wird dann auf dem Marsche gefiedelt ober im Lager oder in den Unterständen, je nachdem... Und manchmal wird sogar getanzt .." Ja, aber gerade immer gemütlich ist die Zusammenarbeit mit dieser Truppe nicht. Cs ist wahrscheinlich viel einfacher, merkt Möß sehr bald, und verpflichtet zu viel weniger, den Heerestrott mittelmäßiger Truppen und mittelmäßiger Führer mitzuhatschen ... Man befiehlt Gerö, flugs in Feuerstellung zu gehen, und zwar dorthin und dorthin. Als es geschieht, stellt sich heraus, daß der Raum vor Ihm noch nicht einmal durch Feldwachen lose gesichert ist. Man widerruft den Befehl. Kaum ist er wieder zurück, jagt man ihn schleunigst nochmals an denselben Fleck. Und jetzt ist die Infanterie schon so weit vorgerückt, daß alle artilleristische Unterstützung bereits überflüssig geworden ist. Trotzdem — man empfindet die Nähe dieses scharfen Geistes wohltuend. Man wird zwar geschunden, es ist wahr. Man wird gelegentlich sogar fürchterlich angeschnauzt als angeblich nichtswürdiger ägyu-bäcsi, Kononenonkel. Aber erstens läßt Gerö sich Grobheiten ehrlicher, alter Haudegen — und verstünden sie noch so wenig von seiner Waffe — gerne gefallen. Er lebt in ihrer Welt und weiß, wie sie gemeint sind. Zweitens nötigt ihm, abgesehen von allem andern, ein Umstand restlose Bewunderung ab. Die Postenkette dieses Mannes ist wie er selber. Pantherhaft vorpreschend hier, listig ausweichend dort. Eine Angelegenheit des Mutes und der Jagd. Grund genug, fein Herz, das Herz des ehemaligen Karpathenjägers Gerö, vor Freude hüpfen zu lassen. * Fein übrigens, wirklich fein, wie sich das Außergewöhnliche gleich auch in Kleinigkeiten, im Spiele des Zufalls, im Glück verrät. Möß hatte, Tage darauf, die Pferde wieder einmal in einem kleinen Wäldchen, gegen Fliegersicht gut geschützt, verborgen. Ein steiler Hang deckte wahrscheinlich sogar gegen Granaten. Man hatte auch schon — pro forma — ein kleines Gebumse veranstaltet. Das war von Zeit zu Zeit, selbst bei unaufgeklärter Gefechtslage, notwendig. Nun ja, denn nicht alle Führer da hinten waren wie Oberst Gornbos. Befaß man denn überhaupt noch Kanonen? fragten sie nur allzu leicht, wenn sie sie einen Tag lang nicht böllern hörten. Tatsächlich war die Infanterie jetzt wieder weit vorgeschnellt und Gerö hatte die Schüsse einfach in die Binsen geschickt. Er spähte sich zwar in der Beobachtung die Augen aus dem Kopf, aber im diesigen Gelände war weder Feind noch Freund an irgendeinem Punkte mit Sicherheit festzustellen. Da schafften die Fahrkanoniere und Pferdewärter im nahen Wäldchen dem langweilig dahindusternden Tage einen Inhalt, der ihr sympathisches Halunkentum wieder ins rechte Licht setzte. Sie hatten im Birkengebüsch ein Jmkerhäuschen entdeckt und sich an seiner süßen Habe vorerst mal selber recht gütlich getan. Nun aber waren sie satt und übersatt und schleppten mit triefenden Händen in Eßschalen, Tränkeimern, Hafersäcken die gelbe Wabenfülle zur Geschützstellung heran. Hier breiteten sie großmütig und mit schmunzelnder Beutelust den eroberten Schatz vor der Bedienungsmannschaft aus. „Da habt ihr, Herrschaften! Gebt nur acht, daß es euch nicht geht wie Imre, dem Burschen. Heißhungrig, wie er war, schluckte er zwei Bienen mit hinunter. Die haben ihm einen Gaumentanz aufgeführt, daß er das Wäldchen hier in seinem Leben nicht mehr vergessen wird." Dem Kadetten wird eine besonders schöne Wabe angeboten. Trotz der Warnung beißt auch er davon wie von Brot. Seit wann hat sein Kindergaumen keine Süßigkeit mehr gekostet? Gierig schlürft er den dicken Seim. Und es ist, als hielte ein Strom von Erinnerungen Einzug in sein Herz. * Wo in des drei Teufels Namen steckt bloß der Russe? Nun jagen sie ihm schon nach bis in den tiefen September hinein und haben ihn seit Urlow so recht nicht mehr zu fassen gekriegt. Ja, jagen sie ihm überhaupt noch nach? Verdient das, was sie täglich tun, noch den Namen Vormarsch, Verfolgung, Eroberung? Wirklich, sie haben keine Stunde Ruh' und erreichen doch niemals ein Ziel. Seit acht Tagen geht der Name Sereth unter ihnen um. Sie wissen es, es ist ein Fluß wie die Strypa, die sie sahen, und die Zlota-Lipa, die sie beinahe schon vergaßen, ein Fluß, der wie jene dieses Land von Nord nach Süd durchquert, eine natürliche Verteidigungslinie des Russen. Sie müssen jeden Augenblick darauf stoßen und doch kommt es nie dazu. Knapp vorher weichen sie immer wieder seitwärts aus, können sich aus dem Knäuel der Berge hier nicht mehr lösen. Abend für Abend senken sich die Wolkenbänke des Herbstes tiefer auf die qualmenden Wälder nieder, fällt ein Nebelvorhang mehr zur Erde. Bald hüllt das feuchte, nachgiebige, wolkige Gewebe sie so gänzlich ein, daß Blicke und Gedanken sich schwer darin verfangen und Weg und Steg sich im triefenden Grunde verlieren. Wer wagt es da noch, mit Waffen gegen dies graue Ungeheuer vorzugehen? Wer ist noch Kind genug, um zu glauben, dieser dichte Schleier ließe sich wie andere feindliche Gewalten jemals mit Mut und Keckheit bezwingen? Jeden, der es unternahm, hat der Wald behalten, der Nebel verschluckt, die Nacht verweht. Nein, keiner kehrte, der seit Tagen tastend ging, aus Sumpf und Tal und Forst zurück. „Kutyaläb!" schimpft Gerö öfter noch als gewöhnlich, „immer schon war es so: meisterhaft verstand der Russe den Rückzug." Mitten in einen dieser regnerisch verhängten Tage sprengt ein Reiter herein. Pariert fein Pferd, daß ihm fast das Kreuz bricht, vor der Nase Gerös. Eine Wolke von Dampf und Nebel läßt ihn überlebensgroß erscheinen. „Leutnant soundso, Adjutant des Oberstleutnant Graf Eszterhäzy stellt sich gehorsamst vor. Befehl des Brigadiers: Oberleutnant von Gerö fetzt sich mit der Gebirgshaubitze sofort in Marsch, um die Serethbrücke bei Jwaczow-Gorny, vor der Front des rechten Nachbarkorps, zu zer- stören. Rusten greifen aus dem Raum von Tarnopol zu beiden Seiten der Eisenbahn heftig an." „Nanu", fagt Gerö, das klingt ja wie eine Meldung auf dem Exerzierplatz von Hermannstadt!" Dabei denkt er leise vor sich hin: Eszterhäzy, Eszterhäzy, obwohl dieser Name so bekannt ist, ich habe ihn noch nie an unserer Front nennen hören. Sollte der Mann vielleicht eben erst aus dem Hinterland ...? Und er schüttelt den Kopf über die Romantik dieses Befehles. (Fortsetzung folgt.) An einem Winiermorgen vor Sonnenaufgang. Von Eduard Mörike. O slaumenleichte Zeit der dunkeln Frühei Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe? Einem Kristall gleicht meine Seele nun, Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn, Dem Eindruck naher Wunderkräste offen. Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft. Bei Hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken; Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh ich hinab in lichte Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen. Die glänzend sich in diesem Busen baden, Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche? Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgejänge; Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht? Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heutigen Tags getränkt, Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage, Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht? Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage? — Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn! Dort, sieh! Am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn; Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge! . Oer Knabe auf dem Kopf des Elefanten. Eine indische Novelle von Max Dauthendey. Der Maharadscha von Jaipur, der heute noch unabhängigste Fürst von Indien, hat einst zu Ehren des Besuchs des Prinzen von Wales alle Häuser, alle Straßen, alle Wände, Treppen und Türmchen seiner kleinen Hauptstadt Jaipur mit rosa Kalkfarbe anstreichen lassen, alle Gesimse und Geländer mit purem Jndigoblau, so daß die Stadt jetzt den ganzen Tag über in einem ewigen Morgenrot schimmert und die rosarote Stadt genannt ist. Keiner geht durch diese Stadt, der nicht von der anendlichen rosaroten Farbe begeistert gestimmt wird. In alle Straßen- siuchten hinein begleitet dich vom Morgen bis zum Abend der süße Rosenton. Er übertüncht deine Sorgen und deinen Kummer und ver- iärtelt deine Gedanken. Die helle Stadt scheint aus rosa Zuckerguß und rosa Schlagsahne aufgebaut. Süß und süßlich wird dir vor dem rosa Häuserschaum zumut. In der Straße der Reitbahn steht ein goldener Minaretturm, der kinzige gelbe Fleck in den rosa Mauern. Diese Straße ist sehr breit and führt nach dem Marktplatz und nach den Elefantenställen des Fürsten. In der Mitte über einem Straßenaltar ragt ein trompeten- bäum mit weißen Armen. Zu beiden Seiten der Straße sind in den Erdgeschossen der rosaroten Häuser offene Verkaufsgelasse, wie kleine dunkle Höhlen; darinnen hocken die Indier auf den erhöhten Dielen and arbeiten. Ein starrsinniger blauer Himmel ist immer über der rosaroten Stadt, es hat jetzt seit zwei Jahren nicht geregnet. Weiße Zebutiere und Zebukälber tummeln sich vor den Läden, Affen surzeln von den Dächern in grauen Scharen über die rosa Straßen. Koben Morgen um eine bestimmte Stunde kommt der Lieblingselefant ies Fürsten von seinem Morgenspaziergang durch das rosa Tor in die Stabt zurück in bie Rennbahnstraße, torkelt wie eine Kuh gemütlich mb watschelt die breite Straße hin nach dem Elefantenstall Voraus «. V-7V7V1.), es ist richtig, sie hat sonst keinen Erben, und was ihr gehört, gehört auch Martin, aber Lars soll nicht glauben, daß das von Belang ist. Sie hat nämlich eine Hypothek auf das Haus aufnehmen müssen, und hier draußen etwa mit dreien von dem kleinen Laden zu leben ist ganz unmöglich. Sie hat es vorhin ja schon gesagt, nicht wahr? Lars nickt nur. Ja, darüber soll sie sich nur keine Gedanken machen. Die jungen Leute werden sich vielleicht mal ganz anders einrichten, und überhaupt ist es ja noch zu früh, über solche Dinge zu reden. Er hat wohl überhaupt schon zuviel gesagt und ist zwischen seinen Worten so mit sich selber beschäftigt, daß er kaum hinhört, was ihm Martins Mutter auseinandersetzt. Denn der Gedanke, der ihn durchzuckte, will ihn nicht wieder loslassen ... Er muß dieses Bild mithaben, das mag nun gehen, wie es will! Seine Stimme wird rauh und heiser unter der Erregung, als er mit seinem Anliegen herausrückt. Aber er fängt es durchaus nicht so ungeschickt an, wie er selber meint, als er noch einmal Martins Bild in die Hand nimmt, das noch vor ihm auf dem Tische liegt. Sie hat wohl nur dieses eine und gibt es nicht gern her? Denn wenn er es sagen soll, so möchte er es wohl für ein paar Tage mithaben und es seiner Frau zeigen... Ja, auch von ihr hätte er gern eins mit, und vtv vimvi, v«a, uiw iji nn oitnuiujci jjtutjuj jui ja vnnni. „Wie?" fragt Lena verwundert und kommt Lars nach. „Jetzt bist du kaum über die Schwelle getreten und willst schon wieder fort? und mit dem Wagen?" „Ja, Lena. Du mußt nicht lange fragen, siehst du. Was meinst du, ich habe sogar vor, dich und den Kleinen diesmal mitzunehmen." Lena traute ihren Ohren nicht. Jetzt am Abend und bei der Kälte und dem Schnee, zumal Lars sonst immer so besorgt um das Pferd ist? „Nein", sagt sie, „was für ein Einfall! Denn wenn wir jetzt wegfahren, Lars, werden wir ja noch in der Nacht in der Stadt ankommen? Das hast du wohl nicht bedacht, wie?" Oh, so dumm ist Lars nun doch nicht. Aber ist es nicht am besten, er sagt ihr jetzt die ganze Wahrheit? Erfahren muß sie ja nun doch, und so hat sie doch ein wenig Zeit, sich in alles zu finden, was ihnen bevor- fteht... Denn für ihn selber bedeutet der Abschied von hier draußen ja nun keinen Schmerz mehr. Im Gegenteils ihm ist feit langem nicht mehr so leicht und frei zu Sinn gewesen, nun alles für ihn entschieden ist und ihn in seinem Entschluß nicht mehr wankend machen kann. Alles wird ja jetzt richtig werden, wenn er auch weih, daß ihm das Schwerste noch bevorsteht. „Ich soll dich übrigens grüßen von Dorte", sagte er, um die Aus-