Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 41 Hreitag, den 29. Mai Jahrgang |936 liches Pfingsten. Von Ruth Schaumann. Gott Sohn ist heimgezogen Und rührt Gott Vaters Mund, Ein Täublein kam geflogen Aus dem verklärten Bund. Aus Silber und Demanten, Mit Füßen rosenrot. Und seine Federn brannten Hoch über Welt und Tod. Es fleucht die lautre Helle, Es rauscht ttn Lebensbaum, In meine dunkle Zelle Weht schon der weiße Flaum, Gleich klaren Feuerzungen Auf Scheitel, Kleid und Stab, Bis ich das Lied gesungen, Die Hände ganz verschlungen Und angebetet hab'. Frau Holles Schneidergesellen. uer'sleckerl. Im Augenblick nun, wo er das Mauerwerk mit beiden Händen erreichte, hob sich vor ihm eine Luke auf. Die schöne Magda wollte eben ausschauen, was die Winde trieben. Dabei ist em Fremder leibhaft an ihr vorbei ins Dunkel gesprungen, und es hat ein doppelt furchter- Erschrecken gegeben. Weil die Luke gleich wieder zusiel, hat der der sie nämlich als Falle des Bösen ansehen müssen; die schone Pfingstbräutigam sei gekommen. Jeder wen, lieber sein Leben zu lassen, als In der Nacht zu Pfingsten aber ist es geschehen, daß ein gewaltiger Frühlingssturm über das Land fuhr. Der hat den Turm so schlimm umbraust, daß das alte Sparrenwerk seufzte und das Mädchen zur Mitternacht auswachte. . , ^x. .. Um die Stunde haben nun auch Frau Holle und viele Wlndischs rund um die Kirche Halt gemacht; es hat wie ein Komgslager aus- qssehen, soviel hohe Herren, soviel reitende Spielleute und mehr noch, so viele linke Jägerinnen und schöne Frauen liefen da durcheinander. Zwei Schneider dienten ihnen; ein junger, der vor Arbeit nicht em noch aus wußte, und ein alter, der auch von einem zum andern Ende des Lagers hüpfte und fein Garn anbot. Er hat dabei fo drollig ausgesehen, die Fräulein, denen der Frühling im Blut stecken mochte, haben ihn ge- qen->ckt und gehänselt und mit der Arbeit hingehalten. Sie haben es am Ende so arg getrieben, daß den Alten der Merger gepackt und er mit feiner Nadel um sich gestochen hat. Dabei hat der arme Schelm einer schönen Frau Wälde in die Fingerspitzen gestochen. Gleich hat die ein großes Geschrei erhoben; der alte Schneider aber, der sah, was er angerichtet hatte, bekam eine entsetzliche Furcht um fein Leben und lief blind auf den Kirchturm zu, um sich drin zu Schneider sie nämlich als Falle des Bosen anseyen müßen; oie jajone Magda aber vermeinte, der arge Pfingstbräutigam fei gekommen. Jeder der beiden hat sich also oorgenommen, lieber fein Leben zu lassen, als dem andern nachzugeben, und als die zwei nur eben um sich tafteten und einander spürten, find sie in Todesängsten aufeinander losgefahren. Aber die Jungfer, die behender war, ist dem alten Schneider uberge- kommen und hat ihm beim Fechten Mantel und Hut abgerissen. In des Schneiders Hut und Mantel aber stak seine Kraft zu fliegen, und als die Dirn noch voll Zorn und Furcht lauerte, daß der Bose zum andern Mal gegen sie führe, hat sie gemerkt, sobald sie die Arme nur ein wenig hob, daß ihr Kopf schon an das Turmdach rührte. Das war so wunderbar, sie versuchte es wieder und wieder und hat dabei begriffen, welche Macht sie gewonnen hatte. Da hat die Jungfer sich des Schneiders Mantel und Hut fest über den Kopf gezogen, hat sich leise bis zur Dachluke gehoben und nach draußen geschwungen. Und sie ist wie ein Fisch ms Wasser lustig m die Lust hineingesprungen, herrlich war es, nach der langen Zeit irn Turm durch die Lust zu schweben. Auf einmal aber ist sie unter vielen unbekannten Leuten gewesen, und weil sie vor dem kalten Wind den Kragen noch fester angezogen und den Hut noch tiefer in die Stirn gedrückt, hat kein Wachter sie an- gehalten; jeder hat gemeint, es fei der alte Schneidergefelle, der da umging. Und ehe die Dirn recht verstand, was um sie im Gange war, ist Frau Holle auf sie zugekommen und mit ihr eine schöne wichtige Tochter, bie hat über ihren blutenden Finger geklagt und das Mädchen im Mantel bezichtigt, sie gestochen zu haben. Da war aber aud) ein junger Schneidergesell, der hat sich eingemengt, hat die Frau Wache besänftigen wollen und gemeint, fein Freund habe es doch gewiß nicht mit Willen 9 jrrau Holle hat während des Streites von einem zu andern geschaut und gelacht. Warum er, Bursch, einen alten Schneider in Schutz nähme, hat sie gefragt, er solle sich lieber um seinen Schatz tn Braunschweig tummerm Bursche da geseufzt und hat die Mütze gezogen das läge ihm schon lange auf der Seele und wenn er die hohe prau beim Wort nehmen und um Urlaub bitten dürfe — feine Vertraute sei nämlich aus der Stabt verschwunden unb niemanb wisse, wo sie sei. Die schöne Frau hat bas Mädchen spitzbübisch angesehen, so daß dem sich das Herz im Kreise drehte über das Wiederfinden. „Sa nimm dir doch eine andere Liebste", agte sie zum Schneidergesellen. „Wer weiß, wo deine Braut geblieben i t." Die schöne Magda hat die Lippen zusammengebissen, so hat es ihr herausfahren wollen. Aber sie horchte noch lieber auf die Antwort. Ach", sagte der Bursch, „er könne die seine nicht vergessen, und wenn es'auch zehnmal so schöne Frauen gäbe." _ Da hat das Mädchen aufgestampft, obschon es vor der mächtigen Frau Holle stand. Ob er vielleicht schon eine Schönere gesunden hätte, hat sie gefragt. ... Sie hat sich aber gleich sehr über ihre verräterische Stimme erschrocken; Frau Holle hat nämlich silbern zu lachen begonnen, noch ehe bie anbern von ihrem Erstaunen zu sich gekommen waren. Unb sie hat stink zum Ritt blasen lassen, ber Zug ist hochgefahren wie ein Wirbelwind, und die schöne Braunschweigerin hat mitkommen müssen, ob sie Ihr könnt euch denken, daß Frau Holles Tochter viel Zwirn uno Tuch brauchen. Je schöner die Frauen, desto eitler, sagt eine alte Wahrheit; sie gilt auch für manche der Unirbifcfjen. Wenn daher solch Zug der wilden Schwestern übers Land braust, kann man tm (Befolge oft ein paar Schneibergefellen sehen, die mit Nadeln und Faden und mit wehenden Flattermänteln hinterdrein fahren muffen, was der Wmb hält Einige sagen, daß sie auf Ziegenböcken reiten muffen, und daß daher ber Name Meck für ihresgleichen kommt. Andere aber meinen, fie hätten von den schönen Frauen fliegende Mäntel bekommen, die einmal^ roaren da nun auch zwei Schneidergefellen bei Frau Holle im Dienst, von denen war der eine ein alter Flicker, ber immer vergrämt unb verärgert war, weil die himmlischen Fräulein ihm viel Schabernack antaten, der andere aber war em junger, ber nichts wollte, als viel Selb oerbienen. Er hatte nämlich eine blutarme Dirn im Braunschweigischen lieb unb wollte sich rasch sein Heiratsgut erwerben. Aber o hübsch jenes Mädchen gewesen sein soll, so voller Eifersucht war es auch, und das macht schwach gegen böse Gedanken und gibt den Menschen in die Gewalt ber Bösen So hörte einmal auch eine alte Zauberin von der schonen Magda — sa hieß des Schneiders Vertraute. Unb weil sie von ihrer Eifersucht wußte unb bas schlimme Weib gerade für seinen Sohn, einen stockdummen Fliegenkerl, eine schöne Frau suchte, .beschloß es, die arme Magda fortzuführen. Ja, als die junge Dirn eines Abends nur eben vor ihre Tür trat, — auf einmal kam ein greulicher Wirbelwind bie Straße herauf, packte sie unb trug sie hoch durch bie Luft von bannen. Nach einer alten verlassenen Kirche schleppte er das Mädchen unb sperrtt es in ben Turm. Der war so hoch, baß man bas Dorf unten kaum noch unterscheiben konnte; keine Treppe führte hmnieder und kein Ruf Drang von oben zu ben Menschen hinab. Da mußte das arme Ding nun tn einer kleinen falten Kammer Hausen unb niemand half ihm beim Weinen. Nur die Zauberin kam zuweilen und brachte Brot und Spetfe, oder, wenn sie etwas Schones geraubt hatte, wohl auch Silbergeschirr ober feines Linnen für bie U*3ue$fingften soll Hochzeit fein", sagte bie Bose dabeiunb redete vom Bräutigam, der nun bald kommen wurde. Aber die schone Magda weinte nur immerfort, sie wußte nicht mehr em noch °us, so traurig unb verlassen fühlte sie sich. Hätte nicht zuletzt noch die Glockenfrau, bie viele Stockwerke unter ihr im Gestühl hauste einen Weg zu ihr gesunden, sie wäre wohl gestorben vor Einsamkeit und Summer Aber auch bie Glockenfrau wußte wenig von Frau Holle-1 Zug.und nichts vom Braunschweiger Schneibergesellen, auch hatte sie Furch vor der Hexe unb konnte nicht rasch genug mebersahren, wenn die schlimme Alte sich anmeldete. . ... k. raotnnnAnP So kam ber Tag ber Hochzeit naher unb naher bie arme Gefangene wurde immer trauriger unb niemand hat ihr helfen können, weil st längst vor der Wett als verschollen galt Ein Pfingstmärchen von Hans Friedrich Blunck. ,ß Frau Holles Töchter viel Zwirn und Frauen, desto eitler, sagt eine alte Wahr- wollte oder nicht. Es hat sie aber ein Schneidergesell ganz fest am Arm gehalten, vielleicht, damit sie sich kein Leid täte bei dem ungewohnten Flug, vielleicht aber auch, damit sie nicht wieder auf und davongmge. Und sie hat sich in ihrer Angst wirklich füll gehalten bis zum nächsten Turm und hat sich nicht mehr gewehrt, als der Schneidergesell mit lauter Stimme Hochzeit angesagt und die gute Frau Holle um einen Rast- und Feiertag höflichst gebeten hat. Was später mit den beiden geworden ist, habe ich mcht mehr gehört. Sie werden wohl bei den fröhlichen Frauen geblieben sein; nach Braunschweig sind sie noch nicht heimgekehrt. Desto besser weiß ich über den alten Flickschneider Bescheid. Die böse Zauberin hat sich nämlich gewaltig erstaunt, als sie zu Pfingsten zum Turm kam und den Alten statt der schönen Magda als Gefangenen fand. Sie hat aber gemeint, daß die Braut sich in ihrem Trotz verwandelt hätte und hat ein Mittel nach dem andern versucht, um aus einem alten Schneider wieder eine schöne Jungfrau zu machen. Als alles nichts nützte und der Schneidergesell Schneidergesell blieb, hat die Zauberin schließlich eingesehen, daß die wirkliche Magda davongekommen war. Und einige sagen, daß sie den Schneider in der Turmkammer auf seine alten Tage selbst genommen habe, andere aber, sie haben den Alten so lange gefangen gehalten, bis er ihr alle Kleider neu genäht hatte. Und die Schneider hätten es sich seitdem angewöhnt, mit untergeschlagenen Beinen zu sitzen, weil die Turmkammer so klein gewesen ist. Unter der Linden. Bon Walther von der Vogelweide. Unter der Linden An der Heide, Wo ich mit meinem Liebsten saß. Da könnt ihr finden. Wie wir beide Die Blumen brachen und das Gras. Bor dem Walde in einem Tal, Tandaradeil Lieblich sang die Nachtigall. Ich kam gegangen Zu der Aue, Und mein Liebster war schon dort! Da wird ich empfangen. Heilige Fraue! Daß ich bin selig immerfort. Hat er mich wohl oft geküßt? Tandaradei! Seht, wie rot mein Mund noch ist. Und Blumen brachen Ich und mein Lieber Und machten uns eine Lagerstatt. Von Herzen lachen Muß darüber. Kommt jemand an denselben Psad. An den Rosen er wohl mag, Tandaradei! Merken, wo das Haupt mir lag. Wie wir da lagen, Wenn's wer wüßte. Du lieber Gott, ich schämte mich! Was er dürft wagen. Wie er küßte. Das weiß doch nur er und ich — Und ein kleines Vögelein, Tandaradeil Das wird wohl verschwiegen sein! Pfingsten im Grünen. Tagebuchblätter aus dem Jahre 1915. Von Josef Magnus Wehner. 20. Mai. In Perronne wird das Leibregiment verköstigt und in ViehwagSn geladen. Die find uns Sommerkriegern lieber als die mit Bänken umständlich verstellten Reisewagen, denn hier können wir uns bequem auf den Boden strecken. Neun Uhr dreißig Abfahrt. Die Sommelandschaft liegt in ruhigem Licht. Breite Sümpfe wandern von den langsam wallenden Wassern in das flache, offene Land hinein, schwarzflatternde Schilfwimpel klettern bis auf die Kimmen der winzigen Hügel. Lange Dampfboote fahren langsam auf dem dunkelgrünen Flusse — auf den Dächern der Schlaf- Hütten sitzen regungslose Frauen mit verschränkten Armen. Sie schauen in die dunkle Flut. Sonne liegt auf ihrem schwarzen Scheitel. Wir blicken sie an wie Wunder, da sie so versunken dahingleiten, von unserer brausenden Fahrt völlig unberührt. Das Land dreht sich wie eine schwarze Scheibe um uns und bietet niederländische Ansichten aus. Behaglich wälzen sich Felder, ein weißer Weg purzelt aus ihren Lenden in den unbeweglichen Wolkenhimmel. Auf einer schwebenden gelben Wiese steht starr eine schwarze Kuh: unweit von ihr wie eine Marionette, eine Blauhose, Hände in den Taschen, Brust und Gesicht vom Weihrauch eines Weißdorns verdeckt. Die Wälder, es sind eigentlich Parks, wallen vorbei, glimmend von Grün Blau und Weiß. Im Innern überdunkelte Sümpfe, in denen moosige Ruinen liegen. Natur nimmt phantastisch die Formen der Kunst an: Wäldchen gebaut wie Burgen und Tempel, doppelt entrückt unter der grauen Magie des Nebelsonnenrads, dessen lange Speichen wie Wmd- mühlenslügel über die Erde gehen. Dann werden die Felder üppiger. Eine Viehherde blickt nur noch mit den Köpfen aus der Butterblumenwildnis. Schlösser, von lichtweißem Wasser umziert, leben zurückgezogen in Zypressenbuchten, vornehme Blut- buchen feiern, gegen die Sonne stehend, ihr Flammenopser, und Kastanien, Reihen, Schluchten von Kastanien wirbeln den Duft ihrer tausend Kerzen in die offenen Türen unserer Viehwagen. Wir singen. Wir wissen nicht, wohin wir fahren. An eine neue Front? Wir fahren gen Pfingsten. Ueberall in den Feldern arbeiten fleißige deutsche Soldaten. Wir wissen, dieses Volk wird nie sterben ... In Cambrai spannt sich unsere Erwartung auf das höchste. Denn hier zweigt die Bahn nach Arras und Ppern ab. Wir sichten Candry und sind damit auf der Strecke Mezieres—Sedan. Es sind noch möglich, da wir ja kurz vorher zum Alpenkorps umgebildet worden find: Vogesen, Karpathen, außer unserer Sehnsucht: Italien. .. Die Landschaft ist bezaubernd üppig. Riesige Obstgärten, Blutenstrauße bis an den Horizont, Wiesen, von natürlichen Hecken ihren natürlichen Besitzern zuqeteilt, Hundertherden von rotem Vieh, die aus den weichen Hügeln und in den schwarzen Hainen grasen. Auch Schecken, deren Fell blendet. Von den Bahnhängen fließt Goldregen. . In Hirson verkauft ein deutsches Mädchen Zettungern Wie wir die angestaunt habe, wie Frösche, die zum erstenmal eine Wasserfee sehen. Jeder wollte sie heiraten und entwarf schnell die notigen Plane. Zwischen Sedan und Bazeilles lege ich mich auf den nackten Wagenboden schlafe vorzüglich, und als ich aufwache, sind wir in Harburg, Deutschland. Unbeschreibliche Gefühle wogen durch meine Brust. Da sind Berge mit dickem Tann bestanden, von Nebeln umbraut. Da sind unendliche Tannenwälder und wieder deutsche Mädchen. Das ist alles wie em lebendiges Wunder. 21. Mai. hingezaubert. 22. Mai. Ueber die Wälder zieht der Nebel. Die Landschaft wächst stumm in meine Seele auf wie einst, und bald spreche ich kein Wort mehr, wahrend die heiligen Landschaften in mich einkehren wie Wallfahrten in die Kirche. Das Hardtgebirge fährt vorbei mit seinen Felsenhelmen, Molochburgen, im Industriegebiet Donner, gespenstisch. Der breite Rhein mit Pappel- qänqen im Nebel. Was uns in tiefster Seele freut: die zahllosen Kinder. Da getjt’s an einem Dorf vorbei. Ein Bub hat uns erspäht, er ruft, mtt und eine ganze Schar quillt, weih Gott wie schnell, aus Wiesen d Häusern. Es ist reizend, wie so eine Bande daherstürmt, mit welcher idacht sie uns zurufen und mit welch steifem Ernst sie ihre kleinen Hütchen wirbeln. ? enn'ber Zug hält, brechen sie schnell Blumen und Zweige ab und schleppen sie uns zu. Und wieder fühle ich: Deutschland wird nie sterben. In einem wunderbar sonnigen Abend fahren wir durch das Land Hölderlins. Ich kann immer nur schauen und sinnen. Weinende Mädchen, die ihre Geliebten verloren, jubeln uns schluchzend ZU ^>ef >m Tale liegt Ludwigstadt, durch den Abendschein wie eine griechische Stadt Aus Lager Lechseld werden wir ausgeladen und ziehen nach Großaitingen, einem stillen, sauberen schwäbischen Dörfchen. Und unglaublich: bald sitzen wir um den weißgescheuerten Wirtstisch und trinken und essen, lausen hinaus aus die Straße, die Frauen erzählen uns mit halbnarrischem Weinen und Lachen von ihren Männern im Feld. Warum hat man uns nicht in München aussteigen lassen? Es ist doch längst kein Geheimnis mehr in Württemberg und Bayern, daß die Leiber da sind. ,, . . . Jetzt läuten die Psingstsamstagglocken schon ganz anders, und der Himmel ist rein und lieblich. Ich krieche ins Stroh und schlafe mit einem guten Gewissen ein. Da, eine rauhe Stimme: „Ist da der Infanterist Wehner?" und zugleich ein feines Stirnmchen unten im Hof, das ich so gut kenne. Ich fahre vor seligem Schreck in die verkehrten Stiefel, da steht sie unten, im blauen Jackett, frisch von München emgetroffen, hat einen Blumenstrauß und bald fliegen wir uns um den Hals. Die Kameraden schlafen schon. v . .. Der Mond steht gelb am Himmel. Wir gehen durch den grünen Klee auf den Wald zu. Die heiliae Psingstnacht kommt. All die Jahre meiner Kindheit hat unser Rhöndorf in dieser Nacht unter den Buchen gewacht; so vollendet sich auch jetzt, fern der Heimat, die uralte Sitte. 23. 2Jlai. Am Morgen springe ich vor Glück wie ein Füllen durch den Obstgarten. Die Kameraden, sonst erlesene Rauhbeine, sind von zartester Zurückhaltung gegen sie und mich. Wundervoll strömt bas Hochamt in ber farbigen Rokokokirche. Ich lehne an einem alten Grabstein, unb bie fingenben Chöre auf der Orgel wiegen ein vollkommen glückliches Herz. Mittags Konzert auf dem Dorfplatz. Musikmeister Fürst dirigiert das goldene Gefunkel der Instrumente. Wir spazieren, Ed und ich, als große Herren neben unseren Frauen. Am Nachmittag trinken wir in vollen Zügen das Glück der weithin blühenden, schönen deutschen Erde ... . 24. Mai. Alarm und Abmarsch in aller Frühe. Unsere Frauen gehen am Ende der Abteilung mit uns. Sie wollen uns die Stahlhelme tragen, aber das geht doch nicht. Wir schwingen unsere Hände wie Kinder. Als wir uns den Oedwiesen des Lagers Lechfeld nähern, sehen wir ein Pserdegespann quer über die Aecker auf uns zujagen. Die feurigen Jucker scheinen gescheut zu haben: sie rasen, in eine rote Staubwolke gehüllt, über die Fläche. Den Lenker sieht man nicht hinter den schnellenden Wer war's? Eine Pfingstgefchichte von Hans Franck. Niemand, viele Meilen in der Runde, hatte eine so schöne Fliederhecke wie der Pastor Timmermann zu Rüsterndörp. Mehr als zweihundert Meter zoq sie sich hinter dem mannshohen Holzzaun entlang, der das Pfarraehoft von der Dorfstraße abtrennte. Für das Wachstum der üppigen Büsche, die einer Pflege nicht bedurften, da sie mühelos aus dem Boden an Nahrung zogen, was sie brauchten, waren allerdings die hemmenden Holzlatten kaum vorhanden. Sie langten allüberall mit ihren graugrünen Armen soweit darüber hinweg, wie es ihnen beliebte; was zur Folge hatte, daß man an dem Garten des Pastors Timmermann selbst in der heißesten Sommersonne wie unter einem dichten Laubengang entlangschreiten konnte. Auch durch sämtliche Luftlücken des Zaunes griffen sie so unbekümmert hindurch daß sie den Rüstendörpern das Vorwärtskommen auf dem Gehsteig der Dorfstraße unmöglich gemacht hätten, wenn der Herr Pastor den vordringlichsten Zweigen nicht zweimal im Jahr eigenhändig mit feiner größten Schnappschere auf den Leib gerückt wäre. Desto üppiger breitete die Fliederhecke Zimmermanns sich oberhalb des Gartenzaunes aus. So daß zur Zeit ihrer Blüte über der Unerschöpfbarkeit des Duftes übfer dem Farbengervoge des Blau und Weih, des Violett und Dunkelrot Jedermann der Gedanke an den Himmel kam. Aber das höchste Erdenglück des Pastors Timmermann zu Rüsterndörp war auch sein tiefster Erdenkummer. Daß immer wieder Frauen ihre Kinder mit beiden Händen hochhoben, Jungen einander auf die Schultern kletterten, um ein paar Zweige zum Mitnehmen abzubrechen, mochte allenfalls unwidersprochen hingehen, obgleich den in seinen Garten verstarrten Gottesmann jede gebrochene Blüte schmerzte. Doch bei der Mitbetei igung von Frauen und Kindern hatten betrüblicherweise bte Uebergrtffe der Menschen ihr Bewenden nicht. Es mar nämlich im Lauf der Jahre zur Sitte oder vielmehr zur Unsitte geworden, daß die Knechte de^ Dorfes ihren Ehrgeiz darein seßten, sobald die Gartenhecke des Pastors S. mmer- mann-wieder einmal blühte, ihren Mädchen Fliederstrauße helml.ch auf die Kammern zu stellen und dabei durch die Große der gemausten Bluten- büsche der Größe ihrer Liebe Ausdruck zu geben, so daß oftmals Wasser- eitner ihre blau blühende Beute kaum aufzunehmen vermochten. Wenn es der Fliederhecke des Rüsterndörper Pastors im Laufs des Jahres auch gelang, den Schaden nicht nur wieder wettzumachen und m kommenden Frühjahr unbekümmert zu uberbluhen — die fmn I der Knechte, die wütige Rücksichtslosigkeit, mit der sie die Zweige abr ssen die schmachvolle Sorglosigkeit, in der sie heruntergefallene Bluten liegen ließen und dem Vertrocknen, dem Zertretenwerden Preisgaben denn ste pslückten viel lieber neue Zweige zu ihren Haupten, als daß fesch cy Mähnen. Das ganze Regiment bleibt unwillkürlich stehen und blickt quer- i^Plötzlich aber sehen wir: in dem Geführt sitzt eine Frau, aber ihr neuer schöner Hut ist ein wenig verschoben und die braunen Locken lckilüvien und hüpfen über die Stirn. Zehn Schritt von der Spitze unserer Kompani eab er br in gt sie die Jucker^zum Stehen, ihr Blick fliegt über die braunen Kolonnen — und jetzt löst sich mit einem kaum verhoylenen Schrei der Ueberraschung Hauptmann U. von feiner Komp am e und stürzt au das Gefährt zu, während das Regiment verschwiegen lächelt: die tollkühne Wagenlenkerin ist seine Frau. Sie hat es gerade noch geschafft ... ‘Am Laaer Lechfeld werden wir eingeladen. Sie hat mir einen Fichten- sroeiq mit jungen Knospen in das Knopfloch gesteckt — und wird bleich wie der Tod, als sich der Zug in Bewegung setzt. Die ganze Kompanie winkt ihr zu ... Erst als der ganze Zug singt, von der Lokomotive bis zur letzten Bremse, löst sich das Weh im Herzen, und ich finge mit, wahrend das tirolische Gebirge sich als unsere neue kriegerifche Heimat langsam m unsere unaufhörlichen Lieder schleicht ... pfingstbesuch. Bon Dr. Owlglaß. Nein, keine weiße Taube zog mir heute als Himmelsgast ins Haus. Nur eine braune Hummel flog durchs offne Fenster mit Gebraus. Voltaire, dem alten Spötter, strich sie brummend um den schmalen Mund. Der schmunzelte und sprach bei sich: „Mein Honig ist dir nicht gesund!" Nun summte sie zum Bücherbord. Die goldnen Namen glänzten kraus und boten keinen Ruheport ... Da ... auf dem Sims ... ein Blumenstrauß! Sie stürzte freudig drüber her und brümmelte von Stern zu Stern. Sie tränt die Krüglein alle leer und pries frohlockend Gott den Herrn. Da hab' ich so für mich gedacht: „Du kommst vom Himmel her gesandt!" Und hab's gelehrig nachgemacht in meinem Keller, linker Hand. einer Vlütendolde am Boden bückten — diese schamlose nächtliche Plünderung seiner Fliederhecke durch liebestolle Knechte fühlte der Pastor Timmermann zu Rüsterndörp alljährlich wie Stiche in das eigene Herz; und zwar um so schmerzlicher, je häufiger und heftiger sie sich wiederholten. _ ,. , . . Alle Versuche des grollenden Geistlichen jedoch, die Knechte bet der nächtlichen Schändung seines Flieders zu überraschen, mißlangen. Sei es nun, daß sie vom Pfarrhofe her durch den Pfarrknecht und die Pfarrmägde heimliche Zeichen erhielten, sei es, daß ihre Schlauheit großer war als die Klugheit des Pastors, ihre Vorsicht seine Umsicht übertraf, ihre Beharrlichkeit weiterreichte als seine Geduld — es gelang Timmermann nicht, die Fliederheckenplünderer bei der Begehung der Tat zu stellen. Sich aber aus der Stadt den Gendarmen als Beistand zu erbitten, hielt der Rüsterndörper Pastor für seiner nicht würdig. Solche Sachen mußte man im Dorf untereinander zum Austrag bringen. Wie er denn auch an keine gerichtliche Bestrafung der Missetäter dachte, vielmehr ihre Namen im Gemeindeblatt veröffentlichen und ihnen, für den Fall der Wiederholung, Kirche und Abendmahl verbieten wollte, wenn — ja, wenn er ihre Namen herausgebracht hätte. Mit dieser Voraussetzung zu feiner Selbsthilfe aber kam Timmermann trotz allen Bemühens nicht zustande. Nach einer Reihe von Jahren, als der ebenso zähe wie erbitterte heimliche Kampf zwischen dem Rüsterndörper Pastor und den Rüsterndörper Knechten, deren Uebermut mit seinem eifervollen Bemühen, sie zu ertappen, nur gewachsen war, noch immer zu keinem Erfolg auf fetten des Geschädigten, wohl aber zu vielen Erfolgen auf fetten der Spitzbuben geführt hatte, blühte die Fliederhecke zu Pfingsten und mußte für die Kammern der Dorfmägde mehr Sträuße hergeben als je. So blieb dem Pastor Timmermann zu Rüsterndörp nur noch eines übrig, nämlich da zuzupacken, wo er sich am mächtigsten fühlte und feinem Glauben gemäß jedem Gegner gewachsen war: Auf der Kanzel Bei seiner Pfingstmorgenpredigt griff er aus dem verlesenen Evangelium als Unterlage seiner geistlichen Betrachtung die Worte heraus: „Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern Was will das werden?" So oft, fo nachdrücklich, so vieldeutig sprach der Pastor oben auf der Kanzel von Entsetzen und Ueberraschung, von Irrewerden und Erleuchtung, daß die Gemeindemitglieder unten im Schiff immer gewisser wurden, es bereite sich etwas Ungewöhnliches vor und einer den anderen, da es mit dem Munde nicht anging, mit den Augen rQ2ns die^Predigt^beendet, das Kirchengebet gesprochen, Fürbitte nach Fürbitte getan war und — der sonntäglichen Ordnung nach — die kirchlichen Bekanntmachungen an die Reihe tarnen, begann der Geistliche unvermittelt von seiner Fliederhecke und von den Rohlingeni 8u P^en welche sie ihm Jahr für Jahr zur Verschönerung schnöder Liebeslust ^°All°/Besucher der Kirche — und diese war des hohen Feiertages wegen bis auf den letzten Platz gefüllt — Männer und Frauen, Greife und Kinder — nur nicht die Mägde, die in ihren Schoß blickten — alle Unbeteiligten sahen die gescholtenen Knechte an. Die saßen — 22 an der qqm _ vor dem Altar in der zweiten Bank rechter Hand. Früher hatten sie auf der gleichen Kirchenschiffseite die hinterste Bank als angestammten Platz innegehabt. Ader es hatte sich, obwohl die Mägde durch den Mittel- gang von ihnen getrennt waren und auf der hintersten Bank linker Hand Matz nehmen mußten, während der Predigt oftmals dort ein solches Gekicher und Getuschel erhoben, daß der Pastor ste nach vorn beordert^ Nicht auf die erste Bank, die er den Alten, deren Gesicht und Gehör im Hinschwinden begriffen war, auch weiterhin vorbehielt, sondern auf die 3n,<$ie 22 Rüsterndörper Knechte saßen da, als wären sie — gleich den Aposteln an den Wangen der Bänke — aus Holz geschnitzt. Er selber, gestand der Zürnende zu, habe allerdings trotz jahrelangen Mühens die Namen der Missetäter nicht herausgebracht Aber er brauche deswegen nun, wo er mit feiner Geduld und feinem Latem am Ende fei keineswegs Menschen zur Hilfe zu rufen, um fo weniger als er nicht Bestrafung von Verbrechern — jawohl, das Wort fei durchaus nicht zu bart' — sondern Buße und Besserung von Sündern anstrebe. Im Kampf gegen die Sünde aber habe er den mächtigsten aller Bundesgenossen, der zu erdenken sei: Gott! Also werde er jetzt — vorausgesetzt daß bis zur Beendigung seines Satzes die Schänder seiner Fliederhecke nicht aus- gestanden wären und sich demgemäß nicht freien Willens zu ihrer Missetat bekannt hätten — werde er jetzt seine Rechte heben, sooft wie Gott ihm gebiete werde sie geschlossenen Auges langsam sinken lassen, auf einen Uebeltäter nach dem anderen, zu ihrem Entsetzen, zeigen und feinen Unrichtigen treffen; denn der Allwissende werde nicht zulassen, daß er einen Falschen des Blütendiebstahls bezichtige. ^eeb™ her^, fährt Pastor Timmermann oben auf der Rüsterndörper Jfatüel im höchsten feiner Glaubenstöne fort, „seht her: Da sich ferner ber Sünder freiwillig erhoben hat, so hebe ich setzt meine Rechte ;enk- recht gen Himmel, schließe meine Augen, lasse die Hand jiad) Gottes ffleheift langsam finten, daß sie in wenigen Sefunden — Ehe de? Gastliche feinen Satz beendet hat geschieht, was nie zuvor und nie hernach in der Rüsterndörper Kirche geschehen ist: Brausendes Gelächter füllt das Gotteshaus von den roten Fußbodenstemen bis zum K» Kanzelbrüstung nieder: Denn von den 22 Knechten ist nicht einer Zu erblicken. Wie auf Kommando sind sie allesamt hinter der Banf der Alten Ohne^das''stinntägllche^^'er Friede Gottes welcher höher ist als alle menschliche Vernunft" gesprochen zu haben, verlaßt Pastor Timmermann ” W,.. ..n b., m.», zgo Meter langen Hecke am Rüsterndörper B-^gehoft abg^r^-n hatte? Alle Knechte? Nur einige? Und wenn nicht alle, wer von ihnen. Man hat es nie erfahren. Das^ahr des Herrn Roman von Karl Heinrich Waggerl Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig. (16. Fortsetzung.) Eine Weile später wirst Agathe etwas in den Ofen, es ist ein zerknülltes Blatt Papier. Kennst du Christine? sagt sie zu Monika. Ja, die den Bauern auf Eck geheiratet hat, die meine ich. Es ist seltsam so gut sich die Krämerin sonst darauf versteht, den Leuten ihre Heimlichkeiten von den Gesichtern zu leien, vor Christine versagen ihre scharfen Augen. Kann ein Mensch so zwiespältig sein, so verschlagen? Oder ist Christine nur leichtsinnig, verwegener als die ganze Meute hinter ihr her? Wenn es wahr ist, was die Dorsleute sagen, daß der kleine Adam im Friedhof feine Ruhe findet, daß der Schnee auf seinem Grabhügel lange nicht liegen blieb ja, wenn Christine wirtlich eine so große Schuld auf der Seele hat, wie bringt sie es dann fertig, so unbekümmert zu leben? Jeden Sonntag kommt sie in das Dorf, steht eine Weile ruhig vor den Gräbern und gibt den Toten Wasser, — fürchtet sie denn nicht, daß einmal Blut von ihren Fingern tropfen könnte? Nein, sie tritt in die Kirche und setzt sich in die Bank unter der Kanzel, ans den angestammten Platz der Bäuerinnen von Eck. Das ist ihr gutes Recht. Wer auf Eck eintehrt, findet blanke Dielen in der Stube, es sind nicht etnja neue Dielen, nur sauber gescheuert sind sie, mit Sand und Bürste gelb gerieben. Der Gast bekommt Käse vorgesetzt, würziges Brot und schön gemodelte Butter, Gott segne es dir, sagt die Bäuerin. Und das alles, die Vorhänge an den Fenstern, das gesäumte Tuch auf dem Tisch, das war nicht von jeher so. Christine gibt keinen Groschen dafür aus, sie wendet nur ihren behenden Fleiß daran, und was sie ansaßt, wird wie neu. Sie scheut die gröbste Arbeit nicht, noch im Herbst hob sie Kalk aus der Grube und weißt alle Stuben. Der Kalk lag dort jahrelang und verottete, kein Mensch kam jemals aus den Gedanken, daß die Wände ja nicht unbedingt so schwarz und rußig sein muhten. Warum sagst du mir nichts, meinte Adam, daß ich dir helfe? Das ist doch keine Arbeit für dich! m Ach, ihr Mannsbilder! antwortete Christine. Wer sich auf euch verließe! Das gefällt dem Bauern, im stillen hat er feine Freude an der Frau. Es ist ja Winter, jetzt kann er nicht viel unternehmen, aber im Frühjahr wird er sich umtun und wird den Nachbar bitten, daß er ihm noch einige Schafe auf die Alm nimmt. Er will auch wieder mehr Flachs anbauen, Christine soll sich nicht beklagen, daß es am Flachs und an der Wolle ^Abends reden die Eheleute noch über allerlei in der Schlafkammer. Christine fitzt im Bett, sie flicht ihr Haar für die Nacht, und Adam schaut ihr zu. Was meinst du, sagt er mühsam, wen soll ich für den Knecht einstellen? Der Bauer denkt an feinen Vetter, der ist zwar noch jung, aber sonst nicht uneben, Kaspar heißt er. Ja, antwortet Christine, wie du willst. Sie streift die Hand des Mannes von ihrem Hals und brä... ,ie ein wenig und lächelt. Nimm den Kaspar, wenn er tüchtig ist. Aus mich kannst du vor dem Sommer nicht rechnen, sagt sie, was die Feldarbeit betrifst. Nicht vor dem Sommer, so weit hinaus denkt Christine. Und sie hat auch nichts dagegen, daß der Bauer feinen Vetter auf den Hof bringen will. Den Erben trägt doch sie in ihrem Schoß. Wer sollte ihr noch ge- sährlich werden, wenn einmal er in der Wiege liegt? Christine löscht die Kerze aus und schläft sogleich ein, aber der Bauer kann nicht schlafen. Er hört ihren leisen Atem neben sich, cs ist ja alles gut, denkt er. Du hast eine gute Frau, rechtschaffen ist sie, ein Segen für den Hof. Alles gedeiht auf merkwürdige Weife, seit Christine den Rmg am Finger trägt. Unlängst kam einer von den Nachbarn und bot ihm feine Hutweide an. Jahr und Tag stritten sie schon um diesen Weidefleck, und nun war der Nachbar mit einem Male schiedlich und verkaufte den Grund. Vielleicht brauchte er bares Geld, nichts weiter, aber es ist doch etwas Unheimliches, Beklemmendes daran. Mitunter gerat Adam auf den Gedanken, es ginge nicht alles mit rechten Dingen zu, Christine fei eines jener rätselhaften Wesen, von denen man sagt, sie stiegen zuzeiten aus dem Wasser oder aus den Wäldern herab und gesellten sich einem Menschen bei. Sie bringen Glück, wo sie einkehren, aber ihnen selbst ist Unheil vorgezeichnet, sie sind in Schuld und dunkles Verhängnis verstrickt. Der Bauer meint das nur gleichnisweise, er kennt Christine ja schon lang. Es mag wohl so sein, wie der Pfarrer sagt, daß sie das rebellische Blut ihres Vaters mitbekommen hat, ein wenig auch von der verschlossenen Schwermut der Mutter, die voll Unruhe war, immer unterwegs, eine halbe Zigeunerin. Vor etlichen Tagen hatte Adam ein Gespräch mit dem Wachtmeister, das fällt ihm jetzt wieder ein. Er richtete ein Fuchseisen auf, da tarn der Wachtmeister durch den Mühlgraben herunter und sah ihm eine Weile zu. Spürst du Füchse? sagte er. Warum legst du keinen Köder aus? Gift ist sicherer als so ein Eisen, meinte der Wachtmeister. Ja, schon, sagte Adam. Man könnte es einmal versuchen. Irgendwo muß er noch Ködergift liegen haben, im Zeugschuppen vielleicht. Irgendwo, sagst du? Das wunderte den Wachtmeister. Höre, Adam, bemerkte er, das ist gefährlich. Weiß Gott, wie es zugeht, jemand schleppt das Gift ins Haus, und der nächste zuckert schon die Milch damit, so eine verschlafene Dicnstmagd. Der Wachtmeister kennt solche Fälle. Da starb dann ein Kind, an den Fraisen, hieß es, kein Mensch kam dahinter, • es starb eben. Da muh gar kein böser Wille dabei sein. Nicht immer. Nicht immer? Was meint der Wachtmeister damit? schon zu den wohlhabenderen Leuten im Dorf und lebt nicht mehr von der Hand in den Mund. An schulfreien Tagen hilft er dem Pfarrer bei der Holzarbeit. Es ist eine Lust, mit dem schweren Blochschlitten zu fuhrwerken, die Stamme aus dem Haufen zu wuchten und aufzutaden. Männerarbeit ist das, ein rechtschaffenes Tagwerk. Man greift handfest zu und spart nicht mit Flüchen, sogar der Pfarrer läßt zuweilen ein Wort vernehmen, das nicht in seinem Brevier steht. Er bekommt Blochholz, daraus laßt er auf der Säge Bretter schneiden, so viele er bas Jahr über braucht. Es kommen junge Lärchen für Hagsäulen und Brunnenrohre, dann geringeres Schleifholz, das man zum Heizen aufspaltet, und endlich Stangen, deren man nie genug haben kann. Abend« ist David todmüde und bis auf die Knochen durchgefroren. Dann sitzt er gern noch eine Weile bei den Frauen in der Krankenstube. Wie riechst du denn nur? fragt Agathe und schnuppert und zieht die Nase kraus. Nun, wie denn, nach Pech und nach Schweiß oder was es sonst sein mag, David hat eben schon den richtigen Mannsgeruch an sich. Er bringt eine gesunde Luft mit sich, und auch er selbst ist gesund, tüchtig und erfahren für sein Alter. Monika schaut ihn oft lange verstohlen an. Vielleicht dachte sie, David sei noch ein Kind, bas man in ben Schoß ziehen unb trösten muß, wenn ihm ein Leib geschehen ist. Vielleicht würbe es ihr barum leichter, bie Stabt zu verlassen unb heimzukehren, weil sie meinte, Davib brauche seine Mutter, ihre sorgenbe Hanb. Unb nun ist er burdjaus nicht hilflos unb kinblich, er reicht ihr schon bis an bie Schulter unb rebet verständig mit ihr. Das ist so und so, sagt er, bas verstehst bu zu wenig. Aber, benkt Monika, wo in aller Welt ist bann jemand, der mich braucht, für wen lebe ich denn? (Fortsetzung folgt.) Nichts, Adam, gar nichts. Aber sieh einmal nach! Vielleicht liegt es wirklich schon in irgendeiner Kammer, sagte der Wachtmeister, dein Köder- gift! Das ging dem Bauern lange nach, dieses Gespräch im Mühlgraben. Und bann stellte er Christine zur Rebe, brängte sie plötzlich an bie Wand unb fragte gerabefjernus. Wo hast bu bas Gift hingeschleppt, fragte er, bas Köbergifk? , ,,, .... Aber sie sah ihm ruhig ins Gesicht. Bist bu verrückt? sagte Christine unb schob ihn einfach weg. Warum schreist bu denn so? Soll ich wissen, wo du deinen Kram liegen hast? Nein, es war nichts aus ihr herauszubringen, weder im Guten noch im Bösen. Sie verlor keineswegs bie Farbe, als er vor ihr stanb. Und dennoch, er suchte den ganzen Tag vergeblich nach dem grünen Paket, es lag nicht mehr im Zeugschuppen. An das alles denkt Adam, es lastet ihm schwer aus der Brust, wahrend er im Dunkeln neben Christine liegt. Er streckt ben Arm aus, um sie anzurühren. Sie seufzt nur ein wenig unb wacht nicht auf. Kann ein schulbiger Mensch so schlafen, ist das möglich? Oder hat Christine kein Gewissen, kein Herz im Leibe? Doch, sie hat ein Herz. Tagelang pflegt sie die kranke Magd unb schlägt ihr ein Bett in ber Stube auf, bamit sie es warm hat. Wie eine Schwester ist sie zur Magb, unb nachts steht sie auf, um ihr Tücher wärmen. Christine ist auch ben Tieren gut, ber Hunb liebt sie abgöttisch, unb jebem Kälbchen meint sie nach, wenn es ber Bauer verkaufen muh. Aber was ihr roiberftrebt, bas tritt sie nieber. Auch bas geschieht ohne Zorn, niemals braust Christine auf. Sie wartet gebulbig auf ben richtigen Augenblick, unb bann schlägt sie zu. So brachte sie ja auch ben Knecht aus bem Haus. Er begriff bas gar nicht, wochenlang währte ber heimliche Kampf, unb am Enbe siegte sie boch. Nun hat sie freilich einen Feind im Dorf, tot ist ber Knecht ja nicht. Im Gegenteil, er spielt sich mächtig auf unb ist mit jedermann gut Freund, mit dem Wachtmeister zum Beispiel. Aber darum macht sich Christine keine Sorgen. Sie hat den Knecht um sein Brot gebracht, und nun stellt sie sich an, als sei nichts geschehen, sie nickt ihm sogar zu, wenn sie ihm begegnet. t » Eine Hexe ist sie, behauptet der Knecht, mit dem Teusel hat sie Umgang. Sie hat den Halfter hinter den Zaun gehext, ben Bauern hat sie beschrieen, so daß er ben Verstaub verlor. Und ber Gaul behielt keine Eisen mehr, unb nachts rumorte es auf ber Stiege, bas war ein Gewisper unb ein Gebrumm, auf unb zu flogen bie Türen, es lief einem kalt über ben Rücken. c , ,, _ Ach was, sagt ber Wachtmeister ärgerlich, bu mit beinern Teufel! Du bist ja bloß besoffen! Unb bas ist wahr, ber Knecht bleibt keinen Tag mehr nüchtern. Er lebt im Armenhaus, aber seinen Jahrlohn vertrinkt er, sein ganzes er« (partes Gelb. Der Pfarrer rebet ihn besroegen an. Was ist bas für ein Wesen, sagt er, wofür soll bas gut sein, bein Geschrei? Schau bich lieber nach Arbeit um! Ach, ber Knecht pfeift auf bie Arbeit. Hältst bu auch zu ihr? schreit er zurück. Aber ins Zuchthaus bringe ich sie noch, bas sollst bu nur “Xt verzeihe bir, sagte ber Pfarrer entsetzt, was rebeft bu da! * Und dabei gibt es Arbeit in Fülle um diese Zeit. Die Festtage sind vorüber, Neujahr unb auch Dreikönig, ber Zahltag für bie Meßbuben. Nach bem Hochamt legt ber Pfarrer jebem einen Doppelschillmg in bie Hanb, unb Davib bekommt noch einen mehr, weil er ja auch bas Geläute besorgt. Am anbern Morgen läßt er bie ganze Summe in sein Buch ^WMfi bu bie Zinsen ausbezahlt haben? fragt ber Postmeister. Nein sagt David großspurig, schreib sie zum übrigen. Er gehört jetzt schon zu ben wohlhabenberen Leuten im Dorf unb lebt nicht mehr von Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Drühl'sche Universitäts.'Luch. unb Ltetnbruckerei.L. Lange, Gieße». GietzMkZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 34 Montag, den 4. Mai Jahrgang 1936 lUfjl (IC? Dll IJCIUUL JLUlieil, Pfarryaus, auf allen Höhen brennen Feuer zu Ehren des Bischofs, aber David rührt das gar nicht mehr. Er hockt im Dunkeln auf dem Bett todesdüster find feine Gedanken, David fühlt ja schon, wie es mit ihm zu Ende geht, sicher ist das der Tod, was er in seinen Eingeweiden spürt. Lebt wohl alle, Mutter, Agnes! Agathe, du auch. Berweint und hungrig schläft er ein. Erwacht nun David nie mehr? Doch, mitten in der Nacht fahrt er aus dem Schlaf. Es ist stockdunkel, aber in seinem Kopf ist es merkwürdig hell geworden, augenblicklich faßt er einen guten Gedanken. David steht auf und tappt im Finstern über die krachende Treppe hinunter. Leise schließt er die Tür auf, geht über den mondhellen Platz, das ist alles ganz einfach. Er steigt über den Zaun in den Pfarrgarten, weil das Tatter geschloffen ist, und steht vor dem Haus und horcht. Die Uhr schlägt eins, gleichviel, es ist keine Zeit zu versteren. David hebt ein Steinchen auf und wirft es gegen das Fenster des Gastzimmers hinter dem Balkon. Nichts, Stille. Ein zweites, wieder nichts. Noch eines, ein größeres, da regt sich etwas hinter der dunklen Scheibe. rer seinen Gast in das Haus, da kniet Helene 1 Tür und Angel, und ihre Augen find so groß abrünstiger Gläubigkeit, daß der Bischof nicht hr besonders und noch einmal und ganz allein 10 11 weitem fein* Bischofsname zusammensetzen. Am Ende ersofft das ganze herrliche Gedicht in Tränen, wenn sich der graue Mann nicht rechtz^ttg niederbeugte und wenigstens den Blumenstrauß an sich nähme Er lächelt und nickt und legt der kleinen Agnes die Hand auf den Scheitel, mit dem Daumen zeichnet er sanft ein Kreuz über ihre Stirn. So sagt er, das hast du aber brav gelernt! Das mochte ich wohl auch können dieses kleine Gebetchen. Wie heißt du denn? Agnes, siehst du Dann habe ich ja mein Schäfchen schon gefunden. Ack und der Zettel? Die Ansprache? . Pater Johannes stellt sich zurecht und öffnet den Mund aber der Bischof nickt auch ihm nur freundlich zu. Ja, sagt er in die Runde, meine Herren, da wollen wir uns weiter keine Muhe verursachen, gehen gt der Pfarrer zur Entschuldigung. ischof und macht plötzlich ein unsagbar pfiffiges veiß es noch gut, Helene! zcken endlich schweigen, die Böller und die Trom- ull ein bißchen schlasen. das Dorf und sucht den Vorstand. Es ist ihm it die entscheidende Frage immer wieder hinaus- > der Vorstand wahrscheinlich wenig Lust haben, e Patenschaft einzugehen. Weiß Gott, wird er ' einen Menschen verlassen kann, der sogar auf ____ . uch wirklich. Der Vorstand spricht gerade mit dem Schmieds das macht die Sache nicht besser. — Da bist du ja! ruft er schon von weitem. Dich schicke ich einmal um den Tod, sagt der Vorstand. Er lacht zwar dabei, aber dem kleinen David bleibt doch das Wort in der Kehle stecken. Was soll er nun tun? Morgen ist Firmungstag, alle werden in der Kirche stehen und ihre Paten hinter sich haben, wenigstens einen Tagelöhner, wenn schon keinen besseren, nur er allein wird überhaupt niemand haben. Wer ist das? wird der Bischof fragen. Ist es nicht David, der mich auf dem Eschenbaum verleugnet hat? Ja, der! Kein Mensch mochte ihn nehmen. Kein einziger Mensch im ganzen Dorf. David geht von Tür zu Tür, es ist ihm schon alles gleichgültig. Auch den Schuster fragt er durch das Fenster, haarscharf fliegt ein Leisten an seinem Kopf vorbei. David sagt nichts, er dreht sich um und holt den Leisten von der Straße und legt ihn wieder auf das Fensterbrett zurück. Und überall klopft er vergebens an. Jetzt kommst du? fragen die Leute. Bist du närrisch — am allerletzten Tag? Niemand, niemand, auch Peter nicht. Der ist vollständig betrunken und versteht kein Wort. David läuft nach Hause, er zieht wenigstens fein Festgewand hervor und breitet die ganze Herrlichkeit auf das Bett, einen anderen Trost hat er nicht mehr. Ja, wenn die Mutter da wäre, die würde ihm helfen, sie würde einfach einen Paten kaufen und bar bezahlen, irgendwie brächte sie es zustande. Agathe kann leicht reden und sagen, er müsse sich selber helfen^ — wie denn? Sie lachen ibn ia blök ans keine Seele---—-- Der'Vo'r'stand, erklärt" David großartig. Ich mähe dafür bei ihm. Was, der Vorstand? Darauf hat der Pfarrer nichts mehr zu erwidern. * Am Samstag nach Mariä Heimsuchung kommt der Bischof an. Man wartet vor dem Dorf auf den Wagen, Rersiggewinde sind über die Straße gespannt, der Pfarrer ist da, der Vorstand und wer sonst die Gemeinde in Ehren vertreten kann, der Lehrer und der Wachtmeister. Pater Johannes hat die wachsbleiche Agnes vor sich an den Zaun gelehnt damit sie noch einmal seinen Vers aufsage, er zahlt ihr die Silben mit den Fingern her, aber sie bringt kein Wort tjeraus, ihre Augen sind schon ganz gläsern vor Angst und Verwirrung. David hingegen hockt im Eschenwipfel und starrt unverwandt auf die Straße hinaus Sobald der Krummstab hinter den Buschen austaucht, nur em Schimmer vom Gold der Bischofsmütze, wird er ein weißes Tuch flattern lassen, und dann schlagen die Glocken zusammen und die Ehrenschusse donnern auf dem 5)ugel.^as * vorbereitet, jetzt rollt auch endlich ein Wagen heran, aber es ist noch nicht der richtige. Zwe, alte Banner fihen darin, der eine ist barhaupt, der andere tragt einen runden Hut, den er dann und wann ein bißchen lüftet. Der Hausmeister wird es sein denkt David, zwei vom Gesinde. Allein nun steigt dieser Rundhut aus' der Pfarrer tritt hinzu, der Pater Johannes, beide sinken ins Knie, und David traut den Augn nicht, sie kusftn wahrhaftig den Ring an seiner Hand. Wie wird man erst den Bischof begrüßen, denkt er, wenn schon seinem Hausknecht^so geschiehst ______ ____ __Tier Barltand äuat ' ‘ ^^inh sRnfer Johannes macht den Mund wieder zu. Wie nun der greise Mann durch die Straße schreitet, voll Wurde und unb7greifllcher Höhest in seinem schwarzen Gewand, wie er re Hand vor das faltige Gesicht hebt, um alle Leute zu segnen, die '«den Türen knien, da glaubt auch David, daß es der wahre Bischof »st. Rührung Green Grey 2 Yellow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 Das Jahr des Herrn ' 9?nman von Karl Äeinricl) Waggerl Colour & Grey Control Chart kommt ihn an, schmerzliche Reue. Oh, gewiß kränkt es den Bischof bitter, daß David so an ihm gezweifelt hat. Vielleicht kann er gar nicht mehr mit Stab und Mütze reifen, er ist schon zu alt und müde für eine so schwere Last, und nun erkannte ihn David nicht und versagte ihm schmählich das Geläute! Er würde gern hingehen und den Saum seines Kleides tragen, die Leute brauchten nicht zu wissen, warum er es tut. g&e-Ab- wohl einmal hinter sich und verziehe ihm. Red_______Magenta Grey 4 Black 9 8 2 9 8 6 12 13 14 15 16 17