GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1936 Zreitag, -en 30. Oktober Nummer M Die Halsbandgefchichte Erzählt von Wilhelm Schäfer Copyright by Albert £angen /<5eorg Müller Verlag, München 5. Fortsetzung. Als der König mit seiner Begleitung wieder in das Kabinett zurücktrat, hatte er schon eine Zeit mit dem fertigen Schreiben dagesessen, und diese Ruhe gab ihm seine Beherrschung wieder, die er nun nicht wieder verlor. Der König gab das Schreiben dem Breteuil; aus dem Munde seines Todfeindes mit harter Stimme vorgelesen, klang es nicht günstig, doch stimmte es vollkommen mit der unverständlichen Erklärung der Juweliere überein, die der Breteuil danach vorlesen mußte, und woraus der Kardintl genau den Stand seiner Sache erkannte. Wo ist die angebliche Vollmacht der Königin? In meinem Portefeuille zu Paris. Da sie gefälscht ist, werde ich das Halsband bezahlen. Das wird mir nicht ersparen können, auf Ihr Haus und Ihre Person Beschlag zu legen. Der Name der Königin, der mir teuer ist, wurde beleidigt; ich darf mich keiner Versäumnis schuldig machen. Wenn in Frankreich ein Prinz Rohan keine Sicherheit mehr gibt, daß er selber alles daran setzen wird, die Fälschung aufzuklären und für die Reinheit des königlichen Namens mit seinem Blut einzustehen: so darf ein Kardinal des päpstlichen Stuhles und der Groß-Almosenier von Frankreich wohl erhoffen, daß die notwendige Rücksicht auf seine Aemter genommen wird. Die Würde und Festigkeit dieser Sprache entwaffnete den König, der kaum ein guter Fechter war: Und was erwarten Sie von solcher Rücksicht? Daß man dem Hause Rohan-Soubise keine öffentliche Schmach antut und den Kardinal des päpstlichen Stuhles in diesem Augenblick nicht hindert, sein Amt zu zelebrieren. Der König, der den Grohsiegelbewahrer dazu nicken sah, wäre bereit gewesen, diese Rücksicht zu üben. Nun aber nahm die Königin, blind vor Erregung und in den Mienen des Breteuil einen Rückhalt findend, selber das Wort: Wie konnten Sie, Herr Kardinal, an den ich seit acht Jahren kein Wort gerichtet habe, annehmen, daß ich Sie mit geheimen Geschäften betrauen würde und noch dazu durch die Vermittlung einer solchen Frau? Sie schrie das mehr mit schriller Stimme, als daß sie sprach, und brach mit den letzten Worten in Tränen aus. Das war die Königin von Frankreich nicht mehr, das war die Tochter der Maria Theresia, und wenn sich die beschränkte Enge ihrer Erziehung jemals rächte, war es in diesem Augenblick, wo sie im Ausbruch eines eingepredigten Hasses nur einen gemeinen Betrüger zu sehen glaubte und gar nicht spürte, wie sehr ihre Frage den Rohan im Innersten anpacken mußte. So legte sie ihm sein Schweigen und seinen im Zusammenbruch aller Hoffnungen groß auf sie gerichteten Blick als Schuldbekenntnis aus und wandte sich so heftig an den König, daß der, von ihrem Ausbruch nun auch erregt, sein königliches Amt vergaß und ganz der Gatte dieser gekränkten Tochter wurde: Herr Kardinal, ich tue, was ich als Gatte und König tun muß, um mir den teuren Namen der Königin zu erhalten. Und danüt übergab der König, sich mit der weinenden Königin abwendend, durch einen Wink dem Breteuil, seinem Todfeind, den Kardinal. In dieser unbesonnenen kleinlichen Stunde verwirkte sich ihr Schicksal; und als sich vor dem Rohan die Spiegeltüren öffneten und hinter ihm in die Gemächer, wo sich alles in Erwartung des Hofes an die Wände drückte, der Breteuil eintrat und mit unverstelltem Triumph dem Hauptmann zurief: Verhaften Sie den Kardinal: da klang das Urteil über die Königin mit in dem überlauten Wort. Es war der erste von den bitteren Gängen am fürchterlichen Ende dieses Jahrhunderts, die der Adel in Frankreich zu schreiten hatte, als der Rohan, von dem Breteuil gefolgt, blaß und hoch aufgerichtet, den Blick starr geradeaus, durch die schweigende Schar der Höflinge hinschritt, bis in die große Galerie, wo er im Angesicht des ungeduldig wartenden Voltes, im vollen Ornat als Kardinal des heiligen Stuhles im Auftrag des Hausministers gefangen wurde wie ein Dieb. VIII. Nach dieser großmächtigen Verhaftungsszene, der ersten in der Hals- bandgeschichke, die nicht von der La Motte geleitet war, und die darum auch so töricht ausfiel, wurde der Kardinal einem Leutnant der Leibgarde zur Bewachung übergeben. Und während draußen die Verwirrung sich auf tausend Zungen ausbreitete und von Läufern nach Paris getragen wurde, faß der Kardinal abseits allein mit einem kleinen Leutnant, der gerade aus einem Schuld-Arrest in den Dienst zurückgekehrt war und angesichts des Groß-Almoseniers von Frankreich kaum zu atmen wagte. Als der ihn um einen Bleistift bat, war er beglückt, ihm den anbieten zu können, und sah noch ehrerbietig zu, wie der Kardinal auf seiner roten Mütze schreibend dem Diener ein paar Worte reichte, mit denen er sich nach Paris begab. Es war der dringende Befehl an seinen vertrauten Sekretär, den Abbe Georgel, alle intimen Briefe, zuerst die in dem roten Portefeuille, gleich zu verbrennen. Das waren die blaubeschnittenen Liebesbriefe seiner angeblichen Königin, und daß er sie vernichtete, geschah zunächst, um sich vor der Lächerlichkeit, doch auch dem Vorwurf der Majestätsbeleidigung zu sichern. Zugleich aber war es die erste Antwort auf den Haß der Königin; denn mit den Fälschungen war das einzige Mittel vernichtet, sie jemals klarzustellen, und der Verdacht einer heimlichen Korrespondenz mußte an ihr hängen bleiben. Der Rohan wußte, was er mit seinen eiligen Bleistiftworten tat, doch gab er kaltblütig den unbesonnenen Hieb der Königin zurück. Als er unter strenger Bewachung im Hotel de Strasbourg ankam, wußte er schon, daß die blaubeschnittenen Briefe nicht mehr vorhanden waren, und spöttisch sah er der Versiegelung seiner Papiere zu. Nur die Vollmacht mit der angeblichen Unterschrift der Königin übergab er gegen eine Empfangsbescheinigung, weil er dieses Stück als seine Rechtfertigung ansah. Er durfte auch in dieser Nacht noch einmal im Hotel de Strasbourg schlafen, und erst am anderen Abend erschien der Kommandant der Bastille mit einem Haftbefehl. Auch da war er zunächst kein Sträfling, behielt drei Diener, gab Empfänge und sah täglich Gäste bei sich zur Tafel, und soviel Besucher drängten sich zu ihm, dasi an dem Haupttor der Bastille die beiden Flügel den ganzen Tag geöffnet blieben. Seit dem Margen der Verhaftung gab es keine Königin van Frankreich mehr, nur noch die bloSgestellte Tochter einer österreichischen Kaiserin. Niemand konnte den Handel übersehen, der wie ein Erdbeben ausgebrochen war: jeder aber sah die Feindschaft zwischen Kardinal und Königin und nahm danach Partei; dem Adel und der Geistlichkeit blieb keine Wahl. Man konnte einen Rohan, der mit den Soubise, Conda und Lothringen eng verwandt und älter als die Bourbonen war, nicht als einen gemeinen Dieb einsperren; und einen Kardinal im Chorhemd zu verhaften, war für den Klerus ein Verbrechen, das er der Königin nicht vergasi. In wenigen Tagen sah sich der Hof von seinen Würdenträgern verlassen, und nichts war da, die Leere auszusüllen. Zwar nahm das Volk in der ersten Schadenfreude den Kardinal zum Spott, der eine Schuldenlast von zwei Millionen mit seinem Amt als GroS-Almosenier elegant verband, und die Pamphlete, Chansons und Zoten schütteten eine Flut von Schmähungen auf seinen Namen. Doch war man dadurch der Königin nicht freundlicher gesinnt. Man sah nur, dasi sich Thron und Altar gegenseitig schadeten, und nahm im Parlament die Nachricht von der Verhaftung mit dem Jubel auf, wie wenn der Krieg mit England und die Befreiung der Amerikaner noch einmal gewonnen wäre. Diesem Parlament, dem jede Demütigung des Hofes als eine Stärkung der unterdrückten Volksrechte willkommen war, übergab der schlecht beratene König seine Vollmacht, Recht zu sprechen in einer Sache, darin die Königin durch häsiliche Gerüchte die eigentliche Angeklagte war. Freilich nicht, ohne durch den Gegner Rohan in überlegener Weise genötigt zu sein. Der König, dem sein schwacher Kopf von einer Rechtlichkeit zur andern schwankte, ließ dem Kardinal die Wahl, ob er sich seiner königlichen Entscheidung unterwerfen oder den Richterspruch des Parlaments anrufen wolle. Der Rohan nahm in einem Meisterstück schriftlicher Klugheit mit ehrerbietigem Dank die Erlaubnis an, feine Unschuld auf gerichtlichem Wege festzustellen. „Sollte ich indessen hoffen dürfen, dasi die Aufklärungen der Sache auch Eure Majestät zu der Ansicht gebracht hätten, ich sei nur des einen Vergehens schuldig, dast ich mich betrügen liest, würde ich allerdings die Bitte wagen, nach Ihrer Gerechtigkeit und Güte mein Urteil sprechen zu wollen." Die Königin war durch den Abfall des Adels in der gekränkten Unschuld blind bestärkt, den Kopf verwirrt von bürgerlichen Ideen der Rechtlichkeit verlangte sie, „daß diese greuliche Geschichte vor den Augen der ganzen Welt in allen ihren Einzelheiten aufgedeckt werde". Sie bedachte nicht, daß die Sprüche der sogenannten Oeffentlichkeit eine eigene Wahrheit haben, mehr von der Volksstimmung als von der Richtigkeit gemacht; und daß es Sache der Könige fein muß, diese Wahrheit zu erkennen, aber nicht, sich ihr zu unterwerfen. So wurde der Kardinal Rohan aus einem Gefangenen des Königs ein Häftling des Parlaments; und obwohl feitbem die Tore der Bastille geschloffen blieben und keine Empfänge und Diners mehr abgehalte» wurden: so schlug die Stimmung des Volkes, das für die Leidenden immer empfänglich ist, gerade durch diese härtere Behandlung um. Schon hatte das Parlament in einer stürmischen Sitzung Einspruch erhoben gegen den „unbeschränkten Despotismus" dieser Verhaftuna. Und weil die Frauen in edler Rührung der schönen Eminenz aufrechneten, daß er an sie gedacht, und alle delikaten Briefe vernichtet hatte, |o war naa; wenigen Wochen die Stimmung des Volkes für den Kardinal jo umgejchlagen, daß aus dem Habenichts, aus dem Maitreffenhalter und Verjchwender eine verfolgte Unschuld geworden war. Je mehr sein Bild in Glanz und Reinheit aus dem Spott und der Verachtung ausstieg, um so mehr sank das von seiner Gegnerin, der verbitterten, einsamen Königin zu Versailles, hinein. Unterdessen hatte sich in der Bastille alles versammelt, was in den Handel verwickelt war; da saß als erste die La Motte, in Bar-sur-Aube gleich nach dem Kardinal verhaftet; der „edle Wanderer" Cagliostro mit seiner schönen Frau, die ihm bei seinen Wundertaten, die Männer zu bekehren, geholfen hatte, weil er mehr für die Frauen geeignet war; nachträglich wurden auch die Oliva und der Sekretär der inneren Angelegenheiten, Retaux de Dillette, in Genf verhaftet; und nur der Graf La Motte verkaufte in England den Rest von seinen Diamanten unbekümmert weiter. Auch das Fräulein de la Tour saß da mit seiner Unschuld vom Lande, das aus den Wasserschalen des Cagliostro dem Prinzen Rohan eine andere Zukunft geweissagt hatte als diese. Und nur den Pater Loth, Hofmeister und auch Beichtiger im Stab der Gräfin de la Motte, ließ man frei und sicherte ihm Straffreiheit zu für jeden Fall. Der gab nun zwar das Beichtgeheimnis nicht, jedoch jo viel andere Geheimnisse zum besten, daß die Richter durch viele Tage den humorvollen Berichten dieses Mönches zuhörend, ein klares Bild des verwickelten Handels gewinnen konnten, das von dem blonden Sekretär Billette in allen wichtigen Punkten bestätigt wurde, am wichtigsten in dem Bekenntnis, daß er selber den Namen der Königin auf der Vollmacht geschrieben habe. — Weil die Anklage gegen den Kardinal nur aus die Fälschung dieser Unterschrift gestellt war, stand damit seine Unschuld fest; und was an Lächerlichkeit an ihm hängen blieb, wurde durch die Leiden seiner strengen Hast und durch den Haß der Königin ihm mild vergessen. So konnte er dem Urteilsspruch des Parlaments mit einer Ruhe entgegensetzen, die er durch eine nicht nur gespielte müde Gelassenheit auch äußerlich zur Schau trug. Sein Nierenleiden und die Strapazen der unendlichen Verhöre hatten ihn grau gemacht. Er hatte seine Träume für Frankreich begraben müssen, aber die Wehmut davon lag über ihm wie eine Gloriole. Ein Parlament, das ihn verurteilt hätte, wäre vom Volk zerrissen worden, so stürmisch nahm es mit dem Ende des Prozesses Partei für ihn. Das kam Ende Mai nach einem öffentlichen Schlußoerhör im Parlament und wurde mit den Strafanträgen des Staatsanwaltes eröffnet. Wie wenn das Schicksal seinen Liebling für so viel Leiden entschädigen wollte, gab es die letzte Torheit des Hofes zu, daß der Antrag bei dem Kardinal auf schuldig und schwere Bußen lautete; was eine stürmische Entrüstung des Parlaments veranlaßte, das darin einen ministeriellen Eingriff erkannte und zurückwies. So leidenschaftlich eingeleitet begann die letzte Szene in diesem vieloerschlungenen Spiel, das alle Spieler noch einmal wie die Schatten im Traume Macbeths vorüber wandeln ließ: Zuerst den schlanken und blonden Retaux de la Billette in schwarzer Seide den gewandten Sekretär, dessen damenhafte Hände so viel in dem Betrug bedeuteten, obwohl fein Teil am Spiel nur eine Dienerrolle war. Er spielte hier auf neues Engagement, weil feine alte Direktorin, bei der er sich bis zu Liebhaberrollen verstiegen hatte, verloren war; er tarn den Fragen fast zuvor in lebhafter Gewissenhaftigkeit und war glücklich wie ein Jagdhund, der belobt wird. Danach als Primadonna des ganzen Spiels die Jeanne La Motte im blauen Atlaskleid mit schwarzem Hut; ganz die gestürzte Königin von Bar-sur-Aube, die ihre Richter wie die feindlichen Krieger musterte, in deren Gefangenschaft ihr echtes Blut der Valois geraten war. Sie mußte zwar in den Armenfünderstuhl, doch war sie klein und elegant genug, auch da noch mit der zierlichen Person zu wirken. Sie gab auf alle Fragen eine Antwort mit ihrer Hellen Schaufpielerstimme, die jede Silbe bis in den letzten Winkel des großen Saales trug; doch war es immer ein neuer Einwurf, höhnisch und kalt lächelnd vorgebracht. So hatte sie in hundert Verhören die Richter durch die Schlagfertigkeit ihres Geistes schließlich in Verzweiflung gebracht. Sie blieb bei keiner Sache, und ein Geständnis von ihr war wie ein Wort, das irgendein Verleumder verloren hatte. Auch heute brachte sie die Fragesteller zu einem verdutzten Schweigen, als sie zu einer anderen Sache beiläufig, aber klar betont, bemerkte, daß es merkwürdig sei, wie alle Schriftstücke, auch die Briese der Königin, die den Kardinal dach nur entlasten könnten, wenn sie Fälschungen wären, wie er behauptete, vorsichtig vernichtet worden seien? Zwar verdarb sie sich die stechende Wirkung dieser Frage selber durch die freche Behauptung, daß die Königin das Halsband in aller Form erwarben habe und noch besitze, wie der Kardinal wohl wisse. Doch gab es keinen der Räte im Saal, dem dieses anmutig aus blauen Augen blickende und höhnisch auflachende Persönchen mit feiner überhellen Stimme das ganze Teufelsspiel nicht verständlich machte. Und als sie endlich mit artigen Verbeugungen spöttisch lächelnd die Bühne verließ, atmete mehr als einer tief auf wie nach einem peinlichen Traum. So daß es fast sinnbildlich schien, als auch der Armenfünderstuhl, darin sie gesessen hatte, entfernt wurde, ehe der Kardinal ins Bild eintrat. Er war im Trauerkleid der Kardinäle, lang violett mit einem kurzen Kragen und dem bischöflichen Kreuz an der goldenen Kette. Er war nicht mehr die „schöne Eminenz", auch nicht der luftige Prinz Ludwig, er war von Krankheit und Verdruß gealtert, und nur die Würde, mit der er seine Hoffnungslosigkeit hier aufrecht erhielt, und die hohe, noch immer aufrechte Gestalt erinnerten daran, daß dieser Rohan der Liebling der verwöhnten Frauen gewesen war. Daß er nach der La Motte eintrat, war für ihn günstiger als das beste Zeugnis, so trat die Ruhe und die Bestimmtheit seiner Haltung aufs angenehmste in Erscheinung. (Schluß folgt) Das Herz. Don Carl Spitteler. Es kam ein Herz an feinem Jahrestage vor feinen Herrn, zu meinen diese Klage: „So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieslein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpslein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt. Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen fo wie ich geliebt? Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede." An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Saum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut, wasch deine Augen, schweig und bleibe gut." Was von einem guten Buch gefordert werden muß. Bon Friedrich Schnack. Von Friedrich Schnack, dem Berfasser dieses Beitrages, den uns der Dichter zur Woche des deutschen Buches zur Verfügung stellte, erscheint in diesen Tagen im Propyläen-Verlag ein neuer Roman „Die wundersame Straße", auf den wir unsere Leser besonders aufmerksam machen. Die Frage, welches Buch gut sei, wird nicht immer von jedem der Leser im gleichen Sinn beantwortet werden. Persönliche Zu- oder Abneigung, Liebe und Gleichgültigkeit, auch mangelhafte Erfahrung und mindere Kenntnisse in künstlerischen und menschlichen Dingen sprechen bei der Beurteilung eines Buches mit — lauter mehr oder weniger zufällige Entscheidungen, die keine sind und daher unverbindlich bleiben müssen, da sie aber den Wert, die dichterische Schönheit, die geistige Tiefe und den sittlichen Gehalt eines Werkes fo gut wie nichts aus- fagen. Der eine findet die Welt gut als schönste aller Welten, klopft gleichsam dem Schöpfer anerkennend aus die Schulter — der andere findet sie schlecht, als ein miserables Machwerk und beckmessert an ihr und ihrem Urheber, der es versäumt hat, vor der Weltgestaltung seine späteren Kritiker zu befragen. Wird auf solche Weise das Wesen der Welt gedeutet? Ist sie gut, weil der eine mit ihr zufrieden — ist sie schlecht, weil der andere nicht zufrieden ist? Solche Urteile entziehen sich einer fachlichen Nachprüfung. Die Welt ist nicht dazu da, damit sie dem einen gefalle und dem andern mißfalle. Sie trägt ihren Lebenssinn in sich, und er ist ihr Geheimnis. Noch immer zieht sie ihre Bahn und lebt, während zahllose ihrer Kritiker auf Nimmerwiedeilehen dahin find. Mit dem Buch verhält es sich beinahe ebenso. Es ist eine Welt für sich. So manche Dichtung der Vergangenheit wurde ebenso sehr bewundert wie abgelehnt — und trotz Ablehnung ist sie lebendig geblieben. Wie die kosmische Welt nicht deshalb geschaffen wurde, damit sie ein x-beliebiger zeitgehundener Betrachter anerkenne oder verurteile, fo auch nicht die in sich beruhende wesentliche Dichtung, das Buch als geistiges Wesen, das eine runde, wahre Einheit ist, eine Welt: wahr in ihrer höheren Wirklichkeit, wirkend in der Wahrheit, mag sie auch zuweilen, der Art ihres Urhebers gemäß, noch so befremdend, eigentümlich und ungewohnt erscheinen. Unrecht würde dem Buch angetan werden, wollte man von ihm die Bestätigung der eigenen privaten Weltmeinung und Weltdeutung absordern, heute die des Lesers T, morgen die des P, übermorgen die des Z — je nach der geistigen oder gefühlsmäßigen Beschafsenheit seiner Leser. Ein solches Buch, das jedermanns Weltmeinung bestätigt, wäre unwahr, verlogen, vieldeutig und verderblich. Ein gutes Buch darf nicht von dieser Art [ein. Es ist keine Frage, daß die literarische Uebung, das handwerkliche Können von vielen, die schreiben, dazu benützt wird, keine „guten Bücher" hervorzubringen, Bücher, die — wie Stifter sagt — niedrige Zwecke anstreben oder die anmaßend sind, gefertigt von einem Verstand, der ebenso verantwortungslos wie herzlos ist. Solche Arbeiten werden niemals in das Geistesgut und (Erbe eines Volkes eingehen, weil sie nicht vor jenem unsichtbaren Ehrengericht bestehen können, vor dessen Schranken die Bücher und ihre Verfasser befohlen werden. Somit ist also schon gesagt, was einem guten Buche eigen sein muß. Außer dichterischen und handwerklichen Vorzügen muß es Würde besitzen, Charakter, Ehrenhaftigkeit und innere Wahrheit. Im Menschlichen darf es keine Mängel aufweisen, an Leidenschaften darf es sich nicht schwächlich, unwürdig und ohnmächtig hingeben. Der Dichter muh mit ganzer Kraft feinen Bogen spannen und den Pfeil auf hohe Ziele richten. Wo Würde waltet, ist die Täuschung ferne. Wo Ehrenhaftigkeit sich behauptet, ist kein Ort für Lügner und Scharlatane. Anderseits genügt freilich nicht zur Hervorbringung eines guten Buches der Blick auf ein hohes Ziel. Mit niedrigen kümmerlichen Mitteln wird es nicht erreicht. Im dichterischen Lebensbereich ist der charakterlose Macher und begabte Erkünstler ebenso widerlich, wie der charaktervolle, menschlich wertvolle, doch unbegabte Dilettant und Stümper. Verderblich wirken sie beide. Der aufmerksame und anspruchsvolle Leser wird sich "Eder von einem, noch vom andern betrügen lassen, v in gute» Duch schwindelt nicht, nicht bi der Form, nicht im Inhalt. Der Kern seines Lesens nuifl nicht jedem schmecken, die Geschmacksrichtungen sind verschieden. Ader eine wirkliche nute Frucht vom Baum der Dichtung zu verkennen und zu niii,achten bleibt einzig der geistigen oder seelischen Beschränktheit oder dem oerd ö rb en en, durch Uesegiste und andere schädliche Wirkungen geübten Gemüt Vorbehalten. m „ ... (gerade die einsachen, unverdorbenen Naturen ftniren am eindving- llchsten und in naiver Bereitschaft den Zauber und die Beglückung wahrer, wirklicher Dichtung. Ein Buch, das die Forderungen Friedrich Schnacks erfüllt, ift der Roman ,D le golde ne n Schlösser" von Friedrich B i, ch o s ,, über den Friedrich Schnack solgende» Urteil abgnb: „Das Buch .Die goldenen Schlösser' der ergreisenden tgesehlchte des wundersamen Mädchen» Agnele non geheimnisvoller Herkunft, das alle Welt um sich verzaubert und auch verstört und an dieser Welt nach kurzem Seeleuglück bittere Not leiden wus, 1(1 nicht nur ein die Anteilnahme de» Lesers nicht loslns ender Roman, sondern auch eine herzerregende Dichtung von lauterer Kraft und hoher Slnnblldllchkell. Mlt einem Werk tritt Friedrich Bischoss, ein bisher kaum Bekannter, In die Reihe der besten zeilgenösslschen deutschen Dichter und Schriststeller. Sein Buch mehrt den Schaft unserer zeitlofen Literatur. Die Erzählung lsl urdeulsch, gespeist von allen Gemüts- und Seetenkrösten, rührend und beseligend wie ein Volkslied, ebenso nntursromm und wahr. Sastlg. Es darf bleibender Liebe «ewift sein. Der Tiesbtick de» Dichters, irast und Schmelz seiner unverdarbenen und reichen Sprache, die blühende Erfindungsgabe und die Fähigkeit der Gestattung haben mich nachhaltig berührt. Wie mit dem Glanz einer Erscheinung wirkte aus mich die hold elige und tragische Figur de» Mädchens. Agnete tritt als jüngste Schwester zu den vielen schönen Frnuenbildern der deutschen Dichtung. Vas Atmenbild. Von Friedrich Hölderlin. Alter VaterI Du blickst Immer, wie ehemals, noch, Da du gerne gelebt unter den Sterblichen, Aber ruhiger nur, und Wie die Seligen, heiterer In die Wohnung, wo dich, WaterI das Söhnlein nennt, Wo es lächelnd vor dir spielt und den Mutwill übt, Wie die Lämmer im Feld, auf Grünem Teppiche, den zur Lust Ihm die Mutter gegönnt. Ferne sich hallend, lieht Iym die Liebende zu, wundert der Sprache sich lind des jungen Berflaudes Und des blühenden Auges schon. Und an andere Zeil mahnt sie der Mann, dein Sohn: An die Lüste des Mais, da er geseuszt um sie, An die Bräutigamstage, , Da der Stolze die Demut lernt. Doch es wandle sich bald: Sicherer, denn er war, Ist er, herrlicher ist unter den Seinigen Nun der Zweisachgellebte, Und ihm gehet fein Tagewerk. Stiller Vaterl Auch du lebtest und liebtest so: Darum wohnest du nun, als ein Unsterblicher, Bel den Kindern, und Leben, Wie vom schweigenden Aelher, kommt Oesters über das Haus, ruhiger Männl von dir. Und es mehrt sich, es reift, edler von Jahr zu Jahr, In bescheidenem Glücke, Was mit Hoffnungen du gepflanzt. Die du liebend erzogst, fleheI sie grünen dir, Deine Bäume, wie sonst, breiten ums Haus den Arm, Voll von dankenden Gaben; Sichrer stehen die Stämme schon; Und am Hügel hinab, wo du den sonnigen Boden ihnen gebaut, neigen und schwingen sich Deine freudigen Reben, Trunkener, purpurner Trauben voll. Aber unten Im Haus ruhet, besorgt von dir, Der gekelterte Wein. Teurer ist der dem Sohn, Und er sparet zum Fest das Alte, lautere Feuer sich. Dann beim nächtlichen Mahl, wenn er, in Lust und, Ernst Von Vergangenem viel, vieles von Künstigem Mit den Freunden gesprochen. Und der leftte Gesang noch hallt, Hält er-höher den Kelch, flehet dein Bild und spricht: „Deiner denken wir nun, dein, und so werd' und bleib’ Ihre Ehre de» Hause» Guten Genien, hier und sonstl" Und e» tönen zum Dank hell die Kristalle dir; lind die Matter, sie reicht, heute zum erstenmal, Daft e» wisse vom Feste, Auch dem Kinde von deinem Trank. Vie ftrmi in öcr (Klocke. Eine Geschichte au» dem heroifdH’ii Spanien. Von Eberhard 'M e ck e l. AI» Ferdinand der Siebente, den die Geschichte unter den nicht», würdigsten Gestalten nennt, die |e aus einem Throne saften, nach Napo- kau Bonapartes Sturz in Spanten wieder da» unbeschränkte Königtum ausrichtete, da mürben alle Anhänger der sogeuannlen Horte» mit schlimmste Verfolgung bedacht. Diese Eoriesleute, wenn zwar sie schon in der berühmt gewordenen Kousiitution vom Jahre Zwölf eine freiere Berfafstmg Im Dienste des Volke» anstrebten und die uneingeschränkte Macht de» König» und der Priester eindämmen wollten, seftien sich gröfstenteil» au» aufrechten Männern zusammen, die seinerzeit den Franzosen, welche Spanien zu knisteren gedachten, einen heldenmütigen Freiheitokamps geliefert und also gleichsam erst wieder den Boden siir dle Rückkehr de» Königinm» und der Kirche au» der napoleonischen Verbannnnug bereitet hallen. Aber man lohnte e» ihnen nicht, sondern suchte Ihrer habhaft zu werden, wo man konnte. Von ihnen geriet unter anderen durch Verrat auch ein junger Edelmann in die Hände Der königlichen Häscher, der sich vor allem In zahlreichen Guerlllakänipseu gegen dle frauzöslschen ü indringllnge ausgezeichnet und auch sanft der spanischen Sache in jeher Weife hervorragend gedient hatte, ja selbst Immer dafür eingetreten war, be» Königs, was de» König», und der Kirche, was der Kirche fei, zu geben. Da er dies jedoch Im Gedanken an die Rechte de» Volke» nur nut ruhigen, Maft getan, entsprach da« dem nwfüofen Anspruch der weltlichen und geistllchen Möchte nicht, und da man anfterdern Ihn |ür später vielleicht noch al» gefährlich ansah, genügte dies schon, um nicht lange über Ihn Gericht zu slften. Das, man Ihm gerechterweife keine Schuld zuschieben konnte, reichte au», Ihn für schuldig zu befinden, und so roaro kurzerhand feine öffentliche Hinrichtung für den gleichen Abend fest gefetzt. Run aber war der Verurteilte, der mit verächtlicher Miene den chnndbaren inguifllorischen Spruch über Leben und Tod angehört hatte, jerabe eben verheiratet; feine Frau liebte Ihn zärtlich, wie er sie, und le konnte sich nicht denken, das, derjenige, mit dem sie sich sür ein flanve» Dasein eingerichtet hatte und der ihr nm Morgen au» den ilrmen gerissen wurde, bleich und kalt und nur noch für die Verwesung fei, ehe die Sonne, welche im Ausstiege noch ihr gemeinsame» Glück beleuchtet, ganz unterglnge. Weil sie dies alles nicht fasste und nicht wie ihr Mann eine Fassung In der Einsicht fand, das, jegliche» Wort dagegen der Ungerechtigkeit des Urteil» nur die unverdiente Ehre einer Beachtung antue, gelang es ihr mit einem Willen, den mir das Unglück eines liebenden, nur ihre 'Well sehenden Weibe» aufzubringen vermag, fist, fas! erniedrigend, um Gnade zu bitten. Aber es war umsonst. Es wurde ihr bedeutet, daft wie üblich beim Säulen der Abenbglocke des Dome« — deren gewaltiger Schall »ft genug herhalten musste, da» Murren der einer ungerechten Hinrichtung auf dem Dom platz zuschauenden Volksmenge zu tibertönen i,n ( h de, Gericht, auf leben Fall m finden werde. Und gegen diese Auskunft hals der Fran keine noch fo laute und flagenbe Beschwörung: An den steinernen Gesichtern derer, die sie anflehte, prallten ihre Blicke und Worte ab, und der Glanz ihrer Tränen ent- zündete keinen Gegenglanz In den unbeweglichen und über die Bitt- I teile rin Hinwegfehenden Augen. So kam der Abend heran, und die Zurüstungen für den Urteilsvollzug waren bereits Im Gang. Der junge Edelmann stand schon auf dem Schafott, der Henker machte sich daran, dem erhobenen Haupte» und ganz ruhig Dastehenden den Racken zu halbieren, und alle» wartete, daft Die Abendgtocke da» Zeichen zum eigentlichen Aki der Hinrichtung gebe. Aber nicht« dergleichen geschah, sah man auch, olo nach einer Wetze schon ungeduldig de« Warten» und der Verzögerung die Richter und mH Ihnen die schaulustige Menge znm Domturm emporblickten, gleichwohl die schwere Glocke sich oben Im Joch hin und her bewegen, wie e« ist, wenn unten am Strang gezogen wird — doch war fein Schall davon zu vernehmen. Da» bünfle allen, vorab dem Glöckner und feinen Gehilfen, die lick, wie Immer mit aller Kraft, aber diesmal vergeblich, ins Seil geworfen halten, seltsam, und man schickte in den Turm hinaus, die Ursache de« Versagen» Der Glocke zu entdecken. Und von oben kam bald diese Kunde: Es war, mit Leib und Händen am riesigen Klöppel angebunden, ein Weib gefunden worden, und sie hing nun dort oben ohne Bewusstsein. Man machte sie endlich los und barg sie, eine Halbtote, elend zerschlagen olfenbar nach dem, wie ihr leichter Körper mit dem Klöppel, heu sie umdeckle, an da» metallene Gehäuse ohne Laut und unbarmherzig an- gewuchtet worden war ... Dieser ungewöhnliche Vorsast wurde wie ein Lausseuer befaunl, und dessen Ungewöhnlichkeit bewirkte, daft man darüber und im Zusammenhang damit der Hinrichtung al» de» Im Augenblick weniger wichtigen Ereignisse« fast vergas, und selbst mit hem Weitergang her letzten Ze re- monien zur Vollstreckung des Urteils Inneljlelf, ehe sich altes geklärt und beruhigt und die Glocke wieder läuten könne. Mittlerweile aber hatte man auch den eigenartigen menschlichen Fund von Gtockenstuht hinabgebracht aus den Domplaft, und da sahen auch gleich die Richter und diejenigen, die sie kannten, das, man hier die unge Frau de» zum Tode bereiten Edelmann» vor sich hatte. Wie es bann geschehen sein mochte, daft über der Bewegung, die nach dieser sich ebenfalls wieder unoerzügtich ausbreitenden Neuigkeit die Menge ergriff und jegliche Ordnung unter ihncn auf dem weiten Platze und In den angrenzenden Straften aushob, plötzlich der eben imd) ruhig neben dem Henker auf dem Schaugerüfl »erharrende Verurteilte zu seinem auf den Domflusen niedergelegten Weib gelangte, da« wird ein Geheimnis bleiben. Tatsächlich aber bemerkte man ihn auf einmal neben der Zerschlagenen, die man halb mit einem Tuche bedeckt hatte, auf- tauchen — man sah, wie er sich über sie, die noch atmete, beugte und behutsam ihr halb unkenntlich gewordene», aus der Seite Ika-mhe« Gesicht In feinen Händen barg, so das, dem Umherstehende» und ihn wie gebannt gewähren Lassenden nur noch der Anblick ihres dunkel über das Weiß seiner Arme hinab nach den dunkleren Sandsteintreppen fallenden schönen Haares ward. Reglos verharrte so die Menge erst lange um das Paar. Niemand vermochte sich dem Eindruck des Gehörten und zu Sehenden entziehen, und der in solcher Art noch nicht vernommene Liebesbeweis und Einsatz einer Frau, die sich als lebendigen Klöppel in eine Glocke band und von ihr zerschlagen ließ, damit nur diese nach dem Urteilsspruch der Richter dem geliebten Manne nicht zum Sterbenmüssen ertönen könne nud er also am Leben bliebe — diese einzige Tat legte sogar in die kalten Herzen der Inquisitatoren Erschütterung, und nach der nach einer Weile vernehmbar und allmählich immer lauter werdenden Forderung des ohnehin mit der ungerechten Verurteilung nicht einverstandenen zu- schauenden Volkes kamen sie in schneller ^Beratung dahin überein, den Gerichtsspruch aufzuheben und den Edelmann mit der Maßnahme des Landesverweises freizugeben. Der ungeheure Jubel, der sich daraufhin erhob, weckte die bis da noch immer Bewußtlose auf, denn sie richtete sich in den Armen ihres Mannes, der ihr unaufhörlich leise, wie beschwörende Worte ins Ohr zugesprochen hatte, halb auf, und, wohl ahnend die Rettung des Geliebten, zeigte sie durch die entstellten Züge ein solches beglücktes Lächeln, daß vielen, die es sahen, Tränen in die Augen stiegen. Gleich darauf sank sie zurück — sie lebte nicht mehr. Bald danach, als sich der freudige Lärm rundherum infolge dieser unerwarteten und bestürzenden Wendung wieder gelegt und einer fast atemlosen, halb teilnahmsvollen, halb erwartenden Stille Platz gemacht hatte, sah man den jungen Edelmann von der Seite seines toten Weibes sich erheben, und, als ob ihn nichts mehr mit dieser Welt verbinde, schritt er durch die stumm sich teilende Menge und hinauf zum Blutgerüst. Und ehe man ihn darin hindern konnte, hatte er das Schwert des Henkers ergriffen und sich mit dem Rufe „Es lebe das ewige Spanien" in es hineingestürzt. Er war nicht mehr zu retten. Ihm, dem binnen kurzem von einem Ferneren alles geschenkt und wieder genommen wurde, mußte das Nähere, das Irdische danach weniger dünken, zumal es von der ungerechten Gnade menschlicher Richtung abhängen sollte ... Mexiko, das atte Indianerland. Von Sofie von Uhde. Wild und einsam, von den Schncegipfeln der.großen Vulkane überragt, liegt das weite, mexikanische Land unter der heißen Sonne Mittelamerikas. Der Hafen Veracruz, herrlich in der breiten Bucht gelegen, aber verwahrlost und schmutzig — die Aasgeier, die durch die Straßen trippeln und den Kehricht verschlingen, besorgen die Aufräumungsarbeiten — hat tropisch üppiges Hinterland. Bananen und Palmen, Citrushaine, Kokos- und Kaffeepflanzungen dehnen sich weithin und machen erst in beträchtlicher Höhe einer gemäßigteren Flora Platz. Hoch steigt die Bahn, die von Veracruz nach der Stadt Mexiko führt, über 3300 Meter hoch, in herbe Bergeinsamkeiten und senkt sich dann zu der auf 2200 Meter gelegenen Hauptstadt hinab. Eine seltsame Mischung aus modernem Amerika, spanischem Einfluß der Erobererzeit und alter Indianerwelt ist diese Hauptstadt, die die erste Million Einwohner schon überschritten hat. Wohl schieben sich Tag und Nacht unabsehbare Reihen von Autos unter ohrenbetäubendem Hupen durch die Straßen, wohl zerreißen neuzeitliche Lichtreklamen mit roten und blauen Blitzen unaufhörlich die Nacht, wohl stehen in den prunkvollen Foyers der neuen Oper Fremde aus aller Herren Ländern im Abendanzug umher. Aber an diese eleganten Wohn- und Geschäftsoiertel der Stadt schließen sich ohne Uebergang die primitiven und schmutzigen Eingeborenenmärkte und -Behausungen an und neben den mit allen Künsten neuzeitlicher Kosmetik zurecht gemachten Europäerinnen schiebt sich der stille Indio durch die Straßen, im riesigen Strohhut und im selbstgewebten Umhang wie vor Jahrhunderten. Und draußen im Land, ein paar Meilen nur von der lebensprühenden, aufgeputzten Hauptstadt entfernt, stehen dieselben Lehmhütten, wie vor Cortez' Zeit, derselbe Stachelpflug zerreißt die Erde wie damals, am primitiven Webstuhl der Vorfahren sitzt das Indianerweib und webt die alten, schönen Muster, und es ist, als schwebte über dem herrlich wilden Lande, in dem noch fo viele ungehobene Schatze versunkener Kulturen schlafen, noch immer der Geist der alten, aztekischen Götter. Sehr schön ist der, für die Begriffe des raumarmen Europas, ungeheuer weite Zokalo, der Hauptplatz der Stadt mit der prachtvollen Kathedrale, die leider durch das letzte Erdbeben sehr gelitten hat. Sie ist von den siegreichen Spaniern auf den Resten eines Aztekentempels erbaut worden und unter ihr fand man sehr viel später den berühmten, riesigen, steinernen Sonnenkalender der Azteken, der Aufschluß über die hochentwickelte Zeitrechnung dieses Volkes gab. An diesem Platze findet sich auch der schöne Nationalpalast. Vor den Säulen dieses Palastes flutet das ganze, bunte Leben Mexikos vorüber: Händler, Fremde, Landvolk, spanisches und indianisches Blut und nicht zu vergessen die unzähligen.Schuhputzer. Dieses Schuhputzen spielt eine große Rolle im Straßenleben, denn kein Hausmädchen, kein Angestellter in einem Hotel, würde sich dieser Arbeit unterziehen, sie obliegt einer eigenen Gilde, die ihrer Tätigkeit mit wahrem Jagdeifer nachgeht. Vom „Unternehmen", der mit großer Geste in einen mit bequemen Sesseln ausgestatteten und mit Radioklängen erfüllten, nach der Straße zu völlig offenen Raum einlädt, bis '3um kleinen Jndiojungen, der mitten unterm Verkehr hockt und bürstet, was er zu fassen kriegt, sind sie alle dauernd hinter einem her. Und sie putzen mit Liebe, und das muß man sagen, mit allen Schikanen, die Schuhe sind das Sauberste in diesem Lande. Ein ganz reiner und seltener Genuß ist das Museum, gefüllt mit den herrlichen Spatzen der beinahe sagenhaften Kulturen des alten Mexiko; auch einige Stücke der seltenen Majakultur sind darunter. Allzuviel ist der Glaubenswut der spanischen Priester und den Kriegern des Cortez zum Opfer gefallen, die vor den Augen der entsetzten Azteken die Götterbilder von den Mauern der Kultstätten herabstürzten und so unersetzliche Werte vernichteten. Aber es steht doch noch viel fremdartig Schönes in diesem Museum, in dem sich viel einfachstes Volk drängt, armselige kleine Indianer, die mit großen, dunklen, stummen Augen die Götterbilder anstarren, die der weiße Mann ihren Vorfahren entriß. Auch draußen bei den großen Pyramiden der Sonne und des Mondes, eine Stunde Autofahrt von Mexiko entfernt, gewinnt man ein beinahe lückenloses Bild von dem Götterkult Alt-Mexikos. Diese Pyramiden sind noch gewaltiger als die der Aegypter und prunkvoller, vor allem die des Quetzalcoatl, des Gottes der Luft, deren oben abgeplatteter Kegel mit riesenhaften Tierköpfen und schönen Treppen reich gegliedert ist. Wunderbar ist der Blick von den Spitzenplateaus dieser Pyramiden ins weite, mexikanische Land hinaus und noch immer umraunt sie etwas von dem heiligen Grauen, das früher aus der verhängnisvollen Mulde in ihrer Mitte, dieser mit Blut und Stöhnen der Menschenopfer umkränzten Tafel der Götter, zu den am Fuße der Pyramiden harrenden Volke hinabsank. Vor den Toren der Stadt ruht auf einer weiten Terrasse, die den Blick über das Hochtal, in dem die Stadt Mexiko liegt und auf den ewigen Schnee der noch rauchenden, großen Vulkane Popocatepetl und Jxtaccihuatl freigibt, das kleine, einfache Schlößchen, in dem Kaiser Maximilian, der junge, österreichische Erzherzog, seinen kurzen, abenteuerlichen Kaisertraum träumte, der ihn vor die Gewehre der Mexikaner und seine Gattin Charlotte in die Nacht des Wahnsinns führte. Von dort leitet der wunderschöne, breite Paseo de la Reforma hinab und zur Stadt zurück, in seinem Umkreise liegen die vornehmen Villen und das Gesandtschaftsviertel und an der Oper, wo diese Prachtstraße endet, liegt unfern das deutsche Haus, wo unsere Landsleute, die ganz zahlreich sind in Mexiko, in den Stunde der Erholung zusammenkommen und wo mir eine unvergeßliche Feier zum Jahrestag des Dritten Reiches die Starke und Verbundenheit deutschen Blutes in der Welt bewies. Aber so interessant und bunt auch das Geben in der Hauptstadt und so schön ihre nähere Umgebung ist, so wird doch nur der Mexiko kennen, der in den weiten, tiefen Einsamkeiten des riesigen Landes untergetaucht ist. Außerordentlich dünn besiedelt von zehn Millionen Indianern, drei Millionen Mischlingen und einer Million Weißen, bietet dies wilde Gebirgsreich noch allen Zauber unberührter Natur und unverfälschter Niederlassung der Urbevölkerung. Zwar sind sie ein gebrochenes Volk, diese Indios, wie alle Indianer, die unfrei wurden; fein Volk der Erde verträgt so schlecht die Fremdherrschaft, sie knickt sie in ihrer Blüte. Ein schönes, dunkles Volk find diese mittelamerikanischen Indianer, sehr freundlich und gefällig, von einer edlen Bescheidenheit, aber still und ohne rechte Lebensfreude in den schwarzen Augen. Die Art, wie sie am Alten hängen, an den überlieferten Geräten, an der Kleidung der Vorfahren, an den alten Sitten, an der alten Erde, hat etwas sehr ehrwürdiges und vornehmes. Nirgendwo ist mir bas fo stark zum Bewußtsein gekommen wie in Tasro, der uralten Indianerftadt, hoch oben in den Bergen, das einer modernen, sehr bunten und sehr freien Künftler- kolonie aus aller Herren Ländern zum Aufenthalt und Studienplatz geworden ist. Von diesem bewegten Treiben hebt sich das stille, fast etwas schattenhafte Leben der Indios in ganzer Schärfe ab, sie bieten einen Hintergrund wunderbaren und unbewegten Nerwurzeltseins mit dem Vergangenen für dies unruhige und kosmopolitische Künstlervolk. Der allsonntägliche Markt unter den riesenhaften Bäumen vor der einzig schönen, alten Kathedrale von Tasco, im Herzen des ringsum über die Höhe kletternden, an die Felsen gekrallten Bergnestes, ist äußerst interessant für den, der die äußeren Formen sowohl, wie das innere Gesicht der Völker, ihre wandelbare Unwandelbarkeit zu studieren liebt. Dafür sind die Eingeborenenmärkte in aller Welt der beste Ort und so auch in Mexiko. Von Farben überflutet stapeln sich die Hügel aus Früchten des Landes, Mais und Zuckerrohr türmen sich zu Bergen, Stoffe und Töpferwaren breiten sich weithin, grelle, gefchmacklose Fabrikware für die Fremden und für die Mischlinge und dazwischen liegen still die schönen, alten, sanftgeschwungenen Gefäße, die herrlichen, handgewebten Decken, die riesigen, handgeflochtenen Strohhüte der Indianer und manche Silberkette, mancher eingelegte Kamm am Nacken und Haar der am Boden hockenden Verkäufer atmen noch die ganze Schönheit unverbildeter und naturnaher Vorzeit. Mit hängenden Ohren stehen zwischen dem Gewühl die geduldigen Eselchen, die alle diese Schätze und den Verkäufer und feine Familie dazu auf den Markt geschleppt haben. Viehmarkt ist auch immer dabei, und die berittenen Hirten bilden einen grellen Gegensatz nicht nur zu den übrigen, unscheinbaren Indios, sondern auch zu ihren eigenen Herden. Denn was sie da aufgetrieben haben ist weder zahlreich, noch von Rasse beschwert: ein paar winzige, fettfreie Schweinchen, die quiekend an dem Strick um ihr Bein zerren, Truthähne und magere Hühner, abscheulich an den Füßen, den Kopf nach unten, umhergeschleppt, ein paar Kühe, die sich mit der Milchwirtschaft nicht mehr befassen und ein paar alte Maulesel, die nur noch den einen Wunsch haben, zu schlafen, das ist alles. Aber wenn nur der Hirte nach was aussieht, gleich kosten seine Tiere ein paar Pesos mehr. Und diese Hirten sind nicht schlecht aufgeputztl Auf viel zu scharf aufgezäumten Pferden sprengen sie umher, Sporen an den Füßen wie Don Quichotte, riesige, blitzende Räder mit langen Stacheln, auf die sie nicht wenig stolz sind, allerhand blinkendes Metall und geschmücktes Lederzeug von oben bis unten und auf dem Kopf einen Hut, groß wie ein Haus! Wer würde da noch nach den Mängeln der Ziere schauen? Alles starrt begeistert die herrlichen Hirten an, und vor allem die Mädchen können sich nicht genug tun im Schauen und errötendem Kichern, wenn im späten Nachmittag der Markt zu Ende ist, die beladenen Eselchen in Wolken von goldenem Staube heimwärts trotten und nur die schönen Hirten noch unternehmungslustig hinter dem Schanktischen vor einem Glase Pulque lehnen und auf Abenteuer {innen. Berantwortlich; Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. ZU Lange, Gieße». GiehenerZamilienblätter Unterhattungrbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 76 Zreitag, den 2. Oktober Jahrgang 1956 lbem Gelee, wozu es schien ihr weit schwerer zu jeuii yu>ui. ■» — Kälte und hunger, aber ihre Seelen waren rauh regung und warf zwischendurch forschend lt von der Verzweiflung zerrissen, nicht von Sehn- Küche, ob nicht bald neues Essen tarne. drückende Elend von i) c £ fr 5 9 L 8 6 it um 1 Uhr in I n e i, it selben Wein der Delphine, Anna-Marie und Grain d'Or ein 'eigenhändiges Schreiben Pirruhns. v , , „ . . . , Pirruhn hatte sich seit fünf Tagen nirgends blicken lassen, und setzt ekommen waren: jetzt fühlte er sich ungestört. Er ~ ' mit vollen schrieb er: „Ich lade hiermit höflichst ein, morgen nachmittag meinem Hause meiner Totenfeier beiwohnen zu wollen. Mujikinstru« mente bitte ich mitzubringen. Ende gegen 6 Uhr. Letzte Grüße Pirruhn. 20 21 22 18 19 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Der reichliche Weingenuß brachte auch Livinus in gute Stimmung. Er wurde ganz weich davon und erfaßte Grain d'Ors Hand: das Mädchen freute fick sehr, weil sie glaubte, daß die matt gewordene Liebe neue Cyan Grey 1 was er brauchte. Es war eine Betäubung gewesen, und setzt loderte sein Herz in hellen Flammen wieder auf für die unerreichbare Katinka Als der Sang zu Ende war, ries Pirruhn, in die Hande klatschend, äußerst froh und gerührt „Bravo!", weil Corenhemel nun wieder traurig mar und stürmisches Temperament zeigte, aber vor allem, weil Anna- Marie nun von einer unschicklichen Liebe befreit und erlöst wurde, die Pirruhn ein stiller Dorn im Herzen gewesen war, seitdem er sie ent- ^Gr klopfte Corenhemel auf die Schulter: „Du bist wieder ein Delphin! Deine Liede gehört wieder den schönen Schemen. Du bist auferftanben, trinken wir auf deine Ostern! Jetzt kann ich ruhig sterben!" „Simon! Simon!" mahnte Schwan mit trauriger Stimme, als er Pirruhn so leichtfertig über seinen Tod reden hörte. Livinius nahm sich vor, heute abend noch zu Anna-Marie zu gehen und ihr zu erzählen, was Corenhemel gesagt hatte. Er wußte sich vor Freude nicht zu halten, weil er nun die Möglichkeit sah, diese Liebe zu ersticken: im Bewußtsein seines Sieges fing er an zu trinken, ein Glas nnC@[U(tienb floß der Wein aus den verstaubten Flaschen, die Pirruhn für seine Hochzeit aufgehoben hatte. Das dunkle alte Getränk gab jedem allmählich eine fröhliche Laune. Dann erhob sich Pirruhn, stemmte beide Fauste auf den Tisch und hielt seine Grabrede: „Uebermorgen werde ich begraben sein, heute sterbe ich. Ich irre mich, ich brauche nicht mehr zu sterben, td, bin schon tot, mausetot. Ich brauche mich nur noch hinzulegen. Merkt euch das gut! Mein Testament liegt dort in einem Briefumschlag unter dem Goldfischglas. Meine ganzen Besitztümer vermache ich Fräulein Adelaide von Kraft gewinne. . . Kuckuck nahm zwischen jedem Gericht die Mandoline auf die Kme und sang neue Liebeslieder auf ein junges Mädchen, das feine Liebe nicht erwiderte, oder er rief scherzend zu Pirruhn: „Iß dir den Bauch noch einmal ordentlich voll und mache viel, viel Essig an deinen Salat, bann bleiben bir bie Würmer vom Leibe!" Corenhemel sah meistens in Gebanken versunken da; Schwan hatte ihn in ben letzten Tagen öfters am Aermel zupfen müssen, well er so nie« berqeschlagen aussah: ein Seuszer unb eine nichtssagenbe Redensart waren bann feine einzige Antwort. Pirruhn, ber ihn fast feit einer Woche nicht mehr gesehen hatte, war angenehm überrascht. „Es freut wich", rief Pirruhn ihm zu, „bah ich bich vor meinem Tobe noch einmal mit einer traurigen Miene sehe. Das steht bir ausgezeichnet. Du wirst roieber ein echter Delphin. Willst bu mir einen letzten Wunsch erfüllen? Ja! Sing bann noch einmal bas Lieb von Katinka!" Gern'" sagte Corenhemel plötzlich begeistert. Ein schönes Lächeln Blue White Green Grey 2 )« 1 2 3 4 5 6 7 8 Magenta Black zu machen atif den .. „ durch die Kehle rutschten, und wußte dem roten n Frankreich ein so herrliches Loblied zu fingen, önig ber Schlemmer, befürchtete, feinen Titel ein« ö bes guten Essens hatte heute nicht gefrühstückt, ht zu Derberben, unb er freute sich, baß bie beiden eti..... . .: rL nd seinen Frack ausgezogen und aß igelt zum Reden, ließ die blutroten Fle ien, goß viel Sauce darüber und spülte Faß hinunter. Er schwitzte vor angenehmer Auf- ischendurch forschende Blicke in der Richtung nach der , - - » t' w x* w« c r> ka A XI C I war: nur Schwan kam die Sache verdächtig vor, und er betrachtete mit i , q , '*'* , trnurinon Aiwen seinen Freund Pirruhn, ber sich benahm wie kvOIOUr & Larev Contro Chart oaQegZX. - berben Art, bie jedoch eine große Herzensgute ' v*z *■ Picta'Qe e oüfte auf zu spielen unb zu fingen, bas weiche kohl, worüber eine bicke, golbgelbe Eierfauce gc« achten; er pries ben zarten braungebackenen Fluß- unb ben Kopfsalat, fanb viele lobenbe Worte für geschmorte rote Kirschen gab, Reis mit eingemachten Apri- Red Grey 4 unb abgestumpft, nicht — -- . „.. , ., „ .. . . sucht und ständigem Gram zermürbt. Sie kannten nicht ben Jammer eines quälenden Gewissens. Sie lebten einfach unb plump in ben Tag hinein, ohne sich Gedanken zu machen, nahmen, was sie kriegen konnten, und schraken nicht vor Gewalt zurück, ohne seelisch barunter zu leiben. Sie freuten sich über ein Stück Brot unb einen groben Scherz unb hatten keine Ahnung von verbotener Liebe, bie das Herz tötet unb ben Tob herbeisehnen läßt. „Ihnen kann mit Gelb geholfen werben", dachte sie, Yellow Grey 3 . Der Leichenschmaus. Alle geladenen Gäste waren erschienen, mit Ausnahme von Anna- Marie, bie sich hatte entschulbigen lassen. Die Uhr ftanb noch immer still auf ein Viertel nach sieben, unb über Pirruhns Bilb hing ein Hanbtuch. Pirruhn saß in der Mitte ber Festtafel, in seinem schwarzen Beerdi- gungsanzug, zum erstenmal in Schwarz seit seiner Erstkommunion. Die Delphine, unb sogar Grain b'Or, hatten sich dahin verständigt, zum Scherz ebenfalls schwarz zu erscheinen, denn sie waren überzeugt, daß Pirruhn sie zum besten halten wollte. Die Männer trugen ein weißes Halstuch und hatten einen Trauerflor um ihre Hüte gelegt. Grain b'Or hatte nichts Buntes an sich unb putzte sich bie Rase in einem weißen Taschentuch mit schwarzen Punkten. Alle waren ber Meinung, baß Pirruhn aus Aberglauben so hanbelte, in ber Hoffnung, baß er, indem er seinen Leichenschmaus jetzt feierte, noch lange leben würde. Ader jeder wunderte sich, daß Adelaide nicht zu den Gästen zählte und für sie auch nicht gedeckt war. 2üs Corenhemel nach ihr fragte, antwortete Pirruhn: „Wer ist das ..." Sie konnten nicht klug daraus werden, dachten auch weiter nicht darüber nach, da ja jeder mit feinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt „mir nicht." , , „ , .. Sie sah ben Bettlern nach, bie sich entfernten, und beneidete sie um die Einfalt unb bie dumpfe Ruhe ihres Geistes. Da kam Joo Pastor. . Diese Frau konnte die Zukunft deuten, sie hatte einmal zu Simnus gesagt: „Eine Frau mit schwarzen Haaren wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben." „Frau ...", sagte sie zögernd. „Gnädige Frau?", sagte Joo Pastor, bereit, ihr zuzuhoren, wahrend sie mit ihren knochigen Fingern bie Münze von ber Türschwelle auflas. „Können Sie bie Zukunft voraussagen?" Da nahm bas bürre Weib bie Hanb Anna-Maries, aber sie ließ sie gleich wieder fallen.