Montag, den 50. November Nummer 93 Jahrgang 1936 GiehenerZamilienblStkr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ■ t Geschichte einer Liebe S/lVWvlU vonünutHamsun Stadt begleiten, antwortete Kind, wen ganz warm ... Gott segne euch, sagte sie, at es die ganze Zeit gewußt. Aber liebes wartete: Ja, ja, Gott segne euch! Johannes ließ ihre Hände los und sagte: So, jetzt sind sie warm, Tausend Dank, ja, jetzt bin ich Ich hatte ihr alles erzählt, sie fju. ... — K--- -z - ■ liebst du denn? hatte sie gefragt. Kannst du noch danach fragen? ecmtwortet; Johannes liebe ich, nur ihn habe ich mein ganzes hatte ich geantwortet! Johannes liebe ich, nur ihn habe ich mein ganzes Leben lang geliebt, geliebt, geliebt ,.. Er machte eine Bewegung, Es ist spät. Wird man daheim nicht Angst um Sie haben? Nein, antwortete sie. Sie wissen, daß ich Sie liebe, daß Sie es sind, den ich liebe, Johannes, das haben Sie wohl gesehen? Niemand, niemand kann erfassen, wie ich mich in diesen Jahren nach Ihnen gesehnt habe. Ich bin hier auf diesem Wege gegangen und habe dabei gedacht: ich gehe jetzt lieber ein wenig neben dem Wege, mehr im Walde, da ist auch er am liebsten gegangen; so mache ich es auch. An jenem Tag, an dem ich erfuhr, daß Sie gekommen seien, kleidete ich mich hell, hellgelb, ich war krank vor Spannung und Sehnsucht, und ging rastlos durch alle Zuren aus und ein. Wie du heute strahlst! sagte meine Mutter. Die ganze Zeit sagte ich vor mich hin: jetzt ist er wieder heimgekommen! Er ist herrlich, und er ist zurückgekommen, dies ist er beides! Tags darauf hielt ich es nicht mehr länger aus, ich zog mich wieder hell an und ging in den Steinbruch hinauf, um Sie zu treffen. Erinnern Sie sich? Ich traf Sie auch, aber ich pflückte keine Blumen, wie ich sagte, und deshalb war ich ja auch nicht gekommen. Sie freuten sich nicht mehr, mich wiederzusehen: aber Dank, trotzdem, dafür, daß ich Sie traf. Das war im dritten Jahr, tote hielten einen Zweig in der Hand und spielten damit, als ich kam; als Reden wir nicht mehr davon. Nein, ober verzeihen Sie mir, hören Sie, seien Sie barmherzig! Was, um alles in der Welt, soll ich tun? Mein Baier geht jetzt zu Hause in seinem Arbeitszimmer auf und ab, es ist so fürchterlich für ihn. Morgen ist Sonntag; er hat angeordnet, daß alle Leute frei haben sollen. Das ist das einzige, was er heute angeordnet hat. Sein Gesicht ist grau, und er spricht kein 'Wort; eine solche Wirkung hat der Tod seines Schwiegersohnes aus ihn. Ich erzählte meiner Mutter, daß ich zu Ihnen gehen wollte^Wir beide, du und auch ich, müssen morgen den Kammerherrn und seine Frau in die 7 ' ' J ' - sie. Ich gehe zu Johannes, wiederholte ich. Vater kann das Geld für uns alle drei nicht aufbringen, er selbst will Zurückbleiben, antwortete sie und sprach beständig über andere Dinge. Da ging ich zur Türe. Sie sah mich an. Jetzt gehe ich zu ihm, sagte ich zum letztenmal. Meine Mutter kam mir bis zur Türe nach, küßte mich und ant- Lopyright by Albert tangenz® eorg Müller Verlag, München 7. Fortsetzung. Mein Bater kommt herein. Ja, liebe Victoria, jetzt mußt du hinuntergehen und ihn empfangen, fagt er. Ich kann nicht, kann nicht, antworte ich und wiederhole meine Worte von vorhin; er solle gnädig sein und mich in eine Lebensversicherung aufnehmen lassen. Er erwidert kein Wort, aber er setzt sich auf einen Stuhl und beginnt zu zittern und nachzudenken. Als ich das sehe, sage ich: Bring mir meinen Mann; ich nehme ihn. , , Bictoria hält inne. Sie bebt. Johannes nimmt auch ihre andere Hand und erwärmt sie. Danke, sagt sie. Johannes, seien Sie so lieb und nehmen Sie mich fest an der Hand! Tun sie das, bitte! Mein Gott, wir warm Sie sind! Ich bin Ihnen so dankbar. Aber Sie müssen mir das verzeihen, was ich auf der Brücke sagte. , Q Ja, das ist schon lange vergessen. Soll ich einen Schal für tote holen? Nein, danke. Aber ich begreife nicht, daß ich zittere, denn mein Kops ist so heiß. Johannes, ich sollte Sie um Verzeihung bitten, für so vieles ... Nein, nein, tun Sie das nicht. So, jetzt werden Sie ruhiger. Bleiben Sie still sitzen. . Sie hielten eine Rede auf mich. Ich wußte nichts mehr von mir selbst von dem Augenblick an, als Sie aufftanben, bis Sie sich wieder nteder- setzten; ich hörte nur Ihre Stimme. Sie war wie eine Orgel, und es machte mich verzweifelt, daß sie mich so betörte. Mein Vater fragte mich, weshalb ich Sie angeschrien und unterbrochen hätte; er bedauerte es sehr, aber Mutter fragte mich nicht, sie verstand es. Ich hatte meiner Mutter alles gesagt, vor vielen Jahren hatte ich ihr alles gesagt, und vor zwei Jahren, als ich aus der Stadt zurückkam, tat ich es noch einmal. Das war damals, als ich Sie geloffen hatte. Sie gegangen waren, hob ich den Zweig auf, verbarg ihn und nahm ihn mit mir nach Hause ... Ja, aber Victoria, sagte er mit bebender Stimme, jetzt dürfen Sie mir so etwas nicht mehr sagen. Nein, antwortete sie angstvoll und ergriff seine Hand. Nein, ich darf nicht. Nein. Sie wollen es wohl nicht. Nervös fing sie an, feine Hand zu streicheln. Nein, denn ich darf nicht erwarten, daß Sie das wollen. Und außerdem habe ich Ihnen auch so sehr weh getan. Können Sie mir nicht mit der Zeit vergeben? Doch, doch, alles. Das ist es nicht. Was ist es dann? Pause. Ich bin verlobt, antwortete er. X. Tags darauf — am Sonntag — kam der Schloßherr in eigner Person zum Müller und bat ihn, gegen Mittag hinaufzukommen und die Leiche des Leutnants Otto zum Dampfschiff zu fahren. Der Müller verstand ihn erst nicht und starrte ihn an; aber der Schloßherr erklärte ihm kurz, daß alle seine Leute frei hätten, sie seien in die Kirche gegangen, er habe niemand zu Hause. Der Schloßherr hatte diese Nacht sicher nicht geschlafen, er sah aus wie ein Toter und war noch dazu unrasiert. Doch schwang er den Spazierstock wie immer durch die Lust und hielt sich aufrecht. Der Müller zog seinen besten Rock an und ging. Als er die Pferde angespannt hatte, hals ihm der Schloßherr selbst die Leiche auf den Wagen hinaustragen. Alles ging still, beinahe geheimnisvoll vor sich, niemand war anwesend und sah zu. Der Müller fuhr zur Landungsbrücke hinunter. Hinter ihm kamen der Kammerherr und dessen Frau, außer ihnen die Schloßherrin und Victoria. Sie waren alle zu Fuß. Den Schloßherrn sah man allein auf der Treppe Zurückbleiben und wiederholt grüßen; der Wind fuhr durch sein graues Haar. Als die Leiche an Bord gebracht war, folgten ihr die Leidtragenden aufs Schiff. Von der Reling rief die Schloßherrin dem Müller an Land zu, er möge den Schlohherrn grüßen, und Victoria bat ihn noch um dasselbe. Dann dampfte das Schiff fort. Lange blieb der Müller stehen und fah ihm nach. Es blies ein starker Wind, und die Bucht war sehr bewegt; erst nach einer Viertelstunde verschwand das Schiff hinter den Inseln. Der Müller fuhr nach Hause. „ . Er brachte die Pferde in den Stall, gab ihnen Futter und wollte hinem- gehen und dem Schloßherrn die aufgetragenen Grüße überbringen. Er fand jedoch die Küchentüre verschlossen. Er ging rund um das Haus herum und wollte durch den Haupteingang hineingelangen; auch die Haupttür war verschlossen. Es ist Mittag, und der Schloßherr schläft, dachte er. Da er aber ein gewissenhafter Mann war, der das ausrichten wollte, was ihm autgetrngen worden war, ging er ins Gesindehaus, um dort jemand zu treffen, der dem Schloßherrn die Grüße überbringen konnte. Im Gesindehaus war niemand. Er ging wieder hinaus, suchte ringsumher und ging sogar in das Zimmer der Mädchen. Auch hier war niemand. Der ganze Hof war ausgestorben. Eben wollte er wieder gehen, als er im Keller des Schlosses einen Lichtschimmer gewahrte. Er blieb stehen. Deutlich konnte er durch die kleinen vergitterten Fenster einen Mann sehen, der mit dem Licht in der einen Hand und einem roten, seidenbezogenen Polsterstuhl in der anderen den Keller betrat. Es war der Schloßherr. Er war rasiert und im Ge- sellschaftsanzug, als wollte er zu einem Fest gehen. Ich könnte vielleicht ans Fenster klopfen und ihn von feiner Frau grüßen, dachte der Müller, blieb aber stehen. , Der Schloßherr sah sich um, leuchtete umher und sah sich noch einmal um. Er zog einen Sack hervor, der Heu oder Stroh zu enthalten schien, und legte ihn an der Eingangstüre nieder. Danach schüttete er aus einer Kanne etwas Flüssiges über den Sack. Dann trug er Kisten, Stroh und ein altes Blumengestell zur Tür und goß auch darauf etwas aus der Sanne- der Müller bemerkte, daß er dabei sehr sorgfältig darauf achtete, weder seine Finger, noch seine Kleider zu beschmutzen. Er nahm den kleinen Kerzenstummel und stellte ihn auf den Sack, schließlich umgab er ihn vorsichtig mit Stroh. Dann setzte der Schloßherr sich auf den Stuhb Immer entsetzter starrte der Müller auf diese Anstalten, sein Blick war gleichsam an das Kellerfenster gebannt, und seine Seele befiel eine dunkle Ahnung. Der Schloßherr saß ganz still auf dem Stuhl und sah zu, wie das Licht immer tiefer und tiefer herunterbrannte; die Hande hiel er gefaltet. Der Müller sieht, wie er ein Staubkorn von seinem Aermel abstreift und die Hände wieder faltet. Da stößt der alte entsetzte Müller einen Schrei aus. Der Schloßherr wendet den Kopf und sieht zum Fenster empor Plötzlich springt er auf und geht bis dicht an das Fenster hin wo er stehenbleibt und hinausstarrt. Es war ein Blick, in dem sich das Leiden der ganzen Welt widerspiegelte. Sein Mund ist eigentümlich verzerrt, er streckt fein? beiden geballten Fäuste gegen das Fenster aus, drohend, stumm: ichttchlich droht er nur noch mit der einen Hand und geht rücklings in den Keller zurück. Als er an den Stuhl stieß, siel das Licht um. Im gleichen Augenblick schlug eine gewaltige Flamme empor. Der Müller schreit aus und springt fort. Einen Augenblick läuft er vor Schrecken ganz von Sinnen auf dem Holplatz umher und weiß sich nicht zu helfen. Er läuft zum Kellerfenster, schlagt die Scheiben ein und ruft hinunter; dann beugt er sich nieder, packt mit feinen Fäusten die Eifen- ftangen und rüttelt an ihnen, biegt sie auseinander, reißt sie heraus. Da hört er eine Stimme aus dem Keller, eine Stimme ohne Worte, ein Stöhnen, wie von einem Toten in der Erde, zweimal ertönt es, und der Müller flieht fchreckerfüllt vom Fenster fort, über den Hofplatz weg, hinunter auf den Weg und heim. Er wagt nicht, sich umzufehen. Als er einige Minuten später zusammen mit Johannes zurückkam, stand das ganze Schloß, das alte große Holzhaus, in Hellen Flammen. Ein paar Leute von der Dampstchissbrücke waren auch hinzugekommen; doch auch diese konnten nichts machen, alles war verloren. Der Mund des Müllers aber war stumm wie das Grab. XI. Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen raujcht und bann wieder dahinstirbt. Ost aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben lang dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen ober vergehen sehen: Zwei Mütter gehen aus einem Wege bahin und sprechen miteinander. Die eine ist in heitere blaue Gewänder gekleidet, denn ihr Geliebter ist von der Reise heimgekommen. Die andere ist in Trauer. Sie hatte drei Tochter, zwei dunkle, — die dritte war blond, und die blonde starb. Es ist zehn Jahre her, zehn ganze Jahre, und doch trägt die Mutter noch Trauer um sie. Cs ist so herrlich heute! jubelt die blaugekleidete Mutter und schlägt die Hände zusammen. Die Wärme berauscht mich, die Liebe berauscht mich, ich bin voller Glück. Ich könnte hier aus dem Weg meine Arme der Sonne entgegenstrecken und ihr S$üf|e- senden. Aber die Schwarzgekleidete ist still und lächelt nicht und anroortet nicht. Trauerst du immer noch um dein kleines Mädchen? fragt die Blaue in der Unschuld ihres Herzens. Ist es nicht zehn Jahre her, feit sie starb? Die Schwarze antwortet: Doch. Jetzt würde sie fünfzehn Jahre alt (ein. Da sagt die Blaue, um sie zu tröffen: Aber du hast andere Tochter am Leben, du hast noch zwei. Die Schwarze schluchzt: Ja. Aber keine von ihnen ist blond. Sie, die starb, war [o blond. Und die beiden Mütter trennen sich, und jede geht ihres Weges, jede mit Ihrer Siebe ... Aber diese beiden dunklen Tochter hatten ebenfalls jede ihre Liebe, und sie liebten den gleichen Mann. Er kam zur Aelteften und sagte: Ich mochte Sie um einen guten Rat bitten, denn ich liebe Ihre Schwester. Gestern war ich ihr untreu, sie überraschte mich, als ich ihr Dienstmädchen im Gang küßte; sie fchrie ein wenig auf, es war ein (eifer Jammerruf, und ging vorbei. Was soll ich nun tun? Ich liebe Ihre Schwester, sprechen Sie um Gottes willen mit ihr und helfen Sie mir! Und die Netteste erbleichte und griff sich ans Herz; aber sie lächelte, als wollte sie ihn segnen und antwortete: Ich werde Ihnen Helsen. Am Tage daraus ging er zu der Jüngeren, warf sich vor ihr aus die Knie und gestand ihr seine Liebe. Sie musterte ihn von oben bis unten und entgegnete: Leider kann ich nicht mehr als zehn Kronen entbehren, wenn Sie das meinen sollten. Aber gehen Sie zu meiner Schwester, die hat mehr. Damit verließ sie ihn hocherhobenen Hauptes Als sie aber ihr Zimmer erreicht hatte, warf sie sich auf den Boden und rang die Hände vor Liebe. Es ist Winter und auf den Straßen kalt, Nebel, Staub und Wind. Johannes ist wieder in der Stadt, in dem alten Zimmer, wo er die Pappeln an die Holzwand klopfen hort und aus deffen Fenster er mehr als einmal den grauen Tag begrüßt hat. Jetzt ist die Sonne fort. Seine Arbeit halte ihn die ganze Zeit abgelenkt; er beschrieb große Bogen und sah, wie es ihrer immer mehr wurden, je mehr der Winter Kleinem Ende näherte. Es war eine Reihe von Märchen aus dem Lande ter Phantasie, eine endlose, [onnenrote Nacht. Ader die Tage waren verschiedenartig, die guten wechselten ab mit den schlimmen, und bisweilen, wenn er im besten Arbeiten war, konnte ein Gedanke, konnten zwei Augen, ein Wort von srüher her ihn treffen und feine Stimmung plötzlich verlöschen. Dann erhob er sich und begann in seinem Zimmer von Wand zu Wand auf und ab zu gehen; oft hatte er das getan, auf seinem Boden mar ein weißer Streifen entstanden, und der Streifen wurde mit jedem Tatze weißer ... Heute, da ich nicht arbeiten, nicht denken, vor meinen (Erinnerungen keine Ruhe finden kann, setze ich mich hin, um das auszufchreiben, was ich in einer Nacht erlebt habe. Lieber Leser, ich habe heute einen so fürchterlich bösen Tag, draußen schneit cs, auf der Straße geht fast kein Mensch, alles ist traurig, und meine Seele ist so entsetzlich öde. Ich bin auf der Straße umhergewandert und zuletzt stundenlang hier in meinem Zimmer auf und ab gegangen und habe versucht, mich ein wenig zu sammeln; aber jetzt ist es nachmittag, und es ist noch nicht besser geworden. Ich, der warm sein sollte, bin kalt und bleich wie ein gestorbener Tag. Lieber Leser, in diesem Zustand will ich versuchen, von einer hellen und spannenden Nacht zu schreiben. Denn die Arbeit zwingt mich zur Ruhe, und wenn einige Stunden vergangen sind, bin ich vielleicht wieder froh... Es kloplt an die Türe, und Camilla Beier, feine junge heimliche Verlobte, tritt bei ihm ein. Er legt die Feder weg und erhebt sich. Sie lächeln beide mA begrüßen einander. Du fragst mich nicht nach dem Ball, sagt sie sofort unb läßt sich auf einen Stuhl fallen. Ich habe jeden Tanz getanzt. Bis drei Uhr dauerte es. Ich tanzte mit Richmond. Taufend Dank, daß du gekommen bist, Camilla. Ich bin so furchtbar traurig, und du bist so fröhlich; das wird mir helfen. Was für ein Kleid trugst du denn auf dem Ball? Ein rotes, natürlich. Ach Gatt, ich erinnere mich nicht mehr, aber ich muß viel gefprodjen, viel gelacht haben. Es war so wundervoll. Ja ich trug ein rotes Kleid, ohne Aermel, ohne jede Andeutung von Aerrneln. Richmond ist an der Gesandtschaft in London. Soso. Seine Eltern sind Engländer, aber er ist hier geboren. Was hast du mit deinen Augen gemacht? Sie sind [o rot? Hast du geweint? Nein, antwortet er und lacht; ich habe in meine Märchen hinein- geftarrt, und da ist so viel Sonne. Camilla, wenn du recht lieb fein willst, bann zerreiße dieses Papier nicht noch mehr, als du schon getan hast. Ach Gott, wie zerstreut ich bin! Entschuldige, Johannes. Es tut nichts, es sind nur ein paar Notizen. Aber erzähl weiter: und du hattest wohl eine Role im Haar? Ja, ja. Eine rote Rose; sie war beinah schwarz. Weißt du was, Johannes, wir konnten auf unserer Hochzeitsreise nach London fahren. Es ist gar nicht so fürchterlich dort, wie man sagt, und daß es jo neblig sein soll, ist nur Erfindung. Wer hat das gesagt? Richmond. Er sagte es heute nacht, und er weiß es. Du kennst ja Richmond. Nein, ich kenne ihn nicht. Er hat einmal eine Rede auf mich gehalten; er trug Diamantknöpfe im Hemd, das ist alles, dessen ich mich von ihm entsinne. Er ist ganz reizend. Nein, als er zu mir trat, sich verbeugte und sagte: Das gnädige Fräulein kennt mich vielleicht nicht mehr ... Du, ich gab ihm die Rose. Du gabst ihm die Rose? Was für eine Rose? Die ich im Haar hatte. Ich gab sie ihm. Richmond hat dir wohl sehr gut gefallen. Sie wird rot und verteidigt sich eifrig: Nein, nein, durchaus nicht. Man kann doch einen leiden mögen, ihn fchätzen, ohne daß ... Pfui, Johannes, bist du verrückt! Ich werde feinen Namen nie mehr erwähnen. Gott segne dich, Camilla, aber ich meinte nicht ... du sollst wirklich nicht glauben ... 3m Gegenteil, ich will ihm dafür danken, daß er dich unterhalten hat. Ja, wenn du das tust — das zu tun wagst! Ich für mein Teil werde im Leben kein Wort mehr mit ihm sprechen. Pause. Ja, ja, laß es jetzt gut [ein, sagt er. Willst du schon gehen? Ja, ich kann nicht länger bleiben. Wie weit bist du jetzt mit deiner Arbeit gekommen? Meine Mutter fragte danach. Denke dir, seit vielen Wachen habe ich Dietoria nicht mehr gesehen, und eben traf Ich sie wieder. Jetzt? Als ich hierher ging. Sie lächelte. Nein, du meine Güte, wie' hat sie verloren! Hör, kommst du nicht bald einmal zu uns? Doch, bald, antwortet er und springt auf. Eine Röte hat sich über sein Gesicht gelegt. Vielleicht in den nächsten Tagen. Ich will erst noch etwas schreiben, das mir in den Sinn tarn, einen Schluß für meine Märchen. O, ich werde etwas schreiben! Stelle dir die Erde vor, von oben gesehen, wie ein herrlicher, eigentümlicher Papstmantel. In seinen Falten gehen Menschen umher, sie gehen paarweise, es ist Abend und still, die Stunde der Liebe. Es soll heißen: Das Geschlecht. Ich glaube, es wird gewaltig werden; ich habe dieses Gesicht so ost gehabt, und jedesmal ist es so, als wollte meine Brust zerspringen, und als könnte ich die Erde umarmen. Da gehen Menschen und Tiere und Vögel, und alle haben sie ihre Stunde der Liebe, Camilla. (Eine Woge der Verzückung erwartet sie, die Augen werden feuriger, die Brust atmet heftig. Dann steigt eine feine Röte aus der Erde aüf; es ist die Schamröte aller dieser nackten Herzen, und die Nacht färbt sich rosenrot. Aber weit draußen im Hintergrund liegen die großen schlafenden Berge; sie haben nichts gesehen und nichts gehört. Und am Morgen wirst Gott seinen warmen Sonnenschein über alles. Das Geschlecht soll es heißen. Ja. Und wenn ich das fertig hade, werde ich kommen. Tausend Dank, weil du hier warst, Camilla. Und du sollst nicht mehr an das denken, was ich gesagt habe. Ich habe nichts Schlimmes damit gemeint. Ich denke gar nicht mehr daran. Aber ich werde seinen Namen nie wieder erwähnen. Das werde ich nie mehr tun. Am nächsten Vormittag kommt Camilla wieder. Sie Ist bleich und ungewöhnlich unruhig. Was fehlt dir? fragt er. Mir? Nichts, antwortet sie rasch. Dich habe ich lieb. Du sollst wirklich nicht glauben, daß mir etwas sehit, und daß ich dich nicht lieb habe. Nein, jetzt sollst du hören, was ich mir ausgedacht habe: wir reifen nicht nach London. - Was fallen wir dort? (Er wußte wohl nicht, wovon er sprach, dieser Mensch Es ist dort mehr Nebel, als er glaubt. Du siehst mich an, weshalb tust du das? Ich habe seinen Namen durchaus nicht genannt. Solch ein Lügner! (Er log mich so an; wir reisen nicht nach London. Er sieht sie an, er wird ausmerksam. Nein, wir reisen nicht nach London, sagt er nachdenklich. Nicht wahr! Alfa, das tun wir nicht. Hast du die Geschichte von dem Geschlecht fertig? Mein Gott, wie ich mich dafür interessiere. Jetzt mußt du es aber recht bald fertig machen und zu uns kommen, Johannes. Die Stunde der Liebe, war es nicht jo? Und der prachtvolle Mantel des Papstes mit den Falten, eine rosenrote Nacht, mein Gott, wie gut ich noch weiß, was du mir davon erzählt hast. Ich war in letzter Zeit nicht oft hier; aber jetzt will ich jeden Tag kommen und fragen, ob du fertig bist. Ich werde bald fertig [ein, sagt er und sieht sie immer noch an. (Schluß folgt.) Der Tod fürs Vaterland. Bon FriedrichHölderlin. Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, wo keck heraus die Würger dringen, sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer kömmt über sie die Seele der Jünglinge, denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Kniee der Ehrelosen. O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen aus, damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! Umsonst zu sterben, lieb’ ich nicht; doch lieb’ ich, zu fallen am Opferhügel fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut, fürs Vaterland — und bald ift’s geschehen! Zu euch, ihr Teuer« I kymm' ich, die mich leben lehrten und sterben, zu euch hinunter! Wie ost im Lichte dürstet' ich, euch zu sehn, ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeitl Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ift’s hier unten; und Siegesboten kommen herab: die Schlacht ist unser. Lebe droben, o Vaterland und zähle nicht die Toten! Dir ist, liebes! nicht einer zu viel gefallen. Derff'inger. Von Hans Gäfgen. Diese interessanten Ausschnitte sind dem in K. Thienemanns Verlag, Stuttgart, erschienenen Buch „Dersslinger" von Hans Gäfgen entnommen. (Preis 1,60 Mark.). Man schreibt das Jahr 1632. Der große Krieg tobt durch die Länder Europas. Städte brennen, Dörfer brennen, kein Acker wird mehr bebaut, der Hunger reitet durch das Land. Aber es reiten auch Soldaten durch Deutschland, viele, viele Soldaten, Deutsche und Fremde, und unter ihnen auch ein Hauptmann, Hauptmann Derfflinger. Der Schlafgeselle aus dem Zelt ist noch immer Dragoner, nun auch im Heere Gultav Adolfs, wie Derfflinger. Er muß stramm stehen vor seinem einstigen Kameraden. Das Spotten hat er sich abgewöhnt und manchmal meint er bei sich: Der Derfflinger ist ein Kerl! Dielleicht wird er wirklich General ... Beliebt ist der Hauptmann wie kaum ein zweiter. Seine Soldaten gehen für ihn durch dick und dünn. Er ist. wenn Ihn auch Ehrgeiz beseelt, kein Leuteschinder. Für jeden hat er ein gutes Wort. Hat einer etwas auf dem Herzen, bei dem Hauptmann findet er ein williges Ohr. Herr Hauptmann, nächsten Monat wird mein Vater neunzig! „Potztausend, Kerl, das ist etwas, da reiten wir hin, alle zusammen, und vorher treiben wir ein Schwein auf " Da strahlt das Auge des Soldaten. Er hatte um Urlaub bitten wollen, sein Dorf, wo der Vater wohnt, liegt nicht weit. Aber so, wie es der Hauptmann will, ist es ihm viel lieber. Und der Derfflinger hält, was er versprochen hat. Mit vieler Mühe wird im ausgeplünderten Land das Schwein gefunden. Der Hauptmann bezahlt es auf Heller und Pfennig ans seiner Tasche Er hätte es nehmen können ohne Geld, er hat ja die Macht, und seine Reiter stehen hinter ihm. Er aber bezahlt das Schwein ... Ja, o ist der Derfflinger. Die einen nennen ihn einen Dummkopf, die anderen aber blicken zu ihm auf, als fei er etwas Besonderes, eine Ausnahme in diesen wüsten, wirren Zeiten. . Bedenkt doch, Derfflinger, wieviel Kannen Wein Ihr trinken könntet für den Preis, den Ihr für das Schwein erlegt habt", fagt einer b'Cr Offiziere. „Das Gefühl, recht getan zu haben, schmeckt mir besser als der Wein." , , _ £ Derfflinger ruft es und reitet davon, gefolgt von feinen Soldaten. Als sie dem Alten das Schwein in den verödeten Hof treiben, traut der Mann feinen Augen nicht. „Alle Reiter, die bisher gekommen", murmelt er, „haben genommen, roeggetrieben, und ihr, ihr bringt einem fteinalten Mann ein Schwein. Zeiten find das, seltsame Zeiten ..." _ , , .. Mit Tränen in den Augen schließt der Vater den Sohn in die Als sie dem Hauptmann danken wollen, da ist er davongeritten, aber ein Faß Wein hat er dagelassen für feine Soldaten. igar besser so, Leute", meint er am nächsten Morgen, „Mn immerhin euer Hauptmann, und chr konntet sorgloser feiern ohne mich ... 1674: Als Feldmarschall gibt Derfflinger nichts auf äußere Ehrungen. Er ist so schlicht geblieben, wie in den Tagen, da er als einfacher Soldat seine Pflicht getan. . Aber er freut sich, daß man in ihm die Armee ehrt, di« junge, tüchtige Armee - Und sie ist sein Werk! Ohne Derfflinger, ohne seinen unermüdlichen Einsatz für die Soldaten wäre sie nicht in solch kurzer Zeit zu einer Macht geworden, mit der Europa rechnen muß. Immer wieder jetzt er sich für die Verbesserung der Ausrüstung der Truppen ein und bemüht sich, daß die Feuerwaffen immer weitere Verbreitung finden. Auf strenge Manneszucht ist er unablässig bedacht. Einmal wird chm gemeldet, daß brandenburgische Soldaten einem Schuhmacher seinen ganzen Vorrat an Stiefeln weggenommen haben. Da fährt Derfflinger auf. Er wartet nicht, bis angespannt ist, sondern reitet, nur von seinem Burschen begleitet, in die Stadt, aus der der Vorfall berichtet worden ist. „Kerls!" wettert er die Soldaten an, „ihr wollt Derfstingerfche Dragoner sein und macht mir solche Unehre? Wer von euch hat gestohlene Stiefel an, vortreten!? Einer tritt aus dem Glied, ein zweiter, dritter, vierter ... „Ausziehen die Stiefel!" Die Soldaten gehorchen. „Antreten zum Parademarsch!" Barfuß müssen die Missetäter mit im Glied marschieren. Es gibt Blasen und wunde Füße. Derfflinger kennt kein Pardon. „Der Schuster, dem ihr die Stiefel weggenommen habt, hat auch nicht gelacht, als ihm das geschah!" Seit diesem Tage hat Derfflinger nicht mehr zu klagen über feine Soldaten, die von ihm sagen: „Der Derfflinger ist ein Kerl, vor dem man den Hut ziehen muß ..." Jeder hat seine Engel und Gespenster. was uns die Erinnerungen sagen. Von Georg Foerster. Ein Geschäftsmann hat zuviel gewagt, hat im Eifer seines Strebens das ihm Mögliche überschätzt, ist infolgedessen in Schwierigkeiten geraten und muh schließlich sein Unternehmen aufgeben, um nach einer Weile ein anderes, viel kleineres zu beginnen. Aber nun will es mit ihm trotz [einer glänzenden Eignungen und Fähigkeiten nicht mehr jo recht gedeihen. Er ist eingeschüchtert, ist ängstlich geworden, er „traut sich nicht mehr mit dem früheren Schwung an die Dinge heran. Immer, wenn er riskieren soll, oder wenn es so aussieht, als könnte er nun den Rahmen seines Unternehmens wieder weiterspannen, mutz er an feinen Mißerfolg, seine „Pleite" denken. Das hat sich tief in ihn hinemge- frelfen, das sitzt als böse oder warnende Erinnerung in ihm fest. Sie ist gleichsam stets auf dem Sprung, wieder lebendig zu werden, sobald der Mann größere Pläne saßt oder neue Möglichkeiten an ihn heran- treten Wie ein Bleigewicht wirkt dies auf seine Energie und ferne Einfälle — und fo kann man ihm getrost prophezeien, daß er es, wenn er diese schlechte Erinnerung nicht los wird und überwindet, zu mchts Bedeutendem mehr bringen wirb. . . , ,__ Und einen anderen Fall. Jemand erlebt eine Periode in feinem Dafein in der er aus irgendwelchen Gründen kraftlos und entmutigt ist.. Betrübnis erfüllt seine Tage, das Leben macht ihm keine rechte Freude mehr, er kann sich zu nichts Bestimmtem aufraffen und nichts, was er anzufassen versucht, will ihm in der richtigen Weise gelingen. Schließlich aber wird er kritisch und beginnt, darüber nachzudenken, ob denn tatsächlich nur noch so wenig „mit ihm los sei", und ob ihm denn tatsächlich das Leben so viel Anlaß zur Bedrücktheit gäbe. Und indem er sich besinnt, steigen allerlei Erinnerungen in ihm auf, Erinnerungen an schöne Stunden, Erinnerungen an Tage, Wochen, Monate, in denen sich ihm das Leben von feiner glücklichen und gelungenen Seite gezeigt hat, Erinerungen auch an alle die Beweise von Kraft, Gesundheit und Fähigkeiten die er selber schon im Leben geliefert hat. Daraus schöpft er neuen Glauben, neuen Mut. Die guten (Erinnerungen werden ihm gewissermaßen zu einem Boden, auf dem er stehen, zu einem Sprungbrett, von dem er sich aufs neue emporschwingen kann: sie werden ihm zu einer seelischen Kraftquelle, die chm frische Antriebe gibt, zu leben und fruchtbar tätig und wirksam sein. 3»ei Grenzfälle, die, auf die verschiedenartigste Weise abgewandelt, im Leben immer wieder vorkommen und die so recht deutlich machen, welche besondere und tiefere Bewandtnis es eigentlich mit unseren Erinnerungen hat. Das eine Mal können sie unsere schlimmsten Feinde, das andere Mal unsere größten Freunde sein; das eine Mal können sie uns schwächen und hemmen, das andere Mal uns helfen, daß wir im Leben vorwärtskommen, daß wir in einer düsteren seelischen Verfassung oder in einer kritischen Lage nicht untergehen. Es fragt sich nur, ob mir so weit Lebenskünstler sind, daß wir unsere (Erinnerungen sinnvoll zu ordnen vermögen, daß wir mit ihnen auf eine kluge Art um- maeben verstehen, indem wir sie pflegen, dabei aber sorgfältig darauf bedacht sind, das schädliche Unkraut auszumerzen, das da neben dem vielen Guten auch recht üppig auf diesem bunten und weiten Felde '""Jeder Mensch macht ja im Leben seine glücklichen und unglücklichen, erfreulichen und betrüblichen, ermutigende und enttäuschende Erfahrungen, die, namentlich wenn es sich um schicksalhaft-menschliche und seelische Dinge handelt, gleichsam „nach innen" schlagen und m unserem Inneren geraume Zeit hindurch, manchmal auch für immer, fortbesteheu. Wird an diese Erlebnisse und Erfahrungen gerührt, dann „erinnern mir uns. Ein sehr treffender Ausdruck! Indern wir uns aber erinnern — uni) wie häufig nicht aus äußerem Anlaß, sondern weil wir selber immer wieder daran rühren! — befinden wir uns sicher zunächst einmal in einer etwas zwiespältigen Lage gegenüber den lebendigen gegenwärtigen Ausgaben, die wir haben. Und zwar deshalb weil Misere (Erinnerungen immer Mahnzeichen ober Weckrufe, Gespenster oder Engel aus der Vergangenheit sind, während das Leben doch von uns fordert, nicht hinter uns, sondern nach vorwärts in die Zukunft zu sehen. Die Gespenster oder Engel können so mächtig werden, können eine so eindringliche Sprache zu uns reden, daß uns darüber unser gegenwärtiges Leben verloren geht. Und zwar können das zweifellos auch die Engel unter unseren Erinnerungen besorgen. Wem sind nicht schon Menschen begegnet, die von dem mehr oder minder reichen Schatz ihrer schönen Erinnerungen leben und zehren, die in solchen Erinnerungen förmlich „schwelgen", denen diese ihre angenehmen, erfreulichen, be- ?lückenden Erinnerungen, um das Dichterwort zu zitieren, das einzige laradies bedeuten, aus dem sie nicht vertrieben werden können? Die immer wieder versucht sind, sentimental nach rückwärts zu schauen, sich zu erinnern, wie schön doch dieses oder jenes gewesen ist — und die darüber versäumen, die guten und fruchtbaren Möglichkeiten der Gegenwart zu ergreifen und zu erfüllen, ja, sie überhaupt auch nur einigermaßen deutlich zu sehen? Auch die guten Engel wollen also schließlich weislich im Zaume gehalten werden, sonst erwürgen sie das neue Leben, das uns immer wieder aus dem Heute erblüht. Welches Maß an innerer Freiheit ein Mensch gegenüber seinen guten und schlechten Erinnerungen besitzt, in welchem seelischen Verhältnis er zu ihnen steht, das entscheidet eben darüber, wieweit er fruchtbar, aufbauend, schöpferisch lebt. Es gibt hier gar keine Möglichkeit, das Schicksal zu betrügen. Wer einmal eine große Enttäuschung an einem anderen Menschen erlebt oder selber einmal katastrophal versagt hat und nun mit pessimistischer Grundstimmung, mißtrauisch und innerlich schwankend, weiterlebt, weil er von dieser üblen Erinnerung nicht loskommt, der tut unter allen Umständen sich selbst und den neuen Menschen, die in seinen Gesichtskreis treten, ein Unrecht an. Er muß den Erinnerungs-„komplex", den er da mit sich herumschleppt, schleunigst aufzulösen oder auf das richtige Maß an Bedeutung zu beschränken trachten. Das ist manchmal recht schwer, es erfordert einen hohen Grad an Selbstkritik, aber es geht, wenn man den rechten Willen hat. Und wer sich das, was ihm gegenwärtig begegnet, vielleicht in Gestalt eines Menschen, und was er gegenwärtig erlebt, vielleicht auf einer schönen Reife, immer wieder durch seine Erinnerung entwerten läßt, entwerten nämlich durch den sentimentalen und überdies auch etwas feigen Seufzer: „Ach, so schön wie damals kann es ja nicht fein!", der zeigt damit am Ende nur feine eigene Lebensfchwäche oder feine eigene lieblose Einstellung zur Gegenwart an. Ueberhaupt: wer das Gegenwärtige immer nur am Vergangenen mißt, der darf sich auch nicht darüber wundern, daß er eben nur feine Erinnerungen und keine Gegenwart besitzt. Natürlich heißt das nicht, daß man von feinen Erinnerungen, gleich- glültig ob gut ober schlecht, so weit wie möglich abrücken solle, um unbekümmert zu leben. Erfahrungen und Erlebnisse sind ja schließlich dazu da, daß man sie im späteren Leben sinnvoll benutzt — und so besteht die Kunst eben darin, nicht zu viel ,in der Erinnerung" zu behalten, aber auch nicht zu wenig. Cs ist eine wohltuende Eigenschaft des Lebens, daß es gerade das Schlechte allmählich unserem Gedächtnis zu entwinden sucht, daß es die Dinge in unserer Erinnerung mit der Zeit überglänzt und verklärt. Und gewiß, der Mensch soll vergessen können. Es gibt eben tatsächlich Erfahrungen, die wir in uns „verinnerlicht" haben, und die wir nun wieder „veräußerlichen" müssen, von uns abstoßen wie einen giftigen Stoff. So mancher vergißt aber auch zu schnell und zu viel — aus Großmut oder Leichtsinn das Schlechte und aus Undankbarkeit oder Unachtsamkeit das Gute, das ihm im Leben geschah. Er vergißt, daß unsere guten und schlechten Erinnerungen einen großen Schatz an Belehrungen und Versprechungen, Warnungen und Tröstungen, Verboten und Äntrieben darstellen, aus dem heraus wir leben können — leben freilich nur unter einer Bedingung: wenn wir das Echte in ihm vom Unechten zu unterscheiden wissen, wenn wir ihn richtig verwalten. Der Wirt am Erbseneck. Von Nikolaus Schwarzkopf. Der Wirt, der vorn am Erbseneck wohnte, hieß der „Gehste weg da hinten". So nannte man ihn, weil er Sonntags einen Flügelrock trug, der, wenn er zwischen den Gästen fast waagerecht hinschwebte, hohe Achtung gebot, als stäke der Herr Pfarrer drinnen oder der Herr Lehrer. Der Wirt war zugleich Bartschaber, Makler, Ferkelstecher und Klavierstimmer. Er verkaufte zudem Kohlen, Bretter und Latten; er kaufte Aepfel, Kartoffeln, Heu und Stroh auf und lieferte alles in die Stadt. Kam der Gerichtsvollzieher ins Dorf, so hopste der „Gehste weg da hinten", der ein geknicktes Bein hatte, neben dem gefürchteten Mann einher und erzählte dem die Witze, die im Dorfe umgingen. Der „Gehste weg da hinten" verzapfte das frischeste Bier, denn er hatte eine sogenannte Pression. Was das war, wußte ich nicht, aber es hing außen an der gelbgetünchten Mauer, nah der Zapfstelle innen, an einem Bleirohr eine Bleiflasche, und wir meinten, das Bier lause, bevor es ins Glas falle, durch diese Flasche, in der wohl irgendein Kobold sitzen mochte. Der „Gehste weg da hinten" hielt auch den Gemeindesasel, den Gemeindeeber und den Gemeindeziegenbock. Sein Hof war deshalb durch ein undurchsehbares Tor von der Gasse abgeschlossen, und quer überm Tor zog sich ein dichter Stacheldraht hin, so daß kein Bub Lust bekam, da empormhangeln. So hatte bas Wirtshaus für uns etwas Geheimnisvolles an sich unb ich kam jährlich eigentlich nur zweimal hin, wenn unsere Ziegen zum Bock mußten. Wir hatten keine Ferkel zu stechen, kein Klavier zu stimmen, keine Aepsel, fein Heu, kein Stroh zu verkaufen; bei uns hatte der Gerichtsvollzieher nichts zu vollziehen: zu uns kam ber „Gehste weg ba hinten" nur als Bartschaber, unb zwar jeben Samstag gegen Abenb. Die Schabe kostete jebesmal fünf Pfennig; als der geschäftige Mann durch den Polizeidiener ausschellen ließ, das Bartschaben koste fortan sechs Pfennig, ließ sich mein Vater gleich vielen Männern den Bart wachsen. Mir schnitt der „Gehste weg ba hinten" viermal im Jahre die Haare. Das geschah in unserem Hof am Mistplatz mit einer ungeheuren Schere, bie ba über einen ungeheuren Kamm hinklapperte unb die Haare büschelweise von sich wegspringen lieh in ben Winb ober auf den Mist. Nach jebem Schnitt hob ber Scherer bie blinkenbe Schere weg vom Kopf unb schnitt zweimal durch bie Luft, woburch ber Stahl sich aller Härchen enttebigte. Er machte den Kopf völlig kahl unb ließ nichts stehen, unb ber Scheitel ober Läuse- pfab mußte wieder wachsen. Wie ein geschorenes Schaf lief man umher und fühlte sich gleich diesem wohl ober unwohl. Mich rounberte, baß der Scherer mit solcher Wolle, wie er sie mir abschnitt, nichts anfangen konnte. Er verdiente auch an mir fünf Pfennig. Alle Knaben unb alle Männer würben über ben gleichen Kamm geschoren, alle Männer über den gleichen Löffel gedartschabt. Samstags um bie Mittagsstunde tarn aus Frankfurt der Biermann und brachte Bindings Bier, bas beste Bier der Welt. Das beste Bier ber Welt würbe also in meinem Dorf getrunken! Der Biermann hieß Anton unb war im ganzen Dorf bekannt unb geehrt und trug einen zugespitzten Vollbart, als könne jein Kopf, wenn er wollte, auf diesem Bart kreiseln wie unsere Tanzbären. Zu diesem Zweck schien mir bas am weitesten unten herausstehenbe Haar besonbers zugespitzt, wie ber Nagel an meinem Tanzbär. Einen Leberschurz hatte ber Änton an, unb oben im Brustlatz staken seine Bücher, in bie er mit bicker Hanb sorgsam einfdjrieb, was er ablieferte. Gäule hatte der Anton, roie's im Dorf keine gab, zwei Grauschimmel mit ganz kurzen Schwänzen, langen zotteligen Mähnen und ebenso zotteligen Stirnhaaren, bie künstlich gewellt, bie Augen fast ganz verbeckten. Die Geschirre waren mit Messing beschlagen, blitzblank; Halfter, Schwanzriemen unb Bauchgurt waren mit Mefsingplättchen eingeschlauft, unb selbst über ben feisten Backen hingen Leberriemen, die nichts zu tun hatten, als solche kleiner werbende Plättchen zu halten. Wie Mädchenzöpfe hingen bie ba, unb wenn bie Sonne auf ben Gäulen lag, funkelten sie sondergleichen. Oft habe ich gesehen, baß ber „Gehste weg ba hinten" ben Gäulen auf ber flachen Hanb ein Stück Zucker reichte, daß er ihre Backen klatschte, ihre Mähnen zauselte, ihre Mäuler ausriß, bie Zähne zu betrachten, unb weil er die Gäule so liebte, liebte auch ich ihn. Ich habe heute noch Gäule außerorbentlich lieb, beklatsche sie gern, streichle sie gern, greife ihnen gern in die Münder, fahre gern zweispännig unb schwinge bie Peitsche, als wenn ich rounber wer wäre. Das habe ich von unserem Wirt, ben „Gehste weg ba hinten". Später, als ich in die Jahre des eigenen Biergenießens gewachsen war, hielt ich biete Freunbschast mit ihm, unb lange hatte ich meinen eigenen Krug mit eingebäHerten Halbkreisen und einem zinnernen Deckel, der in Rom oder in Athen hätte geboren sein können, denn es stufte sich ba in immer kleiner roerbenben Kreisen ein Denkmal empor, auf besten Sockel ein kleiner feister Gott thronte, ber zum Trinken ermunterte, weil er selbst seine Gottheit dem Trunk verdankte. Ich habe aber diesen kleinen Gott nach und nach verlassen und sogar lange Zeit verleugnet; manchen ber kleinen Götter habe ich verlassen unb verleugnet, unb je älter man wird — ich bin nun schon ein halbes Jahrhundert alt — um so mehr kommt man von diesem göttlichen Kleinzeug ab. Es steht für mich fest: diese kleinen Götter haben die Welt nicht geschaffen, sie tummeln sich nur allhier, machen sich bisweilen schön, bisweilen unschön, spielen in Luft mit uns, spielen in Schmerz mit uns, unb wie so oft hat bas Nibelungenlieb recht, bas in meiner Heimat entftanb, „baß Lieb unb Leibe zu jüngste lohnet". Ich habe — bics zu bekennen brängt mich sehr — gegen ben Krug geschrieben, ein an sich fröhliches Buch, unb der „Gehste weg da hinten" hat mir damals, als ich des Kruges mich nicht mehr bediente, daraufhin die Freundschaft gekündigt. Das Schlimmste an dem Buch war, wie er mich wissen ließ, daß es so fröhlich ist, und daß es ohne den Krug so fröhlich ist, baß Fröhlichkeit überhaupt sichtbar werben kann ohne ben Krug. Gewiß, ich gebe zu, bas Buch ist mit einem erzieherhaft strengen Blick geschrieben, aber biefer Blick, lieber älterer Freunb, mußte über beine Kasse hinwegsehen, weil er getreu meinem Berufe unb meiner Berufung, sich übers beutfche Volk hinstreckt. Unb daß aus beinen Krügen immer Seligkeit und Segen kommt, bas willst bu wohl nicht behaupten. Du bist traft beiner vielseitigen Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne geworden. „Gehste weg ba vorn" rohre für bich ein viel besserer Name gewesen. Ich liebe dich noch heute, obwohl bu schon gestorben bist, unb wenn ich für bie Toten bete, bete ich auch für bich. Sollten wir im Himmel bereinft zufammenkommen, was burchaus nicht ausgeschlossen erscheint, bann wollen wir abgeklärt unb gottnahe über ben Fall noch einmal reben. Dir haben sich bie Welträtsel gelöst, ich schlage mich noch mit ihnen herum: vielleicht sitzest bu irgenbroo ba oben hinter ben ©fernen unb lächelst über mich unb über uns alle. Lächle nur, mein Lieber! Du hast immer gelächelt, wenn bu, sieben Glas Bier in ber Rechten unb sieben Glas Bier in ber Linken, burch beine Gäste hinschwebtest! O, oft sehe ich dich im Geiste auch unter ben Himmlischen hinschroeben, unb statt ber Rockflügel sehe ich wirkliche Flügel an beinen breiten Schultern. Ich weiß, zu beiner Seligkeit gehört, daß bu Gäste bebienen barfft, bu großer Liebhaber der Durstenden, unb bie Durftenben tränten, das ist ja nach Jesus eines ber großen himmelstürmen- den Werke ber Barmherzigkeit. Das hat er an einem seiner feierlichsten Tage, am Tage der Bergpredigt selber verkündigt. Wie gern wäre ich Wirt geworden, wie gern rohre ich Wirt! Nicht weniger als fünf Schutzpatrone nehmen sich deines Standes an, gewiß ein Zeichen außerordentlicher Begnadung; auch bie Heiligen drei Könige, bie aus bem Morgenlanb tarnen, bas Jesustinb anzubeten, die unterwegs töniglich bewirtet mürben unb töniglich bewirteten, unb, was mich am meisten freut, ber hl. St. Goar, der rheinische Einsiebler, ber in feiner Hütte am Weg in feiner Weise Vorübergehenbe bewirtete. Solltest bu, lieber Freunb, je im Leben vergessen haben, ben einen ober anberen deiner Schutzpatrone zu lieben, bann bevorzuge ihn ba droben, wenn es dir möglich ist, und ich, wenn ich in dein Reich komme, vergiß auch meiner nicht! Verantwortlich; vr. tzansThyriot. — Druck undDerlagtDrüh l'scheUniv ersitäts»Buch« undSteindrucker ei, R. Lange, Gießen. *■! Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 85 Montag, -en 2. November Jahrgang 1956 auch nur auf Einstellung erkannten, war der Triumph für ihn so groh, daß er ihn wohl für die Leiden hätte entschädigen können, wenn seine Lebenskraft in Krankheit und Enttäuschung nicht unterdessen gebrochen gewesen wäre. 18 19 20 21 13 14 15 16 17 9 10 11 12 2 3 4 5 6 7 8 MM >lt die Nachricht von dem Freispruch noch in der einen, der ihr den Sinn davon auslegte. Sie fühlte, >lk von Frankreich verloren hatte, und gab sich der ^/l Vw so unwürdig geschah, ohne Rücksicht hin. Sie hielt ,'u/ulbiger als vorher und nahm das Urteil auf wie eine absichtliche Beleidigung. Ihre Frauen fanden sie tagelang weinend dasitzen, und so hartnäckig war diese Tochter Maria Theresiens, daß sie den schwachen König noch zu einem dritten Streich antrieb, der nun als eine Kriegserklärung ans Parlament und an das Volk einfchlagen mußte. Sie handelte wie alle Willkür, erst rief sie selber die öffentlichen Gerichte an; als die nicht nach ihrem Sinne das Urteil sprachen, trat doch Gewalt vor Recht. Und alles Unrecht, was ihr in dieser Sache geschehen war und noch geschah, war doch nicht schlimmer, als daß sie nun den König antrieb, das Urteil eigenmächtig zu korrigieren. Kaum war der kranke Rohan am zweiten Tag nach seinem Freispruch wieder im Hotel de Strasbourg ausgestanden, bejubelt von dem Volk, das sich vor seinem Fenster unablässig drängte und ihn zu sehen wünschte, als zum letztenmal der Breteuil im königlichen Auftrag bei ihm erschien. Der Rohan hatte Zeit gehabt, sein Leben zu bedenken; er wußte, daß es verloren war, und gab sich keiner Rache hin. Er empfing den Breteuil bei sich, wie es dem Hausminister des Königs ziemte, ließ ihn durch keine Miene spüren, daß er doch als Sieger geblieben war, und nahm mit Gleichmut die königliche Korrektur des Urteils hin: daß er sein Amt als Groß-Almosenier abzugeben und sich in die Verbannung nach seiner Abtei La Chaise-Dieu zu begeben habe. Dieser Stuhl Gottes lag nicht eben lieblich in den Bergen der Auvergne, und nach Reinigung des Kardinals vor dem Parlament war es deutlich, was dieser durch Geheimbefehl verordnete Landaufenthalt bedeuten sollte. So hatten die Pariser auch gleich den bösen Spott zur Hand, und kein Wort wurde Dem 1 Die Halsbandgeschichie Coloür & Grey Control Chart Red Grey 4 Cyan Grey 1 Blue White Yellow Grey 3 Green Grey 2 Macf) dem Helden kam die Naive, das Spottbild seiner Gegnerin, Nicole Leguay, im Spiel die Gräfin Oliva. Sie kannte nicht sogleich erscheinen, weil sie gerade ihren Neugeborenen schenkte, und die Herren Räte um den Aufschub einiger Minuten bitten mutzte. „Das Gesetz verstummte vor der Natur", hieß es danach im Protokoll. Sie selber aber verstummte vor dem Gesetz, als sie endlich, eilfertig zugeknöpft, erschien. So oft sie etwas sagen wollte, schluchzte sie und brachte keinen Satz heraus, so daß sie schon in Kürze ihrem Söhnchen zurückgegeben wurde. Zum Schluß als lustige Person der Cagliostro. Es waren manche in dem Saal, die ihn noch nicht gesehen hatten, und es schien, als hätte eine kundige Hand ihn für das Ende dieser Szene aufgespart, auch die Müden noch einmal anzuregen. Er kam im Rock aus grüner Seide, mit Gold behängt wie ein Löwe, den man endlich in die Arena läßt. Kaurn wartete er die erste Frage ab, um mit seiner Drommetenstimme die Vorstellung zu beginnen; nach wenigen Minuten war ein Gelächter in der Kammer, das nur die Sorge, ihn zu stören, manchmal dämpfte. Er sprach nach seiner Gewohnheit in einem Kauderwelsch aus allen Sprachen, warf mit den Armen um sich, daß er schwitzte, sank manchmal aus Entzückung vor sich selber fast in die Knie und brachte jedem zum Bewußtsein, was für ein Satyrfpiel dieser Handel doch gewesen war, so daß die Sitzung endlich mit einer Fröhlichkeit ausging, die allen Angeklagten zugute kam, nur nicht der Königin, der man die Blindheit ihres Hasses argwöhnisch nicht übersah. Um fünf Uhr andern Morgens schon stand man und wartete. So heftig war der Andrang und soviel Leidenschaft in bloße Neugier gemischt, daß nur durch eine Kette von Soldaten die Straße freigehalten wurde, Magenta Black oanesZx och einmal in die Bastille zurück. Aber sein Trcms- pictäNp?" tem Ausbruch der wilden Leidenschaft. Von vielen bei jedem Schritte aufgehalten, von Blumen über- t Wagen Stunden, bis er zur Festung kam. So phgeschrei in allen Gassen, daß einige meinten, es u hören fein. Und wo ein Richter von der Menge hifen ihn die Damen an sich, ihn zu küssen. Zum erregten Zeit erschienen die Fischweiber der Halle ion ihren kräftigen Armen gedrückt, mit Blumen cher Richter einen Geruch in feine Säle, der die nen ließ. 22 23 6 8 L 9 ji 111111111111111111111111 l.i 111111111111111 ! i I 1111 lj __ ___ . . ._y ... — —- —- —, W. '■*'*** ’ ’*•**/ VHVVVI« noch neunundvierzig Stimmen, die für die kleineren Beklagten rasch einig waren: Die Gräfin wurde zur Züchtigung auf bloßem Körper, zur Brandmarkung auf beiden Schultern verurteilt, und zur Einsperrung lebenslänglich in die Salpetriere. Ihr Vermögen wurde konfisziert zum Nutzen des aefchädigten Kardinals. Der Graf in Abwesenheit zur gleichen Strafe; der Netaux wurde milderweise des Landes verwiesen; gegen die andern, namentlich die Nicole, auf Einstellung des Verfahrens erkannt. Das gleiche Urteil wollten feine Gegner auch dem Kardinal auflegen, statt einer ganzen Freisprechung, weil sie den Tadel, der darin lag, für seinen Leichtsinn und die Unehrerbietung vor der Majestät für nötig hielten. Darüber brach noch einmal die Leidenschaft zu Stürmen aus; denn jeder der neunundvierzig Räte mußte fein Urteil und die Begründung dazu einzeln abgeben. Da gab es einige, die sich mit kurzem Wort abfanden, die meisten aber suchten noch diese letzte Gelegenheit, zu überzeugen, und einer der Gegner von Versailles ging mit Worten vor, wie sie ein französisches Gericht noch nicht vernommen hatte. Nach sechzehnstündiger Beratung konnte abends endlich das Urteil verkündigt werden. Mit sechsundzwanzig gegen einundzwanzig Stimmen — zwei hatten sich aus Gründen der Verwandtschaft noch enthalten müffen — wurde der Kardinal Rohan gänzlich steigefprochen. Und weil die andern Stimmen 5 fr £ <- 11 | 11 11111 I 11 I 11 111 111 I l I 11111 I 11 I । 11 । । 11111 । । । 11 11 l 11 I 11 l I 111 I I einer Wildkatze die Kraft in ihrem kleinen Körper, daß ihr das glühende Eisen beim zweitenmal statt auf die Schulter auf ihren Busen kam. Das hatten Hunderte mit angesehen, die Tausenden davon erzählten. So rasch die Menge ist, zum Schaden ihren Spott zu legen, dem Leidenden gibt sie die Welt. Bald wußte man die rührenden Geschichten zu erzählen, wie sie sich mit den Zähnen wehrte, als ihr die Peiniger die Kleider vor allem Volk vom Leibe rissen, und wie sie einen durch ihren Biß aufs Blut verwundete, wie ihr zartes Fleisch unterm glühenden Eisen rauchte und wie sie ganz zerschunden, ohnmächtig und mit Sand und Blut bedeckt auf einem Karren in die Salpetriere gefahren worden war. Wie dort eines der armen Mädchen der Gräfin aus Mitleid seinen Strohsack abgetreten habe, damit sie nicht mit sechs Gefangenen zugleich auf einem Lager schlafen muhte. Wie sie in grobe Sackleinwand gekleidet sei, und dennoch ihre Tage lesend in der „Nachfolge Christi" verbrächte! In den Schaufenstern der Buchhändler war ihr Bild in dieser Tracht zu sehen, und in den Zeitungen standen täglich Einzelheiten aus dem Gefängnisleben. So wurde ihre Flucht zwar durch das Mitleid begünstigt, doch biente sie dem Hof zum Schaden, weil gleich bas heimliche Gerücht begann, daß die geheimnisvolle Verbindung nut der Königin nun bewiesen sei und daß Marie Antoinette sich nur mit ruhigerem Gewissen ihres Halsbandes freuen wollte.