GiehMkZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang |956 Montag, den 29. Juni Nummer §9 Oie Fahrt nach der Ahnfrau Erzählung von Paul Fechter Copyright 1YS5 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 5. Fortsetzung. Der Pfarrer Bethke saß in der Tat beim Mittagsmahl; aber er besaß die freundliche Weltläufigkeit der meisten Gottesgelehrten, und als der Doktor Ebener seine Karte hineinschickte, kam er sofort, hörte sein Anliegen und bat nur, ihm zu erlauben, der bereits genossenen Suppe die bereits auf dem Tisch stehenden Königsberger Klopse folgen zu lassen — falls der Doktor ihm nicht die Freude machen wolle, an seinem bescheidenen Mahle teilzunehmen. Der Doktor dankte höflich und leicht beschämt. Er wollte um so lieber warten, als aus dem Nebenzimmer das teils vergnügte, teils mißvergnügte Krähen verschiedener jüngerer Semester beiderlei Geschlechtes drang. Er entschuldigte sich wegen seiner Störung; er hätte nur nicht gern die beiden Hauptstunden des Tages nutzlos opfern wollen. Der Pfarrer Bethke verstand das durchaus, und nach einer halben Stunde saßen die beiden Herren, jeder mit einer Zigarre bewaffnet, wieder drüben auf dem Amt und blätterten und suchten, und als der amtsstrenge Mann mit dem blonden Schnurrbart erschien und ein nicht sehr angenehm überraschtes Gesicht machte, sahen sie noch immer. „Juschkat", sagte der Pfarrer Bethke, „holen Sie mal den Jahrgang 1730." Der Doktor sah erstaunt auf. „Wieso den?" Der Pfarrer lachte. „Ich weiß je auch nich; aber am End' hilft der Zufall; vielleicht find' ich da irgendeinen Herrn Müller und bei dem eine Tochter Regina Katharina." Der Doktor lächelte etwas verzerrt. Er hatte nicht viel Zutrauen zu der Methode, und er behielt recht; auch dieser Versuch schlug fehl. Es war halb vier. „Wissen Se, das hat nich viel Sinn", meinte der Pfarrer Bethke liebenswürdig. „Wo nufcht is, hat der Kaiser sein Recht verloren. Was wollen Se Ihn' denn auch tun, wenn Se nu mal keine Urgroßmutter haben?" Der Doktor meinte, er hätte schon eine; er wüßte nur gern, was für eine. Und das hätte er in Insterburg zu erfahren gehofft. Der Pfarrer klappte das Buch zu. Ja — das täte ihm ja nu sehr leid, aber auch in Insterburg sei ultra posse niemand obligiert. Dem Mann Juschkat glitt ein Zug stillen Triumphes über das vom Leben nur wenig umgepflügte Gesicht. Der Doktor hatte schlechte Laune und ärgerte sich, zumal er sich auch noch bedanken und wegen der vergeblichen Mühe entschuldigen mußte. Um abzulenken fragte er nach dem Professor Stempel, und ob der vielleicht aus Freiburg gekommen sei. Der Pfarrer bestätigte dies und vernahm mit einer gewissen Erleichterung, daß der Fremde den Leiter der Landesfrauenklinik, wenn auch flüchtig, kenne. Er konnte ihn ohne Belastung seines Gewissens und ohne weitere Einladung dem Vertreter der feindlichen Fakultät überlassen. Georg Ebener fragte sich mit leichter Mühe nach der Klinik durch, mußte an halb ländlichen Gegenden vorüber, unter Bahndämmen und zwischen Gärten hindurch wandern und stand bald darauf erst vor der Klinik, dann vor ihrem Leiter, der sich in der Tat als jener flüchtige Bekannte aus Freiburg und weiter als Labsal gepflegter Weltlichkeit nach der stundenlangen historischen Betätigung auf dem Pfarramt erwies. Er lächelte freundlich, als er das Mißgeschick des Berufsgenossen erfuhr, lud ihn zum Tee und zuvor, falls es ihn interessierte, zu einem Rundgang durch seine Klinik ein. Der Doktor hatte bereits von draußen gesehen, daß dieses Institut nicht eben geringe Ausmaße hatte. Als er ober mit feinem Begleiter treppauf, treppab die weiten, weißen Gänge entlangfchritt, zur Seite hinter großen Glaswänden in strahlend weißen Betten Säuglinge um Säuglinge, deren Lebensäußerungen durch das Glas angenehm gedämpft zu ihm drangen; als er die Operationsräume und die Kranken- fäle durchschritt, die er in Berlin im Bereich seiner Tätigkeit nicht besser und moderner finden konnte, da hätte er fast das Mißgeschick mit der Ahnfrau vergessen, wenn es nicht unerwartet in seltsam verwandelter Gestalt sich erneuert hätte. Als er nämlich mit dem Professor, vertieft in ein Gespräch über die Zweckmäßigkeit der Zentralisierung aller unehelichen Kindsmütter der Provinz in einer Entbindungsanstalt wie diese hier, wieder an einer neuen, hellen Glaswand vor lauter Säuglingskammern entlangschlen- berte, glaubte er auf einmal eine Vision zu haben. In weißen Betten lag eine Reihe von Exemplaren der Spezies Mensch, die schon dem allerersten Stadium der Unbewußtheit entwachsen waren. Sie wedelten, so gut sie das schon konnten, mit den winzigen Händen und wandten die offenen Münder wie suchend einem hellen Frauengesicht zu, das sich gerade über ihre Lagerstätten beugte. Es war, als würden all die runden, kleinen Köpfe von ihm magisch angezogen: aber auch der Doktor Ebener konnte seinen Blick nicht losreißen. Er starrte die junge Dame in der weißen Schwesterntracht wie ein Gespenst an; denn es war kein Zweifel: die Schwester war Fräulein Regina Müller. Er blieb unwillkürlich stehen und wartete, daß sie ihr Gesicht zu ihm hob. Aber sie tat es nicht: sie nickte den Kindern zu und wandte sich zum Ausgang drüben, und ihr Antlitz entschwebte fern hinter neuen Glasscheiben, bis es von einer Wand von mattgerieften verdeckt wie ein verwehender Schatten sich im hellen Licht der Sonne dahinter löste. Der Professor hatte nichts bemerkt. Er war ans Fenster getreten, hatte der weißen Schwester zugenickt, um dann seinem Gast einen Vortrag über die Arbeit der unehelichen Mütter in seinem Hause zu halten, die sie bis zur Entbindung zu leisten hätten. Der Doktor Ebener versuchte zuzuhören; aber noch als er unten in den schönen Empfangs- räumen der Direktorwohnung saß und für ein Gespräch mit der Frau des Hauses angestrengt seine nicht sehr ausgedehnten Kenntnisse der neueren Literatur zusammensuchte, sah er sich gelegentlich wie wartend um, als müßte irgendwo von neuem die weiße Schwester auftauchen. Ihm war jetzt, als hätte er viel mehr sie als die ferne Ahnfrau gesucht, und er zermarterte fein Gehirn, wie er es verhindern könnte, daß diese lebende Regina ihm ebenso entglitt wie die tote. Er überlegte, ob er den Professor Stempel nach der Schwester Regina fragen sollte. Aber er verwarf den Gedanken; seine Begegnung mif ihr war zu flüchtig gewesen, als daß er eine Legitimation zu Erkundigungen besessen hätte, ohne das Mädchen und sich selbst in ein seltsames Licht zu bringen. Er verzichtete und begann statt dessen Ve- rufsfragen zu stellen, also daß sich ein so intensives Gespräch ergab, daß die Frau Professor bereits anfing, nervös zu werden; denn der Gast hatte die Absicht geäußert, den Siebenuhrzug zur Rückfahrt nach Königsberg zu benutzen. Schließlich gelang es ihr, einzugreifen: das Bedauern des Professors war ebenso aufrichtig wie seine Bitte, den Besuch bei neuem Aufenthalt in Insterburg zu wiederholen, und eine halbe Stunde später stand der Doktor Georg Ebener in schwerem Seelenzwiespalt vor dem Bahnhof und fragte sich, ob er fahren ober bleiben sollte. Zur Lösung des Zwiespalts hatte er elf Minuten Zeit. Zuerst neigte die Waage nach bleiben; bann stieg sie langsam vor bem Gewicht ber Gegengrünbe, und als noch zwei Minuten übrig waren, hatte der Doktor fein Billet in ber Tasche unb stand böse und schlechter Laune auf bem Bahnsteig. Ein Trost war ihm nur ber Entschluß, am nächsten Tage roieber nach Insterburg zu fahren. Am nächsten Tage aber, ber versuchte, sich meteorologisch ber Stimmung des Doktor Ebener anzupassen, inbem er Winb burch bie Straßen wehen unb über ben verstellten Himmel große, graue Wolken rollen ließ, zwischen benen nur bann unb wann ein Flecken tiefen Blaus aufblitzte, — am nächsten Tage hatte er ben Mut nicht mehr. Unter welchem Vorwanb sollte er schon roieber bei bem Kollegen erscheinen, ohne sich lächerlich ober, was ihm in seinem Alter basfeibe war, eines Gefühls verbächtig zu machen? Er wäre gar zu gern gefahren; er vermochte es nicht. Er frühstückte ausgiebig, las verbissen alle erreichbaren Zeitungen, obwohl natürlich in keiner etwas ftanb, unb als er begann, sich gar zu unsympathisch zu werben, verließ er bas Hotel, ging burch bie hohe Halle auf ben lächerlich unvermittelten Bahnsteig im Freien unb fuhr nach Rauschen. Er war sicher, baß es regnen würbe; aber er brachte wenigstens bie Zeit hin. Für seinen jüngeren Bruder empfand er nur noch Haß. Er fuhr bis Rauschen-Düne unb ging langsam burch die Straßen um einen Weg zur See zu finden. Der Ort mißfiel ihm gründlich; aber er war gerecht genug, sich heimlich einzugestehen, daß ihm in seiner Situation Amalfi ober Heibelberg ebenso mißfallen hätten. Er hätte nie geglaubt, daß er nach einer Entbinbungsanftalt einmal soviel Sehnsucht haben und Insterburg für bas begehrenswerteste Ziel ber Welt halten würbe. Am Stranb setzte er sich zornig auf eine Bank unb starrte auf die heftig bewegte graue See hinaus. Eine Fahne an einem benachbarten Mast knatterte aufreizend: der Doktor Ebener saß und hielt sich eine Strafpredigt. Seit gestern nachmittag konnte er sich nicht mehr verhehlen, baß er in einen seelischen Zustand geraten war, ben zu oermeiben er in Berlin seit Jahren und mit bestem Erfolg ständig bemüht gewesen war. Er bohrte seinen Stock tief in den lockeren Sand. Blödsinnig — auf einmal. Aber dann muhte er sich wieder eingestehen, daß das nicht stimmte. Die Sache hatte sich nicht auf einmal, sondern stusenweise ergeben. Zuerst der blaue Morgen und der seltsame Jubelruf; dann die Begegnung in der Kirche — und jetzt dies: dies Gesicht über den Kinderbetten, das so ganz anders ausgesehen hatte, gelöst und sehnsüchtig — ach was! Der Doktor Ebener warf die ausgegangene Zigarre wütend fort und stand aus. Er hatte keine Zündhölzer bei sich, es sing an zu regnen — wo sollte er hin? Er stellte sich hinter einen einsamen Strandkorb der Vorsaison, bis der Schauer vorüber war. Dann beschloß er zu baden. Damit konnte er mindestens eine Stunde umbringen. Es war ganz leer im Bad; um diese Zeit saßen die Herrschaften in Rauschen natürlich schon bei Tisch. Er wollte sich gerade bejammernswert verlassen vorkommen; aber die Kühle der Lust und der Wind veranlaßten ihn, rasch ins Wasser zu gehen und dort vergaß er bald Verlassenheit und schlechte Laune und beinahe sogar seine leicht blamable Liebe. Das Wasser war in seiner Bewegtheit herrlich warm und belebt. Gegen die Brecher arbeitete er sich hinaus, durch einen tieferen Streifen, in dem er fast schwimmen mußte, so gut das bei dem Wellenschlag ging, bis er zu einer breiten Sandbank kam, die sich in einigem Abstand vom Ufer deutlich sichtbar vom Wasser abhob. Dort stand er wieder im pfeifenden Nordwind und dem prasselnden Ueberbrechen der Wellen; vor ihm lag jetzt der lange Zug der steilen Küste: er mußte sich ordentlich mit den Beinen gegen die Wasser stemmen, die ihn immer wieder nach dem User zurückwersen wollten. Er wehrte sich, spürte die Lust am Widerstand, empfand die Schläge der Wellen gegen seinen bloßen Rücken mit steigendem Wohlgefühl, und als eine besonders große Woge ihn packte und umriß, eine zweite, als er gerade wieder sich emporgearbeitet hatte, mit wildem Rauschen gegen seine Brust prasselte, als er stärker blieb und zuletzt ausatmend wieder auf seiner Sandbank stand, da hob er auf einmal seine beiden Arme und stieß, ohne noch etwas zu denken, einen langen, hellen Schrei aus, so laut, daß ihn die Wellen nicht übertönen konnten und die beiden alten Damen, die fern und klein oben aus der Höhe des Users standen, vielleicht noch ein wenig mitbekamen. Ein weißer Schleier verhüllte plötzlich ein Stück des Horizontes, kam rasch näher: ein Regenschauer zog spritzend und leise klatschend über ihn dahin. Er empfand das spitze Prickeln der Tropfen auf der Haut mit kräftigem Behagen: er wandte sein Gesicht der See zu, daß ihm der Regen gegen die Brust schlug, sah zur Linken wie durch einen Nebel ein Stück hellbeschienenen Strandes und Ufergrün; dann verwehte der Guß, ein Streifen tiefen Blaus rückte zwischen grauvioletten Wolken rasch breiter werdend heran — auf einmal stand der Doktor Ebener mit seiner roten Badehose im hellen Sonnenschein. Er fühlte wohlig die Wärme auf der Haut, hob sein Gesicht zu dem hoch oben stehenden Gestirn, dessen plötzliches Licht den Uferhang zur farblosen Silhouette verblassen ließ, und stieß noch einmal einen Schrei aus, tiefer, gedämpfter, aber aus dem gleichen, neu erwachenden Glücksgefühl des Daseins auf dieser wunderbaren Welt, auf der es Sonne und Regen, See und Wellen, junigrünes Land — und irgendwo ein Mädchen gab, das auch vor lauter Glück über all diese alltäglichen Dinge einen freilich viel schöner klingenden Jubelschrei des Lebens ausstoßen konnte. * Das Essen schmeckte dem Doktor Ebener fast so gut wie in Danzig, obwohl er sich bescheiden auf gebratene Flundern beschränkt hatte, und als er nachher den schmalen Fußpfad auf der Höhe über der See entlang wanderte, auf Warnicken zu; zur Rechten unter ihm rauschte tief die "See, mit einem Rauschen, das immer plötzlich laut wie ein Schlag von unten heraufbrach, wenn eine Schlucht sich auftat oder eine Lücke die hohe Buschwand zur Seite durchbrach — da hatte er das Gefühl, daß doch alles richtig war, und daß mit einiger Geduld alles richtig werden würde. Wie, wußte er nicht; er wußte nur, es würde. Zur Linken die wogenden, grünen Kornfelder, zur Rechten den steilen Hang zur See hinab, schritt er frei hoch oben im weiten Raum des hellen Sommers dahin, bald durch jungen Wald, bald unter laut rauschenden alten Birken, westwärts, ohne Ziel, nur von der Freude des Wanderns, vom neu erwachenden Gefühl für die lebendigen Energien des eigenen Körpers gezogen. Er ging durch den alten Park von Warnicken, sah zurückblickend aus dem Gewirr von Blau und Seegrau und eiligen Wolkenschatten den gelben Sandstreifen der Kurischen Nehrung schmal und fern über den weißen Wellenstreifen aufbrechen — und als er gegen Abend bei wunderbar klar und kühl gewehtem Wetter zurückkam, hatte er das Gefühl, einen Tag des Glückes gelebt zu haben, der in seiner kraftvollen Bewegtheit soviel Zukunft in sich barg wie noch keiner der blauen Sonnentage, die ihm der Osten beschert hatte. Er ging langsam, den Hut in der Hand, den Weg hinter den ersten Häusern von Rauschen dahin, überlegend, ob er noch bleiben oder gleich zur Stadt zurückkehren sollte. In den jungen Fichten rauschte der ab» geflaute Wind; zuweilen leuchtete ein Dach rot aus dem gedämpften Grün. Der Doktor dachte an nichts: da klang auf einmal aus einem der Garten ein Hallo, und als er erstaunt aufblickte, fah er in das ebenso erstaunte Gesicht des Professors Stempel, der in einer weißen Hose und in blauem Jackett langsam und ungläubig auf die Gartentüre zukam, an der Georg Ebener auf den Anruf stehengeblieben war. Das Verwunderliche der Begegnung löste sich rasch: der Professor belaß in Rauschen eben dieses sommerliche Landhaus, in dem er, wenn das Wetter gut war, fein Wochenende zu verbringen pflegte — und es war Sonnabend. Er war am Nachmittag mit feinem Wagen herüber- gekomrnen, und es blieb dem Doktor nichts Übrig, als sich bereit zu erklären, das abgebrochene Gespräch von gestern schon heute fortzusehe». Er nahm das Unwahrscheinliche, verwandelt durch den Tag, mit heiterer Selbstverständlichkeit: er begrüßte die Frau des Hauses wie einen alten Bekannten und überließ das Erstaunen ihr, und nur, als auf dem Balkon über der See auf einmal in einem Hellen Sommerkleid ohne Schwesterntracht, aber fonft unverkennbar, Fräulein Regina Müller erschien, fühlte er wie fein Herz nach einem kleinen Augenblick des Wartens den Rhythmus feines Ganges fröhlich änderte. Mit den ersten abendlich erblühenden Wolken verwehten die letzten Reste feiner berufsbedingten Skepsis; das Schicksal war in sein Leben getreten, ließ es nach feinem Willen weiterlaufen, und er ließ sich widerstandslos tragen, wohin es der höheren Macht nun einmal gefiel. , Auch dieses Unerwartete klärte sich bald. Die Schwester Regina war nicht nur Schwester, sondern eine der vortrefflichsten Mitarbeiterinnen des Professors, so daß es sich ganz von selbst ergab, daß er sie des öfteren am Sonnabendnachmittag mitnahm, wenn er mit feinem Wagen von Insterburg nach Rauschen hinüberfuhr. Der Doktor Ebener aber hatte das Gefühl, daß der Kollege Stempel auch dies nur auf Geheiß des Schicksals eigens für ihn hatte tun müssen. ... Wenn er später an diesen Abend zurückdachte, geschah es wie in einem Traum. Er saß behaglich in einem behaglichen Haus unter freundlichen Menschen, das schmale junge Gesicht mit den beiden Falten in der Stirne sich gegenüber: über dem abendlichen Wald rauschte fern die beruhigte See unter einem ganz lichten, durchsichtig hohen Himmel. Je mehr das Licht sank, desto mehr rückte das Leben zusammen und glitt weiter. Er kam sich vor wie ein Schoßkind des lieben Gottes, wenn er die letzten, vierundzwanzig Stunden bedachte: er hatte nichts getan und hatte alles empfangen, was er sich heimlich gewünscht hatte. Der Rotwein aus dem Wochenendkeller des Professors hatte beachtliche Qualitäten. Aber der Doktor hätte keines Weines mehr bedurft. Sem Leben schwebte dahin wie am Morgen fein Körper auf den wunderbaren Wellen der See, nur daß jetzt alles fanft und leicht und wie von selber 9 Je mehr die Stille des Abends sank, desto mehr verstummte die Unterhaltung. Dann und wann flog ein Junikäfer mit leichtem Schlag gegen den Schirm der Lampe und krabbelte bann groß, weißgefleckt unb er- staunt über bas helle Tischtuch, bevor er von neuem in das nächtliche Blau davonsummte. Zuweilen klang ein Ruf vom Strande herauf; sonst war nur bas ferne, tiefe Rauschen der See und des Raumes da, bas dieser Stelle des Samlandes den Namen gegeben haben mochte. Der Doktor räusperte sich. Wie seltsam das wäre, sagte er zu der jungen Schwester gewandt, daß sie sich nun schon dreimal begegnet wären. ...... . . , „ , Dreimal?" sagte sie ein bißchen abweisend, „zweimal. Der Doktor aber blieb bei der heiligen Drei, und er erzählte von feiner Ankunft in Zoppot und der Wafserreiterin. Das Fräulein Regina errötete: „Ich hatte das Schiff gar nicht bemerkt", sagte sie, „wir konnten nicht mehr rasch genug fort." . . , „ „Dreimal", sagte der Professor, „das hat etwas zu bedeuten. Der Doktor nickte: das hätte es wohl. Und dann erzählte er langsam, halb wie für sich, wie er auf der Ahnenfuche nach dem Osten gekommen wäre, wie er in Danzig begonnen, in Marienburg eine erste Spur gesunden hätte, und wie er dann weiter vergeblich hinter Regina Katharina Müller herqezogen wäre. . „ v Ein Weilchen herrschte Schweigen. „Wie war der Name?" fragte dann der Professor mit einem etwas ablehnenden Staunen. « Der Doktor wiederholte: „Regina Katharina Müller. Die Frau Professor bemerkte, das wäre ja bis auf den zweiten Vornamen der Name der Schwester. Der Doktor gestand unter dem Schutz des Abends, daß er das auch bereits feftgeftellt hätte und sich deffen durch- Meder^hörte man das ferne Rauschen aus der Tiefe und vom Walde her das Rollen eines Zuges. Dann klang die junge Stimme des Mädchens: „Und Sie glauben, sie flammte aus Insterburg?" Der Doktor berichtete von der Notiz im M-arienburger Kirchenbuch und von den Vermutungen des Pfarrers Malletke; das Mädchen horte aufmerksam zu, bann sagte sie langsam: .^Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Georg Ebener fah sie erstaunt an. Sie faß zuruckgelehnt im Stuhl, daß ihr Gesicht im Schatten war; nur die beiden Falten in der Stirn schienen noch vertieft, als sie jetzt stockend berichtete, wie sie mit ihrem Bruder chon lange, bevor alle damit begonnen hätten, den Spuren ihrer Familie nachgegangen wäre, weil ihr Vater ihr als Kind bereits immer die alten Geschichten von seinem Vater und von seinen Großeltern erzählt hätte. Als er bann aus dem Krieg nicht wiedergekommen wäre und die Mutter auch nicht, hätte sie mit verdoppeltem Bemühen weiterqesucht, hätte auch bei Verwandten noch alte Papiere gefunden, Briese, Tagebücher aus dem achtzehnten Jahrhundert — ja, und wenn ihre Erinnerung sie nicht täusche, fie müsse aber noch nachsehen, hatte eine Schwester ihres Ururgroßvaters tatsächlich den Namen Regina Katharina getragen. Genau wisse sie es nicht mehr; aber sie wolle gern versuchen, es sestzustellen. Und ihr wäre auch so, als ob ba eine Heirat nach Danzig, die nicht glücklich ausgegangen fei, in ben Aufzeichnungen ihrer Urgroßmutter über bas Leben einer Schwester ihres Vaters eine einem seltsamen Gefühl nahm der Doktor Ebener diese Eröss- nunqen entgegen. Er saß an einem langsam etwas kühl werdenden Sommerabend, vom Zufall hierher verschlagen, auf dem dämmrigen Balkon eines Hauses in Rauschen; ihm gegenüber saß ein Mädchen, das ihm eben dieser Zufall gleich am ersten Tag noch vor der Landung in den Weg geführt hatte, und von diesem Mädchen erfuhr er faft nebenbei, was 'er in langweilig heißem Bemühen vergeblich zu erfahren versucht hatte. Und eben dieses Mädchen, mit dem er vor diesem Abend ein einzigesmal ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatte — um eben dieses Mädchens willen war er heute früh wutentbrannt an die See gefahren, wutentbrannt, weil er nicht gut schon wieder nach Insterburg in ihre Welt fahren konnte. . „Aber bann finb wir ja verwanbt?" sagte er plötzlich ein bißchen heiser, aus einem ganz anberen Gedankengang heraus, ber offenbar unterirdisch hinter feinen bemerkbareren Erwägungen hergelaufen war. Regina lächelte: Wenn man bas noch Verwanbtschaft nennen konnte, Beziehungen im vierten ober gar fünften Glied. (Fortsetzung folgt.) Trost. Von Theodor Storm. So komme, was da kommen magl Solang' du lebest, ist es Tag. Und geht es in die Welt hinaus, Wo du mit bist, bin ich zu Haus. Ich seh' dein liebes Angesicht, Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht. Das Hohelied einer Liebe. Zu Elisabeth Barrett-Brownings 75. Todestage. Von Margarete von Olfers Am 29.Juni sind es 75 Jahre her, daß in Florenz Elisabeth Barrett-Browning (1806 bis 1861), Englands größte Dichterin, in ihrem 56. Lebensjahr starb. Es war in den ersten Stunden dieses Tages. Die Morgendämmerung stand vor den Fenstern der „Casa Ouidi“, jenes Hauses, in dem die Dichterin fünfzehn glückliche Jahre mit Robert Browning (1812 bis 1889) verbrachte, nachdem sie mit ihm aus dem eingeengten Krankenzimmer-Dasein in London geflüchtet war. Aber selbst der Tod hatte keine Macht, jenes tiefe Glück zu zerstören, das sie — sehr bewußt — empfunden. Leicht wie ein fallendes Rosenblatt löste sich Elisabeth Barrett-Browning, die große Liebende, aus diesem Leben und aus den Armen des Mannes, der ihr alles war. Der letzte Blick ihrer Augen galt ihm, das letzte Wort auf feine besorgte Frage: wie sie sich fühle, war ein beseligtes: „Wundervoll". Sie glitt hinüber, freuöig und gläubig zugleich. Denn die großen Liebenden können nicht an ein Aufhören ihres Hefen Gefühls glauben. Liebe ist ihnen ewig, sie überdauert den Tod. Sie war den beiden, die sie durch ihre Dichtung und ihr Leben verherrlichten, ja die ein fast klassisch gewordenes Beispiel für die Möglichkeit einer durchgeistigten und unwandelbaren Liebe zwischen Mann und Frau selbst im Alltag des Daseins geworden sind, in besonderem Sinne unsterblich. In Deutschland ist Elisabeth Barrett-Browning vor allem durch ihr Hohes Lied der Liebe, die „Portugiesischen Sonette" bekannt geworden. In Rilkes Uebermittlung, in seiner formvollendeten Uebersetzung und Einfühlung berührt uns ihr Zauber fast so tief wie im Original. In diesen Gedichten redet Elisabeth mit Kühnheit und Zartheit zugleich die individuelle Sprache der Frau und läutert die Flamme einer Hefen irdischen Leidenschaft durch die rührende Demut einer weltentrückten, entsagungsvollen Kranken, die erst allmählich durch die Kraft echter Liebe mit dem Dasein wieder ausgeföhnt, dieses völlig unerwartete Glück mit zitternder Bangigkeit so lange von sich abwehrt, bis fester Glaube ihr Geschick zu beseligendem Ausgang besiegelt. Die starke dichterische Begabung tritt früh bei Elisabeth hervor. Sie ist noch ein Kind — 14 Jahre alt, als ihr Vater das erste Epos der Kleinen, „Die Schlacht von Marathon", drucken läßt. Der etwas schwierige und herrschsüchtige Mann ist sehr stolz auf seine Tochter, die seiner Erziehung alle Ehre macht, in der altgriechischen Dichtung vollkommen zu Haufe ist und die Kirchenväter im Urtext liest. Aber diese hochgetriebene intellektuelle Erziehung beeinträchttgt die Kindlichkeit und unbändige Lebenslust der Vierzehnjährigen durchaus nicht. Sie ist ebensogern int Freien auf dem herrlichen Landsitz, den die Verretts damals bewohnten. Wenn sie ihre Bücher, ihre sehr geliebten Bücher und ihre eigenen frühreifen Dichtungen beiseite legt, sind Luft und Sonne ebensosehr ihr Element. Nein, ein Stubenhocker, ein Blaustrumpf ist diese kleine Dichterin, diese junge Gelehrte nicht. Aber das Leben nimmt Elisabeth in eine harte Schule. Durch einen Sturz vom Pferde schwer verletzt, wird sie zart und leidend. Man schickt sie zur Kräftigung nach Torquay an die See, dort zerrüttet der Tod ihres Lieblingsbruders, der sie auf ihren Wunsch gegen den Befehl des Vaters besucht und dort bei einer Boot- fahri ertrinkt, ihr zartes Nervensystem vollständig. Nun fesselt sie schweres Siechtum an das Krankenlager. Der Strom des Lebens rauscht an ihr vorbei, während sie in London in einem verdunkelten Zimmer ein eintöniges Dasein führt. Zwar umgibt sie die Liebe ihrer zahlreichen Geschwister, die alle unverheiratet zusammen in dem Familienhaus in Wimpolestreet, einträchtig, aber etwas geduckt, unter dem strengen unerbittlichen Regiment des verwitweten Vaters leben. Gerade sie, Elisabeth, wird ängstlich von diesem Haustyrannen behütet und bewacht. Niemand außer der nächsten Familie darf sie besuchen, jede Anregung, so meint er, muß vermieden werden. Aber wenn auch Sonne und Luft und das Leben selbst in seinem starken Rhythmus aus ihrem Dasein ausgeschaltet sind — so bleibt ihr doch noch das Element, in dem sie sich so früh bewegen gelernt: Kunst und Wissenschaft und das Reich ihrer eigenen Phantasie und Begabung, die sich in dieser Stille und jeder anderen Ablenkung entrückt, zu herrlicher Blüte entfaltet. Sie rangt, von einem Verwandten angeregt, die ersten Schritte in die Oesfentlich- feit. Aus den Dichtungen dieser Epoche spricht anfangs eine milde Resignation, ein stilles Sichbescheiden. Das Leben der Kranken spiegelt sich in ihnen. Dann aber erscheint — es ist das Jahr 1844 — eine Sammlung Gedichte, die einen anderen Klang haben. Man spürt in ihnen, wie ihre Seele die Flügel spannt, sie sind erfüllt von unbestimmtem Sehnen und Hoffen. Dieser Gedichtband kommt in die Hände Robert Brownings, des Dichters des „Paracelsus", des „Sordello" und jenes wundersamen, tiefsinnigen Dramas „Pippa passes“. Die Gedichte berühren ihn — er schreibt Elisabeth Barrett. Welch ein Ereignis in ihrem eintönigen Dasein ist der Brief des bekannten und von Elisabeth verehrten Dichters. Er weckt einen bisher ungekannten Strom neuen Lebens in ihr. Sie antwortet, und es entsteht ein Briefwechsel. Durch zwei Jahre gehen nun ihre Briese oft dreimal in der Woche hin und her, ohne daß sie sich persönlich sehen. Vielleicht haben sich niemals zwei Seelen so unerwartet begegnet und gefunden wie Elisabeth Barrett und Robert Browning in ihrer Korrespondenz. Nicht nur als dichterisch begabte Menschen, es sind zwei leidenschaftlich für Literatur und Wissenschaft begeisterte Künstler des Wortes, die sich geschickt den Ball geistreicher Gedanken zuwerfen und auffangen. Dazwischen aber glimmt schon hin und wieder der Funke jener Liebe zwischen ihnen, die zum flammenden Feuer werden sollte. Eine leise Anspielung, eine zwischen den Zeilen stehende Frage — hier und dort — das rührende Bekenntnis ihrer Empfindung aber gibt Elisabeth verhüllt in dem lateinischen Wort: „De profundis amavi“ „Aus der Tiefe meines Lebens habe ich geliebt". Ais sie sich endlich persönlich kennenlernen, ist es ein selbstverständliches Zueinanderkommen und Zueinandergehören, sie fühlen, daß sie sich unentbehrlich geworden sind. Diese „Liebe aus der Tiefe ihres ganzen Wesens" hinaus weckt ungeahnte Kräfte in Elisabeth. Sie, die bisher Hinfällige, verläßt das Krankenzimmer, die Gebote des tyrannischen Vaters gelten ihr nichts mehr. Sehr sicher darüber, daß er seine Einwilligung zu einer Heirat nie geben wird, läßt sie sich heimlich mit Robert Browning trauen und verläßt ebenso heimlich mit ihm das Vaterhaus, ihr Heimatland. Sie zieht mit ihrem Gatten nach Italien und vertauscht das Dasein in der dunklen Wimpolestreet mit einem glücklichen, sonnigen Leben in der „Casa Guidi“ in Florenz: „Alle anderen Türen waren für mich verschlossen und schlossen mich ein wie in einem Gefängnis. Und nur vor dieser Tür stand einer, der mich zutiefst liebte, und den ich zutiefst liebte, und er führte mich hinaus um der Gaben willen, von denen er glaubte, daß ich sie ihm geben könnte". Die fünfzehn Jahre ihrer Ehe sind für beide durch reiches dichterisches Schaffen ausgefüllt. Elisabeth Barrett-Browning nimmt in ihrem Werk „Casa Guidi Windows“ begeisterten Anteil an Italiens nattonaler Erhebung, in der „Aurora Leigh“, einem Roman in Versen, beschäftigt sie sich mit Bestimmung und Aufgaben der Frau. Den Ruhm, den ihr diese Dichtung einbringt, achtet sie gering im Vergleich zu dem Glück, in Florenz Mutter eines Knaben geworden zu fein, „nicht zwanzig solcher Werke", bekennt sie, „könnten sie mit solchem Stolz erfüllen, wie der Anblick ihres Sohnes". Es besteht aber gewiß kein Zweifel, daß Robert Browning an Größe der Begabung feiner Frau überlegen gewesen ist. Sie war sich dessen ganz bewußt, sie war die erste, die sich seinem Genius beugte und ihn verehrte. Aber sie hat die Fähigkeit, sich selbständig neben ihm zu behaupten und ihre Persönlichkeit zu wahren. Sie ist fern davon, sich in ihren Dichtungen beeinflussen zu lassen, ihm gar nachzuahmen oder ihre Individualität zu verlieren. In aller Bescheidenheit bekennt Elisabeth Barrett-Browning in einem Brief: „Wenn ich etwas gewonnen habe an Kraft und FreihÄt, indem ich neben dem Eichbaum lebte, um fo besser für mich". Kabuki, das volkstümliche Theater Japans. Von Dr. E. Gudenrath. Japans Theater besitzt den höchsten Ruhm, den ein Theater haben kann: es ist wahrhaft volkstümlich. Der Japaner kann ohne das Theater nicht (eben, es ist in einem höchst wirklichen Sinne ein Teil des natto- nalen Lebens. Die dichterischen Vorwürfe der szenischen Darstellung sind ganz unliterarisch, und sie sind so, daß sie auch den einfachsten Mann aus dem Volke mit der heroischen Vergangenheit seines Landes, mit feinen Legenden und feiner Geschichte verbinden. In vielerlei Gestalt erlebt er darin fast immer denselben edlen menschlichen Konflikt von Pflicht und Neigung und wird erschüttert vom ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen, begeistert wiederum durch den Triumph des Guten. Mannentreue und Selbstaufopferung sind die Jdegle, die im Spiel ihre bühnenmäßige Verwirklichung finden. Dieses Spiel sieht nun freilich ganz anders aus, als wir es von unserer europäischen Guckkasten- und Jllusionsbllhne her, die der tradi- tionsmäßig gewachsene Typus eben unserer abendländischen Theater- kultur ist, zu sehen gewohnt sind. Der japanische Schauspieler steht auf einem offenen, freien Podium ohne Kulissen, jedoch mit einigen, die Szene meist in symbolkräftiger Weife andeutenden Versatzstücken. Es geht auch nicht nur ein einziges Stück in Szene, vielmehr wird in den acht- bis zehnstündigen Aufführungen eine Spielfolge von Stücken gezeigt, die allerdings sehr verschiedene und abwechslungsreiche charakteristische Formen haben. Darstellungen aus der Geschichte oder aus dem täglichen Leben wechseln mit Spielen von ganz eigentümlich musikalisch-balladesker Art mit stark pantomimischem Einschlag, und diese wieder mit rein tänzerischen Darstellungen, die sich wohl am besten als suggestive Tanzerzählungen bezeichnen lassen. Geistererscheinungen und Verwandlungszauberkünste spielen eine große Rolle. Vom japanischen Schauspieler wird vollkommene Beherrschung der tänzerischen Ausdrucksmittel verlangt. Er erlangt diese hohe Vollendung in seiner Kunst nur, wenn er von frühester Jugend an dafür erzogen wird. Erzogen nicht nur in dem Sinne, daß seine Glieder gelenkig und ausdrucksfähig gemacht werden, sondern auch erzogen im Hinblick auf den Geist und den Charakter der einst von ihm darzustellenden Gestatten. Der Schauspieler, der etwa die Rolle eines Samurai, jener in Japans Geschichte wie in seinem Theater gleich häufigen Gestatt von kriegerischem Adel, spielt, soll selbst das Herz eines Samurai haben. Gewöhnlich sind es nur die Söhne von Schauspielern ober doch sonst irgendwie am Theater wirkender Männer wie z. B. Mitglieder des sehr wesentlichen Orchesters oder auch des Garderobenmeisters, die von Kind an für den Theaterberuf bestimmt werden. Unter Umständen wird der Schauspieler einen Zögling an Kindesstatt annehmen, und auf ihn mit seinem Namen auch seine Kunst vererben. So gibt es ganze Schau- fpielerbgnaftien in Japan, darunter solche mit sehr berühmten Namen und weit zurückreichender Generationenfolge. Heute noch lebt in eigener Familientradition die Kunst des großen Danjuro, einer der gewaltigsten schöpferischen Schauspielerpersönlichkeiten des japanischen Theaters im 17. Jahrhundert. Während gleichzeitig der ebenso berühmte Tojuro in dem stillen höfischen Dedo eine mehr realistische Schauspielkunst entwickelte, schuf Danjuro in Kioto, dem Sitz des kriegerischen Feudalismus, feinen großartigen, im Unwirklichen begründeten Stil der freien Verantwortlich: Dr. Haas Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Giebel Kurz! Ja, freilich! Das geht nicht so geschwind. Das geht alles der Reihe nach, Ordnung muß sein, und für was Is denn der Advokat da? Und so fängt er denn an. Wie er in der Früh aufgestanden ist und an nichts gedacht hat; wie er dann schön langsam zum Wirt hinunter gegangen ist; wer ihm begegnet ist und was sie geredet haben; wer beim Wirt schon da war, und wie er eine Maß getrunken hat, und dann noch eine und hernach wieder eine. Und wie er immer noch an nichts gedacht hat. Daß dann am andern Tische der Pfeifergütler von Huglfing gesessen ist, der miserabelste Mensch, seitdem das Schlechtsein erfunden worden ist. Mit dem er schon vor fünf Jahren einen Prozeß gehabt hat; wißen S', wegen dem Kirchenweg, der eigentlich kein Kirchenweg gar nicht war, weil er über seinen Grund geführt hat. Jetzt kommt der alte Prozeß in die Erzählung. „Hofbauer, geht es gar nicht ein bissel kürzer?" „Na! I muaß 's Eana g'nau verzählen, damit 's Eana auskennan .. Also hü! Ja, der alte Prozeß, und wie er ihn verloren hat durch den Meineid vom Pfeifer. Wie er. ihm das am kritischen Tag hernach hingerieben hat, und wie sie in da» Streiten gekommen sind. Dann ist der Pfeifer aufgestanden und hat gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders, und dabei hat er ihm zwei auf den rechten Backen hingehauen. „So hat er's gemacht" — die Erzählung bringt der Hofbauer jetzt hochdeutsch und sehr dramatisch — „so hat er 's gemacht." Er wischt sich mit der Hand über das Gesicht, um mir seine Watschen recht zu veranschaulichen. Und dann hat ihm der Pfeifer links zwei hingehauen — so ... Und dann hat er ihm unter das Kinn dreimal gestoßen — der Hofbauer macht es so deutlich, daß ihm die Zähne klappern — ja, und dann hat er ihn bei den Haaren genommen und hat ihm den Kopf an die Tür hingedruckt und ist auf- und abgefahren damit, nämlich mit dem Kopf ... „Ah? Merkwürdig! Und das hat sich der Hofbauer alles ruhig gefallen lassen?" „Freilich! Was willst denn machen mit solchene wüste Leut?" „Dann möcht' ich aber doch schon wissen, Hofbauer, warum Sie wegen Körperverletzung angeklagt worden sind? Da sollten Sie doch eher eine Extrabelobigung kriegen wegen Ihrer Friedfertigkeit?" Ja, das ist aber die Schlechtigkeit! Der Pfeifer behaupt' jetzt, daß ihm der Hofbauer einen Maßkrug am Schädel zerschlagen hat, und hat drei elendige Lumpen gefunden, die es beschwören wollen. Es ist kein Wort davon wahr; er hat bloß einen Maßkrug in der Hand gehabt, der ist aber selber zerbrochen; es wird schon wer daran hingekommen sein. Der Hofbauer kennt vier Leute, die bestätigen werden, daß sie nichts gesehen haben ... Ich glaubte nun, annehmen zu dürfen, daß er mit seiner Erzählung fertig sei, und erklärte ihm, daß ich ihn verteidigen wolle. Allein er geht noch nicht. Jedesmal, wenn ich Abschied nehmen will und sagte: Also, ist schon recht, Hofbauer, jetzt sind wir fertig, oder: B'hüt Gott, Hofbauer, schauen S', daß S' gut heimkommen, fangt er wieder an: „Ja, Esel, verdächtiger", hat der Pfeifer gesagt, und „du ganz schlechter Kerl", und dann hat er gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders und hat ihm zwei hingehauen. Zwei auf den rechten Backen und zwei auf den linken. Ob das in Bayern erlaubt ist? ... Ich bekomme allmählich das Gefühl, als ob mir einer die Haare einzeln ausriffe oder Zähne ausziehe. „Nein, das ist in Bayern nicht erlaubt, Hofbauer; aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, Ihnen das zu erklären. Kommen Sie vor der Verhandlung meinetwegen noch einmal her. Für heute sind wir fertig. Adieu!" Das versteht er endlich und macht sich zum Ausbruch fertig. Aber es hat noch nie jemand so lange gebraucht, um drei Meter Tuch um den Hals zu wickeln, wie der Hofbauer, und noch nie hat jemand seinen Stock so lange von allen Seiten betrachtet wie er. Gott sei Dank! Jetzt ist der draußen, und ich lehne mich erschöpft im Lehnsessel zurück. Aber was ist denn das? Es klopft jemand? Richtig! Cs ist der Hofbauer. „Herr Dokta, i hab no was vergessen. Moana S' (meinen Sie), daß mir dös beim G'richt glabt (geglaubt) werd?" „Was denn?" „Ja, dös mit dem Maßkrug? Daß er selm z'brochen is?" „Nein, das wird Ihnen nicht geglaubt. Aber Sie können 's ja probieren." „Ja, i werd mir's überlegen. Adies, Herr Dokta, i kimm bald wieda." Diesmal geht er wirklich, und ich denke zwei Tage weder an Pius Reidel noch an Kastulus Pfeifer. Am dritten Tag, so in der Frühe gegen sechs Uhr, bei stockfinsterer Nacht läutet es. Ich höre schwere Fußtritte, und dann klopft es. „Herr Doktor, Sie möchten aufstehen, ein Bauer ist da, der Sie sprechen muß." „Na, wenn schon, dann schon!" Raus aus dem Bette, anqekleidet und in die Kanzlei. „Himmel, Herr ..., der Pius Reidel aus Zeidlfing!" ,,S' Good, Herr Dokta, i bin a bisst fruah dran; aber i hab mb- d nkt, t muaß Eana glei aufsucha, daß Eana net umasunst plagen. Wissen S', i hab mir dö G'schicht überlegt; i laß mi halt in Gott's Namen strafa und tua net lang rum. Sie brauchen mi net z' verteidigen. Die Bäuerin hat aa g'sagt, es kost grad mehr a ..." „Soo? Pius Reidel!", schrei ich, „Pius Reidel! Wie viel Watschen hat Ihnen der Pfeifer hingehauen?" „Ja, zwoa auf den rechten Backen, und nacha zwoa auf den linken Backen und nacha ..." „Halt! Macht bloß vier. Wenn Sie den Kastulus Pfeifer wieder seben. dann sagen Sie ihm in meinem Auftrag, er sei ein Ehrenmann, aber eine Watschen auf jeden Backen ist er Ihnen noch schuldig. Alle guten Dinge sind drei. Verstehen Sie mich? Und jetzt marsch, naus!" Bewegung, des Pittoresken, der Uebersteigerung, mit wilden Fechterszenen und besonders gekennzeichnet durch maskenhaft und phantastisch geschminkte Gesichter. Dieser Stil also hat sich in unmittelbarer Nachfolge bis auf den heutigen Träger des Namens vererbt und nicht nur der Stil allein, auch die für und aus diesem Stil geschaffenen Stücke sind im eigensten Besitz der Familie Danjuro vererbt. In diesen Andeutungen über das japanische Schauspielertum wird man schon die Züge eines außerordentlich starken Traditionsgefühls im japanischen Theater erkannt haben. In dieser einzigartigen, nie erstarrenden Traditionskraft darf man wohl zu einem wesentlichen Teil das Geheimnis der Volkstümlichkeit des japanischen Theaters erblicken. Auch die Geschichte des Kabuki — so nennt sich diese Theatertradition, die einen etwas legendären Ursprung hat — läßt uns die Gründe für die japanische Theaterfreudigkeit erkennen. O-Kuni, so heißt es, die auf einer Pilgerfahrt durch verschiedene Provinzen des Landes ihre Tänze aufführte, um für die Erhaltung ihres Tempels Beiträge zu erlangen, schlug ihr Podium auch auf dem Platz für Volksbelustigung in dem lebensfreudigen Kioto auf, es war im Jahre 1596, und gedachte nicht mehr zu ihren Tempelpflichten zurückzukehren. Sie hatte Erfolg. Mehr Erfolg noch, als sich mit ihr der wegen feiner Waffentaten berühmte junge und anmutige Edelmann Nagoya Sansaburo verband und beide nun schon ihren Tänzen eine immer größere szenische Ausgestaltung gaben. So entstand um 1600 die Kabuki-Tradition, die nun neben dem uralten, in einem feudalistisch-priesterlichen Kulturkreis erstarrten No- Theater einherläust und immer neue lebendige Kräfte aufnimmt. Bald wurde weiblichen Darstellern das Auftreten auf der Bühne untersagt und dieses Verbot wird, da sich der Typus des männlichen Frauendarstellers, des onnagata, als sehr beliebt und dem ganzen Darstellungsstil des Kabuki sehr angemessen erweist, bis auf den heutigen Tag befolgt. Die Vorliebe für den onnagata wird vielleicht verständlicher, wenn man bedenkt, daß der Japaner eine große Vorliebe für das Puppentheater hat, das damals schon in großer Blüte stand. Oft sah man in jenen Zeiten die bedeutendsten Schauspieler des Kabuki als Zuschauer in den Puppentheatern, wo sie die Bewegungen der Puppen aufs genaueste studierten, um sie dann selbst auf ihren eigenen Darstellungs- und Bewegungsstil zu übertragen. Man weiß, daß mit dem Beginn der Meiji-Aera im Jahre 1868 Japan feine strenge Abgeschlossenheit aufgab und Ströme westlicher Kultur und Zivilisation auf fein Jnselreich zog, die scheinbar alles zu überschwemmen drohten. Da begann man auch Shakespeare zu spielen und selbst den Naturalismus eines Ibsen, Gorki, Maeterlinck und Gerhart Hauptmann brachte man auf die Bühne. Selbstverständlich mußte der onnagata, der männliche Frauendarsteller, in modernen Gesellschaftskleidern lächerlich und grotesk wirken, und so kam nun auch die Schauspielerin auf die Bühne. Ja, es wurde sogar im Jahre 1911 eine Schule für Schauspielerinnen am neuerrichteten kaiserlichen Theater in Tokio gegründet. Allein, in der Gegenwart hat sich der Japaner wieder ganz stark auf fein nationales Kulturleben besonnen. In den Kabuki-Theatern — und in vielen von ihnen ist niemals ein europäisches Stück gespielt worden — blüht ungemindert die herrliche Tradition des Kabuki mitsamt der Ausschließlichkeit des männlichen Frauendarstellers weiter und seine Volkstümlichkeit konnte sich an einer wieder gesteigerten Theaterfreudigkeit des japanischen Volkes erweisen. Der Hofbauer. Von Ludwig Thoma. „Wenn Sie ein beliebter Anwalt werden wollen, so müssen Sie vor allem bestrebt sein, aus den umständlichen Erzählungen der kleinen Leute das Wesentliche herauszusinden; dies werden Sie am besten durch ruhiges Zuhoren erreichen. Ich habe nie begriffen, wie ein Anwalt es über sich bringen kann, grob zu fein ..." Diese schönen Grundsätze stehen in dem Briefe meines Freundes, der es nicht unterlassen kann, mir gute Lehren zu geben. Sehr gut gesagt, mein Bester! Wollen wir weiter lesen......Der Beruf des Anwaltes hat noch etwas an sich von dem edlen Verhältnisse des römischen Vatronus zum hilfsbedürftigen Klienten ..." In diesem Augenblick haut jemand mit dem Stecken an meine Gangtür und poltert mit den Stiefeln dagegen. Die Haushälterin kennt sich gleich aus; das ist wieder einer aus der Moosgegend, wo sie die elektrischen Klingeln noch nicht kennen. Sie öffnet also. Ein paar unartikulierte Laute, dann erscheint im Türrahmen ein Bauer, der aussieht, wie alle, und nach feuchtem Leder riecht, ebenfalls wie alle. Zuerst wickelt er sich von Halse ein drei Meter langes wollenes Tuch, legt es auf ein paar frisch beschriebene Bogen Papier, sucht für feinen Gehstock eine passende Zimmerecke und entfernt bann von feinem Hut allen Schnee, welcher darauf lag, indem er ihn heftig gegen meinen Schreibtisch hin schwingt. „'s Good, Herr Dokta! Ich hält' a Frag." „So? Setzen Sie sich nieder und sagen S' mir einmal zuerst, wer Sie sind. „Ja, der Hofbauer war i." „Waren Sie? Und wer sind S' denn jetzt?" „Ja, i mar’s noch." Nach einigem Frage- und Antwortspiel sind wir so weit, daß ich weiß: er heißt Pius Reidel, ist der Hofbauer in Zeidlfing, verheiratet und ka- tholisch. „So, fiofbauer, was für einen Schmerz haben wir denn?" Ja, indem daß er wegen Körperverletzung angeklagt ist, unschuldig und von lauter meineidigen Zeugen. „Hm! Sind S' schon einmal bestraft worden?" »Na! . . Dös hoaßt bloß dreimal, aber auch unschuldig ... Wie 's halt ost gebt; die Leut' sind schon einmal so schlecht heutzutag." „Hm! Hm! Nun erzählen S' mir einmal kurz, was Ihnen passiert ist." es )er. >en. anb er, fine len, । im Unb , es enb sie fiat 'lägt eine chne igen aus iichr licht. unb, tine Stellt ihm Um- it sie keine ii|per über ! Du i. Er s er- r ein lieber chreit nur sind üben, n bie 5 @e= Buch ■t jetzt r oon Es ist iitnne ein mit nicht i\ der mwen igeres deren uii4 jtoren. antej; ) Zieht n # esunbi David wenn et, »raucht Hilsts Nummer 42 Freitag, den 5. Juni Jahrgang 1956 GiehenerZamilieMMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger n Coloür & Grey Cöntrol Chart Blue Black r bann gibst du mir lzkafsee finden. Dars es nicht Das Jahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Cyan Green Yellow Red Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Grey 4 )t, einen solchen Kramladen zu führen. In dem muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge mtz gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch sr diese, im nächsten Jahr jene, und die andere lcht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und nit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob en, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern lmstände an glatte gewöhnen. Und keinem ist es Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die n, Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil ,ipe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der wenn sich Agathe nun schleunigst eine Kiste voll in zehn Jahren noch liegen! trÄem^ein buchen flAMM«, |fc jollte weniger verlöten un tot”äitma ha?'so trübe Augen, oft bleibt sie plötzlich stehen und schaut lanae vor sich hin ins Leere, und was noch schlimmer ist, ste halt sich nicht mehr sauber. Einen ganzen Tag laust sie mit sättigen Strümpfen umher, mit einer schiefgeknöpsten Schürze. Das alles will der Kramerm "m '»«“"« ÄA »i*yu s Ä machst dir so viele Mühe, sagt sie einmal, laß es lieber. Es hat keinen Pinn aus mir wird ja doch nichts mehr. Ach, die Krämerin muß zuzeiten ihre ganze Geduld zusammennehmen. Oft hat sie schon etwas Deutliches auf der Zunge, und vielleicht wäre so ein Wort heilsamer für Monika als alle Geduld. Aber Agathe Dasiir ^macht^sie dem Pfarrer einen Besuch, ja, sie, das verlorene Schaf. Seit Jahren kommt sie nicht mehr zur Beichte und lebt, wie sie »c ’(ethft für out hält, nun aber sitzt sie plötzlich m der Stube des Las i|t ja Vie ürunst, diese weitläusige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten allmählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesiebe, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer, Agathe weiß es beinahe auf Die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird. Es wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins 9euq legte und alles im Laden verkaufte! Dann käme die Krämerin heim und fände nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kops zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat also doch jemand emge- brochen? Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken... Es kommt ja auch schon jemand, der Vorstand. Holla sagt er, ist der Krämer wieder aufgestanden? Er will eine Rolle Kautabak, — bitte sehr! Unb ba „ . noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte. . Gut, aber David kann leider keinen Malzkafsee finde ein Stück Kernseife sein? Die wäre zur Hand. • r. -l V CY> Xahw l^k, as nur oa. O1U tllfhi bem Üabentisch unb mustert seine Reichtümer, bie Wurste unb Speckseiten neben Laternen und Kalberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zuckerwaren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muh es in Gottes Werkstatt ausgesehen haben, als er die frischgefchaffene Welt einrichtete. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf ber Erbe gibt. Willst bu einen Rosenkranz, — hier ist ein Bunb Rosenkränze in allen erbenklichen Sorten. Willst bu etwas Irdischeres, eine -S1 - nanssA TSeifpiel, auch die kannst du haben, Peitschen- mctaQy t, Blumensamen und Filzpantoffeln. Ocm 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 : 9 5 £ 1 L V 8 6 ""Ach freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung. Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Vorstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten Bis zur Rase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet ein grauer Knäuel der auf dünnen Filzbeinen läuft. Franziska bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Laden- t'^Wäs'willst du denn haben? fragt David. Kannst^du"nicht reden? Sag doch, was du heimbringen sollst! Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Ge- ^"Da??u^wUd ^Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer andern Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, dann wird sich ja schließlich das Richtige ^"^Jst es also eine Erbswurst? Eine von diesen Kuhketten? Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Oder dieser Topf Marmelade? Auch nicht. Franziska folgt dem Finger Davids mit den Augen, aber sie bleibt stumm. hNen'den'Laden unb bie Mutter, verstehst bu, bie vor allem! Was? sagt Davib aufgeregt, verreisen willst bu? Wohin benn, bleibst bU 5Rur6 über' ben Sonntag, ich besuche jemanb. Du kannst in meiner Kammer schlafen, bamit'bu alles horst, unb abends legst^du den, Ba ken vor, und wenn vielleicht jemand embrechen will, ja, dann weiß ich nicht, was du tun sollst, am besten ist, du beüft. . , Wen besuchst du denn? fragt David dazwischen. Den Schleifer. Ja, den Scherenschleifer, du Dummkopf. Den beirate td) bann Auch Monika erfährt nichts Genaueres, bie Krämerin macht eben einen Besuch, was ist baran so merFrourbig? Sie war ja schon immer so rasch unb unberechenbar in ihren Entschlüssen. Ich will einmal anbere Luft riechen, sagt sie, ihr langweilt ^mich, weiter nichts. Unb in ber Morgenfrühe reift sie wirklich °b. Seltsam steht bie Krämerin aus, nicht schlank und behend wie sonst, sondern eher wie eine dicke Zwiebel in der sechsfachen Hülle der Decken und Tücher und mtt dem Gekräusel von Federn auf ihrem Hut. Sogar der, Gaul wendet den Kopf und betrachtet sie verwundert, aber dann spurt er am ersten Zügelruck, daß es doch die Krämerin ist. in ftal.s unb Gegen Abend übernimmt David die Schlusselgew snfnrrjnecbt Laden Vieles war er schon in seinem Leben, Glöckner und P^knecht Einsiedler unb Klaubaus, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter